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Neue Medien. Fluch oder Segen der Generation Flatrate

Vor dem Hintergrund schulischer Erfahrungen

Examensarbeit 2013 104 Seiten

Pädagogik - Medienpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Gang der Untersuchung

3 Warum der Begriff Generation Flatrate?

4 Medienkompetenz als Grundlage
4.1 Geschichtliche Aspekte der Begrifflichkeit
4.2 Probleme bei der Benutzung des Begriffs Medienkompetenz
4.3 Dimensionen der Medienkompetenz
4.3.1 Basisdimension
4.3.2 Medienkompetenzmodell nach Baacke
4.3.3 Ergänzung durch das Medienkompetenzmodell von Groeben
4.4 Kritische Betrachtung des Medienkompetenzbegriffs

5 Die mediale Welt von Kindern und Jugendlichen
5.1 Zum Begriff Neue Medien
5.1.1 Digitalität, Vernetzung, Globalität
5.1.2 Mobilität
5.1.3 Konvergenz
5.1.4 Interaktivität
5.2 Das Neue der „Neuen Medien“
5.3 Mediensozialisation
5.3.1 Theorie Sozialisation
5.3.2 Theorie Mediensozialisation
5.3.3 Der Bezug zu den Medien Computer und Internet
5.4 KIM Studie
5.4.1 Themeninteressen Kinder
5.4.2 Geräteausstattung im Haushalt von Kindern
5.4.3 Medienbeschäftigung und Freizeitaktivitäten von Kindern
5.4.4 Medienbindung von Kindern
5.4.5 Nutzungsfrequenz Computer bei Kindern
5.4.6 Computer und Schule bei Kindern
5.4.7 Nutzungsfrequenz Internet bei Kindern
5.5 JIM-Studie
5.5.1 Gerätebesitz Jugendliche
5.5.2 Medienbeschäftigung in der Freizeit
5.5.3 Computer und Internet bei Jugendlichen
5.5.4 Handybesitz und Smartphones bei Jugendlichen 2012

6 Gefahren und Risiken der Neuen Medien
6.1 Der Computer und das Internet
6.2 Chat und Instant Messenger
6.3 Cyber Grooming
6.4 Pornografisches Material im Internet
6.5 Mobbing im Internet
6.5.1 Flaming – Beleidigung und Beschimpfung
6.5.2 Harassment – Belästigung
6.5.3 Denigration – Das Anschwärzen und Verbreiten von Gerüchten
6.5.4 Impersonation – Der Auftritt unter falscher Identität
6.5.5 Outing and Trickery – Die Betrügerei
6.5.6 Exclusion – Ausschluss
6.5.7 Cyberstalking – Dauerhafte Verfolgung
6.5.8 Cyberthreats – Die Androhung von Gewalt
6.5.9 Ursachen des Cybermobbings
6.5.10 Stand der Forschung
6.6 Happy Slapping
6.7 Theorien der Medienwirkung
6.7.1 Inhibitionsthese
6.7.2 Habitualisierungsthese
6.7.3 Suggestionsthese – Nachahmungsthese
6.7.4 Erregungstransferthese / Excitation-Transfer-Theorie
6.7.5 Zwischenfazit
6.8 Ausblick

7 Chancen und Möglichkeiten der Neuen Medien
7.1 Computer und Computerspiele
7.1.1 Soziale Kompetenz
7.1.2 Medienkompetenz
7.1.3 Persönlichkeitsbezogene Kompetenz
7.1.4 Kognitive Kompetenz
7.1.5 Motivationspotenzial
7.1.6 Adaptivität
7.1.7 Differenziertheit des didaktischen Systems
7.1.8 Nutzbarmachung für Aus- und Weiterbildung
7.2 Computereinsatz im Unterricht
7.2.1 Public Private Partnership München
6.2.2 Zwischenfazit
7.2.2 Ausblick
7.3 Prävention
7.3.1 klicksafe
7.3.2 Polizeiliche Kriminalprävention
7.3.3 Gewaltprävention in der Schule

8 Schulkultur als Ursache gewalttätigen Verhaltens?
8.1 Ursachen von Schulgewalt
8.2 Schulische Präventionsverfahren
8.2.1 Schulische Lernkultur
8.2.2 Sozialklima
8.2.3 Stigmatisierung
8.2.4 Regeln, Grenzen und Rituale
8.2.5 Kooperation
8.3 Zusammenfassung

9 Fazit

10 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Themeninteresse 2012

Abbildung 2: Geräteausstattung 2012

Abbildung 3: Gerätebesitz der Kinder 2012

Abbildung 4: Freizeitaktivität 2012

Abbildung 5: Medienbindung 2012

Abbildung 6: Nutzungsfrequenz Computer 2012

Abbildung 7: Computernutzung zu Hause für die Schule 2012

Abbildung 8: Entwicklung Internet-Nutzer 2012 – 2006

Abbildung 9: Gerätebestiz Jugendliche 2012

Abbildung 10: Medienbeschäftigung Jugendlicher 2012

Abbildung 11: Wege der Internetnutzung bei Jugendlichen 2012-2010

Abbildung 12: Aktivitäten von Jugendlichen im Internet 2012

Abbildung 13: Mobiles Internet bei Jugendlichen 2012

Abbildung 14: Die wichtigsten Apps auf dem Smartphone 2012

Abbildung 15: Cyber-Mobbing im Bekanntenkreis 2012

Abbildung 16: Happy Slapping Erfahrungen 2012

Abbildung 17: Input/Output-Modell 2003

1 Einleitung

In der vorliegenden Zulassungsarbeit steht folgende Forschungsfrage im Fokus: Sind die Gefahren und Chancen, die aus dem Umgang mit den neuen Medien resultieren und in der Politik, der öffentlichen Debatte und vielen Publikationen ambivalent diskutiert werden, auch wissenschaftlich zu belegen? Besteht also wirklich ein Zusammenhang zwischen dem Spielen von gewalthaltigen Computerspielen und einer verminderten emphatischen Fähigkeit, oder muss unsere Gesellschaft weg von einer Bewahrpädagogik in Bezug auf die Neuen Medien, welche bereits im 1. Drittel des 20. Jahrhunderts vorherrschte?[1]

