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Die karolingische Grundherrschaft. Repression der freibäuerlichen Bevölkerung?

Hausarbeit 2010 16 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

1. Einleitung

„Die Grundherrschaft muß als eine Grundform mittelalterlicher Herrschaft angesehen werden, welche von der Verfügung über Grund und Boden ausgeht und die auf diesem Boden ansässigen Personen herrschaftlich erfaßt. Mittels der Landleihe wird das grundherrlich-bäuerliche Rechtsverhältnis begründet: für die Nutzung von Grund und Boden schuldet der Bauer seinem Grundherrn die Leistung der Feudalrente in Form von Frondiensten, Naturalabgaben und Geldzinsen. Zu den Rechten des Grundherren gehört die Ausübung der Zwangsgewalt in allen aus der Gewere über das Leihegut entspringenden Rechtsbefugnissen, vor allem das ius instituendi et destituendi, das Recht der gewaltsamen Einweisung oder Absetzung des Hörigen.“[1]

Der Mediävist Werner Rösener macht in dieser Beschreibung der „Grundherrschaft“ deutlich, dass wir uns unter diesem Begriff weitaus mehr vorzustellen haben, als eine bloße Wirtschafts- und Herrschaftskonstitution, welche einen großen Sektor der mittelalterlichen Agrarwirtschaft bestimmte. So verfolgt die vorliegende Arbeit das Ziel, zu Beginn kurz auf den eigentlichen Begriff der Grundherrschaft einzugehen. Hierbei ist schon vorweg zu sagen, dass sich einige Historiker über die tatsächlich korrekte Definition des Begriffes „Grundherrschaft“ einen wissenschaftlichen „Kampf“ geliefert haben, welcher allerdings nicht näher erläutert werden soll. Anschließend werden zwei besonders wichtige Aspekte der frühmittelalterlichen Grundherrschaft genau untersucht. Dabei handelt es sich zum einen um die Frage, wie stark die „klassische“ Grundherrschaft, vor allem unter der Herrschaft des Karolingergeschlechtes, das alltägliche Leben der Hörigen nicht nur im sozial-wirtschaftlichen, sondern auch im politisch-rechtlichen Bereich prägte und somit nahezu die gesamte „agrikole“ Existenz bestimmte. Außerdem soll eine der wichtigsten Forschungskontroversen des Themenbereiches „Grundherrschaft im Frühmittelalter“ dargestellt und untersucht werden. Dabei handelt es sich um die Frage, inwiefern man von einer weitläufigen Umwandlung einer ursprünglich freibäuerlichen Bevölkerung in eine Gemeinschaft abhängiger, unfreier Höriger durch die Ausbreitung der karolingischen Grundherrschaft sprechen kann. Hinsichtlich der genannten Aufgaben ergibt sich sowohl eine zeitliche als auch eine lokale Eingrenzung des Untersuchungsgegenstandes. Der „darstellende Blick“ richtet sich überwiegend auf den kernfränkischen Raum zur Zeit der Karolinger im ausgehenden 8. und 9. Jahrhundert. Die Übergangs- oder Mischformen der Grundherrschaft, welche aufgrund regionaler Unterschiede durchaus existierten, sollen in dieser Arbeit allerdings keine Beachtung finden. Für die wissenschaftlich erfolgreiche Auseinandersetzung mit den Fragestellungen müssen natürlich die Ergebnisse der Forschung zu dieser Epoche untersucht und erläutert werden. Hier sind vor allem Hans K. Schulze, Werner Rösener, Friedrich Lütge und Rudolf Schieffer zu nennen, welche den Großteil der sekundärliterarischen Grundlage für die Ausführung dieser Arbeit lieferten. Trotz der Tatsache, dass das Frühmittelalter eine recht geringe Anzahl schriftlicher Quellen hinterlässt, soll überdies auch eine zeitgenössische Quelle herangezogen werden, um den Forschungsstand an dieser zu „überprüfen“. Dabei handelt es sich um ein Urbar, ein Güterverzeichnis, welches zum Zwecke dieser Arbeit aus den Monumenta Germaniae Historica entnommen wurde, einer der wichtigsten Quellensammlungen der mittelalterlichen Geschichte. Im Fazit sollen schließlich die wichtigsten Ergebnisse thesenartig zusammengefasst und einander gegenübergestellt werden.

