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Übersichten erhaltener Werke antiker Autoren - Band 8: Cicero

Fachbuch 2014 85 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhalt

Die „Rhetorik an Herennius“
Die Auffindung des Stoffes (1 6 – 3 15)
Statuslehre (1 18 – 2 26)
Beweisführung (2 27-50)
Anordnung des Stoffes, Vortrag, Sicheinprägen (3 16-40)
Gestaltung (4. Buch)

Cicero
Der Aufstieg (106 – 64)
Über die Auffindung des Stoffes
Für P. Quinctius
Für Sextus Roscius aus Ameria
Für den Schauspieler Q. Roscius, Für M. Tullius
Gegen Q. Caecilius, Erste und Zweite Rede gegen Verres
Hintergründe und Ablauf des Prozesses (Erste Rede)
Verres (Zweite Rede)
Verres in Sizilien (2.-5. Buch)
Für M. Fonteius, Für A. Caecina
An Atticus 1 1-9, Über den Oberbefehl des Cn. Pompeius
Für A. Cluentius Habitus
Quintus Tullius Cicero: Commentariolum Petitionis
Das Konsulat (63)
Erste bis Dritte Rede über das Siedlergesetz, Für Rabirius
Erste und Zweite Rede gegen Catilina
Für L. Murena
Catos Stoizismus und Ciceros Humanismus
Dritte und Vierte Rede gegen Catilina
Ad familiares 5 1-7, Für P. Sulla, Für den Dichter Archias
Unter Clodius‘ Bandenherrschaft (62 – 52)
An Atticus 1 12 – 3, An Quintus 1, Für L. Flaccus
Danksagungen an Senat und Volk, Über das eigene Haus
Für P. Sestius, Befragung des Zeugen P. Vatinius, Für M. Caelius
Über das Gutachten der Opferschauer
Über die konsularischen Provinzen, An Atticus 4 6, Ad familiares 1
Ad familiares 5 13, An Quintus 2 9 - 3, Ad familiares 7 5-18
Für L. Cornelius Balbus, Gegen L. Piso
Der Epikureer Piso
Für Cn. Plancius, Für M. Scaurus, Für Rabirius Postumus
Über den Redner, Einteilungen der Redekunst
Über das Gemeinwesen
Über die Gesetze
Für Annius Milo
Prokonsul von Kilikien (51 – 50) – Bürgerkrieg (49 – September 47)
An Atticus 5 – 6, Ad familiares [div.]
An Atticus 7 – 11
Unter Caesar (September 47 – März 44)
Brutus
Stoische Paradoxien
Der Redner, Über die beste Art von Rednern
Ad familiares 4 und 6, Für M. Marcellus, Für Q. Ligarius
An Atticus 12 12 – 13
Hortensius, Catulus, Lucullus
Lucullus’ Vortrag der Thesen des Antiochos
Ciceros Verteidigung der Akademiker
Akademische Abhandlungen, Timaeus
Über das höchste Gut und das größte Übel
Gespräche in Tusculum, Cato der Ältere über das Alter
Über das Wesen der Götter
Für König Deiotarus, An Atticus 13 57
Nach Caesars Tod (März 44 – Dezember 43)
An Atticus 14 – 15
Über die Wahrsagung, Über das Schicksal, Laelius
Topik
An Atticus 16, Erste und Zweite Rede gegen M. Antonius
Vom pflichtgemäßen Handeln
Gegen M. Antonius (Philippische Reden), An Brutus

Die „Rhetorik an Herennius“

Im Jahre 92 erließen die Zensoren Cn. Domitius Ahenobarbus und L. Licinius Crassus folgendes Edikt: „Es wurde uns gemeldet, daß es Leute gäbe, die eine neue Wissenschaft eingeführt hätten, zu denen die Jugend in die Schule ginge; sie hätten sich die Namen >Lateinische Rhetoren< beigelegt. Die jungen Leute säßen dort tagelang müßig herum. Unsere Vorfahren legten fest, was ihre Kinder zu lernen und in welche Schulen sie zu gehen hätten. Diese Neuerungen (…) gefallen uns weder, noch erscheinen sie uns richtig.“ (Sueton, Rhetoriker 25) Das Verbot hatte nur eine geringe Wirkung. Sueton zitiert aus einen ansonsten nicht überlieferten Brief Ciceros: „Ich erinnere mich, daß in meinen Jugendjahren ein gewisser Plotius [M. Plotius Gallus] auf lateinisch zu unterrichten begann. Als er großen Zulauf hatte, weil jeder eifrig Studierende von ihm unterrichtet werden wollte, war ich traurig, daß man mir dies nicht erlaubte. Ich wurde nämlich davon durch den Einfluß sehr gelehrter Männer zurückgehalten, die glaubten, griechische Übersetzungen eigneten sich besser zur Ausbildung der geistigen Fähigkeiten.“ (26.) Vermutlich ist Plotius der „doctor“ des Autors der Rhetorik an Herennius.

Mit den Kämpfen um die Reformversuche der Gracchen begann ab 133 ein einziger hundertjähriger Bürgerkrieg. Nach Marius’ Heeresreform mußte jeder Feldherr seinen Soldaten Land versprechen. Wenn er an der Spitze seiner siegreichen Truppen zurückkehrte, stand er unausweichlich im Gegensatz zur Senatspartei. Die politische Richtung, die weiterhin „popular“ genannt wurde, vertrat nicht immer das Volk, sondern oft die Kapitalbesitzer, die sich auf Kosten des Staates bereichern wollten und über die Mittel zur Bestechung der Wähler verfügten. Spätestens seit der lex Claudia von 218 (Livius 21 63) waren den Senatoren Handelsgeschäfte verboten. Da sie ihr Vermögen nur in Grundbesitz anlegen konnten, fielen sie rasch hinter den Rittern (equites Romani), die ihr Geld vor allen als Steuerpächter (publicani) verdienten, zurück. Nach dem Richtergesetz von C. Gracchus, das den Senatoren die Gerichtsbarkeit in Prozesse wegen Erpressung durch Statthalter entzog und den Rittern gab, konnten diese in den Provinzen nach Belieben Schalten und Walten.

Der viele Opfer fordernde Bundesgenossenkrieg 91-89 endete damit, daß die freien Bewohner Italiens das römische Bürgerrecht erhielten. Damit entfiel das Machtmittel, landhungrige Bürger und Bundesgenossen gegeneinander auszuspielen. König Mithridates VI. von Pontus entfachte einen Aufstand im Osten des Reiches. Auf seinen Befehl wurden an einem einzigen Tag in Asien 150.000 Römer ermordet. (Plutarch, Sulla 24.) Als der Volkstribun Sulpicius dem Konsul L. Cornelius Sulla den Befehl im Krieg gegen Mithridates entziehen wollte um ihn Marius zu geben, marschierte Sulla auf Rom und ließ Sulpicius und andere Gegner töten. Nach Sullas Abmarsch kamen in Rom wieder die „Marianer“ an die Macht und ließen einige ihrer Gegner ermorden. Von 87 bis 84 herrschte der Marianer Cinna.

Die Rhetorik an Herennius entstand zwischen Marius siebenten Konsulat im Jahre 86 und Sullas Rückkehr, zwischen den blutigsten Episoden des hundertjährigen Bürgerkrieges. Sie ist neben Ciceros Über die Auffindung des Stoffes die älteste erhaltene Schrift über Rhetorik in lateinischer Sprache. Sie ist darüber hinaus (unter den erhaltenen antiken Werken) das Rhetoriklehrbuch schlechthin, da Aristoteles, Cicero oder Quintilian andere Ziele verfolgten oder sich auf Teilaspekte beschränkten. (Quintilian zitiert mehrfach aus einem Werk von Cornificius, und diese Zitate stimmen mit Stellen im vierten Buch der Rhetorik an Herennius überein. Cicero erwähnt in seinen Briefen an Atticus mehrfach in einen Q. Cornificius, unter anderen als Kandidat für das Konsulat im Jahre 63. [1 10,1])

In der Einleitung gibt sich der Autor als vornehmer Römer: „Durch häusliche Verpflichtungen in Anspruch genommen, kann ich kaum genügend freie Zeit für Studien aufbringen, und was mir an freier Zeit bleibt, widme ich lieber der Philosophie; trotzdem hat mich dein Wunsch, mein lieber C. Herennius, veranlaßt, ein Werk über die Technik der Rede zu verfassen (…). Und dieser Aufgabe habe ich mich um so eifriger unterzogen, als ich bemerkte, daß du dich nicht ohne Grund in der Redekunst unterrichten lassen möchtest: Denn einen nicht geringen Gewinn bringen die Fülle des Ausdrucks und die Gewandtheit der Rede, wenn sie von rechten Verstand und klar begrenzter Mäßigung des Herzens gelenkt werden. Deswegen habe ich das, was griechische Schriftsteller aus eitler Anmaßung sich zu eigen gemacht, weggelassen. (…) Denn nicht Aussicht auf materiellen Gewinn oder Ruhm veranlaßte mich zu schreiben, sondern ich wollte durch meine Bemühung deinem Wunsch entsprechen.“

Die Auffindung des Stoffes (1 6 – 3 15)

Die Rhetorik hat fünf Teile: Auffindung des Stoffes, Anordnung des Stoffes, Vortrag, Sicheinprägen und Gestaltung. Die Behandlung des ersten Teiles gliedert der Autor nach den Arten der Rede. Die antike Rhetorik unterschied drei Redearten: Gerichtsrede, beratende Rede und darlegende Rede, d.h. Lob- oder Tadelrede. Der Autor an Herennius beginnt mit der Gerichtsrede. Diese behandelt er nach Redeteilen: Einleitung, Darlegung des Sachverhaltes, Gliederung, Bekräftigung und Widerlegung, Beweisführung und Schluß.

Die Einleitung dient dazu, die Zuhörer aufnahmebereit zu machen. Hier unterscheidet der Autor Vorrede und Einschmeichlung. (Letztere ist dann notwendig, wenn die Tat und der Täter auf keine Weise den Zuhörern sympathisch zu machen sind – oder wenn der Gegenstand der Rede ganz bedeutungslos, langweilig und uninteressant ist.) Die Darlegung des Sachverhaltes und die Gliederung der Rede sollen kurz und klar sein.

