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Luther und die Rhetorik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 22 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Rhetorik in der Antike und im Mittelalter

Rhetorik bei Luther
Luther in der Tradition der klassischen Rhetorik
Luther und das Wort
Luthers Predigten
Martin Luther als Rhetoriker in dialektischem Gewand?

Rhetorik und Homiletik heute

Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

Die Rede ist die Kunst, Glauben zu erwecken.[1] Dieses Zitat könnte vom großen Reformator Martin Luther stammen. Er war nicht nur ein gelehrter Mann, sondern lehrte auch selbst und war praktizierender Theologe, der auch aktiv predigte. Er erkannte einen direkteren Weg zu Gott, als den der Kirche seiner Zeit und versuchte diesen Weg anderen deutlich zu machen. Er war der Überzeugung, dass der einzelne Gläubige allein durch Gottes Wort in der Bibel und seine Heilszusage in Jesus Christus, in direkte Beziehung zu Gott treten kann. Daher übersetzte er den Bibeltext aus dem Hebräischen und Griechischen in die deutsche Sprache und machte ihn so auch Menschen zugänglich, die nicht des Lateinischen mächtig waren. Dass die Rede den Glauben in den Menschen wecken kann, dem hätte Luther bestimmt zugestimmt. Allerdings ist obiges Zitat nicht von Luther, sondern stammt von Aristoteles, einem der größten Philosophen der Antike. Interessanterweise geht auch dieser davon aus, dass durch die Kunst der Rede Glaube oder Erkenntnis in den Menschen entstehen kann. Er geht hier allerdings nicht von einem Glauben an Gott aus, sondern meint alle Dinge, von denen die Menschen Wissen erlangen können. Die Philosophen der Antike machten sich Gedanken über den Menschen und das Leben, das er führen sollte. Zudem machte man sich Gedanken, wie man den Weg zur wahren Erkenntnis am besten festhalten kann und anderen Menschen näher bringt. Es entstanden so verschiedene Disziplinen, unter anderem die Dialektik und die Rhetorik. Diese lieferten verschiedene Mittel, durch die man zu Wissen gelangen und dieses auch in Worte fassen konnte. Eine Rede über einen bestimmten Aspekt sollte die Zuhörer im Idealfall von dem Gesagten überzeugen, denn es ging nicht um nackte Wissensvermittlung, sondern um die Erkenntnis des Einzelnen.

Die Frage ist nun, ob die Parallelität nur scheinbar existent ist, oder ob auch Luther seine Rede mit Kunstfertigkeit gestaltete, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen und sein Publikum besser erreichen zu können. Aber passen Predigt und Rhetorik überhaupt zusammen? War Luther nicht ein Mann, der seine Sprache als schlicht und volksnah beschrieb? Wie passt hier die Rhetorik ins Bild? Festzuhalten ist, dass die Rhetorik nicht zu allen Zeiten hoch geschätzt wurde. Es gab schon immer viele verschiedene Meinungen dazu, wie eine gute Rede auszusehen hat, oder was den idealen Redner ausmacht. Über die Jahre veränderten sich die Vorstellungen, Theorien wurden abgewandelt, aber auch längst verdrängt Geglaubtes wieder aufgegriffen und neu verarbeitet. So auch in der Reformationszeit. In dieser Zeit wurde der Buchdruck erfunden und die humanistische Bildung begann Früchte zu tragen. Humanistische Gelehrte gingen zurück zu den Quellen und zwar zu denen der griechischen und römischen Antike. Im Zuge dessen wurde auch die Rhetorik wiederbelebt. Aber hatte diese humanistische Gelehrsamkeit auch für einen Theologen wie Luther Bedeutung? Stand auch er in der Tradition der Rhetorik?

Die soll in der folgenden Arbeit genauer betrachtet werden. Es soll herausgearbeitet werden, wie Luthers Verhältnis zur Rhetorik war. Zuerst soll er grob in den geschichtlichen Kontext der Rhetorik eingeordnet und in den Bezug zur klassischen Rhetorik gestellt werden. Da man bei Luther nicht nur einseitig die sprachliche Komponente seines Schaffens betrachten kann, sondern immer auch die theologische Dimension eine entscheidende Rolle spielt, soll dann sein Verständnis vom Wort Gottes betrachtet werden, das die theologische Basis seiner Rhetorik bildet. Als nächstes wird betrachtet, wie sich diese Vorstellungen in Luthers Redetätigkeit dann tatsächlich auswirken. Hierbei soll vor allem die Predigt untersucht werden. Nun soll noch auf eine Besonderheit der Rhetorik in der Reformationszeit eingegangen werden, die auch Luther und seine Predigt entscheidend prägt. Hierbei spielt die ebenfalls klassische Disziplin der Dialektik eine Rolle, die schon in der Antike in einem engen Verhältnis zur Rhetorik stand, und deren Rolle zu Luthers Zeit neu gestaltet wird. Zum Schluss wird die Rolle der Rhetorik in der heutigen Zeit noch einmal ins Blickfeld rücken. Es soll hier die Verbindungslinie von Luthers, durch seine christliche Rhetorik geprägte, Predigttätigkeit zur Homiletik heute gespannt werden.

