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Mancur Olsons Logik des kollektiven Handelns in der Anwendung auf virtuelle Gruppen

Seminararbeit 2011 23 Seiten

VWL - Finanzwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Symbolverzeichnis .

1.Einleitung

2.Die Logik
2.1 Das rationale Individuum und das kollektive Gut
2.2 Die Gruppengröße
2.3 Selektive und soziale Anreize

3.Die Anwendung der Logik
3.1 Kollektivgüter und selektive Anreize im virtuellen Umfeld
3.2 Virtuelle Grupen in der Olsonschen Systematik

4.Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildung 1: Suboptimale Bereitstellung kollektiver Güter

Abbildung 2: Heterogene Präferenzen in der kleinen Gruppe

Abbildung 3: Latente Gruppe

Abbildung 4: Wikipedia Nutzerzahlen

Abbildung 5: Anzahl Wikipedia-Artikel

Tabelle 1: Auszahlungen

Symbolverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Mancur Olsons Logik des kollektiven Handelns ist ein interdisziplinär angelegtes Werk, das sowohl ökonomische als auch soziologische und politikwissenschaftliche Fragestellungen behandelt und somit soziale Phänomene einer ganzheitlichen Betrachtung unterzieht. Die Erklärung der kollektiven Handlung mehrerer Individuen erfährt durch Olson eine Neuerung im Vergleich zu den vormals allgemeingültigen Gruppentheorien und wird im Lichte mikro- und makroökonomischer Zusammenhänge, soziologischer Aspekte sowie politikwissenschaftlicher Problematiken analysiert und in ein Theoriegebäude eingebunden. Die 1965 erschienene Logik Olsons zeigt die Bedingungen auf, unter denen eine kollektive Handlung in Form einer Bereitstellung kollektiver Güter gelingen kann.[1] Im Bezug auf die häufig untersuchte Kollektivgüter-Theorie überträgt Olson entgegen früheren Ansätzen die Bereitstellungsproblematik auf die kleinste vorstellbare Ebene der Interessengruppen und die Rolle des einzelnen Individuums im Kreis dieser Gemeinschaften.

Mit Blick auf die Entwicklungen der modernen Gesellschaft und speziell der explosionsartigen virtuellen Vernetzung von Individuen im Zeitalter des Internets, soll der Versuch unternommen werden, Olsons Theorie des kollektiven Handelns in diesen Kontext zu übertragen. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Bausteine der Olsonschen Theorie in einem Überblick darzustellen, um diese im Anschluss auf die virtuellen Gruppen der Online-Infrastruktur anzuwenden. Abschließend wird der Frage nachgegangen, ob und inwieweit die gruppenorientierte Bereitstellung kollektiver Güter im Sinne Olsons im Rahmen der virtuellen Infrastruktur gelingen kann.

2 Die Logik

2.1 Das rationale Individuum und das kollektive Gut

Das Fundament der Olsonschen Logik beruht auf dem Verhalten des rationalen Individuums, das auf die persönliche Interessenvertretung und Wohlfahrtsmaximierung bedacht ist. Im Kontext einer Gruppe weicht das Individuum von oben genannter Verhaltens- und Handlungsprämisse nicht ab; es verfolgt seine Interessen in eigennutzorientierter Art und Weise.[2]

Eben dieses individuelle rationale Verhalten ist jedoch unvereinbar mit der Verfolgung der kollektiven Interessen und Ziele einer Gruppe. Eine kollektive Handlung im Selbstinteresse kann nicht logisch aus der individuellen Handlung im Selbstinteresse abgeleitet werden – im Gegenteil: Die Annahme vom rationalen und durch Eigeninteresse gesteuerten Individuum verhält sich im Sinne Olsons gegenläufig zu der allgemeinen Annahme, Gruppen würden in ihrem eigenen Interesse handeln und die gemeinsamen Ziele ihrer Mitglieder fördern.[3]

