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Sozialraumorientierung in der Kinder und Jugendarbeit

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 11 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1.Entwicklungslinien der SRO

2. Die Rede vom Raum
2.1 Sozialraum

3. Aneignung und Raum

4. Prinzipien und Grundelemente der SRO

5. SRO in der Mobilen Jugendarbeit

6. Kritik an SRO

Einleitung

Sozialraumorientierung (SRO) war in den letzten Jahren immer wieder Gegenstand von Fachdiskussionen unterschiedlicher Bereiche und wird auch heute als „Catch-All-Begriff“ (Kessl/Reutlinger 2007) in theoretischen Überlegungen, Konzeptionen und Projektbeschreibungen verwendet. Mit jeder Verwendung wird der Begriff allerdings unklarer weil sich die mit SRO verbunden Inhalte und Ziele jeweils unterscheiden. So gibt es keine allgemeingültige Definition von Sozialraum bzw. Sozialraumorientierung.

Durch Sozialraumorientierung sollen Angebote der Sozialen Arbeit bürgernah gestaltet werden, um die Lebensbedingungen der Bewohner_innen eines Sozialraums (Stadtteils, Quartiers, Dorfes etc.) zu verbessern und sie stärker an ihrer räumlichen Umgebung zu beteiligen (vgl. ebd.).

Um die Bedeutung von Sozialraumorientierung in der Kinder und Jugendhilfe besser verstehen zu können, ist es hilfreich, zunächst die historischen Entwicklungslinien der SRO und die zentrale Begriffe „Raum“ und „Aneignung“ näher zu beleuchten. Im Anschluss werden handlungsleitende Prinzipien der SRO und ihre praktische Umsetzung am Beispiel der Mobilen Jungendarbeit dargestellt.

1.Entwicklungslinien der SRO

Eine der Wurzeln sozialraumorientierter Arbeit liegt in den sozialökologischen Untersuchungen der Chicago School der 1920er Jahre. In diesem Kontext entstand der Begriff der „social areas“, der als Vorfahre des deutschen „Sozialraums“ gesehen wird (Kessl/Reutlinger 2007). In den 1960er Jahren wurde das angelsächsische „community work“ als Gemeinwesenarbeit (GWA) nach Deutschland übertragen. Seit den 1980er Jahren gilt Gemeinwesenarbeit neben der Einzelfallhilfe und Gruppenarbeit, als grundlegende Arbeitsform der Sozialen Arbeit. GWA arbeitet bedürfnisorientiert und zielt darauf ab, gemeinsam mit den Bewohnern eines Stadtteils, nachhaltige Verbesserungen ihrer Lebenssituation zu erreichen. Die Prinzipien der GWA decken sich zum großen Teil mit denen der SRO, weshalb Kessl und Reutlinger (2007) SRO als eine Fortführung und Weiterentwicklung der GWA sehen. Sozialraumorientierung steht außerdem in einem engen Bezug zu anderen sozialpädagogischen Konzepten und Theorien wie der Lebensweltorientierung (Thiersch).

Hinte prägte mit der Formel „vom Fall zum Feld“, welcher den Paradigmenwechsel in der Sozialen Arbeit beschreibt, die wissenschaftlichen Diskussionen um Sozialraumorientierung. Damit rückt der Sozialraum in den Mittelpunkt des Handlungsverständnisses Sozialer Arbeit.

Was genau unter Sozialraum verstanden wird hängt mit den vorherrschenden Vorstellungen über Raum zusammen.

2. Die Rede vom Raum

Industrialisierung, Säkularisierung, Technisierung und Globalisierung sind historische Prozesse, die die Vorstellungen über den Raum veränderten.

Während in den Naturwissenschaften und in der Philosophie, Wissenschaftler wie Newton, Leibniz oder Einstein schon lange über den Raumbegriff diskutierten, fand die räumliche Wende (engl. spatial turn) in den Sozialwissenschaften, erst ab Ende der 1980er Jahre statt.

Der spatial turn beschreibt den zunehmend räumlichen Blick auf soziale Zusammenhänge und die Verschiebung der Perspektive „vom Zeitgeist zum Raumgeist“ (Soja 2008).

Die Rede vom Raum in der Sozialen Arbeit und die damit verbundenen Praktiken werden im Wesentlichen von drei Raumvorstellungen geprägt: dem absolutistischen, dem relativistischen und dem relationalen Raum.

Die absolutistische Raumvorstellung sieht Raum als einen Behälter / Container, der beliebig mit Inhalt (Dingen, Menschen, sozialen Prozessen) gefüllt werden kann, ohne durch seinen Inhalt beeinflusst zu werden. Diese Vorstellung von Raum geht bis in die Antike zurück, sie wurde aber insbesondere von Issac Newton im 17.Jh naturwissenschaftlich etabliert. Der absolutistische Raum ist fixiert und unveränderbar durch seinen Inhalt. Er existiert auch ohne Inhalt, also auch unabhängig von menschlichem Handeln.

