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Theorie des Geldes - Geld als Kredit

Seminararbeit 2013 35 Seiten

VWL - Geldtheorie, Geldpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung.

2. Alfred Mitchell-Innes
2.1 Kurzbiographie von Alfred Mitchell-Innes
2.2 Die historische Einordnung der Theorien Knapps und von Mitchell-Innes
2.2.1 Die Auseinandersetzung zwischen Metallisten und Chartalisten
2.2.2 Die historischen Argumente Mitchell-Innes gegen das Warengeld
2.3 Die Kredittheorie von Mitchell-Innes
2.3.1 Die Natur des Kaufs und Verkaufs
2.3.2 Die Theorie des Geldes
2.3.3 Die Banken als „clearing houses of commerce”
2.3.4 Staatliches Geld
2.3.5 Geld als abstrakte Maßeinheit und das Problem der Verschuldung
2.4 Eine kritische Würdigung von Mitchell-Innes

3. Georg Friedrich Knapp
3.1 Kurzbiographie von G.F. Knapp
3.2 Der Nominalismus als Gegenposition zum Metallismus
3.3 Die Staatliche Theorie des Geldes von G.F. Knapp
3.3.1 Die Rolle des Staates bei Knapp
3.3.2 Die Rolle der Schulden bei Knapp
3.3.3 Die Chartalität als Schaffung des Staates
3.3.4 Die Schritte des Staates zur Durchsetzung von Geld
3.3.5 Der Übergang von Metall- zu Papiergeld
3.4 Kritische Würdigung Knapps

4. Heinsohn und Steiger
4.1 Die Kritik von Heinsohn und Steiger an dem Tauschparadigma
4.2 Die Rolle des Eigentums bei Heinsohn und Steiger
4.2.1 Die Belastung von Eigentum als Voraussetzung für die Entstehung von Geld
4.2.2 Die Einbettung der Banken in die Eigentumstheorie
4.2.3 Die Besicherung von Geld durch Zentralbanken
4.2.4 Die Rolle des Staates bei Heinsohn und Steiger
4.3 Die kritische Würdigung von Heinsohn und Steiger

5. Fazit und eine Interpretation der heutigen Geldpolitik

1. Einleitung

Die Standardlehrbücher der Volkswirtschaftslehre begnügen sich mit einer Definition des Geldes von seinen Funktionen her. Es sei ein „allgemein anerkanntes Zahlungsmittel und der allgemeine Wertmaßstab“[1]. In dieser Seminararbeit sollen als Kontrastprogramm die historischen und institutionellen Wurzeln des Geldes beleuchtet werden. Dafür eignen sich die von Alfred Mitchell-Innes begründete „Kredittheorie des Geldes“ und die „Staatliche Theorie des Geldes“ von Georg Friedrich Knapp. Beide Autoren setzen sich kritisch mit dem zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorherrschenden Metallismus auseinander und legen unabhängig voneinander wichtige Grundlagen. Mitchell-Innes sucht den Ursprung des Geldes durch seine historische Analyse aufzuspüren. G.F. Knapp belegt durch seine rechtshistorischen Analysen den Einfluss der staatlichen Institutionen auf das Geld. Heinsohn und Steiger hingegen beleuchten die Rolle des Eigentums bei der Geldschöpfung.

Das 2. Kapitel setzt sich mit den Aufsätzen von Alfred Mitchell-Innes auseinander. Nach einer kurzen Biographie und der historischen Einordnung von Knapp und Mitchell-Innes soll seine Kredittheorie dargestellt werden. In der kritischen Würdigung von Mitchell-Innes wird zu Georg Friedrich Knapp übergeleitet. Im Fokus des 3. Kapitels steht die Beschreibung von Knapps „Staatlicher Theorie des Geldes“, die ebenfalls ktisch gewürdigt wird. Als drittes Werk soll das Kapitel des Buches „Eigentum, Zins und Geld“ zum Geld betrachtet werden. Abgerundet wird die Seminararbeit durch ein Fazit. In dem Fazit wird auch kurz die aktuelle Geldpolitik reflektiert.

