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Kriegerische Auseinandersetzungen in Südasien (Indien). Untersuchung der Reiseberichte von Ludovico de Varthema und Tomé Pires

Hausarbeit 2013 21 Seiten

Geschichte - Asien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Politische Akteure und bestehende Konflikte zu Beginn des 16.Jahrhunderts im südasiatischen Raum

Zusammensetzung der Armeen und Besonderheiten der Kriegsführung

in Südasien

Interessenkonflikte der Portugiesen mit regionalen Machthabern in Südasien

Fazit

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Einleitung

Reiseberichte zählen sicherlich mit zu den interessantesten, jedoch auch mitunter problematischen, Quellen des Mittelalters. Reisen in weit entfernte Länder oder gar zu anderen Kontinente war lediglich einem kleinen, erlesenen Personenkreis der europäischen Bevölkerung vorbehalten.

Entsprechend großen Anklang fanden die Berichte derjenigen, die von fernen Länder und Kulturen aus eigenen Erfahrungen berichten konnten. Sie waren nicht nur beim einfachen Volk beliebt, das niemals selbst auch nur ähnlich exotisches wie die Küsten Asiens oder Afrikas mit eigenen Augen gesehen hatte, oder jemals sehen würde. Auch in den europäischen Herrscherhäusern waren Fernreisende und ihre Berichte gern gesehene Gäste. Neben der bloßen Unterhaltungsfunktion, die diese Erzählungen erfüllten, spielten jedoch auch wirtschaftliche und später auch kolonial-politische Interessen eine Rolle.

Die meisten Fernreisen im Mittelalter dürften zweifelsohne Händler, bzw. im Auftrag von Kaufleuten Reisende, unternommen haben, da kostbare Güter wie Gewürze und Edelsteine hohe Profite versprachen und die Strapazen und Gefahren, die eine solche Reise damals mit sich brachte, in den Augen der Kaufleute um ein vielfaches wieder aufwogen.

Doch auch die stets nach neuen Einnahmequellen suchenden europäischen Königshäuser schickten Abgesandte quer durch Afrika und bis in die östlichsten Gebiete Asiens, um neue Märkte und Handelsrouten zu erschließen.

Hinzu kommt noch die überschaubare Gruppe derjenigen, die aus eigenem Antrieb, bzw. einer ausgeprägten Abenteuerlust, die kostspieligen und anstrengenden Fahrten in die entlegensten Gebiete des Erdballs unternahmen.

Zu dieser Gruppe ist sicherlich auch Ludovico de Varthema zu zählen, dessen „Reisen im Orient“[1] eine der beiden im Folgenden näher zu untersuchenden Reiseberichtsquellen aus dem frühen 16. Jahrhundert darstellt. Wie Folker Reichert in seinem Vorwort der von ihm angefertigten Übersetzung aus dem Jahr 1996 bereits erläutert, gibt es zahlreiche Ungereimtheiten im Lebenslauf de Varthemas, sowie einige Bedenken, ob dieser tatsächlich alle von ihm beschriebenen Regionen auch tatsächlich bereist hat, oder sich die entsprechenden Informationen nur durch Hörensagen zu Eigen gemacht hat.[2]

Was jedoch als gesichert gilt, ist, dass de Varthema ursprünglich aus Bologna stammte[3] und seine Reise ihn zwischen 1505 und 1507 in die, für die vorliegende Arbeit relevanten, Regionen Südasiens führte.[4]

Die zweite Quellengrundlage stellt ein Reisebericht des portugiesischen Apothekers Tomé Pires dar, welcher seine Erlebnisse und Eindrücke, die er während seines Aufenthaltes von 1512-1515 entlang der Malabarküste bis hin zu den südostasiatischen Inseln gesammelt hatte, beschreibt.[5]

Die weitaus detaillierteren Beschreibungen von Schlachten, Kriegsgeräten sowie Zusammensetzung und Bewaffnung der Heere liefert de Varthema. So vermutet auch Folker Reichert, dass de Varthema einiges an Vorwissen über diesen Themenbereich mitgebracht haben musste, da seine Schilderungen sehr ausführlich und fachkundig sind. Er tritt sogar selbst als Teilnehmer an einer Schlacht in Erscheinung, was die ebenfalls von Reichert geäußerte Vermutung nährt, er hätte sich in Europa bereits als Söldner verdingt.[6] Seine mitunter recht ausschmückenden Beschreibungen erinnern stellenweise an einen Erlebnis- oder Abenteuerroman, was Rückschlüsse auf ein umfassend angestrebtes Rezeptionsfeld ziehen lässt.