Gottfried W. Leibniz stellt dieser absolutistischen Raumvorstellung, die relativistische gegenüber. Raum wird hier nicht als absolute eigene Realität gesehen, sondern als Ergebnis von Beziehungen zwischen Körpern (Inhalten) verstanden. Es gibt also keinen leeren Raum der mit Inhalten gefüllt wird, sondern erst die Körper (menschliches Handeln) bilden den Raum. Beide Vorstellungen finden sich in materialistischen und konstruktivistischen Raumtheorien wieder. Doch um eine systematische Beschreibung von Sozialräumen vorzunehmen erscheinen beide Vorstellungen von Raum einseitig und verkürzt, da sie Räume entweder auf fixierte Ordnungen oder auf menschliches Handeln beschränken. Es besteht aber ein ständiges Wechselspiel zwischen beiden Ebenen.

Martina Löw (2001) plädiert daher für eine Verknüpfung dieser beiden, gleichzeitig existierenden Raumvorstellungen und vereint diese in einem relationalen Raumverständnis.

Löw definiert den relationalen Raum als „eine relationale (An)Ordnung sozialer Güter und Menschen (Lebewesen) an Orten“ (Löw 2001).

Dieser Raumbegriff beinhaltet sowohl eine Handlungsdimension, welche sie als Prozesse des „Spacing“ bezeichnet (Platzieren sozialer Güter und Menschen), als auch eine strukturierende Dimension, die „Syntheseleitung“, in der Güter und Menschen zu Räumen zusammengefasst werden. Der Raum in der relationalen Raumvorstellung besitzt einen Doppelcharakter: Raum ist Resultat und zugleich Bedingung für soziale Prozesse (vgl. Löw 2001).

2.1 Sozialraum

Da Raum nach der relativistischen Raumvorstellung, immer das Ergebnis menschlichen Handelns ist und gleichzeitig menschliches Handeln beeinflusst, wird hier von Sozialraum gesprochen. Hier stehen nicht die geographischen Gegebenheiten im Vordergrund, sondern der von Menschen konstruierte Raum der Beziehungen und Interaktionen, der menschliche Handlungsraum (vgl Kessl/Reutlinger 2007).

Sozialraum kann als Steuerungsgröße auf einen geographisch abgrenzbaren Lebensraum (Stadtteil, Viertel, Dorf, etc.) bezogen werden und als einen von Menschen individuell definierten Raum gesehen werden. Jeder Mensch definiert seinen Lebensraum individuell durch Raum-Aneignunsprozesse. Der Aspekt, den Sozialraum als Aneignungs- und Bildungsraum für Kinder und Jugendliche zu sehen, wird nach Deinet (2005) oft vernachlässigt.

Um einen Bezug zwischen Sozialraum und Kindern und Jugendlichen als handelnde Subjekte herzustellen, greift Deinet auf das klassische Aneignungskonzept zurück, welches im Folgenden vorgestellt wird.

3. Aneignung und Raum

Kinder und Jugendliche haben sich stets ihre räumliche Umgebung und soziale Umwelt angeeignet und ihren Handlungsraum kontinuierlich vergrößert. Mit Veränderungen der Lebensbedingungen durch gesellschaftliche Entwicklungen (wie Globalisierung) und Veränderungen der sozialräumlichen Umwelt, ändern sich auch die Bedingungen der Raum-Aneignungsprozesse.

Zahlreiche Studien haben sich mit der Erweiterung des Handlungsraumes und den Einfluss veränderter Lebensbedingungen auf Kinder und Jugendliche beschäftigt. Im deutsprachigen Raum gilt die Studie „Lebensraum des Großstadtkindes“ von Muchow (1935) als Ausgangspunkt sozialräumlicher Forschung. Muchow beschreibt darin die langsame, kontinuierliche und schichtförmige Erweiterung des kindlichen Handlungsraumes.

In den 1960er Jahren beschreibt Elisabeth Pfeil in ihrer Untersuchung über das „Großstadtkind“, die allmähliche Erweiterung des Lebensraumes von Kindern in konzentrischen Kreisen. Die Idee, des sich langsam erweiternden Handlungsraums wurde zu einem Zonenmodell ausgearbeitet (Baake 1980). Dieses Zonenmodell wurde aber in den 1990er Jahren von Zeiher&Zeiher als überholt erklärt, da es den heutigen räumlichen Strukturen nicht gerecht wird.

