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Der Fall Frankreich. Erfahrungen der französischen Industriepolitik

Hausarbeit 2012 33 Seiten

VWL - Fallstudien, Länderstudien

Leseprobe

Gliederung

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Der Begriff Industriepolitik
2.2 Arten der Industriepolitik
2.2.1 Unterscheidung nach der Zielorientierung
2.2.2 Unterscheidung nach der Eingriffsart industriepolitischer Maßnahmen
2.3 Konzepte zur Begründung einer staatlichen Industriepolitik
2.3.1 Theorie des Marktversagen
2.3.2 Strategische Handelspolitik
2.3.3 Die neue Wachstumstheorie

3 Industriepolitische Konzeption Frankreichs
3.1 Historischer Hintergrund des französischen Wirtschafts- und Gesellschaftsstils
3.1.1 Die französische Form des Merkantilismus: Der Colbertismus
3.2 Das französische Wirtschaftssystem der Planification
3.2.1 Der Ausgangspunkt
3.2.2 Methoden und Instrumente in den „dreißig glorreichen Jahren“
3.2.3 Bedeutung der öffentlichen Unternehmen in der Planification
3.3 Analyse ausgewählter Wirtschaftssektoren
3.3.1 Finanzsektor
3.3.2 Flugzeugbauindustrie
3.3.3 Computerindustrie
3.4 Kritik an der Planification

4 Schlussbetrachtung und Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb.1 Eigene Darstellung in Anlehnung an Seitz (2000), S. 39

Abb.2 Eigenedarstellung in Anlehnung an Seitz (2000), S. 47

Abb.3 Eigenedarstellung in Anlehnung an Seitz (2000), S. 150

1 Einleitung

Seit der Nachkriegszeit ist die Weltwirtschaft in einem kontinuierlichen Prozess immer enger zusammen gewachsen. Diese Internationalisierung der nationalen Märkte stellt vor allem für die jeweiligen Wirtschaftsnationen eine große Herausforderung dar. Nicht nur der Güter- und Dienstleistungsaustausch, auch der Kapitalverkehr hat sich, in Folge der Globalisierung drastisch erhöht. Die Gründe hierfür sind im wesentlichen der rasche Fortschritt der Informations- und Telekommunikationstechnologien, aber auch historische Ereignisse, wie der Zusammenfall fixer Wechselkurse des Bretton Woods Systems, den Fall des Eisernen Vorhangs sowie die Bildung von Staatsbündnissen zur Schaffung eines größeren Wirtschaftsraumes. Es ist zudem auch bekannt und durch zahlreiche Ökonomen erwiesen, dass ein internationaler Freihandel für alle beteiligten Nationen nachhaltig zu Wohlfahrtssteigerungen führt. Dennoch versuchen viele Politiker durch industriepolitische Interventionen die sich am Markt anzeigenden strukturellen Veränderungen und Arbeitsteilungen zu beeinflussen. Die Diskussion um Sinn oder Unsinn von industriepolitischen Eingriffen des Staates sind nicht wirklich neu. Diese kommen vor allem dann in Fahrt, wenn sich ein Strukturwandel vollzieht bzw. anbahnt. In den Letzten Jahren hat sich allerdings die industriepolitische Zielsetzung von staatlichen Eingriffen verändert. In früheren Zeiten ging es mehr darum, wie man den strukturellen Wandel abbremsen kann, um so soziale Härtefälle in der Gesellschaft abzufangen ( helping the losers ). Mittlerweile wird mehr darüber diskutiert, wie man mit staatlichen Maßnahmen der Zielsetzung zur Erhöhung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit nachgehen kann. Dabei liegt der Fokus auf die strategisch bedeutenden Branchen und Sektoren, die staatlich gefördert werden ( picking the winners ). Die industriepolitischen Diskussionen haben in den letzten Jahren nicht nur wegen dem steigenden internationalen Wettbewerbsdruck zugenommen. Seit dem Vertrag von Maastricht ist die Frage in Europa nicht danach zu stellen, ob eine Industriepolitik gebraucht wird, sondern eher danach wie diese gestaltet werden sollte. Dennoch ist zu beobachten, dass solche Diskussionen in einer marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung, grundsätzlich der Legitimation bedürfen. Wenn der Marktmechanismus also seiner Allokationsfunktion nicht zufriedenstellend nachkommt, und eine industriepolitischer Implikation zu einem besseren Ergebnis führt.