2. Alfred Mitchell-Innes

2.1 Kurzbiographie von Alfred Mitchell-Innes

Alfred Mitchell-Innes wurde am 30. Juni 1864 in England geboren.[2] Von seinem Großvater ist überliefert, dass dieser Bankdirektor der Royal Bank of Scottland war.[3] 1890 trat er in den diplomatischen Dienst Großbritanniens ein, verbrachte als erste Auslandsstation 5 Jahre in Ägypten, beriet dann den König von Siam (Thailand) in Finanzfragen und kehrte nach 9 Jahren nach Ägypten zurück. Zwischen 1908-13 diente er als Botschaftsrat in Washington, um alsdann die Jahre bis zu seiner Pensionierung als Gesandter-Botschaftsrat in Uruguay zu verbringen.[4] 1913 und 1914 veröffentlichte er seine beiden Aufsätze zur Geldtheorie, die kurz nach Erscheinen rege diskutiert wurden, danach aber recht schnell in Vergessenheit gerieten.[5] Kurz nach Erscheinen der beiden Artikel schrieb John Maynard Keynes eine wohlwollende Rezension, in der er den von Mitchell-Innes geschilderten Ursprung des Geldes lobt und die Ablehnung des Metallismus teilt.[6] Mitchell-Innes wurde erst in den vergangenen Jahren von der sogenannten heterodoxen ökonomischen Schule „wiederentdeckt“ und von dieser als wesentlicher Vertreter der Kredittheorie des Geldes zitiert.[7]

2.2 Die historische Einordnung der Theorien Knapps und von Mitchell-Innes

Die beiden Aufsätze von Alfred Mitchell-Innes verstehen sich zu einem großen Teil als kritische Auseinandersetzung mit dem vorherrschenden Goldstandard. Eine Art des Golddevisenstandards endete erst Anfang der siebziger Jahre, nachdem die USA im August 1971 die Einlösbarkeit des Dollars in Gold aussetzte.[8] Bereits während des 1. Weltkrieges wurde die Einlösbarkeit von zirkulierendem Geld in Gold durch die kriegsführenden Staaten aufgegeben. Das Drucken von nicht gedecktem Papiergeld führte in Deutschland und Österreich zu einer Hyperinflation, die sich als traumatisch für die Bevölkerung erwies und zur Entwertung des Spareigentums führte. In der zweiten Hälfte der 20 Jahre wurde diese massive Geldentwertung durch die Wiedeinführung der Goldkonvertibilität gestoppt.[9] Allerdings erwies sich der Goldstandard während der Weltwirtschaftskrise ab 1929 als fatal. Den Zentralbanken war es nicht möglich die Zinsen zu senken und die Kreditvergabe zu erhöhen, da ein Abzug des Kapitals durch höhere Importe bei Zinssenkungen und steigender Investitionen im Ausland zu einem Absinken der Goldreserven geführt hätten.[10] Gleichzeitig implizierte die Goldkonvertibiltät, dass Zentralbanken die inhärente Instabilität des Bankensektors nur noch schwerlich abmildern konnten. Diese Instabilität des Bankensystems rührt von der Anfälligkeit für Bankenstürme, in denen alle Sparer gleichzeitig ihre Bankeinlagen abzuheben suchen. Die Geschäftsbanken halten nämlich nur einen Bruchteil ihrer Vermögenswerte als Liquiditätsreserven. Der Großteil der Bankeinlagen wird verliehen und ist daher als Forderung gegenüber anderen Wirtschaftssubjekten vorwiedend illiquide. Die resultierenden Liquiditätsengpässe konnten während der Weltwirtschaftskrise nicht durch die Zentralbanken behoben werden, da dadurch die Goldreserven errodiert wären.[11] Zu Anfang des 20. Jahrhunderts stand der Goldstandard in voller Blüte. Es hatte sich ein internationales Währungssystem herausgebildet, das auf Gold basierte. In den führenden Wirtschaftsnationen Großbritannien, Deutschland, Frankreich und den USA wurden Goldmünzen als Geld verwendet. Für Papiergeld und Münzen mit einer „unedleren“ Beschaffung wurde Gold bei den Banken hinterlegt, um das zirkulierende Geld dagegen eintauschen zu können.[12] Das wichtigste Ziel der Notenbank war es, die Konvertibilität des zirkulierenden Geldes in Gold aufrechtzuerhalten. Dafür mussten die Zentralbanken genügend Goldvorräte horrten. Bis ins Jahr 1914 bestand von Seiten der privaten Akteure kein Zweifel an dem bestehenden Goldstandard. Die Investoren kalkulierten keine Wechselkursrisiken ein, da sie überzeugt waren von den Zusagen der Zentralbanken. Die öffentliche Diskussion drehte sich in erster Linie um den optimalen metallenen Standard des Geldsystems. Es wurde zum Beispiel debattiert, ob er aus Silber, Gold oder einer Mischung aus den beiden Metallen (Bimetallismus) bestehen solle.[13]

