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Die Digitale Spaltung als neue Dimension sozialer Ungleichheit

Hausarbeit 2011 19 Seiten

Medien / Kommunikation - Forschung und Studien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Strukturierte soziale Ungleichheit
2.1 Definition und Eingrenzung.…
2.2 Empirische Befunde …
2.3 Zwischenfazit

3 Digitale Spaltung
3.1. Die These der Digitalen Spaltung – Begriffsherleitung und Dimensionen
3.2. Empirische Befunde
3.3. Zwischenfazit

4. Die digitale Spaltung und ihre gesellschaftlichen Auswirkung im wissenschaftlichen Diskurs
4.1. Ausgangssituation
4.2. Die Überwindung der digitalen Spaltung
4.3. Der blinde Fleck der Forschung zur digitalen Spaltung

5. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Eine deutsche Gesellschaft im Jahr 2010 ohne digitale Medien, allen voran das Internet, ist für die meisten Menschen wohl kaum noch denkbar. Meister (2010, S.7) betont, dass in gegenwärtigen Gesellschaftsdiagnosen immer wieder auf den hohen gesellschaftlichen und kulturellen Einfluss von Informations- und Kommunikationstechnologien hingewiesen wird. Experten gehen aktuell davon aus, dass in spätestens zehn Jahren 95 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland, Europa und den USA das Internet und seine Dienste aktiv und regelmäßig nutzen (Münchener Kreis e.V., 2009, S. 14). Wenn man Medien wie Fernsehen, Radio oder Zeitschriften aufmerksam verfolgt, gibt es wohl keines, das nicht auf das Internet verweist, und plakative Werbekampagnen thematisieren kostengünstige Internet-Flatrates. Auf Basis dieser beispielhaft thematisierten Alltagswahrnehmungen könnte man den Schluss ziehen, dass heute eigentlich jeder „online“ sein könnte, müsste und eigentlich auch sollte. Recherchiert man etwas intensiver, findet man aber u.a. die Initiative „geteilt.de“, die sich als Interessenvertretung für Bürgerinnen und Bürger versteht, die „(…) über einen unzureichenden Zugang zum Internet verfügen und so vom gesellschaftlichen Leben zunehmend ausgeschlossen sind.“ (Initiative gegen digitale Spaltung, 2008, S.1) und die Überwindung der digitalen Spaltung fordert.

Um gesellschaftliche Benachteiligungen in einem viel weiteren Sinne geht es in diversen empirischen Befunden der Sozialstrukturanalyse, die – unabhängig vom Thema Internetzugang - zum Teil erhebliche soziale Ungleichheiten zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Deutschland konstatieren. Es zwingen sich Fragen auf: Gibt es Zusammenhänge zwischen der sozialen Ungleichheit im Allgemeinen und der sog. „digitalen Spaltung“ im Speziellen? Was genau ist überhaupt mit „digitaler Spaltung“ gemeint? Und: Welche Fragestellungen könnten hier insbesondere für BildungswissenschaftlerInnen von Relevanz sein?

Mit Blick auf die Themen Kompetenzentwicklung und Lernen geben Kalz et. al (2008, S. 5) u.a. einen umfassenden Überblick zur Kompetenzentwicklung und Social Software und merken an, dass das Internet, und insbesondere die Nutzung von Social Software, „(…) die wichtigste Grundlage für die lebenslange Kompetenzentwicklung von Individuen in der Wissensgesellschaft werden wird“. Hieran anschließend ist das Ziel dieser Hausarbeit, mit dem Fokus auf bildungswissenschaftliche Aspekte den aktuellen Stand der Forschung zur sozialen Ungleichheit und zur digitalen Spaltung zu beleuchten. Während im folgenden Kapitel 2 die Forschung zur sozialen Ungleichheit im Mittelpunkt steht, thematisiert Kapitel 3 den Begriff, die Dimensionen und die Empirie der digitalen Spaltung. Im 4. Kapitel erfolgt dann die Beleuchtung des wissenschaftlichen Diskurses. Die Hausarbeit endet mit einem Fazit und Ausblick des Autors in Kapitel 5. Aufgrund des begrenzten Umfanges der Hausarbeit und der hohen Komplexität der beiden Themen Soziale Ungleichheit und Digitale Spaltung werden in den Kapiteln jeweils exemplarisch ausgewählte Studien bzw. Positionen mit dem Schwerpunkt auf die bundesdeutsche Gesellschaft betrachtet – auf die internationale bzw. globale Perspektive wird hier ebenso wenig eingegangen wie auf den umfassenden gesellschaftlichen und politischen Diskurs zum Thema. Zur weiteren Vertiefung des Themas liefert das Literaturverzeichnis geeignete Quellen.

