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Bildungsexpansion. Internationaler Vergleich, Folgen, theoretische Erklärungen

Hausarbeit 2009 13 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

1. Bezugsrahmen

1.1 Entwicklungen auf dem Gebiet der Bildung

In der vorindustriellen Gesellschaft, die in Deutschland bis weit ins 18. Jahrhundert dauerte, fand Bildung zum Großteil in Familie oder Arbeitsstätte statt. Es war die große Mehrheit, die zu dieser Zeit nicht fähig war zu rechnen, zu lesen oder zu schreiben. Die wenigen Bildungseinrichtungen, die es in Europa gab, wie zum Beispiel Klosterschulen oder Universitäten, sind nur kleinen Teilen der Bevölkerung zugänglich.[1] „Die gesamte Gesellschaft zwischen dem Beginn des Feudalismus und der Industrialisierung [wird] als Ständegesellschaft [...] bezeichne[t]“[2] Die ständische Herkunft eines jeden bestimmte den zukünftigen Lebensweg: Beruf, Bildung und politische Mitwirkungsmöglichkeiten.

In der modernen Industriegesellschaft gibt es eine Grundbildung für alle Mitglieder der Gesellschaft. Die Schulpflicht wird eingeführt und die „Volksschule“ entsteht, so dass fast alle Personen rechnen, lesen und schreiben lernen.[3] Bildungsprozesse beginnen sich auszudehnen. Der Aufenthalt an Schulen wird immer länger und es entstehen weiterführende Bildungseinrichtungen, die auch unteren Schichten und Frauen zugänglich sein sollen. Den neuen Bildungseinrichtungen werden nun folgende neue Funktionen zugeteilt: Sozialisationsfunktion, Funktion der Leistungsmessung, Selektionsfunktion und die Platzierungsfunktion.

„ Das modernisierungstheoretische Modell der Sozialstrukturentwicklung geht davon aus, dass Bildungseinrichtungen in Industriegesellschaften in immer höherem Maße „Chancengleichheit“ verwirklichen.“[4] Hierbei gibt es drei unterschiedliche Bedeutungen:

Zum einen die Leistungsgerechtigkeit, was bedeutet, dass gleiche Chancen bestehen, für erbrachte Leistungen, leistungsentsprechende Bewertungen zu erhalten, unabhängig von leistungsfremden Faktoren wie Herkunft oder Geschlecht. Zum anderen gleiche Chancen der Leistungsentwicklung, was sicherstellt, dass keine gesellschaftliche Gruppierung durch soziale Mechanismen in ihrer Leistungsentwicklung gehindert ist. Und zuletzt die proportionale Chancengleichheit, welche vorschreibt, dass auf allen Bildungsstufen alle gesellschaftlichen Gruppierungen in dem Maße, wie in der Bevölkerung vertreten sind. Dies ist aber kaum realisierbar, denn die ungleiche Leistungsbereitschaft und Begabung der Eltern hat einen hohen Einfluss auf deren Kinder.[5]

„In postindustriellen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaften wächst das Bildungssystem immer mehr an.“[6] Da es sehr teuer ist, können sich nur reiche Gesellschaften so große Bildungssysteme leisten. Es findet eine Differenzierung des Bildungssystems statt. Eine Vielzahl von spezialisierten Bildungseinrichtungen mit immer unterschiedlicheren Abschlüssen entsteht. Der Schulbesuch wird immer länger, was zur Folge hat, dass die Abschlüsse immer höherwertiger werden, weil Menschen immer mehr Bildung benötigen. Bildungseinrichtungen wird eine neue zusätzliche Funktion zugeschrieben, nämlich die Funktion der Wissensselektion. Zu lehren wie Wissen erworben, geordnet, bewertet und verarbeitet wird, wird in dieser Gesellschaft immer wichtiger.[7]

1.2 theoretische Erklärungen

Die folgenden Theorien versuchen zu erklären, warum es zur Ausweitung der Bildung und zur Angleichung der Bildungschancen gekommen ist.

Zunächst werde ich auf die Makrotheorien (Bildungsexpansion und Chancengleichheit sind in weitreichende Prozesse des sozialen und politischen Wandels eingebettet), danach auf die Mikrotheorien (gehen vom Verhalten Einzelner aus) eingehen.

