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Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Verführer des Volkes: Propaganda im 2. Weltkrieg

Aufbau, Funktion und Wirkung der NS-Propaganda während des 2. Weltkrieges von Nicole Nette
Einleitung
Aufbau des Propagandaapparats
Funktionsweise des Propagandaapparats im Krieg
Wirkungsweise und Erfolg des Propagandaapparats
Fazit – Einschätzung
Literatur

Der Tod im Krieg fürs Vaterland: Der Umgang der nationalsozialistischen Propaganda mit dem Soldatentod im 2. Weltkrieg von Daniel Heisig

Einleitung
Hinführung
Der Nationalsozialismus als politische Ersatzreligion
Der Tod als Gefahr für das politische Kollektiv des NS
Der Soldatentod in der Wehrmacht des Zweiten Weltkrieges
Kenntnisnahme und –stand über den Soldatentod bei der NS-Führung
Nationalsozialistische Propagandaformen
Stalingrad als Bruchstelle nationalsozialistischer Mythen
Fazit
Anhang: Todesanzeigen aus „Das schwarze Korps“ vom 19.10.1944
Abkürzungsverzeichnis
Literaturverzeichnis

Propaganda Audiovisuell. Nationalsozialistische Propaganda in Film- und Wochenschau von Karin Aldinger

Einleitung
Der Stand der Forschung und aktuelle Tendenzen
Quellenlage und Kritik
Organisation des Filmwesens im Dritten Reich
Das Kino
Die thematische Ausrichtung des Films
Dokumentar- und Kulturfilm
Die Wochenschau
Zusammenfassung
Literatur

Der Zweite Weltkrieg als Rundfunkkrieg von Johannes Kaufmann
Vorwort
Abkürzungsverzeichnis
Einleitung
Der Begriff der Propaganda
Krieg im Äther
Erwartete Ergebnisse
Die Organisation der Rundfunkpropaganda in Deutschland und Großbritannien
Neuausrichtung des deutschen Rundfunks im März 1937
Die Generalbevollmächtigten Hinkel und Fritzsche
Propagandastrategien im Kampf um deutsche Hörer
Glaubwürdigkeit als wichtigster Wirkungsfaktor – Die Maximen des Deutschen Dienstes der BBC
Einfach die Fakten sprechen lassen? – Chancen und Probleme des Deutschen Dienstes in einem erfolgreichen Krieg
Hypnotische Verführung oder Anpassung an den Volkswillen? – Die Rolle des Hörers zwischen ‚Reflexamöbe‘ und aktivem Mitgestalter des Rundfunks im Zweiten Weltkrieg
Vergleichende Zusammenfassung und Schlussbemerkung
Literaturverzeichnis

Aufbau, Funktion und Wirkung der NS-Propaganda während des 2. Weltkrieges von Nicole Nette, 2006

Einleitung

Es ist unumstritten, dass die Propaganda, wegen ihrer ungeheuerlichen suggestiven Kraft, eine der wichtigsten Machtpfeiler des NS-Regimes darstellte. Etliche wissenschaftliche Arbeiten befassen sich mit dem Führerprinzip und -mythos, dessen Erhalt oberstes Ziel dieser Propaganda war. Denn ohne Hitler als personifizierte Staatsgewalt wäre die gesamte NS-Ideologie nicht haltbar gewesen. Allerdings liegt der Schwerpunkt dieser Arbeiten meistens auf der Machtergreifung sowie der Vorbereitung des Krieges. Zudem setzen sich die Arbeiten häufig mit einem konkreten Phänomen der Propaganda auseinander, wie beispielsweise dem Rundfunk oder Film als Mittel der Propaganda. Die Rolle der NS-Propaganda während des 2. Weltkrieges scheint mir dagegen eher stiefmütterlich behandelt worden zu sein. Ganz gleich, ob man nun nach allgemeinen Überblickswerken zu diesem Thema oder detaillierten Diskursen sucht.

Aus diesem Grund wird diese Arbeit einen knappen Überblick zur NS-Propaganda während des 2. Weltkrieges geben, d.h. sie informiert über den allgemeinen Aufbau des Propagandaapparates im nationalsozialistischen Deutschland, über dessen Funktionsweise und über dessen Wirkung und Erfolg bzw. Misserfolg. Dabei gilt das besondere Augemerk stets der Zeit von 1939 bis 1945, sodass Machtergreifung und Mobilmachung weitestgehend ausgeklammert werden.

Diesem Grundgedanken entsprechend gliedert sich die Arbeit in drei große Abschnitte. Erstens dem Aufbau, zweitens der Funktionsweise und drittens der Wirkung. Die Erläuterungen zum Aufbau stellen dabei den seitenmäßig umfangsreichsten Teil dar, weil sie die Grundlage für die darauf folgenden Schilderungen bilden. Aufgrund des vorgegebenen Rahmens dieser Arbeit, kann verständlicher Weise nicht auf jede propagandistische Einrichtung eingegangen werden. Als Auswahlkriterium dient daher wiederum die Relevanz der Abteilungen für die Propagandapolitik während des Krieges, also inwiefern gab es strukturelle Veränderung seit Beginn des Krieges oder kriegsbedingte Erweiterungen von Aufgabenbereichen. Im zweiten Teil werden dann die wesentlichen Bereiche der Kriegspropaganda aufgegriffen, jedoch – mit Blick auf den Umfang – ohne detaillierte Angaben zu Methoden und verwendeten Mittel. Und schließlich im dritten Abschnitt folgt ein knappes Resümee über den Erfolg der NS-Propaganda während des Krieges.

