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Cybermobbing unter Jugendlichen. Eine neue Form der Gewalt?

Bachelorarbeit 2012 109 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. UNTERSCHEIDUNG ZWISCHEN HERKÖMMLICHEM MOBBING UND CYBERMOBBING
2.1. Mobbing und Bullying
2.1.1 Definition Mobbing und Bullying
2.1.2 Merkmale des traditionellen Mobbings
2.1.3 Erscheinungsformen des traditionellen Mobbings
2.2 Cybermobbing und Cyberbullying
2.2.1 Definition Cybermobbing und Cyberbullying
2.2.2 Merkmale Cybermobbing
2.2.3 Erscheinungsformen von Cybermobbing und Cyberbullying
2.2.4 Methoden des Cybermobbings und Cyberbullyings
2.3 Beispielfälle für Cybermobbing
2.3.1 Flaming - Flame war
2.3.2 Impersonation
2.3.3 Impersonation, Denigration und anschließendes Flaming
2.3.4 Happy Slapping

3. ROLLEN IM MOBBINGPROZESS
3.1 Das Opfer (Victim)
3.1.1 Opfertypus im traditionellen Mobbingprozess
3.1.2 Opfertypus im Cybermobbingprozess
3.1.3 Geschlechterverhältnis
3.1.4 Folgen von Cybermobbingfür das Opfer
3.2 Der Täter (Bully)
3.2.1 Tätertypus
3.2.2 Geschlechterverhältnis
3.2.3 Verhalten der Täter im Cybermobbing-Prozess
3.2.4 Folgenfür die Täter von Cybermobbing
3.3 Zuschauer und Mitläufer

4. MÖGLICHE URSACHEN VON CYBERMOBBING

5. AUSMAßE VON CYBERMOBBING
5.1 Internet und Handynutzung von Jugendlichen
5.2 Prävalenzvon Cybermobbing

6. PRÄVENTION UND HANDLUNGSSTRATEGIEN FÜR DIE SOZIALE ARBEIT
6.1 Bisherige Präventions- und Interventionsstrategien
6.1.1 Prävention
6.1.2 Interventionsmöglichkeiten
6.2 Handlungsfelder für die Soziale Arbeit
6.2.1 Öffentlichkeitsarbeit
6.2.2 Schulsozialarbeit

7. FAZIT

8. VERWENDETE LITERATUR

9. WEITERELITERATUR

10. ABBILDUNGSVERZEICHNIS

11. GLOSSAR

1. Einleitung

Die Begriffe „Cybermobbing“ und „Cyberbullying“[1] findet in den Medien mittlerweile häufig Verwendung, dennoch sind sich viele der genauen Signifikanz der Begriffe nicht bewusst. Gerade die älteren Generationen, welche nicht mit Computern und Internet aufgewachsen sind, die also keine s.g. „Digitalnatives“ sind, können mit der Flut von neuen Begriffen, welche aus dem „Web 2.0“ stammen, oft überfordert sein. Somit wird ihnen eine realistische Einschätzung der damit verbundenen Gefahren, welche von den Medien gerne thematisiert werden, erheblich erschwert. Daher ist es wichtig, sich mit diesen, als Gefahren bezeichneten Phänomenen genauer und auch für die Allgemeinheit verständlich auseinanderzusetzen. Mit einem dieser Phänomene, nämlich dem Cybermobbing, beschäftigt sich die vorliegende Arbeit. Da Cybermobbing ebenso wie das traditionelle Mobbing ein sehr breit gefächertes Themengebiete darstellt, ist es unumgänglich das Thema einzugrenzen. Weil das Leben im Web 2.0 gerade für junge Menschen eine erhebliche Bedeutung hat, konzentriert sich diese Arbeit auf eine Altersgruppe zwischen 10 bis 21 Jahren[2] - wobei dies als eine grobe Orientierung dienen soll und nicht als exakte Altersabgrenzung zu verstehen ist. Natürlich kommen Mobbing und Cybermobbing auch unter Erwachsenen vor. Wie Studien zeigen stellt Mobbing gerade am Arbeitsplatz ein ernstzunehmendes Problem dar.[3] Doch kann dies hier nicht weiter berücksichtigt werden, da es den Rahmen dieser Arbeit übersteigen würde.

Ziel dieser Arbeit ist es, anhand von Fachliteratur und verschiedenen Studien die aktuellen Entwicklungen zu diesem Phänomen in der Bundesrepublik Deutschland zu untersuchen. Es wird herausgearbeitet, ob Cybermobbing tatsächlich eine Form der Gewalt darstellt oder nur durch die aktuelle mediale Aufarbeitung als solche stilisiert wird.

Hierzu wird im zweiten Kapitel versucht, die Unterschiede zwischen Cybermobbing und herkömmlichem Mobbing herauszuarbeiten. Daher werden zuerst die Begriffe „Mobbing und Bullying“, sowie „Cybermobbing und Cyberbullying“ definiert und weitergehend erklärt.[4] Anschließend wird auf die Merkmale und die Erscheinungsformen von Mobbing und Cybermobbings eingegangen, um die Unterscheidung zueinander zu verdeutlichen. Das Kapitel schließt mit passenden Fallbeispielen zu einigen, zuvor erläuterten Erscheinungsformen von Cybermobbing ab.

Im dritten Kapitel werden die gruppendynamischen Prozesse analysiert und die Rollen im Mobbingprozess definiert. Daraus ergeben sich drei Rollen, die des Opfers[5], des Täters und zuletzt die häufig vernachlässigten Rollen der Zuschauer und Mitläufer, die in diesem Kapitel genau beleuchtet werden.

Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit den möglichen Gründen, den Motiven der Täter und den Auslösern sowie den Verstärkern von Cybermobbing. An denjeweiligen Stellen werden auch die dazugehörenden Tätertypen benannt. Ferner werden durch Bezugnahme zum traditionellen Mobbing die Unterschiede der beiden Mobbingformen betont.

