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Wissenschaft und das Politregime. Psychoanalyse in der UdSSR in den 1920er Jahren

Hausarbeit 2013 21 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Psychoanalyse als Wissenschaft

3 Psychoanalyse in der frühen Phase der UdSSR
3.1 Institutionelle Entwicklung
3.2 Wissenschaftliche Entwicklung
3.2.3 Das Kinderheim-Laboratorium
3.2.2 Lurija
3.2.1 Lev Vygotskij

4 Politisierung und Unterdrückung der Psychoanalyse

5 Fazit

6 Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Die Geschichte der Sowjetunion war für einige Jahrzehnte unter einem Berg von Lügen begraben. Erst nach ihrem Zusammenbruch kamen einige Informationen ans Licht. Es betraf auch die sowjetische psychoanalytische Bewegung, die lange Zeit verborgen war.

Die vorliegende Arbeit zum Thema „Psychoanalyse in der UdSSR in den 1920er“ soll dazu dienen, einen Einblick in die Entwicklung der psychoanalytischen Disziplin in der Anfangsphase des bolschewistischen Regimes zu gewähren. Ihr konkretes Ziel dabei ist es, zu untersuchen, wie sich die psychoanalytische Bewegung entfaltete, welche wissenschaftlichen Ziele sie verfolgte und welchen Restriktionen seitens der Regierung sie unterzogen wurde. Dabei soll an den Beispielen von Kinderheim-Laboratorium sowie Lurijas und Vygotskijs die psychoanalytische Arbeit damaliger Epoche näher gebracht werden. Im letzten Kapitel wird die Unterdrückung der Psychoanalyse durch stalinistische Herrschaft und die Gründe dafür beleuchtet.

Die Grundlage der Arbeit bilden die Arbeiten von Kozulin („Psychology in Utopia“), Etkind („Eros des Unmöglichen“), Brenner („Kühnes Denken: Psychoanalyse in der Sowjetunion“) und Lejbin („Repressirovannyj psichoanaliz: Frejd, Trockij, Stalin“).

2 Psychoanalyse als Wissenschaft

Der Begriff Psychoanalyse leitet sich von den griechischen Wörtern ψυχή (psyche) für „Seele“ und ἀνάλυσις (analysis) für „Zerlegung“ ab und bedeutet die Untersuchung bzw. Enträtselung der Seele.[1]

Eingeführt wurde der Begriff Ende des 19. Jahrhunderts vom österreichischen Arzt Sigmund Freud, der zwischen drei aufeinander aufbauenden Bedeutungen des Wortes unterschied:

„Psychoanalyse ist der Name 1) eines Verfahrens zur Untersuchung seelischer Vorgänge, welche sonst kaum zugänglich sind; 2) einer Behandlungsmethode neurotischer Störungen, die sich auf diese Untersuchung gründet; 3) einer Reihe von psychologischen, auf solchem Wege gewonnenen Einsichten, die allmählich zu einer neuen wissenschaftlichen Disziplin zusammenwachsen“[2]

Gegenwärtig verwendet man den Begriff in drei Bedeutungsweisen – als psychologische Wissenschaft, als Forschungsmethode und als Therapie.

Als Wissenschaft stellt die Psychoanalyse ein Theoriebündel über unbewusste psychische Prozesse und Motivationen dar. Psychoanalytische Theorien beschäftigen sich mit den Auswirkungen unbewusster Intentionen des Menschen auf sein Denken, Fühlen und Handeln. Gegenstandsgebiete der Psychoanalyse sind hauptsächlich psychische Erkrankungen, Kunst, Literatur, Geschichte und Kultur.[3]

Freuds Psychoanalyse hat die Psychologie tiefgreifend verändert – mit ihr überwindet sie erstmalig die klassische Antithese von Geist und Körper. Dieser Widerspruch machte die früheren psychologischen Theorien entweder zu metaphysischen Spekulationen oder zu mechanischen Versimplifikationen.[4]

Die Verbreitung der Lehre Freuds bzw. der Psychoanalyse in Europa begann mit der Gründung der Internationalen Psychoanalytischen Assoziation 1908 und intensivierte sich während des Ersten Weltkrieges (1914-1918).[5] Seine Anhängerschaft fand die Psychoanalyse auch in dem vorrevolutionären Russland und später in der Sowjetunion.

