Lade Inhalt...

Chancen und Herausforderungen regionaler Kompetenzcluster: Ärztenetze

Seminararbeit 2011 17 Seiten

VWL - Gesundheitsökonomie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundlagen
2.1 Cluster
2.2 Beziehung zwischen Cluster und Netzwerken
2.3 Ärztenetze
2.4 Gesetzliche Grundlagen

3 Chancen regionaler Ärztenetze
3.1 Qualitätssteigerung als Folge verstärkter Kommunikation
3.2 Kosteneinsparungseffekte
3.3 Aktuelle Entwicklungen im Bereich der Finanzierung von Ärztenetzen
3.4 Integrierte Versorgung

4 Herausforderungen regionaler Ärztenetze
4.1 Motivation und aktive Teilnahme der Mitglieder
4.2 Netzmanagement

5 Fazit

Anhang: Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Ärztenetze sind in den letzten Jahren im deutschen Gesundheitssystem ein immer wichtigerer Faktor der ambulanten Versorgung geworden. Heute stehen Ärztenetze für die Steigerung der medizinischen Behandlungsqualität, für die interne und externe Kooperation, für ein verbessertes Patientenmanagement und auch für eine wirtschaftlichere Leistungserbringung“[1] [2] [3]

Besonders der demographische Wandel, die Multimorbidität, chronische Erkrankungen sowie der medizinisch-technische Fortschritt sind Ursachen für steigende Kosten im Gesundheitswesen. Gerade fachübergreifende und flächendeckende Vernetzungs­lösungen bieten großes Potenzial, sich diesen Herausforderungen zu stellen. „Durch die gezielte und systematische Kooperation wird die Versorgung der Patienten vor Ort der demographischen Entwicklung angepasst“.

In einer Umfrage aus dem Jahr 2008 gaben mehr als die Hälfte der 3.500 befragten Ärzte an, sich in Zukunft vernetzen zu wollen.[4] Diese Prognose wurde in den vergangenen Jahren bestätigt und es zeigte sich ein zunehmender Trend der Vernetzung von Ärzten zu Ärztenetzen. Zufolge einer Datenerhebung der Unternehmensberatung EPC Healthcare GmbH stieg die bundesweite Anzahl der Ärztenetze von 600 in 2009 um 50% auf 900 in 2011.[5]

Ziel der vorliegenden Arbeit ist zum Einen die Chancen regionaler Ärztenetze zu beschreiben, um eine Begründung für den dargestellten Trend zu liefern. Dabei wird insbesondere der Nutzen für Ärzte und Patienten dargestellt. Zum Anderen sollen auch die Herausforderungen an zugründende und bestehende regionale Ärztenetze kurz beschrieben werden.

Während im nachfolgenden Kapitel die theoretischen Grundlagen der Aufgabenstellung beschrieben werden, beschäftigen sich Kapitel drei und vier mit den Chancen und Herausforderungen regionaler Ärztenetze. Kapitel fünf stellt eine Zusammenfassung der gewonnenen Erkenntnisse dar.

2 Grundlagen

2.1 Cluster

Als ein „Cluster“ (Bündel, Verband) bezeichnet man „regionale Kooperationsräume“, die „durch miteinander interagierende Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette, eine starke Wissenschafts- und Forschungsbasis sowie durch eine Kultur des Unternehmertums und der Innovation“ gekennzeichnet sind.[6] Auch weitere Institutionen

wie Forschungseinrichtungen und Hochschulen können Bestandteil eines Clusters sein.[7]

Im Gesundheitswesen werden Cluster in Produktcluster und Dienstleistungscluster unterteilt. Aufgabe dieser Cluster ist es, Innovationsentwicklungen voranzutreiben und die Kompetenzen der im Cluster befindlichen Akteure zu bündeln.[8]

Aufgrund dem regionalen Schwerpunkt und der Bündelung unterschiedlicher Kompetenzen können diese auch als „regionale Kompetenzcluster“ bezeichnet werden.