Werden die Trends der modernen Massengesellschaft analysiert, wird schnell klar, dass einfach mal abschalten nicht mehr möglich zu sein scheint. Sei es der ständig laufende LED-3D TV, das aufgeklappte Ultrabook, das Tablet auf der Couch oder das Smartphone in der Hand. Der Weg von einer Industriegesellschaft hin zu der modernen Informations- und Mediengesellschaft scheint vollzogen. Das erkannte Dieter Baacke schon vor längerer Zeit: „Medienwelten sind Lebenswelten, Lebenswelten sind Medienwelten“[2]. Diese Entwicklung bringt natürlich nicht nur Vorteile mit sich, sondern birgt auch Gefahren und zwar nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern auch für erwachsene Personen[3]. In der öffentlichen Debatte stehen immer wieder Dienste wie Facebook, Twitter oder Chatportale in der Kritik. Laut Spiegel „kennt (Facebook) kein Briefgeheimnis. Das Netzwerk erfasst automatisch, wer wem eine Nachricht schreibt und hört auf Schlagwörter. Unter bestimmten Umständen vermutet das System beispielsweise, es könnte sich um den unsittlichen Anbahnungsversuch eines Erwachsenen an einen Teenager handeln - und schlägt Alarm.“[4] Dieses Feld ist jedoch nur ein sehr kleiner Bereich der heutigen Medienwelt und verdeutlicht, wie viele neue Problemfelder sich durch die schnell wandelnde Medienlandschaft auftun. Denkt man jedoch über die Zukunft von Jugendlichen und die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit Medien in Bezug auf den Arbeitsmarkt nach, wird deutlich, wie kontrovers die Debatte an diesem Punkt werden kann. Die Medien berichten ebenfalls von sinnlosen Besäufnissen Jugendlicher und Kinder, von steigender Gewalt im Jugendalter und der Angst der jugendlichen Generation, zukünftig keinen Arbeitsplatz zu finden. Stehen diese Entwicklungen in einer Verbindung mit dem Wandel zur modernen Informations- und Mediengesellschaft? Geht es den Jugendlichen einer modernen Informationsgesellschaft überhaupt noch gut? Carsten Rohlfs beantwortet diese Frage in einem Zeitungsinterview: „Den Jugendlichen geht es gut. Klar, sie haben viele Probleme und Ängste, aber auch viele Chancen […] Wir waren die ersten Jugendlichen, die fast nur drinnen spielten und vor dem Fernseher saßen - eine domestizierte Kindheit. Den Generationen nach uns gab man gar keine Zukunftsperspektiven mehr. Und nun haben wir die Generation Flatrate.“[5]

Diese Arbeit soll sich mit den Problembereichen und den Möglichkeiten der Neuen Medien beschäftigen und untersuchen, wie sich diese auf Jugendliche auswirken können. Pornografie, gewalthaltige Spiele, rechte Propaganda oder Cyber-Mobbing. Ebendiese Begriffe werden in der breiten Öffentlichkeit häufig sehr einseitig diskutiert. Spitzer wird an dieser Stelle sehr deutlich: „Wenn wir die Entwicklung so weiter laufen lassen wie bisher, dann verursachen Bildschirme im Jahr 2020 hierzulande jährlich etwa 40.000 zusätzliche und vermeidbare Tote aufgrund von Herzinfarkt, Zuckerkrankheit und Schlaganfällen sowie Lungenkrebs. Die Zahlen sind vorsichtig geschätzt, stellen also eher die untere Grenze dessen dar, womit man rechnen muss. Es kann deutlich schlimmer kommen.“[6] Seiner Meinung nach ist „jeder Tag, den ein Kind ohne digitale Medien zugebracht hat, […] gewonnene Zeit. Beschränken Sie bei Kinder die Dosis, denn das ist das Einzige, was einigermaßen einen positiven Effekt hat.“[7] Hier zeichnet sich ein Bild der neuen Medien als reine Gefahr für Kinder und Jugendliche ab. Nach dem Amoklauf eines Gymnasiasten in Winnenden entbrannte die Diskussion, ob gewalthaltige Spiele und exzessive Computernutzung die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen erhöhen. Laut Spitzer vermindert das Spielen die Fähigkeit zum Mitgefühl und er weist auch auf die gesundheitlichen Nebenwirkungen und Störungen der Aufmerksamkeit, Lese- und Rechtschreibschwächen und Rückenbeschwerden hin.[8] Auch in seinem 2012 erschienenem Buch „Digitale Demenz, Wie wir unsere Kinder um den Verstand bringen“ stellt er weitere Behauptungen in Bezug auf den Medienkonsum auf: „Ein Teufelskreis aus Kontrollverlust, fortschreitendem geistigem und körperlichen Verfall, sozialem Abstieg, Vereinsamung, Stress und Depression setzt ein; er schränkt die Lebensqualität ein und führt zu einem um einige Jahre früheren Tod.“[9] Für Spitzer besteht die einzige Lösung darin, den Konsum drastisch einzuschränken, „denn dies ist das Einzige, was erwiesenermaßen einen positiven Effekt hat. Jeder Tag, den ein Kind ohne digitale Medien zugebracht hat, ist gewonnene Zeit.“[10]

Sind aber Zensur und Verbot jedoch wirklich der einzige Weg aus Spitzers prophezeitem Teufelskreis? Entbehren Spitzers häufig polemisch wirkende Thesen an vielen Stellen nicht der wissenschaftlichen Grundlage? Spitzers Veröffentlichungen stoßen in der breiten Öffentlichkeit häufig auf Zuspruch, dennoch wurde aus medienpädagogischen Blickwinkel auch harsche Kritik an der einseitigen Sichtweise geübt. Kunczik bemerkt hier, dass Spitzer seine „Kampf- und Schmähschrift Digitale Demenz“ auf einseitigen und unkritischen Auslesungen von Forschungsbefunden begründet und Ergebnisse, welche seiner vorgefertigten Meinung nicht entsprechen, ignoriert.[11] Auch eine Stellungnahme des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg kommt zu den gleichen Schlüssen: „Manfred Spitzer verschweigt häufig solche Studien, die nicht in sein Bild, in seine Argumentation passen. Für einen Wissenschaftler ein fragwürdiges Vorgehen.“[12] Spitzer Thesen liefern also an vielen Punkten Angriffsfläche und spiegeln nicht die Meinung des momentanen medienpädagogischen Diskurses wider. So auch zu erkennen im Manifest „Keine Bildung ohne Medien“, welches von vielen namhaften Wissenschaftlern und Institutionen unterzeichnet wurde. Hier werden die Medien als wichtiges Medium zur Selbstverwirklichung dargestellt, als Zugangsmöglichkeit zum kulturellen und gesellschaftlichen Leben. Jedoch werden hier nicht nur die Chancen hervorgehoben, sondern auch die Sozialisationsprobleme und Risiken angesprochen, die durch neue Medien entstehen können.[13] Spitzers Thesen und der mediale Aufruhr in Fernsehshows und Printmedien hinterlassen dennoch einen faden Beigeschmack und werfen die Frage auf, ob unserer Jugend vielleicht nicht doch die digitale Verdummung droht?

2 Gang der Untersuchung

Der Begriff der Neuen Medien stellt sich an dieser Stelle als ein sehr umfangreicher Terminus dar, jedoch werden im Fokus der Arbeit hauptsächlich die Medien Computer, Handy und Internet stehen. Religiöse und politische Problembereiche werden innerhalb der Arbeit bewusst nicht weiter erläutert, da diese Faktoren sich als zu umfangreich für die Bearbeitung der Forschungsfrage erwiesen haben und sich zu weit von der pädagogischen Grundausrichtung der Thematik dieser Zulassungsarbeit entfernen würden.