Pires hingegen beschränkt sich zumeist auf die bloße Nennung von Konflikten zwischen verschiedenen Machtfaktoren der Region. Vor dem Hintergrund seiner Tätigkeit als Bediensteter des Vizekönigs von Indien und seiner vornehmlich an den, von ihm hochgeschätzten, portugiesischen König gerichteten Beschreibungen, richtet sich sein Hauptaugenmerk vielmehr auf die wirtschaftlichen und kolonialen Interessen Portugals und den direkt hiermit verbundenen Angaben über Truppenstärken und Befestigungsgraden von Städten, die eine Schlüsselrolle im südasiatischen Markt einnahmen.

Gegenstand der Untersuchungen sollen vor allem die in den Reiseberichten beschriebenen kriegerischen Auseinandersetzungen im südasiatischen Raum sein. Es wird zunächst zu erörtern sein, welche politischen Einheiten am Anfang des 16. Jahrhunderts auf dem Gebiet des heutigen Indiens bestanden haben und welches Konfliktpotential sich vor dem Hintergrund muslimischer sowie hinduistischer Königreiche, unter Einbeziehung der nun neu auf den Plan tretenden christlichen Europäer, ergab.

Insbesondere die stark wirtschaftlich geprägten Interessen der Portugiesen könnten zu Bündnissen mit den hinduistischen Herrschern geführt haben, die ebenso darauf bedacht gewesen sein dürften, die Vormachtstellung der muslimischen Händler im südasiatischen Raum zu brechen. Doch auch Interessenkonflikte mit den vermeintlichen Bündnispartnern im Hinblick auf koloniale Bestrebungen der portugiesischen Krone dürften im Fokus der Reisenden gestanden haben.

Weiterhin stellt sich die Frage, welche konkreten Kriegshandlungen beide Autoren in ihren Berichten beschreiben und welche Wirkung sie damit bei ihrem Zielpublikum zu erzielen erhofften, bzw. welchem Zweck ihre Beschreibungen dienten.

In diesem Zusammenhang wird auch zu erläutern sein, welche Besonderheiten der Kriegsführung Südasien im beginnenden 16. Jahrhundert bot, bzw. welche Unterschiede zur Kriegsführung in Europa den Autoren auffielen.

Politische Akteure und bestehende Konflikte zu Beginn des 16.Jahrhunderts im südasiatischen Raum

Ab Mitte des 14. Jahrhunderts bestanden auf dem indischen Subkontinent mehrere regionale Königreiche, die teils hinduistisch, teils muslimisch geprägt waren.[7] So erfahren wir aus dem Bericht des Tomé Pires, dass 250 Jahre vor seiner Reise das indische Königreich Decan von „Türken, Persern und Heiden“ erobert wurde und fortan unter muslimischer Herrschaft stand.[8]

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts stand die Region Süd- und Südostasiens im Spannungsfeld zahlreicher Interessen, in dessen Folgen Portugiesen, Muslime und ortsansässige Hinduherrscher um wichtige Handelsknotenpunkte und das Monopol im Gewürzhandel stritten.[9]

De Varthema berichtet, dass etwa 15.000 „Mauren“[10] in Calicut leben würden, die in der Hauptsache als Händler auftraten und vor der Ankunft der Portugiesen den Handel zwischen Indien und den arabischen Ländern kontrollierten. Die Stadt Calicut war zu dieser Zeit Teil des hinduistischen Reiches Viyajanagar[11] im Süden Indiens und ein wichtiger Handelsstützpunkt, in dem Händler aus allen Teilen Asiens und Arabiens vertreten waren.[12]

