Lade Inhalt...

Über den Kulturrelativismus hinaus zur globalisierten Kultur

Eine Untersuchung des Begriffs der Kultur und ein Vorschlag für den Umgang mit dem Phänomen kultureller Differenzen.

Seminararbeit 2013 14 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Der Begriff der Kultur
Weitere einleitende terminologische Hinweise

Die Rolle der Kultur und das Recht auf Kultur

Kulturrelativismus – Lösung des Problems oder neues Problem?

Globalisierte Kultur?

Quellen- und Literaturverzeichnis

Der Begriff der Kultur

Der Begriff der Kultur ist weitestgehend undefiniert. Verschiedene wissenschaftliche Disziplinen und verschiedene Denker innerhalb dieser Disziplinen geben differente Merkmale an, wenn sie spezifizieren wollen, worauf sich der Begriff bezieht. An einer Stelle ist die Rede von der „Gesamtheit aller Formen der Kunst, der Liebe und des Denkens, die, im Verlaufe von Jahrtausenden, dem Menschen erlaubt haben, weniger Sklave zu sein[1], während in der Biologie Kultur nichts anderes meint als „[d]ie Übertragung von Informationen von einer Generation zur nächsten auf nichtgenetischem Wege“[2].

Die in der Philosophie ausschlaggebende Definition ist wohl die, die auch David Wong mit einer angebrachten Vorsicht formuliert:

‘Culture’ has come to mean something like “way of life” of a group, a set of socially transmitted beliefs, norms, and practices that govern the course of social cooperation within the group and the ways its members conceive and live their lives.[3]

Kultur meint im ausschlaggebenden Zusammenhang also in erster Linie nichts anderes als kollektive Lebensweisen. Es ist von Bedeutung, dass ein einzelner Mensch ohne Zugehörigkeit zu einer Gruppe so etwas wie Kultur nicht „haben“ kann. Jeder Mensch, der zu einer kulturellen Gruppe gehört, „hat“ jedoch automatisch Kultur. Das ist problematisch in zweierlei Hinsicht:

Erstens muss geklärt werden, dass dieses „Haben“ nicht im Sinne von „Besitzen“ gemeint ist, wenn Besitz als etwas erachtet wird, dass man verlieren, zerstören et cetera könnte; man besitzt die Kultur eher wie eine Eigenschaft – eine inhärente, aber doch nicht angeborene Eigenschaft (mehr dazu später).

Zweitens bedeutet das, dass dieser Definition von Kultur ein zirkelhafter Aspekt innewohnt: „Kultur“ ist nun die Lebensweise, die ein Mensch als Mitglied einer Kulturgruppe durch seine soziale Angehörigkeit an die Kulturgruppe „hat“ bzw. lebt. Eine scharfe, äußerst schwierige Untersuchung ist notwendig, um herauszufinden, wie sich die Lebensweise(n) des Einzelnen, die als seine kulturelle oder kulturell geprägte Lebensweise(n) Teil eben seiner Kultur ist (sind), unterscheiden lässt von seinen Lebensweisen, die nicht als kulturell (oder kulturell relevant) zu bestimmen sind. Gäbe es diese strikte Trennung nicht, würde es keinen Sinn machen, von spezifisch kulturellen Handlungen zu sprechen; wird diese Trennung aber durchgeführt, muss der Begriff der Kultur noch viel exakter definiert werden, um herausfiltern zu können, welche Handlungen, Gedanken, Gewohnheiten et cetera nicht von Kultur geprägt sind – wäre Kultur so allumfassend, wie das Zitat von Wong vermuten lässt, gäbe es letztlich keine „kulturlosen“ Lebensweisen. Selbst – um nur wenige Beispiele zu nennen – die Gewohnheit, um eine bestimmte Uhrzeit aufzustehen, oder die Art und Weise, wie über oder an fiktionale Romane gedacht wird, wären von Kultur konstituiert.

Obwohl der Begriff an sich also mehrdeutig und problematisch ist, kaum zu definieren und, selbst wenn eine Definition erfolgt ist, die Frage, in welchem Fall er angewendet werden kann und in welchem nicht, höchstens sehr unersichtlich beantwortet, scheint die Alltagssprache es zu erlauben, ihn sehr schnell und unüberlegt anwenden zu können. Die Assoziationen, die er hervorruft, sind nämlich häufig alles andere als mehrdeutig und verwirrend: Sie reichen von einer Vorstellung von der Selbstverständlichkeit und Notwendigkeit der Kultur in jeder und für jede Gesellschaft („Kultur ist keine Zutat, Kultur ist der Sauerstoff einer Nation[4] ), über die Idee von etwas Gutem, Schönem und Wichtigem, das in Kultur und nur in dieser zum Ausdruck kommt (wie beispielsweise im oben genannten Zitat von Malraux) bis hin zu der Ansicht, Kultur sei unabdingbar und konstituierbar für so etwas wie Frieden – oder sogar für so etwas wie Wirklichkeit („In letzter Konsequenz ist es die Kultur, die über die Ordnung und Unordnung in der Welt entscheidet[5] ).

