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Finnland im Zweiten Weltkrieg: Zwischen Winterkrieg, Waffenbrüderschaft und Neutralität

Fachbuch 2014 109 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhalt

Harald Freter (2008): Finnland im Zweiten Weltkrieg im Spannungsfeld deutscher und sowjetischer Großmachtinteressen
Einleitung
Interessenlage der beteiligten Mächte bezüglich Finnland
Der Verlauf des Krieges in Finnland 1939 - 1945
Bewertung der finnischen Handlungsmöglichkeiten
Zusammenfassung
Literaturverzeichnis

Matthias Sühl (2010): Finnlands Außenpolitik nach dem ersten Weltkrieg. Vom neuen Staat zum isolierten Land im Winterkrieg und zum Waffenbruder des Dritten Reiches
Einleitung
Finnlands Außenpolitik als neuer Staat
Finnlands Neutralitätspolitik vor dem Winterkrieg
Der Winterkrieg
Der Fortsetzungskrieg
Fazit
Quellen- und Literaturverzeichnis

Björn Kohlsdorf (2005): Entstehung und Wandel der militärischen Koalition Deutschland – Finnland in Kohärenz mit dem Kriegsverlauf an der Ostfront
Einleitung
Genese der Koalition
Die militärische Liaison Deutschland - Finnland
Ende der „Waffenbrüderschaft“
Fazit
Quellen- und Literaturverzeichnis

Einzelpublikationen

Harald Freter (2008): Finnland im Zweiten Weltkrieg im Spannungsfeld deutscher und sowjetischer Großmachtinteressen

Einleitung

Am Ende des Zweiten Weltkrieges besetzte die Sowjetunion die Territorien der mit dem Deutschen Reich verbündeten bzw. von diesem okkupierten Staaten (Ungarn, Rumänien, Tschechoslowakei, Bulgarien, Polen) und führte dort eine Umgestaltung der Staats- und Gesellschaftsordnung nach sowjetischem Vorbild durch. Einzige Ausnahme hiervon war Finnland, das weder okkupiert noch sowjetisiert wurde. Es konnte sowohl seine territoriale Integrität und Souveränität, als auch seine demokratischen Institutionen, seine marktwirtschaftliche Ordnung und sein Gesellschaftssystem erhalten. Mit der Untersuchung der Frage, warum dies so war, ist erst in neuerer Zeit mit der Öffnung entsprechender russischer Archive begonnen worden (Nevakivi, 1994, Troebst, 1998, Büttner, 2001), ohne dass eine abschließende Antwort bislang möglich gewesen wäre.

Ziel dieser Hausarbeit ist es, die Gründe hierfür im finnischen Agieren im Spannungsfeld zwischen eigenen nationalen Interessen und dem äußeren Druck Deutschlands und der Sowjetunion im Verlauf und vor allem am Ende des Krieges zu suchen. Die finnische Geschichtsschreibung erklärte nach dem Krieg Finnlands Beitritt zum Krieg Deutschlands gegen die Sowjetunion mit der sogenannten Treibholztheorie Arvi Korhonens (1961), wonach Finnland gegen seinen Willen und ohne eigene Mitwirkung in den Krieg gezogen wurde. Diese Auffassung wurde zunächst von ausländischen (u. a. Krosby, 1969), später dann auch von finnischen Historikern (Jokipii, 1987) immer mehr widerlegt.

Zu fragen ist allerdings, welchen Handlungsspielraum Finnland tatsächlich im Verlauf des Krieges hatte. Zur Untersuchung dieser Frage wird zweischrittig vorgegangen. Zunächst wird die Interessenlage der  auf dem finnischen Kriegsschauplatz agierenden Mächte am Vorabend des Zweiten Weltkrieges analysiert. Ausgangspunkt ist die Situation Finnlands nach Erstem Weltkrieg, Bürgerkrieg und den sogenannten Ostkriegszügen. Vor diesem Hintergrund entwickelten sich die Interessen der Sowjetunion und ab 1933 des nationalsozialistischen Deutschlands.

In einem weiteren Schritt werden dann der tatsächliche Verlauf des Krieges und das damit einhergehende Verhalten Finnlands, Deutschlands und der Sowjetunion dargestellt. Dabei wird der finnischen Periodisierung und Terminologie (Winterkrieg, Fortsetzungskrieg, Lapplandkrieg) gefolgt.

Gezeigt werden soll, dass ein finnischer Handlungsspielraum zwar gegeben, dieser aber letztlich  vergleichsweise gering war. Diesen minimalen Handlungsspielraum hat die finnische politische und militärische Führung klug nutzen können, so dass am Ende des Krieges vor dem Hintergrund der militärischen Gesamtkonstellation eine Okkupation des Landes durch die Sowjetunion nicht erfolgte.

An Quellen wird zurückgegriffen auf Dokumentensammlungen zu den Beziehungen zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und der Sowjetunion, ein Tonbandprotokoll vom Besuch Adolf Hitlers beim finnischen Oberbefehlshaber Carl Gustav Mannerheim am 4. Juni 1942 (Wegner, 1993), dem ein Exkurs gewidmet ist, und die Erinnerungen Mannerheims (1952). Herangezogen wird weiter deutsch- und englischsprachige Sekundärliteratur, darunter auch von finnischen Autoren. Kritischere Stimmen aus russischer Perspektive, die ein offensiveres Vorgehen Finnlands gegenüber der Sowjetunion annehmen (Baryshnikov, 2005), werden mit erörtert. Finnischsprachige Standardliteratur (Korhonen, 1961, Jokipii, 1987) konnte mangels Sprachkenntnissen nicht direkt benutzt werden. Hierzu wird auf entsprechende Zusammenfassungen zurückgegriffen (u.a. Saarinen, 1975, Hentilä, 2005, 2007).