2. Strukturierte soziale Ungleichheit

2.1. Definition und Eingrenzung

Soziale Ungleichheit ist ein Kerngebiet der Soziologie. Rössel (2010, S.12) definiert soziale Ungleichheit wie folgt: „Soziale Ungleichheit ist die sozial erfolgte Verteilung von Handlungsressourcen und Handlungsrestriktionen in der Bevölkerung der untersuchten Einheit“ – zusätzlich weist er darauf hin, dass diese Verteilung nicht dem Zufallsprinzip, sondern „(…) klar bestimmbaren sozialen Dimensionen (…)“ folgt und daher als strukturierte soziale Ungleichheit bezeichnet wird.

Aufgrund des bildungswissenschaftlichen Fokus’ dieser Hausarbeit ist eine Eingrenzung bei der Betrachtung der strukturierten sozialen Ungleichheit in Deutschland sinnvoll - bereits Rössel weist in seinem Studienbrief zur Sozialstrukturanalyse deutlich darauf hin, dass es keine Globaltheorie für sämtliche Aspekte der Ungleichheit gibt und setzt mit der ausführlichen Betrachtung der dominanten vertikalen Dimension strukturierter sozialer Ungleichheit auf Basis von Klassenlagenkonzepten oder sozioökonomischen Statusskalen einen klaren Schwerpunkt, besonders ausführlich betrachtet er die aus seiner Sicht bedeutungsvollen monetären Ressourcen sowie die Ressource Bildung. In diesem Kapitel erfolgt, quasi als inhaltlicher „roter Faden“, eine weitere Eingrenzung auf einerseits ausgewählte Befunde von Rössel und andererseits die Dimension der Bildung.

2.2. Empirische Befunde

Rössel (2010, S. 129 -147) kommt u.a. zu folgenden Ergebnissen: In Deutschland gibt es empirisch feststellbare Unterschiede in den Bildungschancen der Menschen in Bezug auf die regionale Herkunft (v.a. West- oder Ostdeutschland), das Geschlecht und die Ethnie, allerdings ergibt sich die bedeutendste Ungleichheit im Bildungsbereich aus der sozialen Herkunft. Hier ist in Deutschland, auch im internationalen Vergleich, eine besonders hohe klassenspezifische Prägung der Bildungschancen festzustellen: Insbesondere Kinder aus landwirtschaftlichen Klassenlagen oder aus der Arbeiterschaft sind in Hinblick auf die Bildungschancen benachteiligt, während Kinder aus der Dienstklasse (vor allem leitende bzw. qualifizierte Angestellte/Beamten) privilegierte Bildungschancen haben. Im Vergleich der Chancen auf den Besuch eines Gymnasiums haben sich im Zeitraum von 1950 bis zum Jahr 1989 die Bildungschancen nach sozialer Herkunft zwar angeglichen, zeigen aber weiterhin existierende, große Unterschiede: So lag im Jahr 1989 die Chance eines Beamtenkindes, ein Gymnasium zu besuchen, um das 6fache höher als die eines Arbeiterkindes. In Bezug auf die Aufnahme eines Hochschulstudiums lag im Jahr 2000 die Chance eines Beamtenkindes um das 6,1fache höher als die eines Arbeiterkindes. Selbst die ethnischen Ungleichheiten im bundesdeutschen Bildungssystem, feststellbar z.B. über die Häufung von niedrigen allgemeinen Schulabschlüssen bei Personen mit nichtdeutschem ethnischen Hintergrund in Deutschland, sind laut Rössel überwiegend keine spezifisch ethnischen, sondern „(…) vor allem klassen bzw. statusspezifische Ungleichheit, in der Schüler mit Migrationshintergrund in ihrem Bildungsverhalten vor allem durch ihre Herkunft aus den unteren Klassenlagen geprägt sind“. Die von Rössel zusammengestellten Befunde zeigen, dass die herkunftsspezifischen Bildungsungleichheiten in Deutschland immer noch besonders groß sind. In Studien von Boudon (1974, zitiert nach Rössel, 2010, S. 142 – 146) wurde festgestellt, dass selbst bei gleicher Leistung von Kindern „(…) sich Kinder aus höheren Klassenlagen eher für eine weiterführende Schullaufbahn entscheiden als Kinder aus unteren Klassenlagen.“, und zwar auf Basis unterschiedlicher Bildungsentscheidungen im Haushalt und unterschiedlicher Lehrerempfehlungen für weiterführende Schulen, bei denen Kinder, deren Eltern z.B. Abitur oder Fachhochschulreife haben, deutlich stärker unter den Gymnasialempfohlenen vertreten sind als Kinder, deren Eltern nur niedrigere formale Bildungsabschlüsse vorweisen können (siehe hierzu auch Tabelle 3.11. von Lehmann/Peek (1997), zitiert nach Rössel, 2010, S. 145).

