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Die Rolle des frühpädagogischen Fachpersonals als Bindungsperson

Bachelorarbeit 2013 40 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Bindungstheorie
1.1. Historische Einordnung nach Bowlby.
1.2. Bindung - Definition
1.2.1. Das innere Arbeitsmodell
1.2.2. Bindungsverhalten und Trennungsangst
1.3. Bindungsmuster - Mary Ainsworth
1.4. Voraussetzung für sichere Bindungen: Feinfühligkeit und Verfügbarkeit.

2. Bindungsentwicklung und persönliches Wachstum
2.1. Sichere Bindung und ein positives Selbstbild.
2.1.1. Die Entwicklung sozialer und kommunikativer Kompetenzen.
2.2. Sichere Bindung und Exploration.
2.2.1. Unsicheres Bindungsverhalten und Entwicklungsprobleme
2.3. Bindung und Lernen - Gehirnentwicklung

3. Bindungspersonen im Kindergarten

3.1. Erzieherin als Bindungsperson
3.2. Bindungsqualität von Müttern und Erzieherinnen im Vergleich
3.3. Anforderungen an das frühpädagogische Personal in Bezug auf einen stabilen Beziehungsaufbau im Kindergarten.
3.3.1. Feinfühligkeit in einer Gruppensituation - Balance zwischen Gruppe und Individuum.
3.4. Bindungs- und Bildungskompetenz bei Erzieherinnen.
3.4.1. Die Aktivierung von Spielfreude bei Kindern.
3.5. Übergang von der Mutter-Kind zur Erzieher-Kind Bindung
3.5.1. Das Berliner Eingewöhnungsmodell
3.6. Räumliche und personelle Voraussetzungen für ein gelungenes Beziehungs- und Explorationsverhalten ..

4. Institutionelle Bindungsorientierung und die pädagogische Konzeption in der ´ Praxis
4.1. Der Hessische Bildungs- und Erziehungsplan
4.1.1. Die pädagogische Grundausrichtung
4.1.2 Die Funktion von Bindung
4.1.3. Die Rolle der frühpädagogischen Fachkraft als Bindungsperson
4.2. Strukturelle Qualitätsstandards für Kindertageseinrichtungen in Hessen.
4.3. Kritische Auseinandersetzung mit dem Bindungskonzept des Hessischen Bil- dungs- und Erziehungsplans.
4.4. Analyse der Konzepte Rasselbande und Montessori Kinderhaus.
4.4.1. Die Rasselbande
4.4.2. Kinderhaus der freien Montessori Schule Main-Kinzig
4.5. Vorschläge für eine bindungsoriente Ausrichtung im Kindergarten

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Bindungsforschung ging lange Zeit davon aus, dass ein Kind eine tiefe Bindung nur zu einer Bezugsperson, und zwar der Mutter, aufbauen kann. Durch den Ausbau der Kindergärten- und Krippenplätze hat die Bedeutung der frühpädagogischen Fachkraft als Bezugsperson zugenommen. Neuere Untersuchungen konzentrieren sich deswegen darauf, wie eine sichere Bindungsbeziehung in der Kindertagesstätte zwischen Kind und Erzieherin entstehen kann. Mittlerweile ist klar, dass Kinder entscheidende Bindungen zu mehreren Bezugspersonen aufbauen können, auch wenn diese Beziehungen von der Tiefe und der emotionalen Intensität nicht mit der Mutter-Kind Bindung vergleichbar sind.

Die folgende Bachelorarbeit ist in vier Bereiche gegliedert, die das Thema Bindung im Kontext der frühpädagogischen Kinderbetreuung näher beleuchten. Zunächst geht es um die theoretische Einordung und nähere Analyse von Bindung. Angefangen von einer historischen Einführung thematisiere ich im weiteren Verlauf die Eigenschaften einer sicheren Bindung sowie die unterschiedlichen Bindungsmuster. Im letzten theoretischen Abschnitt werden schließlich die entsprechenden Kriterien und Eigenschaften, die für eine verlässliche Bindungsbeziehung elementar sind, analysiert. Im zweiten Teil be- leuchte ich die positiven Auswirkungen einer sicheren Bindung auf die kindliche Ent- wicklung. Hierbei geht es zum einen um den Erwerb von kognitiven Kompetenzen in Bezug auf Lernfreude und Bildungsprozesse sowie zum anderen um die Fähigkeit, ein positives Selbstbild aufzubauen und empathisch auf andere zu reagieren.

