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Das "launische Publikum"? Die Struktur der öffentlichen Meinung zu Außenpolitik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 25 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Von der launischen zur rationalen Öffentlichkeit
2.1 Das launische Publikum: "Mood theory" und "permissive mood"
2.2 Die rationale Öffentlichkeit
2.3 Außenpolische Bildung und außenpolitisches Interesse

3 Die Struktur der öffentlichen Meinung
3.1 Drei Dimensionen außenpolitischer Meinung
3.2 Das hierarchische Modell der Meinungsbildung
3.3 Einflussfaktoren: Parteizugehörigkeit, Religion und Soziodemographie

4 Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Für einen funktionierenden demokratischen Prozess ist es unerlässlich, dass Bürger über politische Geschehnisse informiert sind. Zwar wird der öffentlichen Meinung in unterschiedlichen Studien ein unterschiedlich starker Einfluss auf den politischen Entscheidungsprozess zugeschrieben; dass sich Politiker aber - aus nachvollziehbaren Gründen - auch an der Meinung ihrer potentiellen Wähler orientieren, steht außer Frage. Hierbei ist es von Vorteil, wenn die öffentliche Meinung eine nachvollziehbare Struktur aufweist. Insbesondere für die öffentliche Meinung zu Außenpolitik schien dies in den Anfängen der Forschung nicht der Fall zu sein; zudem wurde der Öffentlichkeit nachgesagt, dem außenpolitischen Geschehen gleichgültig gegenüberzustehen. Es hat sich jedoch gezeigt, dass sich trotz der wörtlichen und metaphorischen "Ferne" dieses Themas eine öffentliche Meinung zu Außenpolitik formt.

Im Rahmen dieser Arbeit sollen die Fragen beantwortet werden, wie stabil und strukturiert die öffentliche Meinung zu Außenpolitik ist, wie sich die existierenden Strukturen beschreiben lassen, und ob die Öffentlichkeit tatsächlicher zu einer vernünftigen Meinungsbildung in der Lage ist. Dabei sollen zunächst die Theorien von einer "launischen" und einer "rationalen" Öffentlichkeit beschrieben werden. Außerdem soll den Vorwürfen nachgegangen werden, die Öffentlichkeit besitze weder Wissen über noch Interesse an Außenpolitik und sei aufgrund der hohen Komplexität von Außenpolitik nicht in der Lage, eine Meinung zu formen. Zuletzt sollen die Dimensionen beschrieben werden, anhand derer sich die öffentliche Meinung zu Außenpolitik strukturieren lässt. Ziel dieser Arbeit ist, einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu geben, sodass von Ergebnissen der Strukturierung der öffentlichen Meinung auf ihre Wirkung und ihr Zusammenspiel mit politischen Eliten und mit den Medien getroffen werden kann.

2 Von der launischen zur rationalen Öffentlichkeit

2.1 Das launische Publikum: "Mood theory" und "permissive mood"

Der Öffentlichkeit wurde lange Zeit nur sehr geringe Kompetenz in Sachen Außenpolitik zugetraut. Die öffentliche Meinung zu Politik im Allgemeinen, insbesondere aber zu Außenpolitik wurde als nicht fundiert, unstrukturiert und sogar gefährlich angesehen. Sie weise keine intellektuelle Struktur oder sachlichen Inhalt auf (Almond, 1950, S. 69) und sei am besten als "Laune" zu charakterisieren: "... formless and plastic moods, which undergo frequent alteration in response to changes in events." (ebd., S. 53) Sehe sich die Öffentlichkeit bedroht, beispielsweise durch die Gefahr eines Krieges, reagiere sie zwar mit Fatalismus oder Wut, bleibe aber nur so lange aufmerksam wie die Bedrohung andauere. Langfristig sei die Öffentlichkeit nicht an Außenpolitik interessiert: "The characteristic response to questions of foreign policy is one of indifference." (ebd.) Lippmann (1955) bezeichnet die öffentliche Meinung sogar als fehlerhaft, wenn nicht sogar gefährlich: "…the prevailing public opinion has been destructively wrong at criticial junctures." (S. 23 f.) Deshalb sei es destruktiv, wenn sich politische Akteure bei Entscheidungen an der öffentlichen Meinung orientierten: "[Public opinion is] a barrier to coherent efforts to promote national interests that transcend the moods and passions of the moment." (Holsti, 1987, S. 23) Diese Annahmen werden auch als Almond-Lippmann-Konsens bezeichnet (Holsti, 1992). Es sei außerdem anzunehmen, dass die öffentliche Meinung letztendlich keinen Einfluss auf die tatsächliche Politik habe. Dass das Gegenteil der Fall ist wurde inzwischen in zahlreichen Studien nachgewiesen (u.a. Risse-Kappen, 1991, Burstein, 2003, Aldrich et al., 2006). Caspary (1970) zeigte zunächst, dass die öffentliche Meinung zu bestimmten außenpolitischen Themen ("an active part in world affairs for the U.S.", "approve of NATO alliance", "help defend countries if attacked by communists", S. 441 f.) im Zeitverlauf nicht schwankt, sondern relativ stabil bleibt und dass die Meinung zu außenpolitischen Themen nicht zwingend von einem Bedrohungsgefühl abhängt, wie von Almond angenommen. Demensprechend spricht Caspary von einer "strong and stable permissive mood toward international involvements." [Hervorhebungen im Original] (ebd., S. 453). Die öffentliche Meinung verhalte sich zwar stabil, orientiere sich aber weiterhin an der politischen Elite. Caspary warnt deshalb davor, dass die Öffentlichkeit außenpolitische Entscheidungen klaglos hinnehme: "…that such a mood provides a blank check for foreign policy adventures" (ebd.).

