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Analyse einer Szene aus Hitchcocks Meisterwerk „Das Fenster zum Hof"

oder wie Grace Kelly elegant in eine Mörderwohnung einbricht

von Marie H. (Autor)

Essay 2014 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Szenenanalyse
2.1 Technik
2.1.1 Kamera
2.1.2 Ton
2.1.3 Licht

3 Fazit

4 Literaturverzeichnis

5 Anhang

1. Einleitung

Das Fenster zum Hof (original: Rear Window) stammt aus dem Jahre 1954 und ist in den USA gedreht. Regisseur ist Alfred Hitchcock nach dem Drehbuch John Michael Hayes‘. Die Kamera läuft unter Führung Robert Burts‘, während George Tomasini für den Schnitt verantwortlich ist und Franz Waxmann für die Musikkomposition. In der im Folgenden zu analysierenden Szene des 112-minütigen Films werden Jeff, Lisa und Stella von James Stewart, Grace Kelly und Thelma Ritter verkörpert.

Der Thriller Rear Window zeigt als Protagonisten den Fotografen L.B. „Jeff“ Jefferies, der aufgrund eines Gipsbeins an den Rollstuhl gefesselt ist und so seine Wohnung nicht verlassen kann. Häufig besucht ihn seine Freundin Lisa Carol Fremont, die ihm von ihren gesitteten Freunden erzählt. Außerdem kommt die Pflegerin Stella mehrmals die Woche zu ihm, um ihn zu verarzten. Aus Langweile beobachtet Jeff das Geschehen im Hinterhof seiner Wohnung mit einem Fernglas und dem Teleobjektiv seiner Kamera. Eines Nachts sieht er, wie sein Nachbar Thorwald Waffen entsorgt, während seine bettlägerige Frau verschwunden scheint. Jeff stellt eine Mordtheorie auf, in der Thorwald seine Frau umbrachte, um mit seiner außerehelichen Geliebten zusammen sein zu können. Zunächst will Jeff niemand Glaube schenken, doch schließlich überzeugt er Stella und Lisa, Nachforschungen zu betreiben. Dabei wird Lisa von Thorwald überrascht, als sie in dessen Wohnung nach Hinweisen sucht. Um Thorwald zu entkommen, gesteht sie der Polizei den Einbruch und wird verhaftet. Während Stella auf der Wache die Kaution für Lisa bezahlt, wird Jeff von Thorwald besucht. Die beiden geraten in einen Kampf, bei dem Thorwald Jeff aus dem Fenster schubst. Bevor Jeff auf dem Boden aufkommt, wird er von zwei Polizisten, die mit Lisa und Stella zu Thorwald wollten, um diesen zu verhaften, aufgefangen. Thorwald gesteht den Mord an seiner Frau und wird von der Polizei abgeführt. Zum Schluss sieht man Jeff schlafend in seinem Rollstuhl in der Wohnung sitzend, doch diesmal mit zwei Gipsbeinen. Lisa liest an seiner Seite.

In der Szene, die in dieser Arbeit analysiert wird, sind Lisa und Stella im Innenhof und graben im Blumenbeet nach Hinweisen auf den Mord an Thorwalds Frau, doch sie finden nichts. Gleichzeitig ruft Jeff seinen Freund Doyle an, der Polizist ist. Er erreicht jedoch nur die Babysitterin und bittet um Rückruf. Weil sie im Beet nichts gefunden haben, entschließt sich Lisa eine Feuerleiter hoch zu klettern, um in Thorwalds verlassene Wohnung zu gelangen. Stella kehrt zurück zu Jeff und teilt ihm mit, in Thorwalds Woh­nung anzurufen, wenn dieser zurückkommt und so Lisa zu warnen. In Thorwalds Wohnung angekommen, sucht Lisa nach weiteren Hinweisen auf das Verbrechen, doch sie scheint nicht fündig zu werden.

2. Szenenanalyse

Die Kameraführung des Spielfilms Das Fenster zum Hof ist außerge­wöhnlich, denn von ihr erfasst nur, was der Protagonist Jeff sehen kann, sowie er selbst. Das bedeutet, dass der Zuschauer nur das Innere seiner Wohnung sieht und aus dieser heraus das Geschehen im Innenhof. Alles was außerhalb des Hofes stattfindet, erfährt der Zuschauer allein durch Dialoge und nicht durch Bilder.