Demnach kann diese Arbeit letztlich nur als Schlaglicht zur Thematik dienen und zur vertiefenden Recherche anregen.

Aufbau des Propagandaapparats

Allgemeine Aufgaben des RMVP

Am 13. März 19331 wurde das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda2 gegründet, dessen zentrale Aufgaben in „der Aufklärung und Propaganda unter der Bevölkerung über die Politik der Reichsregierung und den nationalen Wiederaufbau des deutschen Vaterlandes“3 bestanden. In der „Führer-Verordnung“ vom 30. Juni 19334 wurden die Zuständigkeiten des Propagandaministeriums – wenn auch gegenüber anderen Behörden unzureichend abgegrenzt5 – festgelegt. Das Propagandaministerium sollte „alle Aufgaben der geistigen Einwirkung auf die Nation, der Werbung für den Staat, Kultur und Wirtschaft, der Unterrichtung der in- und ausländischen Öffentlichkeit über sie und der Verwaltung aller diesen Zwecken dienenden Einrichtungen“6 übernehmen, um die Bevölkerung für die Kriegspläne Hitlers zu begeistern und zu mobilisieren. Aufgrund dessen wurden die gesamten Geschäftsbereiche der Reichsministerien umstrukturiert. Das Reichsinnenministerium gab beispielsweise die Sachgebiete für Innenpolitische Aufklärung, für Staatsfeiertage und alle Kunstangelegenheiten ab. Vom Reichswirtschafts- und Reichsernährungsministerium wurden Wirtschaftswerbung, Ausstellungs-, Messe- und Reklamewesen dem RMVP eingegliedert. Das Reichspost- und Reichsverkehrsministerium mussten sich von der Abteilung für Verkehrswerbung trennen. Aber die meisten Einschränkungen erfuhr das Auswärtige Amt, aus welchem das Nachrichtenwesen, die Auslandsinformationen sowie alle Kunst und Sport im Ausland betreffenden Sachgebiete herausgelöst wurden.7 Zum Leiter all dieser Aufgabenbereiche machte Hitler Joseph Goebbels8, nach dessen Plänen eben jener strukturelle Aufbau des RMVP vorgenommen wurde und unter dessen Regie die Propaganda zur tragenden Säule der NS-Herrschaft wurde. Goebbels kannte keine moralischen Tabus – es war alles erlaubt, was zum Erfolg führte, d.h. zur Illusionierung der Volksmassen, zur Werbung von Anhängern und zur Vernichtung wirklicher und potentieller Gegner diente.9

[...]


[1] Zeitangabe aus Boelcke übernommen, S. 123.

[2] Im folgenden RMVP abgekürzt.

[3] Zit. nach Boelcke, S. 123

[4] Zeitangabe aus Boelcke übernommen, ebd.

[5] Dies betraf vor allem das Auswärtige Amt. Immer wieder kam es aufgrund der Kompetenzüberschneidungen zwischen den beiden Behörden zu Rivalitäten. Erst am 3. April 1936 konnte Goebbels eine „Führer-Entscheidung“ in dieser Angelegenheit erwirken, welche dem RMVP die vorrangige Entscheidungsgewalt in den strittigen Kompetenzbereichen einräumt. Vgl. dazu Boelcke, S. 124 oder Abel, S. 22ff.

[6] Zit. nach Boelcke, S. 123 Vgl. RGBl, I (1933), S. 449 Vgl. ebenfalls Sywottek, S. 23 „Das Ministerium hatte die Aufgabe, in Deutschland eine geistige Mobilmachung zu vollziehen. Es ist also auf dem Gebiet des Geistes dasselbe, was das Wehrministerium auf dem gebiet der Wache ist.“

[7] Zit. nach Bolecke, S. 124

[8] Vgl. Abel, S. 3

[9] Vgl. Boelcke, S. 21ff.

Der Tod im Krieg fürs Vaterland: Der Umgang der nationalsozialistischen Propaganda mit dem Soldatentod im 2. Weltkrieg von Daniel Heisig, 2007

„Wenn das psychotische Individuum glaubt, es sei Napoleon, wird es in einer Anstalt behandelt, wenn eine Nation vermeint, ihre Kriegstoten lebten im Sieg weiter, versucht es zu siegen, auch wenn sie dabei alles – auch sich selbst – zerstört.“1

Einleitung

Eines der wichtigsten Untersuchungsgebiete der Neuesten Geschichte behandelt die Zeit des Dritten Reiches und die Frage nach der Möglichkeit der Nationalsozialisten trotz all der Verbrechen, Fehlplanungen und Kriegsniederlagen bis zum Mai 1945 eine totalitäre Herrschaft in Deutschland auszuüben. Dabei stellt insbesondere das Feld der Propaganda einen wichtigen Beobachtungspunkt dar, weil diese nach Goebbels dazu dienen sollte die nationalsozialistische Macht „geistig zu unterbauen, und nicht nur den Staatsapparat, sondern das Volk insgesamt zu erobern.“2 Die Frage, inwieweit dieser Anspruch in der 12-jährigen Dauer der nationalsozialistischen Diktatur umgesetzt werden konnte, lässt sich nicht einfach beantworten, da zu viele Faktoren dabei zu berücksichtigen und zu viele Gebiete zu beobachten sind.

