Lade Inhalt...

Bedeutungswandel von Adjektiven. Eine Untersuchung zu generationsbedingten Unterschieden bei der Konnotation

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 52 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund

3. Methode

4. Die Adjektive
4.1 fett.
4.2 geil
4.3 gut
4.4 hübsch
4.5 in Ordnung
4.6 nett
4.7 niedlich
4.8 schick
4.9 schön

5. Auswertung
5.1 fett
5.2 geil
5.3 gut
5.4 h ü bsch
5.5 in Ordnung
5.6 nett
5.7 niedlich
5.8 schick
5.9 schön

6. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Anhang

Erklärung

1. Einleitung

In der zwischenmenschlichen Interaktion spielt die Sprache eine essenzielle Bedeutung. Nur wenn wir uns unserem Gegenüber verständlich machen können, ist eine erfolgreiche Kommunikation möglich. Trotzdem kommt es immer wieder zu Verständnisschwierigkeiten, weil beispielsweise ein Ausdruck eine andere Bedeutung bekommen hat. Besonders auffällig und häufig missverständlich ist dies in der Verständigung zwischen Vertretern unterschiedlicher Generationen.

Die vorliegende Arbeit knüpft an dieses Problem an und beschäftigt sich mit der Frage nach einem Bedeutungswandel von Adjektiven, die das Aussehen beschreiben, wie schön, hübsch, niedlich, gut, geil, fett, nett, schick und der adjektivisch gebrauchten Konstruktion in Ordnung zwischen zwei Generationen. Der Großteil der Untersuchungen zum semantischen Wandel beinhaltet Vergleichsstudien über mehrere Zeitpunkte hinweg, da man nur durch ein solches Studiendesign reale Veränderungen feststellen kann. Da dies allerdings im Rahmen der vorliegenden Studienarbeit nicht realisiert werden kann, soll sich hier auf eine Momentaufnahme der Konnotation der genannten Adjektive, unter der Heranziehung eines Vergleiches zwischen den Generationen, beschränkt werden.

Die übergeordnete Fragestellung der Arbeit ist somit folgende: Können generationsbedingte Unterschiede in der Bedeutungszuschreibung von beispielhaft festgelegten, evaluativen Adjektiven festgestellt werden?

Die zwei Testpersonengruppen, die dafür miteinander verglichen werden sollen, teilen sich zum einen in die Gruppe der unter 30 jährigen Probanden und Probandinnen1 und zum anderen in die Altersgruppe über 40 Jahre.

Der theoretische Hintergrund, auf dem die Studie aufbaut, basiert überwiegend auf den Abhandlungen von Rudi Keller und Ilja Kirschbaum zum „Bedeutungswandel“ und Gerd Fritz Werk über die „Historische Semantik“. Des Weiteren soll am Rande die Forschung zur Jugendsprache miteinbezogen werden, wobei dies nur zur Klärung der durch Jugendsprache geprägten Adjektive wie geil und fett dient und nicht den Schwerpunkt dieser Arbeit ausmacht.

2. Theoretischer Hintergrund:

Bevor man sich der Frage nach der Veränderung von Bedeutungen in der Sprache widmen kann, sollte geklärt werden, was unter der Bedeutung eines Wortes verstanden wird. Dazu machen Keller und Kirschbaum zwei wichtige Unterscheidungen: Sie differenzieren zwischen der „repräsentatorische[n] und d[er] „instrumentalistische[n] Option“ (Keller/Kirschbaum 2003, S. 4). Bei dem ersteren handelt es sich um die reine Frage, was ein Wort im Bereich der Langue darstellt. Im zweiten Fall wird genauer definiert, was der Sprecher in der Parole mit dem Gebrauch des Wortes ausdrücken will (Keller/Kirschbaum 2003, S. 4). Keller und Kirschbaum fassen die Unterscheidung der beiden Bereiche in „den Ausdruck Bedeutung für die Langue-Bedeutung und den Ausdruck Sinn für die Parole-Bedeutung“ (Keller/Kirschbaum 2003, S. 101) zusammen.2