2.2.1 Die Auseinandersetzung zwischen Metallisten und Chartalisten

Die Einführung des Goldstandards basiert nach Ansicht von Kritikern auf der falschen Annahme der Metallisten, Geld benötige eine Anbindung an ein Metall, der dem Geld einen ihm eigenen Wert verleiht. So kann nach Ansicht der Metallisten eine Geldeinheit stets auf ein bestimmtes Gewicht an Metallen zurückgeführt werden.[14] Dadurch, dass Papiergeld um die Jahrhunderwende lediglich als Notlösung aufgefasst wurde, und insbesondere Münzgeld zirkulierte, sieht Georg Friedrich Knapp es als eine Eigenschaft des „natürlichen Menschen“ an, das zirkulierende Geld als Ausprägung des Metallismus anzusehen.[15] Damit kann ein Metallist sich nur Tauschgüter als Tauschmittel vorstellen. Somit findet er keine Erklärung für die bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts auftauchenden uneinlösbaren Papiernoten.[16] „Der theoretische Mensch“ dagegen müsse „Nominalist werden, denn es nicht allgemein möglich, die Werteinheit als Metallmenge zu definieren“.[17] Alfred Mitchell-Innes konzipierte seine Kredittheorie ebenfalls als Gegenentwurf zum vorherrschenden Metallismus zu einer Zeit in der der Metallismus weitestgehend unangefochten war.[18] John Maynard Keynes, der im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts die Geldtheorie maßgeblich vorantrieb, wurde von den Theorien Knapps und den historischen Betrachtungen Mitchell-Innes geprägt.[19] Seine Erörterungen erscheinen jedoch erst zwei Jahrzehnte nach den Veröffentlichungen von Knapp und Mitchell-Innes, nachdem die Schwächen des Goldstandards durch den 1. Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise der Öffentlichkeit frisch aufgezeigt wurden.[20]