2.2 Beziehung zwischen Cluster und Netzwerken

Meist wird ein Cluster mit einem Netzwerk gleich gestellt bzw. die Begriffe werden synonym verwendet. Obgleich diese in einem engen Zusammenhang zueinander stehen, gibt es insbesondere im Rahmen ihrer Entstehung, ihrem Beitritt und ihrer Führung wesentliche Unterschiede.[9]

Cluster bilden sich im Bereich Gesundheit meist aufgrund staatlicher Förderung und historischen Wachstums. Netzwerke hingegen werden auf Initiative einzelner Ärzte gezielt gegründet. Desweiteren können Unternehmen nicht einfach einem Cluster beitreten, wie es bei einem Netzwerk der Fall ist, sondern sie sind „einfach Teil des faktisch existierenden Clusters“.[10] Kooperative Organisationen, wie sie z.B. Ärztenetze darstellen, benötigen i.d.R. ein professionelles Management. Ein Cluster hingegen ist nicht unbedingt organisationsbedürftig.[11]

Trotz der aufgezeigten Unterschiede leisten erfolgreiche Netzwerke einen entscheidenden Beitrag zur Clusterbildung.[12]

„Aus Netzwerken können Cluster entstehen, innerhalb eines Clusters können ein oder mehrere Netzwerke existieren - und ein Cluster kann mit (Kooperations-) Partnern in Form eines Netzwerks zusammenarbeiten.“[13]

Im Bereich Gesundheit werden Netzwerke generell in Kompetenznetze, Gesundheits­regionen und Ärztenetze unterteilt.[14]

Während sich Gesundheitsregionen zum Ziel setzen „die gesundheitliche Versorgung und Lebensqualität“[15] einer Region zu verbessern, versuchen Kompetenznetze die Defizite entlang der Wertschöpfungskette zu minimieren sowie Innovationsprojekte zu entwickeln und umzusetzen.[16] Auf Ärztenetze wird im folgenden Gliederungspunkt genauer eingegangen.

2.3 Ärztenetze

Als Synonyme für den Begriff „Ärztenetz“ finden sich in der Literatur häufig auch die Bezeichnungen „Praxisnetz“ und „Gesundheitsnetz“. Sie entstehen durch den verbindlichen Zusammenschluss niedergelassener Ärzte und anderen am Gesundheits­wesen teilnehmenden Leistungserbringern, meist innerhalb einer Region, mit dem Ziel die Qualität der Patientenversorgung zu verbessern und Synergieeffekte, wie z.B. Kostensenkungen zu realisieren.[17]

Dabei bestehen Ärztenetze nicht ausschließlich aus niedergelassenen Ärzten. Ebenso können Netze mit Krankenhäusern, Apotheken, Pflegeeinrichtungen, Pharma­unternehmen oder anderen Anbietern des Gesundheitsmarktes kooperieren. Ziel derartiger Kooperationen ist die Gewährleistung einer vollumfassenden und sektorenübergreifenden Patientenversorgung.[18]

Da sich innerhalb eines Netzes ein Mix aus unterschiedlichen Kompetenzen ergibt, können verschiedene Kooperationsformen von Ärztenetzen unterschieden werden.

Während die horizontale Kooperation zwischen gleichberechtigten Unternehmen auf gleicher Versorgungsstufe stattfindet (z.B. zwischen verschiedenen Arztpraxen/ Ärztenetzen), findet die vertikale Kooperation sektorenübergreifend statt (z.B. zwischen Arztpraxis/Arztnetz und Krankenhaus). Die diagonale Kooperation beschreibt eine branchenübergreifende Kooperation (z.B. die Zusammenarbeit zwischen Arzt/Arztnetz und Apotheke).[19]

Regionale Ärztenetze können sowohl aus Mitgliedern mehrerer Fachrichtungen bestehen oder auch indikationsspezifisch betrieben werden, d.h. die Mitglieder sind Ärzte eines bestimmten Fachgebietes (z.B. Dermatologie- oder Kardiologienetz).[20]