Wenn man davon ausgeht, dass die „Bedeutung eines Wortes […] die Regel seines Gebrauchs in der Sprache“ (Keller/Kirschbaum 2003, S. 7) ist, dann müsste eine Veränderung des Gebrauchs ausreichen, um die Bedeutung eines Ausdruckes zu verändern. Keller und Kirschbaum schreiben dazu weiter:

„Bedeutungswandel ist ein unbeabsichtigter Nebeneffekt unseres alltäglichen Kommunizierens. Menschen sind bestrebt, ihre alltäglichen kommunikativen Ziele möglichst optimal zu verwirklichen. Wenn es dabei aufgrund ähnlicher Strategien zu gleich gerichteten Wahlen der sprachlichen Mittel kommt, entsteht als Kumulationseffekt mit der Zeit Bedeutungswandel.“ (Keller/Kirschbaum 2003, S. 13)

Demnach reicht nicht ein einziger innovativer Gebrauch aus, um Sprachwandel zu implizieren, sondern es benötigt eine gesellschaftlich integrierte veränderte Verwendungsweise eines Ausdruckes, um ihn nachhaltig zu wandeln (Vgl. dazu Fritz 2006, S. 38). Der Forschungskonsens vertritt die Ansicht, dass „Sprachwandel […] [zwar] das Ergebnis menschlichen Handelns, aber nicht seiner menschlichen Absichten“ (Nübling 2010, S. 126; Vgl. auch Keller/Kirschbaum 2000, S. 45) ist. Somit stellt sich die Frage nach den Gründen für die Entwicklung von semantischem Wandel. Fritz (2006, S. 39) führt als einen der Anlässe den „kommunikative[n] Nutzen“ an und Nübling (2010, S. 127) spricht in diesem Zusammenhang von dem Bestreben der Sprecher, möglichst effizient und energiesparend zu kommunizieren. Die Sprecher sind demzufolge daran interessiert, Missverständnisse zu vermeiden (vgl. Keller/Kirschbaum 2003, S. 120). Ein weiterer Grund für eine Neuerung im Sprachgebrauch könnte

zusätzlich auch das Bestreben der Menschen sein, Anerkennung innerhalb ihrer Gruppe zu erhalten, indem sie beispielsweise besonders „innovativ“ (Nübling 2010, S. 118) sprechen und eine neue bis dato unbekannte Wortwahl verwenden. Ferner können auch einfache Schwierigkeiten, das richtige Wort zu finden und/ oder starke emotionale Betroffenheit Auslöser für Veränderungen im normativen Sprachgebrauch sein (Vgl. Nübling 2010, S. 118).

Die Verfahren eines solchen semantischen Bedeutungswandels werden in der Sprachwissenschaft oft in leicht abweichender Form eingeteilt, wobei das grobe Gerüst immer gleich bleibt. Für diese Arbeit orientiere ich mich daher an Fritz` (2006, S. 42) Einteilung in „Metapher, Metonymie, Euphemismus [und] Ironie“. Da es sich bei der folgenden Untersuchung um eine Betrachtung von einzelnen Ausdrücken handelt, werden weitere Verfahrensweisen wie beispielsweise die Ellipse außer Acht gelassen. Bei der ersten Methode, der Metapher, handelt es sich um einen Vorgang der Bedeutungsübertragung. Indem ein Ausdruck von einem „Gegenstandsbereich“ (Fritz 2005, S. 81) in einen anderen integriert wird, findet eine Erweiterung bzw. Veränderung des „Spektrum[s] der Verwendungsweisen“ (Fritz 2006, S. 43) statt.