2. Erforschung der Grundherrschaft als Organisationsform der frühmittelalterlichen Gesellschaft

2.1 Der Begriff „Grundherrschaft“

Der Begriff „Grundherrschaft“ beschreibt einen modernen Ordnungsbegriff, der in den schriftlichen Quellen des Früh- und Hochmittelalters nicht vorzufinden ist. Es werden zwar die konkreten Erscheinungsformen und Einzelbefunde der Grundherrschaft genannt, wie zum Beispiel dominium, curtis oder mansus, der Begriff an sich wird allerdings nicht explizit erwähnt.[2] Der Begriff Grundherrschaft bildet sogar erst in der frühen Neuzeit den entsprechenden Quellenterminus für das Phänomen der Herrschaft über Land und Leute. Im Laufe des 19. Jahrhunderts sollte sich allerdings der Begriff der Grundherrschaft repräsentativ für ein Sozial- und Rechtsgebilde der frühmittelalterlichen Gesellschaft schließlich als Fachterminus durchsetzten.[3]

2.2 Charakteristische Strukturen der klass./ karoling. Grundherrschaft im sozialen, rechtlichen und wirtschaftlichen Bereich sowie deren Auswirkungen auf das Leben der Hörigen

Im folgenden ersten Teil dieser Arbeit soll nun einer wichtigen Frage nachgegangen werden: Was müssen wir uns eigentlich genau unter dem Begriff der „klassischen Grundherrschaft“, ihren Strukturen und der in diesem sozial-wirtschaftlichen Ordnungssystem „vergrundholdeten“ ländlichen Bevölkerung des Frühmittelalters vorstellen? Was genau bedeutete grundherrliches, „agrikoles“ Leben und Arbeiten? Welchen Einfluss nahm es auf die sozialen, politischen und rechtlichen Bereiche des alltäglichen Lebens der Hörigen? In dem für diese Arbeit relevanten Zeitraum, dem Frühmittelalter zur Karolingerzeit, und dem Untersuchungsraum, dem kernfränkischen Reich, namentlich zwischen Seine und Rhein, ist das System der Villikationsverfassung, bzw. der Betriebsgrundherrschaft als weitgehend vorherrschende Kraft zu nennen, welche das wirtschaftliche, soziale und politische Leben einer großen Masse der ländlichen Bevölkerung bestimmte.[4] Die Inhaber der grundherrlichen Gewalt sind nicht als homogene „Schicht“ zu betrachten. Die Grundherren kamen aus verschiedenen sozialen Schichten und unterschieden sich in ihrer Rechtsstellung und gesellschaftlichen Funktion. So war zum Beispiel der König ein sehr bedeutender Grundherr für seine zahlreichen „ Untertanen“. Aber auch eben diese oftmals mit Grundbesitz und Ämtern ausgestatteten Gefolgsleute des Königs , der sogenannte Adel oder auch Aristokratie genannt, siedelten auf ihrem Besitz sowohl freie Bauern, als auch Unfreie an, damit sie als abhängige Grundholde das Land bewirtschaften konnten. Schließlich bleiben noch die geistlichen Grundherren. Ihnen zugehörig waren Bischöfe, Äbte und Domherren, welche den das Kloster umgebenden Grundbesitz zur Bewirtschaftung an Bauern übergaben. Es geht in dieser Arbeit aber nicht darum, die königliche, geistliche und adelige Grundherrschaft in ihrer genauen Ausprägung , ihren Unterschieden und Gemeinsamkeiten zu untersuchen, vielmehr soll der Grundcharakter des klassischen Grundherrschaftsystems, der Villikationsverfassung, behandelt werden. Diese stellte zweifelsohne die Grundlage aller Grundherrschaften, egal ob königlich, geistlich oder weltlich, dar: Der Grundherr überlässt den Bauern Land zur eigenständigen Nutzung und Bewirtschaftung. Als Gegenleistung für diese Bodenleihe müssen die „Beliehenen“ Abgaben und Dienste erbringen. Der Bauer erlangt durch diesen Rechtsakt der Leihe, welcher in aller Öffentlichkeit und unter Anwesenheit von Zeugen stattfinden muss, die Nutzungsrechte an Haus und Hof, sowie Grund und Boden. Alle übrigen Mitglieder der Grundherrschaft fungieren während dieses Aktes der Landleihe als Zeugen.