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Zweikämpfe in den Büchern III-V des "Parzival" von Wolfram von Eschenbach unter Berücksichtigung der altfranzösischen Vorlage

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 29 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Übersetzung (262,1 – 263,16)

Der Zweikampf im Mittelalter

Parzivals Zweikämpfe in den Büchern III-V
Kampf mit Ither
Kampf um Belrapeire
Kampf mit Orilus

Ausblick: Rittertum und seine Bewertung im Parzival

Fazit

Literaturverzeichnis
Quellen
Sekundärliteratur

Einleitung

er kunde curtôsîe niht,

als ungevarnem man geschiht. “ (144, 21)

So wird Parzival, der junge Held des gleichnamigen Romans Wolfram von Eschenbachs, beschrieben, als er die Isolation, in der er seine Jugend mit seiner Mutter verbringt, verlässt. Das sind denkbar schlechte Voraussetzungen für einen jungen Mann aus adligem Haus, der versucht in die Welt hinaus zu gehen, um seine Bestimmung zu finden und Ritter zu werden. Der Begriff curtôsîe[1] wird aus dem Französischen übernommen und wird im Mittelhochdeutschen Handwörterbuch von Matthias Lexer mit höfisches benehmen, feine bildung[2] übersetzt. Parzival fehlt also zunächst Erfahrung in einem angemessenen höfischen Betragen. Dies wird ihn schnell in Probleme bringen, von denen er allerdings anfänglich nicht viel mitbekommt und erst im Rückblick sein Unrecht erkennen kann. Die ritterliche Welt ist also durch Regeln gebunden, von denen Parzival erst einmal nichts weiß. Wie sich sein Weg und die Zweikämpfe, die er unentwegt ausficht, gestalten, ist daher ein wichtiger Aspekt der Erzählung um Parzival. Sein Kämpfe spiegeln den Entwicklungsstand des Helden, wo er gerade steht und was ihn beeinflusst und leitet. Außerdem erlauben die Ausgestaltung der Kämpfe und der Darstellung von Gewalt allgemein Rückschlüsse auf das Rollenbild des Ritters, das im Parzival gezeichnet wird.

Gewalt spielt im Selbstverständnis von Adeligen der damaligen Zeit eine entscheidende Rolle. Es gilt das Recht des Stärkeren. Dies greift die großen Gattungen der Zeit, also das Heldenepos und der höfische Roman, auf. Man kann aber auch nicht von einer reinen Inszenierung oder gar Glorifizierung von Gewalt sprechen. Gewalt und Rittertum werden auch deutlich problematisiert. Dies geschieht auch in der Vorlage für den Parzival, dem Conte du Graal von Chrétien de Troyes. Diesen Aspekt greift Wolfram auf und arbeitet ihn weiter aus. Er legt die Figur des Parzivals vielschichtiger an und gibt seinen ersten Zweikämpfen, die später genauer untersucht werden sollen, auch deshalb eine weitere Dimension, weil die Geschichte des Titelhelden weitergeht, wo die Textvorlage bereits abbricht.

Zu Beginn soll exemplarisch eine der Textstellen, die einen Zweikampf Parzivals schildern, übersetzt werden. Die gewählte Stelle beschreibt den Kampf Parzivals mit Orilus und umfasst die Verse 262,1 bis 263,16 nach der Zählung von Lachmann. Dann soll zunächst die Bedeutung und die Ausprägungen von Gewalt und Zweikämpfen im Mittelalter näher beleuchtet werden. Dann folgt eine Analyse der wichtigsten Zweikampfszenen in den Büchern III-V. Hierbei wird auch die Textvorlage, also die entsprechenden Stellen des Conte du Graal von Chrétien, zum Vergleich herangezogen. Es soll herausgearbeitet werden wie die Zweikampfszenen gestaltet sind, was sich aufgrund dessen über Parzival sagen lässt und welche Bedeutung sie für den weiteren Verlauf der Handlung haben. Am Schluss soll ein Ausblick auf die anderen Bücher des Parzival gegeben und die Bewertung von Gewalt und Rittertum aufgezeigt werden.

