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Walther von der Vogelweide. Analyse und Interpretation von "Nement, frowe, disen cranz"

Seminararbeit 2012 18 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Gedichtanalyse
2.1 Thematik
2.2 Metrik
2.3 Wortwahl
2.4 Satzbau
2.5 Klang
2.6 Bildlichkeit
2.7 Perspektive
2.8 Zeit
2.9 Raum
2.10 Aufbau

3 Rhetorische Mittel
3.1 Tropen
3.2 Figuren
3.2.1 Sinnfiguren
3.2.2 Wort- und syntaktische Figuren
3.3 Topoi

4 Überlieferung / Edition

5 Zusammenfassende Interpretation

6 Literaturverzeichnis

7 Appendix

1 EINLEITUNG

Walther von der Vogelweide wurde von der Forschung stets eine wichtige Rolle im literarischen Betrieb des Hochmittelalters zugesprochen, was auch seine immer noch stark ausgeprägte Präsenz in der Literaturforschung zu erklären vermag.

Doch die Forschung sieht sich in diesem Bereich mit großen Problemen konfrontiert, da es sich beim Mittelalter nicht um eine durchwegs greifbare Epoche handelt, sondern vielmehr um eine sehr spärlich dokumentierte Zeitspanne, von der wir nicht wissen können, welche wichtigen literarischen Dokumente uns erhalten sind und was jedoch verloren gegangen ist. Auch jene literarischen Zeugnisse, die auf uns gekommen sind, bringen häufig das Problem der Authentizität mit sich, was vor allem als Konsequenz der jahrelangen mündli- chen Überlieferung zu sehen ist. Die meisten dieser erhaltenen Texte wurden nämlich erst viel später niedergeschrieben und damit für uns greifbar gemacht. Außerdem war es auch eher selten, dass solche literarischen Dokumente mit Autorennamen versehen wurden, was uns vor weitere Schwierigkeiten stellt. Dieser Probleme muss man sich bei der Untersu- chung von solchen Texten bewusst sein, denn eine ganz und gar authentische Version des Textes kann aus heutiger Perspektive nicht mehr geschaffen werden. In diesem Bereich ist der Vergleich von Quellen nötig, um zumindest zu annähernden Lösungen zu kommen.

Gegenstand dieser konkreten Untersuchung soll eines der Lieder aus dem Repertoire Walthers von der Vogelweide sein: Nement, frowe, disen cranz1 . Hierbei soll Cormeaus Edition als Ausgangspunkt dienen.

Einführend soll das Lied auf formale und inhaltliche Besonderheiten untersucht werden, was für das weiterführende Verständnis eine wichtige Rolle spielt. Nach diesen ersten Arbeitsschritten soll schließlich näher auf die Überlieferungssituation und auf die verschiedenen Editionen eingegangen werden, um hierzu einen groben Überblick zu ermöglichen und zu erörtern, wie viele unterschiedliche Versionen dieses Textes auf uns gekommen sind, bzw. wie die Editoren mit der Quellenlage umgehen.

Ziel dieser Arbeit soll demnach eine umfassende Interpretation dieses Textes aus allen gängigen wissenschaftlichen Blickwinkeln sein, um so den Text hilfreich aufbereiten zu können, sodass er für weiterführende Fragestellungen und Forschungen hilfreich sein und zu einer erheblichen Zeitersparnis beitragen kann.

2 GEDICHTANALYSE

2.1 Thematik

In dem zu untersuchenden Lied geht es um eine Frau, die von dem lyrischen Ich, das dem- nach als Mann identifiziert werden kann, besungen wird. Die erste Strophe (vgl. L 74, 20ff.) beschreibt die Begegnung der beiden Personen beim Tanz und das lyrische Ich über- reicht der Frau einen symbolischen Blumenkranz. Gleichzeitig jedoch äußert es den Wunsch, der Frau etwas weitaus Schöneres schenken zu können, wie in diesem Falle edele gesteine (L 74,24).

In der zweiten Strophe (vgl. L 75,9ff.) verweist das Ich auf einen entfernten Locus amoenus, indem es andeutet, dass es eine ferne Heide mit vielen weißen und roten Blumen kenne, wo sich ein symbolisches Blumenbrechen anböte. Anzumerken ist, dass in dieser zweiten Strophe noch die direkte Rede der ersten Strophe fortgeführt wird. Das Mädchen wird also unmittelbar angesprochen.

