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Systemische Arbeit mit Familien. Ein kritischer Vergleich zwischen Bert Hellinger und Virginia Satir

Bachelorarbeit 2011 50 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Zusammenfassung

2 Einleitung

3 Die Familienaufstellung nach Bert Hellinger
3.1 Hellingers Biographie
3.2 Grundlagen der Familienaufstellung
3.3 Zentrale Begriffe der Familienaufstellung
3.3.1 Ordnung
3.3.2 Verstrickung
3.3.3 Versöhnung

4 Die Familienskulptur nach Virginia Satir
4.1 Satirs Biographie
4.2 Grundlagen der Familienskulptur
4.3 Familienskulptur als Methode zur physischen Wahrnehmung
4.4 Abgrenzung der Skulpturarbeit zum Psychodrama

5 Kritische Auseinandersetzung mit der Familienaufstellung nach Bert Hellinger
5.1 Kritik am patriarchalischen Familienbild
5.2 Kritik aus feministischer Perspektive
5.3 Kritik an den Begriffen: Ordnung, Verstrickung und Versöhnung
5.3.1 Kritik am Ordnungs-Begriff
5.3.2 Kritik am Verstrickungs-Begriff
5.3.3 Kritik am Versöhnungs-Begriff
5.4 Kritischer Vergleich der Familienaufstellung mit der Familienskulptur

6 Praktische Anwendung der systemischen Arbeit mit Familienskulpturen in der Sozialen Arbeit
6.1 Methodische Anwendung der Familienskulptur in der Sozialen Arbeit
6.2 Ausgewählte Interviews zur methodischen Anwendung der Familienskulptur im Kontext der Sozialen Arbeit
6.2.1 Interview zur methodischen Anwendung: praksys - Systemische Therapie und Beratung Bremen (Paul-Th. Ewert)
6.2.2 Interview zur methodischen Anwendung: Anonymes Experteninterview

7 Resümee

8 Literatur- und Quellenverzeichnis

9 Anhang
9.1 A1: Interview zur methodischen Anwendung: Anonymes Experteninterview

1 Zusammenfassung

Die folgende Bachelor-Thesis befasst sich mit einem kritischen Vergleich zweier Methoden der systemischen Familientherapie/-beratung, mit der Familienaufstellung nach Bert Hellinger sowie der Familienskulptur nach Virginia Satir. Hierzu lautet die zentrale Fragestellung dieser Arbeit:

Durch welche Aspekte unterscheidet sich die Familienaufstellung nach Hellinger von der systemischen Arbeit mit Familienskulpturen nach Satir hinsichtlich beider Methoden und Ansätze?

Um dieser Frage im Verlauf der Ausarbeitung nachgehen zu können, werden zu- nächst die Familienaufstellung nach Hellinger sowie die Familienskulptur nach Virgi- nia Satir in ihren Grundzügen beschreibend dargestellt. Nach dem ein theoretisches Basiswissen zur Anwendung beider Methoden erarbeitet wurde, werde ich mich dann der kritischen Auseinandersetzung mit der Familienaufstellung nach Hellinger wid- men. Der fundamentale Bestandteil dieses Kapitel wird dabei der kritische methodi- sche Vergleich der beiden im Fokus dieser Ausarbeitung stehenden Methoden sein.

Nachdem beide Methoden einem kritischen Vergleich unterzogen wurden, wird von mir ein praxisorientierter Bezug zu meinem Studienfach der Sozialen Arbeit herges- tellt. Hierzu stelle ich zwei von mir geführte Experten-Interviews zur Methodenan- wendung der Familienskulptur dar. Gegenstand dieser Interviews ist zum einen die methodische Anwendung der Methode und die persönliche Meinung der Experten und zum anderen ihr persönlicher Standpunkt zur umstrittenen Methode der Fami- lienaufstellung nach Hellinger in Bezug auf ihre alltägliche systemische Arbeit mit Klienten1. Zum Abschluss dieser Arbeit werde ich im Resümee auf meine Fragestel- lung eingehen und diese aufgrund meiner Ausarbeitung beantworten.