Zu den auftretenden geographischen Bezeichnungen, insbesondere Ortsnamen, sei angemerkt, dass in der Literatur hier jeweils die finnischen, schwedischen und russischen Bezeichnungen, auftreten, diese teilweise deutsch oder englisch transkribiert. Dies gilt beispielsweise für den schwedischsprachigen südlichen Teil Finnlands[1]. In der Regel wird im nachstehenden Text die Bezeichnung gewählt, die der territorialen Zugehörigkeit zum betrachteten Zeitpunkt entspricht.

Interessenlage der beteiligten Mächte bezüglich Finnland

Finnlands Interessen nach Erstem Weltkrieg, Bürgerkrieg und Ostkriegszügen

Im Zuge der Oktoberrevolution, der Machtübernahme der Bolschewiki und des beginnenden russischen Bürgerkrieges erklärte Finnland, das seit 1809 als Großfürstentum zum Zarenreich gehörte[2], am 6. Dezember 1917 seine Unabhängigkeit. Diese wurde im Januar 1918 auch von Lenin anerkannt, der in der finnischen Selbständigkeit keine Bedrohung der sowjetischen Herrschaft sah. Es folgte die Anerkennung durch die skandinavischen Nachbarstaaten, Deutschland und Frankreich. (Lehmann, 1989, S. 4)

Kurz darauf kam es in Finnland zwischen Januar und Mai 1918 zum Bürgerkrieg zwischen sozialistischen („Rote Garden“) und konservativen („Weiße Garden“) Kräften. Dabei wurden die „Roten Garden“ von noch in Finnland stationierten revolutionären Soldaten der russischen Armee unterstützt. Insofern ergab sich eine Verflechtung mit dem beginnenden russischen Bürgerkrieg. Letztlich gelang es den bürgerlichen Kräften unter Führung von Carl Gustav Mannerheim, mit deutscher Hilfe den Krieg für sich zu entscheiden[3]. Wegen der Verflechtung mit dem russischen Bürgerkrieg deuteten die Sieger diesen Krieg nicht in erster Linie als finnischen Bürgerkrieg, sondern als einen Freiheitskrieg gegen Russland („Unabhängigkeitskrieg“). Deshalb blieben die Beziehungen zwischen Finnland und der Sowjetunion in den folgenden Jahren weiter spannungsreich. (vgl. Bohn, 2005, S. 206ff.). Zwischen 1918 und 1920 versuchten halboffizielle finnische Verbände in mehreren sogenannten Ostkriegszügen erfolglos, die sowjetischen Teile Kareliens[4] an Finnland anzuschließen.

Mit dem Frieden von Dorpat (Tartu) wurden schließlich 1920 die Feindseligkeiten beendet. Der Vertrag legte im Wesentlichen die Grenzen des zaristischen Großfürstentums Finnland als Grenze des nunmehr unabhängigen Finnland fest. Mit Petsamo (russisch: Petschenga) erhielt Finnland zudem einen eisfreien Hafen am Eismeer, gab aber Ansprüche auf die Kreise Repola und Porajärvi in Ostkarelien auf, die es 1918 bzw. 1919 seinem Gebiet angeschlossen hatte. Die zwischen Finnland, Schweden und Russland umstrittenen Ålandinseln am Eingang des Finnischen Meerbusens wurden vom Völkerbund Finnland zugesprochen, jedoch demilitarisiert (Lehmann, 1989, S. 14f., Bohn, 2005, S. 213) (siehe Karte 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Karte 1. Finnland und Russland nach dem Frieden von Dorpat (1920) (aus: Wikipedia, Finnische Ostkriegszüge)

Die territorialen Regelungen des Friedens von Dorpat waren die Ausgangslage für die weitere Entwicklung der finnischen, sowjetischen und deutschen Interessen.

Die finnische Interessenlage bestand insbesondere aus dem Wunsch nach Sicherheit gegenüber der Sowjetunion. Das betraf sowohl die territoriale Integrität als auch den Fortbestand der demokratischen und marktwirtschaftlichen Gesellschaftsordnung. „Der große östliche Nachbar galt gleichermaßen als Gefahr für das kapitalistische System wie für die nationale Selbständigkeit“ (Menger, 1988, S. 17).

Vor diesem Hintergrund wurden von finnischer Seite vor dem Krieg unterschiedliche Strategien verfolgt:

- Aufbau guter Beziehungen zu Deutschland
- Politik der „Skandinavischen Neutralität“
- Befriedung des Verhältnisses zur Sowjetunion

Nachdem in den 1920er und 1930er-Jahren eine betont deutschfreundliche Stimmung vorherrschte (s.u.), kam es 1936/37 in Finnland zu einem Regierungswechsel. Ziel der finnischen Außenpolitik unter dem neuen Präsidenten Kallio, Ministerpräsident Cajander und Außenminister Holsti war eine Zusammenarbeit mit dem Völkerbund, namentlich Großbritannien und Frankreich, und mit den skandinavischen Staaten und eine Entspannung des Verhältnisses zur Sowjetunion. (Menger, 1988, S.  37; Lehmann, 1989, S. 11).

Eine Orientierung der Gesamt- und Außenpolitik auf die skandinavischen Staaten, vor allem Schweden, sollte einen Ausweg aus dem sicherheitspolitischen Dilemma zwischen Deutschland und der Sowjetunion bieten. Konkretere Absprachen über eine solche „skandinavische Neutralität“  scheiterten aber an der reservierten Haltung Schwedens (Schweitzer, 1993) und der mangelnden Bereitschaft zu einem „länderübergreifenden militärischen Vorgehen in unterschiedlichen geographischen Räumen“ (Lehmann, 1989, S. 9).