Übersetzung (262,1 – 263,16)

Auch Parzival war bereit.

Er ritt sein Pferd im Galopp

Orilus von Lalant entgegen.

Auf dessen Schild erblickte er

einen lebensecht abgebildeten Drachen.

Ein anderer Drache richtete sich,

auf seinem Helm befestig auf.

Zugleich waren

viele kleine, goldene Drachen

(natürlich[3] mit vielen Edelsteinen

verziert:

ihre Augen waren Rubine):

auf der Decke und am Umhang[4].

Da nahmen die zwei furchtlosen Helden

einen weiten Anlauf[5].

Auf keiner von beiden Seiten wurde die Fehde angekündigt[6],

waren sie doch nicht durch Treue gebunden.[7]

Große Splitter, ganz frisch,

wehten von ihnen in die Luft.

Ich würde mich gerne dessen rühmen[8],

eine solche Tjost gesehen zu haben,

wie sie mir diese Erzählung berichtet hat.

Dort wurde die Carrière[9] geritten,

ein solcher Zusammenprall[10] konnte nicht vermieden werden.

Frau[11] Jeschutes Empfinden sagte

dass sie nie einen schöneren Tjost gesehen hatte.

Sie hielt dort und wand ihre Hände.

Sie, die von Freude verlassen war,

gönnte keinem der beiden Helden Leid.

Die Pferde badeten im Schweiß.

Sie beide begehrten den Ruhm.

Das Glänzen der Schwerter,

und die Funken[12], die von von den Helmen sprangen,

und mancher kühne Schwung

das begann weithin zu glänzen[13].

Es waren die Besten in der Kampfkunst,

die hier mit Wucht aufeinander trafen,

bringt es den kühnen Helden

Schaden oder Gewinn.

Wie willig auch immer die Pferde sie gewähren ließen,

auf denen sie beide saßen,

vergaßen sie nie die Sporen,

auch nicht ihre blitzenden Schwerter.

Lob gebührt hier Parzival,

dass er sich auf solche Weise[14] gegen gut hundert Drachen

und einen Mann verteidigen kann.

Der Zweikampf im Mittelalter

Gewalt begegnet in Texten und Bildern des Mittelalters in den unterschiedlichsten Ausprägungen. Obwohl das Bild vom blutrünstigen und gewalttätigen Mittelalter mittlerweile als Zerrbild[15] gilt, sind die Darstellungen von Gewalt, aus denen sich dieses Bild formte, doch erforschenswert. Gerade in der Literatur des Mittelalters spielt der Gewaltdiskurs eine zentrale Rolle. Er bildet ab, wie sehr Gewalt, Krieg und Kampf das Bild beherrschen und erdenkt Strukturen und Lösungen oder zeigt Probleme auf. Ein besonderes Phänomen ist in diesem Kontext der Zweikampf. Die mittelalterliche Zweikampfstruktur scheint fest „ mit einer vergangenen Adelskultur [verbunden zu sein], die soziale Konflikte über Gewalt reguliert[16]. Dieses Modell existiert aber nicht erst seit dem Mittelalter. Schon die Bibel berichtet von David und Goliath und die Ilias vom Zweikampf zwischen Menelaos und Paris um die schöne Helena. Die Wirkung des Zweikampfes als Konfliktlösungsmodell ist außerdem bis in die Duellkultur des 19. Jahrhunderts spürbar.[17]