Im Falle einer „metonymischen Verwendung“ (Fritz 2006, S. 45) durchläuft ein Begriff eine „Sinnverschiebung im gleichen Bereich“ (Keller/Kirschbaum 2003, S. 58). Der Ausdruck bleibt demnach innerhalb seines thematischen Bedeutungszusammenhanges. Ein Beispiel wäre der Satz: „Das Stadion jubelt“ (Fritz 2005, S. 97), man versteht, dass nicht das Gebäude selbst, sondern die Fans, die sich im Stadion befinden, jubeln. Zu einem weiteren Verfahren des Bedeutungswandels, dem Euphemismus, äußert Fritz:

„Als euphemistisch bezeichnet man eine Verwendung von Ausdrücken, die unangenehme, unschickliche oder gesichtsbedrohende Äußerungen dadurch entschärfen soll, daß ein Ausdruck verwendet wird, der normalerweise für unverfänglichere Äußerungen verwendet wird.“ (Fritz 2006, S. 46)

Im Kontrast dazu steht die Strategie der Ironie, bei welcher gesellschaftliches Wissen genutzt wird, um beispielsweise „Distanzierung zu signalisieren“ (Fritz 2006, S. 47). Damit in Zusammenhang steht unter anderem auch die „Hyperbolische Rede [, welche] […] als ein Charakteristikum der sog. Jugendsprache der letzten 40 Jahre“ (Fritz 2006, S. 47) gilt. Zu den Attributen der Jugendsprache äußern sich Schlobinski, Kohl und Ludewigt (1993, S. 211) folgendermaßen:

Der spielerische Umgang mit der Sprache hat weniger die Funktion, sich von anderen jugendlichen Gruppen oder Erwachsenen abzugrenzen, sondern ist vielmehr ein Experimentieren mit Themen, mit sprachlichen Regeln und Konventionen“.

Davon ausgehend soll bei der vorliegenden Studie untersucht werden, ob die durch die Jugendsprache adaptierten Adjektive (fett und geil) in ihrer Konnotation einen Kontrast zwischen den zwei Generationen aufzeigen können.

Die beschriebenen Verfahrensweisen des semantischen Wandels können sehr unterschiedliche Effekte mit sich bringen. Nübling (2010, S.110) fast diese Auswirkungen als „Typen semantischen Wandels“ zusammen und unterscheidet dabei zwischen „Bedeutungserweiterung, Bedeutungsverengung, Bedeutungsverschiebung, Bedeutungsübertragung, Bedeutungsverschlechterung (Pejorisierung) und Bedeutungsverbesserung (Meliorisierung)“ (Nübling 2010, S. 110-117).

Im Folgenden soll nun erläutert werden, wie vorgegangen worden ist, um Veränderungen bzw. Unterschiede im Sinn von ausgewählten Adjektiven festzustellen.

3. Methode

Die Untersuchung des Bedeutungswandels bei Adjektiven, die das Aussehen umschreiben, bezieht sich auf den außersprachlichen Steuerungsfaktor der Generation. In diesem Zusammenhang sollen eventuelle Unterschiede zwischen zwei Generationen deutlich gemacht werden. Es geht in diesem Rahmen demnach nicht um eine kontinuierliche Prüfung über eine gewisse Zeit hinweg, sondern es soll eine Momentaufnahme der Gebrauchsweise und Wahrnehmung der verschiedenen Adjektive vorgenommen werden. Die Studie zielt auf die „Mikroperspektive“ (Fritz 2005, S. 35) oder auch „semasiologische Perspektive“ (Nübling 2010, S. 109) ab. Um dies zu überprüfen, wurde die Methode eines Fragebogens durchgeführt. Dieses Verfahren wurde gewählt, da es bei einer Befragung mittels Fragebogen auch möglich ist, mehrere Probanden gleichzeitig zu befragen und diese per Post zu verschicken, ohne dass die Testerin anwesend ist. Somit ist kann die benötigte große der Stichprobe erreicht werden. Die neun untersuchten Adjektive wurden in Rahmen einer Art Vorstudie ausgewählt, bei der im Bus, im Café und in der Mensa eine Woche lang alle Ausdrücke über das Aussehen notiert wurden. Bei diesen Beobachtungen wurde darauf geachtet, dass es sich bei den untersuchten Personen nicht nur um Studenten und Testpersonen in einem ähnlichen Alter handelte, sondern eine Mischung der Altersgruppen vorlag. Es wurde keiner dieser Probanden auch später in der eigentlichen Studie befragt. Die dadurch erhaltenen Adjektive schick, sch ö n, gut, h ü bsch, in Ordnung und niedlich wurden im Anschluss noch durch die Ausdrücke nett, geil und fett ergänzt, da diese Adjektive eine Polarisierung bei der Befragung Generationen versprachen.