Im darauf folgenden Kapitel werden die Ausmaße von Cybermobbing untersucht. Anhand von Untersuchungen und Statistiken wird versucht, dem Leser eine Übersicht zu der aktuellen Situation in der Bundesrepublik Deutschland zu verschaffen. Ferner soll auch ein internationaler Überblick zu Vergleichszwecken gegeben werden. Für ein besseres Verständnis des Phänomens Cybermobbing und dessen Ausmaße wird zuerst genauer auf die Nutzung und die Bedeutung der neuen Kommunikationstechnologien für die Jugendlichen eingegangen.

Im sechsten Kapitel wird untersucht, welche Handlungsfelder sich für die Soziale Arbeit ergeben und ob der Sozialen Arbeit hier nicht sogar eine Pflicht zu einer eigenen bzw. weiteren Entwicklung von Preventions- und Interventionsmöglichkeiten zu kommt. Hierzu wird zuerst ein kurzer Überblick über die bisherigen Präventions- und Interventionsmöglichkeiten gegeben, um im weiteren Verlauf des Kapitels auf dieses Wissen aufzubauen. Abschließend werden die aus dieser Arbeit gewonnen Erkenntnisse in einem Fazit zusammengefasst und bewertet.

2. Unterscheidung zwischen herkömmlichem Mobbing und Cybermobbing

In diesem Kapitel werden die Unterschiede zwischen dem traditionellen Mobbing und dem Cybermobbing herausgearbeitet. Zunächst werden die Begriffe Mobbing und Bullying sowie deren Begriffsabstammungen erklärt. Danach wird auf die Merkmale und die unterschiedlichen Formen des traditionellen Mobbings eingegangen.

2.1. Mobbing und Bullying

Im Folgenden wird sich neben der Begriffsdefinition der Frage gewidmet, ob es sich bei dem Phänomen Mobbing grundsätzlich um eine Form der Gewalt handelt.

2.1.1 Definition Mobbing und Bullying

Gemäß den gängigen Lexika stammt die Ausdrücke Mobbing, Mobben sowie das Wort Mob, welches im deutschen Sprachgebrauch Pöbel, Meute oder auch Gesindel bedeutet, von dem englischen Verb to mob ab. Das englische to mob kann übersetzt werden mit „jemanden anpöbeln, angreifen, bedrängen, über jemanden herfallen oder sich auf jemanden stürzen“. Der Ursprung des Wortes stammt vom lateinischen mobile vulgus, was so viel bedeutet wie „die leicht zu bewegende (wankelmütige, beeinflussbare) Masse des Volkes“. „Die ursprünglich plurale Bedeutung von lat. MOB hat bereits im anglo-amerikanischen Sprachgebrauch dem singularen Gebrauch Platz gemacht, so dass wir auch im Deutschen die Gewalttätigkeit eines EINZELNEN mit MOBBEN bezeichnen können.“[6]

Ein interessanter Aspekt ist, dass der Terminus Mobbing erstmals in der Verhaltensforschung von Tieren Verwendung fand. Der Biologe und Mitbegründer der Verhaltensbiologie Konrad Lorenz bezeichnete das aggressive Verhalten mehreren Gruppenmitgliedern gegenüber einem Einzelnen als Mobbing. Die Verwendung des Begriffs Mobbing im sozialpsychologischen Kontext gibt es erst seit 1990, dank dem schwedischen Psychologen und Pionier der Mobbingforschung, Heinz Leymann[7].

Im englischen sowie auch im skandinavischen Sprachraum wird der Terminus Mobbing nicht gemäß unseres Sprachverständnisses verwendet. Dort wird ausschließlich Gewalt und Belästigung am Arbeitsplatz als Mobbing bezeichnet. Der Begriff Mobbing ging mit dieser beschränkten Bedeutung zunächst in den deutschen Sprachgebrauch über. Doch im Laufe der Zeit wurde der Geltungsbereich des Begriffs auch auf die Schule ausgedehnt, da sich viele Autoren darüber einig sind, dass es sich bei der Schule um den Arbeitsplatz der Schüler handelt.[8] Mittlerweile istjedoch die Anwendung des Terminus Mobbing im Deutschen völlig orts- und altersungebunden. Der Begriff bezieht sich lediglich auf die Handlung selbst, unabhängig wo und von wem sie vollzogen wird.

In der anglo-amerikanischen Sprache wird für Gewalttätigkeit und Mobbing in der Schule der Terminus Bullying verwendet. Seine Herkunft hat Bullying vom englischen Wort bully, welches übersetzt werden kann mit „Tyrann, Despot, Unterdrücker oder brutaler Mensch“. Daher wird der Täter, also derjenige, der einen anderen mobbt oder verletzt, auch als Bully bezeichnet.

Aus diesem Grund werden die Begriffe Mobbing und Bullying in Deutschland gerade im Bereich der Wissenschaft synonym verwendet.[9]

Doch ab wann kann ein Verhalten als Mobbing bzw. als Bullying bezeichnet werden? Was genau sind die Merkmale, die Mobbing vom harmlosen Necken oder Streichespielen unterscheidet? Und handelt es sich beim Mobbing tatsächlich um eine Form der Gewalt?

Hilfreich zur Beantwortung dieser Fragen ist eine vielfach zitierte Definition von Dan Olweus, der als Pionier der Erforschung von Gewalt an Schulen gilt.

Er sagt: „Ein Schüler oder eine Schülerin ist Gewalt ausgesetzt oder 'wirdgemobbt, 'wenn er oder sie wiederholt und über längere Zeit negativen Handlungen eines oder mehrerer Schüler oder Schülerinnen ausgesetzt ist“.[10]

Bei dieser Definition wird deutlich wie synonym die Begriffe Gewalt und Mobbing genutzt werden. Der überwiegende Teil der Experten in diesem Bereich verwenden, ebenso wie Olweus, „die Ausdrücke Gewalttätigkeit, Mobben und Gewalttäter-ZGewaltopfer-Problem in etwa derselben Bedeutung.“[11] Gemäß der Fachliteratur stellt Mobbing definitiv eine Form der Gewalt dar. Dies wird im nächsten Abschnitt noch einmal deutlicher, wenn auf die Merkmale des Mobbings eingegangen wird.