Statuslehre (1 18 – 2 26)

Zum Redeteil Bekräftigung und Widerlegung folgt ein Glanzstück der antiken Rhetorik: die Lehre von den Begründungsformen, die Statuslehre. „Andere Redelehrer haben vier Begründungsformen von Streitfällen gebildet. Mein Lehrer [doctor] glaubte, es seien nur drei, nicht um von deren Erfindung etwas zu nehmen, sondern um zu zeigen, daß diese das, was sie hätten einfach (…) lehren müssen, doppelt aufgeteilt haben. Die Begründungsform ist die erste Abwehr der Anklage durch den Verteidiger, verbunden mit einer Beschuldigung des Anklägers. Es gibt also drei Begründungsformen: die auf Vermutung beruhende, die auf einer gesetzlichen Bestimmung beruhende und die auf Rechtfertigungsgründen beruhende. (18)

In der ersten Begründungsform geht es um die Feststellung des Sachverhaltes, z.B. um die Frage, ob der Beschuldigte die Tat tatsächlich beging. Hier gilt es zu zeigen, ob er Vorteile aus der Tat hatte, früher schon ähnliche Taten verübte, ob er Gelegenheit zu der Tat hatte oder ob er anschließend Zeichen eines schlechten Gewissens zeigte.

In der zweiten Begründungsform vermischt der Autor an Herennius zwei unterschiedliche Problemkreise: Zum einen die Frage: Fällt der Sachverhalt (die Tat) unter einen bestimmten Begriff? Zum anderen vier Probleme bei der Auslegung von Gesetzen und anderen Texten, z.B. Testamenten. (Wortlaut und Absicht des Verfassers, widerstreitende Bestimmungen, Zweideutigkeiten und die Gültigkeit von Schlußfolgerungen z.B. aus Präzedenzfällen.)

Die dritte Begründungsform gliedert sich in zwei Arten: Sie heißt „Vollständig“, wenn sich die Tat ohne Hinzuziehung weiterer Dinge begründen läßt. Hierzu bestimmt der Autor verschiedene Rechtsquellen: Naturrecht, Gesetzesrecht, Gewohnheitsrecht, Billigkeit, Verabredung. Dagegen heißt sie „Unvollständig“, wenn die Tat mit äußeren Umständen wie Unkenntnis oder Zwang entschuldigt wird. Auch die Abbitte und die Erinnerung an frühere gute Taten gehört hier hinein. – Zu einigen Begründungsformen und ihren Unterfällen bringt der Autor allgemeine Gesichtspunkte, Topoi, (z.B. bei der Bewertung von Zeugenaussagen) und Sonderplätze für jede der beiden Parteien (Mitleid / kein Mitleid).

Beweisführung (2 27-50)

Zu jeder Art Gerichtsrede gehört eine Beweisführung. Diese besteht aus fünf Teilen. Dazu bringt der Autor ein komplexes Beispiel: „[Themenangabe:] Wir werden darstellen, das Ulixes einen Grund hatte, den Aiax zu töten. [Begründung:] Er wollte nämlich seinen erbittertsten Feind beseitigen, von dem ihm, wie er nicht zu Unrecht fürchtete, höchste Gefahr drohte. (…) [Bekräftigung;] Er war gewohnt, wenn er es nicht mit rechten Mitteln konnte, mit jedem beliebigen unrechten Mittel einem Feind den Untergang zu bewirken: dafür gibt der unverdiente Tod des Palamedes ein Zeugnis ab.“ (28) Es folgen Ausschmückung und Zusammenfassung.

„Es gibt zwei Arten von fehlerhaften Beweisführungen: die eine, welche vom Gegner widerlegt werden kann (…), die andere, welche, weil sie unnütz ist, keiner Widerlegung bedarf.“ (31) – Als Beispiele mißlungener Beweisführungen bringt der Autor Zitate aus Ennius’ Medea (34 – der Anfang von der Fahrt der Argo ist zu weit hergeholt), Plautus’ Dreigroschentag (35), unbekannten Stücken von Pacuvius und einem Crespontes von einen unbekannten lateinischen Autor.

Am Anfang des dritten Buches noch kurz die Auffindung des Stoffes in der beratenden (2-9) und darlegenden Rede (10-15). In der beratenden Rede geht es um den Nutzen. Dieser liegt in der Sicherheit oder der Ehrenhaftigkeit. Sicherheit wird durch Gewalt oder List erreicht. Das Ehrenhafte wird unterteilt in das Richtige und das Lobenswerte. Das Richtige wird unterteilt in Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Selbstbeherrschung. – Die darlegende Rede ist in Lob und Tadel unterteilt.

Anordnung des Stoffes, Vortrag, Sicheinprägen (3 16-40)

Es folgen die Anordnung des Stoffes (nach Redeteilen 16, abweichend 17f), der Vortrag (Gestaltung der Stimme 19-26, Haltung des Körpers 26f) und das Sicheinprägen. (28-40)

Zum Sicheinprägen stellt der Autor zunächst die naturgegebene Fähigkeit dem künstlich erworbenen Gedächnis gegenüber. Das künstlich erworbene Sicheinprägen beruht auf Orten und Bildern. Die Orte sind die Wachstafel oder das Papier, die Bilder gleichen den Buchstaben. „Wir müssen also, wenn wir uns an vieles erinnern wollen, uns viele Orte zurechtlegen, damit wir an vielen Orten viele Bilder festsetzen können. Ebenso muß man die Orte der Reihe nach zur Verfügung haben.“ (30) Diese Bilderfolgen muß man selber finden. „Ich weiß, daß die meisten Griechen, die über das Sicheinprägen geschrieben haben, es unternahmen, die Bilder für viele Wörter zu beschreiben, damit diejenigen, die lernen wollten, keine Mühe auf das Suchen verwenden müssen. Deren Verfahren mißbillige ich.“ (38) Man soll sich selbst bemühen, und sich deshalb auch Wörter und nicht etwa nur Sachverhalte einprägen.

Gestaltung (4. Buch)

Das lange vierte Buch über die Gestaltung der Rede beginnt mit einer Rechtfertigung des Autors, daß er im folgenden eigene Beispiele verwendet. Dann die selbstgeschaffenen Beispiele für den erhabenen, gemäßigten und schlichten Stil. Es folgen deren Negative: Das Schwülstige, Schwankende und Trockene.

Die vollkommene stilistische Gestaltung „muß drei Eigenschaften in sich bergen: Gewähltheit, gehörige Anordnung, würdige Darstellung.“ (17) Gewähltheit heißt reiner lateinischer Ausdruck und Deutlichkeit. „Die gehörige Anordnung ist die gleichmäßig ausgefeilte Verbindung von Wörtern. Diese wird bewahrt, wenn wir das häufige Zusammentreffen von Vokalen, welches die Rede plump und kläffend macht, vermeiden (…) und wenn wir eine übertrieben Wiederholung desselben Buchstaben meiden, ein Fehler, für den folgender Vers als Beispiel dient – denn hier hindert nichts daran, in fremden Fehlern Beispiele anzuführen (…): >Wer wird wohl, was alle Welt für wahr hält, wegleugnen? [quicquam quisquam, quemque quisque conveniat, neget]<“ (18 – Der Vers ist von Ennius.)

Zur würdigen Darstellung gehören die Ausschmückung der Worte (20-46, darunter die Tropen 42-46) und der Gedanken (47-68).

Als Beispiel für den Anklang zitiert der Autor aus einer Rede, die fünf in den Jahren 133 bis 88 ermordete Volkstribunen zusammenstellt: „Tiberius Gracchus, der den Staat verwaltete, hinderte der unverdiente Tod daran, länger darin zu verweilen. Gaius Gracchus wurde ein ähnlicher Untergang zuteil, der diesen Mann von glühender Vaterlandsliebe aus dem Herzen der Bürgerschaft riß. Saturninus, der wegen seiner Treue zu schlechten Männern gefangen wurde, raubte ein gegen die Treue verstoßendes Verbrechen das Leben. Dein Blut, Drusus, hat die Wände des Hauses und das Antlitz des Vaters bespritzt. Sulpicius, dem sie kurz zuvor alles anvertrauen wollten, verweigerten sie kurz darauf nicht nur das Leben, sondern auch die Bestattung.“ (31) Die Fortsetzung dieser Passage findet sich als Beispiel zur Freimütigkeit. „Ihr wundert euch, Quiriten, daß von allen eure Pläne nicht mehr unterstützt werden, daß niemand eure Sache vertritt, daß niemand sich als euer Verteidiger bekennt? Scheibt das eurer eigenen Schuld zu, hört auf, euch zu wundern! Denn was ist der Grund dafür, daß nicht alle vor dieser Sache zurückweichen und sie meiden müßten? Erinnert euch daran, was für Verteidiger ihr schon hattet; stellt euch ihre Bestrebungen vor Augen; dann betrachtet das Ende von ihnen allen! Dann wird euch in den Sinn kommen, daß diese alle, um den richtigen Ausdruck zu gebrauchen, wegen eurer Gleichgültigkeit oder besser Feigheit vor euren Augen ermordet wurden, ihre Feinde aber durch eure Stimme die angesehensten Posten erlangten.“ (48)

Als Beispiel für den in der Zerlegung liegenden Gedankenschmuck zitiert der Autor aus einer Verteidigungsrede von L. Licinius Crassus für die Vestalin Licina: „Des Anklägers Pflicht ist es, Anklagen zu erheben, des Verteidigers Pflicht, sie zu entkräften und zurückzuweisen; des Zeugen Pflicht, zu sagen, was er weiß oder gehört hat; des Untersuchungsrichters Aufgabe ist es, jeden einzelnen von diesen auf seine Pflicht zu beschränken. Wenn du deshalb, L. Cassius, duldest, daß ein Zeuge über das hinaus, was er weiß oder gehört hat, Beweise vorbringt und einen mutmaßlichen Schluß zieht, vermischt du das Recht des Anklägers mit dem Zeugenrecht, stärkst die Begierde eines ruchlosen Zeugen, legst den Angeklagten eine Verteidigung nach zwei Richtungen hin auf.“ (47) – Die Charakterisierung eines Menschen „der nicht wirklich reich ist, aber seinen Besitz zur Schau trägt“ erinnert an Komödienszenen von Plautus (63f).

