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Eine kritische Betrachtung des Dreikaiserabkommens von 1873

Ein Bündnis für den europäischen Frieden oder lediglich eine trügerische Sicherheit?

Hausarbeit 2013 21 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Außenpolitischer Rahmen nach der Reichsgründung
2.1 Ziele der bismarckschen Außenpolitik
2.2 Die Stellung der anderen Großmächte gegenüber dem neuen Deutschen Reich

3. Der konkrete Weg zum Bündnis

4. Das Bündnis als Stützpfeiler einer scheinbaren Sicherheit ….…
4.1 Die deutsch-französische Konfrontation als Faktor der Unsicherheit
4.2 Die Balkankrise als Faktor der Unsicherheit

5. Der Bruch des Bündnisses infolge der Balkankrise

6. Resümee

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

Im Zuge der drei Reichseinigungskriege gelang es Otto von Bismarck unter Nutzung des durch Reformen verbesserten preußischen Militärs ein geeintes Deutsches Reich zu begründen. Um jedoch den Fortbestand des jungen deutschen Reiches zu sichern, musste der deutsche Reichskanzler dafür sorgen, dass dieses oft auch als Halbhegemonie bezeichnete Reich in das außenpolitische Geflecht Europas integriert werde.

In diesem Zusammenhang kam es durch die bismarcksche Außenpolitik 1873 zum Dreikaiserabkommen, dem ersten außenpolitischen Bündnis des Reichskanzlers. Auf eben diesem Abkommen zwischen den drei monarchischen Staaten Österreich-Ungarn, Russland und Deutschland soll der Fokus dieser Hausarbeit liegen. Allerdings wird dieses Bündnis in der Geschichtswissenschaft und auch von den Zeitgenossen durchaus ungleich beurteilt. So spricht Bismarck gegenüber von Bülow davon, dass „das Drei-Kaiser-Bündnis […] bisher die Bürgschaft des Friedens [ist]; wird es gelockert, […] drängt die Unverträglichkeit der österreichisch-englisch-russischen Interessen im Orient auf den Krieg hin.“[1] Holborn hingegen deutet darauf hin, dass das Dreikaiserabkommen von einigen Russen sogar als Fiktion wahrgenommen wurde. Diesbezüglich ließen sie verlauten, dass „der Spott der Franzosen, das Dreikaiserabkommen sei nur eine Maske, hinter der die Mächte die sie trennenden Gegensätze versteckten, […]nicht ganz unbegründet [war].“[2] Auf weitere Urteile werde ich zu späterem Zeitpunkt nochmals zu sprechen kommen.

Fakt ist jedoch, dass das Dreikaiserabkommen keiner kontinuierlichen Fortdauer unterlag, da es letztlich auf dem Berliner Kongress ad acta gelegt wurde. Demnach muss es gewisse Spannungsfelder gegeben haben, die ein Bestehen des Abkommens nicht zuließen. In dieser Hausarbeit sollen die Belastungsfaktoren des monarchischen Bündnisses dargestellt werden und letztlich soll der Frage nachgegangen werden, ob es sich nicht vielmehr lediglich um eine trügerische Sicherheit statt um einen Pfeiler des europäischen Friedens gehandelt hat. An dieser Stelle möchte ich die These aufstellen, dass ein Fortbestehen des Dreikaiserabkommens durch das konkrete militärische Eingreifen der Russen in die durch den Freiheitsdrang der christlichen Balkanvölker ausgelösten Aufstände gegen die Türken nicht möglich war. Doch bevor ich auf den Bruch des Abkommens zusprechen komme, werde ich den konkreten Weg zum Bündnis skizzieren und anschließend auf zwei wesentliche Belastungsfaktoren eingehen. Damit die Betrachtung des ersten außenpolitischen Bündnisses des Reichskanzlers nicht kontextfrei geschieht, wird zu Beginn der Hausarbeit ein Überblick über die Situation in Europa Anfang der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts geben, in der sich die politischen Akteure befanden. Aus diesen Punkten geht hervor, dass diese Hausarbeit einen deskriptiven Charakter aufweist.

