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George Perec. Autobiografische Elemente in "La vie mode d’emploi"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 18 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Elemente seiner Kindheit vor, während und nach dem Krieg
2.1. Perecs Vorüberlegungen in seinem „Cahier des charges“ und der Übertrag auf die Kapitel im Buch
2.2. Zusammenhänge der Kellerräumen

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis
4.1. Primärliteratur
4.2. Sekundärliteratur

5. Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

George Perec sagt über sich als Schriftsteller selbst: « [...] Ɖresque aucun de mes livres n'échappe tout à fait à un certain marquage autobiographique (par exemple en insérant dans un chapitre en cours une allusion à un événement survenu dans la journée)». Er sagt weiter, dass er der Ansicht ist « [͙] que la somme de mes livres pourra fonctionner aussi comme autobiographie.» Es sind vor allem seine Kindheitserlebnisse und Traumata, die er in seinen Büchern integriert (vgl. Miller, Anita 1996) und dadurch zu verarbeitet und aufzuarbeiten versucht. Die folgende Ausarbeitung versucht daher, die bereits angesprochenen biografischen Elemente, die in jedem seiner Werke zu finden seien, in dem Buch La Vie mode d’emploi anhand ausgewählter Szenen herauszustellen, wobei ich mich auf die Kellerszenen beschränken möchte. Anhand dieser Abschnitte möchte ich eine gewisse Chronologie herausarbeiten, die Perecs Kindheit vor, während und nach dem Krieg widerspiegelt. Nach einer biografischen Zusammenfassung der Kindheitszeit und Jugendphase von Georges Perec erfolgt ein kurzer Einblick in den Oulipo und die Auswirkung dieser Vereinigung auf Perec. Anschließend widmet sich die Arbeit der wesentlichen Untersuchung, die ich bereits erläutert habe.

1.1. Biografische Daten von Georges Perec

Georges Perec wurde 1936, vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, als Kind jüdischer Immigranten in Paris geboren. Seine Eltern, Cyrla und Icek Judko Perec, entstammen der polnischen Arbeiterklasse und wandern nach Frankreich aus. 1939 tritt Icek Judko Perec als Freiwilliger in die französische Armee ein, wo er 1940 an einer tödlichen Verletzung stirbt (vgl. Miller, Anita 1996, S. 31). Mit Ausbruch des Krieges und zunehmender Judenverfolgung in der zone d’occupation gab es organisierte Konvois, die vornehmlich jüdische Kinder in Sicherheit brachten. Perecs Mutter schickte ihn 1942 mit einem solchen Konvoi des Roten Kreuzes nach Villard-de-Lans. Dort, innerhalb der zone libre, hatte die Verwandtschaft väterlicherseits Zuflucht gesucht. So konnte er zunächst bei seiner Tante Esther unterkommen. Cyrla selbst scheiterte an einem Versuch, die sichere Zone zu erreichen und kehrte schließlich nach Paris zurück. 1943 wurde sie während einer Razzia arretiert und schließlich nach Auschwitz deportiert, wo sie sehr wahrscheinlich ums Leben kam (vgl. Miller, Anita 1996, S. 31). Georges selbst wurde nach nur wenigen Wochen bei seiner Tante in ein nahegelegenes Kinderheim gegeben und besuchte ein christliches collège. Er zog wenig später mit seiner Großmutter in einen Nachbarort um. 1944 kehrten beide in das Haus seiner Tante zurück. Mit zunehmendem Rückzug bzw. zunehmender Vertreibung der Nazis aus Nordfrankreich, besser gesagt aus der zone d’occupation, kehrte ein Teil der Familie nach Paris zurück. Georges verblieb zunächst bei weiteren Verwandten in Villard, die kurz darauf ebenfalls nach Paris zurückgingen. So wurde er wieder bei seiner Tante Esther untergebracht (vgl. Miller, Anita. 1996, S. 31/32).

Es lässt sich offensichtlich erkennen, dass Perecs Kindheit nicht nur von dem frühen Tod der Eltern geprägt war. Die häufigen Ortswechsel sowie die permanente Änderung der Bezugspersonen führten bei ihm zu einer wachsenden Heimat- und Orientierungslosigkeit. Hinzu kommt eine gewisse „bi-religiöse“ Erziehung, da er sowohl mit jüdischen Traditionen als auch mit christlichen Werten konfrontiert wurde (vgl. Miller, Anita 1996, S. 32). Diese für ein Kind sehr verwirrenden Sozialisationsbedingungen und die allgegenwärtige Gefahr des Kriegs haben bei Georges Perec ihre Spuren und einige Traumata hinterlassen.