Der Vergleich der beiden Methoden ergab für mich ein klares Bild in Bezug auf die unterschiedliche Methodik und des jeweiligen Ansatzes. Die Familienaufstellung nach Bert Hellinger ist eine äußerst autoritär und rezeptiv angewandte Methode der Familientherapie/-beratung. Hierbei stehen höchst konservativen und hierarchischen Vorstellungen in Bezug auf Ordnung bzw. Rangfolge innerhalb einer Familie im Fo- kus der methodischen Anwendung. Die Familienskulptur nach Virginia Satir wirkt da- bei hingegen als eine weitaus humanistischere, ressourcenorientiertere und modernere Methode für die systemische Praxis der Sozialen Arbeit.

2 Einleitung

In der vorliegenden Bachelor-Thesis werde ich mich mit der Methode der Familienaufstellung2 nach Bert Hellinger im kritischen Vergleich zur Methode der Familienskulptur nach Virginia Satir im Kontext der Sozialen Arbeit befassen.3

Die Thematik habe ich für meine Bachelor-Thesis gewählt, weil ich im vorherigen Semester ein Seminar zur systemisch-lösungsorientieren Beratung besucht habe. In diesem Seminar wurde den Teilnehmern4 das methodische Vorgehen in der Arbeit mit der Familienskulptur nach Virginia Satir durch praktische Übungen ansatzweise vermittelt. Im Zusammenhang mit der Methode der Familienskulptur wurde jedoch nur kurz auf die umstrittene Methode der Familienaufstellung nach Bert Hellinger eingegangen. Die in der Veranstaltung angesprochenen Aspekte weckten mein Interesse, mich näher sowohl mit der Methode Hellingers als auch mit der Satirs zu beschäftigen. Mein besonderes Interesse gilt dem kritischen Vergleich der Methoden der Familienaufstellung nach Hellinger und der Familienskulptur nach Satir hinsichtlich der Anwendung im Praxisfeld der Sozialen Arbeit.

Meine Literaturrecherchen zu Hellingers Familienaufstellung führten mich zu einer Vielzahl von kritischen Kommentaren von systemisch arbeitenden Fachkräften wie beispielsweise der Psychologin Irmela Wiemann, die bereits seit vielen Jahren nach der Methode der Familienskulptur mit Familien arbeitet und Hellinger, beziehung- sweise seine Form von Familienaufstellung, unter anderem auf Grund seiner patriar- chalen Vorstellungen von Strukturen sowie seiner antiemanzipatorischen Werthal- tungen, ablehnt (vgl. Wiemann, 2000, erziehungsberatung-hessen.de, S. 1). Auch der Psychologe Werner Haas sieht und beschreibt die Arbeit von Hellinger in seinem Werk „Familienstellen - Therapie oder Okkultismus“ (2005) aus einer durchaus kriti- schen Perspektive. Weitere Kritiker in Hinblick auf Hellinger und seine Methode der Familienaufstellung sind beispielsweise die DGSF5 (vgl. DGSF, 2010, www.dgsf.org) sowie die Systemische Gesellschaft (vgl. Potsdamer Erklärung zur Aufstellungsar- beit, www.systemische-gesellschaft.de). Am 21.08.2003 veröffentlichte DIE ZEIT ei- nen ausführlichen Artikel zu Hellingers Familienaufstellung. Auch hierbei wurde seine Arbeit stets mit einem kritischen Unterton dargestellt. Trotz dieser Vielzahl von Kritikern arbeitet die 1996 von dem Familientherapeuten Gunthard Weber gegründete IAG6 weiterhin nach Hellingers Ansätzen mit dem Ziel, diese zu verbreiten und weiterzuentwickeln (vgl. Buchholz, 2003, S. 11-13).

In der vorliegenden Arbeit möchte ich unter anderem einigen Kritikpunkten an Hellingers Familienaufstellung nachgehen und seine Ansätze in Bezug auf das System „Familie“ beleuchten.

Ich halte diese Thematik sowohl für mich als angehenden Sozialarbeiter als auch für die Profession der Sozialen Arbeit insgesamt für sehr interessant, da sie sich nicht nur mit einer höchst umstrittenen Form von Familientherapie und Familienberatung7 befasst, sondern diese mit einer weitaus akzeptierten Form von systemischer Arbeit mit Familien8 vergleicht und ihre Anwendung in der Sozialen Arbeit darstellt.

