Lade Inhalt...

"The Fiscal Cliff". Innenpolitisches Chicken-Gaming in den USA

Essay 2013 14 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: USA

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Historische Herleitung und politische Bedeutung

3. Das Chicken-Game der Spieltheorie

4. Aktuelles Beispiel: Fiscal-Cliff in den USA

5. Fazit

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Die letzten Wochen des Jahres 2012 waren medial von Berichten aus den USA geprägt, die das drohende sogenannte Fiscal Cliff[1] behandelten. Dabei handelte es sich um das automatische Auslaufen verschiedener Steuererleichterungen der vergangenen 12 Jahre und einem gleichzeitig einsetzenden Ausgaben-kürzungen von insg. rd. 600 Mrd. Dollar[2]. Die USA wären damit zu Jahresbeginn 2013 zahlungsunfähig gewesen, sprich insolvent. Die formale Entscheidung zum Aussetzen dieses Fiscal-Cliff kann in den USA nur das Oberhaus treffen, welches mehrheitlich mit Republikanern besetzt ist, also der Opposition des Präsidenten, welcher den Demokraten angehört. Die Presse hat, entsprechend mehrheitlicher Prognosen von Wirtschaftsexperten bereits angekündigt, dass es, würde man sich nicht einig, zu einer starken Rezession käme, die mindestens die US-Wirtschaft in beträchtlicher Weise negativ beeinflusste.

Dieser Essay wird die zunächst die Bedeutung des Begriffes C hicken-Game erläutern, der in seinem Ursprung nicht aus der Politik stammt, und diesen nach einer wissenschaftlichen Definition aus der Spieltheorie heraus anhand des Beispiels des Fiscal-Cliffs im Bereich der Politik beschreiben.

2. Historische Herleitung und politische Bedeutung

Ursprünglich stammt der Begriff Chicken-Gaming aus den USA der 1950er Jahre. Damals war es unter Jugendlichen eine Mutprobe, mit zwei Wagen auf einer Straße einander entgegenkommend möglichst lange frontal auf den jeweils anderen zuzuhalten. Wer überhaupt oder zuletzt ausweicht, galt als Verlierer bzw. als ängstliches Hühnchen, was im Englischen als chicken bezeichnet wird. Eine andere Form des Chicken-Game ist ein Rennen, bei welchem beide Fahrer parallel zueinander auf einen Abgrund zufahren. Auch hier verliert, wer als ersten bremst, ausweicht oder den Wagen verlässt. Weltweite Berühmtheit erlangte diese Form der Mutprobe durch ihre filmische Verbreitung, wie in dem Film mit James Dean „Rebel without a cause“ aus dem Jahr 1955[3].

Diese Situation lässt sich insofern auf den Bereich der Politik übertragen, als dass es im Kern um zwei Akteure geht, die bzgl. eines Themas konträrer Meinung sind und keiner von beiden zunächst bereit ist, Kompromisse einzugehen. Hier versuchen nun beide Akteure, möglichst lange eine kontrollierte Eskalation der Situation zu provozieren, indem sie nicht von ihrer Meinung abweichen und auf dieser standhaft beruhen. Dadurch versuchen sie den jeweiligen Gegenspieler mürbe zu machen, da für beide Seiten gilt, dass sie im Fall einer Nichteinigung einen Verlust hinnehmen müssen, welcher Art auch immer dieser sei. Insbesondere bietet sich die künstliche und bewusste Provokation einer solchen Pattsituation an, wenn man der Meinung ist, dass der drohende Verlust für die andere Partei größer sei, als für die eigene. In der Politik lassen sich demnach allerlei Situationen als eine Form dieser

Eskalationspolitik ausmachen, sei es im Bereich der Innenpolitik oder aber auch in den Internationalen Beziehungen, also der Außenpolitik von Staaten. Die diesem Verhalten zugrunde liegende Theorie basiert dabei auf der Spieltheorie bzw. dem Gefangenendilemma. Dieser theoretische Rahmen sowie die Ableitung des Chicken-Gaming aus diesem folgt nun unter Punkt 3.

3. Das Chicken-Game der Spieltheorie

Wie bereits benannt, handelt es sich beim Chicken-Game um eine Ableitung, ein sogenanntes Grundspiel[4], aus der Spieltheorie[5]. Daher soll diese zunächst erläutert werden, um daran das Chicken-Gaming herzuleiten. Die Spieltheorie geht ursprünglich auf die Mathematik zurück, wurde jedoch bereits 1944 von Morgenstern und von Neumann auf die Wirtschaftswissenschaften übertragen, worauf in den folgenden Jahrzehnten die erweiterte Anwendung auf weitere Wissenschaften folgte[6].