Vermutlich war de Varthema diese zentrale Bedeutung der Stadt vor dem Hintergrund der portugiesischen Expansionsbestrebungen nur allzu bewusst, weshalb er den Beschreibungen von Landes- und Handelssitten, sowie des Herrschers von Calicut ebenso viel Platz einräumte wie der ausführlichen Darstellung des Militärs. Nach seiner Rückkehr auf einem portugiesischen Schiff nach Lissabon war es schließlich auch der Portugiesische König Manuel, dem de Varthema als Erstem von seiner Reise berichtete und dementsprechend den Fokus seiner Erzählungen auf die wirtschaftlichen und militärischen Optionen der portugiesischen Krone im Süd- und Südostasiatischen Raum lenkte.[13]

Der ständige Konflikt zwischen muslimischen und hinduistisch geprägten Königreichen[14] scheint jedoch nur zweitrangig religiös motiviert gewesen zu sein, da weder Pires noch de Varthema in ihren Beschreibungen jemals hiervon sprechen. Andererseits erwähnen sie aber auch nur selten überhaupt die Hintergründe für kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Königreichen Südostasiens. Lediglich beim Vorgehen der Europäer, bzw. „Christen“, gegen „Mauren“ spielt bei beiden Autoren der religiöse Aspekt eine Rolle. Jedoch muss in diesem Zusammenhang berücksichtigt werden, dass das Bestreben der Portugiesen, das Handelsmonopol muslimischer Kaufleute in Südasien zu durchbrechen und selbst zu erobern, mindestens genauso bedeutend gewesen sein dürfte, bzw. der Glaubenskonflikt mitunter als Vorwand genutzt wurde um die Ziele der portugiesischen Krone in Indien und dem südostasiatischen Raum durchzusetzen.

Der andauernde Krieg zwischen dem König von Yoga und dem Sultan von Cambaia hat laut de Varthema jedoch weitaus pragmatischere Gründe. Er berichtet, das Land des Königs von Yoga sei nur wenig fruchtbar und sein Volk leide ständig an Lebensmittelmangel, weshalb der König unentwegt Krieg gegen das Sultanat führe. Scheinbar spielten in diesem Krieg aber auch Streitigkeiten über Edelsteine eine Rolle. De Varthema berichtet weiter, die Bewohner Yogas zögen „nach Art der Zigeuner“ umher und brächten viele Edelsteine aus Cambaia mit.[15]

Eine zentrale Rolle nahm offensichtlich das Königreich Narsinga zu Beginn des 16. Jahrhunderts im südasiatischen Raum ein. So erfahren wir von Tomé Pires, dass der König von Narsinga ständig Krieg gegen das Sultanat von Decan führte und auch im Krieg mit Orissa lag. Manchmal, so Pires, führe er auch Krieg im eigenen Land.[16] Hieran lässt sich ablesen, dass scheinbar auch innerhalb des Reiches von Narsinga einzelne regionale Herrscher, bzw. Städte bestrebt waren unabhängig zu werden, bzw. gegen die Herrschaft des Königs vorzugehen. Vielleicht gab es in Grenzgebieten auch Bestrebungen einzelner oder mehrerer Städte, sich den benachbarten muslimischen Reichen anzuschließen. Aus den vorliegenden Berichten erfahren wir nichts hierüber, jedoch ist zu bedenken, dass selbst bei Kenntnis unserer Autoren von solchen Versuchen, diese, im Hinblick auf ihr Selbstverständnis als Christen, höchstwahrscheinlich nicht von derartigen Sogwirkungen muslimischer Machtsphären auf anderweitig kontrollierte Gebiete berichtet hätten.

