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Nero und der große Brand Roms

Eine Untersuchung der Schuldfrage

Hausarbeit 2014 17 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Darstellung des Tacitus

Inhalt und Deutung (Tac. ann. XV, 38-44)

3. Die Darstellung Suetons

Inhalt und Deutung (Suet. 38)

4. Die Darstellung Dios

Inhalt und Deutung (Cass. Dio 62, 16-18)

5. Vergleich der Darstellungen unter Berücksichtigung

Der modernen Forschungsliteratur

6. Schlussbetrachtung und Ausblick

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Brände im antiken Rom waren zahlreich und nichts Ungewöhnliches. Beschäftigt man sich jedoch näher mit diesem Themenkomplex, stechen unweigerlich zwei Brände hervor. Der große Brand im Jahre 390 v. Chr., auch der ‚Gallische Brand’ genannt, laut Livius ausgelöst am 19. Juli im Zuge der Eroberung Roms durch eben jene Senonen, und der große Brand von 64 n. Chr., dessen Ursache seit über 2000 Jahren bis heute kontrovers diskutiert wird. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit letzterem unter der Regentschaft Kaiser Neros. Jener ist gleichsam der wohl bekannteste aller Stadtbrände Roms und wurde als solcher sowohl von Roman-autoren als auch von Filmregisseuren vielfach aufgegriffen. Der grausame Tyrann Nero, der Pyromane, die Inkarnation des Antichristen, der mutwillig seine Stadt anzündet, um Platz für seine megalomanen Bauvorhaben zu schaffen, und der anschließend, während Rom in Flammen steht, durch die apokalyptische Szenerie inspiriert, vergnügt zur Leier den Untergang Trojas besingt und anschließend den Christen die Schuld an dem Brand gibt, ist das gängige gesellschaftlich verankerte Bild Neros, welches für viele ein historisches Faktum darstellt.

Was sich nun tatsächlich ereignete, ist sowohl in der antiken als auch in der modernen Forschung umstritten. Handelt es sich um Brandstiftung, oder ist der Brand zufällig ausgebrochen? Tacitus legt sich hier nicht eindeutig fest, er erwähnt, dass die ihm vorliegenden Quellen beide Standpunkte vertreten.[1] Sueton und Cassius Dio vertreten deutlich nerofeindlichere Positionen.

Die moderne Forschungsmeinung geht in drei Richtungen, wobei sich grundsätzlich die meisten von der Annahme antiker Historiker, Nero sei der Urheber des Brandes, distanzieren. Einige wenige schließen sich dennoch dieser Theorie an. Gegenargumente finden sich unter anderem bei Doer[2], Scheda[3], Baudy[4] und Grant[5]. Einige moderne Forscher halten die Christen für die Urheber, so etwa Bishop[6] oder Grant[7]. Die Zufallshypothese, die den Tenor der allgemeinen Forschungsmeinung repräsentiert, wird unter anderem explizit vertreten durch Hanslik[8] und Daniel-Rops[9]. Eine Sonderrolle, die in dieser Arbeit noch eingehender behandelt wird, kommt den Ausführungen Gerhard J. Baudys[10] zu, der einer Gruppe orientalischer, in Rom lebender fanatischer Christen die Schuld an dem neronischem Brand gibt.

Wie wird das Brandgeschehen von den drei antiken Historikern Tacitus, Sueton und Cassius Dio dargestellt? Lassen sich Übereinstimmungen aufzeigen? Welche Abweichungen gibt es? Wie interpretiert dies die moderne Forschung? Lässt sich eine Ursache bzw. ein Brandstifter, sofern es einen gab, benennen? Dies sind die Leitfragen, mit denen sich diese Arbeit beschäftigt. Dazu wird zunächst der Brandverlauf mit seinen Folgen skizziert. Anschließend folgt im Hauptteil eine kritische Auseinandersetzung und Analyse der drei Primärquellen. Diese werden miteinander verglichen und unter Berücksichtigung der modernen Forschungsliteratur interpretiert. In der Schlussbetrachtung wird zusammenfassend ein Fazit gezogen.