Der thematische Schwerpunkt dieser Arbeit liegt im dritten Teil. Hier beschäftige ich mich mit den Mechanismen einer Bindungsbeziehung im Kindergarten der drei bis sechsjährigen Kinder. Grundsätzlich kann es hier zu Überschneidung mit dem Krippenalter bis zu drei Jahren kommen, da es in diesem Bereich die meisten wissenschaftlichen Untersuchungen gibt. Hierbei sind die meisten Untersuchungsergebnisse für beide Altersgruppen gültig, also auch auf den Kindergarten Bereich anwendbar. Zumal Kinder ganz unterschiedliche Entwicklungsstufen durchlaufen.

Im dritten Abschnitt untersuche ich die besonderen Bedingungen und Anforderungen, unter denen eine Bindung zwischen Erzieher und Kind entstehen kann. Diese spezifi- schen Merkmale werden dann in Vergleich mit der Mutter-Kind Bindung gesetzt, um mögliche Parallelen oder Unterschiede zu beschreiben. Darauf folgend wird die wichti- ge Übergangsphase von der Familie in die Kindertageseinrichtung beleuchtet, in der das Kind die Beziehung zu einer neuen Bindungsperson herstellt. Exemplarisch dafür steht das Berliner Eingewöhnungsmodell, auf das ich im Anschluss eingehe. Der letzte Ab- schnitt ist dann praxisbezogen und beschäftigt sich mit der aktuellen Bindungspraxis und den strukturellen Begebenheiten in der Kindertagesstätte. Hierbei setzte ich mich mit dem Hessischen Bildungs- und Erziehungsplan in Bezug auf die Wichtigkeit von Erzieher - Kinder Beziehungen auseinander. Anschließend geht es um die Analyse von zwei Kindergärten und die darin enthaltenen Bindungskomponenten. Im letzten Kapitel präsentiere ich schließlich Vorschläge, wie eine gelingende Bindungsorientierung im Kindergarten aussehen kann.

Bindungstheorie

1.1. Historische Einordnung nach Bowlby

Die Bindungstheorie beschreibt den Zusammenhang und die Wechselwirkung zwischen der persönlichen Entwicklung der Kinder und den Erfahrungen mit ihren elementaren Beziehungspersonen.1 Die Grundlagen des Bindungskonzeptes stammen von John Bowlby und wurden in den sechziger Jahren konzipiert.2

Maßgebend für diese Theorie waren seine Beobachtungen von Kindern in englischen Kinderheimen und Sanatorien.3 Bowlby untersuchte die seelischen Auswirkungen bei Kindern, die von ihren Eltern getrennt wurden. Insbesondere Trennungskinder zeigten seelische Störungen in Form von Rückzug. Dieses Verhalten war seiner Theorie entsprechend nicht Ausdruck von positiver Anpassung, sondern eher die Folge der psychischen Belastung durch die Abwesenheit der Bezugsperson.4

Auf Grundlage dieser Beobachtungen entwickelte Bowlby eine neue Theorie, wonach Bindung vor allem durch die emotionale Nähe zur Vertrauensperson entsteht.

Die Bindungstheorie untersucht somit den Zusammenhang zwischen der persönlichen Entwicklung von Kindern und ihrer sozialen Umgebung.5 Es geht um einen wechselsei- tigen Prozess zwischen der sozialen und emotionalen Entwicklung des Kindes und ihren Erfahrungen im Beziehungsskontext, vor allem mit der Mutter.6 Bowlby geht von einem Bindungsverhalten aus, dass von dem kindlichen Verlangen nach Geborgenheit und einer empathischen Mutter-Kind Beziehung geprägt ist. Mit diesem Ansatz untergrub er die damals vorherrschende Meinung zum kindlichen Bindungsverhalten, welche vor allem durch die Triebtheorie Freuds‘ geprägt war.7 Demnach ging die Wissenschaft bis in die fünfziger Jahre davon aus, dass vor allem die Befriedigung der kindlichen Triebe, wie etwa das Stillen durch die Mutter, elementar für das Entstehen von Bindung seien.8 Es war also die vorherrschende Meinung, dass Nahrungsaufnahme, vor allem über die Brust der Mutter, dem Kind Sicherheit gibt.9

„Als entscheidend für eine gelingende Persönlichkeitsentwicklung galt nun nicht länger die Triebunterdrückung[...], sondern „die intuitive emotionale Interaktion zwischen Kind und Bezugsperson.“10 Insofern hat sich die Bindungsforschung in den fünfziger Jahr schrittweise hin zu einer emotionalen Komponente einer stabilen Beziehung zuge- wandt.

