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Die Rolle der Frau in Sparta im Licht der zeitgenössischen Kritik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 20 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die Frau in Sparta
Gesellschaftliche Normen und Voraussetzungen
Die Erziehung der Mädchen
Ehestiftung, Eheleben und Sexualität - die spartanische Ehefrau

Die Frau in Sparta aus der Sicht Athens - Ein „Weiberregiment“?
Die Spartiatin als Wirtschafterin
Die Verhältnisse in Athen
Der Gegensatz Athen - Sparta

Schluss

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Nun, als ich einmal darüber nachdachte, daß Sparta, obwohl es zu den Städten mit der geringsten Bürgerzahl zählt, sich offenkundig dennoch als die mächtigste und berühmteste in Griechenland erwiesen hat, wundere ich mich, wie dies überhaupt geschehen konnte. Als ich nun aber die Einrichtungen der Spartiaten näher betrachtete, hörte ich auf, mich zu wundern.“1

Mit diesen Worten beginnt der athenische Schriftsteller, Politiker und Feldherr Xenophon (ca. 426 - 355 v. Chr.) seine Darstellung der Verfassung des Staates Lakedaimon, welche heute zu einer der wichtigsten Quellen der Geschichte der Polis Sparta zählt. Für Xenophon lagen der rapide Machtzuwachs und der damit verbundene Ruhm der kleinen Polis auf dem Peloponnes in deren innerer Verfassung begründet. Die strenge Zucht, das allgegenwärtige Gemeinwesen und die absolute Konzentration der Bemühungen jedes Einzelnen auf das Wohl dieses ersten totalitären Staates der Geschichte2 sind maßgebliche Faktoren für den militärischen Erfolg der Lakedaimonier. Deren sprichwörtliche spartanische Lebensweise war nur in Verbindung mit einer für das antike Griechenland einzigartigen Wirtschaftsform möglich: Zum einen konnten sich die Vollbürger Spartas, die bezüglich der Gesamtpopulation eine Minderheit darstellten, nur voll und ganz auf die Perfektionierung der Kriegskunst konzentrieren, da landwirtschaftliche Arbeiten und damit die Ernährung der Polis vollständig von den Staatssklaven, genannt Heloten, verrichtet wurden. Zum anderen ließ sich diese Lebensweise der Spartiaten nur unter einer weiteren Voraussetzung realisieren: der Übertragung der Verantwortung für die Bewirtschaftung des Oikos auf die Frau.

Die vorliegende Arbeit widmet sich den Umständen, unter denen die Frauen im Sparta der archaischen und klassischen Zeit lebten. Dabei ist besonders von Interesse, worin die Besonderheiten bezüglich ihrer Sozialisierung und ihres gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Status im Vergleich zu anderen griechischen Poleis lagen; hierfür sollen Vergleiche mit der Polis Athen gezogen werden. Außerdem wird darauf eingegangen, wie nichtspartanische Zeitgenossen diesen Sonderstatus der Spartiatin bewerteten. Es müssen gleich an dieser Stelle einige Einschränkungen vorgenommen werden, die teilweise dem Umfang dieser Arbeit und teilweise der Quellenlage geschuldet sind. Der Begriff "Frau" ist im Kontext der antiken Gesellschaftsstruktur nicht eindeutig, da selbstverständlich zu den weiblichen Bewohnern einer griechischen Polis neben den Vollbürgerinnen auch Metökinnen und Sklavinnen, bzw. im Falle Spartas, Helotinnen gehörten. Die Lebensumstände, Einflussmöglichkeiten und den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Status all dieser verschiedenen Bevölkerungsgruppen hier darzustellen, würde jedoch den gesetzten Rahmen sprengen. Daher sei darauf hingewiesen, dass im Fokus dieser Untersuchung die weiblichen Vollbürger stehen. Es liegt auf der Hand, dass die Geschicke der Frauen nicht isoliert dargestellt werden können. So wird in dieser Arbeit zwar darauf verzichtet, beispielsweise die Erziehung der männlichen Spartiaten im Detail darzustellen, jedoch ist es vor allem im Kontext der Eheschließung, des Ehelebens und auch der für Sparta spezifischen Form der Arbeitsteilung unumgänglich, auch die Ehemänner mit einzubeziehen.