1.2.1 Makrotheorien

Integrationstheorien der Modernisierung

Diese behaupten, dass „die Bildungsexpansion und gleichere Bildungschancen zum Funktionieren und zur Weiterentwicklung moderner Gesellschaften notwendig sind“.[8] Der Einfluss von Familie, Geschlecht und Herkunft werde immer unwichtiger und die Bildung bisher benachteiligter Gruppen, wie Migranten, Frauen und Personen aus der Unterschicht, „wird im Zuge der Bildungsexpansion überproportional ausgeweitet […], weil man deren Leistungspotentiale ausschöpfen muss.“[9] Mit dem steigenden Wohlstand und besser werdenden Lebensbedingungen, würden die gleichen Bildungschancen und der erfolgreiche Schulbesuch von weiterführenden Schulen durch immer mehr Menschen möglich. „Auch umgekehrt hätte die Bildungsexpansion und gleichere Bildungschancen zur Folge, dass sich die Lebensbedingungen und -chancen der Menschen angleichen.“[10]

Konflikttheorien der Modernisierung

Diese besagen, entgegengesetzt zu den Integrationstheorien, dass die Bildungsexpansion durch die Bemühungen von privilegierten Schichten die eigene Macht zu erhalten und die dadurch entstehenden Voreile an ihre Nachkommen weiterzugeben, entstanden ist. Auch konzentriere sich die Bildungsexpansion nur in diesen oberen Bevölkerungsschichten, da mehr Bildung von bisher bildungsfernen Schichten, die besondere Stellung der Privilegierten gefährden könne.[11] Der Statuskampf rufe diese Folgen hervor: „längere Ausbildungszeiten, eine Vermehrung höherer Bildungsabschlüsse und immer höhere Anforderungen im Hinblick auf höchste und zusätzliche Zertifikate, die in der Regel nur gut Gestellte erreichen.“[12] Während Integrationstheorien meinen, der Einfluss von Herkunft, Familie und Geschlecht werde immer unwichtiger, stellen Konflikttheorien eine genau entgegen gesetzte These auf: „Ungleiche Lebensbedingungen der Eltern haben […] ungleiche Bildungschancen der Kinder zur Folge“[13]

1.2.2 Mikrotheorien

Als erstes werde ich die Ökonomischen Theorien, welche vor allem den Ursachen der Bildungsexpansion nach gehen erklären. Danach gehe ich auf einige Mikrotheorien ein, die speziell der Erklärung ungleicher Bildungschancen dienen.

Ökonomische Konsumtheorie

Nach dieser Theorie ist mit Bildung in irgendeiner Form Genuss verbunden. Einkommen werden hauptsächlich zur Deckung primärer Bedürfnisse verwendet, aber mit steigendem Einkommen nähme die Nachfrage nach Bildung zu, um dadurch Genuss zu erlangen.[14] Die Wahrnehmung von Bildungschancen gilt hier also als eine „Form des gesellschaftlichen Luxus“

Ökonomische Investitionstheorie

Nach dieser Theorie ist Bildung eine Investition, die getätigt wird, „um Erträge in Form höherer Löhne, Aufstiegschancen und Arbeitsplatzsicherheit zu erlangen,“[15] oder aber um mehr Arbeitsproduktivität anbieten zu können. Solange sich Bildung noch lohnt, werde die Nachfrage nach Bildung zunehmen. Umgekehrt wird die Bildungsexpansion zurückgehen, wenn die Löhne für Höherqualifizierte stagnieren und weiter zurückgehen.