2.2.2 Die historischen Argumente Mitchell-Innes gegen das Warengeld

Mitchell-Innes sucht den Metallismus durch die historischen Erscheinungsformen von Münzen zu widerlegen. Er rekurriert zunächst auf die ältesten Münzen der westlichen Welt, die in der Antike durch die Griechen, die an den Küsten Kleinasiens siedelten, geschaffen wurden. Entgegen der metallistischen Lehre wiesen diese weder einen einheitlichen Gehalt eines bestimmten Metalls auf, noch ähnelten sie sich in ihrer Größe oder ihrem Gewicht. Jegliche Klassifikationsversuche durch Historiker scheiterten daran, dass die griechischen Münzen über keinen fixierten Eigenwert aufgrund des verwendeten Materials verfügten und der Wert der Münzen nicht auf ihnen verzeichnet war.[21] Im Gegensatz zu den griechischen Münzen verfügen die römischen Münzen über eine Markierung des Wertes. Anhand dieser Wertmarkierung konnten Historiker wie Theodor Mommsen die graduelle Münzverschlechterung festmachen. Grundlegend für das römische Münzsystem war das Vorliegen unterschiedlicher Rechnungseinheiten, deren Zugehörigkeit auf den Münzen abzulesen war. Ein Denar war viermal so viel wert wie eine Sesterze. Ursprünglich bestanden beide Münzarten aus Silber. Obwohl die Sesterzen alsbald nicht mehr geprägt wurden und erst später als Messing- oder Bronzemünzen wiederauftauchten, bestanden sie gemäß Mitchell-Innes noch Jahrhunderte später weiter als körperlose Recheneinheit.[22] Die Metallisten würden nun argumentieren, dass die Silbermünzen sich nicht verändern dürfen mit Blick auf ihre Beschaffenheit, damit sie ihren nominellen Wert beibehalten. Historiker wie Mommsen hingegen konstatieren eine beständige Abnahme des Silberanteils in den Denar-Münzen. Die vornehmen Silbermünzen wurden zunehmend durch Kupfermünzen verdrängt, die aber weiterhin als Silbermünzen bezeichnet wurden. Somit löste sich der nominale Wert von dem Wert des verwendeten Metalls in den Münzen. Die Münzverschlechterung beeinträchtigte gemäß Mitchell-Innes nicht den Wert der Münzen als Recheneinheit. Denare galten weiterhin als 4-mal so viel wert wie die Sesterzen.[23] Die römischen Münzen verwendet Mitchell-Innes als Besipiel für die Langlebigkeit von Verrechnungseinheiten. Diese sind scheinbar vollkommen unabhängig von der materiellen Beschaffenheit der zirkulierenden Münzen.

Mitchell-Innes rekurriert auch auf die französische Geschichte, um die Beständigkeit von Verrechnungseinheiten nachzuweisen. So bestanden in der Karolingerzeit als Rechnungseinheiten der Sou, der die höchste Maßeinheit war, der Triens, der etwa einem Drittel des Wertes des Sou entsprach und der Denari, der lediglich als Rechnungseinheit existierte und dem ein Zwölftel des Wertes eines Sous zugemessen wurde.[24] Gemäß Mitchell-Innes wurde dieses Verhältnis zwischen den Verrechnungseinheiten bis zur französischen Revolution im Jahre 1879 beibehalten.

Trotz dieser Konstanz ist im Rahmen der Theorie von Mitchell-Innes ein Verlust der allgemeinen Kaufkraft von Währungseinheiten möglich. Zum Beispiel wurde in Frankreich im Laufe der Zeit eine weitere Verrechnungseinheit in Form des Livre eingeführt, der vom Wert her 20 Sous entsprach.[25] Die Notwendigkeit einer wertvolleren Verrechnungseinheit muß einem Kaufkraftverlust des Sous entsprechen. Als einziges Motiv hinter einem hohen Silbergehalt von Münzen und einer ästhetisch anspruchsvollen Ausgestaltung vermutet Mitchell-Innes einen Stolz auf die Fähigkeit gute Münzen herzustellen (engl. „pride of accuracy“) und damit gefälschte Münzen besser identifizieren zu können.[26]

2.3 Die Kredittheorie von Mitchell-Innes

Seiner Kredittheorie stellt Mitchell-Innes bewußt seine Kritik am Metallismus voran. Diese Kritik beendet er mit der Beobachtung, dass der Kredit keineswegs Ausfluß der Benutzung von Bargeld war. Ökonomen sehen Kredit als modernes und relativ junges Instrument, das den Gebrauch von Bargeld einspart und teilweise an die Stelle von Münzen tritt. Gemäß Mitchell-Innes ist das genaue Gegenteil der Fall.[27] Bargeld in Form von Münzen regelte in der Vergangenheit stets nur einen Bruchteil aller Transaktionen. Mitchell-Innes verortet ihre Entstehung bei der Begebung von Münzen durch Monarchen, die damit ihre Ausgaben beglichen. Damit konnten sie eine Armee unterhalten und einen möglichen Krieg finanzieren.[28] Die marginale Rolle, die das Bargeld in der Geschichte spielte, spiegelt sich wider in Episoden, in denen dieses komplett aus dem Wirtschaftsleben zurückgezogen werden konnte, ohne dass der Handel dadurch beeinträchtigt wurde.[29]