In der Nacht vom 18. zum 19. Juli 64 n. Chr. brach in Rom ein Großbrand aus, der neun Tage lang wütete und weite Teile der Stadt verwüstete. Der Brandherd lag bei den Händlern südwestlich des Circus Maximus und breitete sich sehr rasch aus. Der Brandprozess wurde von den leicht brennbaren Waren der Händler sowie der sommerlichen Wetterlage und einem aufkommenden Wind zusätzlich beschleunigt. Fehlender Brandschutz, die enge Bauweise der Häuser und Gassen sowie die Unbeholfenheit der Bürger taten ihr Übriges.[11] Die „vigiles“, eine erste von Augustus organisierte reguläre Feuerwehr, war nicht schlagkräftig genug, um des Großbrandes Herr zu werden. Nach sechs Tagen und sieben Nächten konnte das Feuer durch Gebäudeeinrisse zunächst eingedämmt werden, bevor es am siebten Tag erneut aufloderte. Diesmal in den Aemilianischen Grundstücken des Prätorianerpräfekten Ofonius Tigellinus, einem Günstling Neros.[12] Nach weiteren drei Tagen, bis zum endgültigen Erlöschen der Flammen, war das Ergebnis der neuntägigen Feuersbrunst verheerend. Laut Tacitus blieben nur vier der 14 römischen Stadtbezirke unversehrt. Drei wurden vollständig zerstört, von den sieben übrigen blieben nur wenige Häuserreste übrig, waren faktisch unbewohnbar.[13] Nach Cassius Dio waren zwei Drittel der Stadt vollständig verbrannt[14], im apokryphen Briefwechsel zwischen Paulus und Seneca berichtet Seneca im elften Brief, dem Feuer seien 132 „domus“ und 4000 „insulae“ zum Opfer gefallen.[15] Zahlreiche Tempel und Paläste wurden zerstört, unzählige Kostbarkeiten und Kriegsbeuten, außerdem nicht zu ersetzende griechische Schätze und Kunstwerke, Heiligtümer sowie bedeutende Denkmäler.[16] Unzählige Bürger fanden den Tod, Hundertausende wurden obdach- und mittellos. Champlin spricht in diesem Zusammenhang von „perhaps 200,000“.[17]

Nero selbst hielt sich bei Ausbruch des Brandes in Antium auf, rund 60 Kilometer von Rom entfernt. Er schien dem Feuer zunächst keinen hohen Stellenwert beizumessen, brach er doch erst in die Hauptstadt auf, als das Feuer seinen kürzlich erbauten Palast Domus Transitoria, welcher den Palatin mit den Parkanlagen des Maecenas verband, bedrohte.[18] Nach seinem Eintreffen in Rom leitete er umfangreiche Rettungsmaßnahmen und Hilfspakete in die Wege. Er gab das Marsfeld, Teile des Agrippa und sogar eigene Parkanlagen frei und ließ Notunterkünfte für die Obdachlosen errichten. Lebensmittelpreise wurden gesenkt, Nahrung und Materialien wurden aus Ostia und anderen benachbarten Städten herangeschafft.[19] Doch all diese humanitären Maßnahmen sowie der Versuch Neros, einen Sündenbock für die Geschehnisse im Christentum aufzuzeigen, vermochten es nicht, den aufkommenden Zorn im Volk und die sich verbreitenden Gerüchte, der Brand sei auf Befehl gelegt worden, zu ersticken.[20]

[...]


[1] Vgl. Tac. ann. XV, 38.

[2] Br. Doer, Neros Menschenfackeln. In: Das Altertum, Bd. II, 1955, 15-28.

[3] G. Scheda, Nero und der Brand Roms. In: Historia, Bd. XVI, 1967, 111-115.

[4] G. J. Baudy, Die Brände Roms. Ein apokalyptisches Motiv in der Antiken Historiographie: Hildesheim 1991.

[5] M.Grant, Nero. Despot, Tyrann, Künstler: München 1978.

[6] J. Bishop, Nero. The man and the Legend: London 1964.

[7] M.Grant, 1978.

[8] R.Hanslik, Der Erzählkomplex vom Brand Roms und die Christenverfolgung bei Tacitus. In: Wiener Studien, Bd. 76, 1963, 92-108.

[9] H. Daniel-Rops, Die Kirche zur Zeit der Apostel und Martyrer: München 1952.

[10] Baudy, 1991.

[11] Vgl. Tac. ann. XV, 38.

[12] Vgl. Tac. ann. XV, 40.

[13] Vgl. ebd.

[14] Cass. Dio 62, 18.

[15] E. Hennecke/W. Schneemelcher (Hg.), Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung, Bd. II, Tübingen 1964, 84ff.

[16] Vgl. Tac. ann. XV, 41.

[17] E. Champlin, Nero: Cambridge 2003, 180.

[18] Vgl. Tac. ann. XV, 39; Th. Kissel, Kaiser zwischen Genie und Wahn: München 2006, 108 f.

[19] Vgl. ebd.

[20] Vgl. Tac. ann. XV, 44.

Details

Seiten
17
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656638674
ISBN (Buch)
9783656638667
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272332
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Historisches Institut
Note
1,7
Schlagworte
Nero Brand Roms Kaiser Nero

Autor

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