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Leseprobe

Inhalt

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl als Mitauslöser für den Untergang der Sowjetunion. Der ukrainische Weg in die Unabhängigkeit von Josef Schopf (2011)
Einleitung
Als die Ukraine noch unverseucht war
Der Super-GAU in Cornobyl
„Zelenyj svit“ und „Ruch“
Eine unabhängige Ukraine
Fazit
Literaturverzeichnis

Ethnische Grenzziehung als Absicherung der nationalen Identität der Ukrainer von Elzbieta Szumanska (2008)
Einleitung
Ethnische Grenzziehung
Die Abgrenzungsversuche der Ukrainer
Fazit
Literaturverzeichnis

Der Mythos der Brüderlichkeit des russischen und ukrainischen Volkes von Maryna Zühlke (2005) 54
Einleitung 55
Sowjetische Tradition 57
Der Mythos und seine Sprache
Sowjetisch-ukrainische Kunst
Zusammenfassung
Bibliographie
Anhang

Der Weg der Ukraine in die EU im Schatten Russlands (bis zum Jahr 2010) von Yevgeniy Voytsitskyy (2010)
Einleitung
Die Ukraine zwischen Europa und Russland
Die historischen Überlegungen
Die Ukraine und die EU
Russland außerhalb und innerhalb Europas
Russland und die Ukraine
Das Dreieck der Beziehungen von EU, Ukraine und Russland im Kontext der EU-Erweiterung
Fazit
Literaturverzeichnis

Ever westward? Die Westintegration der Ukraine in der geostrategischen Analyse von Sebastian Baumann (2009)
Einleitung
Der Westen und die ukrainischen Streitkräfte
Der Westen und die ukrainische Wirtschaft
Die ukrainische Politik
Die öffentliche Meinung in der Ukraine
Russland und die Ukraine
Russland und die Westintegration
Fazit
Quellen- und Literaturverzeichnis

Die Position der Ukraine in der Europäischen Nachbarschaftspolitik (ENP) Bilanz der Außen- sowie der Innenpolitik unter dem Präsident Janukowitsch in der Ukraine von Nataliya Rybalko (2011)
Einleitung
EU-Ukraine Beziehung vor der ENP
Die neue Europäische Nachbarschaftspolitik (ENP)
Kritikpunkte an der ENP aus der ukrainischer Sicht
Implementierung und Reformprozess in der Ukraine im Rahmen des Aktionsplans
Schlussfassung
Eine Bilanz der Innen- und Außenpolitik der Ukraine im ersten Amtsjahr von Präsident Janukowitsch
Literaturverzeichnis
Anhang

Einzelbände

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl als Mitauslöser für den Untergang der Sowjetunion.
Der ukrainische Weg in die Unabhängigkeit
von Josef Schopf (2011)

„In fact, it was the explosion on 26 April 1986 at the nuclear power facility at Chornobyl’, just northwest of Kiev, that made the world aware of Ukraine, and Ukrainians aware of the profound degree to which they lacked control over their lives. The initial reluctance of Gorbachev government to provide information about life-threatening radioactive fallout perhaps more than anything else alienated the ordinary citizen from the Soviet system.”[1]

Einleitung

Es geschah am 26. April 1986 um 01.24 Uhr.[2] Der vierte Reaktorblock des Atomkraftwerkes in Cornobyl (Tschernobyl) in der heutigen Nordukraine war explodiert. Die Explosion war eine Folge eines außer Kontrolle geratenen Versuches bzw. Reaktortests im Werk selbst. Diese Katastrophe führte zum Austritt von radioaktiven Stoffen, die zu Beginn die unmittelbare Umgebung des Einzugsgebietes Kievs sowie die weißrussische Sowjetrepublik, später aber sogar große Teile Europas verseuchten.[3] Zum Verständnis des Ausmaßes des Cornobyl-Unglückes hilft vielleicht folgender Vergleich: Die bei dem Unglück freigesetzte Radioaktivität schätzt man später auf das 100-fache der Hiroshima-Bombe[4], welche am 6. August 1945 zum endgültigen Ende des Zweiten Weltkrieges beigetragen hat. Dieses dramatische Ereignis wurde von vielen Experten des Faches später als folgenschwerster Unfall der Kernenergetik bezeichnet.[5]

Als Folge dieser atomaren Katastrophe, die sich in Cornobyl – etwa 130 Kilometer nördlich von der ukrainischen Hauptstadt Kiev ereignete – wurden weite Teile der Ukraine mit etwa 1.600 ukrainischen Ortschaften und ca. 1,4 Millionen Bewohnern zum Katastrophengebiet erklärt. Darüber hinaus gelten seither 12 % der landwirtschaftlichen Nutzungsfläche der Ukraine als verseucht.[6] Die Zahl der Todesopfer ist schwer zu bestimmen und wird oft unterschiedlich angegeben. So gibt es Schätzungen von 4.000 bis hin zu 90.000 Toten. Gerade aufgrund der Spätfolgen wie etwa Schilddrüsenkrebs, Stress, Angst, Alkoholsucht, Suizide, Immunschwächen, Erkrankungen des Nervensystems sowie Schäden an Neugeborenen ist es sehr schwierig festzustellen, wie viele Menschenleben dieser „größte anzunehmende Unfall“ tatsächlich gefordert hat.[7] In der Geschichte der Ukraine gilt Cornobyl als Aufbruch der nicht länger widerstandslosen Nation.[8] So schreibt Paul Robert Magocsi[9] beispielsweise, dass erst Cornobyl den Ukrainern bewusst gemacht hat, dass sie eigentlich nicht die Kontrolle über ihr eigenes Leben besitzen. Das Zögern, ja vielleicht sogar der Widerwille der Regierung Gorbachovs, genaue Informationen über das Unglück zur Verfügung zu stellen, stieß die Ukrainer wie auch viele andere Bürger der Sowjetunion vor den Kopf. In den Augen vieler Ukrainer trugen die Ereignisse der frühen Morgenstunden des 26. April 1986 sowie der Tage danach erheblich zu dem Verständnis bei, dass sie in Wahrheit nur eine Kolonie Moskaus darstellten, der sie widerstandslos ausgeliefert waren.

Grundsätzlich kann man die Informationspolitik, die Moskau in jenen Tagen durchführte, als tragisch sowie dramatisch bezeichnen. Denn in den ersten Tagen verlautbarte man in Kiev und Moskau nichts über das geschehene Unglück. Erst drei Tage später berichtete die sowjetische Nachrichtenagentur TASS vom Unfall in Cornobyl, wobei Einzelheiten – angeblich zum Schutz der Bevölkerung – nicht veröffentlicht wurden. Sogar als in den skandinavischen Ländern Finnland, Norwegen und Schweden bereits erhöhte Radioaktivität festgestellt wurde, bestritt die sowjetische Atomenergiebehörde den Vorfall. Grundsätzlich bestand die Informationspolitik der Regierung in Moskau bis 1988 in einer weitgehenden Geheimhaltung des Geschehens.[10] Aus diesen Gründen wurden, leider Gottes, auch die Bewohner der angrenzenden Stadt Prypjat erst 36 Stunden nach dem Unfall evakuiert und erst am 2. bzw. 3. Mai 1986 wurden die Ukrainer, welche innerhalb eines Umkreises von 10 Kilometern von Cornobyl lebten, evakuiert. Auch die Verteilung von Präparaten gegen die Aufnahme von radioaktivem Jod durch die Schilddrüse erfolgte aus medizinischer Sicht viel zu spät.[11]

Die Geschehnisse, die sich Ende April, Anfang Mai des Jahres 1986 im ukrainischen Cornobyl und dessen Umgebung zugetragen haben, diese haben bis heute eine Wirkung hinterlassen. Nicht nur in der Ukraine, Weißrussland oder generell in der ehemaligen Sowjetunion, sondern in ganz Europa. Kaum jemand weiß – wenn man ihn auf die Vorfälle von Cornobyl anspricht, – nicht zumindest ungefähr, welche Katastrophe sich damals ereignet hat. Obwohl dieses Unglück mittlerweile 25 Jahre zurückliegt, bleibt es doch in unserer Erinnerung verankert.

Gerade die jetzige Situation in Japan, wo es nach einem Erdbeben der Stärke 8,9 nach Richter und einem Tsunami, der die japanische Ostküste verwüstet hat, auch noch zu gröberen Störfällen bis hin zu Ausfällen des Kühlsystems und Explosionen in den einzelnen Reaktoren des Atomkraftwerkes Fukushima 1 gekommen ist, hat dazu beigetragen, dass die Furcht vor atomaren Katastrophen wieder mehr in den Köpfen der Menschen auftaucht. Die Angst vor einem atomaren „Super-GAU“, vor einer sich bildenden Atomwolke, vor Verstrahlung der Menschen mit unabsehbaren Langzeitfolgen ist groß. Die Angst vor einem „zweiten Cornobyl“ ist groß.

Der verzweifelte Versuch der japanischen Hilfskräfte, das Schlimmste zu verhindern und den Super-GAU im Atomkraftwerk Fukushima 1 abzuwenden, hat in den Medien auch zu einem Wiederaufleben des „Mythos Cornobyl“ geführt. In den deutschsprachigen genauso wie in den englischsprachigen Medien stehen Vergleiche der damaligen Situation in Cornobyl mit der heutigen in Fukushima an der Tagesordnung. Reportagen über die Folgen des damaligen Unglücks sowohl gesundheitlicher als auch politischer Natur füllen das Fernsehprogramm. Alleine diese Tatsache lässt die Bedeutung des Reaktorunglückes von 1986 erkennen. In der vorliegenden Arbeit sollen nun nicht nur die Geschehnisse von Tschernobyl aufgearbeitet werden, sondern das Atomunglück soll auf seine politischen Folgen hin untersucht werden.

Diese, im Rahmen des an der Universität Salzburg angebotenen Seminars Zeitgeschichte (Das Epochenjahr 1989 in Ost und West: Ereignisse, Strukturen, Erinnerungen) verfasste, Seminararbeit legt ihren Schwerpunkt auf die Vorgänge und Ereignisse in der Ukraine bzw. in der damaligen ukrainischen Sowjetrepublik. Dabei sollen die letzten Jahre vor dem Zerfall der Sowjetunion in der Ukraine bis hin zur ukrainischen Unabhängigkeit im August 1991 unter die Lupe genommen werden.[12] Ein besonderes Augenmerk soll dabei auf die tragischen Ereignisse von Cornobyl gelegt werden. Weiters soll der Frage nachgegangen werden, welche politischen Veränderungen durch die atomare Katastrophe verursacht worden sind. Die konkrete Forschungsfrage der vorliegenden Arbeit lautet darauf aufbauend:

Inwieweit hat die Atomkatastrophe vom April 1986 in Cornobyl zur ukrainischen Unabhängigkeit bzw. auch zum Zerfall der Sowjetunion beigetragen?

Diese Forschungsfrage versuche ich zu beantworten, indem ich zuerst einen kurzen Aufriss der Vorgeschichte des Aprils 1986 liefere, um danach konkreter auf das Unglück im Atomkraftwerk Cornobyl einzugehen und dabei etwaige Fehler, Gründe und Ursachen des Vorfalls aufzuzeigen. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit versuche ich dann herauszukristallisieren, welche Naturschutzbewegungen sich aufgrund der Katastrophe gebildet haben und inwieweit sich diese „grünen Bewegungen“ nach und nach in politische Bewegungen umgewandelt haben. Dabei ist es mit Sicherheit wichtig, einen Blick auf die damalige Informationsstrategie der Sowjetunion zu werfen und der Frage nachzugehen, wie die Bevölkerung in den am schwersten betroffenen Gebieten der heutigen Ukraine und des heutigen Weißrusslands mit den Geschehnissen umgegangen ist. Darauf aufbauend soll die Frage beantwortet werden, ob Cornobyl vielleicht das endgültige Zünglein an der Waage war, welches die bereits vorhandenen nationalen Interessen und Loslösungswünsche verschiedener Teilbereiche von der Sowjetunion besonders gestärkt und bestimmten Gruppierungen eine weitere Legitimation für ihre antisowjetischen Vorgehensweisen geliefert hat. Kurz möchte ich untersuchen, wie groß der „Anteil“ dieser schweren Naturkatastrophe an der ukrainischen Unabhängigkeit einerseits sowie an dem Ende des sowjetischen Großreiches andererseits gewesen ist.

