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Geschichte und Gedächtnis. Der Simplontunnel als Schweizer Erinnerungsort

Seminararbeit 2008 33 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erinnerung und Gedächtnis: Theoretisches Konzept
2.1. Das kollektive Gedächtnis
2.2. Kommunikatives und Kulturelles Gedächtnis
2.3. Gedächtnis und Identität
2.4. Pierre Nora und „Les lieux de mémoire“
2.5. Definitorische Umrisse

3. Der Simplontunnel: Historische Betrachtung
3.1. Das moderne Gedächtnis der Schweiz
3.2. Geostrategische Bedeutung des Simplontunnels
3.3. Früher Transit
3.4. Neuzeitlicher Transit
3.5. Die Moderne hält Einzug
3.6. Die Eisenbahn
3.7. Die Idee eines Tunnels
3.8. Der Tunnelbau
3.9. Nach der Eröffnung

4. Der Simplontunnel: Perzeptionsgeschichte
4.1. Projektphase
4.2. Bauphase
4.3. Betriebsphase

5. Analyse und Schlussbemerkungen

6.1. Quellenverzeichnis
6.2. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich auf einer ersten, grundlegenden Ebene mit den Mechanismen von Erinnerung und Gedächtnis. Insbesondere die Funktionsprinzipien von überindividueller Erinnerung, von gemeinschaftlichem Gedächtnis sollen dabei genauer beleuchtet werden. Darüber hinaus wird auch versucht, die möglichen Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen dem Erinnerungsgut eines sozialen Kollektives und dessen Selbstverständnis, dessen Identität zu skizzieren.

Dabei steht das Verhältnis der einzelnen Menschen, aber insbesondere einer Gemeinschaft zu ihrer Vergangenheit im Zentrum. Die Fragen, wie gemeinschaftliche Erinnerung, eine gemeinsame Geschichte entstehen, wie sie sich auch entwickeln, und inwiefern sie sich auf Individuen oder auch Kollektive letztlich auch auswirken kann, werden in einem ersten Teil auf einer theoretischen Ebene behandelt, und vor den Hintergrund der Erkenntnisse aus der Gedächtnis- oder Erinnerungsforschung gestellt.

Die vorliegende Arbeit entstand im Rahmen eines Seminars über das kollektive Gedächtnis der Schweiz und bestimmte Orte dieser Erinnerung, also Träger und Symbole der gemeinschaftlichen, nationalen Geschichte und Identität. Diese konzeptionelle Ausgangslage wird nachfolgend noch eingehender erläutert werden, und stellt am Ende der theoretischen Grundlagen die thematische Überleitung hin zu einem konkreten Fallbeispiel dar.

An diesem Fallbeispiel sollen anschliessend in einem zweiten Teil die zuvor theoretisch umrissenen Prinzipien und Funktionen sozialer Gedächtnis- und Erinnerungskultur nachgezeichnet werden. Exemplarisch für einen Schweizer Erinnerungsort wird dabei die Geschichte und die Wahrnehmung des Simplontunnels genauer betrachtet werden. Der Fokus wird auch auf der Wahrnehmungsgeschichte liegen, wobei diese schwerlich vollständig gesondert vom eigentlichen Objekt an sich betrachtet werden kann. Deshalb werden alle, während der historischen Betrachtung des Simplontunnels angesprochenen Elemente, die in Bezug auf die Wahrnehmung des Bauwerkes stehen, gegen Ende dieser Arbeit in einer kurzen Perzeptionsgeschichte noch einmal zusammengefasst und in einen Zusammenhang gestellt. Nach dieser umfassenden Betrachtung werden die Auswirkungen des Simplontunnels auf die Fundierung einer gemeinschaftlichen, nationalen Geschichte und Identität geklärt sein. Dadurch sollte schliesslich auch die Frage, ob der Simplontunnel als Schweizer Erinnerungsort gelten kann, abschliessend beantwortet werden können.

