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Der Film „Eden Lake“ im Kontext gesellschaftlicher Gewaltdomestikation

Inwiefern entsprechen die Gewaltdarstellungen einem geregelten Tabubruch?

Essay 2013 11 Seiten

Medien / Kommunikation - Forschung und Studien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Essay

2. Literaturverzeichnis

1. Essay

Der Film Eden Lake[1] aus dem Jahr 2008 ist in vielerlei Hinsicht drastischer als andere gewalthaltige Filme. Jugendliche verbrennen ein Kind, sie massakrieren einen Mann mit einem Teppichmesser und lassen ihn verbluten, einem anderen Kind wird die Kehle aufgeschlitzt. Freilich, die Brutalität dieser Taten ist nichts was im unübersichtlich großen und vielfältigen Fundus des Horror- oder Gewaltfilms nicht schon da gewesen ist. Erschreckend ist in Eden Lake vielmehr die enge Verwurzelung der Gräueltaten in der Realweltlichkeit: eine deprivierte Gruppe Jugendlicher greift zu Gewalt, die schlimmst möglich eskaliert. Das Böse wandelt nicht als mystisch maskierter Psychopath umher sondern bemächtigt sich Kinder und Jugendlicher. Die Gewaltszenen sind kein genüsslich zelebriertes Schauspiel körperlicher Verletzlichkeit sondern voll realistischer, leidstiftender Traurigkeit. Eingerahmt ist dies in eine radikale Milieustudie der ländlichen Unterschicht. Eden Lake ist ein stellenweise problematischer Hybrid zwischen Horror- und Problemfilm, der die Grenzen der genretypischen Künstlichkeit oft überschreitet. Ein solcher Film wirft Fragen nach der Legitimität seiner Gewaltdarstellungen auf. Befolgt eine solch enge Verschränkung medialer Gewalt und realweltlicher Thematik die Gesetze des geregelten Tabubruchs? Kann ein Film wie dieser die gesellschaftlich-moralischen Wertmaßstäbe seiner Rezipienten zu Gunsteneiner Gewaltaffirmation verschieben oder ist seine Lesart so konzipiert, dass die Rezeption eine Bestätigung der gewaltdomestikativen Normen zur Folge hat?

Der Plot Eden Lakesfolgt dem dramaturgischen Modell des Protagonist-Antagonist-Konfliktes welches in seinen Grundzügen, der zielorientierten Handlung und der Entstehung eines Konfliktes, der klassischen Aristotelischen Dramentheorie gleicht.[2] Dieses Muster gilt für nahezu alle Filme. Gerade in gewalthaltigen Werken wird dieses Modell zusätzlich um das Credo: „Je gewalthaltiger der Antagonist, desto größer die Bedrohung für den Helden, desto stärker das Mitfühlen für den Zuschauer.“[3] ergänzt. Im Falle Eden Lakes ist diese drastische Zuspitzung nahezu wortwörtlich in die Handlung impliziert: Steve und Jenny wollen ein entspanntes Wochenende im englischen Hinterland, genauer am See Eden Lake verbringen. Gestört werden sie von einer Gruppe Jugendlicher. Es kommt zu verbalen Provokationen, Beschimpfungen seitens der Teenager, die schließlich in einer handfesten Auseinandersetzung münden, die von den einheimischen Jugendlichen mit kompromissloser Gewalt ausgetragen wird. Ging es anfangs noch um einen harmlosen Machtkampf mit der einheimischen Gruppe, so kämpfen die Protagonisten nun ums nackte Überleben.Dieses Grundgerüst stellt die wichtigsten Voraussetzungen bereit um Spannung zu erzeugen und den Zuschauer so auf unterschiedlichen Ebenen an das filmische Geschehen zu binden.