Auch bezüglich der Quellenlage sind einige Bemerkungen vonnöten: Dadurch, dass spartanische Quellen weitestgehend fehlen ist man in der Forschung auf die Zeugnisse Außenstehender angewiesen, die in ihren Beobachtungen und deren Dokumentation selbstverständlich die Perspektive der eigenen Kultur einnahmen. Es sind also die vielen Randbemerkungen, Kommentare und Vorwürfe, aus deren Gesamtheit man sich ein Bild zusammensetzen kann. Vor allem Xenophon, Aristoteles und Plutarch waren es, die die Sonderstellung der Frau in Sparta zum Teil sehr kritisch (Aristoteles) dokumentierten. In Bezug auf Plutarch (ca. 45 - ca. 125 n. Chr.) und seine Darstellungen ist zu erwähnen, dass der Quellenwert seiner Lykurgvita für eine möglichst verlässliche Darstellung der Verhältnisse in Sparta in gewisser Weise hinterfragt werden muss, da, aufgrund des zeitlichen Abstands und der zur damaligen Zeit bereits betriebenen allgemeinen Mystifizierung Spartas, das gezeichnete Bild wohl in hohem Maße idealisiert war. Nichtsdestotrotz sind die Informationen über Sparta, die in seinen Niederschriften enthalten sind, von großem Wert. Wenn auch die zeitliche Distanz groß war, so hat Plutarch doch mit großem Aufwand zusammengetragen, was zu seiner Zeit über die Lakedaimonier und die Regeln ihres Zusammenlebens bekannt war.

In Aristoteles‘ (384 - 322 v. Chr.) einflussreichem Werk „Politik“ beschreibt dieser seine Vorstellungen von vernünftiger und erfolgreicher Staatsführung. Diese beinhalten nicht nur seinen Entwurf der Verfassung eines idealen Staates und wie dieser geführt und bewirtschaftet werden sollte, sondern thematisieren gleichermaßen eine Vielzahl von Bedingungen unterschiedlichster Art, deren Erfüllung er für die Realisierung eines solchen Idealstaates für förderlich wenn nicht notwendig erachtet. Dabei geht er auf die Erziehung der Kinder genauso ein wie auf das angemessene Verhältnis zwischen Mann und Frau. Die Verhältnisse in Sparta, welche er mit dem Begriff gynaikokrat í a 3 betitelt, führt Aristoteles als abschreckendes Beispiel an, wie eine „zu schlaffe Zucht der Weiber gleichmäßig der gewählten Staatsform und dem Wohle des Gemeinwesens“4 schaden muss. Die Äußerungen des großen Philosophen, der viele Jahre seines Lebens in Athen verbracht hat, werden hier exemplarisch für die Kritik vieler Nichtspartaner und besonders Athener untersucht und zu den tatsächlichen Zuständen in Sparta ins Verhältnis gesetzt. Dabei finden auch die grundlegenden Gegensätze der beiden Poleis Athen und Sparta bezüglich der Partizipationsmöglichkeiten ihrer Frauen Beachtung.

2. Die Frau in Sparta

2.1. Gesellschaftliche Normen und Voraussetzungen

Die dorische Polis Sparta entwickelte sich seit Beendigung des zweiten Messenischen Krieges gegen Ende des 7. Jahrhunderts zunehmend zu einer Gemeinschaft, die sich voll und ganz auf den Erhalt und Ausbau ihrer militärischen Stärke konzentrierte. Als Folge des Krieges war die besiegte Bevölkerung Messeniens helotisiert, also zu Staatssklaven gemacht worden und musste fortan einen großen Teil der Erträge ihrer Landarbeit an ihre Bezwinger in Sparta abführen. Auch die Landwirtschaft in der direkten Umgebung der Stadt Sparta, in Lakonien, wurde von den dort ansässigen Heloten betrieben, was dazu führte, dass sich die Spartiaten, die männlichen Vollbürger der Polis, in einer recht komfortablen Lage befanden und theoretisch über viel freie Zeit verfügten. Diese mussten sie jedoch voll und ganz dafür aufbringen, ihren staatsbürgerlichen Pflichten nachzukommen: z.B. der militärischen Ausbildung, dem Einsatz im Kampf, den gemeinsamen Mahlzeiten mit den Mitgliedern ihrer jeweiligen Einheit und der Teilnahme am politischen Leben. Kurzum: die männlichen Vollbürger Spartas gingen in einer für Griechenland ungewöhnlichen Art und Weise ganz und gar in ihrer Rolle als Krieger auf, was selbstverständlich auch großen Einfluss auf das Rollenverhalten und die Sozialisation der Frauen ausübte.