Was den Forschungsstand bzw. die bereits vorhandene Literatur zur Thematik betrifft, so lässt sich kurz festhalten, dass es eine große Menge an Werken über die Geschichte der Sowjetunion sowie auch zu deren Ende gibt. Dabei muss man allerdings anmerken, dass viele dieser Bücher doch aus einer sehr stark russisch zentrierten Perspektive geschrieben worden sind. Viele dieser Werke beinhalten nicht bzw. kaum die Geschichte sowjetischer Teilrepubliken, wie dies zum Beispiel die Ukraine bis 1989 eine gewesen ist. Wenn man sich nun auf die Suche nach Werken zur Geschichte der Ukraine selbst begibt, so wird man feststellen, dass zu diesem Thema schon deutlich weniger Literatur vorhanden ist als zum Beispiel zur Geschichte des „großen Bruders“ Russland. Nichtsdestotrotz gibt es einige Basiswerke zur ukrainischen Geschichte. Dazu zählen mit Sicherheit Andreas Kappelers „Geschichte der Ukraine“ sowie Arbeiten von Katrin Boeckh und Ekkehard Völkl, Kerstin Jobst, Gerhard Simons sowie „A History of Ukraine“ von Paul Robert Magocsi. Kerstin Jobst zählt noch die Werke von Frank Golczewski, Ernst Lüdemann sowie Orest Subtelny zu den wesentlichsten Überblicksdarstellungen der ukrainischen Geschichte hinzu.[13]

Auch zur Atomkatastrophe von Cornobyl findet man in den Bibliotheken dieser Welt durchaus eine Vielzahl an Werken. Dabei konnte ich bei meiner Recherche allerdings feststellen, dass die Anzahl an naturwissenschaftlichen Büchern zur Reaktorkatastrophe überwiegt. Werke, welche sich mit den politischen Folgen des Unglücks beschäftigen, befinden sich deutlich in der Minderheit. Weiters ist zu vermerken, dass Cornobyl logischerweise in den ersten Jahren nach dem Unfall mehr den wissenschaftlichen Diskurs füllte als dies heute der Fall ist und dass die größte Menge an Werken über das Thema Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre entstanden ist. Aufgrund der 10- und 20-jährigen „Jubiläen“ 1996 bzw. 2006 wurden ebenfalls wieder mehrere Werke zu Cornobyl veröffentlicht.

Als die Ukraine noch unverseucht war

Im nachfolgenden Kapitel wird nun ein kurzer Überblick über die wichtigsten Ereignisse der ukrainischen Geschichte vom zweiten Weltkrieg bis zum April 1986 gegeben. Dabei soll auf die Rolle der Ukraine während des Krieges sowie auf das Ende der Ära Stalin eingegangen werden. Danach soll kurz aufgezeigt werden, was sich für die Ukraine unter Chruščev veränderte und wie der bis 1989 tätige Parteichef Ščerbyc’kyj in der Ukraine mit eiserner Faust regierte. Weiters sollen bereits vor 1986 erkennbare nationalistische Bewegungen aufgezeigt bzw. angesprochen werden, ob und wenn ja mit welchen Mitteln ukrainische, nationale Bewegungen unterdrückt wurden.

Das Ende der Ära Stalin

Während des zweiten Weltkrieges stellte die Ukraine einen der Hauptschauplätze dar und musste sowohl große menschliche als auch materielle Verluste verkraften[14]. Historiker schätzen heute, dass der Krieg 5,3 bis 5,5 Millionen Ukrainern das Leben kostete.[15] Durch den Angriff der deutschen Truppen auf die Sowjetunion wurde die Ukraine zu einem der größten Schlachtfelder des zweiten Weltkrieges. Die vorstürmenden deutschen Wehrmachtspanzer führten gemeinsam mit ihren SS- und Polizeieinheiten den Massenmord erstmals industriell durch. Angeblich soll es bis zu 2.500 Mordstellen auf dem Gebiet der Ukraine gegeben haben. Traurige Berühmtheit erlangte die Schlucht von Babyn Jar bei Kiev, wo am 29. und 30. September 1941 33.741 Juden mit Maschinengewehren erschossen wurden.[16] Laut der deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit haben nur 500.000 von ursprünglich drei Millionen auf ukrainischem Territorium ansässigen Juden den Krieg überlebt.[17]

Auch nach der Befreiung der Ukraine von der deutschen Wehrmacht durch die Rote Armee 1943/44 kam es nicht zum Frieden, denn ukrainische Nationalisten führten einen verbitterten Kampf gegen die Rote Armee, der auch von Grausamkeiten und Pogromen geprägt war.[18] Teilweise kämpfte gegen Ende des zweiten Weltkrieges in der Ukraine jeder gegen jeden, denn die ukrainischen Partisanengruppen führten ihren Kampf sowohl gegen sowjetische als auch gegen polnische Partisanen und zeitweise auch gegen die deutschen Besatzer durch. Bis zum Ende der 1940er Jahre in Polen und sogar noch bis Mitte der 1950er Jahre kam es zu zähen und verlustreichen Kämpfen, mit Hilfe derer die Partisanen die Unabhängigkeit eines nichtsozialistischen ukrainischen Nationalstaates erzwingen wollten.[19]

Während des Krieges kam es auch häufig zur Zusammenarbeit von deutschen Truppen und ukrainischen Nationalisten. So kann man festhalten, dass Ukrainer auf beiden Seiten gestanden sind. Ekkehard Völkl sieht den Grund für das ukrainische militärische Engagement auf deutscher Seite darin, dass man gegen den russischen Feind ein Bündnis mit so gut wie jedem Partner eingegangen wäre.[20]

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Ukraine trotz der verbitterten Partisanenkämpfe wieder in die Sowjetunion eingegliedert. Unter diesen Voraussetzungen kam es zur Umsiedlung von ca. einer Million Polen in ehemals deutsche Gebiete im Westen. Gleichzeitig wurden ca. 500.000 in Polen lebende Ukrainer in die Westukraine umgesiedelt. Später kam es auch zur Deportation von 100.000 Ukrainern nach Sibirien sowie zur Einwanderung von Russen in ukrainische Gebiete.[21] Aufgrund dieser Vorgänge sowie einigen Gebietsgewinnen (Karpato-Ukraine, die Nordbukowina, Teile Bessarabiens, das ehemalige Ostgalizien, sowie ab 1954 die Halbinsel Krim) kam es zu einer territorialen Vergrößerung und zu einer Vereinigung der ukrainischen Länder unter einer Herrschaft.[22]

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges wurde die stalinistische Linie wieder sehr schnell in der Ukraine eingeführt und auf Anraten seines Sprechers Ždanov wurden alle Künstler vom sowjetischen Machthaber zu einer sowjetischen Linie verpflichtet.[23]

„Das nun propagierte Kulturparadigma sollte sich vom ‚bourgeois-dekadenten’ Westen absetzen. Seine Charakteristika bestanden in der Gesinnung eines ‚Sowjetpatriotismus’ – der allerdings immer stärker russische und großrussische Züge annahm –, in der Darstellungsform des ‚sozialistischen Realismus’ […] sowie in der Treue zur bolschewistischen ‚Parteilichkeit’. Diese Vorgaben wurden mit großem Druck durchgesetzt.“[24]

Tauwetter

Erst nach dem Tod Stalins 1953 kam es zu einer Veränderung in der Politik Moskaus gegenüber der Ukraine. Es kam zwar zu keiner konsequenten Abwendung vom politischen System der Stalinzeit, aber das Ausmaß an Repressionen ging erheblich zurück. Die neue Führung der Sowjetunion, bei der bald der ehemalige Parteichef der Ukraine – Nikita Chruščev – den Ton angeben sollte, knüpfte an die sogenannte Politik der Einwurzelung an. Man versuchte, wieder mehr Ukrainer in den kommunistischen Parteiapparat einzugliedern und mehr Ukrainer in die Posten der leitenden Funktionäre zu befördern.[25] Im Jahr 1956 wurden dann viele ukrainische politische Gefangene begnadigt und kehrten in ihre Heimat zurück. Unter Chruščev kam es zu einer Zurückstufung der Geheimpolizei sowie zu Wirtschaftsreformen, welche eine Dezentralisierung anstrebten. Gerade in der Ukraine führten die 1950er und 1960er Jahre zu einer Verbesserung des Lebensstandards. Zusätzlich zu diesen Punkten kam es immer häufiger zu Kritik an der stalinistischen Russifizierungspolitik. Eine Rückkehr zur Ukrainisierung wurde gefordert. Daraufhin wurde 1956 auch eine Bewegung zugunsten der ukrainischen Sprache ausgelöst.[26]

Mit Chruščevs Unterstützung trat der ukrainische Bauernsohn Petro Šelest in die Reihe der wichtigsten Männer der ukrainischen kommunistischen Partei. Zwischen 1963 und 1972 war Šelest Erster Parteisekretär der ukrainischen kommunistischen Partei und saß darüber hinaus zwischen 1964 und 1973 auch im Politbüro in Moskau.[27] Der „moskautreue“ Šelest setzte sich weiter für eine vorsichtige Öffnung der Politik zugunsten der ukrainischen Sprache und Kultur ein, hatte jedoch in Wahrheit nicht die Machtinstrumente, die für eine großflächige und ernsthafte Ukrainisierung notwendig gewesen wären. Nichtsdestotrotz war es das Ziel Šelests, die Autonomie der Ukraine sowie ihren Einfluss in Moskau auszubauen. Šelest brachte zwar seinen Stolz auf die ukrainische Kultur zum Ausdruck, blieb aber bis zu seinem politischen Ende Moskau gegenüber stets loyal.[28]

Zu Beginn der 1970er Jahre wurde Šelest ein von ihm veröffentlichtes Buch zum Verhängnis. In seinem Werk „Ukraine, unser sowjetisches Land!“ äußerte der damalige Parteiführer der ukrainischen kommunistischen Partei seinen Stolz über aktuelle Errungenschaften und über die Größe der ukrainischen Vergangenheit.[29] Weiters handelt das Werk von der fortschrittlichen Politik der Kosaken sowie von der Ausbeutung der Ukraine in der Zarenzeit. Daraufhin kam es 1973 zu einem Beschluss des Zentralkomitees, in dem verlautbart wurde, dass das Buch von Šelest in einigen wichtigen Fragen von Parteipositionen abweiche. Alles in allem wurde dem Werk vorgeworfen, die ukrainischen Leistungen zu sehr zu betonen und sich zu wenig für die sowjetische Völkerfreundschaft einzusetzen. Auf den Beschluss von Moskau hin musste Šelest 1972 seinen Posten räumen.[30]

Neue Eiszeit unter Ščerbyc’kyj

Nachfolger von Petro Šelest wurde Volodymyr Ščerbyc’kyj. Unter Ščerbyc’kyjs Führung kam der Fortschritt in der Ukraine endgültig ins Stocken. Der Parteiapparat wurde abermals gesäubert, was dazu führte, dass es zu einer Verringerung des Anteils an ukrainischen Funktionären in der Partei kam. Darüber hinaus wurde in der Ära Ščerbyc’kyj in der Ukraine eine weitaus rigidere Russifizierungspolitik durchgeführt als in anderen Teilen der Sowjetunion.[31] Ščerbyc’kyj zog nach der Absetzung seines Vorgängers Šelest sämtliche Register, um dessen Verbündete und Anhänger in der Ukraine zu beseitigen und dadurch seine eigene Herrschaft abzusichern. Ziel Ščerbyc’kyjs war es, sämtliche nationalistische Bewegungen im Keim zu ersticken.[32]

„Zwischen dem 24. und dem 25. Parteitag der ukrainischen kommunistischen Partei wurden von den elf Mitgliedern des ukrainischen Politbüros sechs ausgewechselt, dazu kamen 41 % des Bestandes des Zentralkomitees, 63 % der Sekretäre der Gebietskomitees, dazu ein Teil der Stadt- und Rayon-Sekretäre. In den Jahren 1973–74 wurden weiter rund 37 000 Mitglieder aus der Partei ausgeschlossen, etwa 1,5 % des gesamten Bestandes. Mitarbeiter der Universitäten von Kiev und Lemberg verloren ihre Stellung ebenso wie andere Angestellte in akademischen und kulturellen Einrichtungen und in der Verwaltung wie Journalisten.“[33]