Der Ausbruch und Verlauf des Zweiten Weltkrieges erhöht aufgrund des psychologischen und physischen Zusammenwachsens von Front und Heimat die Komplexität der Untersuchung. Ein Krieg fordert jede beteiligte Gesellschaft mit seinen extremen logistischen, seelischen und körperlichen Ansprüchen heraus. Der Zweite Weltkrieg in Europa zeichnet sich insbesondere durch seine totale Kriegsführung und die demzufolge vollständige Vereinnahmung der Bevölkerung aus.

Diese Untersuchung beschäftigt sich in dem Zusammenhang mit der Frage, in welcher Form sich die nationalsozialistische Propaganda mit dem Tod deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg auseinandersetzte. Anhand des Todes und des Umganges mit ihm lassen sich – so die Annahme des Autors dieser Arbeit – aufgrund der besonderen Stellung des Lebensende eines Menschen in der Gesellschaft In- und Exklusionsformen erkennen, welche die Staatsführung ihren Bürgern anbot. Gleichzeitig werden Verarbeitungsmechanismen deutlich, denen sich Personen bedienen, die sich in Extremsituationen bedienen.

Den nachfolgenden Ausführungen liegen vier unterschiedliche Forschungsfragen implizit zugrunde. In einem ersten Schritt soll untersucht werden, welche Ausgangspunkte der nationalsozialistischen Propaganda über den Tod zugrunde lagen. Dabei wird auf Erklärungsansätze zurückgegriffen, welche die Ideologie der Nationalsozialisten unter dem Blickwinkel religiöser Funktion sehen. Diesem Zugriff liegt die Annahme zugrunde, dass sich damit besser die Kontingenzbewältigung der Bevölkerung erfassen lässt, da sich diese auf Traditionen und Riten wie beispielsweise in der Kirche verlassen hatte. Daran schließt sich die Frage nach der Legitimierungsfunktion der Propaganda an, die den Tod von Soldaten im Zweiten Weltkrieg zu begründen suchte. Es soll dabei herausgefunden werden, ob die Propaganda ihrem Legitimierungsanspruch gerecht werden konnte und welche Faktoren dabei die Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft beeinflussten. Aus diesem Vorhaben ergibt sich die letzte Forschungsfrage, welche sich mit der Reaktion der Führung des Dritten Reiches auf die sich verändernde Kriegslage auseinandersetzt.

Die nachfolgende Arbeit gliedert sich in vier unterschiedliche Abschnitte, die verschiedene Teilaspekte der Untersuchung zum Inhalt haben. Dabei bildet das nachfolgende zweite Kapitel die theoretische Grundlage für die Untersuchung ab und führt die Begründung der Relevanz des Themas fort. Die Konzentration auf den Nationalsozialismus mit dem Fokus auf Adolf Hitler als Erlöserfigur, hilft Verhaltensweisen und Einstellungen der Mitglieder der NSDAP und der Bevölkerung hinsichtlich des Todes zu verstehen. Die Darlegung der Gefahren, die vom Tod allgemein für eine Gesellschaft, insbesondere das Dritte Reich ausgehen, vertieft das Verständnis der Notwendigkeit für das Propagandaministerium sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen.

Diese Problematik lässt sich erst anhand des dritten Kapitels verstehen. In diesem werden die quantitativen und qualitativen Aspekte des Sterbens aus deutscher Sicht zwischen 1933 und 1945 verdeutlicht. Damit soll zum einen das maßlose Schlachten für eine Untersuchung strukturiert und somit zum anderen der Zugriff auf diese fremd erscheinende Thematik erleichtert werden.

Die daran anschließenden Kapitel stellen die eigentliche Untersuchung dar. Der erste dieser beiden Abschnitte versucht auf den generellen Umgang der Staatsführung und der Bevölkerung mit dem Thema Tod im Zweiten Weltkrieg einzugehen. Dazu werden in einem ersten Schritt die Begriffe, welche sinnstiftend durch das Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda verwendet wurden, dargelegt. Dem folgt eine Untersuchung des rituellen Umgangs innerhalb des Nationalsozialismus mit dem Tod. Als dritter Blickwinkel wird dabei der Fokus auf die Todesanzeigen für Gefallene gerichtet, weil damit die Rezeption und Verarbeitung durch die Bürger im Dritten Reich mit ins Blickfeld geraten. Die Auswahl der Untersuchungsfelder stellt Repräsentanten verschiedener Zeitdimensionen dar. Todesanzeigen und Gedenkveranstaltungen sind kurzfristige, jährlich wiederkehrende Feste mittelfristige und der Bau von Denkmälern und Monumenten langfristige Achsen der Totenverehrung im Dritten Reich.

Das fünfte Kapitel widmet sich dem Umgang des RMVP mit der Niederlage bei Stalingrad. Diese Schlacht soll exemplarisch die bis dahin erarbeiteten Feststellungen erhärten und gleichzeitig als Sonderfall, den Umschwung der Stimmungslage in der Bevölkerung verdeutlichen. Mit diesem ging eine unumkehrbare Veränderung der Akzeptanz der nationalsozialistischen Todespropaganda hin zur Abwendung einher. Das letzte Kapitel dient der Zusammenfassung und Zuspitzung der ergründeten Einstellungen, Wechselwirkungen und Einflussfaktoren.