1.2. Bindung - Definition

Das Bindungsverhalten beschreibt ein angeborenes Motivationssystem bei Säuglingen, dass die Aufgabe hat, sie vor Bedrohungen der Umwelt zu schützen.11 Laut Bowlby hat der Säugling ein angeborenes Grundbedürfnis nach Schutz, Sicherheit und Geborgen- heit der Mutter.12 Das Kind sucht demnach die vertraute Gegenwart der Mutter als Bin- dungsperson, um eigene Ängste oder Unruhe zu überwinden. Um diesen Wunsch nach Nähe zu signalisieren, aktiviert es Bindungsmuster, die sich in Weinen, Klammern oder Toben ausdrücken können.13 Insofern kommt Bindungsverhalten vor allem dann zum Ausdruck, wenn eine Trennung bevorsteht oder schon vollzogen ist.14

Die Befriedigung der kindlichen Bedürfnisse entsteht durch die kontinuierliche Präsenz und Feinfühligkeit der Mutter zum Kind. Mit diesem Verhalten signalisiert sie dem Säugling Geborgenheit und Schutz, wodurch eine enge Bindung zur ihr entstehen kann.15

Der Gründer der Bindungstheorie John Bowlby sieht die Aufgabe der Bindung darin, „[...]dem Kind ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen zu vermitteln, wenn es unter emotionaler Belastung […] auf die Unterstützung einer stärkeren und weiseren Person angewiesen ist.“16

Bindung ist in diesem Sinne kein Zustand, sondern ein Beziehungsprozess, der als fort- laufende emotionale Interaktion zwischen Kind und Bezugsperson über einen gewissen Zeitraum stattfindet und einen entscheidenden Anteil am persönlichen Wachstum des Kindes hat.17

1.2.1. Das innere Arbeitsmodell

Das im vorherigen Kapitel beschriebenen Bindungsverhalten von Säuglingen sieht Bowlby als „lebensnotwendige Verhaltensdisposition“18, um bei Gefahr den Schutz des Vertrauten zu suchen. Es handelt sich um ein „[…]mental verinnerlichtes Sicherheitssystem[…]19, das fest im Organismus verankert ist.

Das innere Arbeitsmodell beschreibt somit ein regulierendes System, welches das kind- liche Verhalten automatisch steuert und dann aktiviert wird, sobald Schutz und Sicher- heit benötigt werden.20 Mit den kontinuierlichen Beziehungserfahrungen entsteht also ein inneres Arbeitsmodell oder eine verankerte positive Repräsentation von einer Bin- dungsbeziehung, die so als regulierendes Verhalten im kindlichen Organismus gespei- chert werden. Durch die immer wiederkehrenden Bindungsmuster und deren wieder- kehrende positive Beantwortung durch die Bindungsperson in Form von Zuwendung und Feinfühligkeit kann das Kind diese emotionale Sicherheit verinnerlichen und als normalen Zustand hinnehmen.21 Das Kind bekommt somit eine Vorstellung von der Mutter und weiß, dass sie in Notsituationen verfügbar sein wird und die Bindungssigna- le eine bestimmte Reaktion bei der Mutter auslösen.22 „Es geht um die mentale Reprä- sentation von Beziehungs- und Interaktionserfahrungen, die das Kind mit seiner Mutter macht[…]“.23

1.2.2. Bindungsverhalten und Trennungsangst

Die Befriedigung der beschriebenen Bedürfnisse nach Schutz und Sicherheit sind die wesentlichen Faktoren für den Aufbau von Bindungsbeziehungen.