Laut Andreas Kappeler[34] führten die großangelegten „Säuberungen“ des Brežnev-Freundes Ščerbyc’kyj während seiner Amtszeit zu einer Verarmung des geistigen Lebens und der Kultur in der Ukraine. Die Russifizierungstendenzen verstärkten sich in der zweiten Hälfte der 1970er und zu Beginn der 1980er Jahre sogar noch weiter. So wurde die russische Sprache immer mehr gefördert und das Ukrainische immer mehr verdrängt. Dies ging so weit, dass im Jahr 1986 mehr als die Hälfte der Schüler der Ukraine russischsprachige Schulen besuchten.[35]

Andersdenkende wurden unter Ščerbyc’kyj rücksichtslos verfolgt. Dies besonders, nachdem es im benachbarten Polen zur Gründung der unabhängigen Gewerkschaft „Solidarnośc“ gekommen war. So stellten zu Beginn der 1980er Jahre ukrainische Dissidenten die größte Gruppe von politischen Gefangenen im Land dar.[36] Ščerbyc’kyj aktivierte das Konzept der „Annäherung“ und „Verschmelzung“ der Ukrainer mit den Russen. Auch wirtschaftlich kam es unter Ščerbyc’kyj zu einem Einbruch.[37]

Zusammenfassend kann man für die Zeit vor Gorbačev festhalten, dass sich zwar durchaus Oppositionen in der Ukraine gebildet haben, dass diese aber von den Behörden durchgehend, mal mehr, mal weniger, unterdrückt worden sind.[38] Diese Dissidenten begannen sich vor allem in den 1960er Jahren zu organisieren, als klar wurde, dass die Destalinisierung wohl auf halbem Wege stecken geblieben ist. Mitte der 1970er Jahre kam es zur Gründung eines ukrainischen Helsinki-Komitees, welches nach der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) unter anderem die Einhaltung der dort beschlossenen und von der Sowjetunion mitunterzeichneten Einhaltung der Menschenrechte forderte. Gerade durch die Entwicklungen in Polen im August 1980, wo es vermehrt zu Streiks (u.a. auf der Danziger Werft) kam, stiegen die Hoffnungen der ukrainischen Oppositionellen. So bekamen nach dem polnischen Beispiel auch in der Ukraine Kirchen und die Religion neue Rollen.[39] Dies führte dazu, dass im Jahr 1982 eine Gruppe zur Verteidigung der Ukrainischen Katholischen Kirche gegründet wurde, die sich für deren Legalisierung einsetzte.[40] Wie stark die Repressionen gerade unter Ščerbyc’kyj waren, zeigt folgende Beobachtung: Von den 37 Mitgliedern der ukrainischen Helsinki-Gruppe befanden sich 1980 25 in Gefangenschaft, zwei im Exil, sechs durften ins Ausland ausreisen, einer war in einer psychiatrischen Klinik und einer war in den Selbstmord getrieben worden.[41] Dafür, dass sich die Dissidentenbewegungen in der Ukraine und in der Sowjetunion insgesamt durchsetzen konnten, musste sich politisch gesehen einiges ändern. Daran glaubte aber bis 1985 eigentlich niemand wirklich.

Perestrojka

Wahrscheinlich die wenigsten konnten auch nur erahnen, wo die Ukraine, aber um in größeren Ausmaßen zu sprechen, wo die gesamte Sowjetunion nur fünf Jahre später stehen würde, als Michail Gorbačev im März 1985 zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion gewählt wurde. Nach der „Bleiernen Zeit“[42] unter Brežnev und dem baldigen Tod der beiden nächsten gewählten Generalssekretäre Andropov und Černenko (1984 bzw. 1985) wurde mit Gorbačev das jüngste Mitglied des Politbüros zum Generalsekretär der Partei ernannt. Gorbačevs Ziel war es, die Sowjetunion zu modernisieren, da ihre Rückständigkeit in zahlreichen Bereichen immer offensichtlicher wurde.

Dabei setzte er auf eine Politik der Transparenz (Glasnost’) und des Umbaus (Perestrojka). Im Vordergrund stand dabei die Reformierung der darniederliegenden Wirtschaft, die von einem Umbau der Gesellschaft und einer – durch die neue Transparenz geschaffenen – Meinungsvielfalt begleitet werden sollte.[43] Als weitere Ziele gab der neue gewählte Generalsekretär der kommunistischen Partei der Sowjetunion auch die Demokratisierung der Gesellschaft (demokratisazija) sowie den Abbau internationaler Spannungen in Verbindung mit dem Ausbau der internationalen, wirtschaftlichen Kooperation an.[44] Gorbačev selbst soll gesagt haben, dass es ein Ziel von ihm wäre, den Sozialismus in der Sowjetunion einzuführen, da es seines Erachtens nach zur Zeit (1985) keinen Sozialismus in der Sowjetunion gegeben habe. Dieser sei von der militär-feudalen Diktatur des Stalinismus vernichtet und entstellt worden, so Gorbačev.[45] Weiters stellte Gorbačev klar, dass Moskau nicht mehr länger ihre „Juniorpartner“ bei ökonomischen Problemen ausnahmslos finanziell unterstützen wird und sich nicht mehr hauptverantwortlich für die politische Stabilität in den einzelnen Ländern fühlen will. Damit beendete Gorbačev die jahrzehntelange Praxis in vielen sowjetischen Teilrepubliken, schwierige Entscheidungen zuerst hinauszuzögern, dann gar nicht zu treffen und später auf Anweisungen bzw. Hilfe aus Moskau zu warten.[46]

Doch auch nach dem Amtsantritt von Gorbačev und dem Beginn der Umgestaltung des politischen und gesellschaftlichen Systems der Sowjetunion blieb Kiev lange im Stillstand verhaftet. In der ukrainischen Hauptstadt waren immer noch viele Kräfte am Werk, die einen politischen Umbau vehement blockierten. Der erste Parteisekretär der ukrainischen kommunistischen Partei, Volodymyr Ščerbyc’kyj, behielt seinen ideologischen Dogmatismus bei und passte sich nicht wirklich an die neue von Moskau vorgegebene Politik an. Möglicherweise hätten die alten Strukturen in der Ukraine noch viel länger Bestand gehabt, wenn es nicht ein Jahr nach dem Amtsantritt von Gorbačev zu einem wahrlich traumatischen Ereignis gekommen wäre.[47]

Der Super-GAU in Cornobyl

Aus heutiger Sicht dürften sowohl Konstruktionsmängel, fehlende Sicherheitsvorrichtungen als auch menschliches Versagen dafür gesorgt haben, dass es in der Nacht vom 25. auf den 26. April im nordukrainischen Cornobyl zu einer Havarie mit katastrophalen Umweltzerstörungen gekommen ist. Bei einem Testversuch stieg die Leistung des Atomreaktors sprunghaft an, was zu einer Überhitzung, dann zu einer chemischen Explosion und weiterführend zur Zerstörung des Reaktors führte.[48]

Im folgenden Kapitel dieser Arbeit soll nun genauer auf die Ereignisse der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 eingegangen werden. Das heißt, dass versucht werden soll, den Hergang der Katastrophe überblicksmäßig nachzustellen und sich noch einmal der Frage zu widmen, aus welchen Gründen es zu dieser Katastrophe kam. Darauffolgend wird die Reaktion der ukrainischen sowie der sowjetischen Führung auf die Nachricht dieser Katastrophe untersucht werden. Denn gerade die sowjetische Informationspolitik über das Unglück ist wahrscheinlich bis heute nur schwer nachvollziehbar. Darum soll ein Blick darauf geworfen werden, wann von den sowjetischen Behörden welche Maßnahme durchgeführt wurde. Des Weiteren soll auch hinterfragt werden, ob manche Evakuierungen zu spät stattfanden oder aber auch, ob ein Austeilen von notwendigen Hilfsmitteln ausblieb.

26. April 1986

Das Unglück, welches sich im Reaktorblock 4 des Kernkraftwerkes von Cornobyl ereignet hat, wurde während eines Versuches verursacht, der im Rahmen des Abfahrens des Reaktors zur jährlichen Revision vorgesehen war. Bei diesem Versuch sollte eine Kühlmittelverluststörung mit gleichzeitigem vollständigem Stromausfall simuliert werden. Weiterführend sollte dann – so die Theorie – die Rotationsenergie des auslaufenden Turbogenerators eingesetzt werden, um in der ersten Phase des simulierten Störfalls den Reaktorkern durch Einspeisen von Wasser aus den Druckspeichern und aus dem Hauptspeisewassersystem zu kühlen.[49] Mit diesem Testversuch wollte man also feststellen, ob der Generator alleine durch seine mechanische Tätigkeit – zumindest für kurze Zeit – genügend Leistung liefern könnte, um wichtige Systeme zu versorgen.[50] Es war dabei vorgesehen, eine – neu am Generator installierte – Erregerschaltung auszutesten. Man sah diesen Vorgang als einen rein konventionellen Vorgang der Elektrotechnik an und erwartete sich keine Rückwirkung auf den nuklearen Teil des Reaktors. Aus diesem Grund unterließ man auch vor dem Versuch die nötige Abstimmung, mit der für die nukleare Sicherheit zuständigen Fachabteilung.[51]

Während dieses Testes wurde – wie sich bei späteren Untersuchungen herausstellte – der vierte Reaktor außerhalb der vorgesehenen Bedingungen in einem instabilen Zustand betrieben. Im Laufe des Testversuches stieg die Leistung des Reaktors sprunghaft an.[52] In der Nacht zum 26. April um 01.23 Uhr soll der vierte Reaktor des Atomkraftwerkes plötzlich von einer Leistung von sieben Prozent auf rund die Hälfte seiner normalen Kapazität hochgefahren worden sein. Eine Sektion in der Nähe der Reaktorspitze wurde dann durch weiteres Bewegen der Brennstäbe rapide aufgeheizt. Durch diese Leistungsexkursion wurden plötzlich erhebliche Energiemengen in den Brennelementen freigesetzt.[53] Auch die Temperaturen des Uranbrennstoffes sowie des ihn umgebenden Zirkoniummantels stiegen extrem an.[54]

Der Reaktorkern wurde durch diese Vorgänge zerstört. Die in dem Brennstoff gespeicherte Wärme übertrug sich auf das Kühlmittel, welches sofort verdampfte.[55] Als dann auch noch einige Druckröhren schmolzen, strömte der heiße Dampf in den Reaktorbehälter, dessen Betonwände und Abdeckplatten weder für diese unglaublich hohen Temperaturen noch für einen so hohen Druck ausgelegt waren und deshalb undicht wurden. Das alles führte dann um 01.23 Uhr am Samstag, dem 26. April 1986 dazu, dass eine meterhohe Stichflamme durch die 20 Meter hohe Reaktorhalle jagte, eine gigantische Druckwelle auslöste und einen Teil des Daches wegriss. Es kam schließlich durch den Druckanstieg zu einer totalen Reaktorexplosion. Zwei Kraftwerkarbeiter kamen dabei sofort ums Leben. Einer starb aufgrund des heißen Dampfes, der andere durch abstürzende Trümmerteile.[56]

Es wird angenommen, dass die Leistungsexkursion des Reaktors kurz vor der Explosion das Hundertfache der Nennleistung erreicht hat. Nach einigen Sekunden folgte noch eine zweite Explosion im Kraftwerk. Es kam zu erheblichen Zerstörungen in großen Teilen des Reaktorgebäudes, der Maschinenhalle und des Zwischentrakts. Manche Wände in der Reaktorhalle wurden eingedrückt und das Dach wurde abgehoben. Die 3.000 Tonnen schwere Deckplatte des Reaktors wurde weggehoben, wodurch es auch zum Abriss aller Druckrohe kam. Weiters wurden die horizontalen Leitungen zerstört und die unteren tragenden Strukturen des Reaktorbehälters sackten um vier Meter nach unten, wodurch einzelne Druckrohre und das Notkühlsystem von Teilen des Reaktors erdrückt wurden.[57]

