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Geschlechtsidentität bei Virginia Woolf und Judith Butler

Inwiefern ist Judith Butlers These von einer nicht fassbaren Geschlechtsidentität in Virginia Woolfs "Orlando" abgebildet?

Hausarbeit 2013 15 Seiten

Frauenstudien / Gender-Forschung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Geschlechtsspezifische Rollenbilder in Virginia Woolfs Orlando

III. Geschlecht und Geschlechtsidentität bei Judith Butler und Virginia Woolf - ein Vergleich

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Im Folgenden möchte ich der Frage nachgehen, inwiefern sich Judith Butlers These von einer nicht fassbaren, weder real, noch in Worten greifbaren, Geschlechtsidentität in der fiktiven und auch, nicht nur im wahrsten Sinne, fantastischen Biographie „Orlando“ von Virginia Woolf abbildet. Denn meine These ist, dass sich, auch wenn 62 Jahre zwischen dem Erscheinen der jeweiligen Oeuvre liegen und der Begriff „gender“ in den 1920er Jahren noch nicht für die Bezeichnung des sozialen Geschlechts verwendet wurde und Woolf daher in ihrem Werk ausschließlich den Begriff des „sex“ verwendet, auch wenn sie, aus heutiger Sicht betrachtet, häufig „gender“ meint, große Übereinstimmung der Autoren bezüglich dieser Frage zeigt. Zu Beginn werde ich auf angeblich typische Verhaltensweisen und Eigenschaften von Frauen und Männern, also auf ihre vermeintlich geschlechtsspezifischen Rollen, ihre vermeintlichen Geschlechtsidentitäten eingehen, wie Woolf sie in ihrem Werk schwarz auf weiß, mit ironisch hinterfragendem Ton dieser ins Auge springenden Schwarz-Weiß-Malerei, als Kostümierung über vier Jahrhunderte hinweg, aufführt. Anschließend werde ich mich Judith Butlers Auffassung von Geschlechtsidentität widmen und sie insbesondere mit der zentralen Verwandlungsszene oder Geschlechtsumwandlungsszene Orlandos in Verbindung bringen.

II. Geschlechtsspezifische Rollenbilder in Virginia Woolfs Orlando

Virginia Woolf lässt ihren Hauptcharakter während seiner Lebensreise durch 4. Jahrhunderte zahlreiche Rollen verkörpern, ob als Günstling am Hofe Königin Elisabeths, als Botschafter im Nahen Osten, als Liebhaber oder Liebhaberin, als Dichter oder Dichterin, als Ehefrau oder als Mutter. Die Rollen sind entsprechend der Zeiten und ihren kulturellen und gesellschaftlichen Gepflogenheit vom körperlich männlichen oder von der körperlich weiblichen Orlando ausgefüllt. Es sind gewöhnliche Rollen, nach gewohnten geschlechtsspezifischen Mustern der jeweiligen Epoche. Indem Orlando plötzlich inmitten des Plots als Frau erwacht, wobei sich in ihrem Denken nichts geändert hat, muss sie sich im Folgenden den Dogmen der jeweiligen zeitlichen, alle Lebensbereiche durchdringenden Geschlechterrollenverordnungen unterordnen. Ein sehr geschickter Kniff seitens Woolf, die so auch männlichen Lesern, die in geschlechtsspezifischen Diktaten verhaftet sind, nahebringen kann, wie man oder auch Mann sich als Frau fühlt, wenn man plötzlich Frau ist - obwohl man innerlich weiterhin „Mann“ ist beziehungsweise sich innerlich, seelisch, charakterlich, psychisch nicht verändert - und somit die Frage nach dem, was Geschlecht, was Geschlechtsidentität natürlich vehement aus dem Buchrücken geschleudert wird. Für einen solchen Hauptcharakter, und auch für weitere bedeutende Charaktere innerhalb des Romans, ein weit geöffnetes Zeitfenster zu wählen und so geschlechtsspezifische Gesellschaftsrituale und Muster über mehrere Jahrhunderte hinweg zu streifen, zu beleuchten, zu beobachten, ist ebenso ein großartiger Einfall. Denn so kommt auf sehr unterhaltsame Weise zum Vorschein, welche Sitten und Sittsamkeiten sich das Menschengeschlecht über die Zeit hinweg für das mehr oder weniger soziale und jedenfalls für das Miteinander ausgedacht hat und ausdenkt und wie alle sich in ihre Rollen, mehr oder weniger, fügen.

