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Der Einfluss Martin Luthers und der Reformation auf die deutsche Sprache

Hausarbeit 2012 11 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Voraussetzungen für den Einfluss Luthers und der Reformation auf die deutsche Sprache
2.1 Luthers sprachliche Herkunft
2.2 Der Buchdruck

3. Vokalismus
3.1 Präteritaler Numerusausgleich
3.2 Diphthongierung von mhd . î, û und iu
3.3 Umlaut
3.4 Vokallänge

4. Druckschwache Silben
4.1 e- Apokope
4.2 Diminutivendungen –lein, –lîn und –le

5. Orthographie und Wortschatz
5.1 Orthographie und Großschreibung der Substantive
5.2 Wortschatz
5.3 Neue Wortbedeutungen

6. Syntax

7. Fazit

8. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einführung

Im Folgenden soll sich mit der Bedeutung der Reformation und Martin Luthers für die deutsche Sprachgeschichte näher beschäftigt werden. Hierzu werden zunächst die günstigen Voraussetzungen für Luthers Schaffen erläutert, bevor die betroffenen sprachlichen Elemente in Hinblick auf ihre heutige Gültigkeit untersucht werden. Die Frage inwiefern Luther die deutsche Sprache beeinflusst hat, beschäftigt die Sprachwissenschaft bis heute und die Beantwortung ist ein immer noch andauernder Prozess.

2. Voraussetzungen für den Einfluss Luthers und der Reformation auf die deutsche Sprache

2.1 Luthers sprachliche Herkunft

Um Luthers Rolle im Folgenden genauer untersuchen zu können ist es wichtig sich mit seiner sprachlichen Herkunft auseinanderzusetzen. Diese war denkbar günstig, denn sie war nicht nur in einer geographischen, sondern auch in einer sprachgeographischen Mittellage verortet.

„Luther in Kiel oder Konstanz hätte sich sprachlich schwergetan, wäre wahrscheinlich gescheitert. Das mittlere Deutschland hatte Brückenfunktion, das östliche Md. In sprachlicher Hinsicht damals noch mehr als das westliche.“

(BESCH 22000: 1717)

In seiner Geburtsstadt Eisenach dominierte das Omd. und in Mansfeld, wo Luther die Schule besuchte, lernte er das Nd. kennen, das in der mündlichen Kommunikation vorherrschte. Auf seinen zahlreichen Reisen lernte er weitere Varietäten der deutschen Sprache kennen und stellte rasch Kommunikationsschwierigkeiten fest, die sich nur durch eine weniger dialektal geprägte Sprache überwinden ließen. In einer seiner berühmten Tischreden sprach er davon, dass es einer allgemeinen deutschen Sprache bedürfe, damit „[...] mich beide, Ober- und Niederländer verstehen mögen“ (zitiert nach BESCH 22000: 1717). Die Sprache von der er spricht ist vermutlich die der Sechsischen cantzley (BESCH 22000: 1717), die laut Luther von allen Reichsstädten und Fürstenhöfen geschrieben wird und die daher die geeignetste Sprache wäre.

2.2. Der Buchdruck

Zur Luthers Schaffenszeit war die Erfindung des Buchdrucks bereits gereift und kein unübliches Medium der Informationsverbreitung mehr. Doch was Luther durch den Buchdruck erreichte war bis dahin ungesehen. Durch die rasend schnelle Verbreitung seiner Thesen wurde er rasch in allen Bevölkerungsschichten bekannt. Ebenso schnell verbreitete sich seine deutsche Übersetzung des Neuen Testaments (1522) und schließlich die der gesamten Bibel (1534) (BESCH 22000: 1718). Es ist möglich, „dass bis 1546 jede zweieinhalbte Hausgemeinschaft einen (Teil-) Druck von Luthers Übersetzung besaß“ (TSCHIRCH 1966: 55). Diese Vermutung und die rasante Verbreitung seiner 95 Thesen gegen den Ablasshandel und seine Kritik an der Politik der Kirche hatten großen Einfluss auf den Gedankenumschwung der Bevölkerung, das Fundament der Reformation.

