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Clay Shirky's These als Lösung der Probleme kollektiven Handelns durch Kommunikationsveränderungen

Unter Einbeziehung systemtheoretischer Ansichten

Hausarbeit 2012 20 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorie Kollektiven Handelns nach Mancur Olson
2.1 Grundannahmen und Probleme Kollektiven Handelns
2.2 Kritik an Olson's Theorie

3. Die Gruppe und das Internet
3.1 Möglichkeiten Kollektiven Handelns im Internet
3.2 Probleme Kollektiven Handelns im Internet

4. Systemtheorie und Luhmann's Kommunikationsbegriff

5. Parallelen zu Clay Shirky

6. Zusammenfassung

Bibliographie

1. Einleitung

“When we change the way we communicate, we change society.”[1] Doch was steckt tatsächlich hinter dieser Aussage?

Zu Beginn dieser Arbeit werden die Probleme kollektiven Handelns[2] bei Mancur Olson analysiert und kritisch betrachtet. Er geht von rational handelnden Individuen aus, deren Eigeninteressen sie daran hindern, gemeinsame Interessen zu verfolgen. Olson geht davon aus, dass kollektives Handeln auf individuelles Handeln zurückgeführt werden kann. So stelle der homo oeconomicus Kollektivgüter nur bereit wenn der für ihn zu erwartende Nutzen die Kosten übersteigt. Kooperation werde notwendig, sobald ein Gut nicht allein hergestellt werden kann. Diese sei einfacher zu erreichen in kleinen Gruppen mit homogeneren Interessen, größerem Vertrauen, gezielten Anreizen, leichterer Kontrolle von Beiträgen Einzelner und Sanktionierung. Olson widersprach der Existenz reiner gemeinsamer Interessen und dass kollektives Handeln erwartbar sei wenn es als notwendig erkannt wurde. In großen Gruppen fallen durch die nötige Organisation zusätzliche Kosten an, wodurch rational Handelnde keinen Beitrag leisten wenn niemand fühlbar davon betroffen ist.[3]

Während des letzten Jahrzehnts wurden die Möglichkeiten kollektiven Handelns ergänzt um Equivalente im Internet, welches Potential besitzt, dieses zu unterstützen.[4] Daher wird anhand von einigen Autoren, vordergründig Clay Shirky untersucht, inwiefern diese Probleme kollektiven Handelns sich durch neue Kommunikationsmöglichkeiten lösen lassen. Danach wird geprüft ob die Lösungsmöglichkeiten Clay Shirky's sich mit dem Kommunikationsbegriff von Luhmann's Systemtheorie vergleichen lassen, und ob sie eine Lösung für Olson’s Probleme darstellen. Ein möglicher Ansatzpunkt ist, dass in der Systemtheorie die Gruppe als Ganzes als handelnder Akteur in den Mittelpunkt rückt.

Die Frage ist, inwiefern das Internet überhaupt Lösungsmöglichkeiten für diese Probleme bietet. Diese Hausarbeit wird zu dem Schluss kommen, dass dies derzeit noch nicht der Fall ist, da zum Beispiel das Trittbrettfahrerproblem oder das Vertrauensproblem auch durch vereinfachte Kommunikation nicht unbedingt gelöst werden können.

2. Theorie Kollektiven Handelns nach Mancur Olson

2.1 Grundannahmen und Probleme Kollektiven Handelns

Olson widerspricht der traditionellen Theorie des Gruppenverhaltens, die von einer grundlegenden Neigung Vereine und Verbände zu bilden ausgeht. Er ist der Meinung, dass rational handelnde Gruppenmitglieder sich nicht aus Eigeninteresse für gemeinsame Interessen einsetzen, auch wenn diese positive Auswirkungen auf den Einzelnen hat und in der Gruppe Einigkeit über das gemeinsame Ziel herrscht. Dies sei besonders der Fall, wenn die Gruppe zu groß ist oder kein Zwang oder Anreiz für Einzelne besteht, im Gruppeninteresse zu handeln. Generell meint er, sei der Grund für die fehlende freiwillige Bereitschaft, Verbänden beizutreten, dass niemand trotz des gemeinsamen Interesses die Kosten zur Beschaffung des Kollektivgutes tragen möchte. Ein Beitrittsinstinkt fehle, egal wie aussichtsreich die Erfüllung der Funktionen großer Gruppen sein mag.[5]