Rhetorik in der Antike und im Mittelalter

Der Überlieferung zufolge liegen die Anfänge der Rhetorik bei den Sizilianern Korax und Teisias, die sich im 5. Jahrhundert v. Chr. als Erste theoretisch mit der Kunst der überzeugenden Rede befassten. Aus den Lehren dieser ersten beiden Rhetoriker entwickelten sich sophistische Schulen.[2] In Abgrenzung zu den Sophisten entwickelte Platon sein Rhetorikverständnis und auch sein Verständnis von Philosophie. Für die Sophisten übernimmt die Rhetorik die Aufgabe der Philosophie. Für Platon ist eine solche Vorstellung nicht möglich, da sich in der Sprache nicht automatisch Wahrheit offenbart. Worte sind für Platon nur ein Abbild, ein Abglanz der Dinge, die sie beschreiben, und können deshalb keine absolute Wahrheit enthalten. Dies kann nur die Philosophie, weshalb der wahre Redner Philosoph ist und kein Rhetor.[3] Platons Schüler Aristoteles löst sich wiederum von Platons Denkweisen und etabliert die Rhetorik als praxisbezogene Theorie, die auf die emotionale Bewegung der Adressaten bezogen ist. Dichtkunst und Rhetorik liegen bei Aristoteles dicht beieinander.[4] Das Gegenstück zur Rhetorik ist die Dialektik, eine bestimmte Form der Argumentation, die zur Erkenntnisfindung dienen kann. Der ideale Redner muss nach Aristoteles ein Dialektiker sein, da er in der Lage sein muss wahrscheinliche Schlüsse zu ziehen. Die Erkenntnisse, die in diesem dialektischen Prozess entwickelt werden, müssen für Zuhörer aufbereitet werden. Dies ist Aufgabe der Rhetorik, die die nötigen Mittel bereitstellt, um das Publikum zu überzeugen.[5]

Die nächste wichtige Station in der Geschichte der Rhetorik ist Rom. Dort veröffentlicht Cicero (106-73 v. Chr.) sein Werk über die Kunst der Rhetorik: De oratore. Er plädiert für eine philosophisch fundierte und zugleich praxisbezogene Rhetorik.[6] In der folgenden Zeit des Kaiserreichs hat es die Rhetorik schwer, da die Politik nicht mehr auf öffentliche Streitreden ausgelegt ist und somit die Kunst der Rede die Hauptaufgabe, die sie noch in der Antike hatte, verliert. Dennoch überlebt sie, da sie mittlerweile ein fester Bestandteil des Bildungssystems geworden ist. Im Zusammenhang des Rhetorikunterrichts kommt man in dieser Zeit und auch in der Folgezeit nicht am Lehrwerk Quintilians (35-96 n. Chr.) vorbei: Die I nstitutio oratoria.[7] Das zwölfbändige Werk beschreibt die Erziehung zum idealen Redner, die schon im Säuglingsalter mit der Wahl einer geeigneten Amme, die dem Säugling oder Kleinkind die Sprache in ihrer korrekten Form vorlebt. Gleichzeitig prangert er den Verfall der Beredsamkeit an. Die bestehende Redekunst sei schwülstig, entartet und fehlerhaft, was mit dem Verfall der Sitten und der Moral zu tun habe. Das Urteilsvermögen der Redner will Quintilian durch seine bis ins Kleinste geplante Erziehung zum vollkommenen Redner wieder stärken und so den Redner wieder zu einem politisch und moralisch richtig handelnden Menschen machen. Der ideale Redner ist für ihn ein politisch handelnder Mensch und kein Schauspieler, wie die Deklamatoren seiner Zeit.[8] Bedeutsam für den weiteren Verlauf der Geschichte der Rhetorik ist vor allem auch, dass Quintilian die Theorie der Rhetorik weiter fasst und in ihr nicht nur die Kunst der vollendeten Rede allein sieht, sondern sie auch umfassender auf Literatur bezieht. Er versteht sowohl die Produktion, als auch die Rezeption von geformter Rede als Feld der rhetorischen Kunst.[9]