Die beiden Protagonisten sind überaus sympathisch besetzt, ihr Bedürfnis nach einem Kurzurlaub zu zweit ist unschuldig und lebensnah. So fällt aus Sicht des Rezipienten eine Identifizierung mit den beiden nicht schwer. Verstärkt wird diese emotionale Bindung[4] als sich die Tragik um Jenny und Steve im Laufe des Films dramatisch zuspitzt. Besonders stark wird diese Wahrnehmung in den Szenen gereizt, in denen die Verbundenheit der beiden zueinander deutlich wird, die aber gleichzeitig von der Aussichtslosigkeit auf ein Happy End überlagert sind, zum Beispiel als Jenny unter Tränenmitansehen muss, wie die Jugendlichen Steve mit einem Teppichmesser schwer verletzen (39.50 min) oder als sie einen Verlobungsring in seiner Hosentasche findet, während sie sich mit ihm vor den herannahenden Peinigern verstecken muss (49.27 min).Die bedrohlichen Begegnungen mit den Aggressoren hingegen erzwingen, durch die Identifikation mit der Hauptfigur, beim Zuschauer auch eine Konfrontation mit den eigenen körperlichen Angstreaktionen. Die schmerzhafte Anspannung des Helden wird nachgefühlt und sorgt für einen beschleunigten Puls und eine erhöhte Adrenalinausschüttung. Beispielhaft ist hier die Szene in der Steve von seinen Angreifern gefesselt wird und Brett, der Anführer der Gang einen anderen Jungen aufhetzt Steve zu attackieren. (39.56 min) Hinzu kommt dort noch das klaustrophobische Element des Gefesselt-Seins, welches zusätzlich das Gefühl von Beklemmung auslöst.Szenen wie diese sind auf sensomotorischer Ebene höchstansprechend.Sie sorgen für ein körperliches Erleben des Films.[5] Das gleiche gilt für die häufig wiederholten Verfolgungsjagden durch das Waldgebiet. Szenen die ärmer an Tempo und Dramatik sindwerfen Fragen auf nach der Logik des Geschehens, sie regen an selbst Strukturen zu erkennen und Kausalitäten zu benennen.[6] Beispielsweise wird bereits in den ersten Szenen des Films deutlich, dass dem rabiaten Handeln der Jugendlichen eine dysfunktionale Beziehung zu den eigenen Eltern zu Grunde liegt. Dieser Handlungsrahmen bietet an vielen Stellen des Films Erklärungsmuster für das spezifische Verhalten der Jugendlichen in bestimmten Situationen.

Das Vergnügen an den Wahrnehmungen auf emotionaler, sensomotorischer und kognitiver Ebene kann jedoch nur durch die Tatsache entstehen, dass sie zweckenthoben sind. Die Gefühle, die ausgelöst werden sind zwar real in ihrer Beschaffenheit, jedoch dienen sie keinem lebensechten Zweck, da der Rezipient nicht selbst in der Lage ist sich zu verteidigen oder zu fliehen. Auch sein Mitgefühl wird lediglich fiktiven Charakteren und Geschehnissen zuteil, ebenso wie die kognitive, analytische Auseinandersetzung mit dem Plot nur um ihrer selbst willen geschieht.[7] All diese Empfindungen werden Zuschauern auch bei der Rezeption anderer gewalthaltiger Filme zuteil, in Eden Lake jedoch ist das Erleben intensiver. Das liegt daran, dass sowohl der Film als Ganzes, als auch die Gewaltszenen im Speziellen nicht den Merkmalen der genrespezifischen Künstlichkeit entsprechen. Genrespezifische Künstlichkeit meint im Bezug auf den Horrorfilm unter anderem eine irreal verzerrte Darstellung körperlicher Verletzlichkeit. So spritzt im Traditions-Horror, anatomischer Korrektheit zum Trotz,literweise Blut. Begangen werden die Taten dort in aller Regel vom anonym maskierten Mörder, einem Grauen ohne Reue und Schwäche, oft mit pathologischer Vorbelastung.Auf dramaturgischer Ebene bewirken Humor, Ironie und stereotype Handlungs- und Rollenschemata eine deutliche Trennung zwischen inszenierter Handlung und der Wirklichkeit des Rezipienten.[8] In Eden Lake hingegen passt vieles nicht in die Schablone des Slashers. Die Darstellung körperlicher Gewalt ist hier deutlich schwerer zu ertragen. Dies liegt vor allem daran, dass es sich bei den Tätern um Kinder und Jugendliche handelt. Lediglich der Anführer Brett hat ein eigenständiges Aggressionspotenzial entwickelt, die anderen, mehrheitlich zwischen schätzungsweise zwölf und fünfzehn Jahren sind seiner Wut und dem unbändigen Trieb Jenny und Steve zur Strecke zu bringen ausgeliefert. Mit körperlicher und geistig-manipulativer Überlegenheit nötigt er siezu grausamer Gewaltanwendung. Wenn nun also der Jüngste der Gruppe Steve ein Messer in Mund rammt und sich danach übergeben muss, wird nicht nur das Leid des Opfers gezeigt, sondern auch das des Täters wider Willen(42.00 min). Die Gewalt erhält so eine schmerzhaft realistische Komponente. Der Täter ist kein Unbekannter, er ist nicht mal voll strafmündig. Das Böse kann nicht externalisiert werden, da es ein unmittelbarer und üblicherweise qua Alter, beschützenswerter Teil der Gesellschaft ist. Worin diese brutale Eskalation ihren Ursprung hat ist schon zu Anfang des Filmes überdeutlich: das Verhalten der Eltern changiert zwischen Desinteresse und willkürlicher Gewalt – ein pädagogisches Pulverfass. All dies situiert die Handlung Eden Lakes eng an der Realität. Dies sorgt beim Rezipienten einerseits für eine gesteigerte Anteilnahme auf sensomotorischer, emotionaler und kognitiver Ebene, da die gezeigte Gewalt durch ihre Realistik stark auf die eigene Wirklichkeit bezogen werden kann. Gleichzeitig kann dadurch eine Distanzierung zum filmischen Geschehen verhindert werden, wases erschwert, ästhetisches Vergnügen zu erleben. Je nach Genre- oder Medienkompetenz des Rezipienten kann dies starke Betroffenheit und Ablehnung des Films zur Folge haben.

