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Erklärungsansätze zur Akzeptanz sozialer Sicherungssysteme wohlfahrtsstaatlicher Institutionen aus sozioökonomischer Perspektive

Seminararbeit 2012 21 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zur Akzeptabilität sozialer Sicherungssysteme nach Ullrich

3 Sozioökonomische Erklärungsansätze
3.1 Ausgewählte Prinzipien sozialstaatlicher Institutionen
3.2 Sozialstaat und Markt: ein Konflikt zwischen Moral und Eigeninteressen?
3.3 Erklärungsansätze aus der mikroökonomischen Theorie.

4 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Soziale Sicherungssysteme in wohlfahrtsstaatlichen Institutionen bedingen ihre eigene Akzeptanz durch die Ausgestaltung ihrer Merkmale. Oder werden sozialpolitische Entscheidungen über die Ausgestaltung sozialer Sicherungssysteme umgekehrt von den verbreiteten Moralvorstellungen beeinflusst? Die Überprüfung dieser Wechselwirkungen zwischen Akzeptanz und Sozialpolitik ist Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Im Fokus steht dabei die Untersuchung von Akzeptanzproblemen und Akzeptanzunterschieden mittels sozioökonomischer Erklärungsansätze. Zunächst dient die Akzeptabilitätstheorie nach Ullrich zur Erklärung unterschiedlicher Akzeptanzgrade sozialer Sicherungssysteme in der Bundesrepublik Deutschland. Mit Hilfe verschiedener Akzeptabilitätsthesen versucht er Unterschiede in der Akzeptanz von Sicherungssystemen aus soziologischer Perspektive zu begründen, stößt dabei jedoch an Grenzen, die im Rahmen der Arbeit aufgezeigt werden.

Im nächsten Schritt werden sozioökonomische Erklärungsansätze hergeleitet, wobei zunächst die zentralen Eigenschaften des sozialen Sicherungssystems in Deutschland beschrieben werden. Im Anschluss erfolgt die Darstellung eines neuen Verhältnisses von Sozialstaat und Markt und wie dieses die Moralvorstellungen und die Akzeptanz der Adressaten sozialer Sicherungssysteme beeinflusst. Danach soll eine Übersicht ausgewählter mikroökonomischer Theorien Erklärungsansätze zum menschlichen Verhalten in einer Solidargemeinschaft wie dem Sozialstaat liefern und anhand eines aktuellen Beispiels konkretisiert werden. In einer abschließenden Betrachtung werden die gewonnenen Erkenntnisse schließlich zusammengefasst und vor dem Hintergrund eines nach größtmöglicher Akzeptanz strebenden Wohlfahrtsstaates interpretiert.

2 Zur Akzeptabilität sozialer Sicherungssysteme nach Ullrich

In seinen Überlegungen zur Akzeptanz wohlfahrtsstaatlicher Institutionen untersucht Ullrich den Einfluss von Strukturmerkmalen sozialer Sicherungssysteme auf deren Beurteilung durch ihre Adressaten[1]. Er bezeichnet diese „systembedingte Akzeptanz“ als Akzeptabilität und formuliert darauf basierend seine Akzeptabilitätsthese, wonach die Eigenschaften sozialstaatlicher Leistungen deren Anerkennung mitbestimmen. Die positive Beurteilung sozialer Sicherungssysteme und mithin die Stabilität und Zukunftstauglichkeit eines Wohlfahrtsstaates sind maßgeblich abhängig von der Zustimmung in der Bevölkerung. Grundlagen jener Akzeptanz stellen die Stabilitäts- und die Legitimitätstheorien dar. Erstere bildet die grundsätzliche Voraussetzung für den Bestand wohlfahrtsstaatlicher Institutionen. Gemäß Legitimitätstheorie spielt die Akzeptanz des Wohlfahrtsstaates eine entscheidende Rolle für die ethische Rechtfertigung sozialpolitischer Eingriffe. Aus diesen Prämissen lässt sich ein Kausalzusammenhang zwischen Stabilität wohlfahrtsstaatlicher Einrichtungen und den Wertvorstellungen und Interessenkonstellationen in einer Gesellschaft herstellen. Wenn es nun nach Ullrichs Akzeptabilitätsthese die sozialen Sicherungssysteme selbst sind, die durch ihre Eigenschaften ihre eigene Akzeptanz beeinflussen, so ist folglich zu untersuchen, welche dieser Merkmale Akzeptanz fördernd bzw. hemmend sind, um daraus entsprechende Handlungsentscheidungen abzuleiten.[2]

