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In der Falle? Migrantenkinder an Sonderschulen

Studienarbeit 2008 20 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsklärung
2.1 Migrant
2.2 Sonderschule
2.3 Habitus

3 Migranten an Sonderschulen
3.1 Verteilungen
3.1.1 Verteilung nach Herkunftsland
3.1.2 Verteilung innerhalb der Bundesländer

4 Ursache Sprachproblem?

5 In der Falle?

6 Problemlösung durch Förderung
6.1 Sprachliche Frühförderung im Elementarbereich
6.2 Sprachstandsdiagnostik
6.3 Zweitsprache Deutsch
6.4 Bilinguale Erziehung
6.5 Nutzung von Förderangeboten an Ganztagsschulen

7 Resümee

Tabellenverzeichnis

Literaturliste

1 Einleitung

Die Zahl der in Deutschland lebenden Menschen ohne deutsche Staats-angehörigkeit hat sich seit Beginn der sechziger Jahre mehr als verzehn-facht. Laut Jeschek (2001: 1) stieg ihr Anteil in der Bevölkerung von 1,2% auf 8,9%. Die Zahl der nichtdeutschen Schüler hat sich dem gegenüber im selben Zeitraum mehr als verzwanzigfacht. Dem Statistischen Bundesamt (2001: 56) nach war Ende der 90er Jahre fast jeder zehnte Schüler in der Bundesrepublik Deutschland nichtdeutscher Staatsangehörigkeit.

Etwa jeder vierte Jugendliche mit Migrationshintergrund, aber nur etwa jeder zwanzigste Jungendliche ohne Migrationshintergrund besucht eine Schule in Deutschland, in der Migranten die Mehrheit darstellen (vgl. Bildungsbericht 2006: 162).

Betrachtet man die statistischen Veränderungen von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die eine Sonderschule besu-chen, wird schnell sichtbar, dass der Anteil von Migrantenkindern gegenüber Kindern deutscher Herkunft sehr viel höher ausfällt.

Diese vorliegende Hausarbeit möchte sich diesem Thema annehmen und herausfinden, ob und warum es zu diesem Überanteil von Migrations-kindern an Sonderschulen kommt. Werden Schüler ohne deutsche Herkunft schneller in diese Schulform abgeschoben ? Und wenn es so ist, wie liegen dadurch die Chancen für ihren weiteren Lebensverlauf? Spielt Habitus eine Rolle? Ist die Verteilung in den alten und den neuen Bundesländern gleichsam zu beobachten oder gibt es Unterschiede?

Die Hypothese, auf die sich diese Hausarbeit aufbaut, lautet: Sitzen Migrantenkinder an Sonderschulen in der Falle ?

Ich werde zudem versuchen, Ursachen und Lösungsvorschläge zu finden. Die Differenzlinie, anhand derer ich ein klares Bild schaffen möchte, ist der Vergleich von deutschen und nichtdeutschen Kindern und Jugend-lichen. Dazu sind auch Begriffserklärungen (Migrant, Sonderschule, Habitus) nötig. Die Hausarbeit wird ein kritisches Resümee abschließen.

Ich möchte kurz anmerken, dass ich aufgrund der besseren Lesbarkeit in dieser Arbeit auf eine geschlechterneutralisierende Formulierung verzichten werde. Die Textdarstellung erfolgt in männlicher Form, was jedoch keine persönliche Wertung des Autors wiederspiegelt.

2 Begriffsklärung

Als erstes ist es notwendig, die Begriffe Migrant, Sonderschule und Habitus zu klären, da sie grundlegend für die weitere Arbeit sind und diese auf den Begriffen aufbaut.

2.1 Migrant

Das Wort Migration stammt aus dem Lateinischen; es bedeutet soviel wie Wanderung. Laut der freien Enzyklopädie Wikipedia werden als Migranten im weitesten Sinne Menschen bezeichnet, die für einen Wohnsitzwechsel größere Entfernungen zurücklegen mussten. Das Fachlexikon für soziale Arbeit (1993: 649) definiert Migration wie folgt:

„Im Gegensatz zur Immigration, der auf Dauer angelegten Einwanderung in ein Land, welche die Emigration, die Auswanderung aus der Heimat voraussetzt, bezeichnet Migration als Oberbegriff den Aufenthalt einzelner Menschen oder Gruppen in einem fremden Land ohne Spezifizierung der Aufenthaltsdauer.“

Migranten können, im Gegensatz zu Flüchlingen, frei entscheiden, in welches Land sie auswandern. Heute wird der Begriff Migrant für Einwanderer aus dem Ausland verwendet. Demgegenüber sind Menschen mit Migrationshintergrund Migranten und ihre Nachkommen, unabhängig von der tatsächlichen Staatsbürgerschaft.