Aufgrund der Explosion und des Auftriebes der entstandenen Brände wurden Teile des radioaktiven Brennstoffes bis zu 1,5 Kilometer weit in die Luft geschleudert. Wegen des Kontaktes mit Luftsauerstoff kam es zu einer Gasexplosion und anschließend zu einem Graphitbrand, der erst nach zwei Wochen erlosch. Nach der Explosion flammten bis zu 70 Meter hohe Brände in den Reaktorblöcken drei und vier auf. Darüber hinaus entstanden durch glühende Teile, die aus dem Reaktor geschleudert wurden, bis zu 30 Brandherde auf den Dächern der Anlage.[58]

Ausmaß der Katastrophe

Die Folgen des Reaktorunglückes von Cornobyl nicht nur für die Ukraine, sondern für die ganze Welt, lassen sich bis heute nur schwer ermessen. 1.600 Ortschaften mit ca. 1,4 Millionen Einwohnern gelten aufgrund des Unglückes als verstrahlt und offiziell als Katastrophengebiete.[59]

Die Freisetzung der Radioaktivität hielt bis zum 6. Mai 1986 an. Über die Zahl der Todesopfer, die „Cornobyl“ gefordert hat, wird bis heute diskutiert. Sie wird von vielen verschiedenen Institutionen unterschiedlich angegeben und reicht von mehreren Tausend bis hin zu mehreren Hunderttausend. Während zum Beispiel die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf der einen Seite von 4.000 Toten ausgeht, gibt die Umweltschutzorganisation Greenpeace auf der anderen Seite 90.000 aufgrund des Reaktorunglückes verstorbene Menschen an.[60] Eine Erhebung der Internationalen Atomenergiebehörde (deren Sitz sich in Wien befindet), welche im Jahr 2006 veröffentlich wurde, ging sogar davon aus, dass die Reaktorkatastrophe von Cornobyl „nur“ 56 Tote gefordert hat. Diese Zahl wurde allerdings nur wenige Jahre später nach oben korrigiert. Ukrainische Wissenschaftler auf der anderen Seite halten dagegen eher eine Zahl um die 50.000 Todesopfer für wahrscheinlicher.[61]

Warum ist die Zahl der tatsächlichen Todesopfer, die dieses Unglück gefordert hat, aber so schwer festzustellen? Einer der Hauptgründe dürfte wohl darin liegen, dass mehrere Tausend Todesfälle auf Spätfolgen der Strahlenbelastung zurückzuführen sind. Weiters sind vermutlich auch Todesfälle auf durch die Katastrophe entstandenen Stress und Angst, auf Alkoholsucht und auf Suizide in Verbindung mit dem Unglück zurückzuführen.[62] Darüber hinaus führte die Strahlenbelastung bei vielen Menschen zu einer Immunschwäche sowie zu Erkrankungen des Nervensystems. Die Frage, ob Todesfälle von Menschen mit geschwächten Immunsystemen, welche an einer mit Cornobyl nicht direkt in Verbindung zu bringenden Krankheit starben, als ein Todesfall als Folge des Reaktorunglückes zu werten ist oder nicht, spaltet hier auch die Forscher bzw. die einzelnen Institutionen, die versuchen, eine möglichst exakte Opferzahl anzuführen. Bis in die Gegenwart kommt und kam es auch gerade in der Gegend um Cornobyl und den am schlimmsten verseuchten Gebieten zu teilweise erheblichen körperlichen Schäden bei Neugeborenen. Auch ein eklatanter Anstieg von Schilddrüsenerkrankungen sowie der Krebsraten allgemein ist in den ersten Jahrzehnten nach dem Unfall zu erkennen.[63]

Um das Erläuterte noch einmal kurz zusammenzufassen, lässt sich festhalten, dass es je nach feststellender Institution so drastische Schwankungen in den Angaben der Zahl der Todesopfer gibt, weil Auffassungsunterschiede bezüglich der Frage, ob „nur“ direkt und sofort aufgrund der Strahlenbelastung gestorbene Menschen, oder ob auch Menschen die Jahre später aufgrund von Immunschwächen oder zum Beispiel psychischen Problemen ihr Leben geben mussten, in die Statistik aufgenommen werden sollen, vorhanden sind. Genauso könnte man meiner Meinung nach Fehlgeburten bis heute in die Statistik mit einbeziehen. Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass man sich wohl nie auf eine genaue gemeinsame Opferzahl einigen wird.

Informationen Mangelware

Genauso faszinierend wie erschreckend erscheint die sowjetische Informationspolitik nach dem Unglück von Cornobyl in den Augen eines österreichischen Studenten knapp 25 Jahre später.

Wenn man einigen Artikeln und Dokumentationen glauben schenkt, so ist es mit Sicherheit bemerkenswert, wie wenig Informationen über dieses Unglück nach Moskau, geschweige den in den Westen vordrang. So wurde auch Stunden nach der Explosion noch nach Moskau gemeldet, dass das Kraftwerk in Ordnung sei und nur gekühlt werden müsse. Auch die Bewohner der direkt anliegenden Stadt Prypjat’ gingen Tags darauf noch völlig ahnungslos auf die Straßen ohne auch nur eine Idee davon zu haben, was im nahegelegenen Atomkraftwerk vor sich gegangen ist.

Bis heute kann man das Verhalten der damaligen leitenden Verantwortlichen als mehr als nur irritierend bezeichnen. So schickte der diensthabende Schichtleiter Aleksandr Akimov zwei Männer nach der Explosion zur Erkundung in den Reaktorsaal. Als die beiden Männer mit der Beschreibung an Akimov herantraten, dass es im Reaktor brennt, hielt ihnen der stellvertretende Chefingenieur Djatlov entgegen, sie hätten sich getäuscht. Diese Fehleinschätzung wurde auch vom Direktor des Kernkraftwerkes Brjuchanov und vom Hauptingenieur Fomin übernommen, die nach Moskau meldeten, der Reaktor sei intakt.[64]

Besonders der Umstand, dass gerade das Atomkraftwerk Cornobyl, welches mit seinen grafitmoderierten Siedewasserreaktoren als Prestigeobjekt galt, explodierte, führte dazu, dass die ohnehin Selbstkritik vermeidende Informationspolitik der Sowjetunion besonders mauerte. So gab es zunächst sowohl in Kiev als auch in Moskau keine einzige Meldung über das Unglück.[65] Erst zwei Tage nach dem Unfall kam dann langsam Bewegung in die Berichterstattung und zwar deswegen, weil im südschwedischen Atomkraftwerk Barsebäck erhöhte Radioaktivität festgestellt wurde. Nachdem auch das Atomkraftwerk Forsmark – nördlich von Stockholm – aufgrund von erhöhter Radioaktivität geräumt werden musste und schwedische sowie dänische Experten eine Erhöhung der Werte auf das 15fache des Normalwertes feststellten, kamen die skandinavischen Wissenschaftler zu dem Schluss, dass die Radioaktivität aus einem Unfall in einem sowjetischen Kernkraftwerk stamme. Nichtsdestotrotz gab der zuständige Beamte des sowjetischen Energieministeriums am Abend des 28. Aprils 1986 – zwei Tage nach dem Unglück – zu Protokoll, dass seiner Dienststelle von einem Unfall in einem sowjetischen Kernkraftwerk nichts bekannt sei.[66] Erst nach 21 Uhr schickte die sowjetische Nachrichtenagentur TASS die erste offizielle Information in die Welt hinaus. Diese lautete:

„Eine Havarie hat sich im Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine ereignet. Ein Reaktor ist beschädigt. Zur Zeit werden Maßnahmen zur Beseitigung der Folgen der Havarie ergriffen. Den Betroffenen wird Hilfe erwiesen. Eine Regierungskommission wurde eingesetzt.“ [67]

Erst am 29. April gab die sowjetische Nachrichtenagentur TASS bekannt, dass bei einem Reaktorunglück in Cornobyl zwei Menschen gestorben sind. Weiters hieß es, dass sich hinsichtlich der Radioaktivität die Lage „stabilisiert“ habe. Am Nachmittag desselben Tages richtete die sowjetische Regierung eine 30 Kilometer breite Sicherheitszone um Cornobyl ein.[68] Am 30. April kam es erstmals in Polen zu Veröffentlichungen der Darstellungen des Ministerrats der UdSSR bezüglich des Unglücks. Noch viel später, nämlich erst in den Tagen vom 2. bis zum 13. Mai wurden in den weiteren sozialistischen Nachbarstaaten der Sowjetunion Informationen über das Reaktorunglück in Cornobyl veröffentlicht.[69]

Ein weiteres interessantes Beispiel zu den Ereignissen nach Cornobyl: Kurz nach dem Unglück versuchten Mitglieder einer Menschenrechtsgruppe, im Moskauer Gorki-Park Flugblätter mit Verhaltensmaßregeln zu verteilen, weil es offiziell keine Informationen gab. Die Mitglieder dieser Gruppe wurden festgenommen und wegen „unerlaubtem Fernbleiben vom Arbeitsplatz“ bestraft.[70]

Wie falsch (ob nun bewusst oder unbewusst sei an dieser Stelle dahingestellt) viele Meldungen der verschiedenen Medienanbieter und Behörden in diesen Tagen waren, zeigt sich zum Beispiel dadurch, dass die Internationale Atomenergiebehörde noch am 30. April eine Erklärung veröffentlichte, in der zu lesen war, dass die in Cornobyl ausgetretene Radioaktivität keine unmittelbare Bedrohung für die Länder außerhalb der UdSSR darstelle. Ein paar Wochen später veröffentlichte freilich die Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung (GSF) eine Analyse, die zeigte, dass die Strahlenbelastung in Bayern aufgrund eines sogenannten radioaktiven Fallouts sogar höher sei als in Ungarn und Polen.[71]

Nach Vermutungen des amerikanischen Geheimdienstes CIA und einer Expertenkommission der Europäischen Gemeinschaft, dass der Unfall schon länger her sein könnte, bestätigt die UdSSR am 30. April offiziell, dass sich das Unglück bereits am 26. April ereignet hat. Trotzdem werden am Abend des 30. Aprils in der Nachrichtensendung Wremja Fotografien gezeigt, die laut dem damaligen Kommentator der Sendung belegen sollten, dass es keine gigantischen Zerstörungen oder Brände – wie einige westliche Agenturen schreiben – in Cornobyl gegeben hat.[72]

So verging die Zeit nach der Reaktorkatastrophe und Einzelheiten zum Schutz der Bevölkerung wurden immer noch nicht veröffentlicht. Ščerbyc’kyj, der Mann an der Spitze der ukrainischen kommunistischen Partei, bezeichnete die Äußerungen der westlichen Medienagenturen über die beträchtliche Verbreitung radioaktiver Stoffe sogar als „Lügengeschichten der bourgeoisen Propaganda“.[73]

Alles in allem sind den zuständigen Behörden eklatante Versäumnisse beim Management der Krise vorzuwerfen. So wurde beispielsweise erst 32 Stunden nach dem Unfall die Evakuierung der anliegenden Stadt Prypjat’ mit ihren 49.000 Einwohnern angeordnet.[74] Die nur fünf Kilometer von Cornobyl entfernte Stadt, in der viele der Arbeiter des Atomkraftwerkes mit ihren Familien lebten, wurde völlig geräumt, ist mittlerweile komplett unbewohnt und gleicht heute einer Geisterstadt.[75] Trotz der freigesetzten Strahlenmenge ließ man auch die traditionelle Maiparade zum 1. Mai stattfinden.[76] Vermutlich kostete die Teilnahme an der Parade in Kiev auch manchen Menschen in weiterer Folge das Leben.

Erst am 2. und 3. Mai begann man die Einwohner aus den Gebieten in einem Umkreis von 10 Kilometer um den Reaktor von Cornobyl zu evakuieren. An die 116.000 Menschen wurden einen Tag später, am 4. Mai, aus dem Gebiet 30 Kilometer um die Unglücksstelle herum „herausgeholt“. Erst am 23. Mai – also fast einen Monat nach der Katastrophe – begann man damit, Präparate gegen die Aufnahme von radioaktivem Jod zu verteilen. Aus medizinischer Sicht viel zu spät.[77] Heute steht auf alle Fälle fest, dass ein schnelleres Handeln der Behörden viele Menschenleben hätte retten können.