Die beiden Generationen für die Untersuchung wurden folgendermaßen festgelegt: Generation1 bewegt sich im Alter unter 30 Jahren, wobei die jüngsten Probanden dreizehn und vierzehn Jahre alt sind. Das mittlere Alter der Generation1 liegt somit bei 23,62 Jahren. Die andere untersuchte Generation2 beinhaltet alle ab einer Altersklasse von 40 Jahren. Der Mittelwert dieser Gruppe liegt bei einem Alter von 58,9 Jahren. Der Unterschied von zehn Jahren wurde bewusst gesetzt, um mögliche Unterschiede deutlicher herausstellen zu können. Es soll verhindert werden, dass es einen fließenden Übergang zwischen den beiden Probandengruppen gibt. Dadurch, dass sich die meisten Probanden der Gerneration1 Mitte der Zwanziger befinden und die Mehrheit der Versuchspersonen der Genrertion2 zwischen fünfzig und siebzig Jahren sind, ist es möglich von zwei Generationen zu sprechen. Da in der Studie nicht in nach geschlechterspezifischen Unterschieden in der Einschätzung von Adjektiven gefragt wird, wurde bewusst darauf geachtet, dass die Verteilung von Männern und Frauen bei beiden Generationen ungefähr ausgeglichen ist. Damit anhand der Untersuchungsergebnisse signifikante Aussagen getroffen werden können, wurden in jeder Probandengruppe mindestens 30 Versuchspersonen befragt. Die Verteilung der beiden Probandengruppen setzt sich demnach wie folgt zusammen:

Tabelle 1: Verhältnis von Probandenanzahl in den Generationsgruppen und Geschlecht

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Um feststellen zu können, ob ein Bedeutungswandel vorliegt, wurde eine Befragung mittels eines Fragebogens vorgenommen (vgl. Anhang S. i-iv). Es wurden in diesem Rahmen neun aussehensumschreibende Adjektive herangezogen (fett, geil, gut, hübsch, niedlich, nett, in Ordnung (als adjektivisch gebrauchte Konstruktion), schick und schön), die von den Probanden in verschiedenen Fragen bewertet und zugeordnet werden sollten.

Die erste Aufgabe bestand darin, die neun Adjektive in eine Skala von 1 bis 5 (positiv bis negativ) einzustufen. Als Beispiel die Bewertung der Konnotation von schön:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Fragebogen Aufgabe 1 (vgl. Anhang S. i)

Im Anschluss an die Einordnung sollten die Probanden ankreuzen, welche der Adjektive in ihrem alltäglichen Sprachgebrauch vorhanden sind (vgl. Anhang S. ii). Damit sollte unteranderem überprüft werden, inwieweit die von den Testpersonen als negativ eingestuften Ausdrücke dennoch Verwendung finden oder ob es eine Übereinstimmung in Ablehnung und Nicht-Gebrauch gibt. In Aufgabe 11 und 12 wurden die Testpersonen aufgefordert, dass am häufigsten verwendete Adjektiv anzugeben (vgl. Anhang S. iii). Damit sollte das Ergebnis durch die Skaleneinordnung deutlicher gemacht werden. Bis zu einschließlich Aufgabe 12 bezieht sich der Fragebogen nur jeweils auf das separierte Adjektiv und steht in keinem vorgegebenen Kontext. Erst in Aufgabe 13 mussten die Probanden die Ausdrücke im Zusammenhang eines vorgegebenen Satzes als positiv bzw. negativ bewerten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Fragebogen Aufgabe 13 (vgl. Anhang S. iii)