Vor diesem Hintergrund hatte sich Finnland weitgehend allein im machtpolitischen Spannungsfeld zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und der Sowjetunion zu orientieren. Hierauf wird in den beiden folgenden Abschnitten eingegangen.

Finnisch-Deutsche Zusammenarbeit vor dem Krieg

Insgesamt war in den 1920er und 1930er Jahren in Finnland eine antisowjetische und prodeutsche Stimmung tonangebend (Lehmann, 1989, S. 6ff.) Dies führte zu einer intensiven finnisch-deutschen Zusammenarbeit auf wirtschaftlichem und militärischem Gebiet. Deutschland wurde ab 1921 zum wichtigsten Importland für Finnland (Menger, 1989, S. 17). Dies setzte sich auch nach der nationalsozialistischen Machtergreifung in Deutschland fort, auch wenn es in Finnland kaum Befürworter der Nationalsozialisten gab.

Menger (1988) gliedert die Beziehungen zwischen Finnland und dem nationalsozialistischen Deutschland in zwei Phasen: die Phase der traditionellen Freundschaftlichkeit (1933-1936) und die Phase deutscher Aktivitäten gegen einen finnischen Kurswechsel (1937 – 1939).

In der ersten Phase, die vom deutschfreundlichen Präsidenten Svinhufvud, Ministerpräsident Kallio und Außenminister Hackzell auf finnischer Seite bestimmt wurde, wurde „Deutschland als stärkster Garant finnischer Unabhängigkeit“ (Menger, 1988, S. 29) gesehen, die Sowjetunion hingegen als deren größter Gegner. Deutschland konnte umfangreiche wehrwirtschaftliche Interessen mit finnischen Rohstofflieferungen (Kupfer, Eisen und Nickel aus der Petsamoregion, siehe Menger, 1988, S. 25 und S. 69) befriedigen.

Finnland wurde von Anfang an in die deutschen Kriegsplanungen als „antisowjetischer Brückenkopf“ (Menger, 1988, S. 35) bzw. als „Flankenpartner, Aufmarsch- und Nachschubbasis“ (Menger, 1988, S. 79) einbezogen. Es kam zu einer noch intensiveren Zusammenarbeit auf militärischem Gebiet (Lehmann, 1989, S: 6ff.). Die einzige „Gefahr“ wurde in dieser Seite deutscherseits in einer Annäherung Finnlands an Großbritannien gesehen (Menger, 1988, S. 35).

Hinsichtlich der deutschen Interessen an Finnland ist also mit Salewski (1979) festzustellen, dass

- Finnland für Deutschland Hauptlieferant kriegswichtiger Rohstoffe war,
- Deutschland strategische Interessen im Ostseeraum und im Nordpolarmeer verfolgte,
- Deutschland die Gefahr englisch-französischer Interventionen in Nordeuropa abwenden wollte.

Diese Interessen waren durchaus teilweise gemeinsame, da Finnland von Deutschland die Garantie des politischen Status Quo erwartete und in Deutschland einen wichtigen Abnehmer seiner Rohstoffe, aber auch Lieferanten von Lebensmitteln und Waffen sah. Während Deutschland Finnland in das eigene Lager für den Angriffskrieg gegen die Sowjetunion ziehen wollte, erhoffte sich Finnland durch die deutsche Unterstützung eine mäßigende Wirkung auf die Sowjetunion.

Sowjetische Interessen an Finnland

Von russischer Seite wurde Finnland seit jeher als Gefahr für die Sicherheit gesehen. Schon Peter der Große wird mit den Worten „Russland ist erst dann sicher, wenn seine Grenzen am Bottnischen Meerbusen liegen“ zitiert (Lehmann, 1989, S. 3). Auch seitens der Sowjetunion wurde Finnland als strategisch wichtig betrachtet. So galten der Finnische Meerbusen und die Küste als potentielles Einfallstor zur zweitgrößten Stadt der Sowjetunion, Leningrad. Für den Fall eines Landkrieges sah die sowjetische Führung den finnischen Teil Kareliens als mögliches Aufmarschgebiet für einen Angriff gegen Leningrad ebenso wie das gesamte finnische Territorium als mögliche Basis von Luftangriffen auf sowjetisches Gebiet.

Vor diesem Hintergrund erfolgten sowjetische Forderungen an Finnland, so im April 1938 nach Garantien, dass Finnland Deutschland bei einem Krieg gegen die Sowjetunion nicht unterstützen werde  (Mannerheim, 1952, S. 322; Lehmann, 1989, S.10). Hierzu wäre Finnland unter der Voraussetzung der Garantie seiner territorialen Integrität zwar bereit gewesen, nicht jedoch zur langfristigen Verpachtung von Inseln im Finnischen Meerbusen oder ersatzweise eines Landgebietes nördlich des Ladogasees an die Sowjetunion zur Errichtung militärischer Stützpunkte (Mannerheim, 1952, S. 322ff.).

Zwischenzeitlich kamen die Sowjetunion und das nationalsozialistische Deutschland im geheimen Zusatzprotokoll zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom 23.8.1939[5] (Hofer, 1957, S. 230f.) zu einer Regelung ihrer wechselseitigen Interessensphären, wonach Finnland der Interessensphäre der Sowjetunion zugeordnet wurde[6].

Im Oktober 1939, mit dem Hitler-Stalin-Pakt im Rücken forderte die Sowjetunion von Finnland einen „Beistandspakt“, der aber auch konkrete territoriale Forderungen[7] enthielt (Mannerheim, 1952, S. 335). Angesichts der schwachen militärischen Lage Finnlands setzte sich Mannerheim für einen Kompromiss mit der Sowjetunion ein, der zu einem finnischen Gegenangebot mit teilweisen Zugeständnissen führte (Lehmann, 1989, S. 12f.). Letztlich verliefen aber die bis Ende Oktober 1939 geführten Verhandlungen ergebnislos. Die sowjetischen Forderungen wurden als für Finnland unannehmbar abgelehnt. In der Folge setzte die Sowjetunion auf eine militärische Durchsetzung ihrer Interessen gegenüber Finnland.