Das einleitende dritte Kapitel wird sich kurz mit der Formulierung der Überschrift befassen und die Auswahl dieses speziellen Terminus genauer erläutern.

In Kapitel 4 wird ein weiterer Grundbegriff, der für die weiteren Ausführungen als wichtig erscheint, definiert. Der Begriff der Medienkompetenz muss genauer betrachtet werden, da dieser Terminus sehr häufig im Zusammenhang mit den Problemen und Möglichkeiten der Neuen Medien benutzt wird.

Das folgenden Kapiteln 5 wird dann den Blick auf die mediale Welt von Kindern und Jugendlichen richten. Im Fokus steht die Darstellung der weiteren wichtigen Begrifflichkeiten und Themenbereiche wie z.B. der Neuen Medien, Mediensozialisation und die Neuerungen im Zusammenhang mit Neuen Medien, um dann den Blick auf die aktuelle Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen richten zu können. Hier werden zwei aktuelle Studien aus dem Jahre 2012 des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest als Grundlage dienen. Diese beschäftigen sich unter anderem mit der Mediennutzung, dem Medienbesitz, der Medienkompetenz, der Medienfunktion, der Computer- und Internetnutzung und der Einstellung zu Computer und Internet von Kindern und Jugendlichen. Diese Informationen dienen als Fundament für die weitere Betrachtung der Gefahren und Chancen, die aus dem ständig wachsenden Medienangebot und den damit verbundenen neuen Möglichkeiten resultieren.

Auf dieses Basis werden dann in Kapitel 6 die Gefahren und Risiken der Neuen Medien den Mittelpunkt der Untersuchung bilden. Hier werden verschiedene Phänomene, die in Bezug zu intensiver Mediennutzung und intensiven Medienkonsum häufig Erwähnung finden, vorgestellt, um dann anhand des aktuellen Forschungsstandes zu untersuchen, ob die Behauptungen, die in der breiten Öffentlichkeit kursieren, gehalten werden können. Den Abschluss dieses Kapitels bildet dann ein kurzes Zwischenfazit, gestützt durch verschiedene Theorien der Medienwirkung und darauf aufbauend ein Blick in die Zukunft.

Kapitel 7 steht dann wiederum ganz im Zeichen der Chancen und Möglichkeiten, die die Neuen Medien mit sich bringen können, stehen. Zentrale Aspekte werden kompetenzförderlicher Umgang mit Computer und Computerspielen, der Computereinsatz im Unterricht und präventive Maßnahmen sein.

Kapitel 8 wird sich dann im speziellen mit der Schulkultur beschäftigen, bzw. ob die heutige Schulkultur und nicht alleine die Neuen Medien, als Ursache für gewalttätiges Verhalten betrachtet werden muss. Diese kritische, problematisierende Betrachtung und der Schulbezug bilden dann die Grundlage für die Zusammenfassung, das Fazit der Arbeit und damit einhergehend die rückwirkende Betrachtung der Forschungsfrage.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3 Warum der Begriff Generation Flatrate?

Dieser Begriff dient zur Problematisierung des Inhaltes dieser Arbeit. Jugendliche in der heutigen Zeit können fast alles per Klick oder mit dem Handy erledigen. „Alles ist immer verfügbar, es gibt ein unbegrenztes Angebot von Waren und Inhalten. Wie beim Telefonieren zum Pauschaltarif - man kann unbegrenzt konsumieren, bezahlen muss man erst danach.“[14] Dennoch beschreibt dieser Flatrate-Gedanke nicht nur einen Lebensbereich der Jugendlichen, er findet sich in fast allen Bereichen wieder. Lieder werden nicht länger auf einem Kassettenrekorder aufgenommen, sondern einfach aus dem Internet runtergeladen. Kein lästiger Bandsalat und kein Radiomoderator, der den Song schon 40 Sekunden vor dem Ende auslaufen lässt. Videotheken sind ebenfalls immer weniger frequentiert, da man die Filme aus dem Internet herunterladen kann, oder sie direkt streamt. Das bedeutet dass die Videodaten gleichzeitig empfangen und wiedergegeben werden, wie z.B. bei der bekannten Plattform YouTube.[15] Laut Rohlfs „greift (ein Jugendlicher) heute nicht mehr zum Lexikon, sondern gibt das Wort bei Google ein.“[16] Auf Facebook wird der neue Schwarm ausgespäht und der Liebesbrief ist der SMS gewichen. Die Jugendlichen müssen aufgrund dieser Beschleunigung nichtmehr lange auf eine Antwort warten. Man verabredet sich per Handy schon während der Schulstunde. Diese Form der Kommunikation ändert sich, die Jugendsprache verändert sich, die jugendliche Kultur im Allgemeinen ist im Wandel. Diese Faktoren müssen nicht unbedingt negativ ausgelegt werden. Musste man früher noch warten, bis eine Person fertig telefoniert hatte, hat es die heutige Jugend mit dem Handy doch viel leichter.[17] Dennoch dürfen die Gefahren dieser Entwicklung nicht außer Acht gelassen werden. Eine Standard-SMS ersetzt keinen mühselig geschriebenen Liebesbrief, ein Chat per Computer ist kein persönliches Treffen unter Freunden, „das Face-to-Face-Gefühl fehlt.“[18] Viele Jugendliche leben gliechfalls in dem Glauben, dass wirklich alles unbegrenzt verfügbar ist. „Man kann sich zwar alles herunterladen – aber am Ende kommt die Rechnung.“[19] Jedoch hat nicht jeder Jugendliche, beziehungsweise jedes Elternhaus die finanziellen Möglichkeiten an dieser Entwicklung zu partizipieren und durch den Drang einer ständigen Erreichbarkeit, steigt auch der Druck auf die Jugendlichen.[20] Diese Faktoren begünstigen einen signifikanten Teil der Gefahren der Neuen Medien, die zu einem späteren Zeitpunkt genauer erläutert werden.

4 Medienkompetenz als Grundlage

Spricht man über die Gefahren des medialen Wandels und der Neuen Medien fällt innerhalb des öffentlichen Diskurses sehr häufig der Begriff Medienkompetenz. Jedoch ist es nicht nur ein Begriff, es handelt sich hier um eine Thematik, „die seit den 1990 Jahren von den verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen behandelt oder propagiert wird.“[21] Die Fachwissenschaft kann jedoch keine einheitliche Definition des Begriffs liefern, da sich der Terminus „Medienkompetenz“ als sehr komplex, vielseitig und wandelbar darstellt. Alleine der Begriff an sich beinhaltet zwei Begriffe, die sich einzeln schon als schwer definierbar erweisen. Groeben bemerkt bspw. hierzu, dass „(es) gerade wegen der vehementen medialen Entwicklung […] besonders schwierig (ist), den Gegenstandsbereich, auf den sich die Kompetenz beziehen soll, präziser einzugrenzen.“[22] Es besteht insofern die Gefahr, dass sich das Konzept der Medienkompetenz als „hohl, zumindest porös und amorph“[23] erweisen könnte. Dieses Kapitel soll sich im Folgenden mit den geschichtlichen Aspekten, der Definition und den differenten Dimensionen des Medienkompetenzbegriffs beschäftigen, um den weiteren Verlauf der Arbeit verständlich zu gestalten und die Fragestellung der Arbeit abhandeln zu können.

