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Strukturen von Ehe und Familie in der Gegenwart

Magisterarbeit 2004 95 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

Erstes Kapitel: Ehe und Familie

1. Einführung zu Ehe und Familie

2. Grundlagen für das soziologische Interesse an dem Thema Ehe und Familie

3. Die Soziologie der Familien
3.1. Die Anfänge der Familiensoziologie
3.2. Familienforschung nach dem zweiten Weltkrieg
3.3. Familienforschung im „golden age of marriage“ der 60er und 70er Jahre
3.4. Der Versuch von Erklärungen: Familienforschung der 80er Jahre
3.5. Forschungsstand der 90er Jahre bis heute

4. Die Verbindung von Ehe und Familie

5. Definitionen von Familie und Ehe
5.1. Der Begriff „Familie“ – Schwierigkeiten einer Definition
5.2. Der Begriff „Ehe“ - eine Definition mit weitgehender Übereinstimmung

6. Die Entwicklung der Familie und Ehe
6.1. Die historische Perspektive zur Entwicklung der Familie
6.2. Die historische Entwicklung der Ehe

7. Strukturell-funktionale Differenzierung von Familie und Ehe

8. Die Binnenstruktur von Ehe und Familie
8.1. Die Familiengröße als Kriterium für eine strukturelle Unterscheidung
8.2. Die Familien-Typen
8.3. Verwandtschaftsformen und Familienzugehörigkeit
8.4. Die Art des geschlechtlichen Zusammenlebens
8.5. Heiratsformen
8.6. Autorität und Herrschaftsformen
8.7. Die Normalfamilie
8.8. Die Formenvielfalt der Ehe in der Gegenwart

9. Funktionen und Aufgaben der Familie – die Leistungen der Familie für das Individuum in der Gesellschaft
9.1. Die Reproduktionsfunktion
9.2. Die Sozialisationsfunktion
9.3. Die Platzierungsfunktion
9.4. Die Haushaltsfunktion
9.5. Die Regenerationsfunktion

10. Funktionen der Ehe

11. Der soziale Wandel in der Familie
11.1. Die vorindustrielle Familie
11.2. Die industrielle Familie
11.3. Die Familie der Nachkriegszeit

12. Sozialer Wandel der Ehe

13. Der Wandel von Ehe und Familie in Zahlen – einige demographische Daten
13.1. Ehescheidungen

14. Wissenschaftliche Theorien zum Thema Familie und Ehe
14.1. Der Funktionsverlust der Familie
14.2. Die Krise der Familie – ist die Familie durch die hohen Scheidungszahlen ein Auslaufmodell?
14.3. Die Deinstitutionalisierung der Familie und Ehe nach Tyrell
14.4. Das Individualisierungstheorem von Beck in bezug auf die Strukturveränderungen von Ehe und Familie
14.5. Die These der Pluralisierung von Lebensformen nach Nave-Herz

15. Was kommt nach der Familie?

Zweites Kapitel: alternative Lebensformen

1. Einführung zu alternativen Lebensformen

2. Die alternative Lebensform der nichtehelichen Lebensgemeinschaften
2.1. Der Begriff „nichteheliche Lebensgemeinschaft“ und seine Abgrenzung
2.2. Die Aspekte der historischen Entwicklung von nichtehelichen Lebensgemeinschaften
2.3. Die Formen von nichtehelichen Lebensgemeinschaften
2.4. Nichteheliche Lebensgemeinschaften – ein Äquivalent zur Ehe?
2.5. Nichteheliche Lebensgemeinschaften in Zahlen
2.6. Makrosoziologische Veränderungen die zur Etablierung nichtehelicher Lebensgemeinschaften führten
2.7. Mikrosoziologische Basis der Familiensoziologie und ihr Bezug zu den nichtehelichen Lebensgemeinschaften
2.8. Soziologische Erklärungen der Form „nichteheliche Lebensgemeinschaft“
2.8.1.Individualisierung nach Beck
2.8.2. Deinstitutionalisierung / Monopolverlust der Ehe nach Tyrell und Meyer
2.8.3. Bedeutungsverlust und Pluralisierung nach Nave-Herz

3. Die alternative Lebensform der Partnerschaften mit getrennten Haushalten
3.1. Grundformen der Partnerschaft mit getrennten Haushalten
3.2. Einige Daten zu Partnerschaften mit getrennten Haushalten

4. Familienstand Single – Mythos oder Gegenwart ?
4.1. Wer oder Was sind Singles?.79-81
4.2. Alleinlebende
4.3. Findet eine Entwicklung zur „Single-Gesellschaft“ statt?...83-84

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Vorwort:

In meiner Magisterarbeit wollte ich mich mit einem Thema beschäftigen, dass in meiner Lebenswelt vorkommt, und mit dem ich mich gut identifizieren kann. So bin ich auf das Thema Familie gekommen, da Familie nicht nur ein vielseitig diskutierter Bereich in der Soziologie ist, sondern auch jeder Einzelne spezifische Erfahrungen mit diesem Thema gemacht hat.

Vor ungefähr zwei Jahren war ich auf der goldenen Hochzeit meiner Großeltern eingeladen. An der Festtafel kreisten meine Gedanken um die unfassbar lange Zeit, die meine Oma und mein Opa schon ein Paar sind, und was sie schon gemeinsam durchgestanden haben. Bei der weiteren Betrachtung meiner Verwandten fiel mir die Vielfalt von familialen Lebensformen auf. So sind meine Eltern schon seit 27 Jahren verheiratete und meine Tante und mein Onkel stehen dem in nichts nach. Im Gegensatz zu diesen langjährigen Ehen, lebt die jüngste Schwester meiner Mutter momentan in ihrer zweiten Scheidung, gleichzeitig hat sie aber eine neue Beziehung. Jedoch zögert sie noch mit ihrem neuen Partner zusammen zu ziehen, da sie ein Kind aus der zweiten Ehe hat. Neben diesen partnerschaftlichen Lebensformen habe ich aber auch einen Onkel, der mit seinen vierzig Jahren noch immer Single ist. Diese Vielfalt an unterschiedlichen Strukturen von Lebensformen gibt es nicht nur in meiner Familie. So gibt es in meinem Freundeskreis neben eheähnlichen Lebensgemeinschaften auch junge unverheiratete Eltern, frisch verheiratete Paare und vor allem viele Singles. Genau diese Phänomene in meiner Umgebung haben mich neugierig gemacht, wie die Wissenschaft, insbesondere die Soziologie, diese Vorgänge deutet und erklärt.

Natürlich ist das Thema Familie und Ehe viel zu kompakt, um es auch nur ansatzweise vollständig behandeln zu können. Da ich selbst noch keine Familie gegründet habe, aber in einer langjährigen Beziehungen lebe, habe ich mich besonders auf die Paarbeziehungen in der Familie und Ehe konzentriert. Interessant fand ich hier besonders, wie die Paarbeziehungen heute in alternativen Lebensformen zur Ehe und Familie gelebt werden. Das Thema meiner Magisterarbeit lautet daher „Strukturen von Ehe und Familie in der Gegenwart“.

Einleitung:

Die meisten Einleitungen, die ich zu dem Thema Familie oder Ehe in Vorbereitung auf meine Arbeit gelesen habe, fingen mit einer diagnostisierten Wiederentdeckung des selbigen an. Die Familie sei wieder ins Gerede gekommen[1] oder der Trend gehe zur Wiederentdeckung des Themas Familie und Ehe[2] sind da nur zwei Beispiele. Diese Behauptungen setzen aber voraus, dass das Thema Familie und Ehe irgendwann auch mal unwichtig und uninteressant für die Wissenschaft gewesen sein muss. Diese Feststellung kann ich mir nur so erklären, dass die Familie lange Zeit als erforscht galt und kaum neuen Stoff für die Wissenschaft lieferte, was sich anscheinend jetzt wieder geändert hat. Wieso also ist das Thema Familie und Ehe wieder so interessant für die Wissenschaft geworden?