Dieses von Olson formulierte Gruppenparadoxon[4] erschließt sich aus der bereits getroffenen Annahme rational handelnder Individuen sowie aus den besonderen Eigenschaften kollektiver Güter, deren Bereitstellung durch die Gruppe mit der Erreichung eines Gruppenzieles gleichgesetzt wird. Das kollektive Gut zeichnet sich dadurch aus, dass es nach Erbringung von jedem Individuum konsumiert werden kann, ungeachtet der individuellen Beteiligung an den Kosten für die Bereitstellung des Gutes.[5] Dieses Kriterium der Nicht-Ausschlussfähigkeit[6] im Konsum ergänzt Olson durch die Spezifikation, das kollektive Gut könne „den anderen Personen in einer Gruppe praktisch nicht vorenthalten werden“[7], womit er auf eine nötige Differenzierung zwischen technisch nicht möglichen und einfach unwirtschaftlichen oder auch unpraktischen Ausschluss hindeutet. Neben der Nicht-Ausschlussfähigkeit beschreibt Olson das ergänzende Kriterium der Verbundenheit[8], welches eine Rivalität im Konsum, also eine Minderung der Konsummenge für den Einen durch fortwährenden Konsum des Anderen, ausschließt. Besitzt das Kriterium der Verbundenheit Geltung, wird per definitionem von einem reinen kollektiven Gut gesprochen, welches in der Analyse Olsons jedoch keine herausragende Betrachtung findet und somit als „notwendige Eigenschaft des Kollektivgutes“[9] ausgeschlossen wird. Eine wichtige Komponente der Definition stellt jedoch der Wirkungsraum des kollektiven Gutes dar, welcher per Annahme auf bestimmte Gruppen begrenzt sein kann. Während ein Gut für die eine Gruppe kollektiven Charakter besitzt, kann es für eine andere Gruppe die Form eines privaten Gutes annehmen oder einen geringeren Nutzen stiften.[10]

Im Kontext der Bereitstellung kollektiver Güter durch eine Gruppe wird nun das rational geprägte Verhalten des einzelnen Gruppenmitglieds und die Eigenschaft der Nicht-Ausschlussfähigkeit kollektiver Güter in einem einfachen spieltheoretischen Modell zusammengebracht, um das Olsonsche Gruppenparadoxon beispielhaft zu demonstrieren.

Der spieltheoretische Rahmen umfasst eine Gruppe bestehend aus zehn Mitgliedern sowie ein kollektives Gut, dessen Bereitstellung Kosten in Höhe von 1 pro Einheit verursacht und einen Ertrag in Höhe von 2 pro Einheit erwirtschaftet. Das gemeinsame Gruppenziel liegt in der Bereitstellung des kollektiven Gutes. Die Pro-Kopf-Auszahlung ergibt sich aus anteiligem Ertrag abzüglich des freiwillig geleisteten individuellen Kostenbeitrags. Das Kriterium der Nicht-Ausschlussfähigkeit führt dazu, dass kein Gruppenmitglied vom Konsum der bereitgestellten Einheiten des Kollektivgutes ausgeschlossen werden kann und somit, unabhängig von seiner eigenen Kostenbeteiligung, stets einen positiven anteiligen Ertrag erhält. Es wird angenommen, dass alle Mitglieder einen Kostenbeitrag in Höhe von 1 leisten und im Gegenzug einen anteiligen Ertrag in Höhe von 2 erhalten.[11]

Die folgende Matrix illustriert verschiedene Auszahlungs-Kombinationen, die in ihrer Variation von der Zahlungs- bzw. Nicht-Zahlungsentscheidung des hier betrachteten rationalen Individuums und der restlichen Gruppe abhängen.

Tabelle 1: Auszahlungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: In Anlehnung an Hardin (1982), S. 26.

Die Zeilen zeigen die Zahlungsentscheidung des Individuums, die Spalten die der restlichen Gruppe. Wenn das Individuum keine Zahlungsbeiträge zur Bereitstellung des Kollektivgutes leistet, die restliche Gruppe jedoch eine Pro-Kopf-Zahlung in Höhe von 1, also eine Gesamtzahlung von 9, beiträgt, werden 9 Einheiten des Kollektivgutes bereitgestellt, die einen Gesamtertrag von 18 erwirtschaften. Während das Individuum hieraus eine Auszahlung von 1,8 erhält, wird der gleiche Pro-Kopf-Ertrag der restlichen Gruppenmitglieder durch die zuvor geleisteten Zahlungsbeiträge auf eine Pro-Kopf-Auszahlung in Höhe von 0,8 geschmälert.