Zur Erklärung seiner Akzeptabilitätstheorie bedient sich Ullrich dreier wesentlicher Thesen, der Universalitäts-, der Sozialversicherungs- sowie der Rezipiententhese. Gemäß Universalitätsthese erfahren universelle Leistungsprogramme (z.B. die großen Sozialversicherungen, wie die gesetzliche Rentenversicherung) mehr Akzeptanz als selektive Programme (z.B. Arbeitslosenversicherung, Unterstützung für Familien), was auf die hohe Anzahl der potentiellen Leistungsempfänger zurückgeführt wird. Es profitiert also ein Großteil der Bevölkerung von universellen Sicherungssystemen. Zudem findet hierbei eine schwache und kaum sichtbare interpersonelle Umverteilung statt, da sich der Umfang der Leistung verhältnismäßig an der Höhe der geleisteten Beiträge des Leistungsempfängers orientiert. Die Sozialversicherungsthese ergänzt die Universalitätsthese um die Annahme des Vorzugs beitragsfinanzierter gegenüber steuerfinanzierter Systeme. Diese wird durch die Prinzipien der Äquivalenz und der Statuserhaltung gestützt, denn in beitragsfinanzierten Sicherungssystemen ist der Zahler in der Regel zugleich Leistungsempfänger (z.B. Gesetzliche Rentenversicherung) und verfolgt zudem ein natürliches Eigeninteresse am Erhalt seines sozialen und wirtschaftlichen Status. Zudem verspricht die Zweckgebundenheit der Mittel weniger Ineffizienz und Verschwendung. Steuerfinanzierte Systeme sind hingegen legitimationsbedürftiger, denn hier entsprechen Steuerzahler und Leistungsempfänger häufig nicht einander, was der Tatsache geschuldet ist, dass das System vom tendenziell sozial stärkeren Steuerzahler finanziert und vom tendenziell sozial schwächeren Leistungsempfänger in Anspruch genommen wird. Vom Leistungsfinanzierer wird somit also eine „Solidarität gegenüber Fremden“ verlangt, die bisweilen an Akzeptanzgrenzen stößt. Zum dritten beschreibt Ullrich mit Hilfe der Rezipiententhese drei weitere Einflussfaktoren auf die Akzeptanz sozialer Sicherungssysteme. Ausgangspunkt sind hierbei nicht die Eigenschaften der Systeme selbst, sondern die der Leistungsempfänger. Die Hilfebedürftigkeit inklusive ihrer Ursachen und Authentizität, stellt solch eine Eigenschaft dar. Je nachdem, ob eine Bedarfslage gemeinhin als gerechtfertigt angesehen wird, führt die Hilfebedürftigkeit zu einer mehr oder weniger hohen Akzeptanz. Das Verhalten des Leistungsempfängers als weiteres Kriterium kann je nach Erwartung Akzeptanz fördernd oder schmälernd sein. Während sich positives Verhalten in einer Mithilfe des Leistungsempfängers ausdrückt, z.B. aktive Arbeitssuche bei Arbeitslosigkeit, äußert sich negatives Verhalten in einem Leistungsmissbrauch. Das erwartete Verhalten der Empfänger einer Sozialleistung schlägt sich somit in ihrer Akzeptanz nieder. Nicht zuletzt können auch die Erfolgsaussichten auf eine Beendigung des Leistungsbezugs aufgrund des Wegfalls der Hilfebedürftigkeit respektive der Investitionsnutzen der Maßnahme Einfluss auf ihre Akzeptanz haben. Es wird ersichtlich, dass soziale Sicherungssysteme keine automatische Ablehnung oder Zustimmung erfahren, sondern erst im Kontext mit den Wertüberzeugungen und Interessen der Adressaten auf ihre Akzeptanz hin überprüft werden können.[3]

Um die beschriebenen Thesen auf ihre Validität hin zu überprüfen, dienen empirische Befunde, welche folgende Hierarchien der Akzeptanz sozialstaatlicher Systeme erkennen lassen: Sehr breite Akzeptanz erfahren die Systeme zur Absicherung von Alter und Gesundheit. Sicherungssysteme, die die Bereiche Bildung, Familie und Wohnen betreffen, werden auch weitgehend anerkannt. Zur Arbeitslosen- und Sozialhilfe sind die Meinungen jedoch kontrovers und lassen keine klare Tendenz der Zustimmung oder Ablehnung erkennen. Wie in Tabelle 1 dargestellt, halten die beschriebenen Akzeptabilitätsthesen den empirischen Befunden in unterschiedlichem Maße stand und müssen teilweise verworfen werden.[4]