Die Forschungsliteratur, welche für diese Arbeit herangezogen wurde, stammt aus unterschiedlichsten Bereichen. Die Betrachtungsweise, den Nationalsozialismus als politische Religion zu sehen, erlebt in den letzten 15 bis 20 Jahren eine Renaissance. Differenziert werden kann dabei zwischen der Untersuchung einzelner wichtiger Nationalsozialisten und ihrem Glauben (u. a. Bärsch 1987, 1998), sowie der Betrachtung der Tradition nationalsozialistischer Rituale und deren Funktion innerhalb des Dritten Reiches (bspw. Vondung 1971, 1992, Behrenbeck 1996). Die Forschung ist in diesem Bereich soweit fortgeschritten, dass schon einzelne Ereignisse unter spezifischen, religiös gefärbten Propagandabegriffen wie dem des Opfers untersucht werden (z. B. Karow 1997). Nichtsdestotrotz sind die Akzeptanz des Ansatzes und die Festlegung auf wenige operative Begriffe noch immer nicht endgültig geschehen (Maier, Schäfer 1997). Dahingegen hat die Untersuchung von Schlagwörtern im Nationalsozialismus, wie Held oder Opfer beispielsweise, eine längere Tradition. Durch René Schillings Untersuchungen werden dabei aktuell die Ursprünge und Veränderungen des Heldenbegriffes im 19. und 20. Jahrhundert diskutiert. Ergänzt werden diese Ansätze durch die immer weiter fortschreitende historische Geschlechterforschung wie sie beispielsweise bei Ute Frevert anzutreffen sind.

Im Zuge der Debatte um die religiösen Aspekte totalitärer Diktaturen gerieten die Feiertage, Feste und Beerdigungen stärker in das Blickfeld der Historiker. In diesem Zusammenhang wird dabei immer mehr der Aspekt der rituellen Handlungen und dem damit einhergehenden symbolischen Zusammenwachsen der Volksgemeinschaft hervorgehoben (Kratzer 1998, Schellack 1990, Thamer 1994, Tietz 1997).3 Dieselbe Beobachtung lässt sich auch zur Entwicklung der Untersuchung der Denkmäler feststellen (Lurz 1986, Kosseleck 1979, 2001, kunsthistorisch: Mai 1994). Diese Arbeit soll dazu dienen die Komponenten der Totenverehrung und Kontingenzbewältigung im Dritten Reich mehr zu verknüpfen. Die umfangreichste Arbeit hinsichtlich des Totenkults im Dritten Reich, „Der Kult um tote Helden“ von Sabine Behrenbeck, beschränkt sich auf den Heldentopos. Die hier vorliegende Untersuchung versucht die tatsächliche Entwicklung des Sterbens der deutschen Soldaten mit den Propagandaformen in Beziehung zu setzen und die Interdependenzen aufzudecken. Dabei sollen verschiedenste Aspekte des Totengedenkens integriert werden, um ein möglichst breit gefächertes Bild der Aktivitäten im Dritten Reich den Tod betreffend zu erhalten.

Die Meldungen aus dem Reich, aber auch die nähere Betrachtung von Gefallenenanzeigen erfüllen als Hauptquellen zwei Funktionen: Einerseits lässt sich an diesen erkennen, wie der von dem NS-Regime gewünschte Umgang mit dem Tod war, andererseits ist gleichzeitig das reale Verhalten lokaler NSDAP-Führer sowie der gewöhnlichen Bevölkerung sichtbar. Bei beiden Quellen muss eine gewisse Vorsicht bei der Interpretation an den Tag gelegt werden, da es sich dabei um Texte handelt, die stark durch die Ideologie des Nationalsozialismus gefärbt sind bzw. sein können. Die Tagebücher von Joseph Goebbels fanden in dieser Arbeit keinen Eingang, da sie einerseits zu umfangreich für das begrenzte Zeitkontingent waren und andererseits ohne endgültiges Registerband nicht systematisch hinsichtlich des Todes erschlossen werden konnten.

Hinführung

Der Nationalsozialismus als politische Ersatzreligion

Im Zuge der Überlegungen über die Todessymbolik der nationalsozialistischen Propaganda, sollte an erster Stelle die Frage der propagierten heilsgeschichtlichen Bedeutung des NS angesprochen werden. Denn nur mit einem Verständnis des Ursprungs des Allmachtsanspruchs der Nationalsozialisten, lassen sich Gründe für die Relevanz einer Untersuchung über den Umgang mit dem Tod und der Bedeutung von Toten für die Logik nationalsozialistischer Propaganda finden.

Wie sehr sich die nationalsozialistische Ideologie jeglicher relativierender Kritik entzog, lässt sich an der Gleichsetzung der arischen Rasse mit göttlichen Wesen erkennen. Hitler bezeichnet die Vermischung des arischen Volkes mit anderen Völkern als Sünde gegen göttliche Tat. Er schreibt in „Mein Kampf“: „Wer die Hand an das höchste Ebenbild des Herrn [dem Arier, D.H.] zu legen wagt, frevelt am gütigen Schöpfer dieses Wunders und hilft mit an der Vertreibung aus dem Paradies.“4 Religiöse Begriffe, welche die Ideologie des NS Regimes oder Adolf Hitlers selbst bezeichnen, lassen sich sehr häufig in Äußerungen ranghoher Nationalsozialisten finden. So bezeichnet Goebbels in seinem Aufsatz „Die Führerfrage“ die Rede Hitlers während des Prozesses in München wegen des Novemberputsches vom 9.11.1923 als „den Katechismus neuen politischen Glaubens in der Verzweiflung einer zusammenbrechenden, entgötterten Welt.“5 Heinrich Himmler sagte 1941: „Wenn du unseren Führer siehst, ist es wie ein Traum; du vergisst alles, um dich, es ist, als ob Gott zu dir kommt.“6 Einer der wichtigsten religiösen Grundsätze der nationalsozialistischen Ideologie bestand in der Annahme der Identität von Volk und Führer sowie dem Aufblühen des deutschen Volkes aufgrund der besonderen Verbindung von Adolf Hitler zu Gott. Herrmann Göring hat dies beispielsweise 1938 wie folgt ausgedrückt: „In allen diesen Jahren hat der Allmächtige ihn [Adolf Hitler; D.H.] und das Volk wieder und immer wieder gesegnet. Er hat uns im Führer den Retter gesandt. Unbeirrbar ging der Führer seinen Weg. Unbeirrbar folgen wir ihm. […] Deutsches Volk, trage die stählerne Gewissheit in dir: Solange Volk und Führer eins sind, wird Deutschland unüberwindlich sein. Der Herr sandte uns den Führer, nicht damit wir untergehen, sondern damit Deutschland auferstehe.“7