Die Familie und die Ehe sind ohne Zweifel die elementaren Strukturen in unserer Gesellschaft. Die Familie wird sogar als „Keimzelle des Staates“ bezeichnet und stellt somit die Grundlage der gesellschaftlichen Entwicklung dar. Deshalb gehörte die Gründung einer eigenen Familie lange Zeit ganz automatisch zur eigenen Lebensplanung und die Ehe war die dazu passende, gefestigte und anerkannte Form der Paarbeziehung. Doch diese gesellschaftlich höchst anerkannte Stellung der Familie und der Ehe ist ins Wanken geraten. Die Institutionen Ehe und die Familie haben den Modernisierungsprozess nicht ohne Verluste durchgemacht, sie mussten sich einem Wandel in ihrer Struktur und Form ergeben. Aber was noch wichtiger ist, sie haben von alternativen Lebensformen Konkurrenz bekommen. Die alternativen Lebensformen passen sich individuellen Bedürfnissen flexibler an und lassen sich meist besser und einfacher als die etablierten Institutionen leben. So kann auch das Alleinwohnen oder das unverheiratete Zusammenleben ein individuelles Bedürfnis sein, das sich dank der Pluralisierung von Lebensformen auch verwirklichen lässt. Das Thema Familie und Ehe ist also deswegen wieder interessant für die Wissenschaft geworden, weil die Strukturen einem Wandel unterlegen sind, in dessen Verlauf alternative Lebensformen ihr Schattendasein aufgeben und genau wie die Familie und die Ehe von den Mitgliedern der Gesellschaft gelebt werden.

In der folgenden Darstellung der Strukturen von Ehe und Familie in der Gegenwart soll geklärt werden, wie sich diese Strukturen verändert haben und ob die Familie durch die Pluralisierung von Lebensformen an Bedeutung verloren hat. Außerdem stelle ich einige alternative Lebensformen vor, um heraus zu finden, ob sie wirklich in Konkurrenz zur Familie und Ehe stehen.

In fast jeder Gesellschaft gibt es bestimmte soziale Normen, gesellschaftliche und kulturelle Standards, die generelle Zulässigkeiten von Familien- und Eheformen bzw. Formen partnerschaftlichen Zusammenlebens regeln. Ein Blick zurück auf die Geschichte der Familie und Ehe zeigt, dass die Formenvielfalt des Zusammenlebens grenzenlos zu sein scheint. Die allgemeinste Form des partnerschaftlichen Zusammenlebens ist hierbei die Ehe. Variabel scheint nicht die Existenz der verschiedenen Standards, sondern vielmehr der Grad ihrer Institutionalisierung bzw. der sozialen Kontrolle. In den westlichen Gesellschaften gibt es eine Vielzahl von Variationsmöglichkeiten, vielleicht auch weil die sozialen Sanktionen nicht so groß sind. Trotzdem bleiben auch hier bestimmte Standards bedeutsam, wie z.B. die Ehe als institutionalisierte Form des Zusammenlebens von Mann und Frau. Lebensformen, die sich an der Grenze des Möglichkeitsspektrums befinden, werden nach wie vor stigmatisiert, wie z.B. homosexuelle Paare.

Wenn ich im folgenden von Strukturen der Ehe und Familie in der Gegenwart spreche, dann ist damit auch der Prozess gemeint, den diese Institutionen im Wandel der Zeit durchschritten haben. Somit analysiere ich nicht nur die Wandlungsprozesse, denen die Familie und die Ehe im Zuge der Modernisierung unterliegen, sondern auch die daraus resultierende Pluralität familialer Lebensformen. Dabei muss vor allem geklärt werden, ob die weit verbreiteten Thesen, die Familie würde einen Bedeutungsverlust erleiden oder sie befände sich in einer Krise, so aufrechterhalten werden können. Außerdem muss zwischen der Familie und der Ehe unterschieden werden, da es sich hier um zwei verschiedene Aspekte handelt.

Das Thema „Strukturen von Ehe und Familie in der Gegenwart“ ist nicht nur ein sehr interessantes Thema, es ist auch sehr weitreichend. Daher möchte ich den Bereich meiner Magisterarbeit einschränken. Ich werde die Strukturen von Ehe und Familie in der Gegenwart mit dem Schwerpunkt der Paarbeziehung untersuchen. Damit möchte ich den Bereich der Kinder, Sozialisation von Kindern, Patchworkfamilien etc. ausgrenzen bzw. ihn nur am Rande erwähnen. Des weiteren habe ich den Raum meiner wissenschaftlichen Untersuchung eingegrenzt. Die Strukturen von Ehe und Familie in der Gegenwart werden in den westlichen Industrienationen beschrieben, mit besonderem Augenmerk auf Deutschland.

Die Arbeit ist in zwei Kapitel unterteilt. Im ersten Kapitel beschäftige ich mich mit der Familie und der Ehe. Dabei möchte ich zuerst klären, warum dieses Thema für die Soziologie interessant ist und wie sich die Familiensoziologie entwickelt hat. An die Familiensoziologie anknüpfend, beschäftige ich mich dann mit den Grundlagen, wie Definitionsproblemen, die Entwicklung der Familie und Ehe, strukturell-funktionale Differenzierung und die Binnenstruktur von Familie und Ehe. Auf diesen Grundlagen aufbauend, untersuche ich die Funktionen von Familie und Ehe und deren Wandel. Damit diese Darstellungen nicht zu abstrakt sind, werde ich auch einige Daten zu diesem Thema aufgreifen, wie z.B. die aktuellen Eheschließungs- und Ehescheidungszahlen.

Bevor ich dann frage, was nach der Familie kommt, setze ich mich mit den wichtigsten wissenschaftlichen Theorien zu dem Thema auseinander. Neben der Deinstitutionalisierungsthese nach Tyrell, behandle ich die Individualisierungstheorie von Beck und die These der Pluralisierung von Lebensformen nach Nave-Herz.

Im zweiten Kapitel beschäftige ich mit einigen alternativen Lebensformen, die am ehesten in Konkurrenz zur Ehe und Familie stehen. Deshalb untersuche ich schwerpunktmäßig nichteheliche Lebensgemeinschaften. Dabei gehe ich, ähnliche wie im ersten Kapitel, von den Grundlagen wie Definition und Historie zu der Frage über, ob die nichtehelichen Lebensgemeinschaften ein Äquivalent zur Ehe sind. Um das Thema nicht nur abstrakt zu analysieren, schaue ich mir auch hier einige Daten an, bevor ich die makrosoziologischen und mikrosoziologischen Aspekte beschreibe, die zur Etablierung nichtehelicher Lebensgemeinschaften geführt haben. In Anlehnung an das erste Kapitel interessiert mich, was die Soziologen Beck, Tyrell und Nave-Herz zum Thema nichteheliche Lebensgemeinschaften sagen. Um den Spagat zwischen den nichtehelichen Lebensgemeinschaften und den Singlen zu schaffen, stelle ich Partnerschaften in getrennten Haushalten vor. Diese Form hat sowohl einige Komponenten der nichtehelichen Lebensgemeinschaft als auch den Aspekt des „alleinigen Wirtschaftens“ von Singles. Als absoluten Kontrast zur Familie und Ehe beschäftige ich mich zum Schluss mit den Singles und Alleinwohnenden, deren quantitativer Anstieg zu einer prognostizieren Single-Gesellschaft seitens der Wissenschaft und Medien führte. Wichtig ist für mich dabei der Aspekt, ob diese Form der Lebensführung wirklich freiwillig gewählt wurde, oder ob die individuellen Wünsche, wie ein Partner zu sein hat, einfach noch nicht erfüllt wurden bzw. ob die Individualisierung so weit vorangeschritten ist, dass sich viele Menschen nicht mehr auf eine Ehe oder Familie einlassen können, da sie fürchten, an persönlicher Freiheit zu verlieren.

