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Das ABX-Modell von Westley/MacLean. Die Idealvorstellung der objektiven Vermittlung von Realität durch die Träger der ´Kanalrolle´.

Seminararbeit 1999 18 Seiten

Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Kurzbeschreibung des ABX-Modells von Westley/MacLean

2 Das Problem der Definition von objektiver Realität
2.1 Gedanken des Realismus
2.2 Gedanken des Konstruktivismus

3 Das Problem der objektiven Realitätsdarstellung im Journalismus
3.1 Verzerrung durch Selektion
3.2 Abhängigkeiten und Zwänge des Journalisten
3.2.1 von übergeordneten Systemen
3.2.2 von den Bedürfnissen der Rezipienten

4 Westley und MacLean vor dem Hintergrund der Objektivitätsdebatte

5 Anforderungen an einen objektiven Journalismus

6 Anhang

7 Literaturverzeichnis

1 Kurzbeschreibung des ABX Modells von Westley/MacLean

Der Schwachpunkt vieler ereignis-orientierter Modelle ist die Reduktion auf nur ein Strukturelement, das für den Kommunikator steht und somit keine Unterscheidung zwischen den verschiedenen Arten von Kommunikatoren zulässt. Mit dieser Frage einer genaueren Rollendifferenzierung setzten sich Westley und MacLean auseinander.1

Entscheidend hierfür ist die Einführung einer neuen Rolle, der “channel role” (Kanalrolle) neben der “advocacy role” (Anwaltsrolle).

Westley und MacLean unterscheiden die “advocacy role” (A-Rolle) von der “channel role” (C-Rolle) mit Hilfe des Kriteriums der Absicht oder des Zwecks, der jeweils mit der Aussage verbunden ist. Der Träger einer A-Rolle ist Kommunikaitonsinteressent und verfolgt als “Anwalt” eigener oder fremder Interessen die Absicht, den Träger einer B-Rolle (Handlungsrolle, Bürger, Rezipient) von seiner Sicht der Ereignisse oder der Realität allgemein, zu überzeugen. A ist also Meinungsgeber, er will B beeinflussen und kommuniziert somit intentional. Träger dieser Rolle sind zum Beispiel PR-Leute, Werbeleute oder Politiker.2

Der Träger einer C-Rolle verbindet dagegen mit seiner Aussage keine derartigen Absichten. Er ist “Agent” des Publikums und wirkt nur in dessen Interesse. Er wählt aus dem Angebot der Ereignisse oder der Aussagen von den A-Rollenträgern diejenigen aus, die den B-Rolltenträgern zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse, konkret zur Problemlösung und Orientierung, dienlich sind. Der A-Rollenträger wählt also die relevanten Aussagen aus, bearbeitet sie und gibt sie an die B-Rollenträger weiter. Dies geschieht unintentional. Träger dieser Rolle sind zum Beispiel Journalisten und Redakteure.2

Das Vorhandensein einer solchen C-Rolle ist vor allem da von Bedeutung, wo die Ereignisse der Realität außerhalb des Erfahrungsraumes des Rezipienten liegen, also für diesen nicht unmittelbar zugänglich sind. So erfährt ja der Leser einer Tageszeitung oder der Zuschauer der Fernsehnachrichten viele Geschehnisse über das jeweilige Medium, von denen er vorher nichts gewusst hat, und wahrscheinlich ohne den Bericht in den Medien auch nie davon erfahren hätte. Das Medium, also die C-Rolle, verschafft somit dem Rezipienten Zugang zu den Ereignissen und hilft ihm, sich in seiner sozialen Umwelt zurechtzufinden.