„Zelenyj svit“ und „Ruch“

Durch die sowjetische Beschwichtigungspolitik nach der Reaktorexplosion wurde der Widerspruch zu den von Gorbačev eingeleiteten Glasnost’-Bestrebungen schnell offensichtlich. Gerade durch die fehlenden Informationen sowohl innerhalb der Sowjetunion als auch nach außen wurde die Glaubwürdigkeit der Glasnost’-Kampagne erheblich belastet.[78] Kerstin Jobst argumentiert hier allerdings, dass aufgrund der besonderen Geheimhaltungsstufe solcher Reaktoren, die Teil des militärisch genutzten Atomenergieprogramms gewesen sind, auch bei westlichen Ländern nur eine eingeschränkte Informationspolitik in einem solchen Fall zu erwarten gewesen wäre.[79]

So oder so mobilisierten die – wie es Andreas Kappeler bezeichnet – verbrecherische Verharmlosung der Katastrophe und die verantwortungslose Verschleppung der Gegenmaßnahmen durch die Behörden in Moskau und Kiev erstmals breitere Kreise in der Ukraine.[80] Nach Cornobyl begann die ukrainische Bevölkerung, sich immer offener und kritischer gegen die kommunistische Staatsmacht zu positionieren. Vor allem in der Westukraine und in Kiev war dieser Trend immer mehr erkennbar. Denn besonders in diesen Gebieten der Ukraine formierten sich Vereinigungen und Gruppierungen, deren Ziel die Demokratisierung und die Öffnung des Landes waren.[81] Taras Kuzio und Andrew Wilson bezeichnen das „Ereignis“ Cornobyl als einen Katalysator für die nun langsam entstehenden Umweltbewegungen und als ein nationales Erwachen, welches sich schrittweise vom Westen des Landes in Richtung Osten ausbreitete.[82] So bildeten die gesundheitlichen Beschwerden und die Sorgen der vom Reaktorunglück betroffenen Bevölkerung den Schwerpunkt für politische Aktionen, die aus den Problemen des Cornobyl-Unglücks herrührten.[83]

Gegen die von Gorbačev eingeführte Offenheit wehrten sich Ščerbyc’kyj und Kollegen in der Ukraine mit aller Macht, auch als das politische System in den baltischen und kaukasischen Republiken sowie in Russland selbst bereits aus den Angeln brach. Aus diesem Grund dauerte es wohl auch etwas länger, bis die Welle von Glasnost und Perestrojka auch bis in die Ukraine vordrang.[84] So boten erst ab 1987 die tiefgreifenden politischen Veränderungen in der UdSSR die Möglichkeit eines Neuanfangs für die ukrainisch-nationale Bewegung.[85]

Unter diesen Gesichtspunkten und unter dem wachsendem ökologischen Bewusstsein der ukrainischen Bevölkerung gründete der Kiever Arzt und Schriftsteller Jurij Ščerbak Ende 1987 die Vereinigung „Zelenyj svit“ oder auf Deutsch, die „Grüne Welt“.[86] Diese Verbindung versuchte erstmals über die durch Cornobyl verursachten Strahlenfolgen und über die von den Gesundheitsbehörden vertuschten Schäden zu informieren.[87] Ihre Ziele waren unter anderen eine größere Öffnung (Glasnost), was den Stand der Umweltproblematiken und der Lebensmittellieferungen anging, mehr Offenheit der Mediziner was die Strahlenkrankheiten betraf, die Herausgabe von Umwelt-, Lehr- und Fachbüchern sowie die Formierung von wissenschaftlichen Kommissionen, die sich mit Fragen der Konstruktion von Nuklearreaktoren beschäftigen sollten.[88] „Zelenyj svit“ prangerte auch die durch die Industrie verursachten Umweltschäden in der Ostukraine an. Auch das Festhalten der Behörden am Kernkraftwerkprogramm nach dem Unfall von Cornobyl machte die Abhängigkeit der Ukraine vom Zentrum deutlich und förderte den Trend zum Souveränitätswunsch.[89]

Neben der Ökologiebewegung „Zelenyj svit“ erschienen auch in der Zeitschrift des ukrainischen Schriftstellerverbandes Literaturna Ukraina kritische Veröffentlichungen über die bisher verschwiegenen und beschwichtigten Sachverhalte über das Reaktorunglück von Cornobyl. So wurde erst 1989 und 1990 – zumindest teilweise – das reale Ausmaß der Katastrophe von Cornobyl erkennbar.[90]

Wenn man sich mit der ukrainischen Geschichte beschäftigt, so werden oftmals die große Hungersnot in den 1930er Jahren (Holodomor), der Große Vaterländische Krieg und das Unglück von Cornobyl als die drei nationalen Katastrophen des 20. Jahrhunderts bezeichnet.[91] Jobst sieht beispielsweise die Entstehung der ukrainischen Opposition eng mit den zwei nationalen traumatischen Ereignissen (dem Holodomor und dem Unglück von Cornobyl) verbunden.[92]

Zusätzlich zu der Last der gesundheitlichen Bedrohung durch das Cornobyl-Unglück verstand die ukrainische Bevölkerung die Verheimlichung des tatsächlichen Schadensausmaßes durch die sowjetischen Behörden als ein schlimmes Unrecht und als ungerechtfertigte Bevormundung des zentralistischen Systems. Weiters führte Cornobyl auch dazu, dass das Vertrauen in den technischen Fortschritt erheblich erschüttert wurde. Die Katastrophe des 26. April 1986 zeigte den Ukrainern auch, dass aus einer anonymen Zentrale ihre unmittelbare Umwelt mit Risiken belastet wurde, ohne dass sie einen Einfluss auf diese Entscheidungen nehmen konnten.[93]

Nach und nach drangen aufgrund der neuen, von Gorbačevs Politik geschaffenen und erlaubten Möglichkeiten die nationalen Probleme in den einzelnen Republiken an die Oberfläche und wurden immer stärker artikuliert. Seit 1988 musste sich der Generalsekretär der KPdSU mit den nationalen Bewegungen im Baltikum und in Transkaukasien auseinandersetzen.[94] Im Juli 1988 kam es dann zu einer unionsweiten Parteikonferenz der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Erstmals seit den 1920er Jahren gab es dabei auch offene und kontroverse Debatten.[95]

Weitere Anzeichen für das Entstehen der ukrainischen Nationalbewegung waren auch der seit 1987 durchgeführte Kampf um die Wiederzulassung der mit Rom unierten Ukrainisch-Katholischen Kirche oder der Griechisch-Katholischen Kirche in Galizien. Ebenso schlossen sich bekannte Kiever Schriftsteller und Literaten zusammen und gründeten einen „Ukrainischen Kulturologischen Club“ sowie die „Ševčenko-Gesellschaft für ukrainische Sprache“, welche sich für eine sprachliche Ukrainisierung einsetzte.[96] Bohdan Hawrylyshyn schreibt der literarischen Elite eine wichtige Rolle auf dem friedlichen Weg zur ukrainischen Unabhängigkeit zu. Die Schriftsteller begannen zu dieser Zeit – gut wissend, dass der Druck des Sowjetregimes stark nachgelassen hat – verbal zum Ausdruck zu bringen, was sie selbst fühlten. Die Zeit, in der die Literaten nur das schrieben, was ihnen gesagt wurde, war endgültig vorbei. Daraufhin verbreiteten sich die Unabhängigkeitswünsche relativ rasch quer durch das Land.[97]

1989 wurde die sogenannte „Volksbewegung der Ukraine für die Perestrojka“ (Narodnyj ruch Ukrainy za perebudovu) gegründet.[98] Im September dieses Jahres hielt die kurz „Ruch“ – was auf Deutsch so viel wie Bewegung heißt – genannte nationale und demokratische Oppositionsbewegung ihren Gründungskongress in Kiev ab. Ähnlich wie bei den Volksfronten in den baltischen Republiken handelte es sich bei „Ruch“ um eine heterogene politische Sammlungsbewegung von antisowjetischen Dissidenten bis zu reformorientierten Kommunisten. Einig war man sich innerhalb dieser neuen Opposition in zwei Punkten: Erstens lehnte man die Diktatur der KPdSU und zweitens den sowjetischen Zentralstaat, der der Ukraine keine Autonomie gewährte, ab.[99] Die „Ruch“ stand in dem folgenden Demokratisierungsprozess der Ukraine zu Beginn der 1990er Jahre an vorderster Front. Der Schriftsteller und Dissident Ivan Draĉ, der die Organisation auch bis 1991 leitete, gilt als Gründer der „Ruch“.[100]

Die Bewegung („Ruch“) ging von eher gemäßigten Zielsetzungen aus und stellte den sowjetischen Bundesstaat zunächst nicht in Frage.[101] Ihr wird zwar bis heute nachgesagt, sich nur auf die Westukraine konzentriert zu haben, doch tatsächlich wandte sich die „Ruch“ vielmehr an alle Bürger der Ukraine. Die Vorstellungen der „Ruch“ gingen von einem demokratischen Staatsaufbau und einem Minderheitenschutz aus.[102] Den ersten großen Sieg feierte die Ruch mit der Absetzung von Volodymyr Ščerbyc’kyj Ende 1989. Ščerbyc’kyjs Rücktritt wurde durch massive Proteste der Bewegung erzwungen.[103]

„Mit der Entstehung der oppositionellen Bewegung […] hatte die Ukraine einen Weg eingeschlagen, der kaum mehr umkehrbar war, zumal er gleichzeitig von ‚oben’ und von ‚unten’, von parteipolitischen Kräften in Moskau einerseits und von einer anwachsenden Opposition im Land andererseits, vorangetrieben wurde. Die Initiative von oben wurde sichtbar, als Moskau Ščerbyc’kyj […] absetzte […]. Die Protestbewegung in der Ukraine erhielt damit eine Eigendynamik, die zunehmend vom Vorschlag der Systemreform abkam, dafür aber immer vehementer die Systemtransformation und die Unabhängigkeit von Moskau forderte.“ [104]

Dass es nicht nur die Westukraine war, die gegen das System aufbegehrte, dies zeigte u.a. ein großflächig angelegter Arbeiterstreik in den Kohlegruben des Donbas in der Ostukraine, beim dem bis zu 250.000 Streikende gegen die wirtschaftliche Ausbeutung und den allgemeinen ökonomischen Niedergang protestierten.[105]

Eine unabhängige Ukraine

Im Jänner 1990 organisierte „Ruch“ eine Menschenkette zwischen Kiev und Lemberg. Dabei erschienen blau-gelbe Nationalfahnen und andere nationale ukrainische Symbole vermehrt in der Öffentlichkeit. Grund dieser Menschenkette war das Gedenken an die Vereinigung der Westukrainischen mit der Ukrainischen Volksrepublik im Jahre 1919.[106] Ganze 750.000 Menschen sollen sich an diesem 21. Jänner 1990 nach Aufruf der „Ruch“ an der Menschenkette – die als Bekenntnis für eine unabhängige Ukraine verstanden werden sollte – beteiligt haben.[107] Wenn man bedenkt, dass dieses Ereignis erst zwei Tage vorher in den Büroräumen der „Ruch“ entwickelt wurde, so muss man festhalten, dass es sich bei dieser 600 Kilometer langen „lebenden Kette“ um einen grandiosen Erfolg der „Ruch“ handelte.[108]

Zwei Monate später, im März 1990, wurden in der Ukraine erstmals in freien Wahlen das Parlament der Republik, die Verchovna Rada und die Regional-, Kreis- und Stadtverwaltung gewählt.[109] Trotz vermutlicher Wahlmanipulationen und dem bis Februar 1990 noch offiziell bestehenden Parteimonopol der kommunistischen Partei der Sowjetunion, eroberte der demokratische Block – ein von der „Ruch“ angeführtes lockeres Wahlbündnis aus zahlreichen Oppositionsgruppen – ein Viertel der Sitze.[110]