[5] Die Beschaffenheit dieser „klassischen Grundherrschaft“ stützte sich grundlegend auf ein sogenanntes bipartites System. Den zentralen Kernpunkt dieses „zweigeteilten“ Wirtschafts- und Rechtsorganismus stellte der grundherrliche Wirtschaftshof des Herrn dar, welcher in den Quellen meist Fron- oder Salhof genannt wird. In der Regel wurde dieser von dem Grundherren selbst bewohnt. Die Verwaltung des Fronhofes übernahm in den meisten Fällen ein vom Grundherrn angestellter Villicus. Dieser war vor allem mit den wirtschaftlichen und rechtlichen Aufgaben auf dem Hof betraut worden, wie zum Beispiel die Leitung des Hofgerichtes oder der „Abgabeneintreibung“ bei den Hintersassen. Für die Bewirtschaftung und Instandhaltung des Fronhofes waren sowohl das dort ansässige unfreie Hofgesinde, als auch die frondienstpflichtigen Grundholden mit entsprechender Arbeitsleistung verantwortlich. Auf dem den Fronhof umgebenden Land befanden sich die Bauernstellen der abhängigen Hörigen, auch Hufen oder Mansi genannt. Hierbei handelt es sich zwar um vom Fronhof abhängige, aber doch weitestgehend selbstständige Bauernstellen mit eigenem Ackerland und Hofstatt. Innerhalb des Villikationssystems war das Recht an dem Gesamtgrundbesitz, dem sogenannten Allmende, zwischen Grundherr und Hörigen aufgeteilt. Der abhängige Bauer hatte aufgrund der Landleihe das sogenannte Nutzungsrecht am Untereigentum, dem sogenannten dominium utile. Der Grundherr war demgegenüber im Besitz des Obereigentums, das sogenannte dominium directum. Der Fronhof, das bäuerliche Hufenland der Hörigen bildete gemeinsam mit dem herrschaftlichen Salland den gesamten Fronhofsverband der Grundherrschaft.[6] Überdies waren Wiesen, Gärten, Waldgebiete, Flüsse, Ackerland, Weinberge und Mühlen diesem Salland zugehörig.[7] Innerhalb dieses überwiegend autarken Komplexes zielte man darauf, den herrschaftlichen Haushalt mit den notwendigen Gütern des Alltags und dementsprechenden Arbeitskräften zu versorgen, gleichzeitig aber auch eine halbwegs sichere, wenn auch geringfügige Existenz für die hörigen Bauern sicherzustellen. Demnach ging die Bewirtschaftung des Grundbesitzes meist über die bloße Agrarproduktion hinaus. Inmitten besonders bedeutender und ausgedehnter Grundherrschaften waren oftmals Handwerker der verschiedenen Zünfte gegenwärtig, wie zum Beispiel Töpfer, Bäcker, Müller und Schmiede. Spezielle Arbeitshäuser für Frauen, welche sich dort mit der Herstellung von Textilien befassten, ja sogar eine eigene grundherrliche Kirche waren unter gegebenen Umständen ebenfalls fester Bestandteil des grundherrschaftlichen Areals.[8] Der Gesamtkomplex einer Grundherrschaft bestand allerdings nicht bloß aus dem Gesamtgrundbesitz des Herrn, sondern auch aus dem Personenverband der auf diesem Land ansässigen Menschen, welche dem Hofrecht des Grundherrn unterstanden. Diese „Rechts-, Arbeits- und Sozialgemeinschaft“[9] wird in den Quellen als familia bezeichnet. Sie bestand aus der Gesamtheit der zu einer Grundherrschaft gehörigen Grundholden, welche sich allerdings innerhalb ihrer persönlichen Rechtsstellung von einander differierten. Den engeren Kern der familia bildeten die Unfreien, familia servilis genannt. Sie waren als Leibeigene dem Hofrecht und der Verfügungsgewalt des Herrn vollständig unterworfen. Die rechtliche und soziale Position eines Unfreien, welcher auf dem Fronhof des Herren lebte- in den Quellen meist als servi non casati gekennzeichnet- konnte sich allerdings minimal ändern, nämlich im Falle der Übergabe einer Hufe zur selbständigen Bewirtschaftung in Form der Bodenleihe. Er wurde somit zu einem eigenständig wirtschaftenden Bauern und war außerdem mit seiner Familie vor grundherrlichen Veräußerungen jeglicher Art geschützt. Diese in ihrer Position „aufgestiegenen“ Unfreien werden in den Quellen in der Regel als nun behauste Unfreie- servi casati- bezeichnet. Die freien Hintersassen, welche ebenfalls Teil der grundherrlichen familia waren, nahmen eine etwas abweichende rechtliche und soziale Position ein. Der Kontrolle des Grundherrn waren sie lediglich innerhalb der bäuerlich-grundherrlichen Begebenheiten ausgesetzt. Alle Mitglieder dieser familia konstituierten allerdings nicht nur einen Personenverband, sondern auch einen Gerichtsverband, schließlich musste das Zusammenleben durch gesetzliche Bestimmungen dirigiert werden. Alle Grundholden, ob frei oder unfrei, unterstanden der partiellen Gerichtsgewalt ihres Grundherrn. Alle Differenzen, Unstimmigkeiten und Reibereien bezüglich grundherrschaftlicher Angelegenheiten wurden mit Bezugnahme auf die speziell entwickelten Hofordnungen durch das Hofgericht gelöst. Vorsitzender dieses im Fronhof tagenden Hofgerichtes war entweder der Grundherr selbst oder sein villicus. Jedes Mitglied der familia musste bei Gericht anwesend sein, ansonsten war eine Bußzahlung fällig. Das Urteil wurde von den Hofgenossen, welche in diesem Fall die Funktion der sogenannten Schöffen einnahmen, bestimmt. Dies brachte den Vorteil mit sich, das die Rechte der angeklagten Grundholden beachtet wurden und sie vor der reinen willkürlichen Bedrückung des Grundherren geschützt waren.