Wirtschaftliche Gruppen seien zwar am Wohl der Gruppe interessiert, aber nur aus dem Grund dass die Individuen der Gruppe an ihrem Wohlergehen interessiert sind. Alle großen wirtschaftlichen Gruppen, die es geschafft haben, eine Lobby aufzubauen, wie zum Beispiel Ärzte und Arbeiter, hätten zusätzliche Funktionen, böten also selektive Anreize. Dadurch werden Einzelne motiviert, sich für die Erreichung des Kollektivgutes einzusetzen.[6] Jeder Einzelne in einer Gruppe habe gemeinsame als auch individuelle Interessen, die sie von den anderen Mitgliedern unterscheiden. Wenn mehrere ein Ziel teilen, werde individuelles Handeln diesem nicht gerecht. So hätten Unternehmen derselben Branche ein gemeinsames Interesse, zum Beispiel einen höheren Preis für ein Produkt zu erzielen. Andererseits haben sie auch das individuelle Interesse, so viel wie möglich zu verkaufen. Darum wirkt das individuelle Interesse dem Gruppeninteresse entgegen.[7]

Auch im Nationalstaat als große Organisation, in dem Patriotismus als eine Form von Emotion und Ideologie als starkes nicht-ökonomisches Motiv für organisierte Zusammenschlüsse bestehe, seien Zwangszahlungen (Steuern) nötig. Individuen teilten eine gemeinsame Kultur und profitierten von staatlichen Kollektivgütern, wie zum Beispiel dem System für Recht und Ordnung, aber niemand würde freiwillig etwas zum Erhalt des Staates beitragen. Ein Einzelner hätte einen zu geringen Einfluss auf die Situation der gesamten Gruppe und jeder profitiere von Verbesserungen, ohne bei ihrer Entwicklung mitgeholfen zu haben.[8]

Je größer eine Gruppe ist, desto schwieriger werde es, die gemeinsamen Interessen zu verfolgen bzw. das gemeinsame Ziel zu erreichen. Das gelte für marktorientierte als auch für nicht-marktorientierte Gruppen. Der Grund hierfür seien drei Faktoren. Erstens falle in einer kleinen Gruppe der Anteil des Einzelnen am Gesamtgewinn so hoch aus, dass er wohl eher die gesamten Kosten tragen, als auf das Gut verzichten würde. Je größer die Gruppe ist, desto geringer falle der Beitrag einzelner ins Gewicht. Zweitens, und daran anknüpfend, falle auch der individuelle Vorteil am Gruppenvorteil umso geringer aus, je größer die Gruppe ist. Und drittens sei in großen Gruppen mehr Absprache und Organisation nötig, was eine Gruppenübereinkunft schwieriger gestalte und die Organisationskosten in die Höhe treibe. Je größer die Gruppe also, desto nötiger werden Zwang, Sanktionen und äußere Anreize, um Individuen dazu zu bewegen, im Gruppeninteresse zu handeln.[9]

Anreize seien nicht nur wirtschaftlicher Natur, sondern vor allem auch sozialer. Viele streben nach Freundschaft, gesellschaftlicher Stellung, persönlichem Prestige und Selbstachtung. Wer einen Teil zum Gruppenziel beiträgt, gewinne Anerkennung; wer nichts tut, kann geächtet werden. Allerdings wirken solche sozialen Anreize nur wenn die Gruppenmitglieder in engem Kontakt stehen, wenn also die Gruppe klein genug ist. In großen Gruppen sei ein einzelnes Mitglied im Verhältnis zur Gruppe unbedeutend und seine Handlungen fallen nicht so sehr ins Gewicht.[10]