Alfred Rosenberg, einer der wichtigsten Ideologen des Nationalsozialismus, schrieb schon 1934 in „Nationalsozialismus, Religion und Kultur“: „Der Nationalsozialismus ist nicht antireligiös, vielmehr ist sein Kampf und sein Opfern nur aus einem starken religiösen Impuls möglich gewesen.“8

Die Annahme der NS habe religiöse Wurzeln, wurde schon sehr früh durch akademische Zeitgenossen formuliert: Eric Voegelin, welcher 1938 von der Wiener Universität vertrieben wurde, legte in seinem Werk „Die politischen Religionen“ noch in demselben Jahr dar, dass der Nationalsozialismus wie andere Massenbewegungen auch ein politische Religion sei.9 Nach Voegelin fanden die Nationalsozialisten das Göttliche nicht in einem transzendentalen Weltgrund, sondern in einem Teilinhalt der Welt selber. Dieser Teilinhalt, der von den Nationalsozialisten als Realissimum (etwas Seiendes) angenommen wurde, war die Volksgemeinschaft – verbunden durch ihr Blut. Somit träte an die Stelle der Legitimierungsquelle für die Gemeinschaft die Gemeinschaft selbst.10

[...]


[1] Jeggle, Utz: In stolzer Trauer. Umgangsformen mit dem Kriegstod im Zweiten Weltkrieg, in: ders./Kaschuba, Wolfgang, Korff, Gottfried et al. (Hrsg.): Tübinger Beiträge zur Volkskultur Bd. 69, Tübingen 1986, S. 242 – 259, hier: 259. [Im Folgenden wird nach eine vollständigen Erstmeldung der zitierten Literatur diese mit Autor, Kurztitel und Seitenzahl angegeben.]

[2] Goebbels, Joseph: Die Tagebücher, Teil 1 Bd. 2 (1.1.1931 – 31.12.1936), München 1987, S. 113.

[3] Die älteren aber wahrscheinlich nicht minder guten Arbeiten von Gamm, Hans-Jochen: Der braune Kult, Hamburg 1962 und Schmeer, Karlheinz: Die Regie des öffentlichen Lebens im Dritten Reich, München 1956 konnten aufgrund der zeitlichen Beschränkung und der Dauer der Fernleihe nicht in diese Arbeit mit aufgenommen werden.

[4] Hitler, Adolf: Mein Kampf, München 571933, S. 421, zit. nach: Berghoff, Peter: Der Tod des politischen Kollektivs. Politische Religion und das Sterben und Töten für Volk, Nation und Rasse, Reihe: Politische Ideen Bd. 7, Berlin 1997, S. 107.

[5] Goebbels, Josef: Die Führerfrage, in: ders.: Die zweite Revolution. Briefe an Zeitgenossen, Zwickau 1926, S. 6-8, zit. nach: Bärsch, Claus-Ekkehard: Die politische Religion des Nationalsozialismus. Die religiöse Dimension der NS-Ideologie in den Schriften von Dietrich Eckart, Joseph Goebbels, Alfred Rosenberg und Adolf Hitler, München 1998, S. 122, Anm. 1.

[6] „Das Schwarze Korps“, 30.1.941, S. 4, zit. nach: Bärsch: politische Religion NS, S. 168, Anm. 2.

[7] Gritzbach, Erich (Hrsg.): Hermann, Göring: Reden und Aufsätze, München 1938, S. 390, zit. nach: Bärsch: politische Religion NS, S. 172, Anm. 1.

[8] Rosenberg, Alfred: Nationalsozialismus, Religion und Kultur, Berlin 1934, S. 4, zit. nach: Piper, Ernst: Alfred Rosenberg – der Prophet des Seelenkrieges. Der gläubige Nazi in der Führungselite des Nationalsozialismus, in: Ley, Michael/Schoeps, Julius H. (Hrsg.): Der Nationalsozialismus als politische Religion, Mainz 1997, S. 107 – 125, hier: S. 115.

[9] Vgl. Voegelin, Eric: Die politischen Religionen, Schriftenreihe Ausblicke, Wien 1938, 2. Auflage Stockholm 1939.

[10] Vgl. Vondung, Klaus: ‚Gläubigkeit‘ im Nationalsozialismus, in: Maier, Hans/Schäfer, Michael (Hrsg.): ‚Totalitarismus‘ und ‚Politische Religionen‘. Konzepte des Diktaturvergleichs Bd. II., Reihe: Politik- und Kommunikationswissenschaftliche Veröffentlichungen der Görres-Gesellschaft Bd. 17, Paderborn 1997, S. 15 – 28, hier: 16.

