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Ulla Hahns "Ars Poetica". Postmoderne Literatur als Spiel

Hausarbeit 2013 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Postmoderne
2.1 Die Postmoderne als Weiterentwicklung der Moderne

3. Postmoderne Literatur als Spiel
3.1 Das Ende des Innovationszwanges
3.2 Der Begriff des Spiels in postmoderner Literatur
3.3 Das Spiel des Autors - Selbstreflexivität in der postmodernen Literatur
3.4 Das Spiel des Lesers - vergnügliche Lektüre mit Anspruch
3.4.1 Überbrückung der Kluft zwischen Elite- und Massenkultur
3.4.2 Eröffnung von Spielräumen für den Leser
3.4.3 Postmoderne Literatur - Gift oder Heilmittel?

4. Ulla Hahns „Ars Poetica“
4.1 Selbstreflexivität als Teil von Ulla Hahns Spiel
4.2 Das Ende der Innovation - Ulla Hahns spielerischer Rückgriff auf 8 Vergangenes
4.3 Spiel mit dem Sprachmaterial

5. Fazit: Spiel, Vergnügen und Massentauglichkeit

Literaturverzeichnis

Das postmoderne Spiel in der Literatur

Am Beispiel von Ulla Hahns „Ars Poetica“

1. Einleitung

Die Frage nach der Aufgabe von Literatur gehört zu jenen Fragen, die Dichter und Denker seit langen Zeiten umtreibt. Schon Quintus Horatius Flaccus (65 - 8 v. Chr.) stellte in seinen Reflexionen in „Die Dichtkunst“1 fest: „wer Süßes und Nützliches mischte, indem er den Leser ergötzte und gleicherweise belehrte“2 käme der eigentlichen Aufgabe der Literaten nach.

Im Wesentlichen geht es in der Literatur also auch darum, die „Träume der Leser zu bevölkern“3 ; so sagte es Umberto Eco in seinem Aufsatz über den Postmodernismus. Nicht weniger als diese anspruchsvolle Aufgabe komme der künstlerischen Avantgarde seiner Zeit wieder zu. Das lustvolle Spiel und infolgedessen das Vergnügen sollten wieder Einzug in die Literatur halten - und somit den Leser wie auch den Autor aus dem hermetischen Dunkel der Moderne befreien.4

Um diesen neuen lustvollen Umgang mit Literatur weiter zu untersuchen, soll im Folgenden die Programmatik der Literatur der Postmoderne als Spiel dargestellt werden. Hierbei möchte ich den Begriff der Postmoderne in Abgrenzung zur Moderne explizieren und aus diesem Zusammenhang erklären, wie die postmoderne Literatur zu ihrer spielerischen Form gefunden hat. Im Anschluss daran werde ich darstellen, wie sowohl Autor als auch Leser am postmodernen Spiel in der Literatur beteiligt sind.

Die dargestellten Thesen sollen daraufhin am Beispiel von Ulla Hahns „Ars Poetica“ untersucht werden.

2. Die Postmoderne

Nach Wolfgang Welsch wird die Postmoderne zunächst verstanden als „Verfassung radikaler Pluralität“5. Diese Pluralität deutet Welsch als wirklich demokratisch, denn sie bedeutet im Gegensatz zur modernen Programmatik mit ihrem Absolutheitsanspruch, dass Platz für die „Vielheit heterogener Konzeptionen, Sprachspiele und Lebensformen nicht aus Nachlässigkeit (…), sondern aus Gründen geschichtlicher Erfahrung und aus Motiven der Freiheit“6 besteht.

Zum Konzept der Postmoderne gehört also die Ansicht, dass es nicht nur eine wahre Auffassung vom Leben und der Wahrheit gibt, sondern dass ein Nebeneinander von verschiedenen Sichtweisen auf die Welt existieren sollte, welche jeweils ihre Berechtigung haben.7 Demzufolge ist das postmoderne Zeitalter vor allem ein Zeitalter der Wertepluralität.

2.1 Die Postmoderne als Weiterentwicklung der Moderne

Aus diesem Grund sieht Welsch die Postmoderne vorrangig als Weiterentwicklung der Moderne an. Denn sie setzt die Forderung nach Pluralität um, die bereits in der Moderne formuliert wurde.8 Doch „in einem wichtigen Punkt […] unterscheidet“9 die Postmoderne sich von der Moderne des 20. Jahrhunderts: „Sie lässt die Ideologie der Potenzierung, der Innovation, der Überholung und Überwindung […] hinter sich“10. Anstatt folglich die Negierung der Vergangenheit zu betreiben11, bemühen sich postmoderne Literaten ebenso wie viele Teile der restlichen Kunstwelt um einen konstruktiven Umgang mit der Vergangenheit. Auch den elitären Anspruch der Moderne12 mitsamt ihrer Verschlossenheit und Distanz gegenüber der Leserschaft13 wusste die postmoderne Literatur hinter sich zu lassen. Der neue Anspruch postmoderner Literaten war es nun, Eliten- und Massenkultur zu verbinden14, indem sie die Lust an Literatur wieder aufleben ließen, und somit auch die zuvor entstandene „Kluft zwischen Künstler und Publikum“15 zu schließen.