2. Erinnerung und Gedächtnis: Theoretisches Konzept

Unter Erinnerung versteht man gemeinhin die die Bezugnahme zu Vergangenheit. Diese Bezugnahme ist von existenzieller Bedeutung für den Menschen, gibt ihm die Erinnerung doch die Möglichkeit, Geschehenes aus einer gewissen zeitlichen, räumlichen und auch emotionalen Distanz heraus zu betrachten. Erinnerung kann sich sowohl auf einer individuellen als auch auf einer kollektiven Ebene vollziehen, aber sowohl das persönliche wie auch das kollektive Gedächtnis funktionieren zu grossen Teilen nach denselben Mechanismen, und folgen den gleichen Prinzipien.

Diese Strukturen von Erinnerung und Gedächtnis wurden erstmals in den 1920er Jahren vom französischen Soziologen Maurice Halbwachs definiert, er prägte den Begriff des „kollektiven Gedächtnisses“.[1] Die bisher letzten Personen mit prägendem Einfluss auf diesen Erinnerungsdiskurs um den Begriff des kollektiven Gedächtnisses herum waren der französische Historiker Pierre Nora – dessen Werk nachfolgend insbesondere in Bezug auf so genannte „Erinnerungsorte“ betrachtet werden soll – und die deutschen Kulturwissenschaftler Aleida und Jan Assmann, deren Konzepte ebenfalls – so weit der Zielsetzung dieser Arbeit dienlich – erläutert werden.

2.1. Das kollektive Gedächtnis

Der französische Soziologe Maurice Halbwachs entwarf in den 1920er und 1930er Jahren in einer Reihe von Publikationen den Begriff der kollektiven Erinnerung. Für Halbwachs war der soziale Rahmen, also das gesellschaftliche Umfeld, in welchem sich ein Individuum befindet, grundlegend für die Ausbildung eines individuellen Gedächtnisses. Er blendete die hirnphysiologischen Aspekte des Gedächtnisses bewusst aus, und erklärte die Gedächtnisbildung des Einzelnen nur dann für möglich, wenn sie in einem sozialen Umfeld erfolgt. Die Gesellschaft definiert und fixiert den Bezugsrahmen, in welchem sich die Erinnerungen ihrer Mitglieder anschliessend manifestieren und konstituieren. Erinnerung und Gedächtnisbildung sind in diesem Sinne soziale Prozesse und Phänomene, und nur unter diesen Rahmenbedingungen möglich.

Kollektive jeder Grösse, also relativ abstrakte, anthropomorphe Gebilde, haben natürlich kein eigenes Gedächtnis, eigentlicher Träger der Erinnerung ist immer das Individuum. Das „kollektive Gedächtnis“ versteht Halbwachs als die Gesamtheit aller Erinnerungen der Mitglieder einer Gesellschaft. Das kollektive Gedächtnis entsteht somit auch erst mit der Weitergabe von Erinnerungen, mit der Kommunikation von Erinnerung. Die eine Gemeinschaft konstituierenden Individuen schaffen sich durch die Weitergabe von Erinnerungen eine eigene Erinnerungskultur, ein kollektives Gedächtnis entsteht.[2]

Halbwachs betont auch das kommunikative Element der Erinnerung. Das Gedächtnis erhält sich in der Kommunikation, diese kann sich allerdings auch verändern oder gar abbrechen. Das Gedächtnis einer Gesellschaft wandelt sich mit ihren verändernden Rahmenbedingungen.