2.1.2 Merkmale des traditionellen Mobbings

Die Merkmale für Mobbing sind dieser Definition nach: erstens eine negative Handlung, zweitens der Wiederholungsaspekt und drittens die Zeitkomponente.

Allerdings bleibt hierbei unberücksichtigt, was eine Handlung in diesem Fall zu einer „negativen Handlung“ werden lässt. Für Olweus gibt es vier ausschlaggebende Bedingungen, welche in der negativen Handlung vorliegen müssen, damit von Gewalt und Mobbing gesprochen werden kann:

Erstens muss hinter dem Handeln die Absicht stecken, einen anderen zu verletzten oder ihm Unannehmlichkeiten zuzufügen. Die zweite Komponente ist der bereits erwähnte Wiederholungsaspekt', dieser beinhaltet auch die Zeitkomponente. Gemeint ist damit, dass die Handlung mehrfach von demselben Täter oder derselben Tätergruppe gegenüber demselben Opfer oder derselben Opfern, über eine längere Zeit ausgeübt wird. Mit Hilfe dieser Komponente ist es möglich, Einzeltaten und nicht ernsthafte Handlungen gegenüber Mobbing abzugrenzen. Allerdings können auch einzelne Vorfälle als Mobbing betrachtet werden, wenn es sich dabei um schwerwiegende oder sehr schikanöse Vorfälle handelt. Dritter Aspekt dieser weiteren Spezifizierung ist ein vorherrschendes Kräfteungleichgewicht. Nach Olweus soll der Begriff Gewalt nur dann verwendet werden, wenn ein „asymmetrisches Kräfteverhältnis“ zwischen Täter und Opfer gegeben ist. Daraus ergibt sich auch die vierte und letzte Komponente, die Hilflosigkeit. Durch das Ungleichgewicht der Kräfte ist das Opfer dem Täter körperlich, seelisch, intellektuell oder verbal unterlegen und kann sich nicht oder nur mit großer Mühe verteidigen. Dadurch steht das Opfer dem Täter bzw. der negativen Handlung des Täters hilflos gegenüber.[12] Demnach bedeutet dies, dass es sich nicht um Mobbing handelt, wenn zwei gleich starke Schüler sich prügeln oder gegenseitig beschimpfen.

Zusammenfassend können die Merkmale des traditionellen Mobbings wie folgt beschrieben werden: Eine Person mobbt, wenn er absichtlich eine ihm unterlegene Person über längere Zeit mehrmals in irgendeiner Form verletzt oder Unannehmlichkeiten zufügt, gegen die diese Person hilflos ist, weil sie sich nicht oder nur sehr mühsam zur Wehr setzten kann.[13]

2.1.3 Erscheinungsformen des traditionellen Mobbings

Bei Mobbing wird in erster Linie zwischen direkten und indirekten Mobbing unterschieden. Vom direkten Mobbing, häufig auch als aktives Mobbing bekannt, geht eine unmittelbare Gewalt aus. Diese kann sich auf physischer oder verbaler Ebene manifestieren. Auf verbaler Ebene handelt es sich bei der negativen Handlung beispielsweise um Beleidigungen, Beschimpfungen, Beschuldigungen, Drohungen oder auch Erpressungen. Wenn die negative Handlung sich auf der körperlichen Ebene vollzieht, kann sich dies unter anderem als Schlagen, Stoßen, Schubsen, Treten, Kneifen oder Festhalten zeigen. In jedem Fall ist es eindeutig charakterisierbar - im Gegensatz zum indirekten Mobbing.

Vom indirekten Mobbing, das häufig auch als passives Mobbing bezeichnet wird, geht eine mittelbare Gewalt aus, die auf der psychischen Ebene wirkt. Die negativen Handlungen auf der psychischen Ebene sind non-verbal und nicht körperlich. Dabei kann es sich zum Beispiel um Grimassenschneiden, Darstellung beleidigende Gesten, Ausgrenzen, Ignorieren, Vorenthalten von Informationen oder Rufschädigung durch das Verbreiten von Gerüchten handeln.

Das schwierige am indirekten Mobbing ist, dass es oft weder für Außenstehende, noch für das Opfer selbst eindeutig charakterisierbar ist. Auch wenn das Opfer merkt, dass es ausgeschlossen ist, kann es keinem eine böswillige Absicht unterstellen. Ebenso wenig kann das Opfer wissen, welche Gerüchte genau über es verbreitet werden. Oft bemerkt das Opfer, dass etwas in seinem Umfeld nicht stimmt, hat aber keine Chancen genau zu benennen, um was es sich dabei handelt oder wer der Verursacher ist.

Das folgende Diagramm (Abb.1) veranschaulicht die Formen des traditionellen Mobbings:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Formen des Mobbings 14

Unabhängig davon, ob es sich um direktes oder indirektes Mobbing handelt, geht aus der Fachliteratur ganz deutlich hervor, dass es sich bei Mobbing immer um Gewalt handelt.[14] [15] Warum dies so ist, wird in den Kapiteln 2.3 und 3.1.4 deutlich, wenn wir uns den Fallbeispielen und den Folgen für die Opfer von Cybermobbing widmen.

2.2 Cybermobbing und Cyberbullying

Im Folgenden werden die Begriffe Cybermobbing und -bullying erklärt. Abschließend werden die Merkmale und Formen des Cybermobbings untersucht und mit denen des traditionellen Mobbings verglichen.

2.2.1 Definition Cybermobbing und Cyberbullying

Der Name Cyberbullying stammt von dem Pädagogen Bill Belsey, der sich sehr engagiert diesem Phänomen widmet. Unter anderem ist er der Betreiber von Webseiten mit Aufklärungs- und Hilfsangeboten, z.B. www.bullying.org und www.cyberbullying.org.[16] [17]

Bill Belsey definiert Cyberbullying wie folgt: “Cyberbullying involves the use of information and communication technologies to support deliberate, repeated, and hostile behaviour by an individual or group that is intended to harm others”1 Somit lässt sich Cybermobbing definieren als die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien zur Unterstützung von vorsätzlichem, wiederholtem und feindseligem Verhalten Einzelner oder Gruppen, das die Absicht hat, anderen zu schaden.