Gemäß Mitchell-Innes übersehen die Metallisten, dass keineswegs das Material einer Münze, sondern der Name des Geldbegebers der Münze seinen Wert verleiht. Dessen „Signatur“ fehlte auf keinem der historischen Geldstücke.[30]

2.3.1 Die Natur des Kaufs und Verkaufs

Zunächst stellt Mitchell-Innes die Vorstellung einer primitiven Tauschgesellschaft in Frage, die Adam Smith in seinem Werk „Wohlstand der Nationen“ skizziert. Darin spezialisieren sich innerhalb einer kleinen Gemeinschaft alle Mitglieder auf unterschiedliche Handwerke. Ein Tausch zwischen den Mitgliedern einer Dorfgemeinschaft erfordert, dass diese jeweils die von ihnen hergestellten Güter vorrätig haben und zusätzlich gleichzeitig einen Wunsch nach dem Gut des anderen Tauschpartners verspüren. Die unnötig aufwendigen Voraussetzungen, damit ein Tausch von Gütern zustandekomme, löst Mitchell-Innes elegant auf. Anstelle eines sofortigen Tausches von Gütern besteht die Möglichkeit, dass der Empfänger einer Ware, seinem Handelspartner sein Wort gibt, zu einem späteren Zeitpunkt Waren mit dem gleichen Wert zu liefern. Somit wandelt sich die Natur des Kaufes von einem Tausch einer Ware gegen ein Tauschmittel hin zu einem Tausch einer Ware gegen einen Kredit.[31] Anstelle der doppelten Koinzidenz der Wünsche und die Voraussetzung hinreichender Vorräte setzt Mitchell-Innes die Ehrlichkeit der Schuldner und dass die Gemeinschaft die Verpflichtung der Schuldner anerkennt. Es handelt es sich bei der „Heiligkeit der Verpflichtung“ gemäß Mitchell-Innes um ein universelles Phänomen und eine Verletzung der Erfüllungspflicht wird in allen Völkern als beschämend empfunden.[32]

Als Beleg für seine Theorie rekurriert Mitchell-Innes auf das Kerbholzsystem, das über Jahrhunderte das Hauptinstrument war, mit welchem alle Käufe, Verkäufe, Kredite und Schulden abgewickelt wurden.[33] Im Mittelalter wurden auf diesen Kerbhölzern an den beiden Enden jeweils der Schuldner und das Datum der Transaktion vermerkt. Dieses Holz wurde in der Mitte gebrochen und dem Gläubiger und dem Schuldner wurde jeweils eine Hälfte gegeben. Ein ähnliches Kreditsystem, das ohne Münzen auskam, scheint auch im alten Babylonien, sowie im antiken Griechenland existiert zu haben. Anstatt Kerbhölzern wurden in Babylonien dafür Tontafeln genutzt, während in Griechenland metallene Scheiben verwandt wurden.[34] Trotz ihrer unterschiedlichen Stofflichkeit war ihnen gemein, dass sie unterzeichnet, versiegelt und auf den Schuldner ausgestellt waren. Somit konnten Kerbhölzer und die babylonischen Tontafeln ähnlich wie moderne Wechsel zirkulieren.