Diese autobiografischen Elemente lassen sich aber nicht immer auf den ersten Blick feststellen und in seinen Büchern herausfinden. Er bedient sich nicht nur seiner Erinnerungen und Erlebnissen, sondern auch seiner Fantasie, der Fiktion.

1.2. Der Einfluss des Oulipo auf Georges Perec

Als Mitglied im Oulipo (L' Ouvroir de Littérature Potentielle), einem Club aus Schriftstellern, Wissenschaftlern etc., die sich von einer „freien“ oder auch „sƉontanen“ Literatur distanzieren, bedient er sich zudem an den sogenannten «contraintes». Durch diese literarische Zwänge bzw. Einschränkungen, die er sich selbst für jedes seiner Werke auferlegt, entsteht ein regelrechtes „organisiertes Durcheinander“. Ein Durcheinander von Realität, Fiktion und seiner sich selbst auferlegten Struktur (Tabellen, Wortlisten etc.).

« Parmi les outils et repères, on trouve les modèles mathématiques de trois processus formels, les listes d’éléments constituent une sorte de répertoire de matériaux narratives et fictionnels et enfin des plans et des tableaux récapitulatifs.» (vgl. Perec, Georges. Cahier des charges, S. 13)

Diese Strukturen werden für ihn zu einem Regelwerk, das er für sich als Spielraum nutzt. Für ihn ist das Schreiben, sprich die Literatur ein regelrechtes Spiel («Ecrire est un jeu [...]»). Man könnte fast meinen, Perec selbst verliere den Überblick darüber, welche Teile real und welche von ihm fingiert wurden. Daher schreibt er, sei es zum Eigenschutz oder zur zusätzlichen Leserverwirrung, eine Art salvatorische Klausel zu Beginn seines Buches La Vie mode d’emploi.

«L'amitié, l'histoire et la littérature m'ont fourni quelques-uns des personnages de ce livre. Toute autre ressemblance avec des individus vivants ou ayant réellement ou fictivement existé ne saurait être que coïncidence.» (vgl. Perec, Georges.VME, S. 15)

2. Elemente seiner Kindheit vor, während und nach dem Krieg

2.1. Perecs Vorüberlegungen in seinem „Cahier des charges“ und der Übertrag auf die Kapitel im Buch

Für sein Werk La Vie mode d‘emploi hat er sich ein sogenanntes cahier des charges geschrieben. So heißt es auf den ersten Seiten des cahiers:

«Nous Ɖrésentons ici un de ces univers de « listes ͩ, très certainement l’un des Ɖlus imƉortants dans l’œuvre de Perec, celui qui a régi la conceƉtion, la construction et la rédaction de la Vie mode d’emploi» (vgl. Perec, Georges. Cahier des charges, S.7)

Dieses umfasst Vorüberlegungen und contraintes, die er sich vor dem Schreiben auferlegt hat. Er beschreibt darin die Struktur des Buches und erstellt Tabellen, wie er jedes einzelne Kapitel aufteilt, wie diese in den Gesamtkontext passen, wie er die Kapitel aneinander reiht und was diese inhaltlich enthalten. Man könnte sagen, dass es eine Art mode d’emploi für die Leser seines Buches La Vie mode d’emploi darstellt. Auch wenn in diesem Buch laut nita Miller die „fiktiven und fiktionalen Formen der Memoria dominieren“ sei jedoch auch „sehr viel Persönliches inskribiert, [...] Persönliche Erinnerungen an die Kindheit bzw. anamnestische Erinnerungen manifestieren sich dagegen lediglich in Details.“ Diese Details sind es, die ich versuchen werde zu entdecken. Im folgenden Verlauf der Hausarbeit werde ich mich daher auf die Listen und Tabellen der fünf Kellerszenen konzentrieren und herausarbeiten, inwiefern sich die Worte bzw. die Aufzeichnungen auf biografische Elemente übertragen lassen können. Direkt dazu werde ich die inhaltliche Gestaltung der einzelnen Szenen in seinem Buch vergleichen.