Deutschland und Frankreich sind bekanntlich die zwei stärksten Wirtschaftsnationen in der Europäischen Union. Diese zwei Länder verbindet eine enge Partnerschaft, sowohl im wirtschaftlichen als auch zivilgesellschaftlichen Aspekten. Dennoch gibt es Schwierigkeiten zwischen diesen beiden, dies liegt nicht zuletzt daran, dass die unterschiedliche Traditionen weisen. Die große Meinungsverschiedenheit dürfte der Frage nachgeben, welche Rolle der Staat in der Wirtschaft spielt. Während in Deutschland klar die freie Marktwirtschaft praktiziert wird und somit sich nur darauf beschränkt, nötige Rahmenbedingungen für die Funktionsfähigkeit des Marktes zu gewährleisten, schlägt man in Frankreich einen ganz anderen Weg ein. Frankreich bekennt sich dazu, dass dort eine umfassende, strukturlenkende Industriepolitik betrieben wird. Dieses Bekenntnis stößt auf eine Langeindustriepolitische Tradition zurück, die mit den zentralen Begriffen „Colbertismus“ und „Etatismus“ zusammenhängen. Die vorliegende Arbeit hat sich nun das Ziel gesetzt, die industriepolitische Konzeption Frankreichs darzulegen und kritisch zu beurteilen. Um am Ende zu einem befriedigenden Ergebnis zu kommen wird im zweiten Kapitel zu nächsten auf den Begriff der Industriepolitik eingegangen und eine Unterscheidung bezüglich der Zielorientierung und nach der Eingriffsart der industriepolitischen Maßnahmen getroffen. Daraufhin werden die Konzepte zur Begründung einer staatlichen Industriepolitik vorgestellt und analysiert, in wie fern diese Legitimation für staatliche Eingriffe liefern. Im dritten Kapitel wird die industriepolitische Konzeption Frankreichs vorgestellt. Es wird gezeigt, dass in Frankreich bereits über Jahrhunderte lang Industriepolitik betrieben wird und in Folge dessen, sich ein eigener Wirtschaftsstil sich entwickelt hat. Das umfassende staatliche Engagement wird anhand der französischen „Planification“ dargestellt und am Ende eine Analyse ausgewählter Sektoren vollzogen. Das vierte Kapitel ist schließlich der Würdigung der französischen Konzeption, sowie der Beurteilung der theoretischen Begründungsansätze gewidmet.

2 Theoretische Grundlagen

2.1 Der Begriff Industriepolitik

In diesem Abschnitt soll zunächst näher auf den Begriff der Industriepolitik eingegangen werden. Dieser ist nicht nur in der Literatur uneinheitlich definiert, sondern auch in der politischen Praxis bestehen kontroverse Meinungen, was unter „Industriepolitik“ zu verstehen ist. Im Folgenden werden drei ausgesuchte Definitionen vorgestellt:

„Anders als im populären Sprachgebrauch, in dem Industriepolitik Maßnahmen zugunsten des Industriesektors bezeichnet, versteht die Wirtschaftswissenschaften unter Industriepolitik die Summe aller wirtschaftspolitischen Maßnahmen, die darauf gerichtet sind, die Allokation von Ressourcen zwischen Sektoren oder Branchen innerhalb oder außerhalb des Produzierenden Gewerbes gezielt zu beeinflussen.“[1]

Weitere Definitionen :

„Der Begriff Industriepolitik kann die ganze Bandbreite von liberal bis interventionistisch abdecken….Für mich ist Industriepolitik eine Politik, die die notwendigen Voraussetzungen schafft für das Bestehen und die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie.“[2]