Der Zweikampf ist im Mittelalter noch gelebte Praxis. „ Sie ist nicht nur eine elementare Form adeliger Kriegsführung, als Mittel der Konfliktlösung ist sie auch in den Volksrechten festgeschrieben[18]. Vom feudalen Rechtsverständnis, das vom Recht des Stärkeren geprägt ist, zeugen mittelalterliche Fehderechte wie zum Beispiel der Sachsenspiegel. Neben dem Zweikampf gibt es auch andere Lösungen, wie Eide und Pfandsetzungen, allerdings gilt es lange als rühmlicher mit Körperkräften, als mit Worten zu streiten.[19] Der gerichtliche Zweikampf, das duellum, „ ist geprägt durch die Trias von Gewalt, (gesetztem) Recht und Vorstellung vom Wirken göttlicher Gerechtigkeit[20]. Der Zweikampf ist also ein anerkanntes Beweismittel in einem gerichtlichen Prozess, wenn zum Beispiel keine anderen Beweise vorgelegt werden können. Das duellum gilt als Gottesurteil, da der Ausgang des Kampfes als göttliches Eingreifen zugunsten des Recht Habenden gedeutet wurde. Schließlich ist der Zweikampf auch Teil des festlichen Turniers. Hier dient er dazu die Sozialprestige der Teilnehmer zu regulieren. In allen diesen Bereichen scheint der Zweikampf allerdings schon im Mittelalter institutionell gerahmt zu sein. Außerdem treten zunehmen friedliche Formen der Konfliktlösung neben ihn.[21]

Trotz der zunehmenden institutionellen Rahmung ist Demonstration und Darstellung von Gewalt immer noch von großer Bedeutung in der Feudalstruktur. „ Der Zweikampf ist dabei mehr ideologisches Medium als reales Instrument.[22] Die zentralen Gattungen der mittelalterlichen Adelsliteratur – Heldenepos und höfischer Roman – schildern Zweikämpfe in großer Zahl. Sie markieren hier meist wichtige Stellen wie Aufrechterhalten der Ordnung, soziale Hierarchisierung oder die Verteilung von Frauen.[23] Die Gewalt und Affekte werden allerdings auch ganz unterschiedlich verarbeitet. Heldenepik ist sehr gewaltbereit. Starke Affekte leiten den Helden und können auch schnell in Zorn und so in Gewalt umschlagen. Der höfische Roman schafft die Verinnerlichung affektbestimmter Konflikte. Hier wird das Ideal der Gegnerschonung der impulsiven Gewalttat entgegengesetzt und ein höfischer Standard etabliert, der die alten Muster der Gewalt zwar nicht komplett ablöst, aber doch überformt. Die Kampfkompetenz und die Bereitschaft zu Gewalt bleibt trotz der neuen Perspektive von Selbstdisziplinierung und Affektkontrolle weiter unverzichtbar.[24]

[...]


[1] Zum Begriff curtoisie und hövescheit und der Einbettung in der mittelalterlichen Literatur siehe auch:

Erlei, Stefan: "Höfisch" im Mittelhochdeutschen. Die Verwendung eines Programmworts der höfischen Kultur in den deutschensprachigen Texten vor 1300 (= Beiträge zur Mittelalterforschung, Band 22). Frankfurt am Main 2010.

[2] Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Handwörterbuch. Band 1. Leipzig 1872-78 (ND Stuttgart 1992). Sp. 1796.

[3] müezen = u.a. notwendigerweise tun (Lexer. Band 1. Sp. 2217.)

Es wirkt hier also bekräftigend und verstärkend und wird daher mit natürlich verdeutlicht.

[4] kursît = Pelzoberrock, eine Kürsen die mit Seide oder Wollenzeug überzogen einen ziemlich weiten Überwurf bildete und der den Deutschen durch Frankreich bekannt geworden war. Von den Rittern wurde das k. über dem Harnisch getragen. (Lexer. Band 1. Sp. 1795)

[5] poynder = stossendes anrennen des Reiters (Lexer. Band 2. Sp. 282.)

Hier ist das Anrennen der Kämpfer zu Pferd beim Tjost gemeint. In der Übersetzung durch Anlauf verständlich gemacht.

[6] widersagen = Frieden und Freundschaft auf-, Fehde und Krieg ankündigen (Lexer. Band 3. Sp. 851.)