Meine These lautet folglich: Die Ehe und die Familie sind nicht vorm Aussterben bedroht, sie passen nur nicht so flexibel in die Lebenspläne der Menschen wie die alternativen Lebensformen. Diese Entwicklung ist nur die logische Konsequenz des Individualisierungs- und Modernisierungsprozesses der Gesellschaft.

Erstes Kapitel: Ehe und Familie

1. Einführung zu Ehe und Familie

Die Ehe und die Familie sind für die meisten Menschen etwas Selbstverständliches. Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch auf, dass eine enorme Vielfalt sozialer Zusammenhänge und Hindergründe eine besondere Aufmerksamkeit seitens der Wissenschaft notwendig macht. So hat es sich die Soziologie zur Aufgabe gemacht, ihren Beitrag zur Darstellung und Erklärung der Phänomene Ehe und Familie zu leisten.

Warum aber ist das Thema Familie und Ehe für uns Menschen denn überhaupt so selbstverständlich? Eine Antwort auf diese Frage könnte sein, dass das Phänomen Familie schon immer da war.

„Die Familie ist wohl genau so alt wie die menschliche Kultur. Ja, man könnte mit einem gewissen Recht auch die Meinung vertreten, Familie und Ehe seien älter als die menschliche Kultur“ (König, 1974; 9).

René König vertritt in seinem Buch „Die Familie der Gegenwart“ die Meinung, dass Familie und Ehe nicht erst von Menschen praktiziert wurde, sondern dass die Menschen diese Formen bereits als Erbe von höheren Tierarten übernommen hätten. Mit dieser These, die hier nicht weiter vertieft wird, widerspricht er einigen Anthropologen die behaupten, die Ehe und die Familie seien vor nicht langer Zeit einmal unter den Menschen eingerichtet worden. Der Soziologe König ist hingegen der Ansicht, dass die Familie und die Ehe schon immer da war und es somit nicht gelingen würde, nach ihrem Ursprung zu forschen.

„In Wirklichkeit sind also Familie und Ehe niemals eingerichtet worden, sie waren vielmehr schon immer da. Wohl aber bedurfte es besonderer Maßnahmen des Gesetzgebers, um sie aus der mehr oder weniger unbewusst befolgten Sitte ins Bewusstsein zu heben und ihnen damit zugleich eine deutliche kulturelle Profilierung zu geben,... “ (König, 1974, 3).

Man kann demzufolge von einer gewissen Resistenz der Familie und der Ehe im Laufe der Menschheitsgeschichte sprechen. Aber nicht nur diese Widerstandsfähigkeit begründet das Interesse der Soziologie an dem Thema Ehe und Familie.

2. Grundlagen für das soziologische Interesse an dem Thema Ehe und Familie

Das Interesse der Soziologie an der Ehe und an der Familie hat drei generelle Grundlagen. Quantitative Grundlage: Die Eheschließung und das Gründen einer Familie sind so weit verbreitete Phänomene, dass sie natürlich Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das Beschäftigungsfeld Familie ist als „Keimzelle der Gesellschaft“ unerlässlich für eine Wissenschaft, die sich mit den Zusammenhängen der Gesellschaft beschäftigt.

Qualitative Grundlage: Zu der quantitativen Perspektive kommt auch noch eine qualitative Bedeutung hinzu. Zum einen die Bedeutung der Ehe für die Paarbeziehung und zum anderen die Bedeutung der Familie allgemein für das Zusammenleben in der Gesellschaft. Die Ehe gilt immer noch als die legitime Art und Weise mit einem Partner eine monogame und dauerhafte Bindung einzugehen. Unter den vielen Arten des Zusammenlebens von Paaren ist die Ehe, die einzig rechtlich geschützte Form und sie wird als Institution vom Staat unterstützt. Was die Institution Ehe für die Partnerschaft ist, stellt die Institution Familie für die Elternschaft dar. Die Familie stellt normalerweise die erste soziale Gruppe in einem jungen Leben dar. Hier macht ein Kind erste Erfahrungen in der Gesellschaft. Die Familie ist zuständig für die Vergesellschaftung des Kindes und nimmt deshalb eine strategisch wichtige Stelle in der Gesellschaft ein.

Paradigmatische Grundlage: Als letzte Grundlage gilt der paradigmatische Stellenwert. Das soziale Verhalten eines Individuums wird in der Familie erlernt und dieses erlernte Wertemuster und Verhaltensmodell ist ein Vorbild für das weitere Leben. Der paradigmatisch Stellenwert der Familie kann aber in verschiedenen Kulturen unterschiedlich aussehen.

Diese drei Grundlagen begründen das Interesse der Soziologie an den Bereichen Ehe und Familie. Wie dieses Interesse in der Soziologie umgesetzt wurde, möchte ich im folgenden Abschnitt beschreiben.

3. Die Soziologie der Familie

Als Teilgebiet der Soziologie befasst sich die Familiensoziologie mit der Familie als soziale Gruppe, die ihre eigenen sozialen Gesetzmäßigkeiten mitbringt. Sie entstand Mitte des 19. Jahrhunderts mit Fragestellungen zur Entwicklung der Familie. Später wurde sie mit ethnosoziologischen Forschungen und eigenen Beiträgen zu interkulturellen Vergleichen von Familienformen oder problemorientierten Familienuntersuchungen in Industriegesellschaften weiterentwickelt.

3.1. Die Anfänge der Familiensoziologie

Als einer der ersten bekannten Soziologen hat sich Emile Durkheim mit dem Thema Familie auseinandergesetzt. In seiner Vorlesung von 1892 hat Emile Durkheim erste Ideen über die Charakteristika einer Familie beschrieben, die sich entgegen der weitverbreiteten Meinung bis heute nicht tiefgreifend verändert haben. Dabei bezog sich Durkheim zum einen auf die Privatisierung des Familienlebens und auf eine wachsende Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen und zum anderen auf die Vergesellschaftung durch z.B. stärkere Interventionen durch den Staat.

Von Durkheim stammt auch das Familienportrait, das heute weitgehend als Kernfamilie oder auch Normalfamilie bekannt ist. Er bezeichnete diesen Typ als „Gatten-Familie“,

„...da das Gattenpaar nicht nur die zentrale Zone der Gruppe, sondern auch- einmal abgesehen von der Ehescheidung- ihren einzigen permanenten Teil darstellt“ (König, 1974; 49).