Nach diesem Verweis auf besagten Locus amoenus wird die Handlung weiter vorangetrie- ben. Es kommt nun in der dritten Strophe (vgl. L 74,28ff.) heraus, dass die Frau oder das Mädchen den Kranz annimmt und sich schüchtern und beschämt verneigt, was das lyrische Ich als Dankesgestik interpretiert. Es sieht sogar mehr in dieser Gestik: den Lohn für sein Bemühen um diese Frau.

Die vierte Strophe (vgl. L 75,17ff.) schildert einen Traum, den das lyrische Ich durchlebt, wobei es darin zu der sexuellen Erfüllung der Liebe zwischen den beiden Protagonisten kommt, was allerdings nur metaphorisch, dennoch aber explizit dargestellt wird. Die fünfte Strophe (L 75,1ff.) geht nun auf die Folgen dieser Begegnung zwischen dem lyrischen Ich und seiner Verehrten näher ein und beschreibt, dass das Ich im Sommer alle Mädchen genau betrachten muss, da es ja immerhin sein könnte, dass sich die Geliebte unter den Mädchen befindet. Die möglichen Interpretationsarten dieser letzten Strophe sind in der abschließenden Interpretation noch genauer zu behandeln.

Die Empfindungen des lyrischen Ichs werden auch explizit ausgedrückt, wie dies beispielsweise in den ersten beiden Verszeilen der vierten Strophe (L 75,17f.) der Fall ist, wo klar angemerkt wird, dass sich der Sprecher noch nie besser gefühlt habe, als in jenem einen Moment. Bemerkenswert ist außerdem, dass die angesprochene Frau im Zuge eines Tanzes angesprochen und umworben wird.

2.2 Metrik

Um die metrische Struktur des zu bearbeitenden Liedes ordentlich diskutieren zu können, ist diesem Kapitel eine metrische Transkription der ersten Strophe (vgl. L 74,20ff.) voran- gestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie die Form der Strophen nahelegt, handelt es sich hierbei um eine 8-zeilige Stollenstro- phe, die auch von Schweikle2 als solche identifiziert wird. Dabei gibt es, wie für die Stol- lenstrophe charakteristisch, einen Aufgesang, der aus zwei parallel gebauten Stollen be- steht, und einen davon unterschiedlich gebauten Abgesang. Auch Kasten/Kuhn3 stellen das Vorliegen einer 8-zeiligen Stollenstrophe fest und kommen damit zum gleichen Ergebnis wie Schweikle.

Zu unterschiedlichen Erkenntnissen kommen Schweikle und Kasten/Kuhn jedoch bei der Frage nach den Hebungen in den Versen. Nachvollziehbarer erscheint jedoch die Lösung von Kasten/Kuhn4, die davon ausgehen, dass folgendes Schema dem Lied zugrunde liegt: 3a 6b 3a 6b (Aufgesang) und 4c 3d 3d 4c (Abgesang). Bei dieser Auffassung sind zwar die Kadenzen nicht miteinbezogen, was aber vermutlich damit zusammenhängt, dass es sich hierbei nur um ein Grundschema handelt. Dieses Grundschema kann auch auf die weiteren Strophen des Liedes übertragen werden, allerdings stimmen die Kadenzen nicht immer mit der ersten Strophe überein. Das Reimschema abab cddc stimmt in allen Strophen überein.

2.3 Wortwahl

Bei der Betrachtung der Wortwahl im zu untersuchenden Lied fällt relativ schnell auf, dass keine Eigennamen genannt werden, die Personen bleiben also anonym. Auch der Sprecher selbst wird nicht näher spezifiziert, allerdings tritt er häufig explizit als Ich in den Vorder- grund, was natürlich stark mit der Erzählsituation zusammenhängt, immerhin erinnert sich das lyrische Ich an etwas.

Ansonsten stechen noch die Adjektive, welche meist ornativen Charakter aufweisen, wie beispielsweise bei sch œ nen bluomen (L 74,23), und der Ausruf in der 5. Strophe ow ê (L 75,8) ins Auge.

Interessant sind auch die Anmerkungen Schweikles5, der mit dem in der zweiten Strophe vorkommenden Wort schappel (L 75,10) ein altfrz. Lehnwort identifiziert. In der dritten Strophe findet sich mit trage ich tougen (L 74,35) eine idiomatische Wendung6, die ausdrücken soll, dass etwas geheim gehalten werden soll. Eine weitere besondere Wortform sieht Schweikle schließlich in meiden, das in der fünften Strophe vorkommt (L 75,2). Dabei handelt es sich um eine Kontraktionsform von maget7.