Das Beispiel zur Einführung von Redenden stellt vermutlich den Tod des Sulpicius dar. „Als die Stadt von Soldaten überquoll und sich alle von Furcht niedergeschlagen in ihren Häusern aufhielten, kam dieser da in einem Soldatenmantel daher; das Schwert an der Seite, einen Wurfspieß in den Händen; fünf junge Menschen folgen in ähnlicher Rüstung. Plötzlich stürmt er in ein Haus und schreit dann mit lauter Stimme: >Wo ist dieser wohlhabende Hausherr? Warum macht er mir nicht seine Aufwartung? Was schweigt ihr?< Da verstummten alle anderen verblüfft von Furcht. Die Gattin jenes Unglücklichsten warf sich unter bitterlichstem Weinen jenem vor die Füße. >Bei dir selbst und bei dem, was für dich das Süßeste im Leben ist, habe Erbarmen mit uns, vertilge nicht die schon Vertilgten. (…)< Aber jener erwiderte: >Warum liefert ihr ihn mir nicht aus und hört nicht auf, mir die Ohren vollzujammern? Er wird nicht entkommen.< – Inzwischen wird jenem Hausherr gemeldet, dieser da sei gekommen und bedrohe ihn unter lautesten Geschrei mit dem Tode. Sobald er dies gehört, sagt er zu Gorgias, dem Diener [pedisequo, d.h: folgt auf dem Fuße] seiner Kinder: >Heda, verstecke die Kinder, verteidige sie und sieh zu, daß die Jugend unversehrt ist!< Kaum hatte er das gesprochen, als dieser da auch schon bei ihm war und rief: >Du sitzt noch da, Verwegener? Hat dir meine Stimme nicht das Leben genommen? Befriedige meine Feindschaft und sättige meinen Zorn mit deinem Blute.< Jener aber erwiderte mit einem tiefen Seufzer, um nicht völlig besiegt zu sein: >Schlag zu! Nun sehe ich: Du wirst nicht vor Gericht mit mir streiten, wo besiegt zu werden die größte Schande ist; du wirst mich einfach töten. Ich werde freilich fallen, aber nicht als Besiegter zugrunde gehen.< / >Noch im letzten Stündlein deines Lebens sprichst du in Sinnsprüchen! Willst du den, welchen du als den Herrscher siehst, nicht flehentlich bitten?< Da sagte die Frau: >Nein, er bittet und fleht natürlich; doch du laß dich, ich bitte, erweichen; und du, bei den Göttern, umschlinge die Knie dieses Mannes (…)!< / >Warum hörst du nicht auf, Frau, Worte auszusprechen, die meiner nicht würdig sind. Und du zögerst, mir das Leben, dir aber jede Hoffnung auf ein gutes Leben durch meinen Tod zu entreißen?<“ (65)

Zur Kürze bringt der Autor folgendes Beispiel: „Eben war er noch für ein Jahr Konsul; dann der Erste in der Bürgerschaft; dann bricht er nach Asien auf; hierauf wurde er zum Staatsfeind erklärte; später wurde er Oberbefehlshaber und zum siebenten Mal Konsul.“ (68) Das bezieht sich auf Marius, der sein siebentes Konsulat im Jahr 86 antrat und kurz darauf starb. Es folgt – als letztes Beispiel in diesem Werk – die anschauliche Schilderung der Ermordung des Ti. Gracchus. –– Zuletzt meldet sich noch einmal der Philosoph zu Wort: „Es gibt noch anderes Besseres, nach dem wir mit noch viel größerer Anstrengung in unserem Leben streben, so daß, auch wenn wir in der Redekunst nicht an das gewünschte Ziel gelangen, nur ein kleiner Teil zu einem in allen Teilen vollkommenen Leben noch zu wünschen bliebe.“ (69)

Cicero

Der Aufstieg (106 – 64)

Marcus Tullius Cicero wurde am 3. Januar 106 in Arpinum geboren. Im Vorjahr hatte der gleichfalls in Arpinum geborene Marius zum ersten Mal das Konsulat bekleidet, für die Jahre von 105 bis 102 wurde er zur Abwehr der Germanen (Cimbern und Teutonen) fortlaufend wiedergewählt. Die Tulli gehörten wie die Gratidi und Mari zur Kleinstadtaristokratie von Arpinum. Ciceros Großvater widersetzte sich M. Gratidius, dem Bruder seiner Frau, bei der Einführung der Wahl mittels Stimmplättchen in Arpinum. (Über die Gesetze 3 36) Gratidius, Ciceros Großonkel, war mit einer Schwester des Konsuls Marius verheiratet. Gratidius’ Sohn wurde von einem Bruder von Marius adoptiert und hieß danach M. Marius Gratidianus.

Im Gefolge von Marius begannen die Tulli ihren Aufstieg. Seine Eltern brachten Cicero und seinen vier Jahre jüngeren Bruder Quintus zur Ausbildung nach Rom. Als einmal Gratidianus von C. Sergius Orata belangt wurde, weil er beim Verkauf eines Hauses nicht alle Mängel genannt hatte, traten sich die – laut Cicero – berühmtesten Redner ihrer Zeit gegenüber: Antonius vertrat Gratidianus und L. Crassus Orata. (Über die Pflichten 3 67) Im Brutus erinnert sich Cicero: „Ich hörte fast täglich die Reden in den Volksversammlungen. (…) Ich widmete mich mit großem Eifer dem Studium des bürgerlichen Rechts, indem ich mich an Quintus Scaevola, dem Sohn des Quintus, anschloß. Dieser nahm zwar niemanden als Schüler an, jedoch konnten interessierte Zuhörer aus den Rechtsgutachten lernen, die er auf Anfrage erteilte.“ (306 – Q. Mucius Scaevola der Augur, 117 Konsul, war ein Schwiegersohn des durch seine Freundschaft mit Scipio den Jüngeren bekannten Laelius. Er starb im Jahre 87. Er ist zu unterscheiden von Q. Mucius Scaevola dem Pontifex, 95 Konsul, der gleichfalls ein berühmter Jurist war.)

Im Bundesgenossenkrieg (91-89) diente Cicero als Soldat. (12. Philippische Rede 27) Nach den Bundesgenossenkrieg flammte der Bürgerkrieg wieder auf. Da Cicero seine Anwaltskarriere nicht beginnen konnte, vertiefte er seine Studien: „Als zur gleichen Zeit der Leiter der Akademie, Philon, mit den führenden Männern Athens infolge des Mithridatischen Krieges von zu Hause hatte fliehen müssen und nach Rom gekommen war, gab ich mich voll Enthusiasmus für die Philosophie ganz seiner Belehrung hin.“ (Brutus 306)

Unter der marianischen Diktatur spielte Gratidianus eine wichtige Rolle. Im Jahre 87 klagte er als Volkstribun Q. Lutatius Catulus an. Catulus (102 Konsul und Gegenspieler seines Kollegen Marius) nahm sich das Leben. 85 und 84 war Gratidianus Prätor. Als die Prätoren gemeinsam einen Beschluß faßten, wonach minderwertige Münzen aus dem Verkehr gezogen werden sollten, verkündete er ihn absprachewidrig allein von der Rednerbühne. „Und dieser Schritt brachte ihn große Ehre ein. In allen Stadtvierteln wurden seine Standbilder aufgestellt, daneben Weihrauch und Kerzen. Nie war einer bei der Menge beliebter.“ (Über die Pflichten 3 80) Cicero studierte weiter: „Drei Jahre ungefähr genoß die Stadt die Ruhe der Waffen; aber die Redner waren tot oder fortgegangen (…). Während dieser Zeit verbrachte ich Tag und Nacht mit dem Studium sämtlicher wissenschaftlichen Disziplinen. Ich war mit Diodotus, dem Stoiker, zusammen, der, nachdem er bei mir gewohnt und mit mir gelebt hat, vor einiger Zeit auch in meinem Hause verstorben ist.“ (Brutus 308f)

Über die Auffindung des Stoffes

Ciceros Über die Auffindung des Stoffes (De inventione) sollte wie die gleichzeitig entstandene Rhetorik an Herennius eine Gesamtdarstellung der Rhetorik werden.

Cicero beginnt: „Oft und eindringlich habe ich darüber nachgedacht, ob die Fähigkeit der Rede und das stärkste Bemühen um Redegewandtheit den Menschen und Bürgerschaften mehr Gutes oder mehr Schlechtes gebracht hat.“ Es folgt eine kunstvolle Fuge: Nach einer sophistischen Kulturgeschichte wird eine Welt ohne Redekunst skizziert. Im zweiten Satz dieser Komposition werden der Rhetorik als „Beginn des Übels“ (4) die großen Gestalten des Cato, Laelius, Scipio Africanus und der Gracchen gegenübergestellt. Dann verteidigt Cicero Aristoteles, der den Stoff der Rhetorik in den drei Redearten sah, gegen Hermagoras, „der den Stoff des Redners einteilt in einen speziellen Fall und eine grundsätzliche Streitfrage.“ (8)

Es folgt ein erster Durchgang der Statuslehre. Cicero nennt den dritten Status Begründung nach der Gattung des Falles (12). Der Ausdruck, den der Autor an Herennius verwendet, Begründung aus Rechtfertigungsgründen, ist hier viel treffender. Cicero will nach peripatetischen Vorbild systematisieren, macht es sich dabei aber nicht leicht und diskutiert, ob man den zweiten Status Begründung nach der Art nennen darf.

Dann geht er die Teile der Rede durch. Bei der Beweisführung unterscheidet Cicero Induktion und Schlußfolgerung. „Die Induktion ist die Art der Rede, die durch nicht zweifelhafte Dinge die Zustimmung dessen zu gewinnen sucht, auf den sie sich eingelassen hat; durch diese Zustimmung bewirkt sie, daß von jenem irgendeine zweifelhafte Sache wegen der Ähnlichkeit zu den Dingen, denen er zugestimmt, gutgeheißen wird, wie z.B. bei dem Sokratiker Aischines Sokrates darauf hinweist, Aspasia habe mit der Gattin Xenophons selbst folgendermaßen gesprochen: >Sage mir bitte, wenn deine Nachbarin besseres Geld hat als du, möchtest du dann lieber ihres oder deines? / Ihres. / Und wenn sie Kleidung oder Schmuck von größerem Wert hat als du, möchtest du dann lieber deinen eigenen oder ihren? / Ihren. / Aber wenn jene einen besseren Mann hat, als du hast, möchtest du dann lieber deinen eigenen oder ihren?< Hier wurde die Frau rot.“ (52) Nach Aristoteles und Theophrast besteht die Beweisführung aus fünf Teilen: Vordersatz, Beweis des Vordersatzes, Untersatz, Beweis des Untersatzes (diese beiden Beweise durch Induktion), Schlußfolgerung. (60f)

Mit dem zweiten Buch beginnt die Behandlung der Teile der Rhetorik. Es blieb beim ersten Teil, danach hat das Werk den Namen, unter den es heute zitiert wird. – Am Anfang wieder eine Vorrede: So wie der Maler Zeuxis für sein Helenabild verschiedene Modelle verwandte, so brachte er für sein Lehrbuch der Rhetorik „alle Schriftsteller an einem Ort zusammen, und was jeder am zweckmäßigsten vorzuschreiben schien, habe ich herausgenommen und aus vielen Geistern das jeweils vorzüglichste entlehnt.“ (1) – Es folgt die Auffindung des Stoffes in der Gerichtsrede und das heißt: die ausführliche Behandlung der Begründungsformen. Zur Frage, ob die Tat unter eine bestimmte Definition fällt, bringen der Autor an Herennius und Cicero ähnliche Beispiele. Der Autor nimmt das Getreidegesetz von Saturninus (1 21, 2 17) als Ausgangspunkt, Cicero geht vorsichtshalber bis zu einem uralten Ackergesetz zurück (52). In beiden Fällen lautet die Frage: Hat derjenige, der verhinderte, daß das Gesetz dem Volk zur Abstimmung vorgelegt wurde oder trotz Einspruchs des Senats oder dem Veto eines anderen Tribunen das Gesetz dem Volk vorlegte, die Staatshoheit (maiestatis) verletzt?

