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Frauen, NGOs und Wiederaufbau

Seminararbeit 2013 19 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Glossar

1. Einleitung

2. Ein ständiger Unruheherd

3. Frauen Liberias, steht auf für den Frieden!
3.1 Die Anfänge der Frauenbewegungen
3.2 Die Geschichte ist nicht zu Ende

4. Ein Traum, der noch nicht erfüllt ist!

5. Anhang
5.1 Anhang I: Karte der Republik Liberia
5.2 Anhang II: Sitzverteilung im Parlament (2005)
5.3 Anhang III: Präsidentschaftswahlen (2005)
5.4 Anhang IV: Von Frauen besetzte Regierungsstellen (1948-2007)

6. Literaturverzeichnis

Glossar

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1. Einleitung

„Women are the ones that bear the greatest burden. We are also the ones who nurture societies“ (Leymah R. Gbowee).[1]

Der liberianische Bürgerkrieg hat Kinder wie Erwachsene traumatisiert. Die ständige Angst vor Gewalt und Verwundung, Verlust und Tod verfolgt viele Betroffene immer noch. Gemeinsam mit anderen Frauen versucht die Menschenrechtlerin und Friedensnobelpreisträgerin Leymah R. Gbowee den Kriegsopfern, insbesondere Frauen, eine Stimme zu geben und ihnen somit einen Weg zu öffnen, zu der Person, die sie früher gewesen sind, zurückzufinden. Denn Liberia trägt auch zehn Jahre nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens noch immer tiefe Narben des Krieges: politische Instabilität, Überschuldung, hohe Arbeitslosigkeits- und Kriminalitätsraten sowie ein fortbestehendes Sicherheitsproblem prägen das Alltagsgeschehen und erschweren somit den Aufarbeitungsprozess in der ältesten Republik Afrikas.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, sich einerseits mit der Frage, welche Rolle die liberianischen Frauen im derzeitigen Wiederaufbauprozess einnehmen auseinanderzusetzen. Andererseits soll analysiert werden, wie Liberia zu einem konsolidierten Staatswesen zurückkehren kann. Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile. Der erste Teil schafft den historischen Hintergrund zum allgemeinen Verständnis des liberianischen Bürgerkrieges und den daraus resultierenden politischen Strukturen. Da das Spektrum des Konfliktes und der einzelnen Rebellengruppen sehr weit gefächert ist, soll dabei nur ein schemenhafter Umriss der wichtigsten Begebenheiten erstellt werden. Die daraus gewonnen Erkenntnisse lassen sich in einem zweiten Teil auf die Rolle der Frauen im liberianischen Friedensprozess übertragen. Dabei soll in einem ersten Schritt auf die einzelnen Frauenfriedensbewegungen, die sich während den Bürgerkriegsjahren formierten, eingegangen werden. In einem weiteren Schritt soll deren zentraler Stellenwert im andauernden Friedensprozess erläutert werden, sowie die Frage, mit welchen politischen bzw. sozio-ökonomischen Herausforderungen sich Liberia gegenwärtig konfrontiert sieht. Abschließend sollen die aufgezeigten Entwicklungen nochmals kritisch reflektiert und ihre möglichen Implikationen für den weiteren Werdegang Liberias aufgezeigt werden.

Hilfreich für die Ausarbeitung dieser Proseminararbeit waren die beiden Aufsätze der Ethnologin Veronika Fuest „Liberia’s women acting for peace. Collective action in war-affected country“ und „’This is the time to get in front’: Changing roles and opportunities for women in Liberia“, welche die Entstehung der einzelnen Frauenfriedensbewegungen und deren Rollen im gegenwärtigen Wiederaufbauprozess thematisieren sowie die Autobiographie der liberianischen Bürgerrechtlerin und Friedensaktivistin Leymah R. Gbowee „Wir sind die Macht“. Zusätzliche wichtige Informationen zum Krisenherd Liberia lieferten die International Crisis Group und der Aufsatz von Jairo Munive „The army of ’unemployed’ young people“ welcher die Perspektivlosigkeit der Jugendlichen in Liberia und die Problematik, Ex-Soldaten wieder in das alltägliche Leben zu integrieren, analysiert.

