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Mehmed Akif Ersoy und der türkische Nationalismus

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 19 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Islamwissenschaft

Leseprobe

Einleitung

Ich bin ein Türke, ich bin aufrichtig und fleißig. Meine persönliche Pflicht ist es, meine Jüngeren zu beschützen und meine Älteren zu ehren, meine Heimat und meine Nation mehr zu lieben als mich selbst. Mein Ziel ist es, aufzusteigen, voranzuschreiten. O großer Atatürk! Ich schwöre, dass ich unaufhaltsam auf dem von dir eröffneten Weg, nach dem von dir gezeigten Ziel streben werde. Möge mein Dasein der Existenz der Türken geopfert sein. Wie glücklich ist derjenige der sagt: Ich bin Türke!

(„Türküm doğruyum çalişkanım. Ilkem, küçüklerimi korumak, büyüklerimi saymak, yurdumu, milletimi, özümden cok sevmektir. Ülkum, yükselmek, ileri gitmektir. Ey büyük Atatürk! Açtığın yolda, gösterdiğin hedefe durmadan yürüyeceğime ant içerim. Varlığım Türk varlığına armağan olsun. Ne mutlu Türküm diyene!“)[1]

Dieser Leitsatz Atatürks gilt als Treueschwur an die Türkische Nation, er hängt in Schulen an den Wänden und muss von jedem Schüler auswendig gelernt werden. So kommen Kinder schon früh mit türkischem Nationalismus in Kontakt. Im Unterricht lernen sie, unter welch schwierigen Bedingungen und wie heldenhaft das türkische Heer unter Führung des Großen Mustafa Kemal Atatürks, das Unmögliche erreichte, ihr Vaterland vor fremden Besatzungsmächten verteidigte und seine Unabhängigkeit gewann. Noch immer gilt es, die Republik Türkei zu bewahren und zu verteidigen. Jeder, der heute in der Türkei aufwächst und lebt, entwickelt früh ein Nationalbewusstsein. Auch wenn der Begriff „Türke“ sich damals nicht auf die Ethnie, sondern auf die Staatsbürgerschaft bezog, gilt der türkische Nationalismus heute als eher rassistisch. Auch die türkische Nationalhymne, der „Unabhängigkeitsmarsch“ (Istiklal Marşı) von Mehmed Akif Ersoy, dient auch heute zur Festigung des türkischen Nationalbewusstseins. Er erzählt von der Zeit des Befreiungskampfes, vom Heldenmut der türkischen Soldaten und von der Erhabenheit der türkischen Rasse. So versteht man den Text zumindest wenn man ihn liest. Kennt man aber weitere Werke und so manche Aussage des Verfassers bezüglich Rasse und Nationalismus, so kommt der Verdacht auf, dass der türkische Nationalismus sich auch diesen Text zu Eigen machte. Mehmed Akif Ersoy unterstützte den nationalen Befreiungskampf (millî mücadele), er liebte seine Heimat und wurde zu einer der Stimmen der Zeit, doch er war kein Nationalist.

Das Jahr 2011 wurde, anlässlich des 75. Jahrestages der Nationalhymne und dem 90. Todestages des Dichters, vom Türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan zum „Mehmed Akif Ersoy Jahr“ ernannt.

Dass es in der Türkei bis zu 250 Grundschulen und Gymnasien, sowie ganze Stadtviertel und Plätze gibt, die seinen Namen tragen, spiegelt die große Verehrung Mehmed Akif Ersoys sowohl in der Politik, als auch in der Bevölkerung wider.[2] Mehmet Akif ist neben Namik Kemal (ein Hauptvertreter des Osmanismus), der osmanische Dichter, über den die meisten Bücher geschrieben worden sind. Noch heute werden zu seinem Todestag in vielen türkischen Zeitungen Nachrufe auf ihn veröffentlicht.[3] Der Grund für seine bis heute andauernde Verehrung kann darin liegen, dass kein anderer Dichter die Angelegenheiten und die Situation der Bevölkerung so genau beschreiben konnte, wie Mehmed Akif Ersoy. Er ist einer der Hauptfiguren der türkischen Literaturszene des 20. Jahrhunderts und als Verfasser der Türkischen Nationalhymne stets präsent.[4] Er gilt noch immer als Vorbild in Bezug auf seine Vaterlandsliebe, seinen Idealismus, seinen tiefen Glauben, seine Charakterstärke, seinen Nationalismus und als einer der Helden des nationalen Befreiungskampfes. Doch wie stand Mehmed Akif wirklich zur auftretenden Nationalismusbewegung in der Türkei und dem Verwestlichungskurs der jungen Republik? Dies soll Gegenstand der vorliegenden Arbeit sein.