2.2 Sonderschule

Unter Sonderschule kann eine Schulform verstanden werden, deren Schüler an allgemeinen Schulen nicht oder nicht ausreichend gefördert werden können, da dort notwendige Rahmenbedingungen nicht vorhanden sind. Je nach Art der Behinderung gibt es in Deutschland verschiedene Sonderschultypen, z.B. für Blinde/Sehbehinderte, Gehörlose, Lernbehinderte, Sprachbehinderte, Taubblinde und Körper-behinderte. Da in Deutschland das Bildungswesen in der Verantwortung der Länder liegt, werden in verschiedenen Bundesländern unter-schiedliche Bezeichnungen gebraucht. So sind auch die Begriffe Förder-schule oder Schule mit sonderpädagogischen Förderschwerpunkt umgänglich.

Für die Aufnahme bzw. der Überweisung eines Kindes in eine Sonder-schule bedarf es in Deutschland einer Feststellung eines spezifischen sonderpädagogischen Förderbedarfs. Dieses geschieht durch Verfahren, das von den Bundesländern gesetzlich geregelt ist. Der Förderbedarf orientiert sich dabei – theoretisch – an Art und Umfang der Behinderung.

Der Anteil der Sonderschüler nichtdeutscher Herkunft an Sonderschulen für Lernbehinderte liegt heute bei etwa 70%. Nur etwa 30% besuchen Sonderschulen für geistig und körperlich Behinderte. Bei Sonderschülern deutscher Herkunft liegt die Verteilung beim Verhältnis von 50 zu 50.

Historisch betrachtet gibt es Sonderschulen schon über 200 Jahre in Deutschland. Im Strukturplan für das Bildungswesen des Deutschen Bildungsrates im Jahre 1970 wurden diese jedoch noch nicht einmal erwähnt (vgl. Rosenberger, 1998: 14).

2.3 Habitus

Hinsichtlich der Auswirkungen und Folgen der eingangs aufgestellten These für den weiteren Lebensverlauf der Migrantenschüler ist es notwendig den Begriff des Habitus zu klären.

Nach Bourdieu (1983, 1987) kann man den Habitus eines Menschen als das Ergebnis eines lebenslangen Sozialisations- und Lernprozesses bezeichnen, in welchem sich der Mensch die (Um-)Welt aktiv aneignet und die sozialen Regeln und das für ihn relevante gesellschaftliche Wissen verinnerlicht.

Die Konstruktion des Habitus erfolgt durch prägende Interaktionen zwischen Welt und Subjekt. Nach Bourdieu geschieht die größte Prägung der gesellschaftlichen Wirklichkeit in der Kindheit. Was der Habitus eines Menschen in seinem späteren Leben bewirkt, möchte ich mit den Worten von Boudon (1988: 214) sagen:

„Der Habitus bewirkt, dass man in der herrschenden Klasse Beethoven liebt, auf die Ecole Polytechnique gehen will und sich gewählt ausdrückt, während man in der beherrschten Klasse Tango und billige Reproduk-tionen bevorzugt, sich nicht sehr gewählt ausdrückt [...] So bleibt jeder an seinem Platz.“

Bourdieu begreift Habitus als generatives Prinzip, welches die sozialen Verhältnisse und die soziale Struktur mitproduziert bzw. permanent reproduziert (vgl. Krais/Gebauer, 2002).

3 Migranten an Sonderschulen

In Tabelle 1 sind Daten aus den Statistischen Veröffentlichungen der Ständigen Konferenz der Kultusminister in den Ländern der Bundes-republik Deutschland (KMK), Band 163, für die absoluten und relativen Häufigkeiten für den Besuch verschiedener Schulformen, jeweils getrennt für deutsche und nichtdeutsche Kinder und Jugendlichen im schul-pflichtigen Alter zu ersehen. Wichtig ist hierbei zu erwähnen, dass Migranten mit deutschem Pass nicht als solche mit einberechnet worden sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Den Relativen Risiko-Index (RRI) ergeben die Quotienten der jeweiligen Prozentzahlen für deutsche und nichtdeutsche Schüler. Dieser Index spiegelt anschaulich und methodisch sauber das Maß für die Über- bzw. Unterrepräsentation der Migrantenkinder und –jugendlichen in den verschiedenen Schulformen. Der RRI ermöglicht zudem weitere Vergleiche, z.B. zwischen den Bundenländern, Jahren und Nationalitäten.

Im Laufe der neunziger Jahre stieg die Zahl der nichtdeutschen Schüler an allgemeinbildenden Schulen um über 18% von 801587 im Jahre 1991 auf, wie in Tabelle 1 ersichtlich, 950.490 im Jahre 2000.

Die Daten lassen erkennen, dass Migrantenschüler an Sonderschulen für Lernbehinderte gegenüber deutschen mehr als doppelt so stark (RRI = 2.10) überrepräsentiert sind. Dazu ist zu erwähnen, dass in Deutschland Sonderschulen für Lernbehinderte mit 54% aller Sonderschüler die am häufigsten besuchte Sonderschulform ist. Auffällig ist, dass Migranten in den übrigen Formen der Sonderschule (und an Grundschulen) nur leicht überrepräsentiert sind (RRI = 1.19).

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Details

Seiten
20
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656631361
ISBN (Buch)
9783656631330
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v271338
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,0
Schlagworte
falle migrantenkinder sonderschulen

Autor

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Titel: In der Falle? Migrantenkinder an Sonderschulen