Danach besteht der „zentrale Kreis“ der Familie aus einem Ehemann mit einer Ehefrau und den nichtvolljährigen Kindern. Davon grenzt sich die „sekundäre Zone“ ab, die aus Vorfahren und Nachkommen besteht. Das Problem bei Durkheims Definition der modernen Familie war damals wie heute das gleiche. Demographen und Ethnologen haben die Vorstellung der modernen Kleinfamilie als irrtümlich beschrieben, da sie nicht, wie immer angenommen wird, eine Erscheinungsform der modernen westlichen Welt ist, sondern schon vorher in anderen Epochen und Gesellschaftsformen aufgetreten ist. Somit ist die Beschreibung der Familie oder der „modernen Familie“ in der Soziologie schon immer schwierig gewesen. Das hat besonders damit zu tun, dass die Vorstellungen über die Charakteristika einer Familie bei Historikern, Demographen, Ethnologen und Soziologen stark auseinander gehen. Diese Schwierigkeiten tauchen auch auf, wenn man sich mit der Sozialgeschichte der Familie beschäftigt. Eins ist aber jetzt schon klar, das Gebilde „Familie“ ist ein umstrittenes wissenschaftliches Thema und muss, je nach wissenschaftlicher Richtung, neu definiert werden. Zwar werde ich in dieser Arbeit auch Betrachtungsweisen aus anderen Wissenschaftsrichtungen erwähnen, möchte mich jedoch in erster Linie mit der soziologischen Betrachtungsweise auseinander setzten.

3.2. Familienforschung nach dem zweiten Weltkrieg

Im folgenden werde ich die westliche bzw. die deutsche Familienforschung in der Nachkriegszeit skizzieren, damit man die Entwicklung der soziologischen Fragestellung und die gegenwärtigen Diskussionen besser nachvollziehen kann.

Gerade nach dem zweiten Weltkrieg ist das wissenschaftliche Interesse an dem Thema Familie enorm angestiegen, was man an der Anzahl der Veröffentlichungen zu diesem Thema erkennen kann. Namhafte Wissenschaftler wie Helmut Schelsky (Wandlung der deutschen Familie in der Gegenwart, 1953) oder René König (Materialien zur Soziologie der Familie, 1946) haben Untersuchungen über die Lage der Familie durchgeführt und somit den damaligen soziologischen Diskurs sehr beeinflusst.

„Kein Forschungsgegenstand spielt in der Soziologie der Nachkriegszeit eine größere Rolle als die Familie“ (Vaskovics, 1994; 5).

Im Brennpunkt der soziologischen Diskussion standen der Wandel und die Stabilität der Familie und die Frage, inwieweit die geschichtlichen Ereignisse sich auf die Familie ausgeübt haben. Große Beachtung haben dabei besonders die Untersuchungen gefunden, die versuchten zu klären, ob die gesellschaftliche Umwälzung eine langfristige Veränderung in Form, Struktur und Funktion der Familie bewirkt habe.

Die Forschungen der damaligen Zeit haben ein uneinheitliches und widersprüchliches Bild der Familie und ihrer Entwicklung ans Licht gebracht. Zum einen wurde die Desintegration der Familie diskutiert, zum anderen Tendenzen zur Deintstitutionalisierung beobachtet. Man kam durch die gewonnenen Einblicke dann rasch zu der These des Funktionsverlustes der Familie, die ich im weiteren noch analysieren werde. Im Gegensatz zu dieser krisenhaften Entwicklungsthese wurden jedoch erstaunliche Ergebnisse veröffentlicht, die den Beweis für eine bemerkenswerte Eigenständigkeit der Familie brachten. Besonders in Krisenzeiten wie nach dem zweiten Weltkrieg war gerade die Kernfamilie samt ihrer Verwandtschaftsbeziehungen eines der widerstandsfähigsten und vielseitigsten Systeme der Selbsthilfe. Schelsky hat z.B. nachweisen können, dass neben den Desintegrations- und Auflösungstendenzen in der Familie auch neue Funktionen und Aufgaben hinzugekommen sind, wie z.B. die emotionale Kräftigung der Familienmitglieder.

3.3. Familienforschung im „golden age of marriage“ der 60er und 70er Jahre

Im Gegensatz zu den Nachkriegsjahren ist die Bedeutung der Familie als wissenschaftlicher Gegenstand in den 60er und 70er Jahren zurückgegangen. Weder in den wissenschaftlichen Arbeiten und Theoriebildung noch in öffentlich-politischen Diskussionen nahm die Familie eine zentrale Stellung ein. Dies lässt sich so erklären, dass es keinen Grund zur Thematisierung bzw. Problematisierung gab und die Familie dem Bild der Allgemeinheit zu entsprechen schien. Gerade in Deutschland kam es in dieser Zeit zu einem enormen Maß an neuen Familiengründungen und zur Durchsetzung der Kernfamilie als konkurrenzlose Familienform. Deswegen gewannen in der Soziologie andere Forschungsbereiche an Bedeutung (z.B. wirtschaftssoziologische oder organisationssoziologische Fragestellungen).

Die soziologische Familienforschung konzentrierte auf einzelne Aspekte der familialen Zusammenhänge, wie z.B. Veränderungen im familialen Zusammenleben oder Veränderungen in Form und Struktur der Familie. In vielen Publikationen wurden Einblicke in den familialen Wandlungsprozess vermittelt und ein recht hoher Konsens über die Diagnose der familialen Strukturen und Funktionen erzielt. Als Ergebnis von empirischen Forschungen sind damals verschiedene Familienstrukturen sichtbar geworden, die auch in der Literatur dementsprechend beschrieben wurden (z.B. Neidhardt). Der Pluralität der Familie wurde bereits Beachtung geschenkt, die theoretische Zuspitzung der These „Pluralisierung der Familienformen“ und die damit verbundene Dramatisierung der Folgen erfolgte aber erst in der Diskussion der 80er Jahren.

3.4. Der Versuch von Erklärungen: Familienforschung der 80er Jahre

In der Familiensoziologie der 80er Jahre hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Von der strukturell-funktionalen Perspektive kam man zur interaktionistischen Analyse mit einer Focussierung auf die Binnenverhältnisse der Familie. Dies fand meist ohne Bezug auf makrostrukturellen Zusammenhängen statt. Dominante Themen waren u.a. das Partnerschaftsverhalten, also die Wahl des Partners und die Art des Zusammenlebens, als auch die Ehe und Ehescheidungen; das Familienverhalten im Alltag, die gemeinsame Freizeitgestaltung oder der Medienkonsum; aber auch die geschlechtsspezifischen Rollenverhalten der Familienmitglieder. Im Vergleich zu den Jahren zuvor ist die Familienforschung in den 80er Jahren deutlich intensiviert worden. Dies wird deutlich an den verschiedenen Forschungsprojekten mit Themen wie: Partnerschaft, Elternschaft, Ehe, Scheidung, Familienformen, Familienbeziehungen, familiale Lebenslagen, Situation von Frauen, Beruf und Familie und viele mehr.

Besondere Aufmerksamkeit erlangte die Frauenforschung in den 80ern. Ein zentrales Thema war u.a. die Benachteiligung von Frauen im Arbeitsleben oder die Arbeitsteilung in der Familie. Der Wunsch von Frauen Karriere zu machen und trotzdem auch Mutter zu sein, führte zur Beachtung der Berufs- und Familienphasen im Lebenslauf. So fanden familiale Entwicklungen eine stärkere Beachtung in der Soziologie und der Zusammenhang von Lebensverläufen und Familienentwicklung wurde in vielen Publikationen thematisiert.

Der genauere Blick auf die Entwicklung der Familie ließ immer verschiedenere Konfigurationen von ehelichen, familialen und partnerschaftlichen Arten des Zusammenlebens erahnen und rückte somit ins Visier der soziologischen Fragestellung. Nichteheliche Lebensgemeinschaften, konventionelle Formen des Zusammenlebens, Einpersonenhaushalte, Alleinlebende, Singles, Commuter-Ehen, living-apart-togehter, Fortsetzungsfamilien und Partnerschaften mit getrennten Haushalten sind als Kennzeichen des Prozesses zur Ausdifferenzierung von Familienformen erschienen und als „Familienformen der Moderne“ aufgetreten. Es wurde, auch in Form der These der Pluralisierung von Familienformen, ein Trend zur Entstehung von vielen, verschiedenen Familienkonstellationen zum Nachteil der bisherigen Kernfamilie prognostisiert und als Folge oder Symptom der gesellschaftlichen Modernisierung gedeutet.