1. Historischer Rahmen

Mehmed Akif wuchs in einem Umfeld auf, das geprägt war von einem verfallenden Staat, Kriegen und Niederlagen, Migration und Trauer. Er hat viele wichtige politische Ereignisse miterlebt, die er auch in seinen Werken behandelte. Als Mehmed Akif im Jahre 1873 geboren wurde, saß Abdülmecid auf dem osmanischen Thron. Die Zeit der Tanzimat (Neuordnungen), den Reformmaßnahmen im sozialen und juristischen Bereich, die 1839 begonnen hatte, dauerte an. Das Osmanische Reich versuchte sich mit Europa Schritt zu halten. Neben Reformen im Staatsbereich, übte „der Westen“ auch Einfluss auf die Bereiche Erziehung, Kultur, Kunst und Literatur aus. Es gab wachsende Probleme im In- und Ausland, ständige Gebietsverluste und trotz aller Reformen immer größere Schwierigkeiten. Die freiheitlichen und nationalen Bewegungen in Europa beschäftigten die osmanischen Intellektuellen, die sich auch gesellschaftskritische Ideen aneigneten. Die Begriffe „Vatan“ (Heimat) und „Millet“ (Volk) fanden Einzug in die Poesie, erste Bühnenaufführungen und Romane wurden geschrieben, das Lesen von Zeitungen und Zeitschriften wurde zur Gewohnheit der Intellektuellen.

Als Mehmed Akifs literarisches Schaffen einsetzte, standen sich auf politischer Ebene aber auch in der türkischen Literatur verschiedene Strömungen gegenüber, die sich unter die Begriffe Osmanismus (Osmancılık), Panislamismus (İslamcılık) und Türkismus (Türkcülük) fassen lassen. Der seit etwas Mitte des 19.Jahrhunderts von den „Jungosmanen“ (yeni osmanlılar) vertretene osmanische Nationalismus (Osmanismus) sah vor, einer gesellschaftlichen Spaltung entgegenzuwirken und unter allen ethnischen und religiösen Bevölkerungsgruppen im Osmanischen Reich eine gemeinsame Osmanische Identität zu entwickeln und sie in einer „osmanischen Nation“ zu integrieren.[5] Lange kämpften Jungosmanen wie Mithat Paşa und Namık Kemal, für eine Verfassung und mit Sultan Abdülhamit II.(1876-1909), wurde dem Osmanischen Reich seine erste Verfassung verliehen (1.Meşrutiyet). Doch das wesentliche Problem dieser Verfassung war die Sicherung ihrer Existenz. Da der Islam seit der Tanzimat-Periode zunehmend an Einfluss und Macht im Staats- und Sozialwesen des Osmanischen Reiches verlor, wurde versucht den Islam zu modernisieren und zum „wahren Islam“ zurückzukehren. Sultan Abdülhamit II. machte den Panislamismus (İslamcılık) zur Staatsideologie, so gewann er die muslimischen Teile der Bevölkerung für sich. Ziel des Panislamismus war es, alle islamischen Völker im Osmanischen Reich zu vereinen um so die islamische Welt vor Kolonialisierung zu bewahren. Der Sultan blieb der absolute Herrscher, seine Ermächtigungen unterlagen keiner Kontrolle. So wurde das Parlament 30 Jahre lang nicht einberufen.[6] Die diktatorische Herrschaft Abdülhamits II. endete 1909 in einer Revolution der jungtürkischen Opposition (jön türkler). Die Verfassung von 1876 wurde in geänderter Form wiedereingeführt, die Allmacht des Sultans wurde geschwächt und nun stand die Gesetzesinitiative auch den Parlamentsmitgliedern zu. Die zweite Verfassungsperiode hatte begonnen (2. Meşrutiyet). Die Niederlage im Balkankrieg wurde unter anderem damit begründet, dass nichtmuslimische Soldaten sich mit den „Feinden“ des Reiches verbündeten. Es wurde dringend ein neuer nationalistischer Geist benötigt, welcher in einem spezifisch türkischen Nationalbewusstsein gesucht wurde.[7] Die Anfänge des Türkismus reichen bis in die Zeit der Tanzimat zurück. Die „Jungtürken“ (jön türkler), die Sultan Abdülhamit II. stürzten, zeigten Neigungen für einen neuen Nationalismus, der sich den Begriff „türkisch“ zu Eigen machte. Alle Turkvölker sollten sich unter der Führung der osmanischen Türken einigen, wobei die gemeinsame türkische Sprache und der gemeinsame islamische Glaube die kulturelle Basis bilden würden.[8] Der Turanismus, als rassistische Form des türkischen Nationalismus, konnte sich jedoch während des Unabhängigkeitskrieges nicht durchsetzen. Der Nationalismus der Unabhängigkeitsbewegung, umfasste alle ethnischen Gruppen in Anatolien. Erst mit der Verfassung von 1924 setzte sich der Begriff „türkische Nation“ (Türk Milleti) als Bezeichnung durch.[9] Der heutige Nationalismus in der Türkei („Milliyetcilik“) weist deutlich rassistischere Züge auf.