„Sie [die Bibel], insbesondere das NT, gilt als Grundgesetz eines freien Christenmenschen, ist ‘Adelsbrief’ des bisher verachteten und unterdrückten ‘gemeinen’ Mannes.“

(BESCH 22000: 1718)

Diese Rolle und die daraus resultierende starke Verbreitung waren maßgebend für den Beginn einer sprachlichen Reform und einer verstärkten Alphabetisierung im deutschen Raum. Denn noch bis weit ins 18. Jahrhundert hinein war sie neben dem ebenfalls durch die Bibel geprägten Gesangsbuch das einzige Buch in protestantischen Haushalten (TSCHIRCH 1966:56). Im Folgenden soll sich nun den betroffenen sprachlichen Phänomenen gewidmet werden.

3. Vokalismus

3.1 Präteritaler Numerusausgleich

Der Präteritale Numerusausgleich vereinfachte das Ablautsystem der sieben Ablautreihen von vier auf drei Ablautstufen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nübling 32010:208

Anhand der oben abgebildeten Tabelle ist der Ausgleich des Präteritalen Numerusablauts am Beispiel von helfen (Ablautreihe III)gut zu erkennen. Aus er half – sie hulfen wurde er half – sie halfen. Statt wie im Mhd. Aspektunterschiede zu kennzeichnen, markierten die vier Stufen jetzt Tempus- und Numerusunterschiede (NÜBLING 32010: 206). Der Abbauprozess des Präteritalen Numerusablauts begann ungefähr in der Mitte des 15. Jahrhunderts und erlangte seine endgültige Form ca. um 1650 (REICHMANN/WEGERA 1993: §M110). Luthers Wirken und seine Bibelübersetzung fiel also in den Zeitraum dieses Prozesses. Trotzdem findet sich der Präteritale Numerusablaut bei Luther noch. So stehen bei ihm zum Beispiel die Formen er starb – sie sturben statt wie im Nhd. er starb – sie starben (5. Buch Mose Bl. XCVIIr). Hier bringt Luther mit seiner Sprache also keine Neuerungen mit sich. Vielmehr verschwindet der Präteritale Numerusablaut nur ein knappes Jahrhundert nach Luthers Tod beinahe gänzlich aus der deutschen Sprache.

3.2. Diphthongierung von mhd. î, û und iu

Aus den langen Vokalen î, û und iu im Mhd. werden im Nhd. die Diphthonge ei, au und eu (äu) (BACH 1974: §14.1). Diese Entwicklung tritt nach BACH (1974) im thüringisch-obersächsischen Raum erst spät ein und siegt erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts in der kursächsischen Kanzlei. Luther sprach zwar vermutlich selbst nichtdiphthongierte Formen. Obwohl er ihnen auch in seinem Umfeld häufig begegnet sein musste, tauchen sie in seinen Schriften nur selten auf. So schreibt er für die normale Entsprechung des mhd. î zum Beispiel beycht, sie beichten, leyden, kleistern heyratten, preißen und es reymet (entnommen aus BACH 1974: §14.2). Der Wechsel zwischen ey und ei ist der Tatsache geschuldet, dass Luther bis 1520 fast ausschließlich ey schreibt, dann in einer fast zehnjährigen Phase bis 1528 beide Formen verwendet, um das ey später oft nur noch im Auslaut zu benutzen und in manchen Fällen im Hiatus (Bach 1974: §14.1).

Ähnliches gilt für das mhd. û, das im Nhd. zu au bzw. aw. In sehr seltenen Fällen traten andere Grapheme auf, wie zum Beispiel in ma uͤ l oder sa uͤ r. Belege für die Diphthongierung au bzw. aw bei Luther: außer, prauch, brawne, faul, haws, maul; (entnommen aus BACH 1974: §15.1)

Für iu schreibt Luther eu bzw. ew, wobei er ew häufig im Auslaut oder Hiatus benutzt. Belege hierzu für die Diphthongierung bei Luther: er gepeut, beuttel, es bedeutet, schewchter, teuffel und streubten sich; (entnommen aus BACH 1974: §16.1)

Er unterscheidet dabei nicht zwischen den mhd. Diphthongen ei, ou und eu (öu) und den diphthongierten langen Vokalen î, û und ui. Diese einheitliche Schreibung war wohl zunächst rein graphisch, da beide Lautreihen in keinem Dialekt zusammenfielen. Heute ist diese Vereinfachung umso wichtiger, da sie sowohl die mündliche als auch die schriftliche Standardsprache übernommen haben (BACH in: BESCH 22000: 1720). Zwar lassen sich hier Besonderheiten, Abweichungen und Schwankungen feststellen, doch die Regel ist, dass Luther die Diphthongierung anstelle der langen Vokale und der „alten“ Diphthonge verwendete.