[7] Keiner von beiden ist durch eine ethische oder juristische Treue-Bindung gehalten. Daher können die Kämpfer ohne Bedenken an diese Bindungen spontan in den Kampf einsteigen.

[8] güften = u.a. durch Rufen bekannt machen, rühmen, verherrlichen (Lexer. Band 1. Sp. 1112.)

[9] rabbîne = das Rennen, Anrennen des Streitrosses, Carrière (Lexer. Band 2. Sp. 330.)

[10] tjost = ritterlicher Zweikampf mit dem Speere, Speerstoß in einem solchen Kampfe (Lexer. Band 2. Sp. 1451.)

[11] vrouwe = Herrin, Gebieterin, Geliebte; in der Anrede und als Titel vor Eigennamen (Lexer. Band 3. Sp. 540.)

Frau heißt nicht einfach nur Frau, wie im Nhd., sondern wird hier als Titel einer adeligen Dame gebraucht.

[12] viur = Feuer (Lexer. Band 3. Sp. 377.)

Hier sind wohl die Funken gemeint, die bei dem Kampf entstehen, wenn Metall auf Metall trifft.

[13] Im Sinne von, es war weithin sichtbar.

[14] alsus = in solchem grade, auf solche weise (Lexer. Band 1. Sp. 43.)

[15] Vgl. Althoff, Gerd: Schranken der Gewalt. Wie gewalttätig war das finstere Mittelalter? In: Der Krieg im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Günde, Begründungen, Bilder, Bräuche, Recht. Horst Brunner (Hrsg.). Wiesbaden 1999. S. 1-23.

Boockmann: Das grausame Mittelalter. Über ein Stereotyp, ein didaktisches Problem und ein unbekanntes Hilfsmittel städtischer Justiz, den Wundpegel. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 38. 1987. S. 1-9.

Braun, Manuel; Herberichs, Cornelia: Gewalt im Mittelalter: Überlegungen zu ihrer Erforschung. In: Gewalt im Mittelalter. Realitäten – Imaginationen. Manuel Braun, Cornelia Herberichs (Hrsg.). München 2005. S. 7-37.

[16] Friedrich, Udo: Die ‚ symbolische Ordnungʻ des Zweikampfs im Mittelalter. In: Gewalt im Mittelalter. Realitäten – Imaginationen. Manuel Braun, Cornelia Herberichs (Hrsg.). München 2005. S. 123-158. hier S. 123.

[17] siehe: Ludwig, Ulrike; Krug-Richter, Barbara; Schwerhoff, Gerd (Hrsg.): Das Duell. Ehrenkämpfe vom Mittelalter bis zur Moderne (= Konflikte und Kultur – Historische Perspektiven. Band 23). Konstanz 2012.

[18] Friedrich: Die ‚symbolische Ordnungʻ des Zweikampfs im Mittelalter. [Anm. 16] S. 123.

[19] vgl. ebd. S. 124.

[20] Neumann, Sarah: Der gerichtliche Zweikampf. Gottesurteil – Wettstreit – Ehrensache. Ostfildern 2010. S. 215ff.

[21] vgl. Friedrich: Die ‚symbolische Ordnungʻ des Zweikampfs im Mittelalter. [Anm. 16] S. 124.

[22] ebd. S. 127.

[23] vgl. ebd. S. 127.

[24] vgl. Ridder, Klaus: Kampfzorn. Affektvität und Gewalt in mittelalterlicher Epik. In: Wahrnehmen und Handeln. Perspektiven einer Literaturanthropologie. Wolfgang Braungart, Klaus Ridder, Friedmar Apel (Hrsg.). Bielefeld 2004. S. 41-56.

Details

Seiten
29
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656644804
ISBN (Buch)
9783656644781
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272373
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Germanistisches Seminar
Note
2,5
Schlagworte
zweikämpfe büchern iii-v parzival wolfram eschenbach berücksichtigung vorlage

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