2. Teil, dreiunddreißigstes Kapitel, Keller 1. Es handelt sich hier, im ersten Bereich des Kellerraumes lediglich um die Darstellung einer Art Vorratskammer. Er beschreibt auf knapp 2 Seiten die mit vielerlei Provisorien gefüllten Regale, indem er zunächst Grundnahrungsmittel, dann Tafelweine und andere Getränke und schließlich Hygieneartikel aufzählt. Man bekommt den Eindruck, Perec beschreibe einen Besuch im Supermarkt. Diese Empfindung kann, muss aber nicht zufällig sein. In Paris arbeitete sein Vater, zwar gelernter Hutmacher, vor dem Krieg vornehmlich in dem Lebensmittelgeschäft seiner Schwester (vgl. Miller, Anita 1996, S. 31). Das Wort für „Hut“ taucht ebenfalls in seiner Liste auf und kann ebenfalls als Kindheitseindruck gedeutet werden, da er möglicherweise den Vater bei seinem Handwerk beobachtet hat. llerdings wird der Begriff „Hut“ im Text selbst als carton à chapeaux (zu Deutsch Hutschachtel bzw. Schuhkarton) erwähnt, der „von alten Fotos überquillt“ (vgl. Das Leben Gebrauchsanweisung, S. 258f). Mit diesem Zusatz lässt sich die Behauptung anstellen, dass Perecs Erinnerungen von alten Fotos hervorgerufen wurden und er weniger aus seinen eigenen Eindrücken als Kind berichtet, was aufgrund seines Alters gut nachzuvollziehen ist. Ein Wort, das in seinen Aufzeichnungen für diese Kellerszene zudem hervorsticht, ist Avant-guerre. Angesichts seines Geburtsjahres 1936, lassen sich meiner Vermutung nach weniger biografische Elemente in diesem Kapitel finden, da er selbst in den Jahren vor dem Krieg wenig erlebt oder erfahren haben kann. Der Inhalt, den er mit reinen Aufzählungen relativ schlicht gestaltet, entspringt eher Perecs Fiktion. Der Ausdruck Avant-guerre, der in seiner Liste im cahier des charges für diese Szene steht, wird von Perec später im Buch nicht direkt erwähnt, sondern versteckt sich am Ende des zweiten Satzes.

«Une place pour chaque chose et chaque chose à sa place; on a pensé à tout : des stocks, des Ɖrovisions, [...], de quoi voir venir en cas de guerre » (vgl. Perec, Georges. VME, S.195)

Dies ist ein weiterer Trick, vielmehr eine Spielerei Perecs, die er beim Schreiben anwendet. Er schreibt nicht lediglich alle Wörter aus seinen «préparatifs de travail du chapitre͙», sondern versteckt diese in etwaigen Redewendungen, Synonymen etc. Ein Wort, dass in seiner Liste auffällt, ist La Disparition. In der Szene selbst taucht es nicht direkt auf, sei es weil das Wort an sich auch „verschwunden“ ist, quasi gar nicht vorkommt oder weil Perec es anderweitig subtil eingebaut hat. Trotz alledem kann es als Verweis darauf gesehen werden, dass er seine jüdische Identität gleich zu Beginn der Kindheit verbergen musste und diese dadurch verschwunden ist.

«Pendant les premières années de son enfance - celles oƶ l’enfant aƉƉrend ă Ɖarler -, il ne peut énoncer son identité sous Ɖeine de disƉarition. [...] tous les quatre [gemeint sind Perec und 3 andere jüdische Autoren] ont été engagés dans un processus d’acculturation. Pour chacun, la mémoire et l’identité inextricablement liées l’une ă l’autre se révèlent dans un constat de carence, d’absence et d’auto-incompréhension.» (Béhar, Stella. 1995, S. 135)