3 Psychoanalyse in der frühen Phase der UdSSR

3.1 Institutionelle Entwicklung

Die Entwicklung der Psychoanalyse in der UdSSR wurde maßgeblich von dem kommunistischen Regime bestimmt und geprägt. Aus diesem Grund ist ein Blick auf die historischen Ereignisse und auf die Entwicklung der Wissenschaft bei der Betrachtung der sowjetischen Psychoanalyse zwingend erforderlich.

Mit dem Ausbruch der Revolution 1917 und dem darauffolgenden Bürgerkrieg geriet die Wissenschaft in Russland weitgehend in den Hintergrund. Nach dem Ende des Bürgerkriegs und der Proklamation der Neuen Ökonomischen Politik („NEP“) 1922 trat das Land auf den Weg der Neuorganisation, die vorerst sowohl die Privatwirtschaft in kleinen Rahmen, als auch die Neugründung der höheren Bildungsinstitutionen und soziale Experimente zuließ.

Die Wissenschaft wurde im Zuge der sozialen und politischen Transformationen in zwei Fronten gespalten. Die eine Seite bildeten die Akademie der Wissenschaften, Universitäten sowie kurzzeitige Einrichtungen, wie etwa die Freie Philosophische Akademie in St. Petersburg, deren Priorität den wissenschaftlichen und nicht den ideologischen Zielen galt. Auf der anderen Seite arbeitete das neue Regime daran, die „alten und unzuverlässigen“ Gelehrten, die die bolschewistischen Ideale nicht teilten, durch regimetreue Leute zu ersetzen – dazu wurden die Kommunistische Akademie, das Institut der Roten Professur und die Akademie der kommunistischen Erziehung errichtet, die der direkten Kontrolle der Partei unterstanden.[6]

Die Psychoanalyse gewann in dieser Zeit an Popularität. Sie war zwar schon vor der Revolution in gewissen Kreisen verbreitet, kam aber erst nach 1921 richtig „in die Mode“.[7] Selbst Lenin musste zugeben: „Die Freudsche Theorie ist jetzt auch solch eine Modenarrheit“.[8] Dieses Interesse spiegelt sich in den zahlreichen Organisationen und Einrichtungen, die Anfang der 1920er Jahre zur psychoanalytischen Forschung ins Leben gerufen wurden. 1921 wird in Moskau eine psychoanalytische Vereinigung zur Erforschung des künstlerischen Schaffens von Ermakow und Wulff, den Schülern des Psychiatriereformers Wladimir Serbski, gegründet. Im gleichen Jahr eröffnete die Pädagogin Vera Schmidt das Kinderheim-Laboratorium (ab 1922 „Internationale Solidarität“), in dem psychoanalytisch und marxistisch inspirierte Erziehungsmethoden getestet wurden. Der Arzt und Neuropsychologe Alexander Lurija organisierte 1922 in Kasan eine psychoanalytische Gesellschaft. Kurz darauf gründeten Ermakow und Wulff mit Unterstützung vom Volkskommissariat für Aufklärung (Narkompros) ein Staatliches Institut für Psychoanalyse sowie die Russische Psychoanalytische Vereinigung (RPV).[9] In ihren Gründungdokumenten hieß es:

„Die Psychoanalyse ist ihrem Wesen nach eine Methode zur Erforschung und Erziehung des Menschen in seinem sozialen Umfeld, die zur Auseinandersetzung mit primitiven, asozialen Antrieben diesbezüglich unterentwickelter Persönlichkeiten beiträgt und sowohl für die reine Wissenschaft als auch für angewandte Bereiche von immensem Interesse ist.“[10]

Die Gründungsmitglieder der RPV waren jedoch weit entfernt von der praktischen Psychoanalyse – lediglich drei von den Gründungsmitgliedern (Ermakov, Kannabich und Wulff) besaßen Erfahrungen auf dem Gebiet, der Rest gehörte der „neuen Intelligencija“ oder dem neuen Verwaltungsapparat an. Die Beteiligung der Letzteren sicherte der Vereinigung den offiziellen Rückhalt, zwang aber auch zu gewissen Zugeständnissen – vor allem in Bezug auf die Maßstäbe und Formen, die nicht von der vorgegebenen Parteilinie abweichen dürften.[11]