2. Ein ständiger Unruheherd

„It has often been assumed that war is something which happens with little possibility of prediction “ (Wright 1942: 681).

Liberia, das bis zum blutigen Militärputsch 1980 zu den innenpolitisch stabilsten Ländern auf dem afrikanischen Kontinent zählte, blickt auf einen beispiellosen Destabilisierungsprozess zurück (Matzak 2009: 75). Gegründet 1847 von ehemaligen Sklaven afrikanischer Abstammung aus Amerika, wurde die Geschichte Liberias über ein Jahrhundert lang durch die Americo-Liberianer geprägt (Fuest 1996: 28). Sie sicherten sich im Zuge des Aufbaus des liberianischen Staates die politischen Schlüsselpositionen, begünstigten den Klientelismus und die Korruption, marginalisierten die indigenen Liberianer mit kolonialähnlichen Methoden und machten Liberia dadurch zu einem Zwei-Klassen-Staat (Herrmann 1999: 2). Jedoch lässt sich feststellen, dass trotz des autokratischen Staatssystems das unter den Präsidenten William S. Tubman und William R. Tolbert herrschte, bis zur gewaltsamen Machtübernahme durch Samuel K. Doe, ein konsolidiertes System existierte (Herrmann 1999: 10).

Als Samuel K. Doe 1980 an die Macht gelangte, rechtfertigte er den Militärputsch damit, dass er der Korruption und der repressiven Herrschaft der Vorgängerregierung ein Ende setzen würde. Jedoch wurde schnell klar, dass auch Doe, wie Klaus Schlichte hervorhebt „die Staatsgewalt vorwiegend zur persönlichen Bereicherung nutzte“ und den wirtschaftlichen als auch politischen Zerfall Liberias damit nur beschleunigte (Schlichte 1997). Doe gelang es trotz internationaler Unterstützung nicht, die liberianische Wirtschaft vor dem Niedergang zu bewahren.[2] Die Gewinne aus den Exporten kamen nur der Elite des Landes sowie den transnationalen Konzernen zugute. Zudem ist der wirtschaftliche Niedergang Liberias eng mit dem politischen System verknüpft. Zwar fand ein Elitenwechsel von den Americo-Liberianern zu den Krahn statt – Doe vertrieb erstere aus allen wichtigen Positionen – jedoch wurde das System der Bevorzugung der Eliten beibehalten. Doe errichtete eine, wie auch Johannes Herrmann verdeutlicht, „auf klientelistischen Prinzipien beruhende Diktatur“ geprägt durch Korruption und Patronage sowie Verfolgung von Oppositionellen und Massakern an der Zivilbevölkerung (Herrmann 1999:11). Insgesamt lässt sich feststellen, dass Does Herrschaft sowohl wirtschaftlich als auch politisch die Grundlage für den Ausbruch des Bürgerkrieges gelegt hat.