Der Verlauf des Krieges in Finnland 1939 - 1945

In diesem Abschnitt soll zunächst der Verlauf des Krieges in und um Finnland dargestellt werden. Dabei soll insbesondere darauf geachtet werden, wie sich Finnland unter dem äußeren Druck der Großmächte Sowjetunion und Deutschland verhielt und welcher Spielraum für eigenständiges Handeln bestand. Diese Fragestellung wird explizit im vierten Abschnitt erneut aufgegriffen werden. In der Periodisierung wird der finnischen Terminologie (Winterkrieg, Fortsetzungskrieg, Lapplandkrieg) gefolgt (z. B. Mannerheim, 1952, Nousiainen et al., 2002), die aus finnischer Sicht eine Eigenständigkeit der Kriegführung und eine gesonderte Betrachtung unabhängig vom übrigen Geschehen des Zweiten Weltkrieges nahe legen soll.

Der Winterkrieg 1939/40

Noch während der laufenden Gespräche über die sowjetischen Forderungen an Finnland und finnische Angebote wurden die sogenannten „Mainilaschüsse[8] “, von der Sowjetunion zum Anlass für das Aufkündigen des Nichtangriffsvertrages, den Abbruch der diplomatischen Beziehungen und zum Angriff auf Finnland am 30.11.1939 genommen (Mannerheim, 1952, S. 346).

Der Winterkrieg kann in drei Phasen eingeteilt werden (Jokipii, 1997):

- erste russische Angriffsphase 1.12.1939 – 15.1.1940
- Stellungskrieg: Mitte Januar bis Mitte Februar 1940
- zweite Angriffsphase ab Mitte Februar

Die militärische Führung der Sowjetunion ging von einem schnellen Sieg über die finnischen Streitkräfte aus. Ein russischer Blitzkrieg scheiterte jedoch zunächst (Mannerheim, 1952, S. 388ff.), weil die finnischen Verteidiger unter Ausnutzung der Geländebedingungen und der besseren Vorbereitung auf eine Kriegführung im Winter unerwarteten Widerstand leisteten und bis Ende Januar 1940 ihre Stellungen entlang der sogenannten Mannerheim-Linie hielten und nordöstlich des Ladogasees sogar zum Gegenangriff übergehen konnten (Lehmann, 1989, S. 17f.)

Erst eine massive Verstärkung der sowjetischen Kräfte führte dazu, dass im Verlauf des Februar 1940 die Mannerheim-Linie (Karte 2) durchbrochen wurde. Eine Zerschlagung oder Einkesselung der finnischen Armee gelang jedoch nicht, auch konnte die Stadt Viipuri nicht erobert werden. Da andererseits eine Unterstützung aus dem Ausland nicht erwartet werden konnte, gab es für die finnische Führung angesichts der inzwischen äußerst kritischen militärischen Lage nur noch den Weg zu Friedensverhandlungen, solange finnisches Territorium noch weitgehend unversehrt und die eigene Armee noch weitgehend intakt war. (Lehmann, 1989, S. 18)

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Karte 2. Die „Mannerheim-Linie“ im Winterkrieg 1939/40 (aus: Wikipedia, Winterkrieg)

Mit dem im März 1940 abgeschlossenen Moskauer Friedensvertrag wurde Finnland zu erheblichen Gebietsabtretungen an die Sowjetunion gezwungen, wodurch diese ihre militärstrategische Position deutlich verbessern konnte (Menger, 1988, S.69): Die Grenze wurde von nördlich Leningrad hinter die Linie Viipuri-Sortavela verlegt. Die Karelische Landenge, das Nord- und Westufer des Ladogasees, einige Inseln des Finnischen Meerbusens, ein Gebiet im Bereich der Gemeinde Kuolajärvi (Salla) sowie der westliche Teil der Fischer (Rybatschi)-Halbinsel fielen an die UdSSR. Die Stadt Hanko (Hangö) an der Südküste musste für 30 Jahre als Flottenstützpunkt an die Sowjetunion verpachtet werden. (Karte 3)

Damit verlor Finnland etwa 40.000 qkm an Gebiet, 500.000 Menschen (12 % der Bevölkerung) verloren ihre Heimat (Mannerheim, 1952, S. 419; Jokipii, 1997). Aber Finnland konnte seine Selbständigkeit behaupten, indem der „Friede im letztmöglichen Moment geschlossen“ (Nousiainen et al., 2002, S. 29) wurde.

Die Beendigung des Krieges war durchaus auch im Interesse der Sowjetunion, weil gegen eine Fortsetzung des Winterkrieges und damit eine Besetzung Finnlands sprach, dass Anfang 1940 sonst ein Konflikt mit den Westalliierten zu befürchten war und Ende 1940 der außenpolitische Partner Hitler dagegen war (Troebst, 1998)

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Karte 3. Finnische Gebietsabtretungen im Moskauer Friedensvertrag (12. März 1940) (aus: Wikipedia, Winterkrieg)

Die Zwischenkriegszeit [9] 1940/41

Nach dem Winterkrieg gab es einander widerstreitende Tendenzen in der finnischen Außen- und Militärpolitik (Menger, 1988, S. 75). Einerseits sollte versucht werden, das Land aus neuen kriegerischen Auseinandersetzungen herauszuhalten, indem ein befriedigendes Verhältnis zur Sowjetunion gefunden werden sollte. Andererseits gab es eine immer stärker werdende Tendenz, das Land auf Deutschland zu orientieren und die Schlagkraft der finnischen Streitkräfte zielstrebig auszubauen.