So wie der Mann für den Staat seinen Wert durch seinen Mut, seine Tapferkeit und sein Können im Kampf unter Beweis stellte, war der wertvollste Beitrag, den eine Frau für den Erhalt der Polis leistete, die Geburt möglichst vieler zukünftiger Krieger. Wie Plutarch berichtet, war es in Sparta verboten, auf Grabsteinen die Namen der Toten zu verewigen, ausgenommen es handelte sich um Krieger, die im Kampf gefallen oder Frauen die im Kindbett gestorben waren. Die allgemeine Wertschätzung der Frau als Mutter wird hieran gut veranschaulicht.5

2.2. Die Erziehung der Mädchen

Betrachtet man die Umstände, unter denen in den meisten Poleis des übrigen Griechenlands die Mädchen erzogen wurden, so lassen sich bereits daraus eindeutige Schlüsse auf den dortigen Stellenwert der Frau in der Gesellschaft ziehen: Allgemein wurde den Mädchen eine deutlich magerere Ernährung zuteil als den Jungen. Xenophon berichtet jedoch für Sparta davon, dass Lykurg, der sagenhafte Verfassungsgeber der Lakedaimonier, der Frau einen ausreichend hohen Wert beimaß, so dass er das Gesetz erließ, Mädchen mit der gleichen Zuwendung aufzuziehen wie Jungen. Das schloss sowohl eine reichhaltige Ernährung als auch körperliche Ertüchtigung ein. Xenophon ist sich des Gegensatzes zu den Gepflogenheiten anderer Poleis bewusst, sodass er auf diesen explizit hinweist.6 Wie Plutarch berichtet, wurden in Sparta ausnahmslos alle Mädchen aufgezogen, wohingegen man alle männlichen Neugeborenen kurz nach ihrer Geburt einer Prüfung unterzog, ob sie einmal zu robusten Kriegern heranwachsen würden und sie bei Nichteignung tötete bzw. aussetzte.7 Ein weiterer Unterschied zwischen der Erziehung der Jungen und der der Mädchen liegt darin, dass die Jungen mit sieben Jahren in Gruppen aufgeteilt und in die Obhut eines Erziehers übergeben wurden, wohingegen die Mädchen weiterhin zuhause bei ihren Müttern blieben. Ihre Erziehung wurde dennoch von staatlicher Seite gelenkt, da sie, aufgeteilt in so genannte Chöre und angeleitet von eigens ausgebildeten Erzieherinnen, eine umfangreiche intellektuelle wie körperliche Ausbildung genossen. Dies geschah zum einen, um ihre Körper von Kindesbeinen an auf die Strapazen der Geburt vorzubereiten8 und zum anderen, um auch ihre geistigen Fähigkeiten auf das Bestmögliche auszubilden.

2.3 Ehestiftung, Eheleben und Sexualität - die spartanische Ehefrau

In Bezug auf die Anberaumung von Ehen und die Zeugung gesunden Nachwuchses wurde in Sparta nichts dem Zufall überlassen. Gedeih und Verderb der Polis hingen von einem konstanten Zuwachs waffenfähiger Vollbürger und somit einer stabilen Geburtenrate ab, weshalb eine rigorose Familienpolitik betrieben wurde. Wie Plutarch zu berichten weiß, war es in Sparta üblich, dass junge Mädchen aus gutem Hause zu diversen Gelegenheiten leicht bekleidet oder nackt bei Veranstaltungen tanzten, bei denen junge Männer zugegen waren. Sie scheinen, so fährt der Verfasser fort, eine gewisse Mahn- und Lobpreisfunktion innegehabt zu haben, verspotteten also Jünglinge, die sich etwas zuschulden kommen ließen und lobten diejenigen, welche durch ihr Verhalten positiv hervorstachen.9 Dass sich eine derart freizügige Zurschaustellung körperlicher Reize und Ungezwungenheit bezüglich der Kontaktaufnahme zwischen jungen Frauen und Männern ebenfalls positiv auf das Heirats- und Zeugungsverhalten und somit auf die Bevölkerungsentwicklung auswirkte, steht außer Frage.

[...]


1 Xenophon, Rebenich 1998, 1.1

2 Vgl. Baltrusch 1998, S. 12

3 Eugen Rolfes übersetzt dies als „Weiberregiment“ in: Aristoteles, Rolfes 1981, 1269 b24

4 Ebd. 1269 b13 - 15

5 Vgl. Plutarch, Perrin 1993, Lycurgus, 27.1

6 Vgl. Xenophon, Rebenich 1998, 1.3

7 Vgl. Plutarch, Perrin 1993, Lycurgus, 3.3

8 "He made the maidens exercise their bodies in running, wrestling, casting the discus, and hurling the javelin, in order that the fruit of their wombs might have vigorous root in vigorous bodies and come better maturity, and that they themselves might come with vigour to the fulness of their times, and struggle successfully and easily with the pangs of child-birth." Plutarch, Perrin 1993, Lycurgus 14.2

9 Vgl. ebd., 14.3

Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656613077
ISBN (Buch)
9783656613053
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v270083
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Geschichte
Note
1,3
Schlagworte
rolle frau sparta licht kritik

Autor

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Titel: Die Rolle der Frau in Sparta im Licht der zeitgenössischen Kritik