[10] Die tägliche Verrichtung von Dienstleistungen und Abgaben stellte das Kernelement der Beziehung zwischen Grundherrn und hörigem Bauern dar. Die Größenordnung dieser Abgaben und Dienste differieren sowohl auf Grund regionaler und lokaler Gewohnheiten, als auch durch die unterschiedlichen Rechtspositionen der einzelnen Grundholden teilweise sehr stark. Einige der verschiedenen Abgabeformen sollen an dieser Stelle kurz erläutert werden: Der Grundzins, welcher generell für die Nutzung des Grund und Bodens gezahlt werden musste, ist eine der signifikantesten Abgabeformen innerhalb des grundherrlich-bäuerlichen Rechtsverhältnisses. Er wurde immer in Form von Getreide, Geld, Vieh, Geflügel und Eiern entrichtet. Die einmal festgesetzte Höhe dieses Zinses war obligatorisch, hier ist also ein Vorteil für den Grundholden zu entdecken, denn er war vor willkürlicher Erhöhung durch den Grundherrn geschützt. Eine ebenfalls sehr bedeutende Abgabeform war das sogenannte Laudemium. Hierbei handelt es sich um eine Art Gebühr, welche gezahlt werden musste, wenn die abhängige Bauernstelle von einem neuen Besitzer bewirtschaftet werden sollte. Der die Hufe verlassende Hörige musste ein „Abfahrtsgeld“ zahlen, der neue Hörige ein „Auffahrtsgeld“, um den Besitzwechsel zu legitimieren. Das Mortuarium, eine Abgabe leibherrlichen Ursprunges, war eine Art Erbschaft, welche dem Grundherrn im Falle des Todes eines unfreien Hörigen zustand. Hierbei handelte es sich um das beste Stück Vieh bei einem Mann und das beste Kleid beim Tode einer Frau.[11] An dieser Stelle wird nun der Unterschied der Abgaben hinsichtlich der Rechtsstellung des Hörigen deutlich. Die Unfreien hatten weitaus komplexere Abgaben zu leisten als freie Hufenbauern, für welche beispielsweise das Mortuarium nicht anfiel. Als eine Abgabe kirchenrechtlichen Ursprunges galt der sogenannte Zehnt- decima. Man unterschied hier allerdings verschiedene Elemente. Die Höhe des großen Zehnt war der zehnte Teil der Getreideernte. Der kleine Zehnt war dasselbe an Gemüse und Obst, der Fleisch- oder Blutzehnt wurde mit dem Vieh entrichtet.[12] Neben den Abgaben hatten die Grundholden zusätzlich auch bestimmte Verpflichtungen gegenüber ihren Herren zu erfüllen. Dazu gehörte neben Rat und Hilfe vor allem der Frondienst. Auch hier wird der Unterschied in Höhe und Ausmaß innerhalb unterschiedlicher Rechtsstände ersichtlich. Die unfreien Hörigen, vor allem die servi non casati, waren in der Regel drei Tage in der Woche zu Frondiensten verpflichtet. Die Grundholden freien Standes hingegen waren lediglich zur Aussaat- und Erntezeit herangezogen worden. Die Art des Frondienstes variierte, die Hörigen mussten entweder einige Morgen Land pflügen, eggen, säen, umzäunen oder ernten. Es wurden allerdings oftmals auch andere Dienste gefordert wie zum Beispiel Wach-, Fuhr- und Botendienste sowie Mithilfe bei der Jagd.[13] Schriftliche Aufzeichnungen aus der Zeit der Karolinger illustrieren diese damaligen Grundherrschaftsverhältnisse sehr deutlich. Im 9. Jahrhundert entstanden auf nachdrücklichen Befehl Karl des Großen Besitz- und Einkünfteregister, einschließlich der bäuerlichen Leistungen, die sogenannten Urbare.[14] Sie waren fester Bestandteil des ländlichen Verwaltungsschrifttums. Es handelt sich bei dieser Quellengattung um dokumentarische Quellen. Sie liefern dem Historiker Informationen bezüglich der wirtschaftlichen und sozialen Realität des Mittelalters und gewähren ihm einen tieferen Einblick in die tatsächlichen Lebens- und Arbeitsverhältnisse der hörigen Bauern. Den Einfluss dieser grundherrschaftlichen Lebensweise auf den privaten Lebensalltag muss der Historiker allerdings „zwischen den Zeilen“ erkunden. Man geht in der Forschung davon aus, dass diese Güterverzeichnisse in der Regel durch Beauftragte vor Ort aufgenommen worden sind, also direkte Momentaufnahmen eines augenblicklichen Zustandes darstellen. Die rechtliche Gültigkeit der Urbare war grundsätzlich über viele Jahre gesichert.