Ab dem Sommer 1940 wurde der finnische Außenhandel hauptsächlich auf Deutschland und dessen Einflussgebiet ausgerichtet (Menger, 1988, S. 74ff.; Jokipii, 1997). So kam es zu umfangreichen Eisen- und Kohlelieferungen Deutschlands an Finnland. Umgekehrt wurden der IG Farben 60 % der Nickelausbeute aus der Petsamoregion zugesichert.

Mit den deutschen Planungen für einen Angriff auf die Sowjetunion (Weisung Hitlers vom 21.7.1940) wurde Finnland für Deutschland primär als Flankenpartner, Aufmarsch- und Nachschubbasis von Interesse (Menger, 1988, S. 79). Weitere deutsch-finnische Kontakte erfolgten dann auch auf militärischer Ebene. So kam es zu mehreren Vereinbarungen über deutsche Truppen- und Materialtransporte durch Finnland in das besetzte Nordnorwegen[10] und einem Geheimvertrag vom 1.10.1940 über deutsche Waffenlieferungen an Finnland.

Am 12./13. November 1940 führte der sowjetische Außenminister Molotow Gespräche in Berlin, bei denen neben der Balkanfrage die finnische Frage an erster Stelle rangierte (Sontag und Beddie, 1948, S. 226ff.; Mannerheim, 1952, S. 427f., Menger, 1988, S. 87). Auf sowjetischer Seite wurde dabei der Eindruck gewonnen, dass Deutschland vom Grundsatz der Zugehörigkeit Finnlands zur Interessensphäre der Sowjetunion abrückte. Hitler hatte eine Zurückstellung der sowjetischen Ansprüche für sechs Monate bis zu einem Jahr gefordert (Sontag und Beddie, 1948, S. 226ff.). Der geforderte Abzug deutscher Truppen aus Finnland wurde abgelehnt und die wirtschaftlichen Interessen Deutschlands an Finnland hervorgehoben.

In diesem Treffen sah Mannerheim (1952, S. 428) einen „entscheidenden Schritt, dem schließlichen Bruch zwischen Deutschland und der Sowjetunion“ entgegen. Fortan sah er keine Möglichkeit mehr, sich aus dem zu erwartenden deutsch-sowjetischen Konflikt herauszuhalten (S. 436).

Diese Lagebeurteilung erfolgte angesichts einer Situation, in der Dänemark und Norwegen von deutschen Truppen besetzt, vom neutralen Schweden sowie Großbritannien und den USA keine Hilfe gegen die Sowjetunion zu erwarten war. Vor diesem Hintergrund „stand die finnische Diplomatie ohne wirkliche Alternative dar“ (Schweitzer, 1993). Finnland stellte sich somit auf eine deutsche Hegemonie ein und erwartete eine Revanche für die im Winterkrieg erlittene Niederlage. (Menger, 1988, S. 76f.)

Nachdem auf deutscher Seite die Grundsatzentscheidungen für die strategisch-operative Planung des Überfalls auf die Sowjetunion getroffen waren[11], sollte Finnland in diese Planungen einbezogen werden. Die abschließenden Verhandlungen wurden Ende Mai / Anfang Juni 1941 zunächst in Salzburg, dann in Helsinki geführt (Menger, 1988, S. 100ff.). Ergebnisse waren u.a. die genaue Abgrenzung der Operations- und Befehlsbereiche zwischen dem deutschen und dem finnischen Oberkommando, die Bereitstellung von sechs finnischen Divisionen an der Südostgrenze zum Hauptangriff westlich oder östlich des Ladogasees, die Überführung von deutschen Verbänden in den Raum Rovaniemi und die Nutzung finnischer Flugbasen durch die deutsche Luftwaffe. Die finnische Einsatzbereitschaft sollte bis zum 28. Juni hergestellt sein. Zudem wurden wechselseitig Verbindungsstäbe zum jeweils anderen Oberkommando eingerichtet[12]. Formelle vertragliche Vereinbarungen wurden allerdings nicht getroffen.

Der Fortsetzungskrieg 1941 – 1944

Der finnische Eintritt in den Krieg gegen die Sowjetunion

Der im Zuge des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion ebenfalls ausgebrochene Krieg zwischen Finnland und der Sowjetunion wird unterschiedlich gedeutet. In der finnischen Deutung wird Wert darauf gelegt, diesen Krieg unabhängig von der deutschen Aggression als Fortsetzung des Winterkrieges zu sehen, deshalb die Bezeichnung „Fortsetzungskrieg“. Aus deutscher Sicht war Finnland wie schon festgestellt ein wichtiger „Flankenpartner“. Da ein formelles vertragliches Kriegsbündnis zwischen Finnland und Deutschland nicht bestand, wurde von einer „Waffenbrüderschaft“ gesprochen. Aus sowjetischer Sicht (Baryshnikov, 2005) stellt sich der Fortsetzungskrieg als eine gemeinsame finnisch-deutsche Aggression gegen die Sowjetunion dar.

Für die finnische Sicht wird von dort angeführt, dass es kein offizielles Bündnis mit Deutschland gab und sich Finnland noch bei Kriegsbeginn offiziell für neutral erklärte. Erst nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 „begannen die Russen eine Reihe von Angriffen, Bombardierungen und Beschießungen rein finnischer Ziele“ (Mannerheim, 1952, S. 440), so dass Finnland am 24. Juni den Verteidigungsfall erklärte, das Hauptquartier ins Landesinnere nach Mikkeli verlegte (Nousiainen et al., 2002) und seinen Truppen die Erwiderung des Feuers gestattete.