Im Fokus meiner Fragestellung stehen hierbei die unterschiedlichen Methoden und Ansätze beider Verfahren in der Arbeit mit Familien. Die Fragestellung meiner Arbeit lautet somit:

Durch welche Aspekte unterscheidet sich die Familienaufstellung nach Hellinger von der systemischen Arbeit mit Familienskulpturen nach Satir hinsichtlich beider Methoden und Ansätze?

Meine Arbeit wird sich im Hinblick auf den Arbeitstitel sowie im Hinblick auf die Fra- gestellung wie folgt gliedern: Um ein Basiswissen für die weiteren Ausführungen zu erlangen beziehungsweise zu vermitteln, werde ich zunächst die Grundlagen der Familienaufstellung nach Hellinger darstellen. Im zweiten Kapitel werde ich die Grundlagen der Arbeit mit der Familienskulptur nach Satir darstellen. Im dritten Kapi- tel werde ich mich mit der Methode von Hellingers Familienaufstellung und seinem Ansatz aus kritischer Perspektive befassen. Um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen werde ich nicht auf alle bekannten Kritikpunkte eingehen können, sondern mich lediglich auf einige, aus meiner Sicht zentrale Themen beschränken. Zentrale Begriffe dieser Diskussion im Hinblick auf die Familienaufstellung nach Hellinger werden hierbei die Kritik am patriarchalischen Familienbild, die Kritik aus feministi- scher Sicht sowie eine kritische Beleuchtung von Hellingers Begriffen Ordnung, Ver- strickung und Versöhnung sein. Zum Ende des Kapitels werde ich einen kritischen Vergleich der beiden Methoden der Familienaufstellung nach Hellinger und der Fami- lienskulptur nach Satir anstellen, indem ich sie einander gegenüberstelle und ihre zentralen Unterschiede herausarbeite. Das vierte Kapitel werde ich dazu nutzen mich mit den Anwendungsbereichen der Methode der Familienskulptur nach Satir im sys- temischen Praxisfeld der heutigen Soziale Arbeit auseinanderzusetzen. Hierzu werde ich die Anwendung der Methode in Bezug auf die Sozialen Arbeit kurz darstellen und die theoretischen Ausführungen dann mit Hilfe von zwei Experten-Interviews9 zur Methodenanwendung, aus praktischer Perspektive ergänzen.

Im abschließenden Resümee werde ich dann die zentralen Ergebnisse dieser Ausarbeitung noch einmal zusammenfassen, sowie die Fragestellung meiner Arbeit mit Hilfe des durch diese Ausarbeitung neu erworbenen theoretischen und praktischen Fachwissens beantworten .

3 Die Familienaufstellung nach Bert Hellinger

3.1 Hellingers Biographie

Bert Hellinger wurde 1925 in Leimen geboren (vgl. Buchholz, 2003, S. 12). Er stu- dierte Philosophie, Theologie und Pädagogik und wurde im Anschluss daran Pries- ter. Er war sechs Jahre lang als Mitglied eines katholischen Missionsordnens in Sü- dafrika tätig. Hier leitete er mehrere höhere Schulen, darunter eine für Schwarzafri- kaner. In dieser Zeit erlangte Hellinger Einblicke in die gruppendynamische Vorge- hensweise von Trainer, welche Gruppenarbeit sowohl für Schwarze als auch für Weiße anboten. Nach seiner Rückkehr aus Afrika 1969 setzte Hellinger seine Erfah- rungen in Bezug auf Gruppendynamik in seiner therapeutischen Arbeit um. Er verließ zu Beginn der 1970er Jahre seinen Orden und wandte sich dem Tätigkeitsfeld der Psychotherapie zu, indem er eine Ausbildung zum Psychoanalytiker in Wien begann. Ihm wurde jedoch die Anerkennung zum Psychoanalytiker verweigert, nachdem er vor der psychoanalytischen Vereinigung über die unkonventionelle und zu diesem Zeitpunkt revolutionäre Arbeit des Analytikers und Psychologen Arthur Janov refe- rierte (vgl. Franke, 1997, S. 87) und sich dem Ansatz Janovs zugewandt hatte (vgl. Nuber, 2003, S. 11).

