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Vom optischen zum elektromagnetischen Telegrafen

Die Überwindung von Raum als Beginn der telekommunikationstechnischen Globalisierung

Hausarbeit 2013 18 Seiten

Medien / Kommunikation - Mediengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Historischer Abriss
2.1 Optische Telegrafie
2.2 Elektrische Telegrafie
2.2.1 Elektrochemische und elektrostatische Telegrafie
2.2.2 Elektromagnetische Telegrafie

3 Der Telegraf als globalisierendes Element
3.1 Erwartungen an das friedenstiftende Potential der Telekommunikation
3.2 Nutzung und Nutzen des Telegrafen
3.2.1 Militärische und imperialistische Anwendung der Telegrafie
3.2.2 Mediale Anwendung der Telegrafie
3.2.3 Kommerzielle Anwendung der Telegrafie
3.2.4 Private Anwendungsbereiche der Telegrafie

4 Zusammenfassung

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Entstehung eines globalen Netzwerkes, das nicht zuletzt in der Entwicklung des Internets, wie wir es heute kennen mündete, datiert weit vor den Aufbau internationaler Serverzentren seit dem ausklingenden 20. Jahrhundert. Verglichen mit den immer kürzeren Abständen medientechnischer Entwicklungen in den vergangenen 100 Jahren, welche durch die Erfindungen von Radio, Fernsehen und Internet geprägt wurden, bewegte sich die Entwicklung der Telegrafie über einen relativ langen Zeitraum. So unbedeutend Telegrafie heute scheinen mag, so bedeutend und irreversibel veränderte sie die globale Kommunikation.

„Die Geschichte der Telegraphie seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert ist nicht nur die Historie einer neuen Nachrichtenübermittlungstechnik, sondern zugleich auch die Inauguration eines neuen historischen Apriori, des telekommunikativen.“ (Haase 1990, S. 43)

Nachrichtenübermittlung war bis zum Aufkommen der Telegrafie entweder an ein physisches Medium oder die mündliche Überbringung gebunden. Durch die entmaterialisierte Überwindung von Raum konnte eine nie dagewesene Übermittlungsgeschwindigkeit erreicht werden (vgl. ebd.). Bis ein kontinentübergreifendes Netzwerk an telegrafischen Verbindungen existierte, waren viele kleinere und größere Erfindungen vonnöten, die aufeinander aufbauten.

„Die Telegrafie ist […] weit mehr noch als die vorangegangenen Formen der Tele-Kommunikation ein Produkt verschiedenster wissenschaftlicher Entdeckungen und technischer Erfindungen.“[1] (Schmidli/Löffler 1997, S. 85)

Auf sie alle einzugehen, würde den Rahmen dieser Untersuchung sprengen.

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit den Anfängen der Telekommunikation um 1790, beginnend mit der Erfindung des Flügeltelegrafen durch Claude Chappe (1763-1805). Sie zeichnet ferner die Weiterentwicklung innerhalb eines halben Jahrhunderts bis hin zum Siegeszug des elektromagnetischen Telegrafen nach, dessen weltumspannendes Netzwerk als eine Art Ur-Internet bezeichnet werden kann. Dabei kann nicht auf alle technischen Voraussetzungen eingegangen werden, die das Funktionieren des elektrischen Telegrafen erst möglich machten. Die Nachzeichnung der mediengeschichtlichen Entwicklung beschränkt sich daher einerseits auf wegweisende Etappen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.[2] Andererseits soll, um dem mediengeschichtlichen Charakter der Arbeit gerecht zu werden, versucht werden, die historischen Abläufe nachvollziehbar zu skizzieren.

Der Arbeit liegt die Annahme zugrunde, dass Telegrafie die Entwicklung einer modernen globalisierten Welt in entscheidender Weise vorangetrieben hat. Dem medienhistorischen Teil folgt eine Untersuchung des Telegrafen als Werkzeug telekommunikationstechnischer Globalisierung.[3] Zu Beginn wird auf die utopische Erwartung der internationalen Konfliktlösung eingegangen, mit denen die Menschen auf die neue Technologie reagiert haben. Dies soll der globalisierenden Wirkung auf das Individuum Rücksicht tragen und gleichzeitig unterstreichen, wie weitreichend die Konsequenzen der neuen Technologie tatsächlich waren. Mit einer Analyse der frühen Hauptanwendungsbereiche der Telegrafie in Politik, Militär, Medien, Wirtschaft und Gesellschaft wird der weltumspannende Einfluss der neuen Kommunikationsmethode untersucht. Dies geschieht beispielhaft anhand repräsentativer Anwendungsfindungen früher Telegrafie in genannten Bereichen.