Die Zusammenschlüsse einzelner Vertragsärzte oder weiterer Leistungsersteller in Form eines Ärztenetzes können organisatorisch unterschiedlich ausgestaltet sein. Sie reichen von losen und regelmäßigen Treffen aus Qualitätszirkeln bis hin zu ganzen Gesundheitsunternehmen und unterscheiden sich auch hinsichtlich ihrer Rechtsform. So können sie entweder als eingetragener Verein, GmbH, GmbH & Co. KG, GbR oder auch als Genossenschaft organisiert sein.[21]

Alle Ärztenetze und deren Mitglieder innerhalb Deutschlands zu erfassen gestaltet sich schwierig, denn die Zahl regionaler Netze steigt, wie in der Einleitung aufgeführt, stetig. Dementgegen die Zahl überregionaler Netze zum Stand 2009, wie in Abbildung 1 zu sehen ist.[22] Solche Zusammenschlüsse, meist aus einzelnen lokalen Ärztenetzen entstanden, kann man auch als Supranetze bezeichnen.[23]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle: Überregionale Netze, Quelle: Vgl. Reinhold (2009)

Ergänzend zur obenstehenden Graphik, wurde im April dieses Jahres der Verein Agentur deutscher Ärztenetze gegründet. 20 große deutsche Ärztenetze haben sich mit dem NAV-Virchow-Bund (Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschland e.V.) zusammengeschlossen, um unter anderem die politischen Interessen deutschlandweiter Netze zu vertreten. Als erste Zielsetzung des Vereins sollen Ärztenetze im Sozialgesetzbuch als Leistungserbringer gelten, um eigenständig Integrationsverträge mit Krankenkassen abschließen zu können.[24]

2.4 Gesetzliche Grundlagen

Regelungen über die Ausgestaltung regionaler Ärztenetzen sind gesetzlich nicht fixiert, weshalb die einzelnen Vertragspartner hinsichtlich ihrer Zusammenarbeit relativ viele Gestaltungsmöglichkeiten haben.[25]

Der Gesetzgeber hat mit dem zweiten „Gesetz zur Neuordnung von Selbstverwaltung und Eigenverantwortung in der gesetzlichen Krankenversicherung“ (2. GKV-NOG) 1997 einen ersten Grundstein zur Förderung von Ärztenetzen gelegt. Ziel war es, „neue Versorgungsstrukturen im ambulanten Bereich durch eine stärkere Vernetzung von niedergelassenen Ärzten“ zu erreichen.[26]

In den §§63-65 im fünften Sozialgesetzbuch (SGB V) ist der Sachverhalt der Modellvorhaben geregelt. Krankenkassen können demnach Modellverträge „mit den in der gesetzlichen Krankenversicherung zugelassenen Leistungserbringern oder Gruppen von Leistungserbringern“ abschließen, um somit die Qualität und Wirtschaftlichkeit der Versorgung zu verbessern.[27]

Neben den Modellvorhaben berücksichtigt auch § 73a SGB V vernetzte Praxen. Kassenärztliche Vereinigungen (KV) können mit Krankenkassen im Rahmen von Strukturverträgen, Versorgungs-, Vergütungsstruktur- sowie Budgetvereinbarungen treffen. Damit kann Ärztenetzen die Verantwortung übertragen werden, die „Qualität und Wirtschaftlichkeit der vertragsärztlichen Versorgung“ innerhalb eines bestimmten Leistungsbereiches zu gewährleisten. [28] Diese Strukturverträge sind Bestandteil der in §83 SGB V geregelten Gesamtverträge zwischen KV und Krankenkassen.[29]

3 Chancen regionaler Ärztenetze

Im Folgenden werden einige Gründe, für den in der Einleitung dargestellten Trend der steigenden Vernetzungsbereitschaft der Ärzte, näher erläutert. Sicherlich ist ein Grund dafür, dass sich durch Kooperationen für alle beteiligten Mitglieder Vorteile ergeben können.