Damit Erinnerungen Eingang in das kollektive Gedächtnis finden, müssen sie versinnbildlicht werden, Halbwachs spricht von „Erinnerungsbildern“[3], also individuell und kollektiv fassbaren Manifestationen von Erinnerung im öffentlich zugänglichen Raum. Solche „Kristallisationspunkte“[4] der Erinnerung können allerdings nicht beliebig entstehen, der Bezug auf den sozialen, geographischen und auch zeitlichen Rahmen der eigenen Gruppe, aber auch auf das Selbstbild und die Identität der eigenen Gruppe muss stets gegeben sein. Derart konstituierte Erinnerungen vermögen das Selbstverständnis einer Gruppe beispielsweise durch tatsächliche oder suggerierte historische Kontinuität zu verfestigen, im Endeffekt kann eine Identität durchaus auch (mit-)geprägt werden.[5]

Wenn Erinnerung die Identität und das Selbstverständnis einer Gruppe tatsächlich prägt oder bestimmt, kann man auch von „Gedächtnisgemeinschaften“ sprechen, also Kollektiven, denen das Gedächtnis Gemeinschaft gibt.[6] Erinnerungskultur versteht in diesem Sinne eine Kultivierung der Erinnerungen. Der Bezug auf die gemeinsame Vergangenheit ist immer auch eine Rekonstruktion der Vergangenheit selbst vor dem Hintergrund bestimmter sozialer Rahmenbedingungen. Diesen Vorgang, der die Erinnerung an die Vergangenheit im individuellen und auch im kollektiven Bewusstsein verankert, versteht Halbwachs als Fundierung des kollektiven Gedächtnisses.

Dieses durchaus subjektive Element der gesellschaftlich bedingten Rekonstruktivität der Vergangenheit birgt durchaus auch eine emotionale Potenz in sich. Halbwachs setzt dem Begriff des kollektiven Gedächtnisses den Begriff der Geschichte gegenüber, er trennt die Erinnerung an die eigene und überlieferte Erfahrung von der idealtypisch objektiven, faktentreuen Geschichtsschreibung.[7] Diese Trennung von Gedächtnis und Geschichte wird noch von Pierre Nora mit einer ähnlichen Argumentation übernommen[8], aber von der späteren Forschung, beispielsweise von Aleida Assmann, mit dem Hinweis auf die Interdependenz dieser zwei Begriffe kritisiert.[9]

2.2. Kommunikatives und Kulturelles Gedächtnis

Ende der 1980er Jahre prägte das deutsche Wissenschaftlerpaar Aleida und Jan Assmann den Begriff des „kulturellen Gedächtnisses“. Das Assmannsche Konzept übertrug die Gedächtnis- und Erinnerungsforschung auf den kulturwissenschaftlichen Bereich. Die wesentlichen Elemente des „kulturellen Gedächtnisses“ basieren teilweise auf den Ideen Halbwachs’, und zielen auf die Zusammenhänge von kultureller Erinnerung, kollektiver Identitätsbildung und politischer Legitimierung hin.[10]

Jan Assmann unterscheidet mit den Begriffen des kommunikativen und des kulturellen Gedächtnisses zwischen zwei unterschiedlichen „Gedächtnis-Rahmen“[11] mit verschiedenen Strukturen und Zeithorizonten:

Das kommunikative Gedächtnis versteht Assmann als „Generationen-Gedächtnis“[12], es umfasst die unmittelbare Vergangenheit einer Gruppe, persönlich verbürgte und weitergegebene Erfahrungen und Erinnerungen über einen Zeithorizont von etwa 3 bis 4 Generationen hinweg. Assmann verbindet das relativ kurzfristige kommunikative Gedächtnis auch mit dem Bereich der „Oral History“, einer sehr alltagsnahen „Geschichte von unten“, an welcher eigentlich jedes Individuum teilhaben kann, und welche ohne eigentliche Bedeutungszuschreibungen in einem grösseren Kontext auskommt.[13]

Das kommunikative Gedächtnis bildet in der Assmannschen Konzeption weniger den thematischen Schwerpunkt als den Gegenbegriff zum eigentlichen Forschungsobjekt. Das hauptsächliche Element ist der Begriff des kulturellen Gedächtnisses.