Virginia Woolf beschreibt in zahlreichen Szenen das gesellschaftlich widersprüchliche Wesen Orlandos, das „angenommene“ ,(im doppelten Sinne), Eigenschaften beider Geschlechter trotz seiner „Geschlechtsumwandlung“ aufweist, um so Rollenbilder auseinander zu nehmen und das angeblich Definierbare, das vermeintlich Eindeutige, was die Geschlechter ausmachen, trennen, unterscheiden soll, in Frage stellt:

For it was this mixture in her of man and woman, one being uppermost and then the other, that often gave her conduct an unexpected turn. The curious of her own sex would argue, for example, if Orlando was a woman, how did she never take more than ten minutes to dress? And were not her clothes chosen rather at random, and sometimes worn rather shabby? And then they would say, still, she has none of the formality of a man, or a man’s love of power. She is excessively tender-hearted. She could not endure to see a donkey beaten or a kitten drowned. Yet again, they noted, she detested household matters, was up at dawn and out among the fields in summer before the sun had risen. (͙) She could drink with the best and liked games of hazard. She rode well and drove six horses at a gallop over London Bridge. (͙)1

Hier beschreibt Woolf in aller Deutlichkeit, wie die beiden Seiten der zwei geschlechtsspezifisch geprägten Seelen, oder wie auch immer man es nennen möchte oder kann, in Orlandos Brust abwechselnd zum Vorschein kommen - und welche Eigenschaften davon nach allgemeiner, gesellschaftlicher Auffassung ihrer Zeit dem weiblichen und welche dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden. So sind Neugier, eine gut gekleidet Erscheinung und Weichherzigkeit hier weibisch. Förmlichkeit, Liebe zur Macht, eine Abneigung gegen Haushaltsarbeit, früh aufstehen und im Freien herumstromern, große Mengen Alkohol trinken und vertragen, Glücksspiel, sowie ein guter Reiter sein und auf Pferden über die London-Brücke galoppieren hier als männliche Tugenden oder männliche Merkmale aufgezeigt. Es folgen an dieser beispielhaft herausgepickten Stelle weitere, zahlreiche „typisch weiblich“ und „typisch männliche“ Eigenschaften, die gesellschaftliche Rollenbildner den Geschlechtern auf den Leib geschrieben haben, wie: dass Frauen wegen Kleinigkeiten losheulen, keine Ahnung von Geographie haben und Mathematik unausstehlich finden.2 Oder dass Männer bold and active3 seien. An dieser Stelle könnte auf zahlreiche, weitere Textstellen verwiesen werden, wo Virginia Woolf polare Klischees aufführt. Stattdessen möchte ich mich aber dem Satz zuwenden, mit dem Virigina Woolf diese, oben zitierte, Aufzählung abschließt:

Whether, then, Orlando was most man or woman, it is difficult to say and cannot now be decided.4

Mit diesem Statement macht die Autorin deutlich, dass Orlando zum einen keinem geschlechtsspezifisches Rollenbild gerecht wird, zum anderen das, trotz Orlandos körperlich eindeutigem Geschlecht, Orlandos eindeutigem „sex“, nicht klar gesagt werden kann, was sein bzw. ihr „gender“ ist, geschweige denn seine bzw. ihre Geschlechtsidentität. Mit dieser hier formulierten Unschlüssigkeit, mit dem Nicht-über-eine-dominante- geschlechtsspezifische-Prägung-entscheiden, stellt Virginia Woolf hier diese Prägung in Frage. Dieser Satz bildet einen, zumindest scheinbaren, Kontrast zum ersten, einleitenden Satz des gesamten Werks:

He - for there could be no doubt of his sex, though the fashion of the time did something to disguise is (…)5

Dieser Anfangssatz ist natürlich nur scheinbar sozusagen ein „Gegensatz“ zu der zuvor zitierten Unentschlossenheit für eine konkrete Geschlechtsbestimmung Orlandos, da er - nicht nur an sich, sondern erst Recht im Gesamtkontext des Werks - zutiefst ironisch zu verstehen ist, man ihn gar nicht anders als ironisch lesen kann. Der Begriff „sex“ ist in diesem Zusammenhang nach heutigen Begriffen und heutigem Bedeutungsverständnis missverständlich, da zu Beginn Orlandos „sex“ eindeutig männlich ist und Woolf mit dem „sex“ an dieser Stelle, meiner Auffassung nach, nicht nur auf „sex“ im Sinne des körperlichen Geschlechts, sondern ebenso auf die, im heutigen Sinne, „gender identity“ anspielt. Die Ironie wird über den Nebensatz vermittelt, der darlegt, dass Männer sich - zumindest Ende des 16. Jahrhunderts - keineswegs „männlich“ kleideten - und zwar nicht männlich nach den modischen Geschlechtsvorstellungen des frühen 20. Jahrhunderts, in denen Virginia Woolf ihr Werk verfasst und das den Zeitpunkt darstellt, an den Orlando entlang der linearen Zeitleiste innerhalb des Buches vordringt. Und tatsächlich: Seidenstrumpfhosen und üppige Pumphosen, wie im 16. Jahrhundert für Herren unabdingbar, wirkten vor hundert Jahren, als nicht zuletzt die Uniform in Europa das A und O war, vielleicht sogar noch „femininer“ oder gar „weibischer“ als heute. Indem Virginia Woolf bereits im ersten Satz ihres Buches die Mode, die Kleidung, als geschlechtsspezifisches Merkmal ins Spiel bringt, etabliert sie sofort den Gedanken, dass es sich bei Geschlecht im Sinne von „gender“ und Geschlechtsidentität um etwas rein Äußerliches handeln könnte. Um etwas, dass über eine Äußerlichkeit kommuniziert wird, die sogar unabhängig vom Körper ist, sich auf Kleidung und damit auf einen gesellschaftlichen Dress-code, und damit verbunden auf einen Kanon von äußerlich diktierte Regeln, beschränkt.

Um diese Äußerlichkeit(en) zu vertiefen, möchte ich zu meinem ersten angeführten Zitat zurückkehren und auf die Textstelle, die jener Aufzählung von angeblich weiblichen und männlichen Charaktereigenschaften dort, vorangeht:

Thus, there is much to support the view that it is clothes that wear us and not we them: we may them take the mould of arm or breast, but they mould our hearts, our brains, our tongues to their liking. So, having now worn skirts for a considerable time, a certain change was visible in Orlando (͙) even in her face. If we compare the picture of Orlando as a man with that of Orlando as a woman we shall see that though both are undoubtedly one and the same person, there are certain changes. The man has his hand free to seize his sword, the woman must use hers to keep the satins from slipping from her shoulders. (͙) Had they both worn the same clothes, it is possible that their outlook might have been the same.6