3. Postmoderne Literatur als Spiel

3.1 Das Ende des Innovationszwanges

„Es kommt jedoch der Moment, da die Avantgarde nicht mehr weitergehen kann (…). Die postmoderne Antwort auf die Moderne besteht in der Einsicht und Anerkennung, daß [sic] die Vergangenheit, nachdem sie nun einmal nicht zerstört werden kann, da ihre Zerstörung zum Schweigen führt, auf neue Weise ins Auge gefaßt [sic] werden muß [sic]: mit Ironie, ohne Unschuld.“16

Auf diese Weise formulierte Umberto Eco die Herausforderung postmoderner Literatur. Denn am Ende der Moderne stand die etwas ernüchternde Einsicht, dass die „Erfindung von Neuem [eine] Illusion“17 sei, der man auf irgendeine Art und Weise zu begegnen hatte. Doch was tun, wenn scheinbar schon alles gesagt und geschrieben wurde? Wenn die Kunstwelt nichts Neues mehr zu bieten hat?

3.2 Der Begriff des Spiels in postmoderner Literatur

Die postmoderne Antwort auf diese Fragen liegt in der Literatur vor allem im Begriff des Spiels. Nach Marshall McLuhan gilt für das Spiel: „Games […] shift familiar experience into new forms, giving the bleak and the blear side of things sudden luminosity“18 19

Ebenso wie in McLuhans Spiel-Definition war auch das postmoderne Spiel in der Literatur geprägt davon, die „ironische[…] Neureflexion“20 des Vergangenen dazu zu nutzen, Neues zu erschaffen und neue Formen zu kreieren.

Wo das Spiel also als Metapher für das Feld der Literatur gilt, ist der postmoderne Autor ein Spieler, der bewusst die bestehenden Spielregeln bricht. Seine künstlerische Innovation besteht demnach/in erster Linie darin, ein Spiel mit dem Spiel zu spielen. So kann möglicherweise eine neue Form des Spiels entstehen, das auf den neu entstandenen Regeln basiert, und das auf diese Weise auch eine neue Anhängerschaft von Mitspielern gewinnen könnte.21

Die Ausleuchtung neuer Seiten und Formen der Literatur kann demnach vor allem im Spiel mit den bestehenden, gewohnten Formen entstehen. Die Auseinandersetzung mit den Spielregeln, also den altbewährten Formen der Literatur, stellt ein wesentliches Merkmal postmoderner Literatur dar.

3.3 Das Spiel des Autors - Selbstreflexivität in der postmodernen Literatur

Wie zuvor dargestellt, ist der postmoderne Autor zunächst selbst ein Spieler; er lebt seinen eigenen Spieltrieb innerhalb seines Schaffens aus. Das Spiel des postmodernen Autors ist nach Claas‘ Einschätzung im Wesentlichen aus „neuen Dimensionen [seiner] Selbstbewußtwerdung [sic]“22 entstanden. So gilt als Kennzeichen postmoderner Literatur nach Dietmar Claas vor allem ihre Selbstreflexivität (neben „Unabschließbarkeit und Aktivierung des Stellenwerts für den Leser“23 Darauf werde ich im Verlauf dieser Arbeit noch zu sprechen kommen).

Der Autor kann in seinem ausgelassenen Spiel das Sprachmaterial als Grundlage verwenden (z.B. Symbolsysteme, tradierte Formen) und zugleich die „Entblößung der eigenen Kunstbegriffe [zum] Gegenstand“24 seiner Texte machen (z.B. Spiel mit Erzählperspektive, Selbstthematisierung des Autors).

Das Spiel in postmoderner Literatur kann demnach sowohl auf formaler wie auch auf inhaltlicher Ebene innerhalb des Textes stattfinden.

Das „So-tun-als-ob“25 als Teil des Spiels bietet dem Autor viele Freiheiten, Dinge auszutesten und Wirklichkeit zu simulieren. Doch um den postmodernen Ansprüchen nach einer neuen, lustvollen Literatur gerecht zu werden, muss auch derjenige mit einbezogen werden, der sich außerhalb des Textes befindet26: der Leser. Es geht in postmoderner Literatur wieder um die Frage, die sich schon Debussy stellte: „Soll der Künstler nicht […] ganz bescheiden versuchen, Lust zu erregen‘?“27.