Im Zusammenhang mit Aufgabe 14, in welcher die Probanden die Aussage der zuvor als negativ bewerteten Sätze in eigenen Worten formulierten, sollte ein genaueres Bild über die Konnotation der Adjektive gezeichnet werden (vgl. Anhang S. iv). Anschließend wurden in Aufgabe 15 demografische Daten, wie Alter und Geschlecht abgefragt, um die Fragebögen einer Generation zuordnen zu können und eine möglichst gleichmäßige Verteilung der Geschlechter zu überprüfen. Die durch die ausgefüllten Fragebögen erhaltenen Daten, wurden dann in das Programm SPSS eingelesen und mithilfe dessen ausgewertet. Dabei wurde überwiegend auf die Berechnung der Häufigkeiten mittels deskriptiver Statistiken zurückgegriffen.

4. Die Adjektive:

Durch ihren Eigenschaften zuschreibenden und bewertenden Charakter sind „Adjektive, was ihren Bedeutungswandel betrifft, besonders lebhaft“ (Keller/Kirschbaum 2003, S.

V). Wenn wir etwas bewerten, müssen wir sehr darauf achten, dass unser Gesprächspartner uns richtig versteht, denn anderen falls wäre die Bewertung sinnlos bzw. der Akt der Kommunikation gescheitert. Eine weitere wichtige Rolle bei der Verwendung von Adjektiven ist die „Höflichkeit [und] Rücksichtnahme“ (Keller/Kirschbaum 2003, S. V) im Rahmen der zwischenmenschlichen Interaktion. Nach Keller und Kirschbaum kann die Bedeutung eines Wortes ohne vorangegangene „begriffliche Klärung“ (Keller/Kirschbaum 2003, S. 3) nicht beantwortet werden. Aus diesem Grund sollen an dieser Stelle die untersuchten Adjektive jeweils kurz und Ausschnittsweise in ihrem begrifflichen Rahmen abgesteckt und erläutert werden. Dabei liegt der Schwerpunkt auf ihrem das Aussehen beschreibenden Bezug. Da nicht alle der zu untersuchenden Adjektive in der Literatur das gleiche Maß an Beachtung finden, fallen die Erläuterungen unterschiedlich detailliert aus.

4.1 fett:

„die ältesten belege für fett stammen aus dem nd. und md. das im obd. üblichere feist wird im 16. Jh. Unter dem einfluß der lutherschen bibelübersetzung weitgehend durch fett adj. ersetzt“ (Grimm 2006, S. 411).

Das Adjektiv fett wird im Sinne von „reichlich, üppig“ (Paul 2002, S. 329) verstanden und enthält sowohl eine positive als auch eine negative Konnotation wie beispielsweise als ein „abwertend[es] Symbol für Wohlstand“ (Paul 2002, S. 329). In Bezug auf das Aussehen steht fett für eine eindeutig negative Beschreibung von Fettleibigkeit zu dicker Menschen. Es könnte sein, dass es gerade durch diesen negativen Charakter und der damit verbundenen Tabuisierung, im Rahmen der höflichen Kommunikation, Einzug in die Jugendsprache fand. Hier wurde bzw. wird es als „Verstärkungswort“ (Paul 2002, S. 329) und als evaluatives Adjektiv mit dem Sinn „sehr gut, schön“ (Duden 2010, S. 376) verwendet. Als Soziolekt kann sich der Gebrauch eines Ausdruckes über die Gruppe hinaus ausweiten, dies geschieht allerdings nicht zwingend (Nübling 2010, S. 108). Im Rahmen der Studie soll untersucht werden, ob fett noch als ein evaluatives Adjektiv im Sinne von schön oder sehr gut fungiert und somit seine Verwendung ausgeweitet, oder ob sich eine gegenteilige Verwendung wieder mehr gefestigt hat.