Cicero nennt auch die vierte Begründungsform, die Hermagoras erfunden haben soll: die Überweisung: Der Kläger ist nicht zur Klage berechtigt oder das Gericht ist nicht zuständig oder das Verfahren nicht zulässig. In Rom ist sie bedeutungslos, da solche Fragen schon vor dem Prozeß vom Prätor entschieden werden (57f). Neben diese vier Begründungsformen aus dem Tatbestand stellt Cicero die vier Probleme bei der Interpretation von Texten (116ff), die der Autor an Herennius bei der zweiten Begründungsform behandelt. – Die Behandlung der Beratungsrede ist etwas ausführlicher als beim Autor an Herennius, über die darlegende Rede gibt es nur noch einen Absatz.

Für P. Quinctius

Nachdem Sulla einige Erfolge gegen Mithridates erzielt hatte (darunter im Jahre 86 die Eroberung Athens), schloß er mit ihm einen Friedensvertrag, um rascher nach Rom zurückkehren zu können. Als er vor den Toren Roms stand, ließen die Marianer noch einige ihrer Gegner töten, andere kamen in Straßenkämpfen ums Leben. Nach der Schlacht am Collinischen Tor am 1.11.82 zog Sulla in Rom ein. Auf den Terror der Marianer folgte der systematisch betriebene Gegenterror: Sulla ließ seine Gegner auf öffentlich ausgestellte Tafeln schreiben. Jeder, ob Bürger oder Sklave, war verpflichtet, die Genannten aufzugreifen oder anzuzeigen, ihr Besitz wurde vom Staat versteigert. Gratidianus wurde am Grab des Catulus getötet. – Cicero setzte seine Studien bei Molon fort, der während der Diktatur Sullas wegen der Entschädigung der Rhodier als Gesandter nach Rom kam. (Brutus 311f) – Die Rede Für P. Quinctius entstand vermutlich im Sommer 81, kurz nach dem Ende der Proskriptionen. Die Gerichte waren jetzt wieder mit Senatoren besetzt, die Tribunen entmachtet.

„Zwei Dinge vermögen sehr viel im Staate, und beides wirkt sich in diesem Falle ungünstig für uns aus: größter Einfluß und größte Redegewandtheit. Hiervon bereitet mir der eine Punkt Beklemmung, der andere Furcht. Denn daß mich die Redegewandtheit des Q. Hortensius beim Sprechen verwirren könnte, beunruhigt mich nicht wenig; daß der Einfluß des Sex. Naevius dem P. Quinctius schadet, hiervor habe ich wirklich keine geringe Angst.“ (1) In der Einleitung der Rede will Cicero Mitgefühl für seinen Klienten erzeugen.

Naevius betrieb mit C. Quinctius in Gallien Geschäfte. Nach Gaius’ Tod führte er mit dessen Bruder P. Quinctius die Gesellschaft weiter. Verschiedene Auseinandersetzungen über Gaius’ Schulden zogen sich lange hin. Als Quinctius zu seiner gallischen Viehtrift reiste, beantragte Naevius unter dem Vorwand, Quinctius habe einen Termin versäumt, beim Prätor den nächsten Schritt in der Auseinandersetzung einzuleiten: die Einsetzung in das Vermögen des Schuldners. Der Prätor Burrienus gab dem Antrag statt. Später meldete sich Alfenus als Quinctius’ Bevollmächtigter und ging gegen die Vermögenseinweisung mit Hilfe der Tribunen vor. Danach ruhte der Streit anderthalb Jahre. „Schließlich beantragt Naevius bei dem Prätor Cn. Dolabella, Quinctius sollte ihm für die Erfüllung der Urteilsschuld Sicherheit leisten (…). Quinctius willigte ein, unter der Voraussetzung, daß sich sein Vermögen wirklich im Besitz eines Gläubigers befunden habe. Da verfügt Dolabella – wie gerecht, darüber sage ich nichts; ich sage nur das eine: wie neuartig (…) –,“ P. Quinctius solle gegen Naevius Behauptung, seine Einsetzung in das Vermögen sei rechtskräftig geworden, klagen. Quinctius protestiert. „Dolabella – wie es die Art der Leute von Adel ist: ob sie etwas richtig oder verkehrt angefangen haben, in beidem tun sie sich derart hervor, daß niemand unseresgleichen es ihnen nachmachen kann – fährt mit größter Tatkraft fort, Unrecht zu begehen.“ (30f) Er drängt Quinctius in die ungünstige Rolle des Klägers.

„Wir bestreiten, daß du, Sex. Naevius, gemäß dem prätorischen Edikt den Besitz an dem Vermögen des P. Quinctius innegehabt hat. (…) Ich werde folgendes beweisen: 1. daß kein Grund vorlag, weshalb du beim Prätor den Besitz an dem Vermögen des P. Quinctius hättest beantragen können. 2. daß du den Besitz nicht dem Edikt gemäß innehaben konntest, 3. daß du ihn gar nicht innegehabt hast.“ (36)

Die ersten beiden Punkte gehören zu dem, was die Rhetorik an Herennius Vermutungsstatus nennt: Hatte Quinctius noch Schulden? Wurde die Verfügung von Burrienus rechtskräftig? Den dritten Punkt behandelte Cicero als Definitionsfrage und vielleicht auch als Frage nach der Auslegung des Ediktes, das das schuldrechtliche Verfahren regelt. Dieser Teil der Rede ist nicht erhalten. – Im Grunde geht es nur um den zweiten Punkt: Wenn Naevius tatsächlich in das Vermögen des Quinctius eingesetzt wurde, warum ließ er dann so lange das Verfahren ruhen? Hier mußte Cicero, der ja als Vertreter des Klägers zuerst redete, die Argumente von Naevius entkräften, bevor sie dessen Anwalt Hortensius in seiner Rede ausführte: „>Er [Alfenus] war<, sagt er [Naevius], >mit [dem Tribunen] Brutus befreundet; deshalb schritt dieser für ihn ein.< Du wiederum warst mit Burrienus befreundet, der das Unrechtsdekret ergehen ließ, und überhaupt mit all den Leuten, die damals durch Gewalt und Verbrechen sehr viel vermochten (…). Wenn Alfenus wegen seiner politischen Einstellung Macht besaß, dann besaß Naevius große Macht; wenn Alfenus im Vertrauen auf seinen Einfluß etwas verlangte, was nicht ganz rechtens war, dann wußte Naevius viel ungerechtere Dinge durchzusetzen. Denn zwischen euer Einstellung, meine ich, bestand kein Unterschied; an Schlauheit Verschlagenheit und Gerissenheit liefst du ihm leicht den Rang ab. Ohne auf anderes einzugehen, möchte ich mich hiermit begnügen: Alfenus ging mit denen und um deren willen zugrunde, die er schätzte; du aber hast, als die nicht zu siegen vermochten, die deine Freunde waren, erreicht, daß die Sieger deine Freunde wurden.“ (69f) – „Als der Diktator L. Sulla das Vermögen des Sex. Alfenus feilbot, hast du [Naevius] es käuflich erworben, und du erklärtest, Quinctius sei bei diesem Vermögen den Kompagnon. Mit dem also hast du dich freiwillig auf ein Gesellschaftsunternehmen eingelassen, der dich bei der ererbten Gesellschaft betrogen hatte.“ (76) – Im folgendem erzählt Cicero, wie er zögerte, als der Schauspieler Q. Roscius ihn bat, die Vertretung seines Schwagers P. Quinctius zu übernehmen. Dann bringt Cicero als Wiedergabe der damaligen Worte des Roscius den (angeblichen) Beweis, daß P. Quinctius den Termin nicht vereinbart haben konnte, den er (wie Naevius damals vor dem Prätor Burrienus behauptete) versäumte. (Cicero lobt Roscius in einem Wortspiel: „Denn er ist ein so hervorragender Künstler, daß man glaubt, nur er verdiene es, auf der Bühne gesehen zu werden; andererseits ist er ein Persönlichkeit von der Art, daß nur er es zu verdienen scheint, dort nicht aufzutreten.“ [78 – Schauspieler galten rechtlich als bescholten.])

Im Schlußteil der Rede eine Zusammenfassung der Beweisführung, die Wiederholung der Mitgefühl erheischenden Behauptungen aus der Einleitung und ein Appell an die Unparteilichkeit und Güte des Gerichtes.

Für Sextus Roscius aus Ameria

In der Einleitung der Rede Für Sextus Roscius entschuldigt der 26jährige Cicero sich dafür, daß er trotz seiner Jugend in dieser wichtigen Sache das Wort ergreift: Angesehene und einflußreiche Männer baten ihn darum: „Ich bin nicht ausgewählt, als verstünde ich mit dem größten Geschick zu reden, sondern ich bin von allen übriggeblieben, weil ich es mit den geringsten Risiko tun kann. (…) Vielleicht fragt ihr euch, welcher Schrecken, welches Maß von Furcht so zahlreiche und so bedeutende Männer an der Bereitschaft zu hindern vermag, in gewohnter Weise für das Leben und Gut eines Mitbürgers einzutreten. (…) Worum es sich hierbei handelt? Um das Vermögen des Vaters dieses Sextus Roscius hier, das einen Wert von sechs Millionen Sesterzen hat. Ein junger Mann, der gegenwärtig wohl die größte Macht in unserem Staate hat, L. Cornelius Chrysogonus, will es für 2000 Sesterzen von L. Sulla, dem Helden und erlauchten Manne (ich nenne ihn, um ihn zu ehren), gekauft haben. Dieser Mensch ist ohne jedes Recht über ein so großes und stattliches Fremdvermögen hergefallen, und nun glaubt er, daß das Leben des Sextus Roscius diesem Vermögen im Wege steht und den Genuß beeinträchtigt.“ (5f)