Mehmed Akifs Denken zeigt deutliche Einflüsse der „Jungosmanen“, besonders Namık Kemals, Ziya Paşas und Ali Suavis, sowie Parallelen zu den modernistischen Bewegungen in der islamischen Welt, vor allem Ägyptens. So finden Übersetzungen der Werke Afghānīs, ‛Abduhs und Rašid Ridās über Jahre hinweg, ihren festen Platz in Mehmed Akifs Veröffentlichungen. In seinen Gedichten sind auch die wesentlichen Aussagen der Salafiya wiederzufinden.[10] Zu den politischen Umständen die Mehmed Akif und seine Werke prägten, gehören im Überblick: Die Regierungszeit und der Sturz Abdülhamits II., die zweite Verfassungsperiode, die erste Zusammenkunft der „Großen Nationalversammlung“ (Büyük Millet Meclisi) am 23.April 1920 in Ankara und die Gründung der Republik Türkei im Jahre 1923, sowie Kriege wie der Russisch-Osmanischen Krieg (1877-1878), der Italienisch-Türkische Krieg (1911-1912), die Balkankriege (1912-1913), der Erste Weltkrieg (1914-1918) und der nationale Unabhängigkeitskrieg (1919-1923).[11]

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird versucht, auf der Grundlage seiner Werke und Veröffentlichungen, die Einstellungen Mehmed Akifs in Bezug auf politische Ereignisse und die Begriffe Islamismus und Nationalismus herauszuarbeiten.

2. Das Leben Mehmed Akif Ersoys

Mehmed Akif Ersoy ist im Jahre 1873 in Bayramiç, als Sohn eines albanischstämmigen Vaters, geboren. Er wurde sehr religiös erzogen, lernte schon früh neben Türkisch, die klassischen islamischen Sprachen Arabisch und Persisch und hatte ein außerordentliches Interesse an Literatur. Während seiner Studienzeit begann Mehmed Akif, Gedichte zu schreiben und nachdem er 1893 sein Studium an der tierärztlichen Hochschule mit Bestnote beendete, wurde er Hilfsinspektor in der Veterinärbehörde des Landwirtschaftsministeriums, in dem er bis 1913 tätig war. Der enge Kontakt, den er aufgrund seiner beruflichen Reisen durch Rumelien (Teil des Osmanischen Reiches auf der Balkanhalbinsel), Albanien und in die arabischen Provinzen zu den Bauern hatte, beeinflusste auch seine Dichtung. Die ersten Gedichte und Übersetzungen aus der persischen Literatur, veröffentlichte Mehmed Akif ab 1895 in den Zeitschriften „Resimli Gazete“ und „Servet-i fünun“ („Reichtum der Wissenschaft“), letztere war Forum einer Gruppierung, die für westliche Ideen in Gesellschaft und Literatur eintrat.

[...]


[1] Karagöz, Oguz,S.195.

[2] Internetseite

[3] Vgl.Horani-Kirchberg,S.90–91.

[4] Vgl.Canım/Çalik,S.7.

[5] Vgl.Karagöz,S.104f; Rumpf,S.100.

[6] Vgl. Rumpf,S.42f.

[7] Vgl.Karagöz,S.105.

[8] Vgl.Adanır,S.16.

[9] Vgl.Rumpf,S.101.

[10] Vgl.Debus,S.108f.

[11] Vgl.Sarıhan,S.1f.

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656647096
ISBN (Buch)
9783656647119
Dateigröße
606 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272456
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Orientalisches Seminar
Note
1,5
Schlagworte
Türkische Nationalhymne Mehmet Akif Ersoy Türkischer Nationalismus Türkei Osmanische Literatur Unabhängigkeitskrieg Atatürk Nationalismus Islamismus

Autor

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Titel: Mehmed Akif Ersoy und der türkische Nationalismus