2. Außenpolitischer Rahmen nach der Reichsgründung

In diesem Teil der Hausarbeit gehe ich kurz auf die gegenwärtige Situation in Europa ein, in der sich die europäischen Mächte nach der deutschen Reichseinigung 1871 befinden. Denn dieses Ereignis stellte sowohl für das Deutsche Reich als auch für die anderen Mächte der europäischen Pentarchie „den Beginn einer neuen Periode ihrer Geschichte“[3] dar.

Dabei werde ich zuerst die Intentionen des deutschen Kaiserreiches bezüglich der Außenpolitik skizzieren. In diesem Zusammenhang werde ich zumeist von der „bismarckschen Außenpolitik“ sprechen, da in der Literatur stringent von der Außenpolitik Bismarcks zu lesen ist.

Um nicht nur einen Überblick über die außenpolitischen Ziele Bismarcks zu erhalten, werde ich außerdem die Sichtweisen ausgewählter europäischer Mächte auf die neu formierte Mitte Europas schildern.

2.1 Ziele der bismarckschen Außenpolitik

Nach der durch kriegerische Aktivität erreichten Reichseinigung durch Otto von Bismarck, musste dieser einen neuen politischen Kurs einnehmen, um sicherzugehen, dass die anderen Mächte der Pentarchie diesem neu entstandenen Machtpotential in der europäischen Mitte nicht sofort entgegenwirken würden. Denn das Deutsche Reich war nun zu einer politischen Großmacht geworden, die die anderen europäischen Mächte mehr als kritisch betrachteten. Deshalb bestätigte der Reichskanzler schon zu seiner Eröffnungsrede des Reichstags, dass er das Deutsche Reich als saturiert anerkenne und keine weiteren territorialen Annexionen vorhabe, um das Reich auszudehnen. Er wolle sich der innenpolitischen Entwicklung zuwenden und außenpolitische Stabilisation durch Bündnispolitik schaffen.[4]

In dieser Bündnispolitik verfolgte Bismarck drei Grundlegende Ziele, welche auf drei verschiedenen Belastungsfaktoren gestützt waren.

Als erste Ursache für die internationale Politik Bismarcks ist die geographische Mittellage Deutschlands zu sehen. Dadurch war das Deutsche Reich prinzipiell der Gefahr eines Zweifrontenkrieges ausgesetzt. Denn basierend auf Bedrohungsängsten der anderen Mächte gegenüber dem neuen Deutschen Reich, war die Wahrscheinlichkeit einer Koalition gegen eben dieses sehr hoch.[5] Demnach war Bismarck gewillt in dem System der Pentarchie mindestens zwei Bündnispartner zu gewinnen, um außenpolitische Stabilisation zu erreichen. Ganz im Sinne der Wiederherstellung der alten Allianz aus der Zeit des Wiener Kongresses strebte Bismarck ein konservatives Bündnis an, dass die monarchischen Reiche Österreich-Ungarn und Russland als Bündnispartner beinhalten sollte.[6]

Des Weiteren befürchtete Bismarck aufgrund des dritten Reichseinigungskrieges eine Revanche von Frankreich. Die enorme deutsch-französische Konfrontation veranlasste den Reichskanzler dazu, eine außenpolitische Isolation Frankreichs anzustreben, was als ein weiteres Ziel seiner Außenpolitik anzusehen ist. Allerdings birgt diese deutsch-französische Konfrontation auch die Gefahr der potentiellen Abhängigkeit von Russland bzw. Österreich-Ungarn, die ohne Weiteres auch mit Frankreich hätten koalieren können.[7] Allerdings hatten sowohl das zaristische Russland als auch Österreich-Ungarn Interessen auf dem Balkan, welche sich unvereinbar gegenüberstanden. Somit befand sich Bismarck in einem Entscheidungsdilemma in der Frage, welchen seiner angestrebten Bündnispartner er in den Orientfragen unterstützen solle. Entscheidet er sich für die eine Seite, so könne die andere sofort mit Frankreich koalieren. Dies zeigt die vehemente Abhängigkeit des Deutschen Reich durch die deutsch-französischen Auseinandersetzungen. Deshalb war das dritte Ziel der bismarckschen Außenpolitik die Optionsfrage weitgehend offenzuhalten, um eine Koalition seiner potentiellen Bündnispartner mit Frankreich zu verhindern.[8]