Die Universalitätsthese kann weitgehend bestätigt werden, da sie auf alle universellen Sicherungssysteme zutrifft. Universalität kann gleichwohl nur als hinreichende Bedingung für eine breite Akzeptanz gelten, da auch einige selektive Programme, wie z.B. BAföG, eine deutliche allgemeine Zustimmung erhalten. Als schwach erweist sich die Sozialversicherungsthese, da entgegen ihrer Definition einige steuerfinanzierte Systeme akzeptiert sind, während die Arbeitslosenversicherung als typische beitragsfinanzierte Sozialversicherung nur teilweise Zustimmung erfährt. Hierbei muss jedoch hinterfragt werden, ob den Befragten tatsächlich in jeden Fall bewusst war, welche der untersuchten Systeme beitrags- oder steuerfinanziert sind und welche Konsequenzen dies für den Einzelnen nach sich zieht. Die Rezipiententhese kann teilweise bestätigt werden. Zwar sind die Erfolgsaussichten wohlfahrtsstaatlicher Maßnahmen kein sicherer Indikator für Akzeptanz (z.B. hohe Akzeptanz der gesetzlichen Rente trotz fehlender Aussicht auf erfolgreiches Überwinden der Hilfebedürftigkeit), Hilfebedürftigkeit und Verhalten dagegen schon, wie die empirischen Befunde belegen. Ullrich kommt zu dem Schluss, dass keine der aufgestellten Thesen einen Alleingültigkeitsanspruch einnimmt, sie sich jedoch gegenseitig ergänzen und auf diese Weise in einem schlüssigen Kontext stehen. Gemeinhin ist festzuhalten, dass eine hohe Akzeptanz zu erwarten ist, wenn eines der beiden Kriterien beitragsfinanzierte Sozialversicherung oder Universalität zutrifft. Die verhaltens- und bedürftigkeitsbasierten Rezipiententhesen wirken hier ergänzend und schließen Lücken, wo eine Zuordnung zur Sozialversicherungs- oder Universalitätsthese nicht exakt gegeben ist.[5]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

* nach den Akzeptabilitätsthesen nicht erwartete hohe oder niedrige Akzeptanz

Tab. 1: Erwartete und tatsächliche Akzeptanz sozialer Sicherungssysteme in der
Bundesrepublik Deutschland

Eigene Darstellung, in Anlehnung an Ullrich, C. G. (2001), S. 167.

3 Sozioökonomische Erklärungsansätze

3.1  Ausgewählte Prinzipien sozialstaatlicher Institutionen

Als ein wesentliches Merkmal unseres Sozialstaates gilt das Prinzip der Umverteilung, welches als eine durch Steuern, Beiträge oder die Gewährung von Transfers bedingte staatliche Korrektur der Einkommensverteilung definiert ist.[6] Umverteilung erzeugt aufgrund ihrer dualistischen Interpretation Antinomien zwischen wirtschafts- und sozialpolitischen Interessen. Dieser Dualismus entsteht aus der Suggestion einer einseitigen Transaktion, die der einen Seite gibt, was der anderen Seite zuvor genommen wurde. In der Wahrnehmung der Adressaten erzeugt dies ein Bild, das nur Gewinner und Verlierer der Umverteilung kennt, dabei jedoch mögliche gemeinsame Interessen zwischen den Akteuren systematisch ausblendet. Das Ergebnis ist ein Wertedualismus zwischen der Forderung nach mehr Umverteilung im Namen der sozialen Gerechtigkeit und der Forderung nach weniger Umverteilung im Namen der Freiheit.[7] Das Problem der Umverteilung stellt sich demnach immer dann, wenn die durch sie entstandenen Verteilungsergebnisse nicht (mehr) akzeptiert werden. Die Legitimation staatlicher Umverteilungsprozesse basiert im Wesentlichen auf dem Solidaritätsprinzip und dem Sozialstaatsgebot, welche ausschließlich den Schutz und die Förderung von sozial Schwächeren, nicht jedoch eine Gleichheit der Vermögenslage aller zum Ziel haben.[8]

Das Prinzip der Umverteilung unterscheidet zwei Arten. Die intertemporale Umverteilung kommt im Umlageverfahren zum Ausdruck, wonach dem Versicherten die entrichteten Beiträge zeitlich versetzt in Form von Sozialversicherungsleistungen „zurückfließen“, so z.B. im Fall der Gesetzlichen Rentenversicherung.[9] Nach den in Punkt 2 beschriebenen Prinzipien der Äquivalenz und Statuserhaltung ist eine hohe Akzeptanz der intertemporalen Umverteilung zu erwarten. Abweichungen könnten sich hier möglicherweise aus einem gestörten Vertrauen in die Stabilität der entsprechenden Sicherungssysteme ergeben, z.B. aufgrund von Zweifeln am Rentensystem vor dem Hintergrund demografischer und finanzieller Probleme des Staates.

[...]


[1] Als Adressaten werden nicht nur die Leistungsempfänger, sondern alle am Sicherungssystem beteiligten
Akteure verstanden, z.B. auch die Leistungsfinanzierer.

[2] Vgl. Ullrich, C. G. (2001), S. 163.

[3] Vgl. Ullrich, C. G. (2001), S. 164.

[4] Vgl. Ullrich, C. G. (2001), S. 164-166.

[5] Vgl. Ullrich, C. G. (2001), S. 166-168.

[6] Vgl. Vollgraf, I. R. (2008), S. 116.

[7] Vgl. Pies, I. (2000), S. 98 f.

[8] Vgl. Vollgraf, I. R. (2008), S. 116-121.

[9] Vgl. Vollgraf, I. R. (2008), S. 123.

Details

Seiten
21
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656635321
ISBN (Buch)
9783656635352
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v271438
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
erklärungsansätze akzeptanz sicherungssysteme institutionen perspektive

Autor

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Titel: Erklärungsansätze zur Akzeptanz sozialer Sicherungssysteme wohlfahrtsstaatlicher Institutionen aus sozioökonomischer Perspektive