Im Anschluss daran absolvierte Hellinger mehrere Studienaufenthalte in den Verei- nigten Staaten von Amerika. Er hielt sich neun Monate lang in Los Angeles auf, um dort die Primärtherapie von Arthur Janov zu erlernen. Auf seinem Weg zu seiner Therapie begegnete Hellinger unterschiedlichen Therapieformen, darunter der Ge- stalttherapie,10 der Familientherapie, der Provokativen Therapie11 sowie der Hypno- therapie.12 Die Auseinandersetzung mit der Arbeit von Eric Berne übte einen großen Einfluss auf die Vorgehensweise Hellingers aus (vgl. Franke, 1997, S. 87).

Für seine Familienaufstellung übernahm Hellinger die Methode des Aufstellens von Repräsentanten an Stelle der Familienmitglieder von Thea Schönfeld, die dieses ers- tmalig bei psychiatrischen Patienten anwendete (vgl. Sparrer, 2009, S. 100-101).

Hellinger lebt mittlerweile in Süddeutschland und hat seine Praxis sowie die Arbeit mit Gruppen aufgegeben. Stattdessen arbeitet er in Form von Lehrseminaren in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Thematiken bezüglich seiner Arbeit sind psychiatrische sowie psychosomatische Erkrankungen und die Auswirkungen der systemischen Verstrickung13 auf der Basis von zwischenmenschlichen Beziehungen (vgl. Franke, 1997, S. 89).

Seit 1996 besteht die Internationale Arbeitsgemeinschaft Systemischer Lösungen nach Bert Hellinger (IAG), deren Aufgabe es ist über die Qualität der Lehre zu wa- chen sowie sich mit der Pflege der Praxis zu befassen (vgl. Haas, 2005, S. 13).

3.2 Grundlagen der Familienaufstellung

Bevor ich genauer auf den Begriff der Familienaufstellung eingehe, möchte ich zunächst den Begriff „Aufstellung“ mit einem Zitat näher erläutern:

„Aufstellungen helfen, systemische Beziehungsstrukturen in kurzer Zeit zu erkennen und zu einer Lösung zu führen. Das Verhalten und die Aussagen des Klienten stellen dabei eine Folge der tieferliegenden ‚unsichtbaren Bindungen‘ dar. Veränderungen in dieser Struktur führen zu Veränderungen im Handeln, Denken und damit Fühlen.“

(Franke, 1997, S. 91-92)

Die Familienaufstellung ist eine Methode, bei welcher der Klient mit Hilfe von Grup- penmitgliedern sein inneres Bild seiner eigenen Familie nachstellt. Die Grundannah- me lautet hierbei, dass der Grund für psychische Störungen und psychosomatische Erkrankungen möglicherweise eine Störung der Ordnung14 innerhalb des Familien- systems ist. Somit entstehen so genannte systemische Verstrickungen (vgl. Franke, 1997, S. 85), die sich als Verstoß gegen Hellingers Ordnung innerhalb der Familie schädlich auf die nachfolgenden Generationen auswirken können (vgl. Schlee, 2003, S. 28).

In Bezug auf die Familienaufstellung nach Hellinger beschreibt Hausner die Verbindung der Generationen untereinander innerhalb einer Familie so:

„Das Familienstellen bringt darüber hinaus ans Licht, wie auch die Traumen der Vor- fahren, mit denen wir schicksalhaft verbunden sind, generationsübergreifend weiterwirken und auf das Leben der Nachkommen Einfluss nehmen.“

(Hausner, 2008, S.17)

In der Familienaufstellung nach Hellinger wird mit Provokationen gearbeitet, weiter- hin weist diese Methode deutliche Bezüge zum psychoanalytischen Weltbild auf (vgl. Sparrer, 2009, S. 102). Hellinger geht in seiner Arbeit davon aus, dass es eine „rich- tige“, das heißt eine passende Ordnung für das System gibt. Diese Ordnung verhilft dem System zur Ruhe, Stabilität und Zufriedenheit bei allen Mitgliedern. Die Fami- lienaufstellung ist also dazu da, störende beziehungsweise gestörte Beziehungen zu erforschen. In einem weiteren Schritt wird versucht die Ordnung erneut oder zum ersten Mal (wieder) herzustellen. Unbewusste Verstrickungen innerhalb einer Familie werden durch die Familienaufstellung sichtbar und somit behandelbar gemacht. Die Arbeit Hellingers ist auf Versöhnung15 und Gerechtigkeit16 ausgerichtet (Franke, 1997, S. 85-86).