2.3. Zwischenfazit

Zusammenfassend lässt sich aus den oben schlaglichtartig angeführten empirischen Befunden ableiten, dass es in Deutschland erhebliche soziale Ungleichheiten in Bezug auf die Bildungschancen gibt, die vor allem auf die soziale Herkunft der gesellschaftlichen Akteure zurückzuführen sind, und dies auch schon zu einem Zeitpunkt weit vor Einführung des Internet, wenn man sich die von Rössel u.a. aus dem Jahr 1950 stammenden empirischen Befunde vergegenwärtigt.

Schauen wir nun in diesem Zwischenfazit noch einmal auf Rössels Definition von sozialer Ungleichheit, insbesondere den Begriff der „Ressource“: In Anlehnung an den schwedischen Sozialwissenschaftler Walter Korpi definiert Rössel (2010, S. 26) als Ressource „(…) jede Fähigkeit und jeder Gegenstand unter der Kontrolle des Akteurs (…), die ihm das Erreichen seiner Ziele ermöglicht“. Auf Basis dieser Definition erscheint es dem Autor gerechtfertigt, in dieser Hausarbeit das Medium Internet ebenfalls als Ressource zu betrachten, die z.B. für den individuellen Konsum, zu Informationszwecken oder für konkrete Transaktionen wie Onlinebanking eingesetzt werden kann. Um es plakativ zu formulieren: Eine in Bezug auf die Bildungschancen ohnehin schon seit langem heterogene bundesdeutsche Gesellschaft mit erheblichen sozialen Ungleichheiten wird mit Einführung des Internet mit einer bis dato noch weitgehend unbekannten, neuen Ressource „konfrontiert“, und dies in steigendem Maße: „Im Jahre 2009 nutzten hierzulande etwa 70% der Bevölkerung ab 14 Jahren das Internet, Tendenz weiter steigend.“ (Initiative D21 e.V. , 2010a, S.4). Die Vermutung an dieser Stelle ist, dass die sozialen Akteure zu dieser neuen Ressource, basierend auf ihren individuellen Bildungschancen und ihrem Bildungsstand, jeweils unterschiedliche Kognitionen, Emotionen und Verhaltensweisen entwickelt haben bzw. dies immer noch tun – wobei zu den Verhaltensweisen ausdrücklich auch die Nicht-Nutzung des Internets als spezifische Verhaltensweise gehört. Besonders fruchtbar erscheint aufgrund der weiter steigenden Nutzung des Internet, der Einbezug der zeitlichen Perspektive: Rössel geht in diesem Zusammenhang in seinem Studienbrief u.a. auf kumulative Prozesse der Ressourcenverteilung ein und verweist auf den von Merton (1968, zitiert nach Rössel, 2010, S.66) geprägten Begriff des Matthäuseffektes, der mit Bezug auf einen bekannten Satz aus dem Matthäus-Evangelium den Effekt beschreibt, dass sich Anfangsunterschiede in der Ressourcenausstattung sozialer Akteure im Zeitverlauf zu immer größeren Differenzen entwickeln können.

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Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656612513
ISBN (Buch)
9783656612506
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v269973
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
digitale spaltung dimension ungleichheit

Autor

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