Grundsätzlich ermöglicht die Spieltheorie, ein rationales Handlungsmuster zu analysieren und somit Wahrscheinlichkeiten sowie Vorhersagen über Handlungen einer oder mehrerer Parteien in einer Entscheidungssituation zu formulieren. Im einfachsten Fall geht es um zwei Akteure, beide mit einer dominanten Strategie, die in einer konkreten Situation handeln müssen. Die verschiedenen Vorgehensweisen beider werden dabei in Kooperation und Defektion, dem nicht-kooperativen Vorgehen, unterschieden. Welches davon eintritt, hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie Informationsgehalt über die Situation und etwaige Handlungspräferenzen des anderen Spielers sowie den jeweiligen Wertungen möglicher Gewinne und Verluste. Dabei ist es auch entscheidend, wie viel die Spieler über diese Einschätzung des jeweils anderen in diesen Punkten wissen[7].

Die Unterscheidung in Kooperation und Defektion sowie das heute als Nash- Gleichgewicht bekannte Phänomen gehen auf John Forbes Nash jr. zurück, der diese in seiner Dissertation, welche er über 27 Seiten im Fach Mathematik an der Universität Princeton verfasste, ergänzend zur damaligen Spieltheorie beschrieb[8]. Damit beschrieb Nash die für spätere Erweiterungen grundlegenden Charakteristika, die über die Bereitschaft der Spieler Aufschluss geben, zwischen egoistischem bis egozentrischem oder altruistischem Handeln zu wählen. Das Nash-Gleichgewicht meint dabei die jeweils beste Strategie als Antwort auf mögliche bis zu erwartende Züge des anderen Spielers. Problematisch wird es hier, wie bereits benannt, wenn einer der Spieler oder gar beide nicht genau über die Präferenzen und wirklichen Ziele des anderen informiert sind. Dies führt zu Minimierung des Gleichgewichts, also zu einer Asymmetrie des Ergebnisses[9].

Ein weiterer wichtiger Aspekt in einem Entscheidungsprozess ist die Kommunikation, welche selbst in einer defektiven Situation stattfinden kann, hier jedoch als Instrument zur Vorteilsschaffung und Verwirrungsstiftung genutzt werden kann[10]. Ebenfalls bedeutsam für den Verlauf einer Entscheidung, ist die Unterscheidung zwischen simultanem und sequenziellem Verlauf. Ein sequenzieller Verlauf kann es ermöglichen, einen Zug rückgängig zu machen oder umzulenken und auf die Züge des anderen Akteurs zu reagieren und diesen somit anhand seiner Züge zu tarieren. Ein simultaner Verlauf, bei welchem beide Seiten gleichzeitig agieren, ermöglicht diese flexible Anpassung an das Verhalten des anderen nicht bzw. nur in stark eingeschränkter Weise[11]. Die Form des Chicken-Game ist nun eine der besonders gefährlichen Form der Konfrontation nach der Spieltheorie, die man unter bestimmten Rahmenbedingungen vorfindet. Ähnlich wie bei dem zuvor beschriebenen Autorennen der 1950er Jahre, sind hier zwei Gegenspieler, die eine absolute Eskalation riskieren, welche für beide die denkbar schlechteste Lösung darstellte.

[...]


[1] Der Begriff „Fiscal Cliff“ wurde ursprünglich vom Chef der US Notenbank, Ben Bernanke, vor einem Ausschuss des US-Kongresses am 29.02.2012 geprägt und seither durch die Medien im Zusammenhang mit dem Auslaufen der Steuererleichterungen und den Ausgabenkürzungen zur Jahreswende 2012/13 genutzt.

[2] vgl. http://www.ftd.de/politik/international/:erklaerung-des-us-phaenomens-amerikas-angst-vordem-fiscal-cliff/ 70117425.html; 14.11.2012

[3] Im Deutschen wurde der Film unter dem Titel „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ gezeigt.

[4] Das Chicken-Game ist eine von vier Grundspielarten der Spieltheorie. Die anderen sind das Prisoners-Dilemma, der Battle of Sexes sowie das Assurance-Spiel (vgl. Giersch; 2009; S. 162.)

[5] vgl. Giersch; 2009; S. 161f.

[6] Die Entwicklung der Spieltheorie von ihrem mathematischen Ursprung bis zu ihrer sozial- und politikwissenschaftlichen Definition lässt sich ausgehend von Morgenstern/von Neumann (1944) über Nash (1951) bis zu diversen aktuellen Publikationen verfolgen. Hier wird insbesondere Giersch (2009) zu Rate gezogen.

[7] vgl. Giersch; 2009; S. 158 ff

[8] Die Bezeichnung als Nash-Gleichgewicht wurde als Würdigung der Arbeit Nash’s erst nach seiner Arbeit angewandt.

[9] vgl. Giersch; 2009; S. 160

[10] vgl. Giersch; 2009; S. 159

[11] vgl. Giersch; 2009; S. 160

Details

Seiten
14
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656672043
ISBN (Buch)
9783656672050
Dateigröße
640 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v271942
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück – Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Politikfeldanalyse Politi Chicken Gaming Fical Cliff USA Zahlungsunfähig förderlistische Mehrheitsdemokratie Spieltheorie

Autor

Teilen

Zurück

Titel: "The Fiscal Cliff". Innenpolitisches Chicken-Gaming in den USA