Sextus Roscius’ gleichnamiger Vater wurde in Rom ermordet. Noch in derselben Nacht brachte man die Nachricht nach Ameria. Aber nicht dem Sohn, sondern dessen Feinden T. Roscius Magnus und T. Roscius Capito. „Vier Tage nach diesen Ereignissen wird die Sache dem Chrysogonus im Lager des L. Sulla vor Volaterrae hinterbracht; man weist auf die Größe des Vermögens hin; man erwähnt die Güte des Landbesitzes und die Hilflosigkeit und Verlassenheit des Sohnes (…), dieses unvorsichtigen und tölpelhaften und in Rom unbekannten Menschen. (…) Als man der Ächtungen mit keinen Worte mehr gedachte, als auch die zurückkehrten, die sich zuvor gefürchtet hatten, und schon glaubten, alle Gefahr überstanden zu haben, da trägt man den Namen des Sextus Roscius in die Listen der Geächteten ein, eines Mannes, der sich mit größten Eifer für den Adel eingesetzt hatte; Chrysogonus wird Käufer des Vermögens; drei, und zwar die allerbesten Güter werden dem Capito zu eigen gegeben, und er besitzt sie heute noch; auf alle übrigen Reichtümer stürzt sich der T. Roscius hier, im Namen des Chrysogonus, wie er selbst zugibt. – Dieses alles, ihr Richter, hat sich, wie mir zuverlässig bekannt ist, ohne Wissen des L. Sulla zugetragen. (…) Er ist durch so viele Obliegenheiten beansprucht, daß er nicht einmal frei aufatmen kann (…). Mag er überdies auch noch so sehr vom Glück begünstigt sein: trotz aller Glücksumstände kann es keinen Menschen geben, der nicht in seiner großen Gefolgschaft einen schurkischen Sklaven oder Freigelassenen hätte.“ (20ff) – Als die Ratsherren von Ameria sich für Sextus Roscius bei Sulla verwenden wollten, gelangten ihre Abgesandten (zu denen auch T. Roscius Capito gehörte) bis zu Chrysogonus. Der versprach ihnen alles. Um sich dennoch ihren Raub zu sichern, fanden sie jemanden, der Sextus Roscius anklagte, seinen Vater ermordet zu haben.

„Es sind (…) drei Dinge, die gegen Sextus Roscius sprechen: der Schuldvorwurf der Gegner, ihre Skrupellosigkeit und ihre Macht. Die Erfindung des Schuldvorwurfes übernahm der Ankläger Erucius; den Anteil der Skrupellosigkeit verlangen die beiden Roscier für sich; Chrysogonus aber, der das meiste vermag, kämpft mit der Waffe seiner Macht. (…) Ich muß den Schuldvorwurf zunichte machen; ihr seid verpflichtet, der Skrupellosigkeit die Stirn zu bieten und die unerträgliche Macht derartiger Individuen bei der ersten Gelegenheit zu beseitigen und zu unterdrücken.“ (35f)

Sextus Roscius führte ein untadliges Leben, hat ein guten Charakter, keine Gelegenheit zur Tat und kein Motiv. – „Der berühmte L. Cassius, nach Ansicht aller Römer ein überaus gewissenhafter und weiser Richter, pflegte in Strafverhandlungen immer wieder zu fragen, wer etwas von der Tat gehabt habe [cui bono]. (…) Bleibt uns da noch ein Zweifel, wer den Sextus Roscius mit größerer Wahrscheinlichkeit ermordet hat: dem sein Tod Reichtum, oder dem er Bettelarmut eingebracht hat? (…) Wenn du, Erucius, bei dem Angeklagten so zahlreiche und so erhebliche Umstände ermittelt hättest, wie lange würdest du sprechen! Wie würdest du dich in die Brust werfen! Beim Herkules, die Zeit würde dir eher ausgehen als die Worte! (…) Auch ich würde, da es zahlreiche Verteidiger gibt, zum großen Haufen gerechnet werden; dich aber hat jenes Cannae zu einem recht tüchtigen Ankläger gemacht: wir sahen viele Tote, nicht am Trasimenischen, sondern am Servilischen See [einem Bassin in der Nähe des Forums, wo die Köpfe der Proskribierten ausgestellt wurden]. (…) Während der Mann, der den Oberbefehl in den Händen hatte, mit anderen Dingen beschäftigt war, da pflegten unterdessen manche ihre eigenen Wunden: als ob der Staat in ewige Nacht gehüllt wäre, so hitzig machten sich diese Leute in der Dunkelheit zu schaffen und kehrten das unterste zu Oberst; ich muß mich wundern, daß sie nicht auch die Bänke verbrannt haben, um keine Spur von den Gerichten übrigzulassen.“ (84ff)

Cicero erreichte Roscius’ Freispruch. 79-77 ging er auf eine ausgedehnte Bildungsreise nach Griechenland. In Athen hörte er Antiochos, in Rhodos Poseidonios und den Redelehrer Apollonios Molon (den er ja schon aus Rom kannte), in Smyrna sprach er mit P. Rutilius Rufus, den letzten lebenden Zeugen des Scipionenkreises. Cicero heiratete Terentia, die nicht nur aus einer alten Familie stammte, sondern auch eine hohe Mitgift mitbrachte (Plutarch, Cicero 8). Die Tochter Tullia wurde am 5. Sextilis geboren, in welchem Jahr wissen wir nicht. Ende 67 wurde sie von ihrem Vater mit C. Piso Frugi verlobt. (Att. 1 8,3.) Im Jahr 65 kam der Sohn hinzu. (Att. 11,1) – Sulla legte 79 die Diktatur nieder und starb ein Jahr später. Schon einer der Konsuln des Jahres 78, M. Aemilius Lepidus, suchte angesichts schwerer Vorwürfe wegen seiner Amtsführung als Proprätor in Sizilien seine Rettung in dem Versuch, als Gegner der Ordnung Sullas von Norditalien aus auf Rom zu marschieren. Er wurde 77 von Pompeius geschlagen. Dagegen dauerte in Spanien und Nordafrika der Krieg gegen die von Sertorius und einen Gegensenat geführten Sullagegner noch bis zum Jahre 72.

Für den Schauspieler Q. Roscius, Für M. Tullius

Die unvollständig überliefere Rede Für den Schauspieler Q. Roscius scheint in mehrfacher Hinsicht ein Experiment gewesen zu sein. Zunächst die außergewöhnliche Sprache: „Q. Roscius? Was sagst du? Bricht nicht, wie Feuer ins Wasser geworfen, alsbald erlischt und erkaltet, so auch aufbrausend falsche Beschuldigung zusammen und erlischt, sobald man sie mit der lautersten und anständigsten Lebensweise in Berührung bringt? Roscius soll seinen Kompagnon betrogen haben! Kann ein solcher Makel überhaupt an diesem Manne hängenbleiben? Der doch – so wahr mir Gott helfe – mehr Ehrlichkeit in sich trägt als Virtuosentum, mehr Wahrhaftigkeit als erlerntes Können, an dem das römische Volk den Menschen mehr schätzt als den Schauspieler, der sich ebenso wegen seiner Darstellungskunst im hohen Maße für die Bühne eignet, wie er sich wegen seiner Uneigennützigkeit für die Kurie eignen würde.“ (17) – „Den C. Fannius Chaerea hat Roscius betrogen! Ich bitte euch flehentlich: soweit ihr sie kennt, vergleicht beider Lebensführung miteinander, soweit ihr sie nicht kennt, betrachtet beider Physiognomie. Ist nicht offensichtlich, daß Kopf und Augenbrauen, beide glatt rasiert, nach Bosheit riechen und laut Verschlagenheit bekunden? (…) Seinen Charakter pflegt Roscius vorzüglich auf der Bühne darzustellen; er erntet für diese Gefälligkeit jedoch nicht den gebührenden Dank. Wenn er nämlich den Ballio, diesen ganz niederträchtigen und lügenhaften Kuppler spielt, dann spielt er den Chaerea.“ (20) –– Dann die Vorgehensweise: Cicero tut so, als werde Roscius als Schauspieler zu Unrecht verfolgt. Dabei trat Roscius schon jahrelang nicht mehr selbst auf (23) und müßte doch eigentlich eher darauf bedacht gewesen sein, daß sein Anwalt nicht daran erinnerte, daß er einst diesem als unehrenhaft geltenden Beruf nachging! –– Zum Fall: Chaerea besaß den Sklaven Panurgus, der von Roscius zum Schauspieler ausgebildet wurde. Der Gewinn aus seinen Auftritten wurde geteilt. Panurgus wurde von Q. Flavius getötet. Als Schadensersatz bekam Roscius von Flavius ein Landgut. Aber „damals waren wegen der Nöte unseres Staates die Besitzungen aller der Unsicherheit ausgesetzt [und deshalb hatte das Gut einen geringen Wert], jetzt sind durch die Güte der unsterblichen Götter aller Vermögen in Sicherheit.“ (33) Später erstritt Chaerea von Flavius einen Schadensersatz von 100.000 Sesterzen. Im Prozeß geht es um 50.000 Sesterzen, die Chaerea noch von Roscius will.

M. Tullius besaß bei Thurii ein Landgut. Fabius kaufte ein Nachtbargrundstück. Es gab Streit um einen Grenzstreifen. Bewaffnete Sklaven von Fabius überfielen ein Gebäude auf dem Grenzstreifen und töteten die Sklaven, die dort für Tullius Wache hielten. Soweit ist der Sachverhalt unstrittig. Es geht darum, ob diese Tat unter ein Edikt fällt, das im Jahre 77 der Prätor M. Licinius Lucullus gegen von Banden verübte Gewalttaten erlassen hatte. In diesem Falle würde es keine Rolle spielen, wem letztendlich der Grenzstreifen gehört, und Fabius müßte nicht nur den Schaden ersetzen, sondern das Vierfache des von Tullius geschätzten Wertes zahlen. Ciceros umfangreiche Ausführungen über das Edikt fanden später kein Interesse, deshalb wurde nur ein kleiner Teil der Rede Für Tullius überliefert.

Gegen Q. Caecilius, Erste und Zweite Rede gegen Verres

Im Jahre 75 betrat Cicero als Quästor in Lilybaeum in Westsizilien die römische Ämterlaufbahn. Von seiner sicher vorbildlichen Amtsführung nahm jedoch in Rom niemand Notiz (vgl. Für Plancius 65). – 73 wurde Verres Statthalter von Sizilien. Verres’ Amtszeit endete nicht wie üblich nach einem Jahr. Der zu seinem Nachfolger bestimmte Q. Arrius fand vermutlich in den Sklavenkriegen den Tod. Sizilianische Gemeinden schickten eine Gesandtschaft nach Rom und baten um Verres’ Abberufung. Nach Verres Rückkehr im Jahre 70 klagte ihn Cicero beim zuständigen Prätor M. Acilius Glabrio an. – Mit der Rede Gegen Q. Caecilius, setzte Cicero durch, daß er und nicht Caecilius (der während Verres’ Statthalterschaft Quästor war und in Sizilien geboren wurde) als Ankläger auftreten konnte.