Zunächst gab es für eine Weile den Anschein, dass kommunistische und vorrevolutionäre Bildungseinrichtungen friedlich nebeneinander existieren würden. Trotz jeglicher Vorbehalte gegenüber dem bolschewistischen Regime waren „vorrevolutionäre“ Psychoanalytiker in keine oppositionelle Bewegung involviert. Die ersten Schritte der neuen Regierung wirkten sogar vielversprechend: Bechterew wurde erlaubt das Institut für Hirnforschung in Petrograd zu errichten, Pawlow dürfte seine Fakultät an dem Institut für Experimentelle Medizin weiterleiten und Chelpanov wurde erneut zum Leiter des Moskauer Instituts für Psychologie ernannt. Doch die Jahre 1922-1923 brachten die grundlegenden Veränderungen - große Mengen der russischen Intellektuellen, darunter viele Mitglieder der Moskauer psychologischen Gesellschaft sowie Petrograder Philosophischen Gesellschaft wurden kurzfristig inhaftiert und emigrierten infolgedessen in den Westen. Die offizielle sowjetische Geschichtsschreibung gibt dafür eine moralisch fragliche, aber ideologisch konforme Erklärung: Die Mitglieder der oben genannten Gesellschaften hätten einen militanten Kampf gegen den Materialismus sowie gegen die gesamte neue Wissenschaft geführt und den Obskurantismus befürwortet.[12]

[...]


[1] Vgl. STRANGL, W. (2011): Rekognitionsheuristik. Lexikon für Psychologie und Pädagogik. Entnommen aus http://lexikon.stangl.eu/180/psychoanalyse/ am 18.06.2013

[2] FREUD, S. (1923); zitiert nach: HOEVELS, F. E.(1983): Marxismus, Psychoanalyse, Politik. Freiburg: Ahriman-Verlag, S. 20.

[3] Vgl. SOVETSKAJA ĖNCYKLOPEDIJA-REDAKTION (Hrsg.)(1975): Bolšaja Sovetskaja Ėncyklopedija Band 21. Artikel: Psichoanaliz. Moskva: Izdatel´stvo Sovetskaja Ėncyklopedija, S. 187.

[4] Vgl. BRENNER, F. (1999): Kühnes Denken: Psychoanalyse in der Sowjetunion. In: World Socialist Web Site, Mehring Verlag. Entnommen aus http://www.wsws.org/de/articles/1999/07/freu-j07.html am 10.07.20113

[6] Vgl. KOZULIN, A.: Psychology in Utopia. Toward a Social History of Soviet Psychology. Cambridge: The MIT Press, 1984, S. 11

[7] Vgl. ETKIND, A.: Eros des Unmöglichen. Die Geschichte der Psychoanalyse in Russland. Leipzig: Gustav Kiepenheuer Verlag, 1996, S. 219

[8] ZETKIN, C.(1985); zitiert nach ETKIND, S. 219

[9] Vgl. NÖLLEKE, B. (2007): Geschichte der Psychoanalyse in Russland. Entnommen aus http://www.psychoanalytikerinnen.de/russland_geschichte.html am 21.06.2013

[10] ZENTRALES STAATSARCHIV RUSSLANDS (ZGAR), Nr. 2307, Verz. 2, Akte 412, Bl. 1 (1922); zitiert nach ETKIND, S. 236

[11] Vgl. ETKIND, S. 236f

[12] Vgl. KOZULIN, S. 11f

Details

Seiten
21
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656634591
ISBN (Buch)
9783656634577
Dateigröße
879 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v271998
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,0
Schlagworte
Psychoanalyse Politregime Lurija UdSSR 20er Unterdrückung Politisierung der Wissenschaft Vygotskij

Autor

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Titel: Wissenschaft und das Politregime. Psychoanalyse in der UdSSR in den 1920er Jahren