Die „Deinstitutionalisierungsthese“ hat die Entwicklung der modernen Familie als Rückgang der normativen Verbindlichkeit von gesellschaftlichen Werten und Normen gedeutet. Durch diesen Verlust sind Handlungsräume entstanden, die dem Individuum immer mehr eigene Entscheidungen im Bereich Familie, Ehe und Partnerschaft abverlangen. Diese größer werdenden Optionen der Familiengestaltung lassen aber nicht nur Platz für individuelle Freiräume, sie fordern auch immer mehr Eigenverantwortung von den Individuen, so dass eine Art Entscheidungsdruck entsteht. So ist laut These die Familie (Elternschaft), Partnerschaft und Ehe selbst zur Option geworden und nicht mehr wie selbstverständlich Bestandteil des Lebenslaufs. Jedoch muss eine Gesellschaft, die ihren Mitgliedern konkurrierende Optionen gibt, auch die individuellen Entscheidungen für die Ehe oder Familie bzw. für eine alternative Lebensform, für die keine institutionellen Vorgaben bestehen, akzeptieren. Somit wächst auch die Toleranz für nicht institutionelle Lebensformen wie nichteheliche Lebensgemeinschaften oder Singles.

Diese Art der Deutung vom Wandel der Familienformen hat bereits zu Beginn der 60er Jahre die Aufmerksamkeit einige Historiker geweckt. Sie haben die Pluralisierungsthese der Familienformen kritische analysiert und herausgestellt, dass manche „moderne“ Formen der Familie oder des Zusammenlebens gar nicht so neuartig sind. Somit hat die historische Familienforschung für die soziologische Theoriebildung gerade in den 80er Jahren einen bedeutsamen Beitrag geleistet. Diese Forschungsrichtung hat aufzeigen können, dass es viele als „modern“ titulierte Familienformen auch schon früher gab. Sie sind nicht Erscheinungsbilder der „Moderne“, sie haben sich nur stärker verbreitet und somit auch die Aufmerksamkeit der Gesellschaft und der Wissenschaft auf sich gezogen. Die historische Familienforschung hat durch ihre wissenschaftlichen Arbeiten einige ältere Thesen der soziologischen Familienforschungen revidieren können. So wurde z.B. die in der Soziologie akzeptierte These der Entwicklung von der Groß- zur Kleinfamilie widerlegt.

3.5. Forschungsstand der 90er Jahre bis heute

Die Themen der 90er Jahre sind im wesentlichen die Selben wie in den Jahren zuvor. Der einzige Unterschied bestand darin, dass die Soziologie sich stärker auf die Mikroebene konzentrierte.

In den 90ern hat die Zahl der Publikationen zu den Themen Ehe, Familie und Partnerschaft stark zugenommen. Auffallend ist, dass die empirische Forschungsaktivität da nicht ganz mithalten kann. Die Anzahl empirischer Forschungsprojekte hat zwar zugenommen, jedoch nicht im gleichen Umfang wie die veröffentlichten Publikationen. Als Ergebnis der Familienforschung der 80er wurden eine Fülle von Information präsentiert und die Daten in Reports vorgelegt.

Familie ist für die Soziologen ein wichtiges Thema. Durch die allgemeinen Modernisierungsprozesse sehen viele auch die Familie und die Ehe bedroht und thematisieren deshalb Modernisierungstendenzen von Familie und Ehe. In den letzten Jahren sind die Familie und Ehe als Forschungsobjekte wieder sehr populär geworden. Vaskovics bezeichnet diese Entwicklung als Trend „der Wiederentdeckung familialer Lebenswelten“. Die thematische Vielfalt der familialen Lebenswelten kennt dabei keine Grenzen. Vor allem wird die Familie im Kontext der Moderne gesehen und Themen wie technische Innovationen und Familie, Reproduktionsmedizin in der Ehe und Familie, neue Informations- und Kommunikationstechnologien in der Familie, sowie familiale Veränderung, die durch die Nutzung von Technologie entstehen, zeigen diesen Trend.

Doch bevor ich mich mit den soziologischen Theorien zum Thema Ehe und Familie beschäftige, möchte ich einige grundlegende Punkte klären, wie die Verbindung von Ehe und Familie sowie die Definition der Begriffe.

4. Die Verbindung von Ehe und Familie

Schon in der Einleitung der Arbeit habe ich darauf hingewiesen, dass man Ehe und Familie nicht gleichsetzten darf. Schließlich besteht ein Unterschied darin, ob zwei Menschen aus Liebe eine Ehe schließen oder aus dem Wunsch heraus Kinder zu haben eine Familie gründen. Der entscheidende Unterschied besteht dabei in der Wandelbarkeit der beiden Institutionen. Während die Familie nicht so leicht wandelbar ist, kann man eine Ehe jederzeit durch eine Scheidung beenden. So wie sich z.B. die Auffassung von Liebe und Ehe in den vergangenen Jahrhunderten oft geändert hat und dem aktuellen Trend angepasst wurde, so unaufkündbar ist die Institution Familie geblieben.

Trotzdem ist es auch ganz klar, dass es eine starke Verbindung zwischen den beiden Institutionen gibt. Der Soziologe Tyrell spricht in diesem Zusammenhang sogar von einer „institutionellen Dignität“ zwischen Ehe und Familie (vgl. Peukert, 1990; 16).

Im allgemeinen scheint die Verbindung zwischen Ehe und Familie offensichtlich zu sein: nach der Eheschließung wird eine Familie gegründet. Ob dies direkt nach der Vermählung geschieht oder erst ein paar Jahre später spielt dabei keine Rolle. Hauptsache die Reihenfolge, erst Ehe dann Familie, wird nicht vertauscht.

Früher wurden Ehepaare ohne Kinder oft gesellschaftlich geschnitten, da hier die „Folgen der Ehe“ ausblieben. Es gab sogar die Institution des „Zeugungshelfers“, die, sobald eine Ehe nach gewisser Zeit immer noch kinderlos war, in Aktion traten. Man hatte noch nicht das Verständnis, dass eine Ehe auch „nur“ aus Liebe zum Partner eingegangen werden kann, d.h. unabhängig von einer Familiengründung. Doch im Lauf der Zeit hat sich auch diese Vorstellung geändert und die Emanzipation der Ehe von der Familie schien nur eine logische Konsequenz der Individualisierung zu sein.

„Mit der Individualisierung der modernen Kultur tritt ein weiteres Problem in Erscheinung, das in früheren Zeiten – mit Ausnahme vielleicht der spätrömischen Kultur - keine wesentliche Rolle spielte, nämlich eine gewisse Entgegensetzung von Ehe und Familie. Die Ehe ist für uns im wesentlichen ein höchst individueller Bund zwischen zwei selbstständigen Personen, Mann und Frau; die Familie ist dagegen eine soziale Gruppe, die unter allen Umständen mehr Personen umfasst als das Ehepaar“ (König, 1974; 49).