Vor allem die Feststellung, dass es Aussagen oder Nachrichten mit und ohne publizistischer Wirkungsabsicht gibt, zeichnet das Modell von Westley und MacLean aus. Diese Erkenntnis ist im Gegensatz zu früheren Modellen neu und lässt nun die Unterscheidung zwischen Publizisten- und Verlegerrollen und zwischen Bedeutungsvermittlung und bloßer Signal- und Informationsvermittlung zu.3 Des weiteren wird hier (deutlicher als in früheren Modellen) der Massenkommunikationsprozess nicht linear und einseitig-kausal dargestellt, sondern als ein System von Beziehungen und Rückkopplungen.4

Die Autoren selbst betonen aber auch, dass es sich um ein heuristisches Modell handelt, das nicht als Theorie aufgefasst werden darf, sondern lediglich die Vorstufe zur Konstruktion einer allgemeinen Theorie sein soll. Sie wollen Ordnung bringen in die - wie sie selbst sagen - “chaotische Situation” der Begriffe und theoretischen Ansätze und mit einem Minimum an Elementen und Rollen ein Modell vorstellen, das alle Arten der Kommunikation, vom Gespräch zwischen zwei Personen bis zum internationalen und interkulturellen Austausch, einschließt.5

Bei genauerer Auseinandersetzung mit dem Modell tritt jedoch die Frage auf, wie exakt die eben definierten Kriterien für die verschiedenen Rollen in der Realität verwirklicht und eingehalten werden können.

Im Hinblick auf das Strukturelement A liefern Westley und MacLean eine Erklärung, was bei einem Abweichen von den zugeordneten Kriterien passiert:

The absence of a communicator ’ s intent to influence B transforms his act into an X . When a person says something he hopes will reach another person ’ s ear, he is an A; but if he says it without such intent and it nevertheless is transmittid to B , his act must be conceived of as an X [...].6

Das heißt, das Fehlen einer Absicht des Aussageträgers wandelt den Aussageakt zu einem bloßen Ereignis, einem X, um. Nach Ansicht der Autoren ist ein Großteil des Nachrichtenmaterials in der Massenkommunikation “zufälligen Ursprungs” und wird in “vollständiger Abwesenheit” von Interessens-Anwälten vom C-Rollenträger an B transportiert.7

Was jedoch passiert, wenn C nicht völlig ohne Absicht, sondern intentional handelt, erläutern Westley und MacLean nicht genauer. Denn würde der Journalist, der eben doch im eigenen oder fremden Interesse einen Zweck verfolgt, zu einem A- Rollenträger werden, stellte sich die Frage, wer nun Inhaber der C-Rolle ist, ohne den ja die Nachricht (sofern sie für den Rezipienten nicht direkt erreichbar ist) ihre Leser- beziehungsweise Hörerschaft nicht erreichen kann. Dieser Kritikpunkt wirft zugleich die Frage auf, wie absichtslos Journalisten in Wirklichkeit berichten, wie exakt sie die Realität wiedergeben und wiedergeben können, ob es überhaupt eine objektive Realität gibt, die von den Medien vermittelt werden könnte, und welche Anforderungen an einen objektiven Journalismus gestellt werden können. Auf diese Problematik wird im Folgenden eingegangen.

2 Das Problem der Definition von objektiver Realität

Im Brennpunkt vieler Forschungsinteressen steht der Zusammenhang zwischen der Wirklichkeit, das heißt, den Ereignissen der Realität und den in den Medien dargestellten Sachverhalten. Es gilt dabei zu untersuchen, inwieweit die von den Medien vermittelte Realität mit der tatsächlichen, “faktischen” Realität übereinstimmt. Hier tritt jedoch das Problem in den Vordergrund, was eigentlich die wahre Realität ist, wie man sie erkennt und woran sich die Wirklichkeit messen lässt. Es stellt sich also die Frage, wie wirklich die Wirklichkeit überhaupt sein kann.

Zum Verständnis was objektive Realität ist, beziehungsweise ob es eine solche überhaupt gibt, treten vor allem zwei vollkommen gegensätzliche Theorien in den Vordergrund: Zum einen die Gedanken des Realismus und zum anderen die Ansätze des Konstruktivismus.

Auf diese Polarisierung, die sich besonders deutlich in der Medienforschung zeigt wird im Folgenden eingegangen.

2.1 Gedanken des Realismus

Nachrichten sind Mitteilungen ü ber Tatsachen, Sachverhalte oder Ausschnitte von Wirklichkeit. Es wird davon ausgegangen, daß die Tatsachen, Sachverhalte, die zusammen die Realität ausmachen, weitgehend unabhängig von irgendwelchen Beobachtern (z.B. Journalisten) existieren. Als solche können sie von Journalisten wahrgenommen und adäquat wiedergegeben bzw. abgebildet werden.8

So beschreibt Günter Bentele die sogenannte “naiv-realistische” Position der Medientheorie. Diese geht also davon aus, dass es eine objektiv wahrnehmbare Realität gibt, über die der Journalist berichten kann und so zwischen der Wirklichkeit und den Rezipienten vermittelt. Die Aufgabe der Medien ist hierbei lediglich, seinem Publikum Zugang zu den Ereignissen zu verschaffen, so wie es im Modell von Westley und MacLean die Träger der Kanalrolle umsetzen.