Cybermobbing bzw. Cyberbullying sind allerdings nicht eindeutig zu definieren, da es sich dabei um ein relativ neues Phänomene handelt, deren Erforschung sozusagen noch in den Kinderschuhen steckt. So wie es unterschiedliche Schreibweisen des Begriffs gibt, so gibt es auch unterschiedliche Definitionen. Allerdings lassen sich in der Fachliteratur zwei Hauptrichtungen unterscheiden:

Ein Großteil der Experten übernimmt die bereits erwähnte Definition für traditionelles Mobbing und erweitert sie um den Aspekt der Nutzung modernen Medien. So wie auch der Begriff einfach um das Wort „Cyber“ ergänzt wurde, um zu zeigen, dass es sich hier um einen „Virtuellen Raum“ handelt in dem das Mobbing geschieht.

Gemäß dieser Definition ist eine Person dann Opfer von Cybermobbing, wenn sie absichtlich von einer ihr überlegenen Person - unter Zuhilfenahme von neuen Medien wie Internet oder Mobilfunk - über längere Zeit mehrmals in irgendeiner Form verletzt wird bzw. ihr

Unannehmlichkeiten oder Schäden zugefügt werden, gegen die sich die Person nicht oder nur sehr mühsam zur Wehr setzten kann und somit hilflos ist.

Folglich wäre z.B. ein „Happy slapping“-Video[18] kein Cyberbullying, da es nur einmal stattgefunden und sich somit auch nicht über einen längeren Zeitraum ausgedehnt hat.

Daher ist der Widerholungs- und Zeitaspekt äußerst kritisch zu betrachten. Denn etwas wie z.B. ein demütigendes Foto oder Video muss vom Täter nur ein einziges Mal online gestellt oder digital verschickt werden, um unendlich oft angeschaut und weiterverbreitet zu werden. So lässt sich nie genau sagen wie viele „Wiederholungen“ es gibt, wie viele Menschen das Foto bzw. Video schon gesehen oder sogar lokal gespeichert haben. Auch wenn das Material im „Cyberspace“ gelöscht wurde, hat man keinerlei Garantie, dass das Foto oder Video, nicht dochjederzeit auf irgendeiner Webseite, einem Sozialen Netzwerk, einem Video-Portal, im Freundes- bzw. Bekanntenkreis, am Arbeitsplatz oder sogar bei Bewerbungsgesprächen wieder auftauchen kann. Ein Zeitraum kann bei Cybermobbing daher also nicht definiert oder eingeschränkt werden.

Fragwürdig ist auch der Aspekt des ungleichen Machtverhälnisses, da man nicht das Kräfteverhältnis aus der „realen Welt“ in die „virtuelle Welt des Cyberspaces“ übertragen kann. Das beste Beispiel hierfür ist das Cybermobbing von Schülen gegen Lehrer. Berücksichtigt werden muss auch, dass man im Internet anonym bzw. mit einem Pseudonym agieren kann. Somit ist das „normale“ Machtgefüge im Netz völlig ausgehebelt.

Aus diesen Gründen ist die zweite Hauptrichtung für die Definition von Cybermobbing nicht fest an die Merkmale des traditionellen Mobbings geknüpft. Einige Experten vertreten die Ansicht, dass Cybermobbing sich gerade dadurch auszeichnet, „dass nicht alle Merkmale zutreffen müssen“[19]. Manche Forscher[20] versuchen dieses Problem zu umgehen, indem sie solange den Begriff „online harassment“ verwenden bis die Merkmale des traditionellen Mobbings erfüllt sind. Doch wie gerade ausgeführt wurde, müssen diese Merkmale nicht zwingend erfüllt sein.

Eine Definition, welche dies zum Teil berücksichtigt und an der sich auch diese Arbeit orientiert, stammt von Jäger, Fischer, Riebel, & Fluck:

„Bei Cyber-Mobbing geht es darum, dass neue Techniken, wie z.B. E-Mails, Chats, Instant Messaging Systeme (wie z.B. ICQ oder MSN) oder auch Handys eingesetzt werden, um immer wieder und mit voller Absicht andere zu verletzten, sie zu bedrohen, sie zu beleidigen, Gerüchte über sie zu verbreiten oder ihnen Angst zu machen.“[21]

2.2.2 Merkmale Cybermobbing

Neben den gerade erläuterten Merkmalen gehört das Merkmal der negativen Handlung des traditionellen Mobbings ebenso zu den Merkmalen des Cybermobbings. Die negative Handlung muss mit Absicht und dem Ziel begangen werden einen anderen zu verletzten, bloßzustellen oder ihm Unannehmlichkeiten zuzufügen.

Hinzu kommt zu den Merkmalen des Cybermobbings, dass es die Nutzung neuer Medien zwingend mit einschließt. Auch wenn sich diese Arbeit überwiegend auf das Mobbing über das Internet fokussiert, sind hierunter alle Formen der neuen Medien zu verstehen.