„Industriepolitik ist ein hochkontroverses Thema. Es fängt damit an, dass Unklarheiten darüber bestehen, was genau Industriepolitik ist. Fasst man den Begriff sehr weit, so hat nahezu jede Politik irgendeinen Einfluss auf die Industrie und somit industriepolitische Auswirkungen….Es macht analytisch wenig Sinn, den Begriff Industriepolitik so weit zu fassen. Hier werden unter Industriepolitik all jede Maßnahmen verstanden, mit denen gezielt industrielle Strukturen beeinflusst werden sollen.“[3]

Die oben ausgewählten Definitionen belegen, die breite Streuung der Interpretationen von Industriepolitik im Hinblick auf drei Aspekte, die auch in der Praxis oft zu Missverständnissen führen können. Die angesprochen Aspekte betreffen die Sektorenzuordnung, Eingriffsintensität und die einzelnen Politikbereiche.[4] Bei der Sektorenzuordnung reicht die Gleichsetzung von Industriepolitik oft schon mit der Strukturpolitik, wobei nicht nur der sekundäre, sondern auch der primäre und tertiäre Sektor hinzugezählt werden. Bezüglich der Eingriffsintensität wird unter Industriepolitik im engeren Sinne auch oft die Annahme getroffen, dass der Staat sich aktiv und selektiv in das Wirtschaftsgeschehen einmischt. Im Gegenzug hierzu kann der Begriff Industriepolitik die ganze Bandbreite von liberal bis interventionistisch abdecken. Industriepolitik beinhaltet somit nicht nur aktive Eingriffe die vom Staat ausgehen sondern auch zurückhaltende Ansätze. Hinsichtlich die der Industriepolitik zurechenbaren Einzelpolitikbereiche lässt sich der Begriff auch sehr weit fassen, welches zur Folge hätte, dass unter Industriepolitik all jede Politikbereiche verstanden werden die in irgendeiner Weise auf den sekundären Sektor einwirken. Eine solch weite Ausprägung wäre wenig hilfreich, da nahezu fast jede Politik einen mehr oder weniger starken Einfluss auf die Industrie hat. Daher sollten nach Meyer-Stamer nur jene Politikbereiche, mit denen gezielt auf den sekundären Sektor eingewirkt werden soll, berücksichtigt werden.[5]

Damit wir den Begriff der Industriepolitik besser verstehen, ist es an dieser Stelle angebracht näher auf den theoretischen Hintergrund einzugehen, um so, die Motive die überhaupt erst zu einer Industriepolitik verleiten könnten zu durchleuchten.

2.2 Arten der Industriepolitik

Im Folgenden wird näher auf die verschiedenen Arten der Industriepolitik eingegangen und eine pragmatische Unterscheidung bezüglich ihrer Ausprägungen vorgestellt. Diese Unterscheidung ist nicht immer frei von Überschneidungen, dennoch ermöglicht sie uns eine Gruppierung im Hinblick auf die Zielorientierung, sowie der Eingriffsart industriepolitischer Maßnahmen zu treffen.[6]