3.4 Das Spiel des Lesers - vergnügliche Lektüre mit Anspruch

3.4.1 Überbrückung der Kluft zwischen Elite- und Massenkultur

Leslie Fiedler meint, dass „[d]ie Vorstellung von einer Kunst für die ‚Gebildeten‘ und einer Subkunst für die ‚Ungebildeten‘“28 nur einer Klassengesellschaft angemessen sei. Ihm und vielen weiteren Postmodernisten ging es darum, dass Literatur zu demokratischen Zeiten klassenlos zu sein habe29 und die Unterscheidung zwischen „hoher und niederer Kunst“30 aufgegeben werden müsse. Stattdessen galt es, Kunst wieder massentauglich werden zu lassen. Dies geschah zum Beispiel durch die teilweise Auflösung der Grenzen zwischen „Literatur als Kunst“ und „populärer […] Genres wie dem Western“31. Allerdings war die Masse auch durch die allgemeine Wiederbelebung der Freude an Literatur zu erreichen.

3.4.2 Eröffnung von Spielräumen für den Leser

Im Gegensatz zu modernen Texten, die sich häufig dem Leser verschließen und sich aus diesem Grund einem „massenhaftem Konsum verweiger[n]“32, eröffnen Autoren postmoderner Texte ihren Rezipienten wieder Spielräume, die zu einer reflektierten, vergnüglichen Lektüre führen sollen.

Infolgedessen kann auch der Leser ein Spieler sein. Zum einen kann er als Mitspieler der agierenden Figuren eines Textes auftreten, der sich mit dem Text identifiziert und das erzählte miterlebt. Claas nennt diesen Lesertyp den „nicht-differenzierten Leser“33. Zum anderen kann der Leser als selbstständiger Spieler innerhalb des Textes erscheinen, der eigene „Denk- und Handlungsstrukturen“34 am Text prüfen und daraufhin möglicherweise verändern kann.35

[...]


1 Horaz: Ars Poetica / Die Dichtkunst. Stuttgart 2011.

2 Horaz: Die Dichtkunst. 2011, S. 27.

3 Eco, Umberto: Postmodernismus, Ironie und Vergnügen. In: Welsch: Wege aus der Moderne: Schlüsseltexte der Postmoderne-Diskussion. Weinheim 1988a, S. 78.

4 Vgl. Anz, Thomas: Literatur und Lust: Glück und Unglück beim Lesen. München 1998, S.17.

5 Welsch, Wolfgang: Unsere postmoderne Moderne. Weinheim 1988b, S.4.

6 Welsch 1988b, S.5.

7 Vgl. Welsch 1988b, S.5.

8 Vgl. Welsch 1988b, S.6.

9 Welsch 1988b, S.6.

10 Welsch 1988b, S.6.

11 Vgl. Eco 1988a, S.77.

12 Welsch 1988b, S.15.

13 Vgl. Anz 1998, S.18.

14 Vgl. Welsch 1988b, S.15.

15 Fiedler, Leslie A.: Überquert die Grenze, schließt den Graben! Über die Postmoderne. In: Welsch: Wege aus der Morderne,. 1988a, S.69.

16 Eco 1988a, S.76.

17 Anz, Thomas: Literatur als Spiel. In: Hinck, Hg.: Gedichte und Interpretationen Bd.7. Stuttgart 1997, S.198.

18 McLuhan, Marshall: Understanding Media. The Extensions of Man. New York, 1964., S. 214.

19 Übersetzt etwa: Spiele bringen gewohnte Erfahrungen in neue Formen, indem sie den kahlen und trüben Seiten der Dinge unerwartete Intensität (oder: Helligkeit) verleihen.

20 Eco 1988a, S.77.

21 Vgl. Dietmar Claas: Entgrenztes Spiel. Stuttgart 1984, S.16.

22 Claas 1984, S.9.

23 Vgl. Claas 1984, S.21.

24 Claas 1984, S.55.

25 Claas 1984, S.15.

26 Die Unterscheidung zwischen der „Auflösung der Grenzen von innen und außen [bei postmodernen Texten]“ findet sich bei Dietmar Claas: Entgrenztes Spiel. Stuttgart 1984, S.15.

27 Barthes, Roland: Die Lust am Text. Frankfurt a. M. 1984, S.34. (nach Debussy, ohne Quellenhinweis)

28 Fiedler, 1988a S.68.

29 Vgl. Anz 1998, S.19.

30 Fiedler 1988a, S.68.

31 Anz 1998, S.19.

32 Anz 1998, S.18.

33 Vgl. Claas 1984, S.12.

34 Claas 1984, S.12.

35 Vgl. Claas 1984, S.12.

Details

Seiten
17
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656617112
ISBN (Buch)
9783656617099
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v270379
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – IFG II
Note
1,0
Schlagworte
Postmoderne Ulla Hahn Ars Poetica Spiel Literatur postmoderne Literatur Innovationszwang Massenkultur Literatur als Spiel

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