Im Mittelalter trifft die antike Kultur auf christliche Lehre. In der Geschichte des sich entwickelnden Christentums hat es die Rhetorik anfänglich sehr schwer, da sie innerhalb alter nichtchristlicher Traditionen wahrgenommen wird und deshalb oft als überkommen abgelehnt wird. Vor allem die Hauptdisziplinen der antiken Überlieferung, Grammatik, Dialektik und Rhetorik, geraten in die Kritik. Sie erscheinen als hochgradig überflüssig oder sogar geschickte Sprachfallen für gutgläubige Menschen. Man ist der Überzeugung, die Wahrheit im Evangelium zu finden und dazu die antiken Disziplinen nicht mehr zu benötigen. Lactantius († ca. 330 n. Chr.) schließt in seinen Divina Institutiones aus der Widersprüchlichkeit der einzelnen Philosophen sogar die Unrichtigkeit der heidnischen Lehren im Allgemeinen und stellt diesen die christlichen Wahrheiten entgegen. Das Evangelium allein enthält also die christliche Wahrheit und sie ist nicht durch antike Lehren zu erreichen.[10]

Diese Haltung ändert sich, nachdem das Christentum zur Staatsreligion unter Theodosius (381 n. Chr.) wird. Dadurch wird der Kampf gegen den Hellenismus praktisch überflüssig und es mehren sich die Stimmen, die hellenistische Bildung mit dem Bekenntnis zum Christentum verbinden wollen.[11] Aurelius Augustinus (354-430 n. Chr.), der lange sehr erfolgreich Rhetorik unterrichtet, wendet sich im Jahre 387 dem Christentum zu und lässt sich taufen. Er vereinigt in sich also griechisch-römische Bildung und christlichen Glauben. Seiner Meinung nach sollten sich Christen die Lehren der Heiden, zum Beispiel eben die Rhetorik, aneignen, um selbst Vorteil aus den Lehren zu schöpfen, die trotz ihres heidnischen Ursprungs, doch viel Wahres und Nützliches enthalten. In seinem Werk De doctrina christiana legt er dar, wie man die antiken Wissensdisziplinen für die christliche Lehre fruchtbar machen kann. Er beschreibt zu Beginn seines Werkes selbst, was dessen Aufgabe sein soll: „ Um zwei Punkte dreht es sich bei jeglicher Beschäftigung mit den (heiligen) Schriften: Einmal um die Auffindung [modus inveniendi] dessen, was verstanden werden soll, und dann um die Darstellung [modus proferendi] des Verstandenen.[12] Es soll also eine Erläuterung zum Verständnis der Heiligen Schrift sein und dann darlegen, wie man das Verstandene, zum Beispiel in der Predigt, so darstellen kann, dass die Menschen von den Glaubensinhalten tatsächlich berührt werden und sie deshalb verstehen können. Die ersten drei Bücher beschäftigen sich daher mit der Auffindung der Themen und sind im Prinzip eine Anleitung zur Interpretation. Das vierte beschäftigt sich dann mit der Darstellung des Aufgefundenen und Verstandenen. Interessant ist, dass er die Anwendung der Rhetorik auf die Heilige Schrift auch damit begründet, dass die Bibel selbst, zum Beispiel die Briefe des Apostels Paulus, rhetorisch gestaltet ist und als Vorbild für die eigene Beredsamkeit dienen sollte. Natürlich hebt er hervor, dass die Bibel trotzdem göttliche Wahrheit enthält. Die Verfasser seien göttlich inspiriert und bedienten sich dann aber rhetorischer Mittel, indem sie die Wahrheiten angemessen vortrügen. Ein zweites Merkmal seiner Rhetorik, das es herauszustellen gilt, ist die Trennung des Stoffes von der Stillage der Rede. Da alles, was ein christlicher Redner vorzutragen hat, groß und bedeutsam ist, der Zuhörer mit einem gehobenen Stil allerdings nicht zurecht kommen würde, kommt es vor allem auf die Aufgabe der Rede an und nicht auf die inhaltliche Ebene. Augustin plädiert vor allem für die Klarheit der Rede.[13]

[...]


[1] Knischeck (Hg.): Lebensweisheiten berühmter Philosophen. S. 213.

[2] vgl. Ueding; Steinbrink: Grundriss der Rhetorik. S. 14-18.

[3] vgl. Otto: Rhetorische Predigtlehre. S. 62.

[4] vgl. ebd.

[5] vgl. Ueding; Steinbrink: Grundriss der Rhetorik. S. 27.

[6] vgl. Otto: Rhetorische Predigtlehre. S. 63.

[7] Vgl. ebd. S. 64.

[8] vgl. Ueding; Steinbrink: Grundriss der Rhetorik. S. 42-47.

[9] vgl. Otto: Rhetorische Predigtlehre. S. 64.

[10] vgl. Ueding; Steinbrink: Grundriss der Rhetorik. S. 48f.

[11] vgl. ebd. S. 49.

[12] Augustinus: De doctrina christiana Nach: Ueding; Steinbrink: Grundriss der Rhetorik. S. 51.

[13] vgl. Ueding; Steinbrink: Grundriss der Rhetorik. S. 50-54.

Details

Seiten
22
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656645061
ISBN (Buch)
9783656645054
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272374
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Germanistisches Seminar
Note
1,7
Schlagworte
Luther Rhetorik Homiletik Predigt Melanchthon

Autor

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Titel: Luther und die Rhetorik