4.1 Geschichtliche Aspekte der Begrifflichkeit

Zur Begriffsgeschichte ist einführend zu sagen, dass der Begriff der Medienkompetenz ein wesentlich jüngerer Terminus ist, als jener der Kompetenz. Um über den Rahmen der Arbeit nicht hinausgehen zu müssen, werde ich kurz wichtige Punkte skizzieren. Einleitend ist zu sagen, dass sich der „während der 70er Jahre im Zuge der linguistischen Wende in den Sozialwissenschaften […] zunächst sprachwissenschaftlich verwendete Begriff der Kompetenz in den Entwicklungs- und Sozialisationstheorien etabliert hat.“[24] Während dieser Zeit fand der Kompetenzbegriff in verschiedenen Entwicklungs- und Sozialisationstheorien Erwähnung, was die Bedeutung des Begriffes veränderte. Grundlage war hier das von Piaget entworfene Stufenmodell zur Entwicklung kognitiver Kompetenzen. Laut Vach war „die Attraktivität dieser Theorie […] der Grund dafür, dass das Stufenmodell in andere Theorien übernommen und zum Beispiel auf die Entwicklung moralischer und sozialer Kompetenzen übertragen wurde.“[25] Darauf aufbauend modifizierte und erweiterte Habermas den Kompetenzbegriff für seine Theorien.[26] Für den Übergang vom Kompetenzbegriff zu dem Begriff der Medienkompetenz ist Dieter Baacke verantwortlich. Er setzte Chomskys Konzept der linguistischen Kompetenz in Beziehung zu den Theorien von Habermas bezüglich des kommunikativen Handelns. Baacke konstatiert hier, dass „Sprachkompetenz und Verhaltenskompetenz, die zusammen die kommunikative Kompetenz ausmachen“ die Grundlage dafür sind, „dass der Mensch ein kompetentes Lebewesen sei.“[27] Jedoch sprach Baacke zu Anfang auch nicht von Medienkompetenz. Diesen speziellen Begriff verwendete er erst viele Jahre später.[28] Er sprach erst 1996 von einem kommunikationstechnologisch rasenden sozialen Wandel, der ständig kompetente Personen braucht, die mit den neuen technischen Gegebenheiten umgehen können. „Während kommunikative Kompetenz an Alltäglichkeit gebunden ist, betont Medienkompetenz in verstärkter Weise die Veränderung der Kommunikationsstrukturen durch technisch-industrielle Vorkehrungen und Erweiterungen.“[29] Diesen Übergang beschreibt Vach als „Paradigmenwechsel in der Medienpädagogik.“[30] Sah man Ende der 1960er Jahre die Medien noch als gefährliches Element während des Sozialisationsprozesses von Kindern und Jugendlichen, stellten Hüther und Podehl die Geschichte der Medienpädagogik später als Reaktion auf neue Entwicklungen dar, die anfänglich irritierten, dann aber auch als Gegenstand pädagogischen und politischen Handelns begriffen wurden.[31]

4.2 Probleme bei der Benutzung des Begriffs Medienkompetenz

Im Vordergrund stehen an dieser Stelle die normativen Bezugspunkte des Begriffs Medienkompetenz. Bei genauerer Betrachtung entstehen einige wissenschaftstheoretische Probleme. Da die Wissenschaft eigentlich rein deskriptiv arbeiten sollte, stellt sich die Frage, in wie weit normative Begriffe wissenschaftlich sein können. Dieses Problem greift ebenfalls Groeben auf und sagt, dass Medienkompetenz ein Begriff auf mittlerem Abstraktionsniveau ist[32]. Somit ist es nicht sinnvoll eine Definition auszuarbeiten, welche die Medienkompetenz nur auf „print literacy“[33] beschränkt. Die Fähigkeit, mit Medieninhalten vernünftig umzugehen und sie als „übergeordnete kulturelle und kommunikative Umwelt“[34] zu erkennen, ist mindestens genauso wichtig. Groeben spricht hier von media content literacy und media grammar literacy.[35] Groeben kritisiert, dass viele Definitionen die Medienkompetenz nur auf die technischen Perspektiven des Medienumgangs reduzieren und die Fähigkeit zu Reflexion dieser Medien vernachlässigen.[36] Er sieht das größte Problem in der sich ständig ändernden Medienlandschaft und konstatiert, dass ein ausreichend offener Begriff gefunden werden muss, der diesen Wandel mit einbezieht. Er kommt zu dem Schluss, dass normative Begriffe nicht immer unwissenschaftlich sind und geht vielmehr davon aus, dass die Art wie sie erläutert werden wichtig ist.[37] Dieser Punkt soll im nächsten Abschnitt anhand verschiedener Dimensionen aufgearbeitet werden.

Subjektiv betrachtet kann den Eindruck entstehen, dass der Begriff Medienkompetenz oft ohne Hintergrund und wissenschaftliche Fundierung verwendet wird. In Zeitungsartikeln oder politischen Programmen wird der Begriff häufig aus dem Zusammenhang gerissen, um etwaige eigene Interessen durchzusetzen. Spanhel kritisiert in diesem Kontext, dass häufig ein Mangel an Medienkompetenz kritisiert wird und eine Standardanleitung zur Förderung von Medienkompetenz ausgegeben wird. Vergessen wird jedoch, dass medienkompetentes Verhalten keine Momentaufnahme ist, sondern sich vielmehr je nach Alter und Lebenssituation verändert.[38]

4.3 Dimensionen der Medienkompetenz

Nachdem die geschichtlichen Gegebenheiten kurz umrissen und die Probleme des Begriffs kurz eingeführt wurden, stellt der folgende Teil nun verschiedene Dimensionen des Medienkompetenzbegriffs dar. Anhand dieser Dimensionen soll eine Annäherung an den Terminus und eine Definition ermöglicht werden. Hierzu werden verschiedene Autoren und deren Modelle herangezogen. Im Zentrum stehen dabei folgende Leitfrage: „Wie wichtig ist Medienkompetenz für Jugendliche?“