Es zeigt sich also, dass Bismarck außenpolitisch einen ständigen Drahtseilakt zu bestreiten hatte und sich ihm so gut wie keine andere Kursvariante boten, was er selbst folgendermaßen schilderte: „Man [kann] nicht Schach spielen [...], wenn einem 16 Felder von 64 von Hause aus verboten sind“[9]. Das freie Handeln war ihm also nicht möglich, weshalb ihm nur die Option offen blieb, stets zu bekunden, dass das Deutsche Reich saturiert sei und er das neue Reich in die europäische Mächtebalance integrieren wolle.

Wie die anderen Mächte der Pentarchie zu diesem Sachverhalt und dem neu gegründetem Reich standen, möchte ich im folgenden Abschnitt kurz darlegen.

2.2 Die Stellung der anderen Großmächte gegenüber dem neuen Deutschen Reich

Im Zuge der Reichseinigungskriege hat Preußen-Deutschland gezeigt, dass es sich vor allem militärisch durch deren Reformen stark verbessert hat und nicht davor scheute, diese Macht im Kampf einzusetzen. Demnach fällt es nicht schwer zu verstehen, dass die anderen europäischen Mächte dieses neu formierte Deutsche Reich durchaus äußerst kritisch betrachteten.

Odo Russell, britischer Sonderbotschafter, befürchte, nachdem er Bismarck persönlich kennengelernt hatte, diesen „die Landkarte Europas weit mehr ändern zu sehen, als von Kaiser Napoleon erwartet wurde.“[10] Ähnliche Worte findet Benjamin Disraeli, der damit die englischen Konservativen vertritt. Er sieht die Reichseinigung als deutsche Revolution, die als ein bedeutenderes politisches Phänomen, als es die Französische gewesen sei. Seines Erachtens sei Machtbalance in Europa völlig zerstört.[11] Es zeigt sich also, dass in England die Einigung des Reiches durch die Ungewissheit über zukünftigen Kurs mit Skepsis betrachtet wurde. Allerdings muss man an dieser Stelle sagen, dass bezüglich der neu formierten Mitte nicht nur negative Urteile seitens der Briten zu finden sind. In diesem Zusammenhang formuliert James Bryce 1873, dass die deutsche Einigung „trotz aller voreiligen und einfältigen Aeußerungen […] der englischen Presse, […] von dem größten Theil der Engländer […] mit aufrichtiger Theilnahme und Freude verfolgt worden [ist]“[12] Letztlich ist festzuhalten, dass die britische Reaktion auf die Reicheinigung durch „abwartende Gelassenheit und zurückhaltende[n] Optimismus“[13] beschrieben werden kann. Dies kann durch drei Fakten der deutschen Außenpolitik erklärt werden: die kleindeutsche Lösung, der Verzicht auf Flottenrüsten und der Verzicht auf offensive Kolonialpolitik.[14]

[...]


[1] Kestler, 2002, S. 72 zit. nach GP Bd. 2, S. 32 Bismarck an Bülow. Varzin, 14. August 1876

[2] Holborn, 1925, S. 13 zit. nach Rachfahl, 1923, S. 43f

[3] Hildebrand, 2008, S. 1

[4] vgl. Mommsen, 1993, S.18

[5] vgl. Schmidt, 2004, S. 193

[6] vgl. ebd., S. 195

[7] vgl. ebd., S.194

[8] vgl. ebd., S.195

[9] ebd., S. 196

[10] Schmidt, 2004, S. 191

[11] vgl. Hildebrand, 1996, S. 13

[12] Hildebrand, 1996, S. 13f, zit. nach Bryce, 1873, S. VII

[13] ebd., S. 19

[14] vgl. ebd., S. 19

Details

Seiten
21
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656639596
ISBN (Buch)
9783656639572
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272435
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,0
Schlagworte
eine betrachtung dreikaiserabkommens bündnis frieden sicherheit
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Titel: Eine kritische Betrachtung des Dreikaiserabkommens von 1873