[15] Bei der Quelle dieser Arbeit handelt es sich um ein Inventar, welches den genauen Umfang und Ertrag einer Grundherrschaft aufzeichnen soll. Sie wurde aus den Monumenta Germaniae Historica entnommen, eine der wichtigsten Quellensammlungen der mittelalterlichen Geschichte. Es handelt sich um ein Güterverzeichnis des Hofes Staffelsee. Das Inventar des Hofes bezieht sich auf die Zeit um das Jahr 801. In unserem Beispiel bildet die Eingliederung des Bistums Staffelsee in das Bistum Augsburg, also der Zuwachs an neuem Herrschaftsgebiet, von dessen Ertrag man noch keine exakten Vorstellungen hatte, den konkreten Anlass der Erstellung des Inventars. Es handelt sich um eine sehr große Grundherrschaft, von 740 Tagewerk Umfang, wie wir aus der Quelle ersehen können: „Pertinent ad eandem curtem de terra arabili iurnales DCCXL;“[16] Entsprechend dieser Größe ist eine damit einhergehende hohe Ertragsfähigkeit zu vermerken: „de pratis, unde colligi possunt de foeno carradas DCX.“[17] Die zahlreichen Tiere, welche erwähnt werden, sind ebenso nicht nur ein Indiz für die Größe der Grundherrschaft, sondern auch für die vielseitige Wirtschaft, welche über die bloße Agrarwirtschaft hinausging, da diese alleinig nicht für die Ernährung der grundherrlichen familia ausreichte:„ De brace modii XII. Caballum domitium I, boves XXVI, vaccas XX, taurum I, animalia minora LXI,(….). Est ibi Molina I; reddit annis singulis modios XII.”[18] Dies war, wie wir im vorangegangenen Teil erfahren haben, besonders hilfreich, um ein gewisses Maß an Grundnahrungsmitteln sicherzustellen. Hinsichtlich dessen sind außerdem innerhalb der Quelle die ebenfalls bereits erwähnten Handwerker der verschiedenen Zünfte anhand der verschiedenen Ertragsgüter wie Milch, Honig, Butter, Federkissen, Leuchter, Hacken und Äxte etc. ersichtlich. Dies ist nochmals ein Anzeichen für die große Fläche und vielseitige Wirtschaftsproduktion der Grundherrschaft. Anhand der Abgaben und Frondienstliste erkennt man, dass die Mitglieder der grundherrlichen familia aufgrund unterschiedlicher Rechtsstellungen verschieden hohe Abgaben und Dienste abzuleisten hatten: „Respiciunt ad eandem curtem mansi ingenuiles vestiti XXIII. Ex his sunt VI, quorum reddit unusquisque annis singulis de annona modios XIV, (…). Ceterorum vero sunt VI, quorum unusquisque arat annis singulis iurnales II, seminat et introducit,(...).Et sunt mansi IV, quorum arat unusquisque annis singulis iurnales IX, seminat et introducit,(…), operatur in anno ebdomadas VI, scaram facit ad vinum ducendum, (…)”[19] Die freien Hintersassen, welche auf den verschiedenen Mansi angesiedelt waren, haben beinahe die gleichen Abgaben und Dienste zu leisten, es werden nur sehr geringe Unterschiede deutlich. Die unfreien Hörigen hingegen haben höhere Abgaben und Dienste zu verrichten, da sie einem anderen Rechtsstatus angehören als die freien Hintersassen: „Serviles vero mansi vestiti XIX, quorum reddit unusquisque annis singulis friskingam I, pullos V (….) . Uxor vero illius facit camisilem I et sarcilem I; conficit bracem et coquit panem.”[20] Wenn man den „literarischen Stil“ der Quelle betrachtet, ist an erster Stelle nochmals darauf hinzuweisen, dass es sich um eine dokumentarische Quelle handelt und diese dementsprechend intentionslos verfasst ist. Ihre Funktion ist rein rechtlich und überwiegend für Verwaltungszwecke bestimmt, man verfolgte in der damaligen Zeit nicht die Absicht, die in ihr enthaltenen Informationen generationenübergreifend für die Nachwelt zu überliefern. Folglich sollte man sich nicht über den sehr einfach gehaltenen Sprach- bzw. Schreibstil wundern. Es wird auf jegliche erzählerische Ästhetik verzichtet. Aufgrund der Quellengattung und den damit verbundenen „Quelleneigenschaften“ kann man folglich durchaus von einem recht hohen Grad an Objektivität ausgehen. Der Autor verfolgte wie bereits erwähnt, eben nicht das Ziel, bestimmte Informationen für die Nachwelt festzuhalten oder etwa einen Sachverhalt innerhalb der Quelle aufgrund der eigenen Subjektivität und individueller Intention zu verändern bzw. zu verfälschen. Die Quelle spiegelt einiges von dem tatsächlichen Leben und den realen Wirtschafts- und Arbeitsverhältnissen der ländlichen Bevölkerung zur Zeit der Karolinger wieder. Wie realitätsnah die Informationen dieser Rechtsquelle letztendlich sind, sollte jedoch trotz vermeintlicher Objektivität und Intentionslosigkeit immer in Frage gestellt werden.