2.2 Die rationale Öffentlichkeit

Ein weitaus positiveres Bild von der öffentlichen Meinung zeichnen Shapiro & Page (1988). Anhand eines umfangreichen Datensatzes, der mehr als 6000 Umfrage-Items zu innen- und außenpolitischen Themen aus einem Zeitraum von fünfzig Jahren umfasste, wiesen sie, ebenso wie Caspary, eine verhältnismäßig große Stabilität der öffentlichen Meinung nach. Die Hälfte der untersuchten außenpolitischen Präferenzen zeigten überhaupt keine Änderung; und wo sich die öffentliche Meinung änderte, fielen 44 Prozent der Änderungen mit unter 10 Prozentpunkten pro Jahr gering aus (ebd., S. 216 f.). Auch eine Meinungsfluktuation ("significant reversals in direction of opinion change within a give time interval", S. 219) konnten Shapiro und Page nur bei einem geringen Teil (21 Prozent) der betrachteten außenpolitischen Themen feststellen (ebd.).

Darüber hinaus stellen sie die These von einer rationalen Öffentlichkeit auf, die sie anhand außenpolitischer Ereignisse der letzten Jahrzehnte überprüfen. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Öffentlichkeit tatsächlich nicht irrational und "launisch" verhält. Stattdessen ist die Veränderung der öffentlichen Meinung eine Reaktionen auf neue politische Situationen: "Virtually all changes in American's foreign policy preferences over the last half century are understandable in terms of changing circumstances or changing information." (ebd., S. 243) Beispielhaft lässt sich dies beschreiben am Zusammenhang zwischen dem Vietnamkrieg und der öffentlichen Zustimmung zur aktiven Rolle der USA im Weltgeschehen. Zwar blieb letzte im Zeitverlauf relativ stabil, zu Beginn des Vietnamkriegs im Jahr 1955 stieg die Unterstützung hierfür aber sichtbar an. (Nicht zuletzt hing dies auch mit der Manipulation und Desinformation der Öffentlichkeit durch den "Tonkin-Zwischenfall" zusammen, der ausschlaggebend für den Kriegseintritt der USA war.) Als deutlich wurde, dass der Krieg nicht so einfach zu gewinnen sein würde und die Verluste der Amerikaner anstiegen, begann Unterstützung einer aktiven Rolle der USA stark zu sinken, in den nächsten zehn Jahren um über 10 Prozentpunkte (ebd., S. 221). Dies lässt darauf schließen, dass die veränderte politischen Umstände die Öffentlichkeit dazu brachten, die Situation neu zu evaluieren und ihre Meinung dementsprechend zu ändern.

Zwar kann kein Urteil darüber getroffen werden, ob die Meinungsänderungen der Öffentlichkeit immer objektiv sinnvoll sind. Zudem ist die öffentliche Meinung, wie auch im Falle des Vietnamkriegs, weiterhin anfällig für Manipulation durch die Medien und die politische Elite. Shapiro und Page kommen dennoch zu dem Schluss, dass die Meinungsänderungen vor dem Hintergrund der für die Öffentlichkeit verfügbaren Informationen logisch nachvollziehbar, und damit rational sind. Es könne also von einer "rationalen Öffentlichkeit" gesprochen werden.

2.3 Außenpolische Bildung und außenpolitisches Interesse

Damit die öffentliche Meinung rational auf veränderte politische Gegebenheiten reagieren kann, müssen zwei Voraussetzungen gegeben sein: Zum einen muss die Öffentlichkeit die Situation zunächst wahrnehmen, um sie im Anschluss beurteilen zu können; sie muss also einem Thema Aufmerksamkeit schenken und zumindest rudimentäres Interesse daran zeigen. Zum anderen muss die Öffentlichkeit über genügend Informationen und Wissen verfügen, um eine Meinung formen zu können. In beiden Punkte weist die Öffentlichkeit jedoch offenbar Defizite auf: Sie ist über Politik im Allgemeinen, insbesondere aber auch über die im kompliziertere Außenpolitik, nicht ausreichend informiert:

"Not only do polls repeatedly reveal that the mass public has a very thin veneer of factual knowledge about politics, economics, and geography; they also reveal that it is poorly informed about the specifics of conflicts, treaties, negotiations with other nations, characteristics of weapons systems, foreign leaders, and the like." (Holsti, 1992, S. 447)

Eine Umfrage des Time Mirror Center for the People and the Press fragte das außenpolitische Wissen der Menschen in sieben Ländern, darunter die USA und Deutschland, mit fünf Informationsfragen ab. 57 Prozent der befragten Amerikaner konnten keine einzige Frage korrekt beantworten; hingegen beantworteten die deutschen Befragten zu 58 Prozent alle oder alle außer einer Frage richtig. (Dimock & Popkin, 1997, S. 218) Die durchschnittliche Anzahl richtiger Antworten lag in den USA bei 1,53 und in Spanien bei 1,37. Bennett et al. (1996) nennen als mögliche Gründe für die Unterschiede zwischen den Ländern die unterschiedlichen Mediensysteme und sozialen Strukturen. Auch wenn sich zwischen den Ländern Unterschiede abzeichnen, deuten die Ergebnisse jedoch - möglicherweise noch mit Ausnahme Deutschlands - insgesamt nicht auf einen hohen Wissensstand zu außenpolitischen Themen hin.

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Details

Seiten
25
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656628675
ISBN (Buch)
9783656628811
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v271857
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Seminar für Medien und Kommunikationswissenschaft
Note
1,4
Schlagworte
publikum struktur meinung außenpolitik

Autor

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