Propaganda Audiovisuell. Nationalsozialistische Propaganda in Film- und Wochenschau von Karin Aldinger, 2004/05

»Ich wünsche nicht etwa eine Kunst, die ihren nationalsozialistischen Charakter lediglich durch Zurschaustellung nationalsozialistischer Embleme und Symbole beweist [...] es ist im allgemeinen ein wesentliches Charakteristikum der Wirksamkeit, dass sie niemals als gewollt in Erscheinung tritt. In dem Augenblick, da eine Propaganda bewusst wird, ist sie unwirksam.«1

Einleitung

Dieses Zitat stammt aus der Goebbels Rede vom 5. März 1937, die er anlässlich der ersten Jahrestagung der Reichsfilmkammer in der Krolloper Berlin vor Filmschaffenden hielt. In den Tagebüchern des Propagandaministers und auch bei seiner Arbeit im Filmbereich, mit Mitarbeitern des NS – Propagandaapparates und v.a. in Kontroversen mit anderen NS – Führungspersonen wird diese Grundhaltung Goebbels immer wieder zu Tage treten. Felix Möller liefert mit seinem Buch »Der Filmminister« eine umfassende Übersicht zur Arbeit Goebbels auf dem Gebiet des Films und der Wochenschau. Tagebucheintragungen, die bisher noch nicht veröffentlicht, bzw. entziffert wurden ermöglichen auch die Aufklärung über die Funktion bestimmter Regisseure und Führungspersonen im NS-Filmsystem. Grundlage der folgenden Arbeit ist das Werk Möllers, zusätzlich wurde die Arbeit Wolf Donners »Propaganda und Film im Dritten Reich«, sowie Hans Barkhausens Gesamtdarstellung »Filmpropaganda für Deutschland«. Historische Quellen, wie beispielweise Protokolle oder Reden sind bei Gerd Albrecht in »Nationalsozialistische Filmpolitik« abgedruckt.

Wolf Donner hat es sehr schön formuliert: Goebbels war »die Spitze eines gigantischen, in der Geschichte einmaligen Kontroll- und Manipulations-Apparates.« (Donner 1995: 14)

»Propaganda – Audiovisuell, Der Film und die Wochenschau im Nationalsozialismus«, unter diesem Thema ist die folgende Arbeit zu lesen. Unter Annahme, dass der größte Teil der zwischen 1933 und 1945 produzierten Filme reine Propaganda gewesen sind, habe ich mich dem Thema gewidmet. Die ursprüngliche Bedeutung des Begriffes »weiterverbreiten« aus dem Lateinischen »Congregatio de propaganda fide« (Gesellschaft zur Verbreitung des Glaubens) soll hier nicht die Rede sein. Wenn von Propaganda zur Zeit des Nationalsozialismus gesprochen wird, meine ich die Form persuasiver (überzeugender) Kommunikation, die bewusst mit ideologischen Elementen, dem Aufbau von Feindbilder, der bewussten Täuschung und Manipulation arbeitet.

Zuerst werde ich auf den historischen Forschungsstand im Bereich Film und Wochenschau eingehen. Anschließend wird der Propagandaapparat näher betrachtet, bevor ich auf die Ergebnisse dieses Machtapparates zu sprechen komme. Diese Arbeit soll nicht dazu dienen, die einzelnen Filme, deren Titel und Inhalte vorzustellen, sondern einen Überblick über das Thema und die Richtlinien der Produktion geben.

Der Stand der Forschung und aktuelle Tendenzen

Als eines der Standardwerke im Bereich der Filmpolitik der Nationalsozialisten kann Gerd Albrechts 1969 erstellte soziologische Auswertung der Goebbels Tagebücher 1942/43 angesehen werden. (Albrecht 1969). In dieser Untersuchung geht er der Frage nach, »welche Entscheidungen im Bereich des Films, in Goebbels ihren Urheber haben und welchen [...} sich Goebbels besonders gewidmet hat«. (Albrecht, 1969: 56f.) Albrecht konstatiert »fehlende grundsätzliche Richtlinien und ein hohes Maß an ad-hoc-Entscheidungen.« (Albrecht 1969: 56f)

Weitere Standardwerke und Gesamtdarstellungen sind: Erwin Leisers »Deutschland Erwache«, es geht um den Zusammenhang zwischen Außen-, Kriegs- und Filmpolitik des NS-Regimes. Wichtige Informationen liefert die Materialsammlung Boguslaw Drewniaks zum deutschen Film von 1938 – 1945. (Drewniak 1987) Wirtschafts- und strukturgeschichtlichen Themen widmeten sich Wolfgang Beckers 1973 und Jürgen Spiker 1975. Hintergründe zur NS – Filmzensur erarbeiteten Klaus-Jürgen Maiwald (Maiwald 1983) sowie Kraft Wetzel und Peter Hagemann. (Wetzel/ Hagemann, 1978) Zu einer der bedeutendsten Arbeiten über den Ufa-Filmkonzern gehört die Schilderung Klaus Kreimeiers. (Kreimeier 1992) Größtenteils behandeln Untersuchungen im Bereich des NS-Films, den Propagandafilm, v.a. antisemitische Produktionen und Filme zur Propagierung der »Euthanasie«. Eine Grundlage und Analyse zu »staatspolitisch wertvoll« prädikatisierten Filmen stammt von dem Filmtheoretiker Klaus Kanzog. (Kanzog 1994) Einer der letzten Überblicke samt neuer Interpretationen bekannter Propagandafilme fasst der 1994 verstorbenen Wolf Donner in seinem Buch zusammen. (Donner 1995)