Vor allem de Varthema berichtet von einer Vielzahl von Städten und Gebieten, die dem König von Narsinga unterstanden. So erfahren wir, dass der Herrscher der Stadt Bathecala dem König von Narsinga unterstand und darüber hinaus von Mauern umgürtet war. Da Decan nur fünf Tagesreisen von Bathecala entfernt lag, liegt die Vermutung nahe, dass die Stadt eine solche Befestigung auch nötig hatte, da ihre räumliche Nähe zum „Dauerfeind“ sie vermutlich oftmals zum Ziel kriegerischer Handlungen des Sultanats werden ließ.[17]

Auch die Städte Chormendel[18], Kanara[19] und Onor lagen im Einflussbereich des Herrschers von Narsinga. Der König von Onor unterhielt laut de Varthema darüber hinaus sieben oder acht leichte Schiffe, die ständig auf dem Meer umher kreuzen würden. De Varthema nennt den Herrscher von Onor einen „großen Freund“ des Königs von Portugal[20], was vermuten lässt, dass auch der König von Narsinga eine Art Bündnis mit den, sich gerade erst auf dem indischen Subkontinent etablierenden, Portugiesen eingegangen sein wird. Angesichts der gemeinsamen Interessen im Hinblick auf die Bekämpfung des muslimischen Sultanats von Decan, erscheint dies auch plausibel und durchaus für beide Seiten vorteilhaft.

[...]


[1] Quellengrundlage des im Folgenden Beschriebenen bildet die von Folker Reichert übersetzte Fassung von de Varthemas' Reisebericht von 1996: de Varthema, Ludovico, Reisen im Orient. Eingeleitet, übersetzt und erläutert von Folker Reichert, Sigmaringen 1996.

[2] Siehe hierzu ausführlich die Einleitung Folker Reicherts in: ebd., S. 7-33.

[3] Siehe de Varthema, Reisen im Orient, Sigmaringen 1996, S. 7.

[4] Ebd., S. 12.

[5] Textgrundlage bildet die von Armando Cortesao ins Englische übersetzte Ausgabe von 1990: Cortesao, Armando (Hrsg.), The "Suma Oriental"of Tomé Pires. An Account of the East, from the Red Sea to China, ND Delhi 1990.

[6] Siehe de Varthema, Reisen im Orient, Sigmaringen 1996, S. 7-8.

[7] Vgl. hierzu Embree, Ainslie T.; Wilhelm, Friedrich, Indien. Geschichte des Subkontinents von der Induskultur bis zum Beginn der englischen Herrschaft, Frankfurt am Main 1967, S. 204.

[8] Siehe Cortesao (Hrsg.), The "Suma Oriental"of Tomé Pires, ND Delhi 1990, S. 48.

[9] Vgl. die Anmerkungen Reicherts in: de Varthema, Reisen im Orient, Sigmaringen 1996, S. 14-15.

[10] De Varthema benutzt den Begriff „Mauren“ als Synonym für Muslime, aber auch allgemein um persische oder arabische Händler zu beschreiben.

[11] Sowohl de Varthema als auch Pires bezeichnen Viyanagar in ihren Berichten als „Narsinga“, bzw. „Narsingha“.

[12] Siehe de Varthema, Reisen im Orient, Sigmaringen 1996, S. 166.

[13] Ebd., S. 16-18.

[14] Der Begriff des „Königs“ oder des „Königreiches“ wird in beiden vorliegenden Reiseberichten stark aus einer europäischen Sichtweise heraus verwendet. Sicherlich werden sich die jeweiligen regionalen Herrscher nicht als „Könige“ im europäischen Sinne verstanden haben und auch die tatsächliche Art der Herrschaftsausübung wird sich erheblich von dem unterschieden haben, was Europäer zu Beginn des 16. Jahrhunderts unter einer „Königsherrschaft“ verstanden haben. Im Folgenden werden die Begriffe jedoch so verwendet, wie es auch de Varthema und Pires in ihren Texten getan haben.

[15] Vgl. de Varthema, Reisen im Orient, Sigmaringen 1996, S. 129-130.

[16] Vgl. Cortesao (Hrsg.), The "Suma Oriental"of Tomé Pires, ND Delhi 1990, S. 64.

[17] Vgl. de Varthema, Reisen im Orient, Sigmaringen 1996, S. 135-136.

[18] Ebd., S. 191.

[19] Ebd., S. 60.

[20] Ebd., S. 137.

Details

Seiten
21
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656626923
ISBN (Buch)
9783656626909
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v271381
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,3
Schlagworte
Indien Portugal Geschichte Kolonialismus Kriegführung Südasien Reisebericht MIttelalter Seefahrt

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