Heute ist die Ehe unabhängig von der Familie. In den modernen westlichen Gesellschaften beruht die Eheschließung überwiegend auf dem freien Willen der Partner. Eine wesentliche Vorrausetzung ist dabei die gegenseitig empfundene Liebe. Die moderne Gesellschaft hat sich jedoch ein ganz bestimmtes Ehebild geschaffen, dass auch vom Großteil der westlichen Bevölkerung so verstanden und gelebt wird. Dieses individualistische Ehemodell beruht auf der freiwilligen Liebesheirat zwischen Mann und Frau, die auf Dauer monogam zusammen leben wollen. Früher war das jedoch anders. In vielen älteren Kulturen war die Ehe der Familie unterstellt. Neben Heiratsverboten, die z.B. die Familie gegenüber verfeindeten Stämmen aussprechen konnte, war es auch ganz normal, dass ein Heiratspartner nicht selbstständig gewählt wurde, sondern von der Familie bzw. von den Eltern ausgesucht wurde. Dies finden wir heute noch in sehr traditionellen und streng gläubigen Familien des Islams.

Die Ideologisierung des modernen Ideals bringt aber auch Probleme mit sich. So schnell eine Liebe zwischen zwei Menschen entstehen kann, so schnell kann sie manchmal auch wieder gehen. Wenn in der Zwischenzeit jedoch aus der Ehe eine Familie hervorgegangen ist, muss auch die Familie mit den Konsequenzen der gescheiterten Liebesehe leben. Somit kommt es heute auch zu mehr Ehescheidungen als früher, als das Modell der Ehe noch andere Ideale hatte.

Wichtig ist die ganz klare Trennung des Bereichs Familie und des Bereichs Ehe. Zwar sind diese Bereiche sehr eng miteinander verbunden, müssen es jedoch nicht, da nicht aus jeder Ehe eine Familie wird und Eltern in einer Familie nicht zwangsläufig verheiratete sein müssen.

5. Definitionen von Familie und Ehe

5.1. Der Begriff „Familie“ – Schwierigkeiten einer Definition

„Was eine Familie ist, ist nicht so einfach zu bestimmen, wie es scheint“ (Hettlage, 1992; 19).

Das Problem in der Familiensoziologie, eigene Erfahrung und wissenschaftliche Erkenntnissen auseinander zuhalten, bestätigt sich auch, wenn es um die Begrifflichkeit geht. Somit treten schon bei der grundlegenden Definition des Begriffs „Familie“ einige Schwierigkeiten auf. Dies liegt nicht nur daran, dass es unterschiedliche Kulturen mit verschiedenen Auffassungen von dem Begriff Familie gibt, sondern auch generelle Meinungsunterschiede darüber bestehen, wie Familie zu definieren ist.

„Trotz der Bedeutung der Familie für das gesellschaftliche Zusammenleben stößt der Auftrag, „Familie“ zu definieren, bei den meisten Menschen auf Ratlosigkeit. Es ist zuzugeben, dass bei einem sozialen Gebilde wie der Familie, dessen Gegenwart und Wirkung so offensichtlich sind, Definitionen unnötig scheinen, da ohnehin jeder aufgrund seiner individuellen Erfahrungen weiß (oder zu wissen meint?), was Familie ist“ (Zigann,1977; 3).

Interessant ist im Zusammenhang mit den Schwierigkeiten einer eindeutigen Definition, dass der für uns heute normale Alltagsbegriff Familie eigentlich ein Fremdwort ist. Der Begriff Familie stammt von dem lateinischen Wort ‚familia’. Dieser Begriff ist eine Kollektivbildung des Wortes famulus, zu deutsch: der Diener. Familie war somit eine formale Bezeichnung für die Gesamtheit der Diener in einem Haushalt. Zur Zeit der römischen Herrschaftsstruktur gehörten auch Freie, Sklaven und Dinge zum Haus bzw. zur Familie. D.h. man assoziierte mit dem Wort Familie keine emotionale Bindung. Das erklärt, warum das Wort Familie im deutschen Sprachgebrauch erst im 16. Jahrhundert in der Schrift bzw. im 18. Jahrhundert in der Umgangssprache auftritt.

Heute wird der Begriff Familie zwar anders definiert als früher, dies führt aber nicht zwangsläufig zur Einigkeit. Im Lexikon zur Soziologie steht beispielsweise:

„Familie bezeichnet in der Soziologie (wie im Alltag) unterschiedliche Aspekte und Konstellationen einer sozialen Lebensform, die mindestens Kinder und Eltern (bzw. ein Elternteil) umfasst (also auf Verwandtschaft beruht) und einen dauerhaften und im Innern durch Solidarität und persönliche Verbundenheit (nicht durch Vertrag, nicht dominant durch rollenhafte Beziehungen) charakterisierenden Zusammenhang aufweist. Viele andere Merkmale dessen, was gemeinhin als Familie gilt, sind hingegen soziokulturell variabel (gemeinsame Wohnform, Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen Verwandtschaftsfamilie, gemeinsame

Produktion, gemeinsame Konsumtion etc.)“ (Fuchs-Heinritz, 1995; 197).

Der Kreis von Personen, die zu einer Familie gehören, wird heute klar eingegrenzt. So besteht die herrschende Vorstellung über eine Familie aus einem Ehepaar mit einem Kind (oder mehreren Kindern). D.h. wenn Mann und Frau verheiratet sind, heißt dies nicht automatisch, dass sie eine Familie darstellen. Erst wenn das Ehepaar ein Kind bekommt, spricht man von einer Familie.

„Aus einer Ehe wird eine Familie aber erst dann, wenn die Ehepartner zu Eltern werden“ (Neidhardt, 1997; 9).

Da diese eng gefasste Definition des Begriffs Familie jedoch eine Vielzahl von heutigen, modernen Lebensformen ausschließt, gibt es auch ganz andere Auffassungen des Familienbegriffs. So z.B. Thomas Meyer:

“Eine Familie ist im weitesten Sinn eine Kleingruppe mit einem spezifischen Kooperations- und wechselseitigem Solidaritätsverhältnis, deren Hauptaufgabe in der biologischen und sozialen Reproduktion der Gesellschaftsmitglieder besteht (Meyer, 1996; 306).

So unterschiedlich diese beiden Definitionen ausfallen, so unterschiedlich sind auch die individuellen Meinungen und Vorstellungen über den Begriff Familie. Das liegt u.a. an den unterschiedlichen Erfahrungen, die jeder für sich mit der Familie gemacht hat und deshalb auch den Begriff Familie auf eine ganz individuelle Weise interpretiert.

In der Wissenschaft wird der Begriff Familie, wie wir schon an einigen Beispielen gesehen haben, meist von jedem Autor individuell definiert. Die Definition hängt häufig vom Untersuchungsbereich ab und wird je nach dem weit oder sehr eng gefasst. Eine genaue Definition ist hier besonders notwendig.

„Was den Familienbegriff anbetrifft, so gibt es weder im Alltagsverständnis noch in der Wissenschaft eine einheitliche Auffassung über das, was der Begriff „Familie“ genau zu beschreiben hat. Um familialen Wandel und die Pluralität von Familienformen erfassen zu können und nicht Veränderungen durch die gewählte Begrifflichkeit von vorneherein auszuschließen, ist es notwendig, eine Definition von Familie auf einem möglichst hohen Abstraktionsniveau zu wählen“ (Nave-Herz, 2002; 2).

Es ist also von elementarer Bedeutung, den Begriff Familie zu definieren. Daher ist es immer wichtig zu wissen, mit welchem Verständnis des Begriffs man in einer wissenschaftlichen Untersuchung arbeiteten will, um etwaige Unklarheiten von vorne herein auszuschließen. Dies machen zwar nicht alle Autoren, aber die meisten wie z.B. Nave-Herz klären diesen Sachverhalt gleich zu Anfang einer Abhandlung. Ich beziehe mich in der weiteren Darstellung auf die Definition des „Lexikons zur Soziologie“, weil ich diese weit gefasste Definition in bezug auf die persönliche Verbundenheit als wichtig empfinde. Zwar kann man „Familie“ auch über Strukturen und Formen definieren, wichtiger ist meines Erachtens aber die innere Verbundenheit.