Die Familienaufstellung verläuft in ihren Grundzügen folgendermaßen: Der Klient beschreibt sein Anliegen mit möglichst wenigen Worten (vgl. Schlee, 2003, S. 24). Der Therapeut stellt dem Klienten dann einige Fragen, welche für die Aufstellung wichtig sind. Eine mögliche Frage ist z. B., ob jemand verheiratet ist und Kinder hat. Daraus ergibt sich nämlich, ob auch die Gegenwartsfamilie in die Familienaufstellung einbezogen werden muss oder ob sich die Aufstellung nur auf die Herkunftsfamilie bezieht. Dann stellt der Therapeut Fragen zur Herkunftsfamilie in Bezug auf wichtige Ereignisse, wie beispielsweise nach jung verstorbenen Familienmitgliedern oder traumatischen Erlebnissen des Klienten in der Kindheit (vgl. Hellinger, 2007b, S. 193). Hierbei sind lediglich äußere Ereignisse von Bedeutung. Es ist beispielsweise für die Aufstellung unwichtig, ob der Vater trinkt oder ob sein Wesen eher dominant oder devot ist (vgl. Hellinger, 2007b, S. 194). Hat der Therapeut genug Informationen gesammelt, kann die Aufstellung der Familie des Klienten beginnen (vgl. Hellinger, 2007b, S. 193). Der Klient wird nun aufgefordert sich zu sammeln und seine Familie aufzustellen. Er wählt hierzu aus den anwesenden Gruppenmitgliedern so genannte Stellvertreter für seine Familienmitglieder aus und stellt sie so auf, wie es ihm in Be- zug auf sein Anliegen als angemessen erscheint (vgl. Schlee, 2003, S. 24). Das heißt, der Klient positioniert die Stellvertreter in ihrer Beziehung zueinander im Raum (Hellinger, 2007a, S.16). Beim Aufstellen kann der Klient lediglich den Standpunkt im Raum und die Blickrichtung der Stellvertreter bestimmen. Den Stellvertretern wird nur gesagt, welches Familienmitglied sie vertreten sollen, ansonsten werden keine weiteren Informationen gegeben (vgl. Schlee, 2003, S. 24). Die Stellvertreter fühlen sich, laut Hellinger, dann so wie die Personen, welche sie repräsentieren, ohne dass sie etwas über diese wissen (Hellinger, 2007a, S.16). Es wird mindestens ein Stell- vertreter im „Feld“ aufgestellt, meist jedoch zwei oder mehr. Hierbei können nicht nur Stellvertreter für Personen gestellt werden, sondern auch für Symptome, Emotionen, den Tod oder ein bestimmtes Land (vgl. Schneider, 2006, S. 38). Schneider führt da- zu aus: „Je weniger die Stellvertreter wissen, desto überzeugender ist ihr gefühltes

Wissen für den Klienten.“ (Schneider, 2006, S. 25)

Hat der Klient alle für die Familienaufstellung nötigen Stellvertreter aufgestellt, posi- tioniert er einen Stellvertreter für seine eigene Person und zieht sich aus der Aufstel- lung zurück, um die weiteren Schritte und Ereignisse von außen zu beobachten. Laut Hellinger baut sich nun ein so genanntes „energetisches Kraftfeld“ auf, das es allen Stellvertretern ermöglicht, die Emotionen und Einstellungen so wahrzunehmen wie die Familienmitglieder, welche sie in der Aufstellung repräsentieren (vgl. Schlee, 2003, S. 24). Hausner beschreibt diesen Effekt so: „Je nachdem wie die Stellvertreter zueinander in Beziehung stehen, wie sie empfinden, was sie äußern, welche Impulse sie haben, können der Aufstellungsleiter und der Patient erkennen, welche Ereignis- se aus der Geschichte der Familie relevant sind und welche Dynamiken in dieser Familie wirken und in einem Zusammenhang mit der Krankheit und der Symptomatik des Patienten stehen können.“ (Hausner, 2008, S. 19)