Das Bindungsverhalten wird besonders in solchen Situation aktiviert, in denen Tren- nungen von der Mutter kurz bevorstehen oder schon stattgefunden haben.24 Typische Merkmale eines solchen Verhaltens sind Schreien, Protest, Weinen und sich an die Mut- ter festklammern.25 Das Kind empfindet die Trennungssituation als Bedrohung, die schützende Basis zu verlieren und reagiert dementsprechend mit Verzweiflung und Un- ruhe. Diese emotionalen Reaktionen haben also den Sinn, die Nähe zu der Bezugsper- son aufrecht zu erhalten.26

Das Kind ist erst dann wieder beruhigt, wenn sein Bedürfnis nach Nähe befriedigt ist.27 In diesem Sinne kann der Wunsch nach Geborgenheit mit dem Verlangen nach Bindung gleichgesetzt werden.28 Wenn das Kind kein Bindungsverhalten zeigt und unbeschwert in der Gegenwart der Mutter ist, bedeutet dies nicht die Abwesenheit von Bindung. Es gibt demnach einen Unterschied zwischen Bindung und Bindungsverhalten.29 „Bindungsverhalten wird nur beim Wunsch nach Nähe oder unter Belastung gezeigt, aber eine Bindung besteht kontinuierlich über Raum und Zeit.30

1.3. Bindungsmuster - Mary Ainsworth

Entscheidend für das Verständnis von Bindungsverhalten bei Kindern waren die Unter- suchen von Ainsworth der fremden Situation in den sechziger Jahren.31 Die Fremde Situation ist ein Untersuchungssetting mit Kindern, Müttern und fremden Personen, das aus acht Episoden besteht.32 Dieses Experiment zeigt, welches Bindungs- verhalten ein Kind in unterschiedlichen sozialen Belastungssituationen äußert.33 Hierbei wurden zwölf Monate alte Kinder zusammen mit ihren Müttern in ein für sie unbekanntes Spielzimmer gebracht. Im ersten Schritt gehen Kind und Mutter zusammen in den neuen Raum. Als nächstes erforscht das Kind die ungewohnte Situation und ver- sucht sich daran zu gewöhnen. Im Folgenden werden Mutter und Kind mit einer frem- den Person konfrontiert, die den Raum betritt. In der nächsten Szene entfernt sich die Mutter aus dem Raum und lässt das Kind mit dem Fremden alleine zurück. Kurze Zeit darauf kommt die Mutter zurück und der Fremde verlässt den Raum. Im nächsten Schritt verlässt die Mutter den Raum und das Kind verbleibt zurück. Nun kommt der Fremde wieder in den Raum und schließlich betritt die Mutter den Raum, während der Fremde sich wieder entfernt.34

Aufgrund der Beobachtungen der kindlichen Reaktion bei Trennung und Wiederverei- nigung konnte Mary Ainsworth drei verschiedene Muster von Bindungsverhalten aus- machen.

a) Sicher gebundene Kinder.

Charakteristisch für sicher-gebundene Muster war die protestierende und klammernde Haltung der Kinder, wenn die Mütter den Raum verließen. Bei deren Rückkehr begrüß- ten sie ihr Mutter freudig.35 Dabei nutzten sie ihre Gegenwart zu Erkundung und Explo- ration.36 Den Fremden sahen sie als Spielpartner, aber nicht als Bindungsperson an.

b) Unsicher-vermeidend gebundene Kinder

Die Kinder dieses Bindungstyps nahmen die Trennung von der Mutter eher gleichgültig hin und zeigten auch bei ihrer Rückkehr kaum Emotionen. Das Verhalten ist geprägt durch Vermeidung von jeder Art von Kontakt zur Mutter.37

c) Unsicher ambivalent gebundene Kinder

Das dritte Bindungsmuster steht für ein widersprüchliches Verhalten der Kinder. Sie zeigten bei der Rückkehr der Mutter einerseits typisches Bindungsverhalten, wie An- klammern und Schluchzen und nur wenige Sekunden später aggressiv-ablehnendes Verhalten.38

c1) Desorganisierte Kinder

Diese Gruppe wurde erst 1990 als Bindungstyp klassifiziert und kann als Untergruppe von den unsicher ambivalent gebundenen Kindern bezeichnet werden.39 Die Kinder mit diesen Eigenschaften zeigten bizarre und undefinierbare Verhaltenswei- sen, wie seltsam anmutende Bewegungen, wenn sie ihre Mütter wiedersahen. Dieses Bindungsmuster scheint typisch zu sein für eine unsichere Beziehung zwischen Kind und Mutter. Die Mutter bietet demnach kaum Sicherheit, sondern löst eher Angst bei den Kindern aus.40

Die Tabelle verdeutlicht nochmal die entsprechenden Reaktionstypen der Kinder bei der Wiedervereinigung mit der Mutter in der fremden Situation.41 Hierbei zeigt sich deutlich, dass sicher gebundene Kinder eher kontaktfreudig und sozial kompetenter als ihre Gefährten aus unsicher gebundenen Beziehungen sind.