4.3.1 Basisdimension

Im Vordergrund dieser Basisdimension stehen die Begrifflichkeiten Wahrnehmungskompetenz und Handlungskompetenz. Der Terminus der Handlungskompetenz kam zusammen mit dem Terminus der Medienkompetenz auf. Er war ein wichtiger Teil der handlungsorientierten Medienpädagogik der 70er Jahre.[39] Dieser neuartige Ansatz wollte die Menschen nicht vor den Medien bewahren, sondern die Personen zu „kritischen und mündigen Rezipienten“[40] machen. Der Medienkonsument sollte aus einer passiven Haltung heraus „ein aktiver Medienmitgestalter werden, der seine Handlungsmöglichkeiten im Sinne demokratischer Partizipation zu nutzen weiß.“[41] Vach konstatiert hier nach Baacke und Hüther/Podehl, dass die zuvor angesprochene handlungsorientierte Medienpädagogik bis heute ihre Gültigkeit behalten hat.[42] Auch Baacke stellt den Begriff der Wahrnehmungskompetenz ins Zentrum des Diskurses. Die Medien nehmen in der heutigen Zeit einen signifikanten Raum im Leben einer jeden Person ein und beeinflussen somit auch die Konstruktion der Wirklichkeit. Somit wird die Förderung von Wahrnehmungskompetenz als sehr wichtig erachtet. In diesem Punkt nähert sich die Arbeit an eine Basisdimension von Medienkompetenz an, da Wahrnehmungskompetenz als grundlegende Voraussetzung von Medienkompetenz angesehen wird.[43]

4.3.2 Medienkompetenzmodell nach Baacke

Das Medienkompetenzmodell von Baake führt vier Begriffe zur Bestimmung von Medienkompetenz an: Mediennutzung, Medienkunde, Mediengestaltung und Medienkritik.

Medienkritik

Diese Dimension beschäftigt sich mit dem Verstehen und Durchschauen des Mediensystems. Baacke unterteilt die Medienkritik in mehrere Unterdimensionen. Einleitend spricht er von der analytischen Unterdimension. Analytisch bedeutet in diesem Zusammenhang, ein gewisses Grundwissen zu besitzen und die modernen Entwicklungen der Medien nicht kritiklos hinzunehmen, also die eigene Medienkompetenz passend einsetzten zu können.[44] Eine weitere Unterdimension der Medienkritik ist die reflexive Fähigkeit. Laut Baacke muss jeder Mensch in der Lage sein, sein Wissen auf sich und sein persönliches Handeln beziehen und anwenden zu können.[45] Als Beispiel könnte man hier das umstrittene Format „Ich bin ein Star holt mich hier raus – Das Dschungelcamp“ nennen. Äußern sich viele Kommilitonen während Seminaren abfällig und distanziert darüber, kommt in privaten Gesprächen ans Licht, dass sie diese Sendung konsequent selber schauen. Als letzte Unterdimension führt er ethisches Betroffensein an, „das analytisches Denken und reflexiven Rückbezug als sozialverantwortet abstimmt und definiert“[46]

Medienkunde

Dieser Begriff beschreibt das Wissen bezogen auf die Medien und die Mediensysteme im Allgemeinen. Die informative Unterdimension beschreibt z.B. ein eher klassisches Wissen. Was ist das Internet? Was machen Journalisten? Welchen Computer benutzt man für welchen Anwendungsbereich? Die instrumentell-qualifikatorische Unterdimension beschreibt ergänzend die Fähigkeiten, neuartige Geräte wie zum Beispiel Smartphones oder das iPad bedienen zu können bzw. das Sich-Einarbeiten in moderne Elektronik oder Software. Auch das Sich-Zurechtfinden im Internet bzw. die Verwaltung von verschiedenen Websites und Passwörtern thematisiert Baacke hier.[47]

Mediennutzung

Auch diese Dimension unterteilt Baacke wieder in zwei Unterdimensionen. Die rezeptiv-anwendende Dimension beschreibt eine Programm-Nutzungskompetenz. Baacke führt hier ebenfalls das Fernsehen als Tätigkeit an, da auch das Ansehen und Verarbeiten von z.B. Filmen eine Rezeptionskompetenz erfordert.[48] Die zweite Unterdimension beschreibt das interaktive Handeln. Aktueller Bezug kann hier am Beispiel von youTube hergestellt werden. Hier können eigene Filme erstellt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Dieses Medium ist jedoch nur eine von vielen Möglichkeiten, „nicht nur rezeptiv-wahrnehmend die Welt zu erfahren, sondern auch interaktiv tätig zu sein.“[49]

Mediengestaltung

Diese Dimension beschäftigt sich, unter Berücksichtigung der schnellen Veränderung von Medien, nicht nur mit technischen, sondern auch mit inhaltlichen Aspekten. Untergliedert ist die Dimension der Mediengestaltung wieder in zwei Unterdimensionen: Die innovative Variante (Veränderungen und die Weiterentwicklung des Mediensystems innerhalb der grundlegenden Logik) und die kreative Variante (Betonung ästhetischer Varianten und neue Gestaltungdimensionen).[50] Aufgrund dieser sehr ausdifferenzierten Medienkompetenz schlägt Baacke vor, Ziele auf gesellschaftlicher Ebene zu formulieren. Also den Diskurs der Informationsgesellschaft.[51] Nur so könnte man wirtschaftliche, technische, soziale, kulturelle, ethische und ästhetische Probleme gänzlich umfassen, die Medienkompetenz weiterentwickeln und integrativ auf das gesellschaftliche Leben beziehen.[52]