Weil sich nun eine Opposition legal im Parlament befand, standen nach diesen Wahlen vehemente Diskussionen von Regierenden und Opposition an der Tagesordnung – eine absolute Neuigkeit. Während die demokratische Minderheit immer weiter attackierte, zog sich die kommunistische Mehrheit immer mehr zurück und überließ so die politische Bühne den Demokraten.[111] Wie stark die politische Situation in der Ukraine sich nun verändert hatte, zeigt auch, dass die Sitzungen im Parlament von nun an in einem zweiwöchigen Turnus stattfanden anstatt wie bisher alle zwei Jahre. Zu Beginn brachen in den Parlamentsdiskussionen heftige Kontroversen zwischen kommunistischen, konservativen und reformorientierten und systemoppositionellen Abgeordneten aus. Schließlich liefen aber große Teile des kommunistischen Flügels 1990 auf die Seite der national motivierten Demonstranten über.[112]

„Es war von entscheidender Bedeutung für den weiteren Verlauf der Wende und grundlegend für die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im Jahrzehnt nach 1991, daß [sic] große Teile der KP der Ukraine 1990 zur oppositionellen Nationalbewegung übergingen. Unter der Führung des KPU-Sekretärs […] Leonid Krawtschuk, sprang der Parteiapparat sozusagen auf den fahrenden Zug der Nationalbewegung auf.“ [113]

Auch wenn die kommunistischen Funktionäre durch diesen Seitenwechsel nicht zu Demokraten wurden, so verband die Nationalkommunisten mit der Opposition die Ablehnung des sowjetischen Superzentralismus. Weiters waren sie auch davon überzeugt, dass die Ukraine von Moskau ausgebeutet worden war und dass eine selbständige Ukraine ein blühenderes Land sein würde.[114]

Dieser Konsens von Nationalkommunisten und der Opposition fand Ausdruck in der am 16. Juli 1990 vom Obersten Rat der Ukraine ausgesprochenen Souveränitätserklärung der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Dabei kam es zu einer überwältigenden Mehrheit von 355 Ja- zu vier Nein-Stimmen.[115] Diese Erklärung bedeutete zwar noch keine Unabhängigkeit, aber betonte die Neutralität der Ukraine und ihr Recht auf eigene Streitkräfte.[116]

Am 23. Juli 1990 wurde Leonid Kravčuk zum neuen Vorsitzenden des Obersten Sowjet in Kiev und damit auch zum Oberhaupt des Staates gewählt. Alles in allem trug die Wandlung vieler Kommunisten zu Nationalkommunisten dazu bei, dass das Ende des kommunistischen Systems in der Ukraine gewaltfrei über die Bühne ging.[117] Dadurch kam es aber auch zu einem relativ lautlosen Übergang der Eliten aus der kommunistischen Zeit in Führungsfunktionen der postkommunistischen Ukraine. Es gab also keinen Austausch von Eliten wie im Jahr 1917 und kein Strömen von Blut. Es gab keine Revolution im eigentlichen Sinne.[118]

Am 19. November 1990 unterzeichneten die Russische und die Ukrainische Republik einen Vertrag, in dem sie die gegenseitig Grenzen und Souveränität des Anderen anerkannten. An diesem Punkt wurde erstmals die politische Existenz der Ukraine von Russland offiziell anerkannt. Im Land selbst schritten die Oppositionsbewegungen immer weiter voran. So erzwang ein Studentenstreik im Oktober 1990 den Rücktritt des kommunistischen Ministerpräsidenten.[119]

Die Fortlösung von der Sowjetunion bzw. von Russland nahm nun immer mehr seinen Lauf. Ende des Jahres 1990 wurde auch vom Obersten Sowjet der Ukraine beschlossen, dass ukrainische Gesetze von nun an Vorrang vor den sowjetischen haben sollten. Weiters wurde auch die Trennung des ukrainischen Staatshaushaltes von dem der Union gesetzlich verankert. Während dieser Zeit entstanden auch Pläne von Gorbačev, eine neue Union zu errichten. Die Ukraine verschob allerdings die Ratifizierung eines neuen Unionsvertrages auf den September 1991, was de facto mit seiner Ablehnung gleichzusetzen war.[120]

Der Historiker Gerhard Simon ist der Meinung, dass die Forderungen nach politischer Selbstbestimmung und nach Unabhängigkeit für die Ukraine das Schicksal der Sowjetunion besiegelten. Denn auch wenn sich die Ukraine an den Verhandlungen über einen neuen Unionsvertrag beteiligte, trug sie doch hauptsächlich zum Scheitern dieser Verhandlungen bei. Denn eines war für alle klar: Ohne die Ukraine würde es keine Sowjetunion mehr geben.[121]

Nachdem ein Putschversuch in Moskau gegen Gorbačev im August 1991 gescheitert war, wurde die Tätigkeit der Kommunistischen Partei auf dem Gebiet der Ukraine am folgenden 1. September verboten.[122] Dem gescheiterten Moskauer Putsch folgte – wie in vielen anderen Sowjetrepubliken – auch in der Ukraine die Unabhängigkeitserklärung.[123] Bei dem Referendum am 1. Dezember 1991 stimmte schließlich die Bevölkerung der Ukraine mit einer überwältigenden Mehrheit von ca. 90 Prozent für eine unabhängige Ukraine. Am gleichen Tag wurde auch Leonid Kravčuk mit solider Mehrheit zum ersten Präsidenten der Ukraine gewählt.[124] Am 5. Dezember 1991 beschloss man im ukrainischen Parlament, den 1922 abgeschlossenen Vertrag über die Bildung der Sowjetunion zu kündigen.[125]

Fazit

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es gewesen, den ukrainischen Weg in die Unabhängigkeit von 1991 vorzuzeichnen und der Frage nachzugehen, welchen Anteil die Atomkatastrophe vom April 1986 an der ukrainischen Unabhängigkeit bzw. auch an dem Zerfall der Sowjetunion hatte.

Die genaue politische Tragweite der Cornobyl-Katastrophe nachzuzeichnen ist fast ein Ding der Unmöglichkeit, oder um es anders zu formulieren: Gedankliche „was-wäre-wenn-Spielchen“ sind bei einer so komplexen Thematik wie dem Zerfall der Sowjetunion mit all den Einflussfaktoren, die dazu geführt haben, sehr mühsam anzustellen. Zu behaupten, wenn die Katastrophe des 26. Aprils 1986 nie gewesen wäre, dann gäbe es heute noch eine kommunistische ukrainische Sowjetrepublik und eine intakte Sowjetunion – dass wäre meiner Meinung nach doch etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt.

Nichtsdestotrotz kann man festhalten, dass die furchtbare Umweltkatastrophe von Cornobyl neben ihren dramatischen Folgen für Mensch und Natur in der Ukraine und ihren Nachbarstaaten vor allem auch einen gewissen politischen „Hallo-Wach-Effekt“ mit sich brachte. Cornobyl war der Stein des Anstoßes, der sehr vielen Menschen ihre Hilf- und Machtlosigkeit im sowjetischen System aufzeigte. Nach und nach entstanden in der Zeit nach der Katastrophe grüne Bewegungen, die für mehr Transparenz und mehr Umweltschutz eintraten. Auch die Stimme der politischen Opposition wurde in der Ukraine, wie aber auch in vielen anderen Sowjetrepubliken nach Cornobyl immer lauter. Kombiniert mit der toleranteren Öffnungspolitik von Michail Gorbačev ergab der zunehmende Wunsch nach Selbstbestimmung, Fortschritt und Unabhängigkeit der ukrainischen Bevölkerung eine tödliche Mischung für die Fortbestehungswünsche der Sowjetunion.

Cornobyl steht im ukrainischen Traumagedächtnis mit Sicherheit für Schmerz und Leid, aber auch für die Konsequenzen, die die ukrainische Nation daraus gezogen hat. Im kollektiven ukrainischen Gedächtnis steht Cornobyl für den Aufbruch der nicht mehr länger widerstandslosen Nation.[126] So steht der Ort des Atomkraftwerkes, in dem sich am 26. April 1986 die bisher wohl schwerste atomare Katastrophe in der Geschichte der Menschheit ereignet hat, für die Entstehung von Opposition, für die Entstehung von Umweltschutzbewegungen, für die Entstehung von politischen Bewegungen, für den Beginn vieler Demonstrationen, für den Beginn der unabhängigen Ukraine und ja auch für den Zerfall der Sowjetunion.

„Das Wort ‚Katastrophe’ bezeichnet eine entscheidende Wendung, einen gewaltsamen Einschnitt, einen Zusammenbruch, zugleich oft einen Prozess der Reinigung und Neuwerdung. Das neue Leben erscheint ‚danach’ als wahrer, wertvoller. Kollektive Katastrophenerfahrungen werden oft in Neuanfänge umgedeutet. Nach dieser Definition kann eigentlich nur das Reaktorunglück von 1986 als Katastrophe im eigentlich Sinn interpretiert werden, da es eine ungeahnte gesellschaftliche Mobilisierung (nicht nur in der Ukraine) auslöste; sein Anteil am Ende der Sowjetunion ist nicht definitiv zu bestimmen, allerdings auch nicht zu bezweifeln.“ [127]

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Ethnische Grenzziehung als Absicherung der nationalen Identität der Ukrainer
von Elzbieta Szumanska (2008)

Einleitung

Für die in der Ukraine lebenden Russen ist die Unabhängigkeitserklärung dieses Landes ein schwerer Schlag gewesen, da einer zu Sowjetzeiten politisch und kulturell dominierenden Ethnizität auf diese Weise der Status einer privilegierten Gruppe entzogen wurde. Dennoch haben sich die Russen trotz ihres großen Anteils an der Gesamtbevölkerung in der Ukraine mit der Degradierung zu einer nationalen Minderheit abfinden können. Umso erstaunlicher ist es hingegen, dass es die Ukrainer sind, die sich langfristig bedroht fühlen. Diese Bedrohung hat im Zusammenbruch der Sowjetunion ihren Ursprung. Aufgrund der Entstehung neuer politischer Grenzen ist zwischen Ukrainern und Russen eine Zwangsgesellschaft entstanden, in welcher die Russen noch immer eine riesengroße ethnische Minderheit im Lande darstellen[128]. Auch die russische Sprache ist weiterhin eine Arbeitssprache, die von 74,4% der ethnischen Gruppe der Ukrainer verstanden wird (ukrcensus.gov.ua).

Darauf aufbauend lässt sich folgende Fragestellung ableiten: Warum kommt es zu Prozessen der Abgrenzung? Die These des vorliegenden Ansatzes soll folgendermaßen lauten: Die ethnische Grenzziehung hilft dabei, die bedrohte ukrainische Nationalidentität abzusichern.

Da die Ukrainer, die ethnische Mehrheit im Lande, nicht in allen relevanten Lebensbereichen ein absolutes Monopol haben, muss die nationale Identität demnach langfristig geschützt werden. Dieses ist unter anderem in den Bereichen der Nationalgeschichtsbildung, der Sprachenpolitik, des politischen Orientierungskurses sowie der Medien zu beobachten. Vor allem dort wird jene ethnische Grenzziehung auf unterschiedliche soziale Ressourcen wie z.B. dem Status einer Sprache, lokalen Zeitungen oder auch Festtagen übertragen. Aus diesem Grund soll das Problem der Abgrenzung im Allgemeinen auf einer symbolischen Ebene diskutiert werden. Die Abfolge der einzelnen Kapitel soll diesen Prozess systematisch darstellen und theoretisch begründen.

Grundsätzlich soll der vorliegende Ansatz demnach dazu dienen, die theoretische Bedeutung der ethnischen Grenzziehung zu erklären. Auf diese Weise kann gleichzeitig ein Zusammenhang mit der nationalen Identität hergestellt werden. Die Analyse im folgenden Kapitel basiert dabei in erster Linie auf den Hypothesen der Instrumentalisten Frederik Barth, Georg Elwert und Hartmut Esser. Diese Hypothesen werden jenen der Primordialisten gegenüber gestellt. Während Clifford Geertz, ein Vertreter der primordialistischen Theorie, die Erhaltung der ethnischen Grenze als Identifikationsschutzfaktor ausschließt, legen die Instrumentalisten besonderen Fokus auf die Erhaltung der ethnischen Grenze.