Die von Karsten Witte 1995 veröffentlichte Aufsatzsammlung betrachtet die Diskussion um den angeblich »unpolitischen« Unterhaltungsfilm im »Dritten Reich«. (Witte 1995) Hierbei steht die zentrale These der »ästhetischen Opposition« einiger Regisseure im Mittelpunkt. (Witte 1995: 240, 259) Die aktuellste Darstellung zum Film im Dritten Reich erschien 1998 mit dem Titel »Der Propagandaminister«. Möller befasst sich mit dem Einfluss Goebbels auf die Produktionen von Film und Wochenschau. (Möller 1998)

[...]


[1]Goebbels-Rede auf der ersten Jahrestagung der Reichsfilmkammer am 5. März 1937 in der Krolloper Berlin, abgedr. bei Albrecht l969: 456.

[2] Der Spiegel, Nr. 7, 14.02.05: 60.

[3] Klitzsch wurde späterer Direktor der UFA

[4] Hugenberg wurde 1933 Hitlers erster Minister für Wirtschaft und Ernährung

[5] Winkler wurde von Goebbels zum Reichsbeauftragten für die deutsche Filmwirtschaft berufen

[6] Das waren 138 Einzelfirmen, von denen viele im NS – Filmapparat weiter existierten

[7] Breits am 18.12.1917 wurde der Filmkonzern UFA gegründet und vereinte den 20er Jahren hat die UFA 140 Tochtergesellschaften (vgl. Donner, 1995: 5)

Der Zweite Weltkrieg als Rundfunkkrieg von Johannes Kaufmann, 2007

Einleitung

„Wollt ihr den totalen Krieg?“.1 Spätestens seit Joseph Goebbels Millionen Fernsehzuschauern diese Worte alle zehn Minuten in Guido Knopps ca. 600 minütiger ZDF-History-Sendung „100 Jahre“ entgegenbrüllte, ist die berüchtigte Sportpalastrede vom 18. Februar 1943 zumindest in Auszügen jedem Deutschen bekannt. Live übertragene politische Reden bei Massenversammlungen, Volksempfänger und ideologische Indoktrination über den Äther direkt ins Ohr des Hörers sind die Stereotypen, die oft das Bild des nationalsozialistischen Rundfunks bestimmen; ein Bild von der Allmacht der Propaganda, der der Rezipient schutzlos ausgeliefert ist. Schon die Fassade dieses Paradebeispiels der erfolgreichen Massensuggestion beginnt unter dem prüfenden Blick zu bröckeln: Nicht nur, dass die ins ganze Reich gesendete Begeisterung des Publikums bei Goebbels Rede keinesfalls spontan war – die Zuschauer waren sorgfältig ausgewählt und bezüglich der Passagen, die sie begeistern sollten, vorher instruiert worden2 –, auch die Hörer an den Radios hegten ihre Zweifel. So machte bald nach der Rede die Frage nach dem größten deutschen Bauwerk die Runde sowie die dazu passende Antwort: ‚Der Sportpalast, denn in ihn geht angeblich das ganze deutsche Volk hinein‘. 3

Ist die These von der Verführung des Volkes durch die Propaganda also haltbar?

Handelt es sich dabei nicht vielmehr um eine Rechtfertigungsstrategie, die dem Vorwurf des Mitläufertums und der Mitschuld an den Verbrechen des NS-Regimes die Unmündigkeit und Manipulierbarkeit des Volkes entgegenstellt?

Diese Fragen lenken den Blick nicht nur auf das Programm des NS-Rundfunks, seine Organisationsstruktur und seine Verwurzelung in der Bevölkerung, sondern auch auf den Umgang der Rezipienten mit dem staatlich gelenkten Medienangebot. Sie werfen wiederum neue Fragen auf: nach der Rolle der Konsumenten innerhalb des Mediengefüges; nach ihren Möglichkeiten der Einflussnahme und natürlich auch nach der Konkurrenz um die Macht der Wirklichkeitsauslegung für die deutsche Bevölkerung.

Denn neben dem gleichgeschalteten deutschen Kriegsrundfunk machten viele Hörer von der nicht ungefährlichen Möglichkeit Gebrauch, alternative Informationsquellen als Gegengewicht zur NS-Propaganda zu konsultieren. Der Deutsche Dienst der BBC erhielt dabei eine herausragende Bedeutung. Die Gestapo schätzte 1941 die Zahl der Hörer des Londoner Senders auf eine Million. Drei Jahre später rechnete die BBC bereits sehr viel großzügiger mit 10 bis 15 Millionen deutschen Hörern.4 Zwar sind solche Schätzungen nicht sehr verlässlich, doch lassen sie den Erfolg des deutschen Programmes der BBC zumindest erahnen. Dass die NS-Führung dieses Problem ernst nahm, beweisen ihre juristischen Maßnahmen. Noch am 1. September 1939 trat die „Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen“ in Kraft, die langjährige Freiheitsstrafen, im schlimmsten Fall sogar die Todesstrafe für das Hören von Feindsendern androhte.5

Eine Analyse der Rundfunkpropaganda des 2. Weltkrieges kann folglich den wichtigsten Konkurrenten des NS-Rundfunks nicht unberücksichtigt lassen. Es gilt zu klären, mit welchen Strategien der Londoner Sender versuchte, das Informationsmonopol des deutschen Rundfunks zu brechen und die Hörer zum riskanten Abhören des „Feindsenders“ zu bewegen.