Ein weiteres Problem, das Olson erkennt, sei die Tendenz zur Ausbeutung in großen Gruppen, wenn die Nichtbeteiligung eines Einzelnen nicht ins Gewicht fällt: das Trittbrettfahren. Trittbrettfahrer sind Menschen, die sich nicht selber an der Erstellung eines Kollektivgutes beteiligen, sondern die Arbeit anderer ausnutzen. Dieses Problem tritt besonders bei öffentlichen Gütern auf, da niemand von deren Nutzung ausgeschlossen werden kann. Es lässt sich zum Beispiel sehr gut an multinationalen Organisationen wie der UN oder NATO beobachten, in denen die großen Lasten von großen mächtigen Ländern getragen werden, die kleinen sich jedoch eher neutral verhalten.[11]

Zusammenfassend ist zu sagen, dass Olson vorrangig von wirtschaftlichen und politischen Gruppen spricht. Vor allem große Gruppen leiden unter einer Lethargie, kollektives Handeln hervorzubringen. Deren Hauptprobleme sind zum einen Transaktionskosten, also den Kosten des Organisierens kollektiven Handelns. Man kann dies auch soziales Dilemma nennen, welches besagt, dass Individuen schlechter stehen, wenn sie ihre Individuellen Interessen verfolgen, dies aber dennoch tun. Zum anderen besteht das Problem des Trittbrettfahrens. Dagegen können kleine Gruppen mit selektiven Anreizen sich leicht organisieren und für ihre Ziele einsetzen.

2.2 Kritik an Olson's Theorie

Was Olson übersah, ist, dass kollektives Handeln nicht auf einer einmaligen Beitragsentscheidung beruhen muss. Im Sinne der Tit-for-Tat Strategie können Akteure ihr Verhalten vom Verhalten anderer abhängig machen und so abwarten, ob diese sich kooperativ verhalten. Der Vorteil einer kleinen Gruppe ist hier tatsächlich nur anfänglich hilfreich, da in dieser soziales Kapital leichter aufzubauen ist. Wichtiger als die Gruppengröße sind stattdessen das Vertrauen und der mögliche Schaden. Außerdem lässt Olson den Faktor subjektiv wahrgenommenen Einflusses auf die Kollektivgüterproduktion unbeachtet. Sähen Akteure keine Einflussmöglichkeit, würden sie sich nicht beteiligen, und sei das Ziel noch so erstrebenswert.[12]

Die Frage ist, ob unabhängig von der Art und Größe der Gruppe kollektives Handeln unbedingt durch kollektives Interesse stattfinden muss. In großen Gruppen spricht Olson von Status, Ansehen, Freundschaft als selektiven Anreizen und Motivation. Doch auch kollektives Handeln mit altruistischen Zielen ist nicht motiviert durch die positiven Auswirkungen auf andere, sondern durch innere Gewinne für das kollektiv handelnde Individuum. Es spielt also keine Rolle, ob die Gruppen wirtschaftliche oder private Interessen vertreten. Dadurch scheint auch die Beteiligung an latenten Gruppen erklärbar.[13]

[...]


[1] Shirky 2008, S. 17

[2] In dieser Hausarbeit wir der Begriff kollektives Handeln sehr allgemein gehalten und bezieht sich auf Handlungen von Individuen oder Gruppen für ein gemeinsames Ziel.

[3] In der Smitten 2007, S. 38-40

[4] Postmes und Brunsting 2002, S. 291

[5] Olson 1968, S. 1-20

[6] Olson 1968, S. 124-132

[7] Olson 1968, S. 5-8

[8] Olson 1968, S. 12-15

[9] Olson 1968, S. 43-47

[10] Olson 1968, S. 59-61

[11] Olson 1968, S. 33-34

[12] In der Smitten 2007, S. 41

[13] In der Smitten 2007, S. 42-43

Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656628255
ISBN (Buch)
9783656628200
Dateigröße
670 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v270996
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
2,0
Schlagworte
clay shirky kommunikation kollektives handeln systemtheorie kommunikationsveränderung luhmann

Autor

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