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Der oligarchische Umsturz 411 v. Chr. in Athen

Essay 2014 6 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Der oligarchische Umsturz 411 v. Chr. in Athen

In meinem Essay zum Proseminar „Ideal, Utopie und politische Wirklichkeit in der griechischen Antike“ habe ich mich mit dem oligarchischen Umsturz 411 v. Chr. und der Herrschaft der 400 in Athen beschäftigt. Als Quelle zu diesem Thema liegen vor allem die Werke von Thukydides und Aristoteles vor. Da sich die Berichte über die Ereignisse jedoch wesentlich unterscheiden und aufgrund der Kürze dieses Essays, habe ich mich vor allem auf das Werk von Thukydides „Der peloponnesische Krieg“ konzentriert. Im Achten und letzten Band seines Geschichtswerkes beschreibt Thukydides unter anderem die Geschehnisse rund um die oligarchischen Umwälzungen. Hilfreich war auch die Monographie Herbert Heftners, welche sich genau mit diesem oligarchischen Umsturz und der darauf folgenden Herrschaft der 400 beschäftigt, sowie die Dissertation von Ursula Hackl: Die oligarchische Bewegung in Athen am Ausgang des 5. Jahrhunderts v. Chr. Im Vordergrund soll die Frage stehen, wie es zum Paradigmenwechsel im antiken Athen, weg von der Demokratie und hin zur Oligarchie, und somit zum Staatsstreich der 400 kommen konnte.

Athen befand sich in der Pentekontaëtie, des Zeitraums zwischen den Perserkriegen und dem peloponnesischen Krieg, in einer politischen und kulturellen Blütezeit, die attische Demokratie entfaltete sich und erlebte einen einzigartigen Aufschwung. Zugleich entflammte aber auch ein Konflikt zwischen Athen und Sparta, welcher endlich im Krieg um die Hegemonie im antiken Griechenland gipfelte. Solange der Krieg ausgeglichen war konnten die Athener die Demokratie halten, schrieb Aristoteles.[1] Doch dies sollte sich um 415 bis 413 v. Chr. ändern, als die auf Sizilien liegende Stadt Segesta Athen um Hilfe im Konflikt mit der Nachbarstadt Selinunt bat. Ein verunglückter Versuch der Streitmacht der attischen Bündner, die mit Sparta verbündete Polis Syrakus zu erobern, führte zu einer Zerstörung des Expeditionsheeres und einer vernichtenden Niederlage.[2]

„… Das Ziel unserer Fahrt nach Sizilien war zunächst, falls erreichbar, die Unterwerfung der Sikelioten, und nach jenen ebenso der Italioten, und weiter wollten wir uns an den Karthagern und ihrem Reich versuchen. Wenn das glückte, sei es vollkommen, sei es zum grössten Teil, gedachten wir dann die Hand nach der Peloponnes auszustrecken…“[3]