Durch die Nutzung der Informations- und Kommunikationstechnologien ergeben sich wiederum neue Merkmale, die das Cybermobbing deutlich vom traditionellen Mobbing abgrenzen:

Zum einen wird durch die genutzten Medien eine Distanz zwischen Täter und Opfer geschaffen, da die Kommunikation mittels Internet bzw. Handy, nicht direkt von Angesicht zu Angesicht stattfindet, sondern orts- und überwiegend auch zeitungebunden möglich ist. Dies ist mithin einer der größten Vorteile der neuen Kommunikationstechnologien, aber unter dem Gesichtspunkt des Cybermobbings gleichzeitig höchst problematisch. Dadurch, dass der Interaktionspartner nicht gesehen und gehört werden kann, können schwerwiegende Missverständnisse entstehen. Gerade scherzhaften Bemerkungen, aber auch ganz „normale“ Äußerungen können bei fehlender Betonung und fehlenden non-verbalen Signalen schnell als beleidigend und verletzend empfunden werden. Des Weiteren besteht durch die fehlende „face-to-face“-Interaktion ein höheres Risiko, dass die Täter, dadurch dass sie das Opfer nicht leiden sehen, geringere oder auch gar keiner Empathie für das Opfer entwickeln. Gerade für Jugendliche und die Entwicklung ihrer Interaktions- und Kommunikationsfähigkeit ist es von enormer Bedeutung die Folgen ihres Handelns sehen zu können, um diese zu reflektieren und daraus zu lernen.[22]

Ein weiteres neues Merkmal ist die Anonymität, die sich durch die Nutzung des „Cyberspaces“ ergibt. Den Mobbern steht eine Vielzahl von Möglichkeiten offen, um ihre Identität zu verschleiern. ln den meisten Chats, Foren und Sozialen Netzwerken werden Pseudonyme, sogenannte „Nicknames“, verwendet. Cybermobber können aber auch durch Fake-Profile oder geklaute Profile, sogenanntes Nicknapping und Impersonation[23], agieren. Selbst wenn es sich bei den Tätern um dem Opfer bekannte Personen handelt, weiß das Opfer häufig nicht von wem das Mobbing ausgeht und hat daher meist keine Chance, die Täter z.B. durch eine Anzeige bei der Polizei zur Rechenschaft zu ziehen, zum Unterlassen des Mobbings zu bringen oder ihnen zumindest im realen Leben aus dem Weg zu gehen.[24]

Durch die letzten zwei Merkmale verstärkt sich das Cybermobbing selbst. Der Glaube, nicht entdeckt zu werden, und die fehlende Selbstreflektion bzw. das fehlende Empathieempfinden der Täter wirkt „enthemmend“ auf die Täter und deren Handeln.[25]

Andere Merkmale, welche sich von denselben Merkmalen des traditionellen Mobbings unterscheiden, sind unter anderem, wie bereits erwähnt, der Wiederholungsaspekt, die dazugehörige Zeitkomponente und das Kräfteungleichgewicht. Das Kräfteungleichgewicht ist bei Cybermobbing „formlos“.[26] Durch die gegebene Distanz zwischen Täter und Opfer hat eine körperliche Überlegenheit keine Auswirkungen und damit auch keinerlei Bedeutung. Und da der Mobber unbekannt ist bzw. nicht gesehen wird, spielen habituelle Reize und Äußerlichkeiten wie Beliebtheit, Kleidung, Herkunft oder sozialer Status keine Rolle. Lediglich eine Überlegenheit im Bereich der kognitiven Fähigkeiten kann beim Cybermobbing von Bedeutung sein, da das Opfer bei einer Unterlegenheit in diesem Bereich u.U. nicht in der Lage ist, auf beleidigende Kommentare oder Vorwürfe richtig zu reagieren bzw. gegen diese zu argumentieren. Hierbei ist es wichtig zu bedenken, dass eine Reaktion - sprich eine Antwort auf eine Beleidigung oder eine weiterführende Diskussion - vom Opfer auf den oder die Täter provozierend und damit eher motivierend als abschreckend wirkt.[27] Aus diesem Grund kann auch ein dem Täter in allen Bereichen überlegenes Opfer hilflos sein. Demzufolge lässt sich feststellen, dass das Merkmal der Hilflosigkeit beim Cybermobbing in fast allen Fällen als grundsätzlich gegeben angesehen werden kann.

Mit dem Aspekt der Wiederholung verhält es sich wie im vorherigen Kapitel beschrieben: Auch wenn etwas wie z.B. das Onlinestellen eines peinlichen Fotos nur einmal gemacht wird, zieht sich das Leiden bzw. die Demütigung des Opfers immer über längere Zeit hin. Der Wirkkreis solches Materials ist weder für das Opfer, noch für den Täter einschätzbar. Das Opfer hat keine Möglichkeit, die schnelle Verbreitung zu beenden oder sich - wie beim traditionellen Mobbing möglich - der Situation zu entziehen. Beim Cybermobbing gibt es keinen Zufluchtsort - es ist unabhängig von Ort und Zeit. Dadurch, dass es permanent stattfindet, sind die Viktimisierung und die Streuung grenzenlos.[28] Ein gutes Beispiel[29], welche Ausmaße so ein „Selbstläufer“ annehmen kann, ist das berühmte „Star Wars Kid“- Video. Dieses Video ist vermutlich der ganzen westlichen Welt bekannt. Was aber kaum jemand weiß, ist, dass es sich bei der gefilmten Person um einen 15-jährigen Jungen handelte, der nur aus Spaß eine Szene aus seinem Lieblingsfilm nachspielte und in Folge der Reaktionen, welche das Video in der virtuellen wie auch in der realen Welt hervorrief, sich jahrelang in psychiatrische Behandlung begeben musste. Der kanadische Junge wurde im Internet auf den Namen „Star Wars Kid“ getauft und schnell wurde diese Bezeichnung aus dem Cyberspace in die reale Welt übertragen, so dass er auch an seiner Schule so genannt wurde. „An der High School der Kleinstadt konnte er sich nicht bewegen, ohne gehänselt zu werden: "Irgendwer war immer da, der ’Star Wars Kid’, ’Star Wars Kid’ rief. Es war unerträglich", klagte der Junge im vorigen Jahr in der kanadischen Zeitung "The Globe and Mail".“[30] Das Video wurde Ende 2002 von Mitschülern des Jungen ins Internet gestellt und in kürzester Zeit eines der meist geschauten Videos. Mittlerweile sind es über eine Milliarde Klicks und mehr als fünfzig verschiedenen Versionen des Videos, die im Internet kursieren.

2.2.3 Erscheinungsformen von Cybermobbing und Cyberbullying

Zur Charakterisierung von Cybermobbing unterscheidet man einerseits über welche Kanäle, also über welche Medien, das Mobbing stattfindet, andererseits die Methode, wie das Mobbing vollzogen wird.