Bedient sich ein Film wie Eden Lake in so konzentrierter Form realitätsnaherCharakteristika muss die Frage gestellt werden, inwiefern es sich hierbei um einen geregelten Tabubruch handelt. Konkreter: Können die Gewaltdarstellungen oder andere Elemente des Films zu einer Verschiebung der tendenziell gewaltdomestikativen Grundeinstellung des Rezipienten hin zu einer Befürwortung von Gewaltaffirmation führen? Dies könnte beispielsweise der Fall sein, wenn Gewalt als legitime Handlungsmöglichkeit dargestellt wird.[9]

Für die Gewaltszenen in Eden Lake fällt das Urteil klar aus: In keiner Szene, in der körperliche Gewalt angewendet wird,entsteht der Eindruck, sie könne positiven Nutzen für den Aggressor haben. Dies gilt sowohl für die familiäre Gewalt (05.40min) als auch für die Angriffe der Jugendlichen auf Steve und Jenny. Hier wird schwingt stets die Konnotation sinnloser Tragik mit, deutlich zu sehen in traumatisierten Gesichtern der jüngeren Bandenmitglieder als Brett den nicht der Gruppe zugehörigen Jungen Adam mit Benzin überschüttet und anzündet. (1.04.13 min) Das Leid ist ihnen genauso anzusehen wie Jenny beziehungsweise Adam und drängt, ihnen den Täter-Status abzuerkennen. Die Gewalt verliert hier jegliche Erhabenheit. Sie dient eindeutig nicht der eigenen Verteidigung noch scheint der durch sie erreichte Zustand erstrebenswert. Vielmehr markiert diese Szene den Höhepunkt einer komplett außer Kontrolle geratenen Streiterei, in dessen Verlauf Unbeteiligte nach dem Motto: „Zur falschen Zeit am falschen Ort“ hineingezogen werden. Selbst für den Hauptaggressor Brett, der den Film bis zum Ende überlebt, lässt sich jeglicher positive Nutzen seiner Taten ausschließen. Zwar posiert er in der letzten Szene des Films mit Steves teurer Sonnenbrille vor dem Spiegel als sei sie eine Trophäe (an seiner Stirn ein kleiner Kratzer, der in geradezu obszöner Unverhältnismäßigkeit zum Leid seiner Opfer steht –1.22.54 min), doch hat er im Laufe des von ihm angezettelten Konfliktes seine Freundin Paige, seinen Hund Bonnie und Freund Cooper verloren. Hinzukommen die Tötung von Steve und Adam – Taten, die auch in einem Ort wie Eden Lake, der suggeriert von jeglicher Ordnungsmacht abgeschnitten zu sein, nicht ohne juristische Konsequenzen bleiben werden. Zudem verrät seine Mimik, so sehr er sich auch um einen unberührt-coolen Gesichtsausdruck bemüht, keine Spur von siegreicher Überlegenheit.

[...]


[1] Watkins, James (2008): Eden Lake, Rollercoaster Films.

[2] Vgl. Hroß, Gerhard (2002): Die Funktion von Gewalt im Film. In: Hausmanninger, Thomas / Bohrmann, Thomas (Hg.): Mediale Gewalt. Interdisziplinäre und ethische Perspektiven. München: Fink Verlag. S. 137 f.

[3] Ebd., S. 138.

[4] Vgl. Hausmanninger, Thomas (2002): Vom individuellen Vergnügen und lebensweltlichen Zweck der Nutzung gewalthaltiger Filme. In: Hausmanninger, Thomas / Bohrmann, Thomas (Hg.): Mediale Gewalt: Fink Verlag. S.234.

[5] Vgl. ebd.

[6] Vgl. ebd.

[7] Vgl. Ebd.

[8] Vgl. Ebd. S. 242

[9] Vgl. Hausmanninger, Thomas (2002): Filmgewalt im Spannungsfeld gesellschaftlicher Gewaltdomestikation und Gewaltaffirmation. In: Hausmanninger, Thomas / Bohrmann, Thomas (Hg.): Mediale Gewalt: Fink Verlag. S 269.

Details

Seiten
11
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668270688
ISBN (Buch)
9783668270695
Dateigröße
675 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272005
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg – Kulturwissenschaften / Medienkultur und Kommunikatin
Note
1,3
Schlagworte
Filmanalyse Gewalt Tabubruch Eden Lake Horrorfilm Thriller Gewaltdarstellung geregelter Tabubruch mediale Gewalt Medienrezeption Mediensozialisation gewalthaltig Jugendkriminalität depriviert Konflikt

Autor

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Titel: Der Film „Eden Lake“ im Kontext gesellschaftlicher Gewaltdomestikation