1.4. Voraussetzung für sichere Bindungen: Feinfühligkeit und Verfügbarkeit

Elementar für eine gesunde Selbstständigkeit und Stärkung des Kindes sind sichere Bindungen zu seinen Bezugspersonen. Durch welche Verhaltensweisen können nun vertrauensvolle Beziehungen gefördert werden? Ein elementarer Aspekt für die sicher- gebundenen Kinder sind nach Ainsworth Feinfühligkeit sowie emotionale und physi- sche Präsenz.42 Feinfühliges Verhalten der Bezugsperson bedeutet hier, die kindlichen Verhaltensmuster richtig einzuschätzen und interpretieren zu können.43 „[…] Das Kon- strukt Sensitivität umfasst die Aufmerksamkeit gegenüber dem Kind, die Wahrneh- mung, empathische Deutung sowie adäquate und prompte Reaktion auf seine Gefühle und Bedürfnisse.“44 Das Kind erkennt somit einen Zusammenhang zwischen seinen Signalen und der mütterlichen Handlung.45 Es fühlt sich zudem angenommen und ak- zeptiert, wenn die Mutter liebevoll auf seine Mitteilungen und Gesichtsausdrücke rea- giert.46 Diese positive Annahme der kindlichen Gefühlsäußerungen wirkt beruhigend auf das Kind und ist elementar für den Aufbau von Feinfühligkeit. Um die kindlichen Gefühle richtig deuten zu können, muss sich die Mutter in das Kind hinein versetzen können. Durch diese Einfühlung in die kindliche Perspektive versteht sie, was das Kind wirklich braucht und kann seine Bedürfnisse richtig deuten.47 Durch die tröstende und einfühlsame Reaktion der Bezugsperson erfährt es auch eine positive Regulierung der eigenen Gefühle, wie Wut, Trauer und Enttäuschung.48 Es lernt somit in der Interaktion mit der Mutter, eigene Kommunikations- und Verhaltens- forme einzusetzen, um bestimme Verhaltensweisen der Mutter zu aktivieren, wie etwa Geborgenheit oder Aufmerksamkeit.49 Dieses Bindungsverhalten ist als Prozess zu ver- stehen, der je nach dem Stand der frühkindlichen Entwicklung stärker und schwächer ausfallen kann.

Neben der empathischen Kompetenz ist auch die Verfügbarkeit ein elementarer Faktor für Bindungssicherheit. Das Kind braucht die Gewissheit, dass eine beständig verfügba- re Bezugsperson in der Nähe ist, zu der es immer wieder zurückkehren kann. Das bedeutet nicht, dass die Mutter fortwährend das Kind halten oder wiegen muss, sondern eher, dass sie es im Auge hat und wahrnimmt.50 Die kontinuierliche Präsenz der Mutter ist gerade in den ersten Lebensmonaten besonders wichtig, um dem Kind die Ängste zu nehmen und ihm Sicherheit zu geben, beispielsweise wenn eine fremde Per- son auftaucht oder eine unerwartete Situation eintritt.51 Die Mutter wird somit als siche- re Basis von dem Kind wahrgenommen, um von hier aus neugierig und angstfrei die Umgebung zu erforschen.52

„Lächeln (und Lachen) des Kindes ermutigt die Betreuungsperson, sich emotional warm und stimulierend in den Dialog einzubringen.“53

2. Bindungsentwicklung und persönliches Wachstum

2.1. Sichere Bindung und ein positives Selbstbild

Der positive Aspekt einer sicheren Bindung mit einer feinfühligen Mutter ist das Ent- stehen eines wohlwollenden Selbst- und Fremdbildes des Kindes.54 Bereits im Säug- lingsalter empfindet das Kleinkind ein positives Erlebnis, wenn es eine mitfühlende Reaktion der Mutter auf Gefühle, wie etwa Angst, erhält. Da das Kind weiß, dass die Mutter bei Gefahr als schützende Bindungsfigur zur Verfügung steht. Erst dann fühlt es sich selbst auch sicher und traut sich zu, Neues auszuprobieren.55 Besonders wertvoll sind die positiven Auswirkungen einer sicheren Bindung auf die eigene Wahrnehmung des Kindes. Durch den feinfühligen Umgang mit der Mutter lernt das Kind, Vertrauen zu anderen zu entwickeln und bezieht diesen liebevollen Umgang auch auf die eigene Person.56 Es verinnerlicht praktisch die positiven Erfahrungen mit der Mutter in das Selbstbild.