2.1. Technik

Die angewandte Technik in Das Fenster zum Hof lässt sich in Kamera, Ton und Licht unterteilen. Die Regiemittel unterstützen die Kommunikation zwischen Darsteller und Zuschauer. Im Folgenden werden diese Mittel szenenabhängig interpretiert.

2.1.1. Kamera

Die Kameraeinstellung in der vorliegenden Szene wechselt je nach Motiv. Jeff ist immer aus der Perspektive Normalsicht zu sehen – anfangs nur in der Nahaufnahme, später, wenn er herausfindet, dass das Beet leer ist, wird er in der Großaufnahme gezeigt (vgl. movieclips 2011: 1:30) bis Minute 2:41, als Stella zu ihm ins Zimmer kommt und beide Amerikanisch aufgenommen werden. Durch diese Aufnahmegrößen liegt der Fokus auf der Person und ihrer Mimik und nicht der Umgebung, die in diesem Fall aufgrund der Lichtverhältnisse nur schemenhaft erkennbar ist. Jeff ist an den Rollstuhl und somit an die Beobachterrolle gebunden. Deswegen kann er nur observieren aber nicht selber aktiv werden und ist zu 96% (3:41 Minuten von 3:53) der Szene alleine. Seine Gefühle und Regungen kann er also hauptsächlich nur mimisch ausdrücken, wie zum Beispiel in Minute 1:30, als er seine Augenbrauen zusammen zieht, den Mund zusammenkneift, dann leise ausatmet und dabei kurz nach links unten und wieder nach vorne schaut. Er richtet sich auf, atmet leise ein und rollt dabei ein bisschen mit den Augen. All dies passiert, nachdem ihm eine Nahaufnahme von Stella deutlich macht, dass die beiden Frauen im Hof erfolglos gewesen sind. Durch seine Mimik drückt er also seine Enttäuschung (dargestellt durch das Ausatmen) aus und überlegt dann, wie weiter vorzugehen ist (er atmet ein und rollt mit den Augen hin und her). Noch aufgeregter ist er 50 Sekunden später, als Lisa in Thorwalds Wohnung einbricht. Um seine Hilflosigkeit auszudrücken, ruft er „Li-, “ (movieclips 2011: 2:16) bricht jedoch ab, lehnt sich zurück in den Stuhl und schüttelt seinen Kopf. Er nimmt seine Hände hoch, nimmt sie wieder herunter, dann wackelt er mit seinem Oberkörper von rechts nach links. Schließlich beugt er sich wieder nach vorne. Dies spielt sich innerhalb von drei Sekunden ab. Die Bewegungen drücken nicht nur Hilflosigkeit aus, da seine Mimik, besonders seine Augen, starr bleiben und er die Hände nur lustlos anhebt. Somit drückt er gleichzeitig Kraftlosigkeit aus. Das wichtige an seiner Bewegung ist jedoch, dass er sich direkt danach wieder aufrichtet, den Hals reckt und Lisas Schritte weiter verfolgt. Dadurch wird deutlich, dass er die Idee Thorwalds Wohnung zu durchsuchen, während dieser nicht zu Hause ist, für vorteilhaft und interessant hält. Der Zwiespalt, Lisa in Gefahr zu sehen, gleichzeitig aber auch den Kriminalfall lösen zu wollen, wird in diesem drei-Sekunden-Ausschnitt deutlich gemacht. Jeff entscheidet sich eindeutig gegen Lisas Sicherheit und für die Neugierde, denn würde er Lisa beschützen wollen, käme er selber auf die Idee, in Thorwalds Wohnung anzurufen.