[...]


[1] Rösener, Werner, Grundherrschaft im Wandel, Göttingen 1991, S.25.

[2] Vgl.: Prinz, Friedrich, europäische Grundlagen, in: Gebhardt, Stuttgart 2004, S.496-497.

[3] Vgl.: Rösener, Werner, Grundherrschaft im Wandel, Göttingen 1991, S.16.

[4] Vgl.: Schulze, Hans K., Grundstrukturen, Stuttgart 2004, S.123.

[5] Vgl.: Schulze, Hans K., Grundstrukturen, Stuttgart 2004, S.123 ff..

[6] Vgl.: Rösener, Werner, Bauern im Mittelalter, München 1991, S.23-26.

[7] Vgl.: Schulze, Hans K., Grundstrukturen, Stuttgart 2004, S.123.

[8] Vgl.: Schulze, Hans K., Stuttgart 2004, S.140; Schieffer, Rudolf, Großreich, in: Gebhardt, Stuttgart 2004, S.78.

[10] Vgl.: Schulze, Hans K., Grundstrukturen, Stuttgart 2004, S.140-145.

[11] Vgl.: Schulze, Hans K., Grundstrukturen, Stuttgart 2004, S.148-151.

[12] Ebd. S.150.

[13] Ebd. S.150-151.

[14] Vgl.: Rösener, Werner, Bauern im Mittelalter, München 1991, S.26.

[15] Vgl.: Goetz, Hans W., Proseminar Geschichte, Stuttgart 2006, S.176-183.

[16] Monumenta Germaniae Historica, Bd.1, S.251.

[17] Monumenta Germaniae Historica, Bd.1, S.251.

[18] Monumenta Germaniae Historica, Bd.1, S.252.

[19] Monumenta Germaniae Historica, Bd.1, S.252.

[20] Monumenta Germaniae Historica, Bd.1, S.252.

Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656628767
ISBN (Buch)
9783656628705
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v271850
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,6
Schlagworte
grundherrschaft repression bevökerung
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Titel: Die karolingische Grundherrschaft. Repression der freibäuerlichen Bevölkerung?