Dementsprechend umfangreich sind häufig – lange bevor klar ist, was der Begriff überhaupt bedeutet – die Bemühungen, Kultur zu erhalten; und zwar sowohl im allgemeinen als auch im spezifisch egozentrischen Sinne. Die ROKPA ist ein Beispiel für ein internationales Hilfswerk (mit Sitz in Zürich), welches Kultur an sich für so wichtig erachtet, dass es sich unter anderem zum Ziel gesetzt hat, das kulturelle Erbe Tibets zu erhalten[6], obwohl es für die Kultur verschiedener internationaler Nationen (eben zum Beispiel der Schweiz) höchstens deshalb Bedeutung haben kann, weil es eben dieses allgemeine Gut Kultur ist.

Sehr viel spezifischer kann Kulturerhaltung ausgeprägt sein, wenn es gezielt um die Erhaltung der eigenen Kultur geht, also dem Erbe – der Traditionen und Bräuche, Orte und Objekte – derjenigen Kulturgruppe, derer das um Erhaltung bemühte Individuum (oder Staatsorgan) angehört. Solches geschieht in der Gestalt von exakt dafür zuständigen Organisationen wie dem österreichischen Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur[7] – aber auch in Ausformungen, die weniger friedlich beziehungsweise aus einer negativen Intention heraus stattfinden: Anstelle der Erhaltung der eigenen Kultur steht dann im Mittelpunkt die Abwehr fremder Kultur. Die Angst, Migranten könnten die Kultur der kulturellen Gruppe, in die sie zuwandern, gefährden, ist ein Argument, von dem häufig Gebrauch gemacht wird, um diesen Versuch einer Abgrenzung und Ausschließung zu etablieren oder zu verteidigen. Solche Ausländerfeindlichkeit – oder Xenophobie, bei der es sich letztlich um Fremdenfeindlichkeit mit der zusätzlichen Instanz des Bedrohtheitsgefühls handelt – mündet in Gewalt, abwertender Rhetorik und allgemeiner Diskriminierung, die sich sozusagen kulturell gerechtfertigt sieht. Wenn der eigenen Kultur ein solcher Wert zukommt, wie weithin behauptet wird, und wenn fremde Kulturen notwendigerweise Differenzen zu der eigenen aufweisen – sonst gäbe es schließlich nicht unterschiedliche Kulturen, die unterschiedliche Individuen und Nationen konstituieren können –, inwiefern ließe sich dann für eine allumfassend-interkulturelle Kulturerhaltung und gegen den Vorzug der eigenen Kultur argumentieren?

Da es nicht der nächste Schritt sein kann, gegen Ausländer gerichtete Diskriminierung gutzuheißen oder gar als natürliche und sinnvolle Folge des Eingelassenseins in eine Kultur zu verteidigen, bleibt nur ein Schluss zu ziehen: In den Prämissen, die Fremdenfeindlichkeit in einem starken Sinne verständlich (also akzeptabel) wirken lassen, stecken Irrtümer. Die Frage, was der Begriff Kultur bedeutet, und noch viel mehr die Frage, worin der Wert von Kultur liegt, können mit dem bisher Geschriebenen noch nicht beantwortet sein.

[...]


[1] André Malraux zitiert nach Straßl, Karl-Gerhard: „Staatsziel Kultur. Bekenntnis zur Kulturnation oder hohle Phrase?“, Facultas Universitätsverlag, Wien, 2010, S. 101 [Kursivierung im Original].

[2] McFarland, David: „Biologie des Verhaltens. Evolution, Physiologie, Psychologie“, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, 1999, S. 457.

[3] Wong, David B.: „Cultural Relativism“, in: Encyclopedia of Life Support Systems, 2002, bereitgestellt von Kirloskar-Steinbach, Monika, S. 2.

[4] August Everding zitiert nach Straßl, Karl-Gerhard: „Staatsziel Kultur. Bekenntnis zur Kulturnation oder hohle Phrase?“, Facultas Universitätsverlag, Wien, 2010, S. 100 [Kursivierung im Original].

[5] Ervin Laszlo zitiert nach Straßl, Karl-Gerhard: „Staatsziel Kultur. Bekenntnis zur Kulturnation oder hohle Phrase?“, Facultas Universitätsverlag, Wien, 2010, S. 101 [Kursivierung im Original].

[6] „Erhaltung des kulturellen Erbes“, in: rokpa.org, http://www.rokpa.org/aut/de/projekte/tibet/kulturerhaltung/ (letzter Zugriff: 8.2.2014).

[7] „Aufgaben der Kultursektion“, in: bmukk.gv.at, http://www.bmukk.gv.at/kultur/aufgaben/index.xml, 22.8.2012 (letzter Zugriff: 8.2.2014).

Details

Seiten
14
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656647737
ISBN (Buch)
9783656647713
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272564
Institution / Hochschule
Universität Wien – Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
Kultur Philosophie Relativismus Kulturzugehörigkeit Universalismus

Autor

Zurück

Titel: Über den Kulturrelativismus hinaus zur globalisierten Kultur