Warum und wie es zu dieser mit Konfrontationen angereicherten Situation in der Ukraine gekommen ist, lässt sich letztendlich mit Hilfe der Genese des Konfliktes, die ihren Anfang in den sowjetischen Zeiten hat, erklären. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es daher, diese Genese aufzuhellen, wobei der Schwerpunkt vor allem auf den politischen Veränderungen während der Wendezeit liegen soll. Die Erklärungsansätze für die in der Arbeit untersuchten Phänomene stützen sich dabei auf ein Modell der „drei Identitätsstufen“ von Bahodir Sidikov, welcher auf diese Weise die postsowjetische Realität aufgeklärt hat.

Im dritten Kapitel sollen zunächst die mit der vorgestellten Problematik verbundenen quantitativen und qualitativen Angaben sowohl auf Makro- als auch auf Mikroebene vorgestellt werden. Die Erläuterung und Begründung des jeweils nach bestimmten methodischen Gesichtspunkten gewählten Datenmaterials sowie die Problemerklärung anhand des konkretrealen Beispiels der Ukraine soll der Bestätigung der aufgestellten These dienen. Demnach wollen die Ukrainer eine explizite ethnische Grenze ziehen, um eine Selbst- und Fremdzuschreibung der nationalen Identität zu ermöglichen. Wo genau hingegen diese Grenze zwischen den ethnischen Gruppen gezogen wird, ist wiederum von spezifischen sozialen Konstellationen abhängig. Der konkrete Verlauf der Grenze kann sich dabei sowohl im Zeitverlauf als auch in Abhängigkeit vom jeweiligen sozialen Kontext ändern. Ferner werden weitere Fragen aufgeworfen, die auf die Erhaltung der Grenze abzielen und zur Abschaffung des gegenseitigen Misstrauens beitragen sollen.

Trotz der immer häufiger vorgenommenen Forschungen, sowohl seitens der ausländischen als auch der ukrainischen Wissenschaftler und Organisationen, stellt der Bereich, auf den sich die vorliegende Hausarbeit zu konzentrieren versucht, ein Phänomen dar, für dessen umfassende Beurteilung immer noch zu geringe Erkenntnisse vorhanden sind. In der Literatur mangelt es vor allem an detailliert qualitativen Angaben zu den subjektiven Empfindungen der teilnehmenden Akteure sowie zu fundierten Analysen, die dabei helfen könnten, die Problematik der ethnischen Grenzziehung in den Mittelpunkt zu rücken. Letztendlich sind daher offene wissenschaftliche Diskussionen, die einen unpolitischen Meinungsaustausch vor allem mit der russischen Minderheit ermöglichen würden, nicht möglich.

Weiterhin ist festzustellen, dass die Erfassung der jeweiligen Ethnien im Lande in Wirklichkeit weitaus komplizierter ist, als die nationale Zusammenstellung aus dem Jahre 2001 vermuten lässt. Dieses ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die beiden Bevölkerungsgruppen nicht so klar voneinander abgegrenzt sind, wie man auf den ersten Blick annehmen könnte. Noch immer gibt es eine Vielzahl an Menschen, welche sich ethnisch weder eindeutig den Ukrainern noch den Russen zuordnen lassen bzw. sich oftmals auch gar nicht eindeutig zuordnen lassen wollen.

Ethnische Grenzziehung

Begriffsbestimmungen

Um den Zusammenhang zwischen dem Kampf um die nationale Identität und der subjektiven Abgrenzung der Ethnien zu verstehen, müssen primär die wichtigsten Definitionen erklärt werden. Fundamentale Begriffe, die in Verbindung mit den in der folgenden Arbeit vorgestellten Problemen bestimmt werden sollen, sind daher folgende: zum einen der Ausdruck ethnische Identität, zum anderen die Bezeichnung ethnische Grenzziehung.

Der Begriff Ethnos wird gemäß dem griechisch-deutschem Wörterbuch als „jede Klasse von Wesen mit einer gemeinsamen Herkunft oder in einem gemeinsamen Zustand“ definiert (DALEZIOS 1956: 344). Demnach sind Ethnien weniger territorial gebunden, sondern beziehen sich in erster Linie auf sprachliche und kulturelle Gemeinsamkeiten. Oftmals werden Minderheiten in Staaten daher unter diesem Ausdruck zusammengefasst. Das Territorium hat weniger Relevanz als die gemeinsame Herkunft, Rasse, Sprache, Religion, Geschichte, Kultur, Habitus, Lebensstil sowie kollektive Gefühle (Vgl. NOHLEN 1997: 22, 155). Frederik Barth (1969) betont dabei vor allem die Fähigkeit zur Selbstkontinuität, gemeinsamen Kommunikation und Interaktion. 1989 wurde durch Georg Elwert ein zusätzliches Kriterium eingeführt: der Bezug zur Familie bzw. die Blutsverwandtschaft.

Als Implikation aus der etymologischen Herleitung des Ethnie-Begriffes lässt sich schließlich folgende Frage aufwerfen: Wie kann das Verhältnis zwischen ethnischer Identität und Kultur präzise ausgestaltet werden? Die Primordialitäts-Theorie besagt in diesem Zusammenhang, dass es ethnische Gruppen naturgemäß schon immer gab. Erst beim Kampf um materielle Ressourcen hat sich herausgestellt, dass Menschen aus derselben Gemeinschaft kulturelle Gemeinsamkeiten haben, obwohl diese eigentlich schon viel früher konstruiert worden sind (vgl. GEERTZ 1996: 41f). Laut dieser Theorie sind ethnische Kategorien in realen, kulturellen Gegensätzen verankert. Die Instrumentalisten wiederum behaupten, dass die ethnische Identität eine bestimmte Form der politischen Organisation sei, in der kulturelle Grenzen nur deshalb konstruiert wurden, um die Ressourcen und das symbolische Kapital einer Gruppe zu schützen (vgl. BARTH 1969: 10-11). Im Bekenntnisprinzip, nach instrumentalistischer Ansicht, wird das Problem folgendermaßen dargestellt: „Ethnizität [...] kann in der subjektiven Vorstellung der Akteure nicht durch eine individuelle Anstrengung erworben oder einfach abgelegt werden“ (ESSER 1996:66f). Daher ist Ethnizität als ein soziales, gemeinsames Konstrukt aufzufassen. Folgender Ansatz setzt sich mit diesem Begriff explizit auseinander: Ethnie kann prinzipiell als eine gesellschaftliche Organisationsform verstanden werden, weil gerade diese synthetisch entwickelte Grenze zwischen zwei Ethnien gemeinsamen kulturellen Ursprungs zur Absicherung der ethnischen Identität einer dieser beiden Gruppen beiträgt.

Existieren mehrere Ethnien nebeneinander, kommt es langfristig zum Prozess der Ethnisierung, d.h. „der Entstehung ethnischer Grenzziehungen der Akteure“ (ESSER 1996: 71). Dabei ist der Begriff „Grenzen“ an dieser Stelle vor allem im Sinne der sozialen Linien zu gebrauchen, um die Akteure von anderen Ethnien explizit unterscheiden zu können: Die Grenzen werden demnach bestimmt und fixiert. Dieser Prozess schließt den Wert des spezifischen Kapitals ein, welches sich durch moralische, gemeinschaftliche, kulturelle und soziale Betrachtungsweisen ausdrückt und eine Objektivierung des Gemeinschaftsgefühls erlaubt (dies. 72f). Diese Werte, mit denen sich die Menschen identifizieren, bilden wiederum die Basis der Alltagsgestaltung, so dass für deren Erhalt oftmals alle Kräfte mobilisiert werden.

Betrachtet man die bestehende Vielfalt von Gruppen, welche ebenfalls eine ethnische Identität beanspruchen, kann man erkennen, dass das Kriterium der Selbstzuschreibung zum entscheidenden Definitionskriterium werden muss (vgl. BARTH 1969: 11). Diese Selbstzuschreibung steht wiederum mit der Fremdzuschreibung in einem Wechselverhältnis: „By concentrating on what is socially effective, ethnic groups are seen as a form of social organization. The critical feature becomes […] the characteristic of self-ascription and ascription by others“ (dies. 13). Der Ausdruck Ethnizität wird nach Nagel auf ähnliche Weise bestimmt: „as a negotiated status, determined by an interplay between external ascription and individual selfidentification“ (NAGEL 1986:140). Alle Menschen sind demnach gleich, solange man unaufgefordert daran glaubt. Außerdem haben sich die Menschen als Gemeinsamkeit, wenn sie stets den Glauben daran aufrechterhalten. In diesem Zusammenhang enthält der ethnisch subjektive Gemeinsamkeitsglaube immer eine intern bindende und eine extern abstoßende Komponente sowie eine die Einmaligkeit und Eigenwertigkeit der Konfiguration betonende Identifikation. Dennoch lässt sich jedoch auch erkennen, dass die Selbstzuschreibung nicht immer ein Akt des absoluten freien Willens ist. Häufig reagiert sie nämlich in abwehrender, ablehnender oder übernehmender Weise auf Fremdzuschreibungen (vgl. CANFIELD 1973). In staatlich verfassten Gesellschaften spielt daher die Regulierung von Ethnizität durch den Staat eine zentrale Rolle, da dieser über die institutionelle Definitionsmacht für alle Ressourcen verfügt, welche für bestimmte Ethnien von Bedeutung sind. Deshalb nützt diese Macht immer nur denjenigen, die sie besitzen und zwar auch nur so lange, wie andere von ihr wirksam ausgeschlossen werden. Das betrifft vor allem jene ethnisch verfassten Staaten, in denen nicht auf einen Ausgleich zwischen den Ethnien gesetzt wird.

Ethnische Grenzziehung im Kontext postsowjetischer Realität

In der postsowjetischen Realität muss die ethnische Grenzziehung in besonderen Dimensionen wahrgenommen werden, da es nach der Wende 1991 zur Schaffung einer neuen Ordnung sowie neuer Verhältnisse zwischen den neu entstandenen nationalen Majoritäten und den Minoritäten in den Ländern des ehemaligen Ostblocks gekommen ist. Der Zusammenbruch der Sowjetunion hatte demnach eine Entladung der aufgestauten Emotionen und der ethnischen Vorurteile zur Folge, welche in der Sowjetära verborgen geblieben waren. Diese Zusammenstellung der nicht unbedingt friedlich zueinander eingestellten Ethnien hat wiederum einen direkten Einfluss auf das Tempo, den Umfang und die Bedeutung der ethnischen Grenzziehung gehabt.

Das Modell der drei Identitätsniveaus[129], welches von Bahodir Sidikov in der Auseinandersetzung um ethnische Beziehungen im postsowjetischen Aserbaidschan entwickelt wurde, kann in diesem Zusammenhang mit Erfolg auch auf andere Länder des ehemaligen Sowjetblocks übertragen werden. Der Zusammenbruch der UdSSR als Einzelstaat hat letztendlich dazu geführt, dass das Gleichgewicht der drei potenziellen Identitätsstufen – der globalen, supra-ethnischen und ethnischen Ebene, unterbrochen wurde. Der globale Kontext bleibt jedoch weiterhin unverändert, weil die nichtrussischen Völker nach wie vor auf diese Weise wahrgenommen werden. Die Sowjetunion, die ihre Aufgabe in der Nivellierung ethnischer Unterschiede gesehen hat, um eine einheitliche „sozialistische Nation“ entstehen zu lassen, hatte in der Vergangenheit die Funktion der zweiten supra-ethnischen Ebene übernommen. Demzufolge sollten die nichtrussischen Völker damals in den Konstruktionsprozess des Sowjetsystems miteinbezogen werden. „Lenin had argued on several occasions that Bolshevik policy with respect to the national question should be based on the principle of self-determination“ (KIRKWOOD 1990: 701). Die Völker sollten so den Eindruck gewinnen, dass ihre kulturelle Identität respektiert wird. Auf diese Weise sollten sie kurzfristig für die Interessen der Sowjetunion gewonnen werden, um sie im Anschluss wiederum miteinander verschmelzen zu können. Die nationale Identität wurde zwar weiterhin betont, jedoch nicht im Sinne einer bestimmten Ethnie, sondern eher als Teil einer größeren Einheit. Demnach wurden beispielsweise Aserbaidschaner, Armenier und Georgier im Allgemeinen als Kaukasusvolk bezeichnet; Paläosibirier, Samojeden, Ob-Ugrier, Tungusen, Burjäten und Jakuten sind hingegen dem Baikalischen Volk zugeordnet worden. An dieser Stelle lässt sich also erkennen, dass die Völker im Großen und Ganzen nur einander gegenübergestellt und die größten ethnischen Unterschiede exponiert wurden. Nach der Wende 1991, als die zweite Stufe dekonstruiert wurde – die supra-ethnische Ebene lag nicht länger in sowjetischer Hand, hatte die ethnische Ebene die Funktion der supra-ethnischen Stufe übernommen. Als Konsequenz daraus kann man heutzutage in vielen Ländern des ehemaligen Ostblocks wie z. B. Estland, Aserbaidschan oder der Ukraine Prozesse der inneren Grenzziehung beobachten, die zwischen den neu geschaffenen nationalen Majoritäten und Minoritäten stattfinden (vgl. SIDIKOV 2004: 305–306).