5. 2. Der Begriff „Ehe“ - eine Definition mit weitgehender Übereinstimmung

So schwierig es ist den Begriff „Familie“ zu definieren, so eindeutig ist die Definition des Begriffs Ehe.

Das Wort „Ehe“ stammt vom althochdeutschen Wort „ewa“ ab, was soviel heißt wie „ewig geltendes Gesetz“. Dies zeigt, was die Ehe ursprünglich bedeuten sollte. Heute beinhaltete die Definition des Begriffs auch eine Abgrenzung gegenüber dem, was nicht unter „Ehe“ verstanden wird. Diese Abgrenzung kann dabei weit oder eng gefasst sein. Meist jedoch wird „Ehe“ als eine rechtlich legitimierte, auf Dauer angelegte, monogame Lebensgemeinschaft zweier ehemündiger, getrenntgeschlechtlicher Personen definiert.

„Sie ist die institutionalisierte Form der Paarbeziehung in unserer Gesellschaft“ (Huinink, 1995, 118).

Diese eng gefasste Definition grenzt z.B. homosexuelle Paare aus, da laut Definition nur getrenntgeschlechtliche Paare die Ehe eingehen können. Dieser Sachverhalt ist gerade in der letzten Zeit häufig im öffentlichen Diskurs gewesen, da die Homosexuellen-Szene eine immer größer werdende Lobby hat und auch prominente Stimmen laut werden, einer „Homoehe“ zumindest ähnliche Rechte einzuräumen wie einer „Heteroehe“.

In weniger eng gefassten Definitionen fällt der Zusatz „auf Dauer angelegt“ weg. Diese Art der Definition beachtet nicht nur die Möglichkeit der Scheidung, sondern berücksichtigt auch die wirkliche Entwicklung der Scheidungszahlen.

Ich beziehe mich in der weiteren Darstellung auf die Definition von Ehe, die von einer rechtlich legitimierten, dauerhaft angelegten, monogamen Lebensgemeinschaft zweier heterosexueller Personen spricht.

Die Darstellungen der Definitionen von Familie und Ehe sind nur zwei Beispiele dafür, wie wichtig es ist, Begriffe in wissenschaftlichen Untersuchungen genau zu definieren. Und um diese Definitionsprobleme etwas besser zu verstehen, beschäftige ich mich im folgenden mit der Entwicklung der Familie und Ehe.

6. Die Entwicklung der Familie und Ehe

Um gewisse Entwicklungen verständlich zu machen, bedient sich die Soziologie gerne der beliebten Methode des Vergleichs.

„Wer eine Gesellschaft verstehen will, blickt am besten über deren Grenzen hinaus“ (Hettlage,1992; 56).

Der „Blick über die Grenzen“ ist auch in der Familiensoziologie von Bedeutung, wenn man die Entwicklung und den Wandel der Familie verstehen und nachvollziehen will. Deswegen werde ich im folgenden die historische Entwicklung der Familie beschreiben, um dadurch den Wandel der Familie verständlich zu machen.[3]

Wie schon angeklungen (Anfänge der Familiensoziologie), ist die historische Familienforschung das Sorgenkind der Familiensoziologie. Auch ich musste bei der Literatursichtung feststellen, wie schwierig es ist, die Entwicklung der Familie zu skizzieren. Trotzdem finde ich die Darstellung von Vergangenheit und Gegenwart sehr wichtig, um die Veränderungen verständlich machen zu können.

6.1. Die historische Perspektive zur Entwicklung der Familie

Schon in der Einleitung habe ich darauf hingewiesen, wie schwierig es ist, eine Historie der Familie zu beschreiben. Den genauen Anfang zu bestimmen, wann Familie angefangen hat, ist geradezu unmöglich (vgl. René König). Auch hat sich lange Zeit in der Familie nicht wirklich was geändert. Erst mit dem Aufkommen der Industrialisierung und den Entwicklungen der Modernisierung, konnte man einige Veränderungen feststellen.

Die zentrale These in der sozialhistorischen Entwicklung der Familie war die Vorstellung eines linearen Übergangs von der traditionellen Großfamilie zur modernen Kleinfamilie.

Die Großfamilie wohnte als Mehrgenerationenfamilie in einem gemeinsamen Haushalt unter patriarchaler Herrschaft, wobei zu dieser Familie auch das Hausgesinde zählte. Die vorindustrielle Großfamilie vereinigte ökonomische Gesichtspunkte wie Produktion und Konsum von z.B. Lebensmitteln, und übernahm zudem die komplette Sozialisation der Kinder. Hier zählte die Gemeinschaft der Familie und nicht das einzelne Individuum. Dieser Familientyp veränderte sich mit aufkommenden Industrialisierungstendenzen. Durch Veränderungen wie Verstädterung, Landflucht und Trennung von Arbeitsplatz und Wohnstätte, wandelten sich nicht nur die Aufgaben, sondern auch die Struktur der Familie. Anfang des 19. Jahrhundert verlagerte sich die gewerbliche Produktion aus dem eigenen Haus in die Fabriken der größeren Städte. Dies hatte zur Folge, dass viele junge Leute von dem Land in die Stadt gingen um dort, entfernt von der Familie, als Fabrikarbeiter Geld zu verdienen. Auch Dienstleistungen wurden rationalisiert und in Geschäftsräume und Büros verlagert. Mit diesen Veränderungen modifizierten sich auch die Aufgaben der Familienmitglieder. Die Hauswirtschaft verlor immer mehr an Bedeutung, so dass sich das Tätigkeitsfeld der Mutter mehr auf die Versorgung von Mann und Kindern sowie die Tätigkeiten im Haushalt beschränkte. Durch diese Trennung von Arbeit und Haushalt polarisierten sich öffentliche und private Lebensbereiche innerhalb der Familie. Dies bezog sich, durch Aufkommen der Schulpflicht, dann auch auf die Sozialisation der Kinder. Durch die Ausgliederung der bis dahin häuslichen Produktionstätigkeit und durch die soziale Mobilität, haben sich die verwandtschaftlichen Bindungen immer mehr auflöst. Es entwickelte sich ein immer privater werdender Raum, der mehr Platz für Emotionen brachte. Die Kleinfamilie wurde somit zu einem sozialen Gebilde, in dem auch der Einzelne einen Ruhepunkt zur Arbeitswelt fand. Unter diesen neuen Bedingungen wurde mehr Wert auf die Individualität der einzelnen Familienmitglieder gelegt, als auf verwandtschaftliche Solidarität. Diese neuen Werte führten zu einem Rückgang der Geburten in den einzelnen Familien, um den Lebensstandard der Familie und der Familienmitglieder zu erhöhen und somit die Chancen der Kinder zu verbessern. Nach diesen Vorstellungen entwickelte sich die moderne Kleinfamilie bzw. die Normalfamilie mit einer geringen Haushaltsgröße, einer intensiven Familienbindung mit Betonung auf Privatheit und einer romantischen Liebesbeziehung zwischen den Ehepartner. Diese Familienform hat sich in ihrer Entwicklung ideal an die Industriegesellschaft des 19. Jahrhunderts angepasst.