Der erste Bürgerkrieg (1989-1996) führte zur fast gänzlichen Auflösung des liberianischen Staates. Als Charles Taylor – Sohn eines americo-liberianischen Vaters und einer Gola Mutter – im Dezember 1989 von der Côte d’Ivoire aus den nordöstlichen Teil Liberias überfiel, umfasste seine Rebellengruppe knapp 150 Männer.[3] Jedoch erhielt die National Patriotic Front of Liberia (NPFL) laut Herrmann „starken Zulauf durch die Bevölkerung die endlich eine Möglichkeit sah sich gegen Doe und seine Krahn-Milizen zu wehren“ (Herrmann 1999: 16). Taylor begann anschließend eine Militäroffensive in Richtung Monrovia mit dem Ziel Doe zu stürzen und die Macht zu übernehmen (Schlichte 2002). Der weitere Verlauf des Bürgerkrieges war geprägt von Gewalt, Vergewaltigungen sowie Plünderungen und Morden an der Zivilbevölkerung. Nach mehreren gescheiterten Versuchen einen Waffenstillstand durchzusetzen, konnte erst unter Druck der UNO, 1996, der Konflikt mit einem Friedensabkommen beendet werden (Schlichte 1997). Doch mit dem Ende des Bürgerkrieges endete diese Phase liberianischer Geschichte nicht. Denn auch mit den demokratisch durchgeführten Wahlen, 1997, kehrte nicht die erhoffte Ruhe in das Land zurück. Mit dem bekannten Wahlslogan „He killed my ma, he killed ma pa but I will vote for him“ gewann der Warlord Charles Taylor die Präsidentschaftswahlen mit seiner Partei National Patriotic Party (NPP) mit über 75 Prozent der Stimmanteile (Polgreen 2006). Statt seine neu gewonnene Macht jedoch für den Wiederaufbau des Staates zu nutzen, setzte Taylor die Schreckensherrschaft seines Vorgängers Samuel K. Doe fort. Dadurch verschlimmerte er die sozio-ökonomische und politische Lage Liberias noch weiter, was zum Ausbruch des zweiten Bürgerkrieges führte. Infolgedessen kam es zur einer kompletten Dysfunktion der staatlichen Institutionen was sich im Zusammenbruch des Bildungssystems und der medizinischen Versorgung widerspiegelte (CIA 2013).

3. Frauen Liberias, steht auf für den Frieden!

„War forces women into previously unaccustomed roles and necessitates the development of new coping skills“ (Lindsey 2000: 10).

Die kriegerischen Auseinandersetzungen in Liberia wurden nicht ausschließlich zwischen sich feindlich gegenüberstehenden Rebellengruppen ausgetragen, sondern richteten sich auch gezielt gegen die Zivilbevölkerung – insbesondere gegen Frauen.[4] Die Gewalttaten gegen die liberianischen Frauen nahmen entsetzliche Formen an – Vertreibung, sexueller Missbrauch, Massenvergewaltigung, Folter und Mord –, wurden aber meist von der Öffentlichkeit tabuisiert oder von den weiblichen Opfern aus Gefühlen der Scham verheimlicht. Die Friedensaktivistin Leymah R. Gbowee schreibt in den einleitenden Worten ihrer Biografie dazu folgendes: „In traditionellen Darstellungen von Kriegsgeschichten sind Frauen immer im Hintergrund. Unser Leiden ist lediglich eine Fußnote der eigentlichen Geschichte“ (Gbowee 2012: 9). Doch genauso wie die Frauen im Rahmen des liberianischen Bürgerkrieges zu Opfern wurden, übernahmen sie auch die Rolle von Akteurinnen. Im folgenden gilt es, auf die einzelnen Frauenfriedensbewegungen, die sich während den Bürgerkriegsjahren formierten einzugehen, zu analysieren welche Rolle sie in der Friedenskonsolidierung spielten und wie sie sich in den andauernden Wiederaufbauprozess einbringen.

[...]


[1] Im Interview für Women's eNews, 21 Leaders for the 21st Century (Seltzer 2007).

[2] Liberias Ökonomie war auf den Export von landwirtschaftlichen Produkten u.a. Kautschuk und Holz sowie Rohstoffen u.a. Eisenerz ausgerichtet und litt stark unter der Anhängigkeit von den Weltmarktschwankungen (Herrmann 1999: 2).

[3] Siehe Anhang I

[4] Es gilt jedoch anzumerken, dass auch Frauen aktiv in die kriegerischen Auseinandersetzungen involviert waren. Im Vergleich zu den männlichen Kämpfern waren es zwar zahlenmäßig relativ wenige weibliche Kriegsbeteiligte, allerdings darf ihre Funktion im liberianischen Bürgerkrieg nicht unterschätzt werden (Utas 2003: 215).

Details

Seiten
19
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656636649
ISBN (Buch)
9783656636564
Dateigröße
689 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v271385
Institution / Hochschule
Universität Basel – Ethnologie
Note
1,0
Schlagworte
frauen ngos wiederaufbau

Autor

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Titel: Frauen, NGOs und Wiederaufbau