3.3 Umlaut

Bei einem Umlaut handelt es sich wie bei einem Ablaut um eine „Form ebenübergreifenden Wandels, der von der phonologischen Ebene auf andere Ebenen übergeht“ (NÜBLING 32010: 215). Zunächst soll sich nun mit den Luther klar erkennbaren Umlauten a, â und au beschäftigt werden. Nachdem im Ahd. bereits der Primärumlaut des vormals kurzen a herrschte, wurde im Mhd. der Sekundärumlaut ä durchgeführt. Luther selbst unterschied nicht zwischen den beiden Umlauten und schrieb e für und ä (wie für ë). Nach BACH tauchen bis auf einzelne Sonderfälle die Wörter bzw. Wortformen, die im Mhd. und Nhd. den Umlaut a > e/ä zeigen, bei Luther ebenfalls eindeutig umgelautet auf. Bei BACH (1974: §26ff.) werden alle Sonderfälle gesondert aufgelistet und an Belegen erläutert. Dazu zählen Schwankungen bei Luther zwischen a und e wie zum Beispiel bei den Wörtern verechter – verachter und stathalter – stathelter (entnommen aus BACH 1974: §26.1). BACH nennt und belegt zahlreiche weitere Schwankungen, die bei Luther auftreten. Ähnliches gilt für den Umlaut au (aw), der bei Luther durch eu bzw., ew wiedergegeben wird. Auch hier kommt es vereinzelt zu Schwankungen bei Luther, denn im Obd. wurde der Umlaut von mhd. ou und û durch bestimmte Lautverbindungen verhindert, während das Md. den Umlaut auch dort durchführt (BACH 1974: §28.1). Bei Luther finden sich zwar meistens die umgelauteten Wörter, in einigen Fällen verwendet er aber auch die nicht umgelauteten Formen wie zum Beispiel in sich strawen – sich strewen (entnommen aus BACH 1974: §28.1f.) Gleichzeitig überwiegen bei Luther die md. Umlautform in mhd., die sich im Nhd. durchgesetzt hatte, doch auch hier gibt es vereinzelte Ausnahmen bei Luther die BACH jeweils gesondert erläutert und belegt. So herrschte in Luthers ersten Jahren noch häufigeres Schwanken, da er in dieser Zeit die Sprache der kursächsischen Kanzlei seine Sprache prägte und diese mehr Bezug zum Obd. hatte. In späteren Jahren nutzte Luther sehr viel häufiger die umgelauteten Formen aus seiner Mundart, die sich allerdings nicht wie andere Formen im Nhd. durchsetzten (BACH 1974: §28.1f). Eine Schwankung soll hier gesondert vorgestellt werden, da es sich hierbei um ein essentielles Wort aus Luthers kirchlich geprägtem Wortschatz handelt, nämlich die Schwankung zwischen Umlaut und Nichtumlaut bei glauben. Gerade in den frühen Drucken ist diese Schwankung nicht selten, nimmt aber im Laufe der Jahre ab bis er die umgelautete Form durchsetzt. Interessant hierbei ist, dass er denselben Stamm in erlauben immer in der umgelauteten Form verwendete. BACH führt dies darauf zurück, dass glauben für Luther einen Fachterminus der Kirche darstellt und er daher zunächst die auswärtige, schriftsprachliche Version bevorzugt, während für ihn erlauben ein alltäglicher Terminus war und er daher von Beginn an die heimische, umgelautete Version nutzte.