Aus Sicht des rationalen Individuums ist die Nicht-Zahlungs-Strategie gegenüber der Kostenbeteiligung daher vorteilhafter. Unter der Annahme, dass jedes Gruppenmitglied ein rationales Individuum ist, wird die Gruppenstrategie immer auch der individuellen Strategie entsprechen. Somit ergibt sich ein Ergebnis, welches in der Literatur auch als prisoner’s dilemma bezeichnet wird: Die dominante Strategie ist die Nicht-Zahlungs-Strategie, das kollektive Gut wird nicht bereit gestellt.[12]

Olson selbst übt in seiner Schrift „Macht und Wohlstand“ jedoch Kritik an obigem spieltheoretischen Ergebnis. Insbesondere sehr kleine Gruppen „können normalerweise miteinander darüber kommunizieren, wie sie in ihrem eigenen Interesse kooperieren, und sie haben gewöhnlich Zugang zu legalen Übereinkommen, wie auch anderen Mechanismen, um ihre Abmachungen durchzusetzen.“[13]

In der Zusammenfassung wird ersichtlich, dass Olsons Gruppenparadoxon die als gemeinsames Interesse festgelegte Bereitstellung kollektiver Güter verhindert, jedoch gewissen Einschränkungen unterliegt, wenn die Besonderheiten kleiner Gruppen Gegenstand der Analyse sind. Im folgenden Abschnitt soll daher gezeigt werden, welche Auswirkungen die Größe einer Gruppe auf die Förderung gemeinschaftlicher Vorhaben hat.

2.2 Die Gruppengröße

Olson fragt in seiner Logik des kollektiven Handelns im Besonderen nach den Spezifikationen einer Gruppe und deren Wirkung auf die kollektive Zielerreichung. Neben der Größe spielt auch die Zusammensetzung der Gruppe eine tragende Rolle im Bezug auf die gelingende Förderung gemeinsamer Interessen.[14] Im Folgenden sollen diese Zusammenhänge mit Hilfe einer graphischen Analyse veranschaulicht und erläutert werden.

Ausgangspunkt ist zunächst eine in ihrer Zusammensetzung homogene Gruppe, deren Mitglieder in ihrer Ausprägung gleichverteilte Präferenzen für das kollektive Gut aufweisen. Abbildung 1 illustriert die marginalen Zahlungsbereitschaften von Gruppen mit unterschiedlicher Größe für das kollektive Gut (bis), wobei die gruppenseitigen Zahlungsbereitschaften durch eine vertikale Addition der individuellen marginalen Zahlungsbereitschaften bestimmt werden. Die Geraden geben an, wie viel die gesamte Gruppe für eine weitere Einheit des kollektiven Gutes zu zahlen bereit wäre.

Abbildung 1: Suboptimale Bereitstellung kollektiver Güter

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: In Anlehnung an Pies (1997), S. 4.

Das einzelne Gruppenmitglied präferiert die Mengedes Kollektivgutes, da in diesem Bereitstellungsniveau seine individuelle marginale Zahlungsbereitschaft und die Grenzkosten des Kollektivgutes gleich sind. Das Individuum lässt bei seiner Entscheidung jedoch den Einfluss seines Finanzierungsbeitrages auf die anderen Mitglieder der Gruppe außer Acht. Nur in einer Gruppe, die aus einem Mitglied besteht, fallen das individuell rationale und das gruppenoptimale Bereitstellungsniveau zusammen (). Die Bereitstellungsoptima bisfür Gruppengrößen von zwei bis vier Mitgliedern werden folglich niemals erreicht, die Suboptimalität der Bereitstellung nimmt mit steigender Mitgliederzahl zu.[15] Olson schlussfolgert für die sogenannten kleinen Gruppen, dass sich eine bei einheitlichen Präferenzen zu erwartende Suboptimalität der Bereitstellung aus den Kriterien für Kollektivgüter ableiten lässt. Ein einzelnes Mitglied erhält entsprechend seinem individuellen Finanzierungsbeitrag nur einen Teil der Menge, die bereitgestellt wurde und wird daher seine Beitragsleistung unterbrechen, bevor das gruppenoptimale Niveau erreicht ist. Durch die Möglichkeit, bereits durch andere Mitglieder bereitgestellte Mengen beitragsfrei mit zu konsumieren, wird die Initiative zur eigenen Bereitstellung stark gemindert.[16]