Ökonomische Siebungs- und Signaltheorie

Danach dient die Institution Schule nur der „Auslese und Einstufung“[16] und Zeugnisse dienen dem Arbeitgeber als Prognose für die Zukunft. Sie versuchen daraus abzuleiten wie gut der Schüler bzw. die jeweilige Person sich in den Betrieb einfügen kann. Im Gegensatz zur Investitionstheorie gehen bei der Siebungs- und Signaltheorie bei einem Überangebot an Bildung und dadurch sinkenden Löhnen die Investitionen in Bildung nicht zurück.[17]

Ressourcentheorie

Dieser Theorie zufolge benötigt jede Person zur Bildung und Weiterbildung „kulturelle Ressourcen“. Dazu gehören zum Beispiel die Folgenden: „Eine positive Leistungsmotivation, ein flexibler, distanzierter, autonomer und aktiver Umgang mit Normen und Rollen, ein hohes Maß an Sprachfertigkeiten, Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten, sowie Zukunfts- und nicht Gegenwartsorientierung.“[18]

Kinder, deren Eltern einen einkommensstarken und qualifizierten Beruf ausüben erlernen diese Fähigkeiten quasi automatisch durch ihre Eltern, die diese täglich benötigen. So haben die Kinder automatisch Vorteile den Kindern gegenüber, die aus bildungsfernen Elternhäusern stammen.

Humankapitalansatz

Der Humankapitalansatz erklärt, warum bestimmte Bevölkerungsgruppen mehr oder eben viel weniger in die Bildung investieren wie folgt: „Wer weniger investieren muss (z.B. auf Grund besserer schulischer Fähigkeiten) und wer einen wahrscheinlicheren Schulerfolg vor Augen hat, investiert mehr.“[19] Geringverdienende Familien sehen ein größeres Risiko in Bildung zu investieren, als Besserverdienende, weil sie durch Bildung Lohnausfälle befürchten und auch weil sie einen Erfolg in der Schule skeptisch einschätzen.[20] Unrealistischerweise geht diese Theorie, wie man sieht davon aus, dass Menschen in der Lage sind, einzuschätzen inwieweit sich Bildungsinvestitionen lohnen.

Die Theorie der primären und sekundären Effekte

Mit dieser Theorie werden die beiden zuletzt genannten Theorien verbunden. Die kulturellen Ressourcen der Eltern üben primäre Effekte aus. Diese wirken unbewusst. „Mit einer höheren Schichtzugehörigkeit nimmt […] [folglich] auch die Wahrscheinlichkeit guter schulischer Leistungen zu.“[21] Unterschiedliche Bildungsentscheidungen trifft man bewusst. Sie haben sekundäre Effekte. Im Unterschied zu der Humankapitaltheorie, nach der getroffene Bildungsentscheidungen die gleichen Effekte haben, besagt diese Theorie, dass die Erträge einer Bildungsinvestition umso größer sind, je höher die soziale Position einer Familie ist.[22]

[...]


[1] Vgl. Hradil, Stefan: „Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich“, S. 130

[2] Hradil, Stefan: „Soziale Ungleichheit in Deutschland“, S. 110

[3] Vgl. Hradil, Stefan: „Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich“, S. 130

[4] Hradil, Stefan: „Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich“, S. 131

[5] Vgl. Hradil, Stefan: „Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich“, S. 131 ff.

[6] Hradil, Stefan: „Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich“, S. 133

[7] Vgl. Hradil, Stefan: „Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich“, S. 133 f.

[8] Hradil, Stefan: „Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich“, S. 134

[9] Hradil, Stefan: „Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich“, S. 134 f.

[10] Hradil, Stefan: „Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich“, S. 135

[11] Vgl. Hradil, Stefan: „Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich“, S. 135

[12] Hradil, Stefan: „Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich“, S. 135

[13] Hradil, Stefan: „Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich“, S. 135

[14] Vgl. Hradil, Stefan: „Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich“, S. 137

[15] Hradil, Stefan: „Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich“, S. 137

[16] Hradil, Stefan: „Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich“, S. 137

[17] Vgl. Hradil, Stefan: „Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich“, S. 137

[18] Hradil, Stefan: „Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich“, S. 138

[19] Hradil, Stefan: „Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich“, S. 138

[20] Vgl. Hradil, Stefan: „Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich“, S. 139

[21] Hradil, Stefan: „Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich“, S. 139

[22] Vgl. Hradil, Stefan: „Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich“, S. 139

Details

Seiten
13
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656623090
ISBN (Buch)
9783656623083
Dateigröße
605 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v270716
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,7
Schlagworte
bildungsexpasion internationaler vergleich folgen erklärungen

Autor

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Titel: Bildungsexpansion. Internationaler Vergleich, Folgen, theoretische Erklärungen