Hintergründe und Ablauf des Prozesses (Erste Rede)

Die kurze Erste Rede gegen Verres ist eine einzige Fanfare: „Nicht menschliches Planen, sondern geradezu göttliche Fügung scheint euch jetzt, da es höchste Zeit ist, gewährt zu haben (…) was allein in höchsten Maße geeignet ist, den Unwillen über euren Stand und den üblen Ruf der Gerichte zu mildern. Denn schon hat sich die für den Staat verderbliche und für euch gefährliche Meinung eingenistet (…), vor den Gerichten, wie sie jetzt sind, könne kein reicher Mann verurteilt werden, und sei er noch so schuldig.“ (1) Die Richter sollen ihm dankbar sein, daß er ihnen Gelegenheit gibt, durch Verres’ Verurteilung die verlorene Ehre der Gerichte zurückzugewinnen. – Dann berichtet Cicero, wie die Gegenseite den Prozeßbeginn verschleppte: „Als ich eine sehr kurze Frist für meine Ermittlungen in Sizilien beantragt hatte, wußte er [Verres] jemanden ausfindig zu machen, der für Achaia zwei Tage weniger forderte – nicht, damit er durch Sorgfalt und Fleiß ebensoviel ausrichtet, wie ich unter Mühen und schlaflosen Nächten zustande gebracht habe (dieser achaiische Ermittler gelangte ja nicht einmal bis Brundisium; ich dagegen bin fünfzig Tage lang in ganz Sizilien umhergereist […]); vielmehr konnte jedermann klar erkennen; daß der von Verres hervorgeholte Mensch nicht seinen Angeklagten vor Gericht stellen, sondern meinen Termin in die Quere kommen sollte.“ (6) – Es folgt ein erster Überblick über Verres’ Verbrechen, der schließt: Verres hat, gleich als er aus seiner Provinz zurückkam, für dieses Gericht einen Bestechungsvertrag abgeschlossen (16). Nachdem Hortensius, Verres’ Verteidiger, und Q. Metellus zum Konsuln für das Jahr 69 gewählt wurden, sagte ein Freund zu Verres: „>Ich verkünde dir, daß du mit den heutigen Wahlen freigesprochen bist<“ (19) Bei denselben Wahlen wurde auch M. Metellus zum Prätor gewählt. „Als M. Metellus [bei der Verlosung der Amtsbereiche] der Gerichtshof für Erpressungen zufiel, da (…) habe Verres so überschwengliche Glückwünsche empfangen, daß er sogar Boten nach Haus geschickt habe, um seine Frau zu benachrichtigen.“ (21) Zugleich ist der dritte Metelli Proprätor in Sizilien. Aber Verres konnte trotz der Zahlung von 500.000 Sesterzen nicht Ciceros Wahl zum Ädil verhindern. (23) – Die Gegner wollen den Prozeß weiter verzögern, um ihn später besser beeinflussen zu können: „Was, ich bitte dich, Metellus, heißt rechtswidrig ein Verfahren beeinflussen, wenn nicht dies: Zeugen, noch dazu Sizilier, ängstliche und niedergeschlagene Leute, nicht allein durch persönliches Ansehen, sondern durch die Furcht vor dem Konsul und die Amtsgewalt zweier Prätoren einzuschüchtern? Was würdest du erst für einen Unschuldigen und dir nahestehenden Menschen tun, wenn du schon wegen eines ganz verworfenen und dir ganz fremden Menschen von Pflicht und Ehre abweichst und nicht verhinderst, das jemand, der dich nicht kennt, die Äußerungen des Verres für war hält? Denn Verres erklärte, so heißt es, du seiest nicht durch das Schicksal, wie die anderen aus deiner Familie, Konsul geworden, sondern durch seine Hilfe.“ (28f – Hier spielt Cicero auf Naevius’ berühmten Vers [Fato Metelli Romae fiunt consules] an.)

„Heute ist der 5. Sextilis; um die achte Stunde [nach Tagesanbruch, d.h. am Nachmittag] seid ihr zusammengetreten; diesen Tag zählen sie schon gar nicht mehr. Zehn Tage sind es noch, bis zu den Votivspielen, die Cn. Pompeius [anläßlich seines Sieges über Sertorius] veranstalten wird; diese Spiele werden fünfzehn Tage in Anspruch nehmen. Dann folgen sogleich die Römischen Spiele. Auf diese Weise glauben sie, erst nach beinahe vierzigtägiger Unterbrechung auf das antworten zu müssen, was ich vorbringe; dann lasse sich die Sache durch Reden und Ausflüchte leicht bis zu den Spielen der Victoria hinziehen, daran schlössen sich die Plebejischen Spiele an, nach deren Ablauf überhaupt keine oder nur sehr wenige Tage zur Verhandlung übrigblieben. (…) Was kann man also tun? Den Genuß des Lobes, den ich mir durch einen zusammenhängenden Vortrag verschaffen könnte, will ich mir für ein andermal aufsparen: doch jetzt will ich den Mann mit Hilfe von Rechnungsbüchern, Zeugen, privaten und öffentlichen Schriftstücken und gewichtigen Beweisen anklagen.“ (31ff) Hortensius zwingt ihn zu diesem Vorgehen. Erneut warnt Cicero: „Als Cn. Pompeius in der ersten Versammlung, die er, der künftige Konsul, vor den Toren der Stadt abhielt, das ankündigte, was man am meisten von ihm zu erwarteten schien, die Wiedereinsetzung der tribunzischen Gewalt, da erhob sich unter den Teilnehmern ein Raunen und ein beifälliges Gemurmel. Doch erst, als er in derselben Versammlung erklärte, man habe die Provinzen ausgeplündert und schwer heimgesucht, das Gerichtswesen werde schändlich und schmachvoll verwaltet, für diesen Mißstand wolle er Rat und Abhilfe schaffen, da bekundete das römische Volk nicht durch Raunen, sondern durch lautes Geschrei seine Zustimmung. (…) Dies ist ein Prozeß, in dem ihr über den Angeklagten, das römische Volk aber über euch zu Gericht sitzt.“ (45ff) – „Ich werde nicht dulden, daß man die Sache verschleppt, bis die Leute, die sich bislang von den Bediensteten der künftigen Konsuln nicht haben einschüchtern lassen (…), durch die Machtstellung der Gegner um ihr Recht gebracht werden. Ich werde nicht zugeben, daß es in diesem Prozeß erst dann zur Entscheidung kommt, wenn die zahlreichen Bürger aus ganz Italien Rom wieder verlassen haben, die jetzt der Wahlen, der Spiele oder der Vermögenseinschätzung wegen gleichzeitig von überallher zusammengeströmt sind. (…) Ich werde die Zeugen so auftreten lassen, daß ich die Anklage Punkt für Punkt ausbreiten kann. (…) Die Anklage lautet folgendermaßen: Wir behaupten: C. Verres hat nicht nur viele willkürliche, viele grausame Handlungen gegen römische Bürger und Bundesgenossen sowie viele Freveltaten gegen Götter und Menschen verübt; er hat darüber hinaus vierzig Millionen Sesterzen widerrechtlich aus Sizilien erpreßt.“ (53ff) –– Im Jahre 74 hatte der Volkstribun L. Quinctius einen besonders krassen Fall von Richterbestechung für eine Kampagne gegen die senatorischen Gerichte genutzt. Im nächsten Jahr trat C. Licinius Macer als Tribun für die Rechte dieses Amtes ein. Aber nicht ihre Angriffe, sondern der Feldherr Pompeius und M. Crassus, die Konsuln des Jahres 70, stürzten die seit Sullas Diktatur bestehende Senatsherrschaft. Ciceros nutzte die Gelegenheit, mit dem Angriff auf eine längst schon gefallene Bastion für sich zu werben. (Zudem war Verres kein Gegner. Er entstammte keiner alten Familie. Sein Vater wurde als erster dieses Namens Senator, zuvor war er in seiner Tribus [Wahlkörperschaft] Divisor [Verteiler von Spenden].)

Verres (Zweite Rede)

In Plutarchs Cicerobiographie heißt es: „Nachdem Verres schuldig befunden war, bestimmte Cicero die Geldstrafe auf 750 000 Drachmen (drei Millionen Sesterzen), zog sich aber dadurch die Beschuldigung zu, daß er bestochen worden sei, um die Summe so gering anzusetzen. Dennoch zeigten sich die Sizilianer sehr dankbar dafür, brachten ihm ansehnliche Geschenke und führten ihm, während er Ädil war, vieles aus ihrer Heimat zu, wovon er aber keinen Gewinn zog; er benutzte den guten Willen dieser Leute bloß dazu, um die Lebensmittel auf dem Markt in Rom zu verbilligen.“ (8) Verres war nach Ciceros’ Beweisaufnahme in der ersten Verhandlung geflüchtet und wurde in Abwesenheit verurteilt. – Die Zweite Rede gegen Verres ist die Veröffentlichung des von Cicero gegen ihn gesammelten Materials in Form einer fiktiven Rede für die zweite Verhandlung.

Im ersten Buch behandelt Cicero Verres’ Karriere vor seiner Zeit als Proprätor in Sizilien. Als Quästor unterschlug Verres im Jahre 82 für den Konsul Cn. Papirus Carbo bestimmte Gelder. Carbo war Marianer, hier muß Cicero verhindern, daß die Richter das am Gegner verübte Verbrechen Verres als Verdienst anrechnen. – Als er als Legat nach Kilikien ging, verübte er schon unterwegs in Achaia und Delos verschiedene Kunstdiebstähle. (Auch das könnten die Richter ihm zu Gute halten. Als Prätor hat Verres diese Kunstwerke in Rom ausgestellt.) Eine richtige Räuberpistole ist der Skandal von Lampsakos (62-85): Weil Verres der Tochter des angesehenen Philodamos – die er zuvor nie gesehen hatte – nachstellte, kam es zu einer Empörung gegen die Römer. Zuletzt wurden Philodamos und sein Sohn als Aufrührer hingerichtet. Später hat Verres die Schuld an verschiedenen Erpressungen auf den Proprätor C. Cornelius Dolabella abgewälzt, der aufgrund der Belastung durch Verres verurteilt wurde. (97ff)

Im Jahre 74 war Verres als Stadtprätor für das Zivilrecht und die Aufsicht bei öffentlichen Bauten zuständig. Hier schildert Cicero zuerst, wie Verres die Tochter des Annius um ihr Erbe betrog. (104-114 – Frauen durften nicht erben, wenn der Erblasser der ersten Vermögensklasse angehörte. Aber aufgrund des Bürgerkrieges fanden bis zum Jahr 70 keine Steuerschätzungen statt.) Den trockenen Stoff lockert Cicero mit unübersetzbaren Wortspielen auf. (Verres heißt Eber, und Jus neben Recht auch Brühe [vgl. das französische Jue ]; aus dem Recht des Verres wird so eine Schweinebrühe). – Der riesige Kastortempel wurde von P. Iunius mustergültig saniert. Doch er starb vor der Abnahme, und unter dem Vorwand, die Säulen seien nicht genau lotgerecht, preßte Verres dem Vormund seines Sohnes 560 000 Sesterzen ab (128-154). Wir sehen achtbare Römer gezwungen, zur Sicherung ihres Nachlasses Verres’ Geliebte Chelidon aufzusuchen (136f).