Der Therapeut fragt nach der Aufstellung die einzelnen Stellvertreter, wie sie sich in ihrer Position fühlen und wahrnehmen. Dabei wird sowohl auf physische als auch seelische Empfindungen eingegangen. Aus den Informationen der Stellvertreter kann der Therapeut nun auf Ereignisse in der Vergangenheit der Familie des Klienten schließen. Mit Hilfe der Informationen können dann erforderliche Veränderungen in Bezug auf die Positionierung der Stellvertreter zueinander abgeleitet werden. Nach- dem der Therapeut die Positionen der Stellvertreter entsprechend verändert hat, be- fragt er sie nach eventuellen Veränderungen in ihrem Empfinden und ihren Eindrü- cken in der neuen Position. Durch die Aussagen der Stellvertreter zu ihren Empfin- dungen kann der Therapeut, wenn nötig, weiter umstellen, bis er eine Konstellation gefunden hat, in der sich alle Stellvertreter in ihrer richtigen Position fühlen (vgl. Schlee, 2003, S. 24-25). Er lässt sich hierbei von den Rückmeldungen der Stellvert- reter leiten, indem er fragt, ob die jeweilige Veränderung in der Konstellation vom Betreffenden als „besser“ oder „schlechter“ empfunden wird (vgl. von Schlip- pe/Schweitzer, 2007, S. 43). Durch die Empfindungen der Stellvertreter kann die fa- miliäre Ordnung gefunden werden, bei welcher sich alle Familienmitglieder wohl füh- len (vgl. Hellinger, 2007a, S.16).

Anschließend richtet der Therapeut weitere Fragen an den Klienten, der sich noch immer außerhalb der Aufstellung befindet. Besonderes wird hier nach den so ge- nannten „Verstößen gegen die familiäre Ordnung“17 gefragt. Hat der Therapeut durch diese Fragen weitere Details über die Familiengeschichte erfahren, erweitert er die Aufstellung um weitere Stellvertreter von Familienmitgliedern. Hierbei handelt es sich meist um Familienmitglieder aus der Großelterngeneration. Es können jedoch hierbei auch Personen aufgestellt werden, welche bereits verstorben sind.18 Durch die Fra- gen des Therapeuten stellt sich immer heraus, dass der Klient in seiner ursprüngli- chen Aufstellung wichtige Mitglieder seiner Familie übersehen oder vergessen hat, welche nun vom Therapeuten nachträglich und ergänzend aufgestellt werden. An- schließend wird der Klient in die Position seines Stellvertreters gestellt, um direkt in die Dynamik einbezogen zu werden (vgl. Schlee, 2003, S. 23-25). Hierbei soll er sei- nen Platz in dem versöhnten und neu geordneten System spüren (vgl. Schneider, 2006, S. 26). Der Therapeut konfrontiert den Klienten mit einigen Stellvertretern, wel- che für bestimmte Mitglieder seiner Familie stehen. Durch exakt vom Therapeuten bestimmte Handlungen19 und Dialoge zwischen den Stellvertretern und dem Klienten entwickeln sich eine körperliche Nähe, intensive Blickkontakte und so genannte „lö- sende“ Sätze hin zu einer starken Emotionalität (vgl. Schlee, 2003, S. 25). Die Auf- stellung kommt zur Ruhe, wenn alle Familienmitglieder wieder zusammenfinden, ausgeklammerte Familienmitglieder wieder integrieret wurden und jeder seinen ihm zustehenden Platz in der Familie eingenommen hat (vgl. Schneider, 2006, S. 26). Schlee beschreibt den Effekt der Familienaufstellung so: „Fast immer sind die Klien- ten innerlich sehr berührt und meinen, einen tiefen Blick in die ihnen bis dahin uner- kannte Dynamik ihrer Familiengeschichte getan zu haben. Sie glauben, nun deren Zusammenhänge erkennen zu können.“ (Schlee, 2003, S. 25-26)