Perec schreibt selbst «Je n’ai Ɖas pas de souvenirs d'enfance.» (Perec, 1975, S.13) Was aber nicht entgegen den eigenen Nachforschungen steht, sondern lediglich ein Hindernis darstellt. Ein Rätsel, das zu lösen sich Perec als Aufgabe gestellt hat. Auch laut seiner Liste will er resoudre une énigme!. Im Text lässt sich dieser Ausdruck gut erkennbar finden. «La plus fantastique énigme de L’Histoire enfin résolue!» Diese Anmerkung steht direkt vor der Erwähnung der bereits besprochenen Hutschachtel. Die sich darin befindenden Fotos dienen der Lösung des Rätsels, der Suche nach seiner Geschichte, nach Informationen seiner Kindheit. Ein anderes biografisches Element, das sich herauslesen lässt, ist die Anmerkung 3 personnes. Als einziges Kind seiner Eltern, bestand seine Familie, der Familienkern, vor Beginn des Krieges eben aus drei Personen. Sein Vater, seine Mutter und er selbst. Durch den Tod des Vaters kurze Zeit nach dessen Beitritt in die Armee, schrumpfte dieser Kern zu 2 Personen. Diesen Begriff findet man als gedankliche Einheit in der Liste der nächsten Kellerszene. Datiert man die Kellerszene 1 zeitlich vor den Zweiten Weltkrieg, kann man nun davon ausgehen, dass Perec bereits erste Eindrücke aus den Anfangsjahren des Kriegs mit in den Inhalt der 2. Kellerszene einfließen lässt. Dafür spricht auch die Erwähnung von Grande-Bretagne in seiner Liste, war es doch England, das zusammen mit Frankreich Ende 1939 Deutschland den Krieg erklärte. Was aber ist der Inhalt von Kellerraum 2? Es handelt sich zum einen um den Keller von Rorschachs und zum anderen den Keller von Dinteville. Beide Kellerräume sind mit vielerlei Überbleibseln («résidus») gefüllt und geben inhaltlich nicht viel wieder. Auffällig ist jedoch das Wort „ rchiv“ in Majuskeln im Keller der Rorschachs. Im Keller von Dinteville finden sich mit Büchern gefüllte Kartons, unter denen ein Buch tituliert ist als Histoire de la Guerre européenne. Möglicherweise sind diese Wortverwendungen Hinweise darauf, dass sich Perec wieder an der Geschichte, bzw. an geschichtlichen Hintergrundinformationen orientiert, verbunden mit fiktiven Lebensgeschichten anstatt an den eigenen Erinnerungen. Das Fragezeichen, das Perec im zweiten Absatz gebraucht um auszudrücken, dass er eine Ansammlung von Objekten am Boden nicht genau definieren kann, lässt sich auf ihn als Person übertragen. Er weiß selbst nicht, was sich in seinem Kopf an Erinnerungen angesammelt hat, noch viel weniger, wie er es zuordnen kann. In den dunklen Kellerräumen, übertragen auf verblassende Erinnerungen, lässt sich wenig erkennen. Daher der Verweis auf die Geschichte im Allgemeinen. Inhaltlich handelt es sich bei Dinteville um einen Arzt, der seine Praxis in eben diesem Haus hat. Handelt es sich bei Dinteville auch nicht um einen Arzt jüdischer Abstammung, so kann man doch Parallelen ziehen zu dem Berufsverbot jüdischer Ärzte im Verlauf des Zweiten Weltkrieges. Das abgebrochene Praxisschild, das alte Sofa des Wartezimmers etc. sind Zeichen für eine verwahrloste, heruntergekommene evtl. eben zwangsverlassene Praxis, wie man es in Zeiten des Krieges erlebt hat.

«Sur l’ancien divan de la salle d’attente dont la toile de lin, jadis vert, crevée de partout, achève de pourrir, est posée une plaque de faux marbre, jadis rectangulaire, aujourd’hui brisée sur laquelle on Ɖeut lire : CABINET DE CONSULT.» (vgl. Perec, Georges. VME, S.390)

Zudem wird hier die Geschichte von Horatio, einem Skelett, erwähnt, dessen rechter Arm fehlt und der eine Augenbinde über dem rechten Auge trägt. Der Hitlergruß als verpflichtender Gruß im Zweiten Weltkrieg wurde mit dem rechten Arm ausgeführt. Jegliche Verweigerung wurde bestraft. Das Skelett steht für eine Ablehnung oder gar Auflehnung gegen das NS-Regime, was mit dem Tod bestraft werden konnte.

[...]

Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656630395
ISBN (Buch)
9783656630371
Dateigröße
949 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v271990
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Romanische Seminar
Note
1,7
Schlagworte
george perec autobiografische elemente

Autor

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Titel: George Perec. Autobiografische Elemente in "La vie mode d’emploi"