Der Öffentlichkeitsgrad der verschiedenen Kanäle ist unterschiedlich. In der Forschung werden sieben Kanäle unterschieden:

1. „Text message bullying“ - Mobbing mittels SMS,
2. „Picture/Video Clip bullying (via mobile phone cameras)“ - Mobbing durch die Aufnahme und Verbreitung von Fotos oder Videos,
3. „Phone call bullying (via mobile phone)“ - Mobbing über das Handy, umgangssprachlich Telefonterror
4. „Email bullying“ - Mobbing mittels E-Mail,
5. „Chat-room bullying“ - Mobbing in einem Chat (Täter und Opfer kennen sich hier meist nur aus Chat und sind sich persönlich nicht bekannt),
6. „Bullying through instant messaging“ - Mobbing mittels Instant Messaging (IM)
7. „Bullying via websites“ - Mobbing auf Webseiten.[31] [32]

Allerdings kann Cybermobbing über alle Internet- und Handyanwendungen stattfinden.[33] Daher gehören Foren, Soziale Netzwerke, Blogs, Online-Spiele, Newsgroups, Videoplattformen, etc. ebenfalls zu den Kanälen. Laut einer deutschen Untersuchung werden für Cybermobbing folgende Medien in absteigender Reihenfolge am häufigsten genutzt: IM, Chats, andere Medien, Webseiten und E-Mails (s. Abb. 2).[34]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Verwendetes Medium beim Cybermobbing: Opfer35

2.2.4 Methoden des Cybermobbings und Cyberbullyings

Bezüglich den Methoden des Cybermobbings ist die Meinung der Experten zweigeteilt. So stellt Cybermobbing für z.B. Jäger, Fischer, Riebel & Fluck nur eine indirekte Form des Mobbings dar und ist gemäß dieser Sichtweise lediglich als eine Methode bzw. Unterform des herkömmlichen Mobbings zu verstehen.

Im Gegensatz dazu behandelt ein überwiegender Teil der aktuellen Fachliteratur - so auch diese Arbeit - Cybermobbing als eine eigenständige Katergorie, die selbst in verschiedenen Methoden unterteilt wird. Dementsprechend werden die Methoden des Cybermobbings, ähnlich denen des traditionellen Mobbing, in zwei Hauptgruppen unterschieden: das ,,direkte - verbale - Cybermobbing“ und das „indirekte - aggressive - Cybermobbing“.

Die Abbildung 3 verdeutlicht diese Unterscheidung und dient der besseren Übersicht. Die darin enthaltenen Methoden werden im Weiteren erläutert.[35]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Inhaltliche Ausprägung von Cyber-Mobbing 36

Es ist schwer, so etwas Komplexes wie das menschliche Verhalten in Kategorien einzuordnen und zu versuchen, Verhaltensweisen voneinander abzugrenzen. Gerade beim Cybermobbing sind die Grenzen meist fließend und eine Typisierung wird durch die unablässige Weiterentwicklung der Informations- und Kommunikationstechniken zusätzlich erschwert.

In der Fachliteratur werden überwiegend die acht Kategorien von Willard übernommen, um die verschiedenen Methoden des Mobbing-Verhaltens zu charakterisieren: „flaming, harassment, denigration, impersonation, outing and trickery, exclusion, Cyberstalking und Cyberthreats“.[36] [37]

Diese Methoden werden in der folgenden Tabelle (Abbildung 4) genauer erläutert:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Tabelle Methoden Cybermobbing[38]

2.3 Beispielfälle für Cybermobbing

Um eine bessere Vorstellung vermitteln zu können, wie ein Cybermobbing-Akt verlaufen und welche schwerwiegende Folgen ein solches Verhalten auslösen kann, werden hier exemplarisch einige Fälle beschrieben. Bei diesen Fallbeispielen handelt es sich ausschließlich um reale Fälle.

2.3.1 Flaming - Flame war

,,Eine Gruppe Mitschülerinnen verhöhnte Alan über Instant Messenger aufgrund seiner kleinen Größe und forderten ihn auf Dinge zu tun, die er deswegen nicht konnte. Sie behaupteten die Welt sei ein besserer Ort, wenn er Suizid begehen würde. Er diskutierte das mit Ihnen. Die Mädchen dachten es wäre alles ein großer Spaß. An einem Nachmittag holte Alan die Schrotflinte seines Großvaters, lud sie und nahm sich das Leben. Er hatte alles von seinen Computer gelöscht, außer einer Nachricht: „Der einzige Weg den Respekt zu bekommen den du verdienst, istzu sterben.“[39]

2.3.2 Impersonation

Ein 17-jähriger Junge wollte einem Bekannten einen "Streich" spielen: Er versuchte, mit diesem ein homosexuelles Cyber-Verhältnis mit Hilfe einer erdachten Identität zu beginnen. Der 16-jährige Bekannte ließ sich emotional auf die Beziehung ein. Als er erkannte, dass seine Liebesbeziehung nur inszeniert wurde und Details daraus weitergegeben worden waren, versuchte er sich umzubringen. Der 17-jährige Täter war geschockt, da er mit solch einer Konsequenz nicht gerechnet hatte. Doch wie weit die Wahrnehmungen von Opfer und Täter auseinander klafften, wurde erst im Laufe des Prozesses deutlich. Dies war der erste Fall, in demjemand wegen Cybermobbings in Großbritannien verurteilt wurde. Der Mobber wurde dazu verurteilt, seinem Opfer 250 Pfund Schmerzensgeld zu zahlen, und wurde für zwölfMonate unter Beobachtung eines Jugendhilfe-Projektes gestellt.[40]

2.3.3 Impersonation, Denigration und anschließendes Flaming

Die 13-jährige Megan Meier verliebte sich in einen 16-jährigen Jungen, namens Josh Evans, den sie über MySpace kennen gelernt hatte. Die beiden verstanden sich auf Anhieb gut. Das schüchterne und etwas übergewichtige Mädchen mit Zahnspange fühlte sich von ihm wertgeschätzt, verstanden und nahm an, dass sie ihm vertrauten konnte - auch wenn sämtlicher Kontakt ausschließlich über MySpace stattfand. So wurde mit der Zeit aus einer Internetbekanntschaft erst eine Freundschaft und dann eine Liebesbeziehung.