2.2.1 Unterscheidung nach der Zielorientierung

Hinsichtlich der ersten Klassifizierung können industriepolitische Eingriffe insbesondere durch die Art der Einflussnahme auf industrielle Strukturen differenziert werden. Dabei beschreiben Adjektive wie defensiv, anpassungsbeschleunigend oder aktiv die Ausprägungen der Industriepolitik. Bei der defensiven Industriepolitik handelt es sich auch um eine Art Sozialpolitik.[7] Hierbei wird versucht einen sich vorauszeigenden bzw. bereits herrschenden Strukturwandel durch industriepolitische Maßnahmen zu verzögern, um so einen „kontrollierten“ Arbeitsplatzabbau vollziehen zu können und soziale Härtefälle in der Gesellschaft abzufangen (helping the losers). Bei der anpassungsbeschleunigenden Industriepolitik wird hingegen ein sich anzeigender Strukturwandel gefördert. Bei der aktiven Industriepolitik wird nicht nur auf aktuelle Anpassungsschwierigkeiten der Industrie reagiert, sondern versucht kommende Strukturprobleme vorzubeugen. Eine solche Politik kann nicht nur auf negative Marktentwicklungen vorbeugend sein. Vielmehr liegt das Hauptaugenmerk auf positive Entwicklungsmöglichkeiten, wie die Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit heimischer Unternehmen. Gerade durch den im Zuge der Globalisierung gestiegenen Wettbewerbsdruck, versuchen Regierungen mit Hilfe gestaltender Industriepolitik, die selektiv in Wettbewerbsprozesse eingreift, solche Branchen zu fördern wo attraktive Wachstumspotenziale zu ersehen sind.[8] Mit der Förderung sogenannter Schlüsseltechnologien, erhofft man sich einen Transfer positiver Effekte auf andere Branchen. Die zweite Klassifizierung beinhaltet die Unterstützung und Herstellung eines funktionierenden Wettbewerbs.[9] Eben auf diesen Wettbewerb basiert die nationale Wirtschaftsordnung der Marktwirtschaft, die in den Industrieländern vorzutreffen ist. Damit eine Marktwirtschaft wie in den Industriestaaten wie Beispielsweise Deutschland überhaupt funktioniert, ist ein gewisser ordnungspolitischer Handlungsbedarf erforderlich. Dies zeichnet sich dadurch aus, dass der Staat eine entsprechende Infrastruktur zur Verfügung stellen sollte, indem Beispielsweise Straßen- und Schienennetzte gebaut werden. Um dies finanziell zu ermöglichen ist auch eine Fiskalpolitik notwendig. Darüber hinaus stellt der Staat auch rechtliche Ordnungen und Instanzen ein um einen weitgehend funktionsfähigen Wettbewerb zu garantieren. Dieses staatliche Engagement sollte allerdings, ganz nach dem Vergleich von Adam Smith mit der „unsichtbaren Hand“ als Minimallösung gelten. Daher wird auch von einer marktkonformen Industriepolitik gesprochen.[10] Die Abgrenzung zur aktiven Industriepolitik ist aber auch an dieser Stelle eher von gleitendem Charakter geprägt. Die dritte Klassifizierung beinhaltet schließlich die Unterscheidung nach außenhandelspolitischen Zielen, welche nochmals in aggressive und defensive Industriepolitik eingeteilt werden. In diesem Kontext betreibt ein Staat aggressive Industriepolitik, wenn versucht wird auf Kosten anderer Staaten sich ein Vorteil zu verschaffen.[11] Die Begründungen für solches Handeln basieren auf der neuen strategischen Handelstheorie, auf die in Kapitel 2.3.2 noch näher eingegangen wird. Demgegenüber betreibt ein Staat folglich defensive Industriepolitik als Reaktion bzw. als Vergeltungsmaßnahme auf die aggressive Industriepolitik eines anderen Staates. Die folgende Abbildung stellt die genannte Unterscheidung der Arten der Industriepolitik nach Zielen nochmals graphisch vor Augen.

[...]


[1] Vgl. Stolpe (1993), S. 361.

[2] Vgl. Wartenberg (1994), S. 6.

[3] Vgl. Meyer-Stamer (1995), S. 2.

[4] Vgl. Hierzu und im Folgenden Seitz (2000), S. 32.

[5] Vgl. Meyer-Stamer (1995), S.13.

[6] Vgl. Seitz (2000), S. 39.

[7] Vgl. Berg/Schmidt (1994), S. 5.

[8] Vgl. ebenda, S. 4.

[9] Vgl. Seitz (2000), S. 42.

[10] Vgl. ebenda, S. 42.

[11] Vgl. ebenda, S. 43.

Details

Seiten
33
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656623175
ISBN (Buch)
9783656623168
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v270724
Note
Schlagworte
Industriepolitik Branchenpolitik Wirtschaftspolitik

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Titel: Der Fall Frankreich. Erfahrungen der französischen Industriepolitik