4.3.3 Ergänzung durch das Medienkompetenzmodell von Groeben

Groebens Medienkompetenzmodell umfasst sieben Dimensionen. Medienwissen/Medialitätsbewusstsein, medienspezifische Rezeptionsmuster, medienbezogene Genussfähigkeit, medienbezogene Kritikfähigkeit, Selektion/Kombination von Mediennutzung, Partizipationsmuster, Anschlusskommunikation.[53] Bei genauerer Betrachtung lassen sich einige Überschneidungen mit dem Modell von Baacke finden. Aus diesem Grund wird die Arbeit hier nur ergänzend auf eine weitere Dimension von Groeben eingehen. Erwähnenswert ist hier die Dimension des Medienwissens/Medialitätsbewusstseins. Groeben beschreibt diese Dimension als Einsatzpunkt, da „Medienwissen und Medialitätsbewusstsein die Voraussetzung für medienspezifische Verarbeitung(smuster) darstellen.“[54] Das Medialitätsbewusstsein beschreibt den Prozess der Mediennutzer, während dessen diese ein Bewusstsein dafür erlangen, „dass sie sich nicht in ihrer alltäglichen Lebensrealität, sondern eben in einer medialen Konstruktion bewegen.“[55] Unter diesen Begriff könnte auch eine weitere Fähigkeit eingeordnet werden. Ein Beispiel hierfür wäre die Fähigkeit, verschiedene Absichten, die hinter diversen Medieninhalten stecken, erkennen und einordnen zu können. Aufgrund der schnellen Entwicklung von Medien erscheint es somit schwer, diesen Prozess zu durchlaufen. Groeben führt hier an, „dass mit jedem Auftreten eines neuen Mediums die Kriterien der Unterscheidung zwischen „Realität“ und „Medialität“ neu zu definieren und zu erlernen waren, was aber bisher immer noch gelungen ist, so dass man im Prinzip auch für die Zukunft nicht übermäßig Sorgen haben muss.“[56] Die Definition von Medienwissen ist hingegen nicht ganz so einfach. Unter Medienwissen kann theoretisch alles gefasst werden, was auch die Wissenschaft über die Medien erarbeitet hat, sowie „alles praktische Wissen, das aus dem Umgang mit Medien (produktiv und rezeptiv) angeeignet wurde“[57]. Jedoch wird an dieser Stelle nicht genau geklärt, inwieweit der Mediennutzer auch Kenntnisse bezüglich der möglichen Auswirkung von verschiedensten medialen Angeboten haben sollte. Da die Wissenschaft hier keine einheitliche Meinung parat hat, führt Groeben an, dass die Mediennutzer ein eher allgemeines Bewusstsein für diesen Problembereich entwickeln sollten. Er gliedert diesen Bereich in vier Unterkategorien. Als erstes führt er das „Wissen über wirtschaftliche, rechtliche und politische Rahmenbedingungen einzelner Medien“[58] an. Als Beispiel nennt er die verschiedenen politischen Orientierungen diverser Zeitungen. Als weitere Kategorie erwähnt er „das Wissen über spezifische Arbeits- und Operationsweisen von bestimmten Medien bzw. Mediengattungen.“[59] Das bedeutet, dass der Medienkonsument verschiedenste Quellen auf diverse Ansprüche, wie z.B. Aktualität und Glaubwürdigkeit prüfen kann.[60] Weiterhin bietet es sich hier an, die Kategorie über das Wissen der Absicht von Medieninhalten abzutrennen[61], auch weil „im Konstrukt der Lesekompetenz bereits das Erkennen von Autorenintentionen eine zentrale Rolle spielt.“[62] Als letztes Kriterium führt Groeben das Wissen um die Wirkung von Medien an, welchem er ein mittleres Ausmaß einräumt, das aber, aufgrund des schnellen Wandels der Medienlandschaft, immer wieder neu zu bestimmen sei.[63] Die zuvor behandelte Dimension von Groeben könnte man laut Mikos als Erweiterung des Modells von Baacke sehen.[64] Jedoch entstehen durch den prozesshaften Aufbau des Modells von Groeben einige Problem, die diese Arbeit im Detail nicht weiter bearbeiten kann. Es kann jedoch bemerkt werden werden, dass die zuvor ausgeführte erste Dimension als Voraussetzung für die Entwicklung aller weiteren Dimensionen gesehen werden kann. Abschließend ist somit zu sagen, dass auch das Medienkompetenzmodell von Groeben, im Zuge der heutigen Entwicklung der Medien, weiter auszuarbeiten wäre. Im direkten Vergleich mit dem Modell von Baacke wird jedoch deutlich, dass es eine bessere Anpassung an die moderne Situation der Medien aufweist.

4.4 Kritische Betrachtung des Medienkompetenzbegriffs

Führt man nun die Beobachtungen aus den zuvor angeführten Modellen zusammen,

wird deutlich, dass verschiedene Modelle zur Medienkompetenz viele verschiedene Berührungspunkte und Überschneidungen aufweisen. An dieser Stelle könnte man zum Beispiel die Modelle von Heinz Moser[65] oder Stefan Aufenanger[66] aufgreifen. Es wird jedoch dabei schnell deutlich, dass sich die Modelle nicht immer direkt aufeinander beziehen. Im oben aufgeführten Beispiel werden jedoch für ähnliche Inhalte immer wieder neue Begriffe eingeführt, weswegen die Unterschiede und Details der einzelnen Modelle nur sehr schwer herauszuarbeiten sind. Vor diesem Hintergrund erscheint es auch fast unmöglich, mit einem einzigen Modell, wenn auch in verschiedene Dimensionen unterteilt, ein derart komplexes und mutables Konstrukt wie das der Medienkompetenz definieren zu können. Es entsteht jedoch der Eindruck, dass die Verwendung des Begriffs Medienkompetenz in politischer oder medialer Alltagsform keine Grundlage für eine empirische Operationalisierung im wissenschaftlichen Kontext bietet. Groeben stellt hier selbst fest, „dass der größte Teil der Forschung zur Ausarbeitung des Konzepts der Medienkompetenz noch aussteht.“[67] Im Rahmen der Arbeit erscheint es jedoch notwendig, den Begriff als etwas sehr individuelles und aktuelles zu betrachten. Deutlich wird auch, dass der Begriff zwar oftmals aus seinem Kontext gerissen wird, er jedoch bei dem Thema Neue Medien besonders aktuell erscheint. Er spielt in der der Entwicklung von Jugendlichen eine sehr große Rolle und Ende auch nicht nach der Adoleszenz. Als einer der wichtigsten Punkte im Rahmen dieser Arbeit wäre zu nennen, dass Kinder und Jugendliche die Fähigkeit besitzen, Medien zu verstehen, sie zu handhaben, sie kritisch reflektieren zu können und aus diesem Umgang mit neuen Medien heraus eigenständig, kreativ tätig werden zu können.[68]

5 Die mediale Welt von Kindern und Jugendlichen

Im folgenden Kapitel werden die weiteren wichtigen Begriffe der Arbeit abgehandelt. Im Zentrum steht die Erläuterung des Begriffs Neue Medien, das wirklich Neue der Neuen Medien und die Definition des Begriffs der Mediensozialisation. Des Weiteren werden die Ergebnisse der aktuellen KIM- und JIM Studie vorgestellt. Die Zahlen dieser beiden Studien stammen aus dem Jahre 2012 und wurden erst Anfang 2013 veröffentlicht. Diese aktuellen Zahlen bilden die Grundlage um überhaupt auf die Gefahren und Chancen der Neuen Medien Rückschlüsse ziehen zu können.