2.3.2 Die Theorie des Geldes

Dadurch, dass Mitchell-Innes den Kredit historisch als älter, denn die Münzen vermutet, identfiziert er die Münzen keinewegs als Geld, sondern definiert Geld als Forderungen, denn „credit and credit alone is money“.[35] Forderungen geben dem Gläubiger das Recht, sich von Verpflichtungen und Schulden zu befreien. Das Recht, dadurch Zahlungen an sich veranlassen zu können spielt historisch eine viel geringere Rolle. Es ist somit gemäß Mitchell-Innes das Bestreben jeglichen Handels Forderungen zu erwerben und nicht etwa Gold und Silber als Mittel zum Tausch anzuhäufen.[36]

Der Wert des Geldes bemisst sich gemäß der Kredittheorie aus der Solvenz des Schuldners. Ein Schuldner ist nach Mitchell-Innes zahlungsfähig, wenn er über ausreichend Forderungen verfügt, um zum Zeitpunkt, an dem seine Verpflichtungen fällig werden, diese begleichen zu können. Forderungen müssen stetig neu erworben werden durch den Verkauf von Besitztümern oder von Land und das Nutzen der eigenen Talente. Die Fähigkeit verkaufen zu können und damit Forderungen zu erwerben ist somit das einzige Kriterium, das die Kreditwürdigkeit bestimmt.

2.3.3 Die Banken als „clearing houses of commerce”

Den Mechanismus des Handels beschreibt Mitchell-Innes aufbauend auf seiner Kredittheorie als ständige Kreiierung von Forderungen und Verbindlichkeiten und deren gegenseitige Aufrechnung.[37] Die Praxis der ständigen Aufrechnung von gegenseitigen Schulden wurde im Mittelalter auf Jahrmärkten und Volksfesten getätigt. Zu diesen Messen reisten Händler an, um bei Tauschständen die gegenseitigen Schulden zu bereinigen. Zu diesem Zweck erhielten viele Kredite als Fälligkeitsdatum den Termin eines Jahrmarktes.

Allerdings wurde die Bedeutung der Jahrmärkte zunehmend durch die entstehenden Banken abgelöst. Geschäftsbanken sorgen durch ihr Geschäftsmodell dafür, dass Verbindlichkeiten und Forderungen zusammengeführt werden. Die Banken zentralisieren diesen Prozess und sichern einen sehr viel weitreichenderen Handel ab.[38] Diese Zentralisierung findet statt über die Wechseldiskontierung oder über die Vergabe von Krediten. Beim ersten Fall kauft die Geschäftsbank den Wechsel vom Verkäufer A ab, den dieser vom Käufer B seiner Ware erhalten hat. Der Verkäufer A in dieser spezifischen Transaktion erhält von der Bank ein entsprechendes Guthaben auf seine Konten gutgeschrieben und hält somit Forderungen gegenüber der Bank. Die Bank hingegen wurde nun der neue Gläubiger des Käufers B. Entsteht durch weiteren Handel des A eine Forderung gegen diesen, wird diese womöglich auch in Form eines Wechsels an die Bank verkauft. Die Bank ist nun gleichzeitig Gläubiger und Schuldner des A und kann beide Positionen miteinander verrechnen.

Bei der Vergabe eines Kredites hingegen antizipiert die Bank die zukünftigen Käufe und Verkäufe des Kreditnehmers. Die Bank willigt mit der Einräumung eines Kredites ein, direkt der Schuldner von dem Verkäufer A zu werden, während die potentiellen Käufer vor dem Handelsgeschäft direkt die Gläubiger der Bank werden. Bei der Tätigung des Geschäfts wird dem Käufer eine Forderung, d.h. ein Wechsel, gegen die Bank ausgestellt. In seinem Aufsatz fasst er die Funktion der Banken als „wonderfully efficient machinery (..), to which we sell our credits, and which thus become the clearing houses of commerce“ zusammen.[39]

[...]


[1] Vgl. Felderer/Homburg (2003, S.77).

[2] Vgl. Wray/Bell (2004, S.13).

[3] Womöglich teilt Mitchell-Innes daher viele übliche Einschätzungen eines Bankers, indem er zum Beispiel den guten Kredit als wertvollstes Eigentum bezeichnet. (Mitchell-Innes (1913, S.13)).