Die Perspektive, die genutzt wird, um das Geschehen im Hof zu zeigen, ist die Aufsicht, da Jeffs Wohnung im ersten Stock liegt und er auf Lisa und Stella herunterschaut. In dem Innenhof sieht man Lisa mittig und rechts von ihr Stella in der Halbtotalen (vgl. movieclips 2011: 0:00). Aufgrund der Lichtverhältnisse ist es schwierig mimische Regungen der beiden zu erkennen, jedoch kann der Zuschauer in dieser Aufnahmegröße gut verfolgen, wie Stella im Blumenbeet vor Thorwalds Haus gräbt und später, wie Lisa auf die Feuerleiter des Hauses zu rennt. Da Stella und Lisa aktiv recherchieren, ist es wichtig die Umgebung erkennen zu können, in der sie handeln. Die Mimik spielt eine geringere Rolle, da Jeff derjenige ist, der plant und nachdenkt, wohingegen Lisa und Stella Jeffs Gedanken ausführen.

Als Jeff durch sein Teleobjektiv langsam von dem Loch neben Stellas Füßen bis hin zu ihrem Gesicht in der Großaufnahme schwenkt (vgl. movieclips 2011: 18), ist Stellas Mimik bedeutend, da sie ihm so non-verbal mitteilt, keine Hinweise gefunden zu haben. Stella zieht ihre Augenbrauen zusammen und runzelt die Stirn (vgl. movieclips 2011: 1:29). Ihr Mund ist starr und sie schüttelt den Kopf. So drückt sie den Misserfolg aus. Später beobachtet Jeff Lisas Vorgehen in Thorwalds Wohnung (vgl. movieclips 2011: 2:24). Auch hierzu benutzt er wieder das Teleobjektiv, wodurch Lisa Halbnah gezeigt wird und man ihre Mimik, sowie einen kleinen Teil ihres Umfelds erkennen kann. Diese Größe ermöglicht eine einfachere Kommunikation zwischen Lisa und Jeff. Ihr Handeln wird dabei nicht außer Acht gelassen, sodass man noch sehen kann, was sie durchsucht. Als Lisa die Handtasche im Koffer auf Thorwalds Bett findet, dreht sie sich begeistert um (vgl. movieclips 2011: 2:26). Die Begeisterung ist zwar auch daran zu erkennen, dass sie sich schnell zu Jeff umdreht, aber vor allem an ihrer Mimik. Sie lächelt, zeigt dabei alle ihre Zähne und keine Falte ist in ihrem Gesicht zu erkennen. Als sie feststellt, dass die Tasche leer ist, dreht sie sich noch einmal Jeff zu: zuerst senkt sie langsam ihre Arme ein Stück, dann dreht sie den Kopf in Richtung Kamera (vgl. movieclips 2011: 2:30). Ihr Mund ist leicht geöffnet mit nach unten hängenden Mundwinkeln. Sie öffnet ihn kurz und schließt ihn wieder, als wolle sie etwas sagen, dabei zieht sie ihre Augenbrauen leicht zusammen und nach oben, was ihrem Gesicht etwas Trauriges verleiht. Eine leichte Furche bildet sich zwischen ihren Augenbrauen, als sie nach unten guckt um, dann mit einem Lächeln mit zusammengebissenen Zähnen die Tasche auszuschütteln und dabei ihren Kopf leicht nach links zu neigen. Diese Art des Lächelns wirkt enttäuscht und ist das genaue Gegenteil zu dem glücklich wirkenden Lächeln zuvor. Der Unterschied zwischen den beiden Ausdrücken wird nicht nur durch die Form des Mundes, sondern auch die Augen deutlich. Beim ersten Lächeln bewirken die nach oben gezogenen Mundwinkel, dass sich die Augen ein wenig zusammen ziehen und eine Art Sichel bilden. Beim zweiten Lächeln schauen sie normalgeformt und still geradeaus, wodurch das Lächeln gezwungen wirkt.