3.1 Qualitätssteigerung als Folge verstärkter Kommunikation

Die Mitgliedschaft in einem Ärztenetz bietet die Möglichkeit an einem verstärkten Erfahrungs- und Informationsaustausch unter den beteiligten Ärzten zu partizipieren. Im Rahmen regelmäßiger Treffen können soziale Barrieren abgebaut und dadurch einzelne Behandlungsschritte von Patienten effektiver aufeinander abgestimmt werden.[30]

Unter der Voraussetzung, dass die Organisationsaufgaben von einem Netzmanager übernommen werden, kann sich der sinkende Verwaltungsaufwand und die erhöhte Kommunikationsmöglichkeit auch in einer Steigerung der Lebensqualität in Form einer ausgeglichenen Work/Life-Balance für den einzelnen Arzt niederschlagen. Ärzte können sich somit ausschließlich auf die medizinische Versorgung konzentrieren und damit die individuelle Behandlungsqualität steigern.[31] [32]

Durch den Beitritt in ein Netz und der damit verbundenen kommunikativen und interagierenden Zusammenarbeit ergibt sich zudem die Möglichkeit, gemeinsame Behandlungsmethoden sowie Fortbildungsinhalte zu diskutieren und somit die Qualität der Versorgung zu verbessern.[33]

Neben dem Know-How Transfer auf Seiten der Ärzte profitieren infolge auch Patienten. Ärzte überweisen Patienten in der Regel an Kollegen innerhalb des Ärztenetzes. So können bspw. unnötige Doppeluntersuchungen vermieden werden. Zudem eröffnet sich dadurch für Netzärzte die Möglichkeit die Arzneimittel-verordnungen der Patienten nachzuvollziehen.[34]

Innerhalb eines fachübergreifenden Ärztenetzes, das unterschiedliche Kompetenzen bündelt, haben Patienten ebenfalls die Möglichkeit von einer ganzheitlichen Betrachtung ihres Gesundheitszustands zu profitieren.[35]

[...]


[1] Reinhold (2009) S. 28

[2] Vgl. Gerardy u.a. (2010), S. 2-5

[3] NAV-Virchow-Bund, Netz-Info

[4] Vgl. Ärzte Zeitung Verlags-GmbH (2008), Jeder zweite Arzt setzt auf Vernetzung

[5] Vgl. Flintrop (2011)

[6] VDI Technologiezentrum GmbH, Internationales Büro des BMBF

[7] Vgl. Küng (2010), S. 382

[8] Vgl. Küng (2010), S. 382-383

[9] Vgl. Küng (2010), S. 382

[10] Hausberg (2008), S. 12

[11] Vgl. Hausberg (2008), S. 12-15

[12] Vgl. Hausberg (2008), S. 12-15

[13] Küng (2010), S. 393

[14] Vgl. Küng (2010), S. 393

[15] Küng (2010), S. 395

[16] Vgl. Küng (2010), S. 393-395

[17] Vgl. NAV-Virchow-Bund, Netz-Info

[18] Vgl. Friebe, Berthmann (2009) S. 6

[19] Vgl. Georg (2007)

[20] Vgl. Küng (2010), S. 395

[21] Vgl. Osterloh (2011) S. A 2384

[22] Vgl. Reinhold (2009) S. 28

[23] Vgl. Friebe, Berthmann (2009) S. 19

[24] Vgl. Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung (2011), Bundesweite Netzagentur soll Ärztenetze besser fördern

[25] Vgl. Friebe, Berthmann (2009), S. 5

[26] NAV-Virchow-Bund, Netz-Info

[27] SGB V §§63/64

[28] SGB V §73a

[29] Vgl. SGB V §83

[30] Vgl. Osterloh (2011) S. A 2384

[31] Vgl. Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein

[32] Vgl. Gerardy u.a. (2010), S. 24

[33] Vgl. Marti (2004), S. 14

[34] Vgl. Kranich, Greiner (2003), S. 263

[35] Vgl. Kranich, Greiner (2003), S. 264

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656630081
ISBN (Buch)
9783656630074
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v270962
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Note
1,3
Schlagworte
chancen herausforderungen kompetenzcluster ärztenetze

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Chancen und Herausforderungen regionaler Kompetenzcluster: Ärztenetze