Die militärische Zielsetzung Finnlands bestand nach den Worten Mannerheims (1952, S. 445) in einer Wiedereroberung des im Winterkrieg verlorenen Ladogakarelien und der Karelischen Landenge. Durch eine Besetzung Ostkareliens sollte eine Überführung des Krieges auf finnisches Gebiet verhindert werden. Einen Angriff auf Leningrad sollte es von finnischer Seite nicht geben, um nach dem Krieg sowjetischen Befürchtungen, ein selbständiges Finnland sei eine ständige Bedrohung für Leningrad, keine Grundlage zu geben. Auch wurde in der Folge deutschen Forderungen nach Unterstützung eines Angriffs auf die Murmanbahn nicht gefolgt. Diese beiden Punkte führt auch Hentilä (2007) als „gewichtige Tatsachen“ für die „These, dass Finnland einen separaten Krieg geführt hatte“, an.

Lehmann (1989, S. 32) fasst die finnische „Losung von der Führung eines defensiven Sonderkrieges“, bei der es „nur einen gemeinsamen Gegner mit Deutschland“ gebe, dahingehend zusammen, dass die deutsch-finnischen Beziehungen als „Waffenbrüderschaft“, (nicht als „Bündnis“) bezeichnet worden seien, aktive Kampfhandlungen eingeschränkt worden seien und die finnischen Verbände in Lappland aus der deutschen Befehlsgewalt herausgelöst wurden.

Eine andere Sichtweise vertritt Baryshnikov (2005), der insbesondere die finnischen Kriegsziele anhand der Tagesbefehle Mannerheims analysiert (Forderung nach einem Groß-Finnland mit dem gesamten Karelien[13] ) und die finnische Nichtbeteiligung am Angriff auf Leningrad darauf zurückführt, dass die deutsche Armeegruppe Nord nicht in der Lage war, von Süden her den entscheidenden Schlag gegen Leningrad zu führen (Baryshnikov, 2005, S. 61). Insofern hätte das finnische Vorgehen einen rein militärischen Hintergrund gehabt, weil der zunächst erwartete rasche deutsche Sieg ausblieb. Damit kommt Baryshnikov zu dem Schluss, dass im Sommer und Herbst 1941 sehr wohl auch finnische Truppen einen Angriff auf Leningrad führten, der allerdings am Ende in einem Stellungskrieg stecken blieb.

In dieser Sichtweise gingen die finnischen Kriegsziele also weit über den Wiedergewinn der im Winterkrieg verlorenen Gebiete hinaus.

Auch Menger (1988, S. 129f.) spricht von einer „kontroversen historischen Diskussion“ über die Frage, ob Mannerheim einer Stoßrichtung auf den Fluss Swir (Syväri) oder die Karelische Landenge den Vorzug gab (vgl. Karte 4). Aus den Quellen und Memoiren der deutschen Militärs ginge hervor, dass die deutsche Seite den Eindruck gewonnen hätte, Mannerheim bevorzuge einen Angriff über die Karelische Landenge (also Richtung Leningrad), während dieser in seinen Memoiren kategorisch behauptete, unter keinen Umständen zu einer Offensive gegen Leningrad bereit gewesen zu sein. Für das tatsächliche Vorgehen Richtung Swir seien letztendlich die deutschen Forderungen ausschlaggebend gewesen (Menger, 1988, S. 130). Aber auch der Vorstoß zum Swir habe letztlich auf Leningrad gezielt, da er die „Gefahr einer völligen Blockade der Stadt“ erhöht und zu einer „permanenten Bedrohung ihres letzten Lebensweges über den  Ladogasee“ geführt hätte (Menger, 1988, S. 131).

Auch in den finnischen Neutralitätsbekundungen zu Kriegsbeginn sieht Menger (1988, S. 109) „nichts anderes als ein taktisches Manöver“, da sich Finnland seit den ersten Kriegsstunden an Aggressionshandlungen beteiligt hätte und sein Staatsgebiet als Aufmarschraum und als Angriffsbasis gegen die Sowjetunion gedient hätte[14].

Die finnische Offensive in Karelien führte dazu, dass Anfang September 1941 die neue Frontlinie im Wesentlichen dem Verlauf der Grenze des Jahres 1939 folgte (Menger, 1988, S. 134ff.). Der weitere Verlauf des Krieges ist vor allem durch deutsche Forderungen nach einer Beteiligung am Angriff auf Leningrad und die Murmanbahn[15] einerseits und politischen Bemühungen Großbritanniens und der USA, Finnland zu einem Austritt aus dem Krieg zu bewegen, bestimmt (Mannerheim, 1952, S. 443ff.).

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Karte 4. Karelische Landenge und Swir. Lage im Fortsetzungskrieg Dezember 1941 – Juni 1944. (aus: Wikipedia, Fortsetzungskrieg)

3.3.2 Exkurs: Besuch Adolf Hitlers bei Carl Gustav Mannerheim am 4. Juni 1942

Eine interessante Episode, die ein gewisses Licht auf den Stand der finnisch-deutschen Beziehungen wirft, ist der Besuch Adolf Hitlers beim finnischen Oberbefehlshaber Carl Gustav Mannerheim anlässlich dessen 75. Geburtstages am 4. Juni 1942 in Mikkeli (Wegner, 1993). Dieser Besuch fand in einer Situation statt, als sich die allgemeine Kriegslage für Deutschland verschlechterte und zugleich die wirtschaftliche, militärische und politische Abhängigkeit Finnlands vom Deutschen Reich zunahm. In dieser Situation versuchte die finnische Politik „ihren Handlungsspielraum … zu wahren“ (Wegner, 1993, S. 119). Seit dem Winter 1941/42 war es der finnischen Führung gelungen, sich auf eine eher politisch abwartende Haltung und militärisch defensive Kriegführung zurückzuziehen.