Die Ergebnisse der jüngsten historischen Forschung haben jedoch gezeigt, dass die These des linearen Übergangs von der Tradition zur Moderne so nicht haltbar ist. Klar ist jedoch:

„Wesen und Wandel des Familienlebens sind in der Vergangenheit wesentlich komplexer gewesen als wir es bisher angenommen haben. Von der vorindustriellen Familie oder der modernen Familie kann nicht gesprochen werden; solche Begriffe gehen an der historischen Realität vorbei.“ (Hubbard, 1983, 13)

Stattdessen zeigt die Familie eine Vielzahl von Formen und Verhaltensweisen, wobei die These des linearen Übergangs nicht falsch ist, aber zu wenig differenziert. Fast jede Generation zeigt verschiedene, ganz spezifische Probleme in der Familienentwicklung. So waren die Probleme in früheren Zeiten z.B. schichtspezifisch oder regional bedingt. Auch die Vorstellung, die gegenwärtige Familie stecke in der Krise, ist nicht neu. Vielmehr hat fast jede Generation mit solchen „Krisen“ zu kämpfen. Dies erklärt sich zum einen aus der zentralen Stellung der Familie in der Gesellschaft,

„...andererseits aus dem ständigen Mangel an historischen Perspektiven. Die Familiensoziologie entstand am Anfang des 19. Jahrhunderts selbst als ein Produkt solchen Krisenbewusstseins. Spätestens seit dieser Zeit wird der Zerfall der Familie immer wider vorausgesagt. (vgl., Hubbard, 1983,14)

Da ich Familie und Ehe nicht gleichstelle, muss ich natürlich neben der historischen Entwicklung der Familie, auch die historische Entwicklung der Ehe beschreiben, um den Wandel der Institution aufzeigen zu können.

6.2. Die historische Entwicklung der Ehe

Die Rolle der Ehe war nicht immer so wichtig wie im letzten Jahrhundert, obwohl die Ehe schon immer einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft hatte.

Die einfachsten Kulturen, wie etwa Sammler- oder Jägerfamilien, kannten die Institution der Ehe nicht. Sie leben zwar in Familien zusammen, aber die Beziehung zwischen zwei Erwachsenen war dort eher formlos. Die Ehe profilierte sich erst in Zeiten mit höherem Kultur- und Wirtschaftsaufkommen. Hier entwickelte sich auch das Zeremonial der Hochzeit, bei der die Familie der Partner die Eheschließung mit Geschenken feierten, die als symbolischer Akt der neuen Verbindung zwischen den Familie gesehen wurden. In Westeuropa war es ab dem 12. Jahrhundert Gang und Gebe, mit einer Verlobung den Beginn einer Ehe zu feiern. Nur noch in Ausnahmefällen wurde ein Paar verheiratet, bei dem nicht beide Partner mit der Heirat einverstanden waren. Die jungen Männer und Frauen konnten sich ihren Partner selbst aussuchen, zumindest wenn er oder sie aus dem gleichen Stand oder der gleichen Dorfgemeinde kam. Die Kirche spielte bei der Eheschließung im Mittelalter auch eine sehr große Rolle. So setzte sie sich sehr stark gegen bestimmte Traditionen zur Wehr, wie z.B. die Heirat zwischen Blutsverwandten.

Da die Menschen früher nicht so hohe Lebenserwartungen hatten wie heute, war eine Wiederheirat nichts besonderes, sie war sogar die gängige Praxis. Manche Zünfte verpflichteten Witwen dazu, innerhalb eines Jahres einen ledigen oder verwitweten Handwerker der selben Zunft zu ehelichen. Am Ende des Hochmittelalters war es der Kirche sogar gelungen, das kanonische Eherecht durchzusetzen. Dies bedeutet, dass die Ehe als nicht auflösbares Sakrament und kirchliches Heiratsmonopol anzusehen war.

Mit der industriellen Revolution hat sich die Institution Ehe verändert. In den westlichen Gesellschaften war auch die Ehe von den Reformen und der zunehmenden Individualisierung betroffen. Durch die Reformatoren wurde der sakramentale Status der Ehe abgeschafft, so dass die Kirche ihren Einfluss auf die Ehe zum Teil verlor. Dies führte nicht nur zu einer Aufwertung der Ehe, sondern auch zur Aufwertung der Familie. Die patriarchale Herrschaftsstruktur der Männer blieb jedoch erhalten, ebenso die Arbeitsteilung von Mann und Frau in einer Ehe und Familie.

Zu Beginn des 18.Jhr. erhielt das Bürgertum eine gesellschaftliche und wirtschaftliche bessere Stellung. Die Verbindung von Liebe und Ehe wurde langsam anerkannt und erreichte eine Idealstellung als Zeichen zwischenmenschlicher Beziehung. Dieses bürgerliche Ehemodell enthielt neben der Romantik auch die Vorstellung eines häuslichen, gutbürgerlichen Ehe- und Familienlebens. Die Ehefrau hatte die Aufgabe, sich um den Haushalt und die Kinder zu kümmern, während der Ehemann zur Arbeit ging, um Geld zu verdienen. Eheglück und Familienleben waren so das Leitmotiv der bürgerlichen Kleinfamilie.

Der Staat versuchte, mit dem Absolutismus die Eheschließungen unter bevölkerungspolitischen Gesichtpunkten zu regeln. So waren Hochzeiten meist nur unter Ortsbekannten erlaubt. Teilweise musste vor der Hochzeit der Nachweis eines Mindestvermögens erbracht werden, sonst durfte man gar nicht erst heiraten. Dadurch versuchte der Staat, die Armut der Bevölkerung zu reduzieren und den Reichtum des Landes zu fördern. Diese Ehebeschränkung führte dazu, dass viele Menschen im 18. und 19. Jahrhundert zwangsweise ledig bleiben mussten und das Heiratsalter ging im Vergleich zu vorher in die Höhe.

Im 20. Jahrhundert haben die gesellschaftlichen Veränderungen auch Einfluss auf die Ehe ausgeübt. So tolerierte man mehr und mehr voreheliche Sexualbeziehungen, eine Partnerschaft musste nicht immer vor einem Standesamt öffentlich gemacht werden, um in der Gesellschaft seine Zuneigung füreinander zeigen zu können. Außerdem änderte sich der Status der Frau. Frauen wurden nicht mehr beschränkt auf die Hausarbeit und die Erziehung der Kinder, sie konnten nun auch außerhalb der Familie Karriere machen. Hinzu kamen noch Modernisierungen im Scheidungsgesetz, Legalisierung von Abtreibung, Geburtenkontrolle, gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber kinderlosen Paaren, als auch gegenüber unverheirateten Eltern.

Die Entwicklung zur modernen Ehe hat demnach viele Hindernisse überwunden, wodurch sich in Westeuropa der Typ der Liebesehe allmählich durchsetzen konnte. Diese Eheform ist nach wie vor die Herrschende, auch wenn sie ihre Monopolstellung nicht mehr inne hat.

Im folgenden habe ich die Entwicklung der Familie und der Ehe im Laufe der Zeit zusammengefasst. In dieser Tabelle ist zwischen Tradition, Moderne und Postmoderne[4] unterschieden.

[...]


[1] Peukert, 1999

[2] Vaskovics, 1995

[3] Ein Blick in die Vergangenheit der Familie soll zum besseren Verständnis für die Familie der Gegenwart beitragen. Die Diskussion der historischen Familienforschung werde ich hier nicht aufgreifen, da der Schwerpunkt der Arbeit auf der Gegenwart der Familie und Ehe liegt.

[4] Diese Begrifflichkeit hat in der Soziologie eine eigene Dynamik entwickelt, auf die ich mich in dieser Arbeit nicht beziehen möchte. Hier werden die Begriffe verwendet, um die verschiedenen Zeiten mit den verschiednen Entwicklungen zu unterscheiden.

Details

Seiten
95
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638293068
Dateigröße
858 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v27190
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Institut für Soziologie
Note
2,0
Schlagworte
Strukturen Familie Gegenwart

Autor

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Titel: Strukturen von Ehe und Familie in der Gegenwart