Lade Inhalt...

Der Begriff des Mythos am Beispiel der Eidgenossenschaft

Hausarbeit 2013 15 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Einleitung

Der Mythos
Der Mythos als Rede
Der Mythos in der Zeit der Aufklärung

Der Mythos Eidgenossenschaft

Die Befreiungstradition

Vergangenheitsbedarf im 19. Jahrhundert

Schluss

Literaturverzeichnis (und bibliografische Hinweise)

Abstract

In vorliegender Arbeit wird der Versuch unternommen, den Mythos-Begriff unter verschiedenen Aspekten einzukreisen. Dabei ist klar geworden, dass Mythen zwar eine einfache äussere Struktur ausweisen, diese jedoch einer komplexen inneren entgegengesetzt ist. Aus strukturalistischer Sicht erkennen wir den Mythos als Narrativ, der in Zeiten der Unsicherheit der Identitätssicherung bzw. ihrer Konstruktion dient. Im Weiteren weisen Mythen auch eine Historizität aus, weshalb wir sie unbedingt als Quelle betrachten müssen.

Anhand dieser Arbeit wird versucht, den generellen Mythos mit der eidgenössischen Geschichte zu verbinden. Dabei ist der identitätsstiftende Aspekt des Mythos zentral. Der Gründungsmythos ist Krisenzeiten eine zusammenhaltende Klammer.

Schlagwörter

Mythos - Aufklärung - Schweizer Geschichte - Identitätskonstruktion - nationale Identität - Eidgenossenschaft - Befreiungstradition

Einleitung

In der Geschichte der Schweiz ist immer wieder die Rede vom Gründungsmythos Eidgenossenschaft. Er bezeichnet die heldenhafte Loslösung vom Habsburgerreich und das frühe Freiheitsgefühl der Waldstätter, namentlich den Orten Uri, Schwyz und Unterwalden. Sie werden gemeinhin als Wiege der Schweiz bezeichnet. Der Grund dafür findet sich in den anfänglichen Geschehnissen rund um den Vierwaldstättersee. Die Geschichte der Schweiz wurde ab dem 18. Jahrhundert zusehends Inhalt der ersten Geschichtsbücher. Wo vieles in der Historiografie bereits aufgedeckt und überprüft wurde, ist es doch der Gründungsmythos, der immer noch die Fantasie von Einzelnen nährt und den Gedanken an freiheitsliebende Bauern weckt, die sich mit primitiven Mitteln erfolgreich gegen die ihnen überlegene Habsburger Macht wehren. Es sind dies die Geschichten rund um Winkelried und vor allem Wilhelm Tell, dessen Theaterstück von Schiller heute noch zahlreich aufgeführt wird. Die Frage stellt sich, wie sich diese Mythen trotz des empirischen Zeitalters über Wasser halten mochten, gar noch an erster Stelle genannt werden, wenn nach der Gründungsgeschichte der Schweiz gefragt.

Der Mythos Eidgenossenschaft ist heute präsenter denn je. Er prägt politische Reden und bietet in seinen Grundsätzen ein Fundament für Parteiprogramme oder sonstige Ideologien. Jüngst sprach eine politische Partei der Schweiz in der Debatte über die Übernahme von EU-Recht von „Landesverrat“ und sogar von „fremden Richtern“. Vor allem letzteres ist ein Verweis auf die Alten Eidgenossen. In den Bundesbriefen von 1291 und 1315 wird ebenfalls von fremden Richtern gesprochen. Damit meinten die Eidgenossen die fremden (Habsburger) Vögte, welche im 13. Jahrhundert als Regionalherrscher ebenso die Rolle des Richters einnahmen. Eine der Forderungen der Bundesbriefe lautete, sich von den fremden Richtern zu lösen und eine eigene Instanz zu schaffen, unabhängig zu werden. Und genau darauf beziehen sich nun Parteien der Schweiz, auf jene Unabhängigkeit wie zu Zeiten der Alten Eidgenossen, wo man fremde Richter vertrieben und früh den Duft von Freiheit witterte.

Doch wie funktionieren Mythen? Der Grund lässt sich in der einfachen und dramatischen Struktur des Mythos finden. Mythen lassen sich gut erzählen und prägen sich dadurch in ein kollektives Gedächtnis ein, in diesem Fall in dasjenige einer Nation. Welche Struktur finden wir in ihnen vor? Diese und andere Fragen werden in der vorliegenden Arbeit besprochen und beantwortet. Immer wieder wird dabei der Bogen zur Eidgenossenschaft geschlagen. Im Folgenden wird es nun zuerst um den Mythos-Begriff gehen, bevor in einem zweiten Teil konkret der Gründungsmythos besprochen wird.