Andererseits verzichtete Deutschland – anders als im Umgang mit anderen Bundesgenossen - darauf, Finnland mit diplomatischem, wirtschaftlichem oder militärischem Druck zur Aufgabe dieser Linie zu zwingen. Hierfür führt Wegner (1993, S. 120ff.) drei Gründe an:

- Respekt des deutschen Diktators vor dem nationalen Selbstbehauptungswillen der Finnen
- Unverzichtbarkeit des finnischen Beitrags für die defensive Sicherung der Nordflanke, nicht so sehr für die Offensivoperationen auf dem Südflügel
- Kontraproduktive Wirkung von Pressionen, die Finnland eher zu einem Sonderfrieden mit der Sowjetunion neigen ließen

Der Besuch Hitlers verfolgte vor diesem Hintergrund offenbar nicht so sehr das Ziel, zu weiteren konkreten politischen und militärischen Absprachen zu kommen, sondern nach außen „die Bindungen Finnlands an das Reich augenfällig (zu) machen und die … Politik Helsinkis gegenüber den Westalliierten … (zu) kompromittieren.“ (Wegner, 1993, S. 123).

Dem entspricht auch der Gesprächsverlauf, in dem nicht über den bevorstehenden zweiten deutschen Ostfeldzug, nicht über die Lage im Raum Leningrad und nicht über die Umstellung auf eine längere Kriegführung gesprochen wurde. Damit wird mit Wegner (1993) ein „bezeichnendes Licht auf den Charakter der deutsch-finnischen „Waffenbrüderschaft““ geworfen, die eine „Verbindung höchst unterschiedlicher Partner“ darstellte, die beide aus unterschiedlichen Gründen kein Interesse an einer gleichberechtigten Partnerschaft hatten. Die Finnen nicht, weil sie eine eigenständige Politik und Kriegführung betonen wollten, das totalitäre Deutschland nicht, weil es auf die „Wirksamkeit der machtpolitischen Asymmetrie“ mit der daraus resultierenden Abhängigkeit Finnlands vertraute.

Hitler nutze das Gespräch mit Mannerheim dazu, Finnland unausgesprochen vor jeglichem Versuch eines Separatfriedens zu warnen und es zugleich der deutschen Unterstützung zu versichern. Er tat dies durch ein scheinbar rückhaltloses Einräumen einerseits deutscher Fehleinschätzungen der Stärke der Sowjetunion, andererseits der Schwäche der deutschen militärischen Planung[16]. Diese vermeintlich realistische Lagebeurteilung sollte offenbar seine Glaubwürdigkeit gegenüber dem finnischen Oberbefehlshaber wieder herstellen.

Finnlands Austritt aus dem Krieg gegen die Sowjetunion

Ungeachtet mancher Differenzen, insbesondere hinsichtlich Leningrads und der Murmanbahn, „stand die Stabilität der deutsch-finnischen antisowjetischen Kriegskoalition nicht in Frage“ (Menger, 1988, S. 160ff.). Dies änderte sich erst nach der deutschen Niederlage von Stalingrad, als Deutschland mehr denn je an einem finnischen Einsatz interessiert war, Finnland jedoch nicht in die Niederlage hineingezogen werden wollte. Am 3.2.1943, einen Tag nach der deutschen Kapitulation von Stalingrad, wurde innerhalb der finnischen Führung[17] Einigkeit darüber erzielt, dass Finnland das Ausscheiden aus dem Krieg anstreben müsse, möglichst in Übereinstimmung mit Deutschland (Menger, 1988, S. 162), mit den Worten Mannerheims (1952, S. 491): „Finnland musste einen Weg aus dem Kampf heraus finden, woran uns Deutschlands Macht für den Augenblick noch hinderte.“ Allerdings blieb die Wiederherstellung der Grenzen von 1939 finnisches Kriegsziel (Büttner, 2001, S.57f.).

Während an der finnischen Front im Verlauf des Jahres 1943 weitgehend Stellungskrieg herrschte und gegen deutsche Offensivforderungen auf die tatsächliche militärische Lage verwiesen wurde (Menger, 1988, S. 171), wurde von der seit März 1943 amtierenden Regierung Linkomies zunächst bei anderen Regierungen[18] vorgefühlt, dann Deutschland unterrichtet, das ablehnend reagierte und unter Drohung mit wirtschaftlichen und militärischen Repressionen eine verbindliche finnische Erklärung verlangte, ohne deutsche Zustimmung keine Waffenstillstandsverhandlungen aufzunehmen. Ende Juni konnte der Zwist durch eine Rede des Ministerpräsidenten vorläufig beigelegt werden, die Kluft zwischen deutschen Forderungen und finnischen Interessen war jedoch nicht mehr zu übersehen.

Für den Fall eines finnischen Separatfriedens sah die deutsche Planung („Weisung Nr. 50“ vom 28.9.1943) vor, den Norden Finnlands gewaltsam unter Kontrolle zu behalten (Operation „Birke“) und die Ålandinseln (Operation „Tanne West“) und die Insel Suursaari (Operation „Tanne Ost“) zu besetzen (Menger, 1988, S. 176ff.; Lehmann, 1989, S. 34f.)

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[1] Die wichtigsten Beispiele: Der Hafen Hanko heißt schwedisch Hangö, die Stadt Viipuri schwedisch Viborg, in der russischen deutsch transkribierten Fassung auch Wiborg oder Wyborg geschrieben. Die Region Petsamo heißt russisch Petschenga und der russische Fluss Swir wird finnisch als Syväri bezeichnet.

[2] Im Zuge der napoleonischen Koalitionskriege verbündete sich Russland im Frieden von Tilsit (1807) mit Frankreich gegen England und das mit diesem verbündete Schweden. Mit dem Angriff Russlands auf Schweden begann dieses den Finnischen Krieg (1808/09), der mit dem Vertrag von Fredrikshamn endete, mit welchem Schweden weite Gebiete an Russland abtrat. Dazu gehörten neben dem die heutige Südhälfte Finnlands umfassenden Kernfinnland auch die Ålandinseln sowie Teile von Lappland.