Eine verlässliche Bindung fördert somit eine hohe Selbstachtung, da das Kind erlebt, dass es einen so hohen Stellenwert hat, dass weil eine andere Person auf seine Bedürf- nisse eingeht.57

Ein weiterer Aspekt ist die Regulierung der eigenen Emotionen, wie Trauer, Angst oder Wut. Die feinfühlige Interaktion mit der Mutter hilft dem Kind, eigene beunruhigende Erfahrungen neu zu bewerten und somit die Trauer leichter zu ertragen.58 Die Mutter dient somit auch als Katalysator für eigene negative Emotionen.59 Denn der Säugling interpretiert die wohlwollende Reaktion der Mutter als seinen eigenen Gemütszustand und kann diese positiven Erfahrungen nach und nach in das eigene Handlungskonzept einbauen. Es lernt hierbei, eigene Gemütszustände wahrzunehmen und die Wirkung des eigenen Handelns zu verstehen und zu interpretieren.60

„Offenes Kommunizieren negativer Gefühle bewirkt in sicheren Beziehungen Nähe und Unterstützung und damit emotionale Sicherheit.“61

[...]


1 Vgl. Drieschner, E. „Bindung und kognitive Entwicklung - ein Zusammenspiel“, Expertise der Weiterbildungsinitiative frühpädagogische Fachkräfte, München 2011, S.8

2 Vgl. Grossmann, K./ Grossmann, E.K., „Bindungen - Das Gefüge psychischer Sicherheit“, Stuttgart 2012 , S.31 u. S. 69

3 Vgl. Ebd. S. 68

4 Vgl. Ebd. S. 68

5 Vgl. Drieschner, E. „Bindung und…“ Expertise, München 2011, S.8

6 Vgl. Grossmann, K./ Grossmann, E.K., „Bindungen - Das…“, Stuttgart 2012, S.67

7 Vgl. Drieschner, E. „Bindung und…“, Expertise, München 2011, S.9

8 Vgl. Ebd. S.10

9 Vgl. Largo, R., „Kinderjahre“, München 2008, S. 98

10 Drieschner, E. „Bindung und…“, Expertise, München 2011, S.10

11 Vgl. Martin, A., „Bindungsmuster und Gegenübertragung“, Dissertation Online-Ressource, Jena 2005, http://www.db-thueringen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-12170/Martin/Dissertation.pdf (aufg. 03.05.2013) S.11

12 Vgl. Dornes, M., „Die frühe Kindheit“, Frankfurt a M. 1999, S. 221

13 Vgl. Ebd.

14 Vgl. Ahnert, L., „Frühe Bindung“, München 2008, S.67

15 Vgl. Drieschner, E., „Bindung und…“, 2011 München, S.10

16 Grossmann, E.K./Grossmann, K., „Bindung und menschliche Entwicklung “, Stuttgart 2003, S.33

17 Vgl. Grossmann, K./ Grossmann, E.K., „Bindungen - Das…“ , Stuttgart 2012, S.31

18 Vgl. Ebd. S.40

19 Ahnert, L., „Wieviel Mutter braucht ein Kind?“, Heidelberg 2010, S. 45

20 Vgl. Ahnert, L., „Frühe Bindung“, München 2008, S.71

21 Vgl. Ebd S.71

22 Grossmann, K.E./Zimmermann, P., „Die Bindungstheorie: Modell, entwicklungspsychologische Forschung und Ergebnisse“ In: Keller, Heidi, „Handbuch der Kleinkindforschung“, Bern 1997, S.60