Der Mythos

Fantasie ist eine Fähigkeit, die den Menschen auszeichnet. Wir können uns Dinge vorstellen, die so nicht existieren - und vor allem: die wir nicht rational erklären können. Letztere Praxis hat uns die Aufklärung beigebracht. „Fantasie ist die Fähigkeit, die Religion und Mythologie hervorbringt“1, sagt Karen Armstrong in ihrem Buch Eine kurze Geschichte des Mythos. Nach ihr können wir (klassischen) Mythen folgendermassen definieren:

Erstens erwachsen Mythen fast immer aus der Erfahrung mit dem Tod oder der Angst vor Auslöschung. Zweitens sind Mythen meistens mit Ritualen verbunden.2 Drittens würden sich Mythen mit dem Extremen befassen. Die Konsequenz ist dabei, dass wir über unsere eigene Erfahrung hinaus gehen und etwas unbekanntem begegnen. Armstrong ist der Ansicht, dass viertens ein Mythos keine Geschichte sei, die um ihrer selbst willen erzählt wird. Es ist nicht klar, wie bewusst Armstrong hier das Wort Geschichte verwendet, doch deutet sie damit einen zentralen Aspekt des Mythos an, nämlich den narrativen, den sprachlichen, wie ihn Barthes nennt. Auf den sprachlichen Aspekt von Mythen wird später eingegangen.

Wenn eine Gruppe Menschen an den gleichen Mythos glaubt und ihn unter sich weitergibt und ihn so am Leben hält, führt das zu einer weiteren Eigenschaft: Mythen besitzen einen Identität stärkenden bzw. stiftenden Charakter. Gerade historische Gründungsmythen ermöglichen den Mythengläubigen eine Idee gleicher Herkunft. Einen weiteren Punkt gilt es noch auszuleuchten: Mythen sind stark repräsentativ und traditionell. Politische Mythen beinhalten neben der Geschichte , die sie erzählen, Normen, Werte und Sitten.3 Nehmen wir an, dass diese die Grundwerte eines Landes wie der Schweiz (mit-)geprägt haben, könnte man schliessen: in Zeiten, in denen die Werte der Schweiz gefährdet scheinen bzw. nicht mehr repräsentiert werden, spielen Mythen eine wichtige Rolle in der Werterhaltung und ganz klar der Repräsentation - vorausgesetzt, die alten Werte werden von der grossen Mehrheit akzeptiert und als generell schweizerisch gesehen. Georg Kreis sieht in 1291, dem konstruierten Gründungsdatum der Schweiz, einen Mythos.4 Für ihn hat der Bundesbrief von 1291 die „Bedeutung eines Instruktionspapiers erlangt, das uns generell anweist, wie wir die schweizerische Welt verstehen und wie wir uns verhalten sollen, damit wir uns im Einklang mit dem damals Welt gewordenen Schweizertum befinden“5. Die „schweizerische Welt“ bezieht dabei durchaus die Grundwerte der Eidgenossen mit ein, darunter z.B. keine fremden Richter.

Die Verwendung des Begriffs hat sich verändert. Heute verwendet man ihn u.a. für etwas, das nicht wahr ist, wessen man sich vielleicht über längere Zeit sicher war und nun einsieht, dass es sich als falsch herausstellt. Eine gewisse negative Konnotation ist dem Begriff nicht abzustreiten. Der Grund dafür ist das neue Denken im 18. Jahrhundert. Wenn wir feststellen, dass sich die (wissenschaftliche) Historiografie im 18. Jahrhundert ausbildet, beobachten wir geleichzeitig einen turn. Man könnte ihn vielleicht empirical turn oder scientific turn nennen, aber was er beschreibt, ist viel wichtiger: Menschen neigen dazu, Geschichte als chronologisch geordnet zu betrachten. Politische Ereignisgeschichte hat massgebilch dazu beigetragen und uns dahin gebracht, dass wir in Epochen und Aktionsketten denken.

Ist mythisches Denken somit veraltet? Keinesfalls meint Armstrong: Mythen seien nicht als niedere Denkweise zu betrachten, „auf die man verzichten könnte, wenn Menschen das Zeitalter der Vernunft erreicht haben.“6 So ist auch Mythenkritik laut Kreis zum Scheitern verurteilt, wenn ihre zentrale Ambition sei, ‚wahr’ von ‚falsch’ zu unterscheiden. Viel eher sollte sie auf die Mythen aufmerksam machen und ihre oft wechselnde Funktion erklären - sie sollte „Orientierungshilfe in einer pluralistischen Mythenlandschaft anbieten“7.

Mythen sind Bestandteil der Geschichte oder anders gesagt: beinhalten Historizität. In diese Richtung weist auch Ernst Cassirer, wenn er sagt, dass sich uns ein Mythos erst offenbart, wenn wir ihn in seinem Werden betrachten.8 Er will damit andeuten, dass ein Mythos viel mehr beinhaltet, als dass er zu Beginn preisgibt. Der Mythos bildet bei Cassirer mit Kunst und Sprache eine Trias, die er immer als Ganzes sieht. So gebe es z.B. eine Grammatik der Kunst, der Sprache und des Mythos.9 Doch Cassirer geht noch weiter: Jede dieser Domänen führt uns näher an das menschliche Wesen heran, zu einer „Urschicht menschlichen Denkens, Fühlens, Wollens [...] von der aus wir das Ganze derjenigen menschlichen Bewegungen, Handlungen, Taten, die wir mit dem Namen ‚Geschichte’ bezeichnen[,] erst ganz verstehen können“10. Mythos ist deswegen aber noch keine Historiografie. Armstrong ist der Meinung, dass wir die Mythologie nicht als einen frühen Versuch der Geschichtsschreibung missverstehen dürfen. Mythologie nähme keinesfalls für sich in Anspruch, in ihren Erzählungen objektive Tatsachen zu schildern. Vielmehr müssen wir den Mythos im Kontext eines Romans, einer Oper oder eines Balletts stellen, die allesamt Fiktion darstellen, „ein Spiel, das unsere fragmentarische Welt verwandelt und uns hilft, neue Möglichkeiten zu erkennen, indem es fragt: ‚was wäre, wenn?’“11. Damit ist der narrative Aspekt, den Mythen haben, angesprochen.