5.1 Zum Begriff Neue Medien

Prinzipiell ist zu sagen, dass, historischen gesehen, die Entwicklung neuer Medien schon immer Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung hatte. Fortschritt jeglicher Art war sehr eng mit der Qualität und Nutzbarkeit von neuen Kommunikationsmitteln verknüpft. Dieser Prozess hat sich im Laufe der Jahre sehr beschleunigt. Neue Medien sind Dreh- und Angelpunkt des privaten und beruflichen Lebens. Die Zeit des Kalenders scheint gezählt, das Handy als Organizer tritt in den Vordergrund. Die gegenwärtige Situation wird häufig als Medienzeitalter beschrieben, in dem Informationen als zentral wichtiges Element gelten. Es ist ein Zeitalter, „in dem die Neuen Medien in Analogie zu früherem, […] als neue Basis und Innovationstechnologie gelten.“[69] Das unterstreicht die besondere Rolle, die der medialen Welt zugeschrieben wird und zeigt, wie tief die Neuen Medien in der Gesellschaft verankert sind. Doch auch hier zeigen sich die gleichen Tendenzen wie bei dem Begriff Medienkompetenz. Durch die öffentliche, schlagwortartige Verwendung gestaltet sich der wissenschaftliche Diskurs schwierig. Das Konstrukt, das sich hinter dem Terminus Neue Medien verbirgt, stellt sich als äußerst mutabel dar und erscheint dadurch nie wirklich als greif- und definierbar. Es sind keine festen Punkte in der medientechnologischen Entwicklung absehbar. Historisch gesehen kam die Bezeichnung Neue Medien jedoch Ende der 70er Jahre auf und beschreibt Neuerungen und technischen Entwicklungen, „die mithilfe innovativer oder erweiterter Technologien neuartige, […] Nutzungsformen bereits vorhandener Massen – und Speichermedien […] ermöglichten.“[70] Im aktuellen Diskurs jedoch wird der Begriff jedoch mit den neuartigen, vernetzten, multimedialen Technologien, die auf Computertechnik basieren[71] verwendet. Der Computer steht bei dieser Entwicklung und dem Begriffsgebrauch natürlich im Vordergrund. Er hat Einzug in das Arbeits- und Privatleben gehalten und ist aus der heutigen Informations- und Kommunikationsgesellschaft nicht mehr wegzudenken. Er konnte den gängigen Medienbegriff erweitern, da er nicht nur als Rechner, Datenverwalter oder zentrale Einheit für den Betrieb von anderen Funk-, Speicher- und Telekommunikationsmitteln fungiert, sondern als eigenständiges Medium, das „durch Vernetzung neue Formen der Kommunikation erlaubt. (z.B. Internet)“[72] Der Begriff Neue Medien verleitet allerdings dazu, lediglich die neuen technischen Aspekte und die damit verbundenen neuen Anwendungsbereiche in den Vordergrund zu stellen. Laut Hüther verlangt der Begriff jedoch einer Definition, der nicht nur die technischen Anwendungsbereiche abdeckt, sondern „die dahinter liegenden kommunikativen und sozialen Implikationen ebenso sichtbar macht wie die ökonomischen und medienpolitischen Bedingungen, unter denen die Neuen Medien entstehen und funktionieren.“[73] An dieser Stelle führt Hüther sechs Begrifflichkeiten ein, die eine Annäherung an den Begriff Neue Medien ermöglichen.

[...]


[1] Vgl. Hüther, Jürgen; Podehl, Bernd: Geschichte der Medienpädagogik, in: Hüther, Jürgen; Podehl, Bernd (Hrsg.): Grundbegriffe Medienpädagogik, 4, 2005, S.119 in: http://mediaculture-online.de/fileadmin/bibliothek/huether-podehl_geschichte/huether-podehl_geschichte.pdf (letzter Zugriff: 13.06.13)

[2] Vgl. Baacke, Dieter (Hrsg.); Kornblum, Susanne (Hrsg.): Handbuch Medien: Medienkompetenz. Modelle und Projekte, 1999, S.31 f.

[3] Vgl. Groeben, Norbert (Hrsg.), Hurrelmann, Bettina (Hrsg.): Medienkompetenz. Voraussetzungen, Dimensionen, Funktionen, 2002, S.12

[4] Vgl. Reißmann, Ole: Netzwerk in der Kritik. Facebooks dunkle Seite, in: Spiegel Online Netzwelt, 2012 http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/netzwerk-in-der-kritik-die-dunklen-seiten-von-facebook-a-845127.html (letzter Zugriff: 04.03.2013)

[5] Vgl. Rohlfs, Carsten: Die Generation Flatrate in: Bretz, Ulrike: Das Lebensgefühl der Jugend, Interview Süddeutsche Zeitung, 2010 http://www.sueddeutsche.de/leben/das-lebensgefuehl-der-jugend-die-generation-flatrate-1.478836 (letzter Zugriff: 27.03.2013)

[6] Vgl. Spitzer, Manfred: Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft, 2005, S.6

[7] Vgl. Seibel, Andrea; Schmiechen, Frank: Droht uns tatsächlich die digitale Verdummung?, in: Die Welt, 2012 http://www.welt.de/gesundheit/article109529374/Droht-uns-tatsaechlich-die-digitale-Verdummung.html (letzter Zugriff: 13.06.2013)

[8] Vgl. Zickgraf, Arnd: Manfred Spitzer: Gewaltspiele vermindern die Fähigkeit zum Mitgefühl, 2009 in: http://www.schulministerium.nrw.de/BP/Erziehung/Themen/Gewalt/Gewaltspiele/ (letzter Zugriff: 13.06.13)

[9] Vgl. Spitzer, Manfred: Digitale Demenz, Wie wir unsere Kinder um den Verstand bringen, 2012, S.203f

[10] Vgl. ebd.

[11] Vgl. Kunczik, Michael: Wirkung gewalthaltiger Computerspiele auf Jugendliche, in: tv diskurs, Verantwortung in audiovisuellen Medien, 17.Jg. 1/2013, 2013, S.60-65 http://fsf.de/data/hefte/ausgabe/63/kunczik_computerspiele2_060_tvd63.pdf (letzter Zugriff: 25.06.13)

[12] Vgl. LMZ Baden Württemberg: Der Spitzer geht um, Stellungnahme zu Spitzers Thesen, 2012, S.3 in: http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/handouts/2012_09_12_Stellungnahme_zu_Thesen__Spitzer.pdf (letzter Zugriff: 25.06.13)

[13] Vgl. Keine Bildung ohne Medien: Medienpädagogisches Manifest, 2009, S.1 in: http://www.keine-bildung-ohne-medien.de/medienpaed-manifest/ (letzter Zugriff: 25.06.13)

[14] Vgl. ebd.

[15] Vgl. Heger, Christian: Filme im Internet, Ausblick auf das Kino von morgen in: Media-Perspektive 12/2011, 2011, S.608-616

[16] Vgl. Rohlfs, Carsten: Die Generation Flatrate in: Bretz, Ulrike: Das Lebensgefühl der Jugend, Interview Süddeutsche Zeitung,2010 http://www.sueddeutsche.de/leben/das-lebensgefuehl-der-jugend-die-generation-flatrate-1.478836 (letzter Zugriff: 27.03.2013)

[17] Vgl. ebd.

[18] Vgl. ebd.

[19] Vgl. ebd.

[20] Vgl. ebed.