Ausgehend von den oben beschriebenen Erkenntnissen, kann Frederik Barth zugestimmt werden, dass die ethnische Grenzziehung situationell abhängig ist. Es kommt letztendlich darauf an, wie die Akteure die Situation bewerten und subjektiv zur Abgrenzung eingestellt sind. Dieses betrifft vor allem die Erscheinung der Fremdzuschreibung, was Georg Elwert auf folgende Weise verdeutlicht hat: „Die Zuschreibungskriterien, die die Außengrenze setzen, [sind] wandelbar“ (ELWERT 1989: 447).

[...]


[1] Paul Robert Magocsi, A History of Ukraine, Toronto u.a. 1996, 669.

[2] Vgl. Alla Jaroshinskaja, Verschlußsache Tschernobyl. Die geheimen Dokumente aus dem Kreml, Berlin 1994, 12.

[3] Vgl. Kerstin S. Jobst, Die Geschichte der Ukraine, Stuttgart 2010, 220.

[4] Vgl. Peter Kafka, Jürgen König u. Wolfgang Limmer, Tschernobyl, die Informationslüge. Anleitung zum Volkszorn, München 1986, 12.

[5] Vgl. Maximilian Puchner, Černobyl’. Ein Beitrag zu den Ursachen, Auswirkungen und politischen Implikationen der Reaktorexplosion vom 26. April 1986, Hamburg 1998, 1.

[6] Vgl. Andreas Kappeler, Kleine Geschichte der Ukraine, 2. aktualisierte Ausgabe, München 2000, 246-247.

[7] Vgl. Katrin Boeckh, Postsozialismus: 1989-2004, in: Katrin Boeckh u. Ekkehard Völkl, Hg., Ukraine. Von der Roten zur Orangenen Revolution, Regensburg 2007c, 186-241, hier 187.

[8] Vgl. Jobst 2010, 220.

[9] Vgl. Magocsi 1996, 669.

[10] Vgl. Boeckh 2007c, 187.

[11] Vgl. Boeckh 2007c, 188.

[12] Vgl. Boeckh 2007c, 202.

[13] Vgl. Jobst 2010, 9.

[14] Vgl. Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, Ukraine. Geschichte, Staat und Politik, Online im Internet unter: http://liportal.inwent.org/ukraine/geschichte-staat.html (31. März 2011), o.S.

[15] Vgl. Katrin Boeckh, Die Ukraine nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Katrin Boeckh u. Ekkehard Völkl, Hg., Ukraine. Von der Roten zur Orangenen Revolution, Regensburg 2007a, 122-151, hier 122.

[16] Vgl. Sven Felix Kellerhof, Die Welt. Zweiter Weltkrieg. Forscher zählen Holocaust-Opfer in der Ukraine, 2007, Online im Internet unter: http://www.welt.de/ welt_print/article1345705/Forscher_zaehlen_Holocaust_Opfer_in_der_Ukraine.html (31. März 2011), o.S.

[17] Vgl. Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, o.S.

[18] Vgl. Kellerhof 2007, o.S.

[19] Vgl. Jobst 2010, 198-199.

[20] Vgl. Ekkehard Völkl, Zweiter Weltkrieg. In: Katrin Boeckh u. Ekkehard Völkl, Hg., Ukraine. Von der Roten zur Orangenen Revolution, Regensburg 2007, 105-121, hier 121.

[21] Vgl. Kappeler 2000, 224.

[22] Vgl. Jobst 2010, 207-208.

[23] Vgl. Boeckh 2007a, 140-141.

[24] Boeckh 2007a, 141.

[25] Vgl. Kappeler 2000, 229-230.

[26] Vgl. Kappeler 2000, 230-232.

[27] Vgl. Jobst 2010, 214.

[28] Vgl. Katrin Boeckh, Autonomiebestrebungen und Eiszeit: Die Ukraine 1953-1989, in: Katrin Boeckh u. Ekkehard Völkl, Hg., Ukraine. Von der Roten zur Orangenen Revolution, Regensburg 2007b, 152-185. hier 154-156.

[29] Vgl. Kappeler 2000, 234-235.

[30] Vgl. Boeckh 2007b, 156-157.

[31] Vgl. Jobst 2010, 216-217.

[32] Vgl. Boeckh 2007b, 157.

[33] Boeckh 2007b, 158.

[34] Vgl. Kappeler 2000, 235-236.

[35] Vgl. Kappeler 2000, 236-237.

[36] Vgl. Taras Kuzio u. Andrew Wilson, Ukraine. Perestroika to Independence, New York 1994, 58.

[37] Vgl. Jobst 2010, 217.

[38] Vgl. Kuzio u. Wilson 1994, 62.

[39] Vgl. Andrzej Ziolkowski, Konversion: Polen, Ukraine. Geschichte – Ökonomik – Politik, Frankfurt am Main u.a. 1996, 24.

[40] Vgl. Kappeler 2000, 240-242.

[41] Vgl. Boeckh 2007b, 184.

[42] Vgl. Jobst 2010, 216.

[43] Vgl. Kappeler 2000, 245.

[44] Vgl. Ulrich Druwe, Das Ende der Sowjetunion. Krise und Auflösung einer Weltmacht, Weinheim u.a. 1991, 56.

[45] Vgl. Valentin M. Falin, Konflikte im Kreml. Zur Vorgeschichte der deutschen Einheit und Auflösung der Sowjetunion, aus dem Russischen von Helmut Ettinger, München 1997, 53.

[46] Vgl. Joseph, Rothschild, Return to diversity. A political history of East Central Europe since World War II, New York, NY u.a. 1989, 221.

[47] Vgl. Boeckh 2007c, 186.

[48] Vgl. Boeckh 2007c, 186-187.

[49] Vgl. Puchner 1998, 15.

[50] Vgl. Tagesschau.de, Was geschah in Tschernobyl? Ein Experiment mit dramatischen Folgen, 2007, Online im Internet unter: http://www.tagesschau.de/ausland/meldung121558.html (12. April 2011), o.S.

[51] Vgl. Puchner 1998, 15.

[52] Vgl. Boeckh 2007c, 186-187.

[53] Vgl. Puchner 1998, 17.

[54] Vgl. Kaftka, König u. Limmer 1986, 11.

[55] Vgl. Puchner 1998, 17.

[56] Vgl. Harald Schumann, Was geschah in Tschernobyl? Versuch einer Rekonstruktion der wahrscheinlichen und möglichen Ereignisse, in: Klaus Traube, Hg., Nach dem Super-GAU. Tschernobyl und die Konsequenzen, Reinbek bei Hamburg 1986, 34-50, hier 36.

[57] Vgl. Puchner 1998, 17-18.

[58] Vgl. Puchner 1998, 18-20.

[59] Vgl. Jobst 2010, 227.

[60] Vgl. Boeckh 2007c, 187.

[61] Vgl. Jobst 2010: 227.

[62] Vgl. Boeckh 2007c, 187.

[63] Vgl. Jobst 2010, 227-228.

[64] Vgl. Puchner 1998, 47.

[65] Vgl. Boeckh 2007c, 187.

[66] Vgl. Vgl. Lutz Mez, Der Super-GAU im Atomkraftwerk Tschernobyl. Eine Chronik der Nachrichten, Informationen und Spekulationen. in: Klaus Traube, Hg., Nach dem Super-GAU. Tschernobyl und die Konsequenzen, Reinbek bei Hamburg 1986, 20-31, hier 20.

[67] Mez 1986, 20.

[68] Vgl. Kafka, König u. Limmer 1986, 13.

[69] Vgl. Puchner 1998, 50.

[70] Vgl. Erhard Stackl, 1989. Sturz der Diktaturen, Wien 2009, 187-188.

[71] Vgl. Kafka, König u. Limmer 1986, 19.

[72] Vgl. Mez 1986, 22-23.

[73] Vgl. Boeckh 2007c, 187.

[74] Vgl. Jobst 2010, 228.

[75] Vgl. Boeckh 2007c, 188.

[76] Vgl. Jobst 2010, 228.

[77] Vgl. Boeckh 2007c, 188.

[78] Vgl. Puchner 1998, 50-51.

[79] Vgl. Jobst 2010, 228.

[80] Vgl. Kappeler 2000, 247.

[81] Vgl. Boeckh 2007c, 189.

[82] Vgl. Kuzio u. Wilson 1994, 63-64.

[83] Vgl. Puchner 1998, 81.

[84] Vgl. Gerhard Simon, Die Ukraine auf dem Weg - wohin? In: Gerhard Simon, Hg., Die neue Ukraine. Gesellschaft - Wirtschaft - Politik (1991-2001), Köln u. Wien 2002, 5-27, hier 9.

[85] Vgl. Harald Christian Scheu, Die Rechte der russischen Minderheit in der Ukraine, Wien 1997, 9.

[86] Vgl. Kappeler 2000, 247.

[87] Vgl. Boeckh 2007c, 189-190.

[88] Vgl. Kuzio u. Wilson 1994, 76.

[89] Vgl. Kappeler 2000, 247.

[90] Vgl. Puchner 1998, 83.

[91] Vgl. Puchner 1998, 83.

[92] Vgl. Jobst 2010, 219.

[93] Vgl. Puchner 1998, 83.

[94] Vgl. Kappeler 2000, 246.

[95] Vgl. Ziolkowski 1996, 25.

[96] Vgl. Kappeler 2000, 248-249.

[97] Vgl. Bohdan Hawrylyshyn, Ukraine: Recent Past, Current State, Future Prospects, in: Antoni Kukliński, European Space, Baltic Space, Polish Space. Part Two, Warsaw 1997, 222.

[98] Vgl. Puchner 1998, 84.

[99] Vgl. Simon 2002, 10.

[100] Vgl. Boeckh 2007c, 190.

[101] Vgl. Kappeler 2000, 249.

[102] Vgl. Boeckh 2007c, 190.

[103] Vgl. Hawrylyshyn 1997, 222.

[104] Boeckh 2007c, 190.

[105] Vgl. Boeckh 2007c, 190-191.

[106] Vgl. Kappeler 2000, 249.

[107] Vgl. Boeckh 2007c, 190.

[108] Vgl. Hawrylyshyn 1997, 222.

[109] Vgl. Puchner 1998, 84.

[110] Vgl. Simon 2002, 10.

[111] Vgl. Hawrylyshyn 1997, 222.

[112] Vgl. Boeckh 2007c, 193.

[113] Simon 2002, 10.

[114] Vgl. Simon 2002, 10.

[115] Vgl. Boeckh 2007c, 194.

[116] Vgl. Kappeler 2000, 250.

[117] Vgl. Boeckh 2007c, 194.

[118] Vgl. Simon 2002, 11.

[119] Vgl. Kappeler 2000, 250-251.

[120] Vgl. Boeckh 2007c, 194-195.

[121] Vgl. Simon 2002, 11.

[122] Vgl. Puchner 1998, 84.

[123] Vgl. Kappeler 2000, 251.

[124] Vgl. Puchner 1998, 84.

[125] Vgl. Kappeler 2000, 252.

[126] Vgl. Jobst 2010, 219-220.

[127] Jobst 2010, 226.

[128] 17,3% Russen nach ukrcensus.gov.ua (2008).

[129] Zum ersten Mal von Aleksandr Panarin, 2003 vorgestellt.

Details

Seiten
187
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656616900
ISBN (Buch)
9783956871375
Dateigröße
4.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v270852
Note
Schlagworte
ukraine russland eine hassliebe

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Titel: Die Ukraine und Russland: Eine Hassliebe