[3] Die Formierung der weißen Regierungstruppen erfolgte unter anderem aus der sogenannten Jägerbewegung. Damit wird eine Gruppe finnischer Freiwilliger bezeichnet, die während des Ersten Weltkrieges in Deutschland (im 27. preußischen Jägerbataillon) ausgebildet wurden und an der Spitze eines Befreiungskrieges gegen das zaristische Russland stehen sollten. Weiter wurden die weißen Truppen von einem deutschen Expeditionskorps unterstützt. Kurzzeitig wurde sogar der deutsche Prinz Friedrich Karl von Hessen zum König von Finnland eingesetzt, der jedoch nach der Revolution in Deutschland auf die finnische Krone verzichtete. (Lehmann, 1989, S. 5f., Schweitzer, 1993)

[4] Im Vertrag von Nöteborg (finnisch: Pähkinäsaari, deutsch: Schlüsselburg) wurde 1323 der Grenzverlauf zwischen Schweden und Nowgorod geregelt und dabei die Landschaft Karelien zwischen diesen beiden Reichen geteilt. Die Grenze verlief östlich und nördlich der Stadt Viborg (Viipuri) auf der Karelischen Landenge. Ostkarelien gehörte seitdem zu Russland und später zur Sowjetunion. (Bohn, 2005, S. 61f.)

[5] oft als Hitler-Stalin-Pakt oder Molotow-Ribbentrop-Pakt bezeichnet

[6] „Für den Fall einer territorialen Umgestaltung in den zu den baltischen Staaten (Finnland, Estland, Lettland, Litauen) gehörenden Gebieten bildet die nördliche Grenze Litauens zugleich die Grenze der Interessensphäre Deutschlands und der UdSSR.“ (Geheimes Zusatzprotokoll, zitiert nach Hofer, 1957, S. 230f.) In einem weiteren Geheimabkommen vom 28.9.1939 wurde auch Litauen der sowjetischen Interessensphäre zugeschlagen (Hofer, 1957, S. 212).

[7] Verpachtung des Hafens von Hanko (Hangö) für 30 Jahre an die Sowjetunion, Abtretung der Inseln im Finnischen Meerbusens, des Westteils der Fischerhalbinsel und eines Gebietes auf der Karelischen Landenge. Zum Ausgleich allerdings Überlassung der Distrikte Repola und Porajärvi, die in den Ostkriegszügen von Finnland beansprucht wurden. (Mannerheim, 1952, S. 335f.) (vgl. Karte 3)

[8] Am 25.11.1939 kam es zu einem Grenzzwischenfall bei dem Dorf Mainila auf der Karelischen Landenge. Nach sowjetischer Darstellung soll von finnischem Territorium aus mit Artillerie auf sowjetisches Territorium geschossen worden sein. Diese sogenannten „Schüsse von Mainila“ sind bis heute nicht aufgeklärt. (Lehmann, 1989, S. 15)

[9] Mit dieser Begriffswahl wird wiederum die finnische Perspektive eingenommen. Bekanntlich gab es in diesem Zeitraum andere Kriegsschauplätze des Zweiten Weltkrieges.

[10] Finnische Zustimmung vom 18./19.8.1940 zu Truppen- und Materialtransit in den Raum Kirkenes, Vereinbarung vom 12.9.1940 über Truppen- und Materialtransporte der deutschen Luftwaffe durch Finnland, Vereinbarung vom 22.9.1940 über Materialtransporte von den nördlichen Ostseehäfen über Rovaniemi nach Kirkenes, Vereinbarung über (Truppen)Urlauberverkehr von Ende November 1940 (Menger, 1988, S. 81)

[11] Weisung Nr. 21 („Fall Barbarossa“) vom 18.12.1940 und „Aufmarschanweisung Barbarossa“ vom 31.1.1941 (Menger, 1988, S. 88 )

[12] General Waldemar Erfurth als Kommandeur des Verbindungsstabes Nord im finnischen Hauptquartier und Generalleutnant Harald Öhquist als Verbindungsoffizier des finnischen Oberbefehlshabers zum OKW und zum OKH (Menger, 1988, S. 105)

[13] Neben der Annulierung des Moskauer Friedensvertrages Forderungen nach einer Angliederung Ost-Kareliens und der Kola-Halbinsel an Finnland, Aussiedlung der russischen aus und Ansiedlung finnischer Bevölkerung in diesen Gebieten (vgl. Lehmann, 1989, S. 29)

[14] Lehmann (1989, S. 28) nennt hier Bombenangriffe der deutschen Luftwaffe auf Murmansk von finnischen Flughäfen aus, das Legen von Minensperren im Finnischen Meerbusen, Aufklärungsflüge von finnischen Flughäfen aus und die Besetzung der Ålandinseln trotz deren entmilitarisierten Status.

[15] Über die Murmanbahn wurden Waffenlieferungen und Versorgungsgüter der Westalliieten für die Sowjetunion aus dem Hafen Murmansk weitergeleitet.

[16] Hitler spricht von einer „Schönwetterbewaffnung“ (Wegner, 1993, S. 132f.)

[17] Auf einer Konferenz zwischen Mannerheim, Staatspräsident Ryti und anderen führenden finnischen Politikern (Menger, 1988, S. 162)

[18] Schweden, Großbritannien und USA, vgl. Jokipii (1997)

Details

Seiten
109
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656617242
ISBN (Buch)
9783956871412
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v270938
Note
Schlagworte
finnland zweiten weltkrieg zwischen winterkrieg waffenbrüderschaft neutralität

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Titel: Finnland im Zweiten Weltkrieg: Zwischen Winterkrieg, Waffenbrüderschaft und Neutralität