Das kulturelle Gedächtnis richtet sich nach historischen Fixpunkten. Vergangenheit wird nicht als faktische Geschichte, sondern als Erinnerung manifest. Die erinnerte Vergangenheit konzentriert sich in bestimmten symbolischen Figuren, Objekten mit symbolischer Bedeutung. Diese Träger der Erinnerung stellen einen Zusammenhang zwischen Vergangenheit und Gegenwart her, sie stehen dabei für historische Kontinuitäten und nehmen deshalb nicht selten eine feierliche oder rituell bedeutsame Position innerhalb eines Kollektivs ein. Kulturelle Erinnerung wirkt sich in diesem Sinne direkt auf die kollektive Identität aus, sie ist nicht an alltäglich erfahrbare Gegebenheiten oder verrinnende Zeithorizonte gebunden, sie ist übergreifend. Durch diesen theoretisch beliebigen Zeithorizont kann das kulturelle Gedächtnis auch nicht mehr von jedem Individuum weitergegeben werden, da es meist den Erfahrungshorizont einiger Generationen überdauert. Kulturelle Erinnerung wird daher von speziellen Trägern, „Wissensbevollmächtigten“, also beispielsweise Gelehrten oder Geistlichen weitergegeben.[14] Anders als beim kommunikativen Gedächtnis wird das kulturelle Gedächtnis nicht durch persönliche Interaktion, sondern durch rituelle Inszenierungen, kollektive Vergegenwärtigungen erhalten und weitergegeben. Regelmässige Rituale verfestigen die kulturellen Erinnerungen im kollektiven Gedächtnis und wirken sich somit auch konsolidierend auf die kollektive Identität aus. Identitätssicherndes Wissen wird weitergegeben und die kulturelle Identität reproduziert.[15]

2.3. Gedächtnis und Identität

Erinnerung und Gedächtnis funktionieren auf individueller wie auf kollektiver Ebene nach ähnlichen Prinzipien, und zudem können diese unterschiedlichen Gedächtnisebenen nicht unabhängig voneinander gedacht werden.

Identitätsbildung und Identität sind Sache des Bewusstseins, des Bewusstwerdens über die Eigenheiten und Ausprägungen des eigenen Individuums oder des eigenen Kollektivs. Diese Wahrnehmung der Eigenheiten geht zwingend einher mit der Wahrnehmung von Andersartigkeiten weiterer Individuen oder Kollektive, Unterschiede werden wahrgenommen und konsolidiert. Gesellschaftliche Zugehörigkeit wird erst durch ihre Bewusstwerdung zu kollektiver kultureller Identität. Die Präsenz kultureller Symbole und die Wahrnehmung des Eigenen im Unterschied zu dem Fremden muss bewusst gemacht, also reflektiert werden.[16]

Individuelle und kollektive Identitätskonzepte stehen in diesem Prozess der Identitätsfindung in einer wechselseitigen Abhängigkeit. Die kollektive Identität definiert sich durch die Identität ihrer Träger, sie wird also durch Individuen und deren Bekenntnis zu ihr selbst definiert. Auf der anderen Seite ist die individuelle Identität sehr stark soziogen, eigene Identitätsentwürfe werden also vom persönlichen und kulturellen Umfeld entscheidend geprägt. Prozesse der Identitätsfindung auf individueller und kollektiver Ebene sind somit nicht zu trennen, die wechselseitigen Zusammenhänge und Abhängigkeiten zeichnen Identitätskonzepte als soziale Konstrukte, die von der Gemeinschaft definiert werden, und diese wiederum selbst auch definieren.[17]

Der auch für diese Arbeit signifikante Unterschied zwischen individueller und kollektiver Identität liegt in der Wahrnehmung. Während individuelle Identität relativ nahe liegend und genau definiert werden kann, ist die kollektive Identität weniger gut greifbar, sie ist eine „imaginäre Grösse“.[18] Als solche braucht eine kollektive Identität Symbole: Die kollektive Identität muss symbolisch manifestiert und an – bereits erwähnten – Kristallisationspunkten konzentriert werden. Die Gesamtheit dieser Symbole und Identitätsträger machen das Symbolsystem, die Zeichenstruktur einer Kultur aus. Die Vielfalt von Symbolen und Trägern ist eigentlich unendlich; Texte, Bräuche, Objekte, Landschaften und vieles mehr definieren eine ganz bestimmte Kultur, die über den menschlichen Zeithorizont hinaus einen kollektiven Identitätsentwurf festigt und überliefert.[19] Die Überlieferung von Erinnerung ist nicht mehr an zeitliche oder körperliche Grenzen gebunden, von materiellen Trägern überliefert, ermöglichen solche Symbolsysteme dem Menschen eine Erinnerungskultur ohne eigenen Erfahrungsbezug.[20]