2 Historischer Abriss

„The evolution of telegraphy may be traced from the signaling methods and codes of the ancient and primitive peoples to the visual system of Claude Chappe and thence with the growth of scientific knowledge to the first commercial application of electricity and magnetism to the ‚electric telegraph.‘“ (Marshall/Wheeler 1963, S. 882)

Lange vor der Erfindung eines funktionierenden Telegrafensystems gab es Bemühungen und Versuche, mit Hilfe von Signalen Nachrichten zu übermitteln und dadurch geographischen Raum auf schnellere Weise zu überwinden.[4] Keiner dieser frühen Versuche war zwar praktikabel genug, sich durchzusetzen, sie zeugen jedoch von dem jahrtausendealten Streben des Menschen, physische Hürden zu überwinden. Ist es in Anbetracht dessen überhaupt möglich, der Erfindung der Telegrafie einen Zeitpunkt und ihrem Erfinder, gesetzt den Fall, es gäbe einen solchen, einen Namen zuzuweisen? Würde man diese Frage mit Hilfe des Publikumsjokers in Günther Jauchs Fernsehshow Wer wird Millionär? zu beantworten versuchen, die breite Mehrheit stimmte sicherlich zu und tippte auf Samuel F. B. Morse (1791-1872) in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Seinem berühmten Signalcode hat Morse zu verdanken, dass sein Name universell mit der Telegrafie in Verbindung gebracht wird. „Morsen“ hatte sich sogar zu einem Begriff etabliert, der wie das Verb „googeln“ Einzug in den deutschen Wortschatz gefunden hat. Die oben gestellte Frage mit einem ‚Ja, aber…‘, gefolgt von einer Aufzählung dutzender Zeitangaben und Namen zu beantworten, käme den geschichtlichen Tatsachen allerdings näher als die Nennung eines einzelnen Namens.

2.1 Optische Telegrafie

Die Welle an zeitlich gedrängten Erfindungen, welche schließlich in oben genanntem Netzwerk gipfelten, wurde durch den Franzosen Claude Chappe losgetreten. Bevor er allerdings der Idee eines semaphorischen Systems nachging, ersann er gegen Ende des 18. Jahrhunderts eine recht skurrile Methode, durch Erzeugung von Schallwellen Botschaften zu übertragen.[5] Dessen Nachteile, von welchen Lärmbelästigung wohl das kleinste Problem darstellte, überwogen jedoch und führten Chappe schließlich dazu, eine andere Richtung einzuschlagen.

In einem ersten mit seinem Bruder durchgeführten Versuch gelang es dem Erfinder am 2. März 1791, einen Satz innerhalb von vier Minuten unter Verwendung einer schwenkbaren Holztafel über eine Entfernung von ca. 17km erfolgreich zu übertragen.[6] Chappe wollte seiner neuen Erfindung die griechische Bezeichnung Tachygraf zukommen lassen, was übersetzt Schnellschreiber bedeutet. Letztlich konnte sein Freund Miot de Mélito (1762-1841), ein Regierungsbeamter und Gelehrter, ihn davon überzeugen, das Gerät Télégraphe (griech. tele, „fern“; graphein, „schreiben“) zu nennen (vgl. Standage 1999, S. 10).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Chappes Flügeltelegraf. (ebd., S. 52)

Chappes Erfindung fand durchaus Beachtung, sodass er sich ihrer Weiterentwicklung widmete. Mit Unterstützung der französischen Behörden entwickelte Chappe einen Flügeltelegrafen, welcher aus einer Station bestand, auf der ein fünf Meter hoher Masten angebracht war. Die Mastenspitze trug einen beweglichen, viereinhalb Meter langen Querbalken, welcher Regulator genannt wurde. Er konnte vier verschiedene Positionen einnehmen. An dessen beiden Enden wiederum war jeweils ein zwei Meter langer Arm angebracht, die Indikatoren. Sie konnten durch 45°-Intervalle in sieben unterschiedliche Richtungen zeigen.[7]

Chappe kam schon sehr früh auf die Idee, den Signal-

positionen seines Telegrafen nicht einfach Buchstaben und Zahlen zuzuweisen. Er veröffentlichte 1795 ein Codebuch, in dem 8464 Buchstaben, Zahlen, Worte und Phrasen aufgelistet waren, welche durch je ein Paar an optischen Signalen wiedergegeben werden konnten (vgl. Beauchamp 2001, S. 6). Da Botschaften so nicht Buchstabe für Buchstabe übermittelt werden mussten, beschleunigte sich die Übertragungsgeschwindigkeit erheblich.