In der zweiten Analyse werden unterschiedliche Präferenzen der Gruppenmitglieder, d.h. verschiedene Zahlungsbereitschaften für das kollektive Gut unterstellt. Das Mitglied mit der höheren Zahlungsbereitschaft kann aus einem gegebenen Bereitstellungsniveau definitionsgemäß einen höheren Nutzen ziehen als Gruppenmitglieder mit einer geringeren Zahlungsbereitschaft.[17]

Abbildung 2: Heterogene Präferenzen in der kleinen Gruppe

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: In Anlehnung an Pies (1997), S. 5.

Abbildung 2 zeigt die in ihrer Höhe differierenden Zahlungsbereitschaften zweier Individuen (und), wobei Individuum 1, das fortlaufend als großes Gruppenmitglied bezeichnet wird, den Preis und Individuum 2 den Preis für eine zusätzliche Einheit des Gutes zu zahlen bereit ist. Entsprechen die Bereitstellungskosten für jede weitere Einheit des Gutes genau den Grenzkosten ( ), wird Individuum 2 aufgrund seiner geringeren Zahlungsbereitschaft keinen Beitrag zur Bereitstellung des Kollektivgutes leisten. Das große Gruppenmitglied wird hingegen entsprechend seinem Kosten-Nutzen-Kalkül die Menge bereitstellen, da seine individuelle marginale Zahlungsbereitschaft und die Grenzkosten in diesem Punkt gleich hoch sind. Im betrachteten Fall entspricht die individuell durch das große Mitglied bereitgestellte Menge dem Bereitstellungsniveau der ganzen Gruppe ( ).[18] Das Individuum 2, in Olsons Terminologie auch kleines Gruppenmitglied genannt, konsumiert die Menge ohne einen eigenen Beitrag zur Finanzierung zu leisten und begibt sich somit in die sogenannte Position des Trittbrettfahrers.[19] Dieses Phänomen kann in kleinen Gruppen mit einer sehr heterogen verteilten Präferenzstruktur auftreten und wird von Olson als „‘Ausbeutung‘ der Großen durch die Kleinen[20] bezeichnet.

[...]


[1] Vgl. zu diesem Abschnitt Pies (1997), S. 1 ff.

[2] Vgl. Olson (1998), S. 2.

[3] Vgl. zu diesem Abschnitt Olson (1998), S. 1 f., aber auch Hardin (1982), S. 2.

[4] Vgl. Olson (1985), S. 21 f.

[5] Vgl. Olson (1998), S. 13 f.

[6] Vgl. Olson (1998), S. 13 Fußnote 21.

[7] Olson (1998), S. 13.

[8] Vgl. Olson (1998), S. 13 Fußnote 21.

[9] Olson (1998), S. 13 Fußnote 21.

[10] Vgl. zu diesem Abschnitt Olson (1998), S. 13 Fußnote 21.

[11] Vgl. zu diesem Abschnitt Hardin (1982), 25 f.

[12] Vgl. zu diesem Abschnitt Hardin (1982), S. 26, aber auch Schmidt-Trenz (1996), S. 70 ff.

[13] Olson (2002), S. 82.

[14] Vgl. Olson (1998), S. 27.

[15] Vgl. Pies (1997), S. 3 ff.

[16] Vgl. Olson (1998), S. 33.

[17] Vgl. Olson (1998), S. 27. Das Bereitstellungsniveau ist in seiner Höhe jedoch nicht gruppenoptimal, da nicht die gesamte Zahlungsbereitschaft der Gruppe abgeschöpft wird.

[18] Vgl. zu diesem Abschnitt Pies (1997), S.5.

[19] Vgl. Olson (2000), S. 79 ff.

[20] Olson (1998), S. 34.

Details

Seiten
23
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656642275
ISBN (Buch)
9783656642244
Dateigröße
792 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272082
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Seminar für Finanzwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
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