[21] Vgl. Böger, Sabine: Medienkompetenz bei Schülern, Lehrern und Multiplikatoren, in: Deutscher Bundestag, Wissenschaftliche Dienste Sachstand, 2010, S.4f http://www.bundestag.de/internetenquete/dokumentation/Medienkompetenz/Sachstand_Medienkompetenz_bei_Sch__lern__Lehrern__Journalisten_und_Mulitplikatoren.pdf (letzter Zugriff: 04.03.2013)

[22] Vgl. Groeben, Norbert: Anforderungen an die theoretische Konzeptualisierung von Medienkompetenz in: Groeben, Norbert (Hrsg.); Hurrelmann, Bettina (Hrsg.): Medienkompetenz. Voraussetzungen, Dimensionen, Funktionen, 2002, S.12

[23] Vgl. Kübler, Hans-Dieter: Kompetenz der Kompetenz der Kompetenz … Anmerkungen zu Lieblingsmetapher der Medienpädagogik, in: medien praktisch, medienpädagogische Zeitschrift für die Praxis, JG 20. , H.78, Nr.2, 1996, S.13

[24] Vgl. ebd., S. 13

[25] Vgl. Vach, Karin: Medienzentrierter Deutschunterricht in der Grundschule. Konzeptualisierung, unterrichtliche Erprobung und Evaluation, 2005, S.34

[26] Vgl. ebenda, S.34

[27] Vgl. Baacke, Dieter: Kommunikation und Kompetenz. Grundlegung einer Didaktik der Kommunikation und ihrer Medien, 1975, S.262

[28] Vgl. Kübler, Hans-Dieter: Kompetenz der Kompetenz der Kompetenz … Anmerkungen zu Lieblingsmetapher der Medienpädagogik, in: medien praktisch, medienpädagogische Zeitschrift für die Praxis, JG 20. , H.78, Nr.2, 1996, S.12

[29] Vgl. Baacke, Dieter: Medienkompetenz – Begrifflichkeit und sozialer Wandel in: von Rein, Antje (Hrsg.): Medienkompetenz als Schlüsselbegriff, 1996, S.119

[30] Vgl. Vach, Karin: Medienzentrierter Deutschunterricht in der Grundschule. Konzeptualisierung, unterrichtliche Erprobung und Evaluation, 2005, S.35

[31] Vgl. Hüther, Jürgen; Podehl, Bernd: Geschichte der Medienpädagogik in: Hüther, Jürgen (Hrsg.); Schorb, Bernd (Hrsg.): Grundbegriffe Medienpädagogik, 2005, S.116f.

[32] Vgl. Groeben,Norbert: Dimensionen der Medienkompetenz, Deskriptive und normative Aspekte, in: Groeben, Norbert (Hrsg.); Hurrelmann, Bettina (Hrsg.): Medienkompetenz. Voraussetzungen, Dimensionen, Funktionen, 2002 S.160

[33] Vgl. ebd., S.160 f.

[34] Vgl. ebd.

[35] Vgl. ebd.

[36] Vgl. ebd.

[37] Vgl. ebd.

[38] Vgl. Spanhel, Dieter: Der Aufbau grundlegender Medienkompetenzen im frühen Kindesalter, 1999, S.255

[39] Vgl. Vach, Karin: Medienzentrierter Deutschunterricht in der Grundschule. Konzeptualisierung, unterrichtliche Erprobung und Evaluation, 2005, S.36

[40] Vgl. Hüther, Jürgen; Podehl, Bernd: Geschichte der Medienpädagogik in: Hüther, Jürgen (Hrsg.); Schorb, Bernd (Hrsg.): Grundbegriffe Medienpädagogik, 2005, S.118 f.

[41] Vgl. Vach, Karin: Medienzentrierter Deutschunterricht in der Grundschule. Konzeptualisierung, unterrichtliche Erprobung und Evaluation, 2005, S.36

[42] Vgl. ebd., S.36

[43] Vgl. Baacke, Dieter: Medienkompetenz als Entwicklungs-Chance, in: Medien + Erziehung, 40, 4, 1999, S.203

[44] Vgl. Baacke, Dieter: Was ist Medienkompetenz?, in: Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur, 1999 http://www.dieterbaackepreis.de/index.php?id=67 (letzter Zugriff: 11.01.2013)

[45] Vgl. ebd.

[46] Vgl. ebd.

[47] Vgl. ebd.

[48] Vgl. ebd.

[49] Vgl. ebd.

[50] Vgl. ebd.

[51] Vgl. ebd.

[52] Vgl. ebd.

[53] Vgl. Groeben,Norbert: Dimensionen der Medienkompetenz, Deskriptive und normative Aspekte, 2002, S.165 f.

[54] Vgl. ebd., S.166 f.

[55] Vgl. ebd.

[56] Vgl. ebd.

[57] Vgl. Mikos, Lothar: Medienkompetenz im 21. Jahrhundert, in: Bergmann, Susanne (Hrsg.) Lauffer, Jürgen (Hrsg.); Mikos, Lothar (Hrsg.); Thiele, Günter A. (Hrsg.); Wiedemann, Dieter (Hrsg.): Medienpädagogik: Medienkompetenz. Modelle und Projekte, 2004, S.29

[58] Vgl. Groeben,Norbert: Dimensionen der Medienkompetenz, Deskriptive und normative Aspekte, 2002, S.167

[59] Vgl. ebd.

[60] Vgl. ebd.

[61] Vgl. ebd.

[62] Vgl. ebenda, in: Groeben, Norbert: Leserpsychologie, Textverständnis – Textverständlichkeit, 1986, S.136 f.

[63] Vgl. Groeben,Norbert: Dimensionen der Medienkompetenz, Deskriptive und normative Aspekte, 2002, S.168

[64] Vgl. Mikos, Lothar: Medienkompetenz im 21. Jahrhundert, 2004, S.26

[65] Vgl. Moser, Heinz: Einführung in die Medienpädagogik, Aufwachsen im Medienzeitalter, 2000

[66] Vgl. Aufenanger, Stefan: Medienpädagogik und Medienkompetenz, Eine Bestandsaufnahme, 1997, S.15-22

[67] Vgl. Groeben, Norbert: Dimensionen der Medienkompetenz, Deskriptive und normative Aspekte, 2002, S.186

[68] Vgl. Theunert, Helga: Jugendmedienschutz und Medienkompetenz, Kongruenz, Koexistenz, Konkurrenz, S.41f, 2008

[69] Vgl. Hüther, Jürgen: Neue Medien, S.1 in: Hüther, Jürgen (Hrsg.); Schorb, Bernd (Hrsg.): Grundbegriffe Medienpädagogik, 4, 2005, S.345-351 in: http://mediaculture-online.de/fileadmin/bibliothek/huether_neue/huether_neue.pdf (letzter Zugriff: 28.03.2013)

[70] Vgl. ebd., S.2f

[71] Vgl. ebd.

[72] Vgl. ebd.

[73] Vgl. ebd.

Details

Seiten
104
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656631064
ISBN (Buch)
9783656631057
Dateigröße
3.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v271964
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg – Pädagogik
Note
1,5
Schlagworte
Medienkompetenz Digitalität Vernetzung Globalität Mediensozialisation KIM Studie JIM-Studie Gefahren Risiken Cybermobbing Happy Slapping Medienwirkung Chancen Möglichkeiten Computereinsatz im Unterricht Prävention Schulkultur Schulgewalt Computer Computerspiele

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Titel: Neue Medien. Fluch oder Segen der Generation Flatrate