Chappes optischer Telegraf entwickelte sich für Frankreich schon bald zum Stolz der Nation. Fünf Jahre nach Inbetriebnahme der ersten staatstelegrafischen Verbindung zwischen Paris und Lille kam 1799 Napoleon Bonaparte (1769-1821) an die Macht und erkannte die Bedeutung der Semaphore vor allem für das Militär. Dies lag wortwörtlich nicht ‚im Sinne des Erfinders‘, welcher vom möglichen ökonomischen Nutzen seiner Telegrafen zu überzeugen versuchte.[8] Napoleon ließ das Netzwerk jedoch für seine Zwecke weiter ausbauen, sodass es die französische Hauptstadt alsbald mit Mailand verband. Vor allem seine Invasionspläne waren ausschlaggebend für die zügige Errichtung neuer Telegrafenlinien (vgl. Standage 1999, S. 15–17). Er überließ dem zum Ingénieur Télégraphe ernannten Claude Chappe die Umsetzung eines umfassenden Telegrafennetzes, welches Paris mit 29 der größten Städte Frankreichs sowie zahlreichen Städten in Italien, der Schweiz, Deutschland, Luxemburg, Belgien, England und Spanien verband. Es bedurfte einer ganzen Armee von Operatoren, das 1852 über 4000km lange Netz zu bedienen, allein in Frankreich waren mehr als 550 Stationen installiert (vgl. Beauchamp 2001, S. 7f.).

Das Betreiben einer optischen Telegrafenlinie war sehr kostspielig und aufwendig. Die Stationen wurden in einem Abstand von neun bis zwölf Kilometern installiert. Jede Station wurde von mindestens fünf Personen betrieben: Zwei betreuten die Seile oder Winde, um die Signalarme zu positionieren; zwei waren für die teleskopische Beobachtung der beiden Nachbarstationen zuständig und ein Fünfter bewahrte den Überblick und die Beaufsichtigung. Durch die Masse an benötigten Operatoren konnten einerseits viele Beschäftigungsverhältnisse geschaffen werden. Andererseits führte die spätere Umstellung auf das elektrische System zwangsläufig zu Massenentlassungen (vgl. ebd., S. 17).

[...]


[1] Eine Auflistung der zahlreichen Entdeckungen vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, welche als naturwissenschaftliche Voraussetzung die Entwicklung der elektrischen Telegrafie ermöglicht haben, kann in Schmidli/Löffler 1997, S. 85f. nachgeschlagen werden.

[2] Dass Historiker verschiedene Auffassungen vertreten, welche frühen Entwicklungen zur Erfindung der Telegrafie beigetragen haben, ist schon allein dadurch ersichtlich, dass in verschiedenen Veröffentlichungen zur Thematik jeweils unterschiedliche Angaben und Auslassungen vorzufinden sind. Für eine allgemeine und umfassende Zusammenfassung der Geschichte der elektrischen Telegrafie siehe auch vgl. Briggs/Meverick 1858.

[3] Mit Globalisierung ist in dieser Arbeit die internationale Verflechtung verschiedener Bereiche wie in den untersuchten Fällen Militär, Wirtschaft und Medien sowie die auf diese Verstrickungen zurückzuführenden direkten Veränderungen gemeint. „Globalisierung“ steht dabei immer in ihrem direkten Zusammenhang zur untersuchten Kommunikationstechnik.

[4] Erste Überlieferungen reichen bis ins 2. Jahrhundert v.Chr. zurück. Aeschylos beschreibt in Agamemnon, wie die Griechen mit Feuersignalen die Kunde über ihre siegreiche Schlacht um Troja binnen weniger Stunden ins 600km entfernte Argos trugen (vgl. Aeschylus/Fagles et al. 1984, S. 113f.) .

[5] Zu diesem Zeitpunkt war Chappe bereits daran gescheitert und hatte es aufgegeben, elektrische Übertragungsmöglichkeiten zu nutzen. Mit scheppernden Bratpfannen und synchronisierten Sekundenzeigern übertrug Chappe Ziffern, welche wiederum durch ein Codebuch entschlüsselt und in Botschaften zurückübersetzt werden konnten (vgl. Standage 1999, S. 7–9).

[6] Die Konstruktion basierte auf dem vorangegangenen Prinzip, Signale zu einem bestimmten Zeitpunkt unter Zuhilfenahme synchronisierter Sekundenzeiger auf Sender- und Empfängerseite zu senden. Hierfür musste lediglich eine auf der einen Seite schwarz und auf der anderen Seite weiß gestrichene große Holztafel geschwenkt werden. Die Verwendung eines Teleskopes verlängerte die Reichweite um ein Vielfaches, als dies durch Schallsignale möglich gewesen wäre (vgl. Standage 1999, S. 9–11).

[7] Dadurch war es theoretisch möglich, sieben × sieben × vier = 196 Signale anzuzeigen, was mehr als genügend war. Tatsächlich genutzt wurden nie mehr als 96 Positionen (vgl. Beauchamp 2001, S. 6).

[8] Anstelle einer ausschließlich militärischen Nutzung, welche Napoleon durchsetzen ließ, war Chappe an der Errichtung eines europäischen Netzwerkes interessiert, das Warenpreise kommunizieren und Nachrichten verbreiten sollte. Als einzig zivile Nutzung genehmigte Napoleon lediglich die Übertragung der Lottozahlen (vgl. Standage 1999, S. 17f.)

Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656618218
ISBN (Buch)
9783656618188
Dateigröße
722 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v270510
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
2,0
Schlagworte
telegrafen überwindung raum beginn globalisierung

Autor

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