Voraussetzung dafür ist eine “aufrichtige” Berichterstattung, also die unverfälschte Wiedergabe der Realität. Günter Bentele beschreibt dies als die Norm der objektiven Berichterstattung, “[…] d.h. in den journalistischen Beschreibungen der Realität diese sozusagen abzubilden und sie so zu beschreiben, ,wie sie ist‘.”9 Weiterhin ist der nachrichtliche Journalismus an Überprüfbarkeit und Feststellbarkeit gebunden, was voraussetzt, dass weitere Quellen über den berichtenden Beobachter hinaus verfügbar sind (z.B. Augenzeugen oder informierte Dritte). 10 Die Berichterstattung muss also nachvollziehbar sein und auf seine Richtigkeit hin überprüft werden können.

Bei dieser realistischen Auffassung fehlt jedoch die Erkenntnis, dass die Darstellung sozialer Wi]rklichkeit nicht - jedenfalls nicht umfassend - in Bilder gefasst werden kann, da ja die Realität immer um ein vielfaches komplexer ist als es die Abbildung in den Medien sein kann.10

Ein entscheidendes Problem des realistischen Ansatzes ist auch, dass jeglicher subjektive Anteil journalistischer Berichterstattung vernachlässigt wird, beziehungsweise als nicht existent vorausgesetzt wird. Diese radikale und idealistische Vorstellung von der exakt wirklichkeitsgetreuen Weitergabe einer objektiven Realität lässt die psychologische Tatsache unberücksichtigt, dass jegliches Ereignis, sobald es von Menschen wahrgenommen und weitergegeben wird, eine subjektive Note erhält, allein durch die Tatsache, dass es durch Menschen vermittelt wird, die im Gegensatz zu Maschinen einen individuellen Charakter besitzen, und somit seine individuelle Sichtweise der Dinge unweigerlich (wenn auch unbewusst) in jegliche Handlung mit einfließt.11

In Wirklichkeit ist also jede Berichterstattung Interpretation und Konstruktion der erlebten Welt, auch wenn dies nicht unbedingt offensichtlich erkennbar sein muss. Diesen Gedanken schließen sich die Vertreter des Konstruktivismus an und führen sie fort.

2.2 Gedanken des Konstruktivismus

Daßdie Realität objektiv nicht beschreibbar, daßihre Beschreibung vielmehr eine Vorstellung des individuellen Bewußtseins und gerade deshalb vom Journalisten mit besonderer Sorgfalt vorzunehmen sei, gehört seit der Objektivitätsdebatte Ende der 70er Jahre zum Wissensbestand der Medien und Kommunikationsforschung.12

So schreibt Michael Haller und meint damit, dass nicht nur die Rezipienten aus dem Medienangebot eine eigene Welt konstruieren, sondern schon der Journalist mit der Beschreibung der Wirklichkeit eine Konstruktion liefert. Diese Vorstellung geht auf die Theorie des Konstruktivismus zurück, welche annimmt, “daß wir Menschen durch bestimmte Leistungen unseres Bewußtseins Wirklichkeitsvorstellungen konstruieren”.13

Dabei wird sinnvollerweise unterstellt, daßes außerhalb unserer kognitiven Wirklichkeit eine Realität gibt, die den Anlaßf ü r unsere Wirklichkeitskonstruktion bietet. Wie diese Realität , an sich ‘ ist, entzieht sich (jedoch, Anm. d. Verf.) unserer Erkenntnismöglichkeit, da wir nur die Wirklichkeit kennen, die wir wahrnehmen und in der wir handeln und kommunizierend leben.14