4.2 geil:

Aus Sicht des semantischen Wandels hat das Adjektiv geil viele Veränderungen durchlaufen bzw. durchläuft sie immer noch.3 Der Ausdruck geil wurde ursprünglich im Sinne von „fröhlich, lustig“ (Grimm 1897, S. 2581) und besonders im Mittelhochdeutschen häufig in Kombinationen verwendet, wie beispielsweise „vrô unde geil, vrœlich unde geil“ (Grimm 1897, S. 2581). Doch auch schon im Althochdeutschen existierte eine weitere negativ konnotierte Variante (Brandt 1989, S. 117). Brandt legt für den Zeitraum vom Althochdeutschen bis hin zum Mittelhochdeutschen fünf verschiedene Sinnzuschreibungen für geil fest:

„1. Üppig, aufbrausend, überschäumend (wörtlich oder metaphorisch)
2. fröhlich, übermütig, ausgelassen
3. zu fröhlich, zu übermütig usw.
4. lüstern, geschlechtlich erregt oder erregend
5. botanische oder zoologische Spezialbedeutungen“ (Brandt 1989, S.117).

Bis auf den Bereich der botanischen und zoologischen Spezialbedeutungen scheint es, als hätte der Sinn von geil im Laufe der Zeit eine Bedeutungsverengung in Form einer „Pejorisierung“ (Nübling 2010, S. 115) auf die sexuell geprägte Variante vollzogen (Keller/ Kirschbaum 2000, S.41). Nach Keller kam es des Weiteren zu einer metonymischen Übertragung von der Wirkung auf die Ursache, sodass jemand nun nicht mehr nur sexuell erregt sein konnte, sondern ein Objekt auch das Attribut sexuell erregend zugeschrieben werden konnte (Keller/ Kirschbaum 2003, S. 56). Durch diese nach Keller und Kirschbaum (2003, S. 98) „metaphorische“ Verwendungsweise erhielt der Ausdruck geil einen evaluativen Aspekt.

Aufgrund dieses sexualisierten Kontextes in Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Prüderie der letzten Jahrhunderte wurde der Ausdruck tabuisiert und war somit prädestiniert für die Adaption von Soziolekten (Nübling 2010, S. 108). So tauchte das Adjektiv nach Keller und Kirschbaum zuerst im Rahmen der Bundeswehr wieder vermehrt auf (Keller/Kirschbaum 2003, S. 123). Schließlich wurde es auch von der Jugendsprache adaptiertet, die aus dem Tabuwort geil einen expressiven Ausdruck für Begeisterung machten (Keller/ Kirschbaum 2000, S.41). Diese um 1980 aufgetretene Innovation zeichnete sich besonders dadurch aus, dass geil nicht im Sinne der bisherigen Verwendungsweise gebraucht wurde, sondern ohne sexuellen Bezug für

[...]


1 Wenn im Folgenden von Probanden gesprochen wird, sich auch die weiblichen Probandinnen impliziert. Er wird lediglich aus Platzgründen auf eine Doppelnennung verzichtet.

2 Wenn im Folgenden von Sinn gesprochen wird, so ist der nach Keller und Kirschbaum definierte Sinn gemeint.

3 Dies zu überprüfen ist die Aufgabe der durchgeführten Studie und soll in den folgenden Kapiteln geklärt werden.

Details

Seiten
52
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656618645
ISBN (Buch)
9783656618638
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v270540
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,7
Schlagworte
bedeutungswandel adjektiven eine untersuchung unterschieden konnotation

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Bedeutungswandel von Adjektiven. Eine Untersuchung zu generationsbedingten Unterschieden bei der Konnotation