Zeiher&Zeiher führen ein Inselmodell ein, welches den Lebensraum als einzelne, unabhängige Segmente (Inseln) beschreibt, die verstreut in einem größeren Gesamtraum angesiedelt sind. Die Räume zwischen den einzelnen Inseln einer Lebenswelt sind oft weit voneinander entfernt, so dass sie von Kindern und Jugendlichen nicht immer selbstständig aufgesucht werden können. Oft bringen die Eltern Kinder und Jugendliche von der Urinsel „Familie“ zu anderen Inseln z.B. in die Kita, die Schule, Wohnungen von Freund_innen oder Vereine (vgl. Reutlinger 2002). Der subjektive Sozialraum von Kindern und Jugendlichen ist also nur zum Teil deckungsgleich mit dem sozialgeographischen Sozialraum (Stadtteil, Dorf) (vgl. Deinet 2002).

Aufgrund der veränderten Lebensbedingungen sind die Aneignungsmöglichkeiten der sozialen und kulturellen Umwelt heute für Kinder und Jugendliche eingeschränkter als früher. Die Tendenz sich in mediale und virtuelle Räume zu begeben steigt, da diese leicht zu erobern sind und grenzenlos scheinen. Internetforen und soziale Netzwerke wie Facebook oder virtuelle Welten wie Second Life, ersetzen teilweise reale Räume und analoge Kommunikation.

Das klassische Aneignungskonzept geht auf die sowjetische Psychologie zurück und ist vor allem mit dem Namen Leontjew (1973) verbunden. Der Kern des klassischen Aneignungskonzeptes ist, dass die Entwicklung von Menschen als eigentätige Auseinandersetzung mit seiner Umwelt und als Aneignungsprozess der materiellen und symbolischen Kultur zu verstehen ist (vgl. Deinet 2006).

Deinet überträgt das klassische Aneignungskonzept auf den relationalen Raumbegriff Löws (2001) und bringt erstmals Raum und Aneignung in einen Zusammenhang. Dabei wird die im klassischen Aneignungskonzept vorherrschende Trennung zwischen Subjekt und (absolutem) Raum aufgehoben. Das Subjekt nimmt eine aktive Rolle ein und ist Mitgestalter seines Lebensraums. Die Erweiterung des Handlungsraumes von Kindern und Jugendlichen erfolgt heute nicht mehr als kontinuierliche Erweiterung in Zonen, sondern ist als Aneignung von verschiedenen Inseln einer Lebenswelt zu verstehen. Kinder und Jugendliche eignen sich nicht mehr nur vorhandene Räume an und verändern diese, sondern sie schaffen sich auch eigentätig Räume (Spacing) und verknüpfen die verschiedenen Inseln ihrer Lebenswelt miteinander (Syntheseleistung).

In dieser Konsequenz beschreibt Deinet Aneignung als „Spacing“, Bewegung, Veränderung und Verknüpfung von Räumen (vgl. Deinet/Reutlinger 2004). Aneignung erfolgt somit in folgenden Dimensionen:

- Eigentätige Auseinandersetzung mit der Umwelt
- Erweiterung der motorischen Fähigkeiten
- Erweiterung des Handlungsraums
- Veränderung von Situationen (und Räumen)
- Aneignung als Verknüpfung von verinselten (auch virtuellen) Räumen
- Aneignung als Spacing (Räume schaffen)

Kinder und Jugendliche bilden sich nicht nur in Institutionen wie der Schule, sondern auch informell in ihrer Lebenswelt und im öffentlichen Raum. Somit ist der gesellschaftlicher Raum Aneignungsraum und Bildungsraum zugleich. Aneignungsprozesse werden wesentlich beeinflusst von den ökonomischen und strukturellen Bedingungen von Stadtteilen oder Regionen (vgl. Deinet/Reutlinger 2004). Bei sozial benachteiligten Jugendlichen ist der Aneignungsraum häufig auf Wohnung, Schule und unmittelbares Umfeld beschränkt, wohingegen er bei weniger benachteiligten Kindern und Jugendlichen vergleichsweise groß und vielfältig ist (vgl. Gillich 2007).

Sozialraumorientierte Kinder und Jugendarbeit kann Aneignungs- und Bildungsprozesse unterstützen und soziale Benachteiligung mindern.

Im Folgenden sollen die Prinzipien und Methoden der sozialraumorientierten Kinder- und Jugendarbeit zusammengefasst werden.

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Details

Seiten
11
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668706439
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272482
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Institut für Erziehungswissenschaften
Note
1,5
Schlagworte
Sozialraumorientierung Sozialraum Mobile Jugendarbeit Raum Aneignung Raumaneignung Jugendarbeit Raumvorstellung relationaler Raum Lebensraum Großstadtkind Aneignungskonzept Spacing Deinet Sozialraumanalyse

Autor

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Titel: Sozialraumorientierung in der Kinder und Jugendarbeit