Diese Worte stammen von Alkibiades. Er war in der Debatte um die Sizilienexpedition das Sprachrohr der Befürworter und ein begnadeter Demagoge. Durch Versprechungen auf beträchtliche Beute liessen sich die Athener von dem Vorhaben überzeugen und 134 entsendete Schiffe fuhren in der Folge ins Verderben.[4] Dieses Beispiel zeigte, dass die Demokratie einen Staat unter dem Einfluss von Demagogen genauso wenig vor unbedachten, selbstzerstörerischen Handlungen bewahrt wie jede andere Form der Herrschaft. Erste antidemokratische Bewegungen könnten bis in die 50er Jahre des 5. Jahrhunderts hinaufreichen, sind aber sicherlich ab dem perikleischen Zeitalter auszumachen.[5] Die Niederlage der grossen sizilischen Expedition war Wasser auf die Mühlen der oligarchischen Agitatoren geleitet und der Anfang vom Ende Athens im peloponnesischen Krieg. In der Folge gab es weitere Hinweise auf die umstürzlerischen Tendenzen in der politischen Szene Athens. So wurde kurz nach dem Eintreffen der Hiobsbotschaft aus Sizilien ein neues Amtskollegium einberufen: die Probuloi. Dieses Komitee bestand aus 10 Männern, den Probulen, welche über die zu treffenden Massnahmen entscheiden sollten, die aufgrund der verheerenden Kriegslage nötig wurden. Auch wenn uns Thukydides weitgehend im unklaren lässt, welche konkreten Kompetenzen die Probulen besassen, geht die heutige Forschung davon aus, dass sie als eine Art „Notstandsregierung“ fungierten und deshalb wohl über umfassende Kompetenzen verfügten.[6] Die Bewegungsfreiheit des Demos und des Rates wurden auf jeden Fall erheblich eingeschränkt. Ein weiterer Indikator für ein Paradigmenwechsel in Athen könnte die Strategenwahl von 412/411 v. Chr. sein, als unter den neu gewählten Heerführern mit Charminos, Onomakles und Phrynichos Persönlichkeiten waren, die ein Jahr später zu den eifrigsten Aufrührern gehörten. Jedoch wurden bei dieser Wahl auch Strategen gewählt, welche für die demokratische Seite Partei ergriffen. Eine klare Tendenz ist in der Strategenwahl also kaum erkennbar.[7] Weit wichtiger waren die Ereignisse rund um die Stasis auf Samos. Die Athener hatten ihre Flottenbasis auf der Insel in der östlichen Ägäis stationiert. Unter den Anführern dieser Flotte kam es erstmals im Herbst 412 v Chr. zu antidemokratischen Strömungen. Dass sich aus diesen Strömungen eine regelrechte Verschwörung entwickeln konnte ist auf Alkibiades zurückzuführen. Alkibiades plante seine Rückkehr nach Athen, nachdem er aufgrund eines Prozesses wegen Hermen –und Mysterienfrevel fliehen musste. Er stellte den Befehlshabern der athener Flotte ein Bündnis mit dem Satrapen Tissaphernes in Aussicht, sollte es in Athen zu einem Verfassungswechsel kommen. Ein Bündnis mit Persien würde den Athenern einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem peloponnesischen Bund verschaffen. Die führenden Männer konnten ihren Soldaten diesen Plan schmackhaft machen, vor allem auch weil die Aussicht auf durch Persien finanzierte Soldzahlungen schwerer zu wiegen schien als die demokratische Gesinnung der Truppen. Es wurde beschlossen eine Gesandtschaft unter der Leitung des Peisandros nach Athen zu schicken um die Volksversammlung zu bearbeiten. Peisandros schien der geeignetste Mann für diese Mission zu sein, da er einen langen demokratischen Hintergrund hatte und durch seine Rednergabe die optimale Besetzung war, um dem Volk den Gedanken eines Verfassungswechsels näher zu bringen. Peisandros konnte die Ekklesie davon überzeugen, dass ein Bündnis mit dem persischen König der einzige Ausweg aus der misslichen kriegerischen Lage sei und ein solches aber nur zustande kommen könne, wenn man eine „vernünftigere“ Verfassung habe. Unter einer „vernünftigeren“ Verfassung verstand er eine Verfassung, welche auf weniger Teilnehmer basierte, damit der König Vertrauen aufbauen könnte. Es wurde seitens der Demokraten und der Gegner des Alkibiades zwar lautstarker Protest erhoben, jedoch konnte keiner Alternativen vorbringen wie man sich aus diesem Bedrängnis hätte lösen könne. Ausserdem schien für die Volksmasse die Tatsache wichtig gewesen zu sein, dass Peisandros in der Demokratie eine wichtige Position innehatte und es somit nicht nur persönlich-opportunistische Gründe waren, die ihn zum Fürsprecher des Verfassungswechsels werden liessen, sondern dass ihm dies die einzige Möglichkeit schien den Krieg siegreich zu beenden und das Seereich zu bewahren. Wichtig war auch, dass er sich vor der Ekklesie mit Bedacht ausdrückte und das tabuisierte Wort „Oligarchie“ nicht aussprach, sondern nur euphemistische Umschreibungen verwendete und nach einem erfolgreichen Kriegsausgang eine Rückkehr zu den gewohnten demokratischen Verhältnissen als wünschenswert erachtete. Eine athenische Gesandtschaft machte sich also auf den Weg um am Hof des Satrapen ein siegbringendes Bündnis zu unterzeichnen. Doch soweit kam es nicht, denn die Athener konnten den völlig überhöhten Forderungen des Tissaphernes, wie zum Beispiel der Zugang der Perser zur Ägäis, nicht zustimmen und mussten unverrichteter Dinge nach Samos zurückkehren.[8] Es war klar, dass die Bürger Athens einer Verfassungsänderung ohne das Bündnis mit Persien nicht zustimmen würden. Man hatte nun die Alternative die Pläne aufzugeben oder mit Gewalt durchzusetzten. Die oligarchischen Aktivisten auf Samos entschieden sich für letzteres und schickten Peisandros zurück nach Athen um die Verfassung zu ändern und gleichzeitig auch in den Bundesgenossenstädten die Reform voranzutreiben um sie von einem Abfall von Athen zu immunisieren. Auf der Reise zurück nach Athen stürzten Peisandros und seine Mitgesandten in den Städten, welche auf dem Weg lagen, die demokratischen Verfassungen. Zusätzlich zu dem Einsetzen von oligarchischen Regimes rekrutierten sie Hopliten als Hilfstruppen für den Putsch in Athen.[9] Noch vor der Rückkehr des Peisandros führten die antidemokratischen Hetairien in Athen eine Kampagne gegen die Demokratie. Sie hatten unliebsame Volksführer ermordet und durch systematischen Terror die Volksversammlung unter ihre Kontrolle gebracht.

[...]


[1] Aristoteles: Der Staat der Athener. Übersetzung M. Dreher, Stuttgart 1993. S. 62.

[2] Heftner, Herbert: Der oligarchische Umsturz des Jahres 411 v. Chr. und die Herrschaft der Vierhundert in Athen. Quellenkritische und historische Untersuchungen. Frankfurt am Main 2001. S. 1-6.

[3] Thukydides: Der Peloponnesische Krieg. Übersetzung A. Horneffer, Bremen 1957 6, 90.

[4] Günther, Linda-Marie: Griechische Antike. Tübingen 2008. S. 221.

[5] Heftner, Der oligarchische Umsturz, S. 1.

[6] Heftner S. 6-16.

[7] Ebenda S. 16-32.

[8] Ebenda, S. 32-92.

[9] Hackl, Ursula: Die oligarchische Bewegung in Athen am Ausgang des 5. Jahrhunderts v. Chr. Dissertation, München 1960. S. 18f.

Details

Seiten
6
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668122932
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272252
Note
Schlagworte
umsturz athen

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Titel: Der oligarchische Umsturz 411 v. Chr. in Athen