So wie Lisa und Stella im Hof sind auch der Komponist und Ms. Lonelyhearts in der Halbtotalen Perspektive aufgenommen. Der Komponist ist der Ursprung der Filmmusik der vorliegenden Szene und wird aus der Untersicht gezeigt, da seine Wohnung über der von Jeff liegt. Er hat Musiker zu Besuch, mit denen er zusammen komponiert und übt. Für das weitere Geschehen der Handlung ist er nur insofern wichtig, als dass man die Quelle der Musik kennt. Deswegen reicht es, ihn in seinem Umfeld zu sehen. Die Halbtotale ermöglicht ihn mitsamt seiner Gäste zu zeigen, wobei seine Mimik dabei keine Rolle spielt, denn er kommuniziert nur mit seinen Musikerkollegen. Nicht unbedeutend ist, dass seine Improvisationen auch Auswirkung auf Ms. Lonelyhearts haben. Jeff hatte zuvor mit Stella beobachtet, wie Ms. Lonelyhearts eine Vielzahl an Schlaftabletten bereitlegt hatte, und aufgrund dessen die Polizei verständigt. Nun, da der Komponist Musik spielt, setzt sich Ms. Lonelyhearts an ihren Tisch am Fenster und Jeff beruhigt sich (vgl. „Ah, Stella was wrong about Ms. Lonelyhearts“ (movieclips 2011: 1:06)). Man sieht auch sie in der Halbtotalen. Obgleich ihre Mimik an dieser Stelle interessant sein könnte, ist sie hinter ihrer Jalousie versteckt und man sieht nur ihre Umrisse. Da ihre Wohnung im Erdgeschoss, und somit tiefer als Jeffs Wohnung liegt, wird sie aus der Perspektive Aufsicht gefilmt.

2.1.2. Ton

Das interessante am Ton im gesamten Film ist, dass er immer eine Quelle im Bild hat, auch wenn diese teilweise (wie in dieser Szene) erst nach Einsetzen der Musik sichtbar wird.

Die Filmmusik in der vorliegenden Szene tönt aus dem Zimmer des Kom­ponisten. Sie beginnt jedoch, bevor ihr Ursprung sichtbar wird (vgl. movieclips 2011: 0:48) und startet somit im Off Bereich. Der Komponist spielt keine zusammenhängende Melodie. Es klingt eher so, als würden er und seine Freunde die Instrumente stimmen und improvisieren, oder für ein gemeinsames Stück proben, wobei jeder eine andere Stelle des Stücks zu üben scheint. Das Ensemble besteht aus einem Musiker am Klavier, einem Gitarristen, einem Trompeter, einem Musiker mit Klarinette und einem, der Mundharmonika spielt. Nicht alle Instrumente spielen immer gleichzeitig und gleich laut. Oft hört man das Klavier eher im Hintergrund und etwas lauter die Klarinette eine langsame Melodie spielen, die melancholisch klingt. Die Kombination von Instrumenten spielt bis zum Ende der Szene und darüber hinaus. Sie dient in dieser Szene eher der Atmosphäre als einer illustrierenden Interpretationshilfe.

Der Zuschauer hört aber nicht nur die Instrumente der Musiker, sondern auch ihre Ausrufe wie zum Beispiel „Once more“ (movieclips 2011: 0:58) oder ein Husten (vgl. movieclips 2011: 2:34). Sonstige Hintergrundgeräusche kommen von der Straße (vgl. movieclips 2011: 0:00), sowie von Stellas Schaufelbewegungen. Diese sind auch manchmal zu hören, wenn Stella nicht im Bild ist (vgl. movieclips 2011: 0:50), es aber gerade gewesen ist. So verhält es sich auch mit Schritten. Der Zuschauer hört, wie Lisa zur Leiter läuft und diese hoch klettert, auch wenn sie nicht im Bild ist, sondern Jeff, der sie aber gerade beobachtet (vgl. movieclips 2011: 1:40). So ist sogar zu hören wie ihr Kleid raschelt, als sie es über das Geländer zieht (vgl. movieclips 2011: 1:49). Anders als die Schaufelgeräusche und Schritte sind die Bewegungsgeräusche, die Jeffs Kleidung verursacht, wenn er sich bewegt (vgl. movieclips 2011: 0:16). Diese sind nur zu hören, wenn die dazugehörigen Bewegungen sichtbar sind, er sich also im Bild befindet.

[...]

Details

Seiten
22
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656616504
ISBN (Buch)
9783656616498
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v270350
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
1,7
Schlagworte
analyse szene hitchcocks meisterwerk fenster grace kelly mörderwohnung

Autor

  • Marie H. (Autor)

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