Hellinger erkannte, dass die Methode der Aufstellung eine gute Möglichkeit bietet seelische Vorgänge sowie familiäre Bindungsprozesse zu visualisieren. Durch die Bewegung der Stellvertreter, ihre Umstellung, kurze Informationsfragen sowie das Einbeziehen von ausgeschlossenen Personen und durch kurze lösende Dialoge las- sen sich bei einem Klienten hilfreiche Prozesse bewirken (vgl. Schneider, 2006, S. 24).

Hausner weist darauf hin, dass nicht für alle Personen die Gruppensitzung ein geeignetes Setting ist. Besonders bei psychisch labilen Personen sollte dies vorab mit dem Arzt oder Therapeuten erörtert werden (vgl. Hausner, 2008, S. 19).

Eine Familienaufstellung kann zwischen 15 und 90 Minuten dauern. Meistens wird sie jedoch vom Therapeuten nach 25 bis 35 Minuten beendet. Im Anschluss daran wird nicht mehr über den Inhalt oder den Verlauf der Familienaufstellung gespro- chen. Ein Austausch zwischen den beteiligten Personen ist hierbei nicht vorgesehen und auch zur Nachhaltigkeit der Veränderungen durch Familienaufstellungen gibt es bislang noch keine systematischen Untersuchungen (vgl. Schlee, 2003, S. 26).

3.3 Zentrale Begriffe der Familienaufstellung

Dieses Kapitel möchte ich dazu nutzen um drei zentrale Begriffe der Familienaufstellung nach Hellinger näher zu beleuchten. Dies wird mit der Absicht unternommen, ein tiefer greifendes Verständnis zum Ansatz sowie zur therapeutischen Haltung Hellingers und seiner Anhänger20 zu erlangen bzw. zu vermitteln.

[...]


1 Im Anhang dieser Arbeit befindet sich der von mir, in denn Experten-Interviews, verwendete Leitfa- den.

2 Von Hellinger sowie anderen Autoren auch oft „Familienstellen“ genannt.

3 Auf Grund der Komplexität dieser beiden Verfahren werde ich nicht auf alle Teilaspekte eingehen können. Wohl aber werde ich versuchen einen theoretischen Einblick in beide Methoden zu geben.

4 Um den Lesefluss nicht zu stören, werde ich im folgenden Text jeweils nur das generische Masku- linum verwenden.

5 Deutsche Gesellschaft für systemische Therapie und Familientherapie.

6 Internationale Arbeitsgemeinschaft für Systemische Lösungen nach Bert Hellinger.

7 Hiermit ist die Familienaufstellung nach Hellinger gemeint.

8 Hiermit ist die Familienskulptur nach Satir gemeint.

9 Siehe den Interviewleitfaden im Anhang.

10 Mit der Transaktions- und Skriptanalyse von Eric Berne.

11 Von Frank Farelly.

12 Von Milton Erickson.

13 Siehe hierzu Kap. 3.2.2.

14 Siehe hierzu Kap. 3.2.1.

15 Beispielsweise mit den Eltern.

16 Das heißt, das Recht eines jeden Familienmitgliedes auf Zugehörigkeit zum System.

17 Beispielsweise eine Scheidung in der Familie.

18 Beispielsweise Fehlgeburten.

19 Beispielsweise sich verneigen (vgl. Schneider, 2006, S. 39).

20 Wie z. B. die Autoren Hausner, Weber und Schneider (siehe Literaturverzeichnis).

Details

Seiten
50
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656626343
ISBN (Buch)
9783656626381
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v270343
Institution / Hochschule
Hochschule Bremen – Gesellschaftswissenschaften
Note
2,25
Schlagworte
Familienausfstellung Familienskulptur Bert Hellinger Virginia Satir systemische Familienberatung systemische Familientherapie Soziale Arbeit
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Titel: Systemische Arbeit mit Familien. Ein kritischer Vergleich zwischen Bert Hellinger und Virginia Satir