Der Konstruktivismus stellt also nicht mehr die zu erkennende Wirklichkeit in den Mittelpunkt, sondern den Erkenntnisprozess selbst. Der Begriff “Konstruktion” meint diejenigen Prozesse, in deren Verlauf sich Wirklichkeitsentwürfe herausbilden. Dies wiederum geschieht nicht willkürlich, sondern ist abhängig von vielfachen Bedingungen, denen das Individuum in seiner sozialen und natürlichen Umwelt unterworfen ist.15

Die Konstruktion von Wirklichkeit folgt dem Prinzip des “Symbolischen Interaktionismus”: Ein Objekt der Wirklichkeit erhält seine konkrete Bedeutung für den Beobachter erst durch dessen Sinnzuweisung, welche dieser mit Hilfe seiner durch Sozialisation erworbenen Erfahrungen vornimmt. Der Symbolische Interaktionismus beschreibt also, wie auch der Konstruktivismus, das Phänomen der Bedeutungszuweisung an sich bedeutungsfreier Gegenstände die der Beobachter so zu Objekten seiner individuellen Welt macht und sich so überhaupt erst seine eigene Welt konstruiert.

Medienangebote sind also niemals als Abbilder von Wirklichkeit zu begreifen, sondern als Angebot an Stimuli, die die Wirklichkeitskonstruktion in Gang setzten. Wirklichkeit wird folglich als das definiert, was wir - unter anderem über Mediengebrauch - als Wirklichkeit konstruieren.16

Hans Matthias Kepplinger äußert sich zu dieser Problematik wie folgt:

[...]


1 Vgl. Modell von Westley/MacLean im Anhang

2 Vgl. WAGNER, Hans: Reader zur Vorlesung: Einführung in die Kommunikationswissenschaft (Zeitungswissenschaft): Theorieansätze und Modellkonstruktionen für Kommunikation und Massenkommunikation. Wintersemester 1998/99. Ludwig-Maximilians-Universität München (unveröffentlichte Schrift) S. XXf. .

3 Vgl.WAGNER, Hans: Die Partner in der Massenkommunikation. Bd. I: Theorie und Wirklichkeit. (Habil. Schrift) München 1974. S. 197.

4 Vgl. BADURA, Bernhard/GLOY, Klaus (Hrsg.): Soziologie der Kommunikation. Stuttgart 1972. S. 15.

5 Vgl. WAGNER: Die Partner in der Massenkommunikation. S. 190.

6 WESTLEY, Bruce/MACLEAN, Malcolm: A conceptual model for mass communication research. In: Journalism Quaterly, 34. Jg. (1957), S. 36.

7 Vgl. WAGNER: Reader zur Vorlesung. S. XXI

8 BENTELE, Günter: Wie wirklich ist die Medienwirlichkeit? In: Bentele, Günter/ Rühl, Manfred (Hrsg.): Theorien öffentlicher Kommunikation. Problemfelder, Positionen, Perspektiven,. München 1993. S. 156.

9 BENTELE: Wie wirklich ist die Medienwirklichkeit? S. 157.

10 Vgl. BENTELE: Wie wirklich ist die Medienwirklichkeit? S. 157ff.

11 Vgl. HALLER, Michael: Journalistisches Handeln: Vermittlung oder Konstruktion von Wirklichkeit? In: Bentele, Günter/Rühl, Manfred (Hrsg.): Theorien öffentlicher Kommunikation. Problemfelder, Positionen, Perspektiven, München 1993, S. 141.

12 HALLER: Journalistisches Handeln. S. 151.

13 BURKART, Roland: Kommunikationswissenschaft. Grundlagen und Problemfelder. Umrisse einer interdisziplinären Sozialwissenschaft. Wien u.a. 21995. S. 290.

14 SCHMIDT, Siegfried zit. n. Burkart: Kommunikationswissenschaft. S. 290.

15 Vgl. BURKART: Kommunikationswissenschaft. S. 291.

16 Vgl. BURKART: Kommunikationswissenschaft. S. 293.

Details

Seiten
18
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638116343
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v2707
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Kommunikationswissensch
Note
1,0
Schlagworte
ABX-Modell Westley/MacLean Idealvorstellung Vermittlung Realität Träger Proseminar

Autor

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Titel: Das ABX-Modell von Westley/MacLean. Die Idealvorstellung der objektiven Vermittlung von Realität durch die Träger der ´Kanalrolle´.