Hinsichtlich der Wortwahl könnte man natürlich noch weiter ins Detail gehen, jedoch sollen solche spezifischen Phänomene nicht weiter ins Zentrum der Betrachtungen gerückt werden, da dies den Rahmen der Arbeit sprengen würde.

2.4 Satzbau

Der Satzbau ist nicht sonderlich kompliziert gestaltet, jedoch gibt es dennoch einige Be- sonderheiten zu diskutieren, die bei einer Analyse nicht unbeachtet bleiben sollten. Anzu- merken ist insbesondere, dass einige Sätze bzw. Satzteile über die Verszeilen hinausgehen, was in der ersten Strophe (vgl. L 74,22f.), in der dritten Strophe (vgl. L 74,30f.), in der vierten Strophe (vgl. L 74,17f. / 74,19f. / 74,22f.) und schließlich auch in der fünften Stro- phe (vgl. L 75,2f. / 75,6f.) der Fall ist. In der zweiten Strophe findet sich kein solcher Zei- lensprung.

Interessant sind auch die zahlreichen Aufforderungen, die im Lied vorkommen, wie in der ersten Verszeile, wo es heißt: Nement, frowe, disen cranz (L 74,20). Eine weitere Auffor- derung findet sich ebenfalls in der ersten Strophe, wo mit den Worten s ê nt mine triuwe, daz ich ez meine (L 74,27) das Vertrauen der angesprochenen Frau gewonnen werden soll.

2.5 Klang

Klangliche Phänomene finden sich im Lied durchaus einige, allerdings nicht überdurch- schnittlich viele. Am häufigsten kommen in dieser Hinsicht Alliterationen im Lied vor. Die erste dieser Alliterationen sticht in der zweiten Strophe ins Auge, wo das lyrische Ich zu erkennen gibt, dass es der Frau den Kranz g erne geben will (L 75,10). In derselben Strophe sorgt schließlich auch noch b rechen beide (L 75,16) für einen auffälligen, alliterierenden Klang. Die dritte Strophe lässt mit w angen wurden (L 74,30) und schließlich mit trage ich tougen (L 74,35) des Rezipienten Ohr hellhörig werden. Eine auffällige Alliteration findet sich abschließend auch noch in Strophe fünf mit m eiden muoz (L 75,2).

2.6 Bildlichkeit

Es sei bereits vorab verraten, dass es durchaus Werke gibt, die reicher an sprachlichen Bildern sind, jedoch lassen sich auch in diesem Lied Walthers einige sprachliche Bilder finden, die durchaus ihren Zweck erfüllen. Ein sehr eindeutiger Vergleich findet sich in der dritten Strophe, wo mit same diu r ô se (L 74,31) die roten Wangen der Frau mit jener edlen Blume in Bezug gesetzt werden.

Prinzipiell überwiegen bei den sprachlichen Bildern vor allem die Allegorie und die Meta- pher.

[...]


1 Walther von der Vogelweide: Leich, Lieder, Sangsprüche. 14., völlig neubearb. Aufl. der Ausgabe Karl Lachmanns mit Beiträgen von Thomas Bein und Horst Brunner. Hrsg. v. Christoph Cormeau. Berlin / New York: de Gruyter 1996, S. 167f. In der Folge textintern zitiert nach der Lachmannschen Zählung: L 74,20ff.

2 Vgl. Walther von der Vogelweide: Werke. Gesamtausgabe. Bd. 2: Liedlyrik. Mittelhochdeutsch /Neuhochdeutsch. Hrsg., übersetzt und kommentiert von Günther Schweikle. Stuttgart: Reclam 1998 (= Universal-Bibliothek 820), S. 674. In der Folge zitiert als: Schweikle.

3 Vgl. Deutsche Lyrik des frühen und hohen Mittelalters. Edition der Texte und Kommentare v. Ingrid Kasten. Übersetzung v. Margherita Kuhn. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1995 (= Bibliothek des Mittelalters 3 / Bibliothek deutscher Klassiker 129), S. 961. In der Folge zitiert als: Kasten/Kuhn.

4 Vgl. Kasten/Kuhn, S. 961.

5 Vgl. Schweikle, S. 677.

6 Vgl. ebda.

7 Vgl. Schweikle, S. 678.

Details

Seiten
18
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656631231
ISBN (Buch)
9783656631200
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v271265
Institution / Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz – Germanistik
Note
2
Schlagworte
Mediävistik Alte Literatur Ältere deutsche Literatur Walther von der Vogelweide Literaturwissenschaft Textanalyse Text Analyse

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