Diese Zeitachse stellt für eigentlich alle Gemeinschaften auch einen wichtigen Bestandteil des eigenen Selbstverständnisses dar, sie vermittelt tatsächliche oder suggerierte historische Kontinuitäten, und damit gleichsam auch vielfältige Legitimationsgrundlagen und Handlungsorientierungen. Gemeinsamkeiten werden reproduziert, ritualisiert, institutionalisiert und inszeniert. Traditionen werden geboren und schaffen einen Gemeinsinn in einer kollektiven Erfahrungsgemeinschaft. Die Gegenwart wird zwischen Geschichte und Zukunft eingebettet.[21]

2.4. Pierre Nora und „Les lieux de mémoire“

In den 1980er Jahren wurde Halbwachs’ Konzept eines kollektiven Gedächtnisses bereits einmal auf kulturwissenschaftliche Untersuchungen angewandt. Der französische Historiker Pierre Nora gab zwischen den Jahren 1984 und 1992 sein siebenbändiges Monumentalwerk „Les lieux de mémoire“ heraus, welches die französische Erinnerung, das französische Gedächtnis an die eigene Geschichte und die eigene Identität unter Beleuchtung konkreter Momente und Aspekte der französischen Geschichte und Kultur darzustellen versuchte. Noras Werk ist eine relativ freie Ansammlung an Aufsätzen über ganz bestimmte Personen, Orte, Objekte oder andere Elemente der französischen Geschichte, die erst in der Gesamtheit ihrer symbolischen Ausstrahlungskraft ein französisches Gedächtnis umschreiben sollen, ohne dabei allerdings den Anspruch der allgemeinen Verbindlichkeit zu erheben. Zu der historischen Betrachtung gehört dabei auch eine Perzeptionsgeschichte, die auch den Wandel der Wahrnehmung von symbolträchtigen Figuren betrachtet.[22] Nora definierte mit seinem Werk den Begriff der Lieux de mémoire, also der Erinnerungsorte, im neueren historischen Diskurs, und initiierte damit weitere, ähnliche Projekte in weiteren europäischen Staaten.[23]

Der Begriff der Erinnerungsorte entstammt also der französischen Kultur. Im 19. Jahrhundert bildete sich im Zuge der gesamteuropäischen Nationalisierungstendenzen auch in Frankreich eine Nationalgeschichtsschreibung, eine nationale Geschichtskultur heraus. Auch in der französischen Republik hatte diese primär für die Konsolidierung einer nationalen Schicksalsgemeinschaft zu sorgen, die Geschichte stand im Dienst der Nation. Nach dem Zweiten Weltkrieg brachen diese Tendenzen der europäischen Geschichtsschreibung grösstenteils ein, erst nach 1968 kam wieder das Interesse auf, über die Geschichte einen neuen Zugang zur Nation zu finden. Das wieder erwachende Bewusstsein über die Bedeutung von Geschichte und Nation für die Völkergemeinschaften verlangte nach einem neuen Zugang zu dieser elementaren Thematik. Nation und Geschichte, und die Geschichte der Nation insbesondere, konnten wieder zu Stützen und Orientierungshilfen werden. Vor diesem Hintergrund sind auch Noras Lieux de mémoire zu sehen, die möglichst vielfältige Zugänge zu französischer Geschichte und französischer Erinnerung schlagen.[24]