Verres in Sizilien (2.-5. Buch)

Das zweite Buch behandelt seine Rechtspflege und allgemeine Verwaltung in Sizilien. Es beginnt mit einen Exkurs über die Bedeutung von Sizilien: „Sizilien wurde als erstes aller Länder Provinz genannt; als erstes hat es unsere Vorfahren gelehrt, wie ruhmvoll es sei, über auswärtige Völker zu gebieten. (…) Wann hat sie [die Provinz Sizilien] das schuldige Getreide nicht auf den Tag genau geliefert? (…) Daher hat M. Cato, genannt der Weise, Sizilien die Vorratskammer unseres Staates, die Ernährerin des römischen Volkes geheißen.“ (2ff). Und wie hat Verres dort gehaust! Skandale in der Zivilrechtspflege (17-67), Affären in der Kriminaljustiz (68-118), Verkauf von Ämtern (118-136) und eine Vermögensschätzung, bei der Reiche gegen entsprechende Zahlung zu niedrig veranlagt wurden. Verres’ Nachfolger L. Metellus erklärte die Schätzung für ungültig (137ff). Schließlich die Erpressung von Geldern für Ehrenstatuen für Verres. (141-168 – Hier erzählt uns Cicero gleichzeitig, daß Verres das Geld unterschlagen hat und daß nach seiner Ablösung seine Statuen überall wieder entfernt wurden, weil er so verhaßt war. Aber wenn Verres das Geld unterschlagen hat, wovon wurden dann die Statuen bezahlt?) Zuletzt: Verres und die Steuerpächter. (169-191) Die Steuerpächter gehörten der Vermögensklasse an, der Pompeius das Richteramt zurückgeben wollte. Hier behauptet Cicero, daß sich nur ein einziger römischer Ritter als Komplize für Verres hergab.

Im dritten, umfangreichsten Buch geht es um das sizilianische Getreide: Die Zehntsteuer (12-163), das Getreide, das der römische Staat in der Provinz durch den Statthalter kaufen ließ (163-187) und die Getreidelieferungen für den Statthalter und sein Gefolge (188-225). Verres hat die Zehntsteuer nicht in hergebrachter Weise nach dem alten, von König Hieron II. von Syrakus stammenden Gesetzen erhoben, sondern eine Verordnung erlassen, wonach die Zehntpächter die Höhe des Zehnten willkürlich bestimmen konnten. Verres erzielte einen höheren Erlös als viele Statthalter vor ihm, z.B. L. Hortensius, der Vater seines Verteidigers (42). Was ist daran schlecht, wird sich jeder gefragt haben. Während der Sklavenkriege und durch die Piraten war vielleicht gerade in dieser Zeit Getreide in Rom knapp. Cicero erklärt eilig, daß L. Metellus, Verres’ Nachfolger, den Zehnten wieder für einen geringeren Erlös verpachtet hat und auch zu Hierons Gesetzen zurückkehrte (43f). Es reicht Cicero nicht zu zeigen, daß unter Verres Sizilien verödete, da viele Bauern ihr Land verließen (47, 120). Cicero macht aus Verres einen grausamen Despoten, dabei geht er die sizilianischen Gemeinden Ort für Ort durch und zeigt zugleich, daß nicht römische Ritter, sondern seine Kreaturen ihm als Werkzeuge dienten: Als die Argyriner gegen ihren Zehntpächter klagten, „drang er ihnen Artemidoros Cornelius den Arzt und Tlepolemos Cornelius den Maler und derartige Richter auf; sie waren allesamt keine römischen Bürger, sondern tempelräuberische Griechen und mit einem Male Cornelier.“ (69 – L. Cornelius Sulla ließ zehntausend Sklaven proskribierter Römer frei, zum Teil weil sie seinen Häschern ihre Herren verrieten. Diese trugen danach seinen Namen.) – „Die Barbarenkönige der Perser und Syrer pflegten, wie man sagt, mehrere Frauen zu haben, diesen Frauen aber Städte zuzuteilen, und zwar auf folgende Weise: diese Stadt zahle einer Frau für das Stirnband, diese für das Halsgeschmeide, diese für den Haarputz. (…) Vernehmt, wie Verres, der der König der Sizilier zu sein behauptete, dieselbe Willkür und Zügellosigkeit geübt hat. Pipa ist die Frau des Syrakusaners Aischrion; die Verworfenheit des Verres hat ihren Namen in ganz Sizilien bekannt gemacht. Über sie wurden zahlreiche Verse oberhalb des Richtstuhls und zu Häupten des Prätors angebracht. Dieser Aischron, der Schattengemahl der Pipa, tritt als neuer Pächter für den Zehnten von Herbita auf. (…) Den Gerstezehnten desselben Gebietes hatte Dokimos erstanden. Es ist der Dokimos, dem Verres die Tertia zugeführt hatte, die Tochter des Schauspielers Isidoros, die einem rhodischen Flötisten gewaltsam ausgespannt worden war.“ (76ff) In Syrakus führen die Herbitaner Klage gegen Aischrion. „Dort angekommen, werden sie gezwungen, an Aischrion, das heißt an Pipa, 3600 Maß Weizen zu leisten. Verres wollte dem Frauenzimmer nicht allzu viel Gewinn aus dem Zehnten verschaffen, damit sie sich nicht von ihrem nächtlichen Gewerbe auf die Steuerpacht verlege. (…) Bei den unsterblichen Göttern! Das Verres den Pachtbetrag herabsetzte, wie glaubt ihr das ertragen, ja auch nur anhören zu können? Nur einen Mann hat es seit der Gründung Roms gegeben – die unsterblichen Götter mögen gewähren, daß es keinen zweiten gebe! –, dem sich der Staat, durch die Umstände und innere Übel gezwungen, ganz und gar auslieferte: L. Sulla. Der war so allmächtig, daß gegen seinen Willen niemand sein Vermögen oder sein Bürgerrecht oder sein Leben behaupten konnte; er war so hochfahrend in seiner Kühnheit, daß er nicht zögerte, beim Verkauf der Habe römischer Bürger in öffentlicher Versammlung zu erklären, er verkaufe seine Beute. Alle Verfügungen dieses Mannes lassen wir nicht nur bestehen: aus Furcht vor größeren Widerwärtigkeiten und Übeln verteidigen wir sie auch durch unser öffentliches Ansehen. Nur eine seiner Anordnungen ist durch mehrere Senatsbeschlüsse verworfen worden: (…) Die versammelten Väter haben befunden, daß Sulla den tüchtigsten Männern habe keinen Nachlaß gewähren dürfen; da sollen Senatoren befinden, daß du [Verres] den schändlichsten Frauenzimmern mit Recht einen Nachlaß gewährt habest?“ (78ff) – Die Sklaven des Venustempels auf dem Eryx dienten Verres in vielfältiger Weise und wurden gegen das Gesetz auch als Zehntpächter verwendet. (50) Und so mußte ein römischer Senator, der in Sizilien Grundbesitz hatte, einem Venussklaven Abgaben zahlen! – „Früher, als der Ritterstand die Gerichte verwaltet, da waren die schlechteren und raubgierigen Beamten in den Provinzen den Pachtunternehmen ganz ergeben. (…) Du [Verres] hast den Senatorenstand geringgeschätzt, hast vor deinen Ungerechtigkeiten und Willkürhandlungen alles für gleich erachtet.“ (94f).

„Ich komme nun zu dem, was Verres selbst eine Liebhaberei nennt, seine Freunde eine Krankheit und Leidenschaft, die Sizilier ein Raubgewerbe. (…) Ich behaupte, in ganz Sizilien, einer so reichen, so alten Provinz, in so vielen Städten, so vielen Häusern, die so vermögend waren, gab es kein korinthsches oder delisches Gefäß, keinen Edelstein, keine Perle, keine Arbeit aus Gold oder Elfenbein, keine Statue von Erz, Marmor, Elfenbein – ich behaupte: gab es kein Gemälde, weder auf Holz, noch auf Leinwand, das er nicht aufgestöbert und besichtigt und, wenn es ihm gefiel, weggenommen hat.“ (IV 1) Dem Kunstsammler Verres sind wir schon im ersten Buch begegnet. Verres hatte offenbar einen erlesenen Geschmack und erkannte den Wert einiger Kunstwerke, an denen frühere römische Eroberer achtlos vorübergingen. Hier sehen wir amüsiert, wie Cicero so tut, als schlage er die Namen von Polyktet und Praxiteles in den Akten nach. Anhand in Rom stattgefundener Versteigerungen zeigt er, daß das Geld, das Verres für einige Meisterwerke gezahlt haben will, weit unter ihrem Wert lag (12ff). Verres hat auch römische Bürger, die in Sizilien lebten, und sogar den aus Rom zurückreisenden König Antiochos beraubt. Verres lieh sich seine Kunstwerke aus, dann befahl er ihm, sofort seine Provinz zu verlassen, weil Seeräuber auf Sizilien zusteuerten. (61-72 – Den Seleukidenkönig Antiochos XIII. ließ Pompeius im Jahre 64 töten.) Wir hören von Statuen, die die Karthager in Sizilien raubten und die Scipio nach der Eroberung Karthagos zurückgab, wodurch sie zum Denkmal römischer Großzügigkeit wurden. Nun ließ sie Verres entfernen, um sein Privathaus, den Ort lasterhaften Treibens, damit zu schmücken! Hier gibt Cicero eine schöne Beschreibung aller vier Stadteile von Syrakus, mit allen Tempeln, die Verres beraubte (117ff).