Die Kleidung, so Woolfs Auffassung, bestimmt über männlichen und weiblichen Habitus, da sie gewisse Bewegungsfreiheit einräumt oder zu bestimmten Handgriffen nötigt. In den Kleidern verwandeln wir uns in einen Mann oder in eine Frau, beziehungsweise verwandelt Orlando sich erst tatsächlich und erst tatsächlich sichtbar vom Mann in eine Frau. Erst das „skirt“ vollzieht die Wandlung, macht die Wandlung „visible“. Der Körper selbst, die neue, ungewohnte Körperlichkeit als Frau, scheint belanglos. Kleider biegen uns zurecht, so sagt Virginia Woolf. Wir verkleiden uns nach ihrer Ansicht, um eine der zwei zu Verfügung stehenden, gesellschaftsfähigen Rollen anzunehmen, einem der zwei zu Verfügung stehenden, gesellschaftlich akzeptierten Rollenbilder zu entsprechen. „Die Kleider tragen uns, nicht wir sie“ oder wie die deutsche Übersetzung es ausdrückt: (...) gibt es vieles, was die Ansicht unterstützt, daß es die Kleider sind, die uns tragen, nicht wir sie; wir mögen sie dazu bringen die Form von Arm oder Brust anzunehmen, sie aber formen unsere Herzen, unseren Verstand, unsere Zungen nach ihrem Belieben.7

Nach Woolf pressen wir uns ganz bildlich durch das Tragen der jeweiligen Geschlechtertracht, auch in ein spezifisches Geschlechterverhalten. Wir streifen uns unser Geschlecht und unsere „gender identity“ mit dem Hemd oder dem Unterrock über. Gender ist damit ein Teil eines Gesellschaftsschauspiels das sich nur auf Äußerlichkeit bezieht, nur Muster, Rollen, Gepflogenheiten zur Schau stellt, die sozusagen die damit verknüpfte Kleidung von uns verlangt, die die Mode, die die Zeit, die jeweiligen, das gesamte gesellschaftliche Gefüge, vorschreiben. Unsere Körper sind frei von „gender“ und „gender identity“. Wir streifen unserem „sex“ nur die jeweilige Kostümierung über. Denn an sich, gäbe es Unisex-Kleidung oder eben the same clothes8, wie Virginia Woolf meint, gäbe es eventuell keinen feststellbaren Unterschied zwischen den Geschlechtern und their outlook9 - ihre Perspektive, ihre Aussicht, ihre Anschauung, die deutsche Übersetzung sagt ihre Auffassungen10 würde und würden übereinstimmen oder might have been.11 Das Innenleben, die Identität ist frei von diesem geschlechtsspezfischen Rollenspiel. Virginia Woolf relativiert diese kühne Behauptung in ihrem Text rasch wieder indem sie schlau einschränkt:

That is the view of some philosophers and wise ones, but on the whole, we incline to another.12

Und die Frage nach Geschlechtsidentität durch Kleidung, durch diese geschickte Einschränkung, die natürlich die übliche Auffassung hinterfragt und als dumm darstellt, weiter im Raum stehen lässt. Dann fährt sie ironisch fort:

The difference between the sexes is, happily, one of great profundity.13 Und weiter:

[...]


1 Woolf, Virginia, Orlando - A Biography, Panther Books, St.Albans, 1977, S. 118

2 Ebd.

3 Ebd.

4 Woolf, Virginia, Orlando - A Biography, Panther Books, St.Albans, 1977, S. 118

5 Ebd., S. 9

6 Woolf, Virginia, Orlando - A Biography, Panther Books, St.Albans, 1977, S. 117

7 Woolf, Virginia, Orlando - Eine Biographie, Hrsg. Reichert, Klaus, Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek, Frankfurt a. M., 2012, S. 152

8 Woolf, Virginia, Orlando - A Biography, Panther Books, St.Albans, 1977, S. 117

9 Ebd.

10 Woolf, Virginia, Orlando - Eine Biographie, Hrsg. Reichert, Klaus, Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek, Frankfurt a. M., 2012, S. 153

11 Woolf, Virginia, Orlando - A Biography, Panther Books, St.Albans, 1977, S. 117

12 Ebd.

13 Ebd.

Details

Seiten
15
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656636588
ISBN (Buch)
9783656636694
Dateigröße
855 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272063
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,7
Schlagworte
Judith Butler Virginia Woolf Gendertheorie Geschlechtsidentität Orlando

Autor

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Titel: Geschlechtsidentität bei Virginia Woolf und Judith Butler