[4] Vgl. Wray/Bell (2004, S.13).

[5] Dies mag vor allem damit zusammenhängen, dass Mitchell-Innes sich nicht ausschließlich auf ein Fach konzentrierte und sich somit keinen Ruf bei den Ökonomen aufbauen konnte. So veröffentlichte er zum Beispiel auch Artikel zu der Situation von Gefängninsinsassen und klagte das Wegsperren von noch jungen Straftätern an. Diese hätten vom Hunger getrieben einen Bagatelldiebstahl begangen und würden nun in den Gefängnissen zu hartgesottenen Kriminellen gewandelt. (Vgl. Wray/Bell, (2004, S.14)). Daneben veröffentliche er Artikel mit den Titeln „Love and the Law“ und Buchrezensionen.

[6] Vgl. Wray/Bell (2004, S.11).

[7] Vgl. Graeber (2011, S.52).

[8] Vgl. Richter (1998, S.561).

[9] Vgl. Eichengreen (2008, S.61).

[10] Der Mangel an diskretionärem Handlungsspielraum der Geldpolitik kann jedoch auch als Vorteil der Goldwährung gesehen werden, da die Geldpolitik somit vorhersehbarer wird und weniger Störungen durch politische Interventionen hervorgerufen werden. (Vgl. Hayek, 1952, p. 269)

[11] Vgl. Eichengreen (2008, S.47).

[12] Vgl. Eichengreen (2008, S.20).

[13] Vgl. Maclachlan (2003, S.1).

[14] Vgl. Mitchell-Innes (1913, S.3)

[15] Knapp (1905, S.9).

[16] Vgl. Knapp (S.8).

[17] Ebenda.

[18] Vgl. Mitchell-Innes (1914, S.1).

[19] Vgl. Wray/ Bell (2004, S.2).

[20] Vgl. Wray/ Bell (2004, S.2).

[21] Vgl. Mitchell-Innes (1913, S.3).

[22] Vgl. Mitchell-Innes (1913, S.4).

[23] Vgl. Mitchell-Innes (1913, S.4).

[24] Vgl. Mitchell-Innes (1913, S.5).

[25] Vgl. Mitchell-Innes (1913, S.6).

[26] Vgl. Mitchell-Innes (1913, S.7).

[27] Vgl. Mitchell-Innes (1913, S.10).

[28] Vgl. Mitchell-Innes (1913, S.11).

[29] Vgl. Mitchell-Innes (1913, S.10).

[30] Vgl. Mitchell-Innes (1913, S.5).

[31] Vgl. Mitchell-Innes (1913, S.12).

[32] Vgl. Mitchell-Innes (1913, S.13).

[33] Vgl. Mitchell-Innes (1913, S.17).

[34] Vgl. Mitchell-Innes (1913, S.15).

[35] Mitchell-Innes (1913, S.13).

[36] Sehr überzeugend widerlegt er in seinem späteren Artikel aus dem Jahre 1914 die Analogie von Adam Smith, wonach Geld nicht Vermögen sei, sondern das Rad, das dabei helfe, das Vermögen in Form von Handelsgütern zirkulieren zu lassen. Nach Mitchell-Innes hilft dies nicht zu erklären, warum Menschen darauf aus sind, stetig mehr Geld zu akkumulieren. Er stellt daher die berichtigte Frage, warum eine Millionen Räder besser sein sollten als ein Rad. (Vgl. Mitchell-Innes (1914, S.1).

[37] Vgl. Mitchell-Innes (1913, S.14).

[38] Vgl. Mitchell-Innes (1913, S.22).

[39] Mitchell-Innes (1914, S.2).

Details

Seiten
35
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656612148
ISBN (Buch)
9783656612162
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v269953
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Philosophisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Alfred Mitchell-Innes Georg Friedrich Knapp Otto Steiger Gunnar Heinsohn Chartalismus Geldpolitik

Autor

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Titel: Theorie des Geldes - Geld als Kredit