Im letzten Buch geht es um Verres, den Feldherrn. Seine Verteidiger werden ihm zugute halten, daß die aufständigen Sklaven nicht nach Sizilien übersetzten und daß auch die Piraten nicht die Küsten der Insel plünderten. Nach Geschichten von aufständigen Sklaven im Inneren der Insel, die Verres nicht kreuzigen ließ, und einen gefangenen Piratenkapitän, der gleichfalls nicht hingerichtet wurde, erzählt Cicero in farbigen Bildern vom Untergang einer gegen die Piraten ausgeschickten Flotte (die aufgrund von Verres’ Unterschlagungen völlig unzureichend ausgestattet und bemannt war), der willkürlichen Kreuzigung eines römischen Bürgers und von weiteren römischen Bürgern, die Verres unter den Vorwand, sie seien Anhänger von Sertorius, in den gefürchteten Steinbrüchen einsperren ließ. Er verwebt verschiedene Fäden, die sich durch alle Bücher der Rede zogen (Verres und seine Dirnen, die Stadt Messana als Komplizin von Verres’ Verbrechen) zu einen ergreifenden Finale.

Für M. Fonteius, Für A. Caecina

In der Rede Für M. Fonteius verteidigte Cicero einen ehemaligen Proprätor der Provinz Gallia Narbonensis. Neben einigen Zitaten ist von dieser Rede nur der Epilog erhalten, in der Cicero die Glaubwürdigkeit der gallischen Kläger und Zeugen aus dem Stamm der Allobroger in Frage stellt: Die Gallier besudeln ihre Altären mit Menschenopfern (31) und tragen Hosen (33)! – Nur aus Zitaten bei Quintilian ist die Rede Für P. Oppius bekannt. Oppius hatte den Prokonsul M. Cotta (nicht zu verwechseln mit dem bekannteren C. Cotta, der 75, ein Jahr vor M. Cotta Konsul war) als Quästor nach Bithynien begleitet und wurde danach von ihm angeklagt.

Caesennia war die Witwe des Bankiers Fulcinius. Aebutius war ihr Anwalt und wurde auch so bezahlt, indem er testamentarisch mit einem Zweiundsiebzigstel ihres Erbes bedacht wurde (17). Caesennia starb, Haupterbe war ihr späterer Gatte Caecina. Caecina streitet mit Aebutius um die Frage, ob Aebutius ein bestimmtes Grundstück für sich oder für Caesennia erworben hatte. Um einen zivilrechtlichen Streit vor Gericht austragen zu können, mußte ein symbolischer Gewaltakt, hier die Vertreibung von dem strittigen Grundstück, stattgefunden haben. An dem dafür angesetzten Termin fand aber ein tatsächlicher Gewaltakt statt: Aebutius verhinderte mit bewaffneten Sklaven, daß Caecina das Grundstück betrat. – In der Rede Für A. Caecina beklagt sich Cicero zunächst darüber, daß das zu einer Verzögerung des Verfahrens führte: „Je scheußlicher eine Handlung ist, desto schärfer und rascher muß sie bestraft werden; doch gerade sie wird am langsamsten abgeurteilt, weil die Ehre auf dem Spiel steht.“ (7) In der kurzen Darstellung des Sachverhalts gibt er ein Portrait des Gegners: „Die Rolle eines Menschen, der den Frauen nach dem Munde redet, eines Witwenkenners, eines allzu streitbaren Beschützers, der sich vor der Regia aufzuhalten pflegt, der für einfältig und dumm unter Männern gilt, doch den Frauen für rechtskundig und gewitzt – eben diese Rolle müßt ihr den Aebutius zuweisen.“ (14) Später werden wir an den Bürgerkrieg erinnert: „Gleich zu Anfang vermaß er [Aebutius] sich zu behaupten, Caecina könne nicht Erbe der Caesennia sein; denn er habe wegen des Mißgeschickes der Volaterraner und des Bürgerkrieges eine ungünstigere Rechtsstellung als die übrigen Bürger.“ (18 – In Volaterrae hatten sich bis 79 die Marianer gehalten, dafür bestrafte sie Sulla mit Aberkennung des Bürgerrechts.) –– Ob Aebutius das Grundstück von P. Caesennius für sich oder für Caesennia kaufte, soll nun keine Rolle mehr spielen: „P. Caesennius, der Gewähre des Grundstückes, dessen Gewähr minder gewichtig ist als seine Leiblichkeit, und der Bankier Sex. Clodius, der den Beinamen Phormio trägt, nicht minder schwarz noch minder dreist als der Phormio des Terenz, sagten nichts über die Gewalttat aus, auch sonst nichts, was für eure Entscheidung von Belang ist.“ (28)

Im Hauptteil der Rede Für A. Caecina geht es Cicero (wie in Für M. Tullius) darum, ob ein bestimmtes Edikt anzuwenden sei. Hier erörtert Cicero ein Rechtsgutachten von C. Aquilius Gallus und Präzedenzfälle, so die Causa Curiana: „Ein tauglicher Rechtssatz ist nicht dem Wortlaut hörig, sondern die Worte bemessen sich stets nach den Zielen und Willensmeinungen der Menschen. Diese Ansicht hat L. Crassus, damals der weitaus bedeutendste Redner, gewand und gehaltreich (…) verfochten. Und obwohl Q. Mucius, der rechtskundigste Mann seiner Zeit gegen ihn sprach, vermochter er mühelos allen einleuchtend zu machen, daß M’. Curius Erbe sein müsse. Curius war nämlich mit der Maßgabe zum Erben eingesetzt worden: >Wenn mein nachgeborenerer Sohn verstorben ist<; dieser Sohn war aber nicht gestorben, sondern gar nicht zur Welt gekommen. Wie? War dies durch den Wortlaut hinreichend gedeckt? Keineswegs. Was also gab den Ausschlag? Der Wille. Wenn unser Wille erkennbar wäre, ohne daß wir ihn äußern, so hätten wir überhaupt keine Worte nötig; weil das unmöglich ist, wurden Worte geschaffen, die unsern Willen nicht verhüllen, sondern kundtun sollen.“ (52f) Und an den gegnerischen Anwalt: „Deine Rede lautet: >Ich gebe zu, daß ich Leute zusammengeholt, ich gebe zu, daß ich sie bewaffnet habe, ich gebe zu, daß ich dir mit dem Tode gedroht, ich gebe zu, daß die Verfügung des Prätors hiergegen einschreitet, wenn der gewollte Zweck und die Gerechtigkeit etwas gelten; doch ich entdecke in der Verfügung ein Wort, hinter dem ich mich verschanzen kann: ich habe dich nicht von dem Ort vertrieben, den zu betreten ich dich gehindert habe.< Da du dich so zu verteidigen suchst, schwärzest du die Rechtsgutachter an, weil sie meinen, daß man auf die Gerechtigkeit, nicht auf den Wortlaut bedacht nehmen muß.“ (66)

An Atticus 1 1-9, Über den Oberbefehl des Cn. Pompeius

Aus dem Jahr 68 stammt der erste der etwa 770 von Cicero erhaltenen Briefe. In ihm teilt er seinen in Athen lebenden Freund Atticus den Tod seines Vetters Lucius mit. (1 1,1 – Lucius hatte ihn bei den Ermittlungen gegen Verres nach Sizilien begleitet. Ich zitierte die Briefe nach der Tusculum-Ausgabe, die von älteren Zählungen gelegentlich abweicht.) Atticus hieß eigentlich Pomponius, seine Schwester Pomponia war mit Ciceros Bruder Quintus verheiratet; ihre schwierige Ehe ist ein häufiges Thema der Briefe. Ein anderes Thema sind Geschäfte. Atticus vermittelte Cicero Kunstgegenstände und Bücher aus Griechenland, und Cicero kümmerte sich gelegentlich um Atticus’ Angelegenheiten in Italien.

Im Jahre 67 erhielt auf Antrag des Volkstribunen Gambinius Pompeius außerordentliche Vollmachten im Kampf gegen die Seeräuber. Pompeius versprach den Piraten, die ihm ihre Schiffe übergaben, das Leben und siedelte sie in verschiedenen Gegenden an, die durch den mithridatischen Krieg verödet waren. Damit hatte er Erfolg, sogar die Seeräuber, die auf Kreta gegen den Prokonsul Q. Metellus kämpften, schickten Boten zu Pompeius, um sich ihm zu ergeben.

Für das Jahr 66 wurde Cicero zum Prätor gewählt. Durch das Los fiel ihm als Amtsbereich der Gerichtshof für Erpressungen zu, der Gerichthof, vor dem er Verres angeklagt und Fonteius verteidigt hatte. „Ich habe hier unter kaum glaublicher Teilnahme des Volkes über C. Macer zu Gericht gesessen. Ich war dem Manne zwar gewogen, aber seine Verurteilung hat mir doch viel mehr eingebracht, als mir sein Einfluß im Falle eines Freispruchs eingetragen hätte.“ (9,2 – Wir wissen nicht, welche Provinz C. Licinius Macer verwaltet hatte. Er schrieb ein Geschichtswerk, das Livius benutzte. Nach Plutarch, Cicero 9, starb Macer kurz nach dem Urteil.)

Im Jahre 66 beantragte der Volkstribun Manilius, Pompeius den Oberbefehl im Krieg gegen Mithridates zu übertragen. In seiner ersten Rede vor der Volksversammlung unterstützte Cicero diesen Vorschlag. In der Rede Über den Oberbefehl des Cn. Pompeius werden die Ursachen früherer Mißerfolge ebenso deutlich genannt wie die wirtschaftlichen Folgen des Krieges: Der Krieg in Asien „betrifft das Vermögen zahlreicher römischer Bürger. (…) Denn erstens haben die Steuerpächter, sehr angesehene und vermögende Leute, ihre Gelder in der Provinz angelegt. Deren Interessen und Verhältnisse müssen um ihrer selbst willen eure Teilnahme erregen. Denn wenn die Steuereinnahmen stets als der Nerv des Staates gegolten haben, so dürfen wir mit Recht behaupten, daß der Stand, der sie verwaltet, die Stütze der übrigen Stände sei. Da sind zweitens die Angehörigen der übrigen Stände, tüchtige und regsame Leute; sie treiben zum Teil selbst in Asien Handel, und ihr müßt euch in ihrer Abwesenheit um sie kümmern (…). Wir wissen ja, daß damals, als in Asien sehr vielen Leuten sehr große Vermögenswerte verloren gingen, in Rom die Zahlungen stockten und der Kredit zusammenbrach (…). Denn glaubt mir, was ihr ja selber seht: das Kredit und Geldwesen, das hier in Rom, das hier auf dem Forum seine Stätte hat, ist mit den asiatischen Kapitalien verflochten und davon abhängig; jene Kapitalien können nicht zusammenbrechen, ohne das der hiesige Geldmarkt, von derselben Bewegung erschüttert, in Verfall gerät.“ (17ff)

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Details

Seiten
85
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656642015
ISBN (Buch)
9783656641988
Dateigröße
857 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272150
Note
Schlagworte
übersichten werke autoren band cicero

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Titel: Übersichten erhaltener Werke antiker Autoren - Band 8: Cicero