23 Vgl. Hopf, C., „Frühe Bindungen und Sozialisation“, Weinheim und München 2005, S.61

24 Selbstverständlich können Krankheiten oder andere seelische Belastungen ebenfalls solche Bindungsmuster hervorrufen

25 Vgl. Drieschner, E., „Bindung und…“, 2011 München, S.12

26 Vgl. Grossmann, K./ Grossmann, E.K., „Bindungen - das…“, Stuttgart 2012, S.73

27 Vgl. Martin, A., „Bindungsmuster und …“, Dissertation Online-Ressource, Jena 2005, S.12

28 Vgl. Grossmann, K./ Grossmann, E.K., „Bindungen - Das…“,Stuttgart 2012, S. 73

29 Vgl. Grossmann, K./ Grossmann, E.K., „Bindungen - Das..“, Stuttgart 2012, S.73

30 Vgl. Grossmann, K./ Grossmann, E.K., „Bindungen - Das…“,Stuttgart 2012, S.73

31 Vgl. Martin, A., „Bindungsmuster und…“, Dissertation Online-Ressource 2007, Jena 2005, S.13

32 Vgl. Dornes, M., „Die frühe…“, Frankfurt am Main 1999, S.177ff

33 Vgl. Ahnert, L., „Frühe Bindung“, München 2008, S.86

34 Vgl. für den vorherigen Abschnitt: Dornes, M., „Die frühe…“, Frankfurt 1997, S. 177

35 Vgl. Drieschner, E., „Bindung und…“, 2011 München, S.12

36 Vgl. Ahnert, L., „Frühe Bindung“, München 2008, S.86

37 Vgl. Ebd.

38 Vgl. Dornes, M., „Die frühe…“, Frankfurt 1997, S. 177

39 Vgl. Ahnert, L., „Frühe Bindung“, München 2008, S.88

40 Vgl. Drieschner, E., „Bindung und…“, 2011 München, S.12

41 Aus Ahnert, L., „Frühe Bindung“, München 2008, S.88

42 Vgl. Hopf, C., „Frühe Bindungen und Sozialisation“, Weinheim und München 2005, S.61

43 Vgl. Ebd. S.58

44 Drieschner, E., „Bindung und…“, München 2011, S. 12-13

45 Vgl. Ahnert, L., „Frühe Bindung“, München 2008, S.32

46 Vgl. Drischner, E., „Bindung und…“, 2011 München, S.11

47 Vgl. Hopf, C., „Frühe Bindungen und Sozialisation“, Weinheim und München 2005, S.60

48 Vgl. Drischner, E., „Bindung und…“, 2011 München, S.13

49 Vgl. Ahnert, L., „Wieviel Mutter…?“, Heidelberg 2010, S.43

50 Vgl. Ahnert, L., „Frühe Bindung“, München 2008, S.32

51 Vgl. Ahnert, L., „Wieviel Mutter … ?“, Heidelberg 2010, S.44ff

52 Ebd. S. 44

53 Ebd. S. 43

54 Vgl. Grossmann, K./ Grossmann, E.K., „Bindungen - Das…“, Stuttgart 2012, S.123

55 Vgl. Grossmann, K./ Grossmann, E.K., „Bindungen - das Gefüge psychischer Sicherheit“, Stuttgart 2008, S.123

56 Ebd. S.173

57 Vgl. Ahnert, L., „Wieviel….?“, Heidelberg 2010, S. 47

58 Grossmann, K.E./Zimmermann, P.,: „Die Bindungstheorie: Modell…“, Bern 1997, S.60

59 Vgl. Ahnert, L., „Wieviel….?“, Heidelberg 2010, S. 68

60 Vgl. Ahnert, L., „Wieviel….?“, Heidelberg 2010, S. 68

61 Grossmann, K.E./Zimmermann, P., „Die Bindungstheorie: Modell….“, Bern 1997, S. 60

Details

Seiten
40
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656683391
ISBN (Buch)
9783656683506
Dateigröße
745 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v271303
Institution / Hochschule
Universität Kassel – Humanwissenschaften / Sozialwesen
Note
1,7
Schlagworte
Bindung Frühpädagogische Bindungsperson Frühpädagogik Bindugnsperson Bindungsentwicklung Bindungsverhalten Frühpädagogisches Fachpersonal Kindergarten Kindertagesstätte Kita Erzieher

Autor

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Titel: Die Rolle des frühpädagogischen Fachpersonals als Bindungsperson