Der Begriff der Propaganda

„Propaganda... ein unentbehrliches Fremdwort, also zu übersetzen mit ,Dingsda..., Sie verstehen schon, was ich meine!‘ Nein, wir verstehen uns ganz und gar nicht! Jeder versteht unter dem Dingsda etwas anderes.“6

Die Begriff Propaganda hat eine lange Geschichte und unterlag dabei immer wieder vielfältigen Definitionsversuchen.7 Sein scheinbar unkontrollierbares Schillern hat sogar zu der Forderung geführt, „Propaganda als einen vorwissenschaftlichen und somit im strengen Sinne unbrauchbaren Begriff auf sich beruhen zu lassen“.8

Die Versuche, dem Begriff seine Unschärfen zu nehmen, reichen von der sehr weitgefassten Beschreibung als „Handeln in beeinflussender Absicht“9, die weder das Thema noch die Akteure in irgend einer Form eingrenzt, bis zu Propagandabegriffen, „die ihren Gegenstand im Sinne totalitärer Informationskontrolle definieren“10, ihn also auf repressive Staatsformen und auf die direkte, womöglich plumpe politische Suggestion beschränken und mit der Ausübung staatlicher Gewalt verbinden.

Einer Analyse des NS-Rundfunks ließe sich eine derartige Propagandadefinition durchaus zugrunde legen, stimmt sie im Großen und Ganzen doch mit zeitgenössischen Propagandavorstellungen überein. Hitler betrachtete Propaganda als Mittel zum Zweck, als Instrument zur Massenbeeinflussung, das keinem moralischen Urteil unterliege und allein der Intention des Anwenders diene. Dies sei „die allererste Voraussetzung jeder propagandistischen Tätigkeit überhaupt: nämlich die grundsätzlich subjektiv einseitige Stellungnahme derselben zu jeder von ihr bearbeiteten Frage“.11 Da für Hitler die Propaganda per se wertfrei war, waren demnach auch moralische Kategorien wie Wahrheit oder Lüge nicht darauf anwendbar. Das führte in letzter Konsequenz sogar dazu, dass er der psychologischen Kriegführung der Alliierten während des Ersten Weltkriegs aufgrund ihrer Effektivität Respekt zollte, indem er sie als „Greuelpropaganda, die in ebenso rücksichtsloser wie genialer Art die Vorbedingungen für das moralische Standhalten an der Front sicherte“12, bezeichnete.

[...]


[1] Ein Ausschnitt aus der Rede findet sich in der Dokumentation „75 Jahre Radio in Deutschland“ auf der Homepage des Deutschen Rundfunkarchivs. Internetadresse im Literaturverzeichnis.

[2] Bussemer: Propaganda und Populärkultur. Konstruierte Erlebniswelten im Nationalsozialismus. Wiesbaden 2000, S. 10.

[3] Flüsterwitz zitiert nach: Scheel: Krieg über Ätherwellen. NS-Rundfunk und Monopole, 1933-1945. (Ost-)Berlin 1970, S. 208.

[4] Balfour: Propaganda in War, 1939-1945. Organisations, Policies and Publics in Britain and Germany. London 1979, S. 96.

[5] Zu den Maßnahmen und ihrer keinesfalls durchgehend positiven Beurteilung innerhalb des Kabinetts vgl. Latour: Goebbels‘ „Außerordentliche Rundfunkmaßnahmen“ 1939-1942. In: VfZG, 11. Jahrgang (1963), S. 418-435. Bis zum Sommer 1940 wurden bereits 2.400 Verhaftungen auf Basis des Erlasses durchgeführt, dazu: Dussel: Deutsche Rundfunkgeschichte. Konstanz 2004, S. 109.

[6] Baschwitz: Der Massenwahn, seine Wirkung und seine Beherrschung. München 1923, S. 246.

[7] Vgl. Dipper, Schieder: Artikel „Propaganda“, in: Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 5, Stuttgart 1984, S. 69-112.

[8] Ronneberger Besprechung des Buches „Propaganda. Grundlagen, Prinzipien, Materialien, Quellen“ von Carl Hundhausen. In: Publizistik, 22. Jahrgang (1977), Heft 1, S. 100, zitiert nach: Bussemer Propaganda. Konzepte und Theorien. Wiesbaden 2005, S. 24.

[9] Daniel: Die Politik der Propaganda. Zur Praxis gouvernementaler Selbstrepräsentation vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik, in: Daniel/Siemann (Hrsg.): Propaganda. Meinungskampf, Verführung und politische Sinnstiftung 1789-1989. Frankfurt a.M. 1994, S.44-82, hier S. 49. Carl: Krieg der Köpfe. Medien als Waffe im Kampf um Meinungen, Haltungen und Ideologien, Dissertation, München 2004, S. 52-93 geht sogar so weit, Kommunikation grundsätzlich als Propaganda zu bezeichnen.

[10] Bussemer, 2005, S. 29.

[11] Hitler: Mein Kampf. 886.-890. Ausgabe, München 1943, S. 200.

[12] Ebd., S. 201.

Details

Seiten
276
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656619277
ISBN (Buch)
9783956871399
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v271096
Note
Schlagworte
verführer volkes propaganda weltkrieg

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Titel: Verführer des Volkes: Propaganda im 2. Weltkrieg