Von den vorangegangenen Umlautbeschreibungen unterscheiden sich Umlauterscheinungen der u+o - Laute, da deren Bezeichnung im Omd. bis in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts unterblieb (BACH 1974: §29.1). Die Wittenberger Drucke Luthers nehmen somit im omd. Raum eine Vorreiterrolle in der orthographischen Entwicklung ein. In Luthers Handschriften finden sich zu Beginn die Umlautbezeichnungen der u+o -Laute (uͤ, oͤ) noch sehr selten. Da diese sehr häufig in vielen unterschiedlichen Schriften auftreten vermutete BACH, dass diese Zeichen bei Luther in den meisten Fällen den Umlaut bezeichnen. Da uͤ ͤ im Obd. auch für den nichtumgelauteten Diphthong, mhd., uo stehen kann, kann diese Bezeichnung in Luthers Drucken sowohl für Umlaut als auch für nichtumgelauteten Diphthong stehen (BACH 1974: §29.1).

3.4 Vokallänge

Im Folgenden soll sich mit der Kennzeichnung der Länge von Vokalen auf Basis von BACH (1974) befasst werden. Wie in Kapitel Orthographie und Großschreibung von Substantiven S.7 noch näher erläutert werden wird ist es schwierig bei Luther eine eindeutige Kennzeichnung der Vokallängen zu treffen, da er zeitlebens an seiner Orthographie arbeitete und Korrekturen vornahm. Trotzdem lassen sich die Dehnungskennzeichen ziemlich sicher erkennen während die Kennzeichen der Kürze oftmals mit der „willkürlichen“ Konsonantendopplung im Fnhd. verwechseln lassen. Die Kennzeichnung der Vokallänge durch einen Doppelvokal kommt bei o sehr selten vor während es bei e (ê, , ë oder ä) etwas häufiger der Fall ist. Charakteristisch für die Anzeige einer Vokallänge im Deutschen ist das nachgestellt h. Dieses „erklärt sich eindeutig durch den Wegfall des noch im Mhd. gesprochenen h in Worttypen wie s ëhen > se: ən > ze: n, stăhel > stăl > šta: l »stahl« m. Die Bezeichnung wurde dann auf Wörter übertragen, in denen nie ein h gestanden hatte, [...].“ (BACH 1974: §38.1).Während es nach a und o selten und nach u noch seltener steht, findet es sich als Dehnungskennzeichen nach e, wo es jedoch auf bestimmte Wortstämme begrenzt ist. Das h als Dehnungszeichen steht aber nicht nur in Wörtern, in denen es vorher nicht vorhanden war, sondern bleibt als Dehnungszeichen auch dort erhalten, wo es schon immer stand aber im Laufe der Sprachgeschichte verstummte. Hierfür sprechen einige Argumente (vergleiche hierzu BACH 1974: §38.6). i hingegen wird hauptsächlich durch das Doppelgraphem ie gekennzeichnet, fiel aber bei Luther mit dem aus der Dehnung entstandenen i zusammen. Daher muss festgehalten werden, dass bei Luther ie in Wörtern steht, in denen es „geschichtlich berechtigt war, aber langes i bezeichnet“ (BACH 1974: §39.1) wie zum Beispiel in dienen. Durch die stetigen Veränderungen Luthers kommt es hier oft zu großen Schwankungen.

Stand im (F)Mhd. ein kurzer Vokal vor einer Verbindung aus Konsonanten bzw. vor einem doppelten Konsonanten wurde er hier in der Regel gekürzt. Allerdings sind Doppelkonsonanten eines der deutlichsten Merkmale der frnhd. Orthographie und machen eine Unterscheidung daher schwer. Vor allem in den ersten Jahren finden sich sich bei Luther. Allerdings ist diese willkürliche Verdopplung bei ihm auf n, l und t beschränkt, was eine Eingrenzung einfacher macht (BACH 1974: §40.2) Die beiden ersteren Konsonanten finden sich häufig in druckschwachen Silben verdoppelt vor, wie zum Beispiel in siebenn oder gebenn. Auch hier gibt es weitere Schwankungen und Sonderfälle (vergleiche hierzu BACH 1974:§40ff.).

[...]

Details

Seiten
11
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656616597
ISBN (Buch)
9783656616580
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v270314
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,7
Schlagworte
einfluss martin luthers reformation sprache

Autor

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