Der Mythos als Rede

Wenn wir dem Mythos auf der sprachlichen Ebene entgegentreten wollen, ist der strukturalistische Ansatz von Interesse. Vor allem Roland Barthes hat sich in seinem Buch Mythen des Alltags mit dem Mythos als Bestandteil der Sprache auseinandergesetzt. Für ihn ist er vor allem etwas: eine „Rede“12. Er ist ein „System der Kommunikation, eine Botschaft [...], er ist eine Weise des Bedeutens, eine Form“13. Barthes nimmt sich dem Foucault’schen Diskursbegriff an, wenn er alles, was in einen Diskurs eingeht, als Sprache sieht und somit Mythenpotenzial hat. Barthes’ zentrale These lautet:

Diese Rede [Mythos] ist eine Botschaft. Sie muss keine mündliche sein, sondern kann auch aus Schriftzeichen oder Darstellungen bestehen. Der schriftliche Diskurs, aber auch die Photographie, der Film, die Reportage, der Sport, Schauspiele, Werbung, all das kann als Träger der mythischen Rede dienen. Der Mythos ist weder durch sein Objekt noch durch seine Materie zu definieren, denn man kann jede beliebige Materie willkürlich mit Bedeutung ausstatten.14

Lessing hat mit seinem Laokoon bereits darauf hingedeutet, dass das Bild stets mehr auf einmal preisgeben kann, als es ein Text vermag. Der Grundgedanke ist jedoch immer noch derselbe: Ob Text oder Bild, ein Mythos ist ein Narrativ. Wir müssen ihn als komplex beladene Sinneinheit verstehen, die über mehrere Generationen getragen und dabei ständig neu erzählt wird. Auch wenn die rationale Historiografie den Mythos schon längst durchleuchtet und entmythisiert hat, wird er trotzdem weitergegeben - aus den bereits genannten Gründen (s. vorheriges Kapitel). Der Mythos wirkt gerade deshalb, weil er stark verbildlicht, stark dramatisiert15 ist. Die Sinneinheit ist von aussen her gesehen simpel, hingegen weist sie im Innern eine komplexe Struktur auf. Es ist diese Zusammensetzung von Simplizität und Komplexität, die den Mythos ausmachen.

[...]


1 Armstrong, Karen: Eine kurze Geschichte des Mythos. Berlin: Berlin Verlag, 2005. S. 8.

2 „Viele Mythen ergeben keinen Sinn ausserhalb eines liturgischen Dramas, das sie mit Leben füllt, und lassen sich in einem profanen Rahmen nicht begreifen.“ - Armstrong 2005: 9.

3 „Wir alle möchten wissen, woher wir kommen; weil sich unsere Anfänge aber in Nebel der Vorgeschichte verlieren, haben wir über unsere Vorfahren Mythen geschaffen, die nicht die historischen Tatsachen schildern, sondern die jeweiligen Einstellungen zu unsrer Umwelt, unsren Nachbarn und unseren Sitten zu erklären helfen.“ - Armstrong 2005: 11f..

4 Kreis, Georg: Der Mythos von 1291: zur Entstehung des schweizerischen Nationalfeiertags. Basel: Friedrich Reinhardt, 1991.

5 Kreis 1991: 9.

6 Armstrong 2005: 13.

7 Kreis 1991: 12.

8 Cassirer, Ernst: Geschichte, Mythos: mit Beilagen: Biologie, Ethik, Form Kategorienlehre, Kunst, Organologie, Sinn, Sprache, Zeit. Hrsg. von Klaus Christian Köhnke [et al.]. Hamburg: F. Meiner, 2002. S. 175.

9 Vgl. Cassirer 2002: 175.

10 Cassirer 2002: 176.

11 Armstrong 2005: 14.

12 Barthes, Roland: Mythen des Alltags. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2010. S. 251

13 Barthes 2010: 251.

14 Barthes 2010: 252.

15 Ein gutes Beispiel dafür ist die Tellensage.

Details

Seiten
15
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656628576
ISBN (Buch)
9783656628552
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v271309
Institution / Hochschule
Universität Basel – Departement Geschichte der Universität Basel
Note
6.0
Schlagworte
Mythos Aufklärung Schweizer Geschichte Identitätskonstruktion nationale Identität Eidgenossenschaft Eidgenossen Befreiungstradition

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Der Begriff des Mythos am Beispiel der Eidgenossenschaft