Noras Projekt geht ein zeitkritischer Ansatz voraus: Nora beklagt die Auflösung von traditionellen, bäuerlich geprägten Gesellschaften, wie sie beispielsweise im 19. Jahrhundert bestanden haben, und den damit einher gehenden Verlust von traditionellen Gedächtnisgemeinschaften mitsamt ihrer natürlich gewachsenen Erinnerungskultur. Grund für diese Entwicklung ist nach Nora das Massenzeitalter, insbesondere die Entwicklung der Massenmedien, welche Informationen aufgrund von ökonomischen Prinzipien anders gewichten als herkömmliche Gedächtnisgemeinschaften, was im Endeffekt zum Verlust von eben diesen herkömmlichen Erinnerungsgemeinschaften führt.[25]

Wie bereits weiter oben angesprochen, übernimmt Nora die von Halbwachs vorgeschlagene Trennung von Geschichte und Gedächtnis. Auch Nora sieht das menschliche Gedächtnis als ein steten Wandlungen unterworfenes Phänomen, die Geschichte aber als Analyse und Diskurs.[26] Noras Gedächtnisbegriff ist sehr alltags- und lebensnah, und steht somit in einer Linie mit dem später definierten „kommunikativen Gedächtnis“ Jan Assmanns.

Erinnerungsorte sind für Pierre Nora somit Orte des Gedächtnisses, an welchen dem um sich greifenden Vergessen Einhalt geboten wird. Erinnerungsorte vermögen dem Verlust der Gedächtnisgemeinschaften entgegenzuwirken, zumindest teilweise deren Funktion zu übernehmen und einem Kollektiv Identität zu stiften: „Es gibt lieux de mémoire, weil es keine milieux de mémoire mehr gibt.“[27] Nora spricht damit auch gleich einen ganz wesentlichen Aspekt jeglicher Art von Erinnerung und Gedächtnis an, nämlich den des Vergessens. Jede Erinnerung ist immer auch Resultat einer Selektion, Gedächtnis und Erinnerung und die damit einher gehenden Vorstellungen von Vergangenheit, beruhen somit auf einer „Dialektik von Erinnern und Vergessen“.[28]

[...]


[1] Vgl. Carcenac-Lecomte, Pierre Nora und ein deutsches Pilotprojekt, 14.

[2] Vgl. Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, 34-36.

[3] Halbwachs, Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen, 25ff.

[4] Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, 38.

[5] Vgl. Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, 38-40.

[6] Vgl. Nora, Zwischen Geschichte und Gedächtnis, 12ff.

[7] Vgl. Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, 42-44.

[8] Vgl. Nora, Zwischen Geschichte und Gedächtnis, 12-13.

[9] Vgl. Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit, 51.

[10] Vgl. Carcenac-Lecomte, Pierre Nora und ein deutsches Pilotprojekt, 18.

[11] Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, 50.

[12] Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, 50.

[13] Vgl. Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, 50-51.

[14] Vgl. Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, 52-56.

[15] Vgl. Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, 57.

[16] Vgl. Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, 134.

[17] Vgl. Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, 130-131.

[18] Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, 132.

[19] Vgl. Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, 139.

[20] Vgl. Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit, 51.

[21] Vgl. Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit, 40-41.

[22] Vgl. Erll, Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen, 24.

[23] Vgl. Carcenac-Lecomte, Pierre Nora und ein deutsches Pilotprojekt, 21-22.

[24] Vgl. Marchal, Erinnerungsorte, 11-12.

[25] Vgl. Nora, Zwischen Geschichte und Gedächtnis, 11.

[26] Vgl. Nora, Zwischen Geschichte und Gedächtnis, 12ff.

[27] Nora, Zwischen Geschichte und Gedächtnis, 11.

[28] Tanner, Die Krise der Gedächtnisorte und die Havarie der Erinnerungspolitik, 26.

Details

Seiten
33
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656627135
ISBN (Buch)
9783656627111
Dateigröße
600 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v271475
Institution / Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz) – Philosophische Fakultät
Note
sehr gut
Schlagworte
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