Als Megan im Oktober 2006 eine Nachricht von ihrem Freund erhielt in der stand, dass er keinen Kontakt mehr mit ihr wolle, weil er gehört habe, dass sie schlecht mit ihren Freunden umgehe und eine böse Person sei, brach für sie eine Welt zusammen. Als sie zurück chattete, um zu erfahren, was denn los sei, bekam sie ein Bündel von Beleidigungen, Demütigungen und Anschuldigen zurück. „Zu diesem Zeitpunkt hatte Josh dafür gesorgt, dass etliche MySpace-Seiten auf Megan einhackten, sie eine Schlampe schimpften, ihr Profilbild als Fälschung outeten: ,Megan istfett! “41

Das erst 13-jährige Mädchen war mit dieser demütigenden Situation, welcher sie hilflos ausgesetzt war, emotional so überfordert, dass sie sich in den Keller ihres Elternhauses begab und sich dort erhängte.

Erst 1 Jahr später drang an die Öffentlichkeit, dass Josh gar nicht existierte. In Wirklichkeit war Josh nur ein Mädchen aus der unmittelbaren Nachbarschaft, das sich bei Megan dafür rächen wollte, dass diese ihre Freundschaft beendet hatte. Zu diesem Zweck erschuf sie Josh Evan, indem sie ein “Fake-Profil“ auf MySpace erstellte. Dabei wurde das rachsüchtige Mädchen tatkräftig von ihrer Mutter unterstützt, die angeblich nur rausfinden wollte, ob Megan schlecht über ihre Tochter rede. Doch das war ihnen bei weitem noch nicht genug, sie versuchten alles, um das Mädchen emotional zu manipulieren. Durch die vorherige Freundschaft der beiden Mädchen wussten Mutter und Tochter genau was sie als „Josh“ schreiben mussten, damit sich Megan auf ein emotionales Verhältnis mit „Josh“ einlassen würde. 42 Dazu bedienten sie sich sogar der „Hilfe eines 18-jährigen Teilzeitangestellten der[41] [42]

Mutter, um den nötigen männlichen Touch überzeugend rüberzubringen. Zu dritt fixten sie Megan regelrecht an - um sie am Ende gezielt zu demütigen.“ 43 Dieser spektakuläre Fall führte zu einer Verschärfung der Gesetze in mehreren Bundesstaaten und dazu, dass im US- Bundesstaat Missouri das weltweit erste Gesetz gegen Cybermobbing in Kraft trat. Seit April 2009 liegt dem US-Kongress auch ein Gesetzantrag vor: der „Megan Meier Cyberbullying Prevention Act“.44

2.3.4 Happy Slapping

„44 Schlagverletzungen, eine gerissene Milz undfünf gebrochene Rippen diagnostizieren die Ärzte später. Morley starb im Krankenhaus. Die zum Tatzeitpunkt 14-jährige Chelsea soll Morley den finalen Tritt verpasst haben. Wie gegen einen Fußball habe sie gegen seinen Kopf getreten, sagte ein Zeuge. Innerhalb der nächsten Stunde attackierten die Schläger noch sechs andere Menschen. Jedes der Opfer war absolut ahnungslos und wurde völlig überrumpelt, sagte Richter Brian Barker bei der Urteilsverkündung. ... Chelsea hat die Überfälle ihrer Clique mit dem Videohandy gefilmt. Sie habe die Gang angeführt, zitiert die Zeitung ,The Independent ‘ einen der beteiligten Jugendlichen: ,Sie wollte filmen, wie Menschen zusammengeschlagen werden‘. Die 14-jährige soll den Barkeeper aufgefordert haben, für die Kamera zu posieren - mit den zynischen Worten: , Wir planen einen Dokumentarfilm über Happy Slapping V’45[43] [44] [45]

3. Rollen im Mobbingprozess

Gemäß der Expertenmeinung handelt es sich bei Mobbing bzw. Gewalttätigkeit nicht nur um ein Einzel-, sondern auch um ein Gruppenphänomen. Dies gilt ebenso für das Cybermobbing. Das bedeutet, dass nicht, wie in der Vorstellung weit verbreitet, nur ein Täter und ein Opfer am Mobbingprozess beteiligt sind, sondern auch das Publikum den Prozess beeinflusst. Daher werden in diesem Kapitel die Rollen, die im traditionellen sowie im virtuellen Mobbingprozess wirken, genauer beleuchtet.

3.1 Das Opfer (Victim)

Mobbing und Cybermobbing sind eng miteinander verbunden. Häufig werden die Opfer von traditionellem Mobbing im Internet weiter gemobbt. Auch kann ein Mobbing-Prozess, der virtuell begann, in der Offline-Welt fortgesetzt werden oder die Opfer von traditionellem Mobbing versuchen, sich an ihren Peinigern über die Möglichkeiten im Cyberspace zu rächen - so gehören auch Täter wiederum zu den Opfern. Der Zusammenhang von traditionellem Mobbing und Cybermobbing lässt sich anhand einiger Studien belegen. Beispielhaft hierfür sind die Studien von Kowalski et al.[46], deren Ergebnisse im Folgenden näher vorgestellt werden, und die von Riebel aus dem Jahr 2008, laut denen 78% der Cybermobbing-Opfer auch Opfer von traditionellen Mobbing sind[47], sowie die Studie von Wachs aus dem Jahr 2009, die besagt, dass 69,2 % der Cybermobbing-Opfern auch von traditionellem Mobbing betroffen sind.[48] Bei der Studie von Kowalski, Limber und Agatston wurde speziell der Zusammenhang zwischen traditionellem Mobbing und Cybermobbing bei Jugendlichen untersucht. Hierbei zeigte sich, dass Opfer sowie auch Täter von traditionellem Mobbing in Cybermobbing involviert sind. Wie in Abbildung 5 dargestellt sind 23% der Jugendlichen, die Opfer von traditionellem Mobbing sind, auch Opfer von Cybermobbing und 9% der Opfer im realen Leben werden im Cyberspace selbst zu Tätern. Interessant ist im Vergleich hierzu, dass aber 19% der Offline-Täter zu Online-Opfer werden. 20% der Online-Täter mobben auch auf traditionelle Weise. Jugendliche, die sowohl Opfer als auch Täter von traditionellem Mobbing sind, sind laut Kowalski zu 36% Opfer von Cybermobbing. Lediglich 9% der Online-Opfer sind nicht in traditionelles Mobbing involviert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Zusammenhang zwischen traditionellem Mobbing und Cybermobbing[49]

In deutschen Untersuchungen finden sich vergleichbare Ergebnisse. So wurden im Rahmen der Studie von Jäger, Fischer, Riebel, & Fluck aus dem Jahr 2007 eine Gruppe von knapp 2000 Schülern befragt, wie oft diese in den letzten zwei Monaten Opfer von direktem Mobbing und von Cybermobbing geworden sind. Von den knapp 2000 Schülern gaben 54,3% an, Opfer von direkten Mobbing und 19,9% Opfer von Cybermobbing gewesen zu sein. Wie häufig es laut den Opfern zu Vorfällen kam, geht aus den Abbildungen 6 und 7 hervor.[50]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Traditionelles, direktes Abbildung 7: Cybermobbing: alle Opfer[51] Mobbing: alle Opfer[52]

[...]


[1] Die Begriffe „Cybermobbing“ und „Cyberbullying“ werden zu Gunsten der besseren Lesbarkeit in der vorliegende Arbeit weitgehend synonym verwendet.

[2] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im weiteren Verlauf der Arbeit von Jugendlichen gesprochen.

[3] Z.B. der Mobbing-Report von Meschkutat, Stackelbeck, & Langenhoff 2002.

[4] Weitere Begriffe werden im Glossar, welches sich im Anhang befindet, genauer erklärt.

[5] Bei Nennung von Personen wird die männliche Form verwendet, dies schließt die weibliche Form mit ein.

[6] Olweus 2006: 11 Herv. i.O.

[7] Vgl. Leymann 1993.

[8] Vgl. Olweus 2006: 11.

[9] Vgl. Biesinger, Schweitzer, Donhauser, Weiler, & Jäger 2010: 10.

[10] Olweus 2006: 22.

[11] Vgl. Olweus 2006: 23.

[12] Vgl. Olweus 2006: 22 f.

[13] Vgl. Olweus 2006: 22 f.

[14] Eigene Darstellung nach vgl. Fawzi: 2009 S.9. und vgl. Olweus 2006: S.23.

[15] Biesinger, Schweitzer, Donhauser, Weiler, & Jäger 2010: S.10.

[16] Hilgers 2011: 26.

[17] Belsey 2012.

[18] Begriff wird in Kapitel 2.2.3 und im Glossar erläutert.

[19] Vgl. Fawzi 2009: 32 f.

[20] Vgl. Yabarra & Mitchell 2004 und Wolak, Mitchell, & Finkelhor 2007.

[21] Jäger, Fischer, Riebel, & Fluck 2007: 8.

[22] Vgl. Fawzi 2009: 33 f.

[23] Begriffe werden in Kapitel 2.2.3 und im Glossar erläutert.

[24] Vgl. Fawzi 2009: 34.

[25] Vgl. Willard 2007: 80 f.

[26] Vgl. Hinduja & Patchin 2009: 18 ff.

[27] Vgl. Rack & Fileccia 2009: 13.

[28] Vgl. Fawzi 2009: 33 f. und vgl.Weitzmann 2011: 20 ff. und vgl.Hinduja & Patchin 2009: 18 ff.

[29] Die Beispiele in dieser Arbeit beruhen ausschließlich auf realen Fällen.

[30] Lischka 2007.

[31] Vgl. Hillenbrand 2003.

[32] Smith, Mahdavi, Carvalho, & Tippett 2006: 6.

[33] Fawzi 2009: 35.

[34] Vgl. Jäger, Fischer, Riebel, & Fluck 2007: 26.

[35] Jäger, Fischer, Riebel & Fluck 2007: 26.

[36] Eigene Darstellung vgl. hierzu Fawzi 2009: 39 nach Willard 2007: 5-11.

[37] Vgl. Willard 2007: 5-11.

[38] Tabelle nach vgl Willard 2007: 5ff., vgl. Arentewics, Fleissner, & Struck 2009: 125ff. und vgl. Fawzi 2009: 39f.

[39] Willard 2007: 1.

[40] Spiegel Online. Erneut Selbstmord wegen Cyber-Mobbing 2009.

[41] Patalong 2007.

[42] Vgl. Patalong 2007.

[43] Patalong 2007.

[44] Vgl. Erneut Selbstmord wegen Cyber-Mobbing 2009 und Weltweit erstes Gesetzt Cybermobbing 2008.

[45] Kaupmann 2006.

[46] Vgl. Kowalski, Limber, & Agatston 2008

[47] Vgl. Riebel 2008: 69.

[48] Vgl. Wachs 2009: 114.

[49] Kowalski, Limber & Agatston 2008: 82.

[50] Jäger, Fischer, Riebel & Fluck 2007: 9.

[51] Jäger, Fischer, Riebel & Fluck 2007: 11.

[52] Jäger, Fischer, Riebel & Fluck 2007: 9.

Details

Seiten
109
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656641223
ISBN (Buch)
9783656641193
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272500
Institution / Hochschule
Hochschule Ludwigshafen am Rhein
Note
1,0
Schlagworte
Cybermobbing Cyberbullying Mobbing Bully Web 2.0 Cybermobbing in der Schule Medien und Gewalt Gewalt unter Jugendliche

Autor

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Titel: Cybermobbing unter Jugendlichen. Eine neue Form der Gewalt?