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Analyse einer Szene aus dem Film "A Serious Man" unter besonderer Berücksichtigung ihres komischen Potentials

Hausarbeit 2012 13 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. “The Teeth scene“
2.1 Beschreibung und Analyse der ausgesuchten Szene
2.2 Die Zähne als Medium des Göttlichen

3. Funktion der Komik im jüdischen Diskurs
3.1 Lachen als Bewältigungsstrategie

4. Schlussbetrachtung

5. Quellenverzeichnis

1. Vorwort

Die vorliegende Hausarbeit ist thematisch zweigeteilt, wobei der erste Teil die Theorien zur Komik auf einzelne Szenen des Filmes „A serious man“ anwendet. Hierbei wird der Frage nachgegangen, was die Komik dieser Szenen ausmacht und worin diese genau besteht. Die Frage nach der Funktion steht also vorerst nicht im Vordergrund und wird erst im zweiten Teil ausführlich behandelt.

Der erste Abschnitt des ersten Teils beginnt mit einer detaillierten Beschreibung und Verortung der zu analysierenden Szene, um dem Leser den Einstieg in die Thematik zu erleichtern. Dieser Abschnitt enthält auch Informationen und Anmerkungen, die sich auf andere Szenen im Film beziehen und den Kontext, in den diese Szene eingebettet ist, darstellen. Gleichzeitig werden einige dieser Szenen auf ihr komisches Potential hin untersucht. Im zweiten Abschnitt des ersten Teils wird das Augenmerk auf die bereits im ersten Abschnitt herausgefilterten komischen Momente gelegt, wobei die verschiedenen, im Seminar behandelten Theorien zur Komik angewendet werden.

Der zweite Teil orientiert sich weniger am konkreten Filmbeispiel, als an der von ihm unmittelbar vorgegebenen Thematik, sodass ein Bezug zum Film trotzdem vorhanden ist. Dies ist notwendig, um die Funktion der Komik besser darstellen zu können: Mir scheint es wenig sinnvoll, die Frage warum Menschen überhaupt lachen, mithilfe eines Filmbeispiels zu beantworten. Es handelt sich meiner Ansicht nach um eine Frage, die den Rahmen der Kunst sprengt, da wir nicht nur dann lachen, wenn wir ein Kunstprodukt (z.B. einen Film) betrachten, sondern wir lachen vor allem dann, wenn wir dem Komischen im echten Leben begegnen. Deshalb habe ich ein dem ersten Teil thematisch entsprechendes Beispiel, den jüdischen Witz (und damit ein Phänomen aus dem realen Leben) ausgesucht.

2. “The Teeth scene“

2.1 Beschreibung und Analyse der ausgesuchten Szene

Die Szene, um die es im Folgenden gehen wird, erstreckt sich über fünf Minuten und handelt von einem jüdischen Physikprofessor (Larry Gopnik), der aufgrund einer schweren Lebenssituation und einer daraus resultierenden spirituellen Sinnkrise einen Rabbiner aufsucht. Was Larry Gopnik angeht, unterscheidet er sich ironischerweise nicht nur durch seine Zugehörigkeit zur amerikanischen oberen Mittelschicht von der gleichnamigen russischen Subkultur (s. u.), sondern ist ihr auch charakterlich geradezu entgegengesetzt.

So versucht er stets jegliche Aggressionen, die sich ihm angesichts eines allmählichen und scheinbar unvermeidlichen privaten und beruflichen Zusammenbruches aufdrängen, mit allen Mitteln zu unterdrücken und dabei stets die Fassade eines „serious man“, eines ernst(haft)en Menschen, der sein Leben stets unter Kontrolle und die Dinge immer „im Griff“ hat, aufrechtzuerhalten.[1]

Als dieser (Selbst)Versuch scheitert, konsultiert Gopnik schließlich drei verschiedene Rabbiner, die ihm alle mangels Kompetenz nicht helfen können.

In der zu beschreibenden Szene spricht Gopnik mit einem „liberalen“ Rabbiner (es ist bereits der zweite) und erhofft sich von diesem Gespräch, wie in solchen Situationen üblich, neben Rat und Beistand, möglicherweise auch praktische Unterstützung bei der Krisenbewältigung.

Zu Beginn dieser Szene sitzt Gopnik im Büro des Rabbiners, wobei sich die beiden gegenübersitzen. Sie unterhalten sich und es wird deutlich, dass der Rabbiner durch seine ruhige Gestik und aufrechte Körperhaltung, im Gegensatz zu Gopnik, dessen Körpersprache eher auf Verunsicherung und Anspannung hindeutet, der Überlegene und Kompetente ist.

Kaum hat sich der Zuschauer diesen Eindruck zu Eigen gemacht, beginnt auch die Geschichte (bzw. das Gleichnis) des Rabbiners, welche eigentlich eine Geschichte in DER Geschichte von Gopnik ist. Diese Tatsache antizipiert schon, dass diese beiden Geschichten aufeinander verweisen, sich sogar dialogisch zueinander verhalten und es sich bei der ersten Geschichte um eine reale Antwort auf Gopniks Geschichte mit allen zu ihr gehörenden Problemen und Widersprüchen handeln könnte.[2]

Es wird eine Zahnarztpraxis gezeigt und alsgleich tritt der „andere“ Protagonist auf: Dabei handelt es um einen Zahnarzt (Susman), einen jüdischen Mann mittleren Alters. Die jüdische Religion und das Alter sind Charakteristika, die auch auf Larry Gopnik zutreffen und die die beiden Protagonisten miteinander vergleichbar machen, was ein Gleichnis per definitionem grundsätzlich leisten soll - diese Parallelität wird im weiteren Verlauf noch expliziter.[3]

Wir dürfen Susman, wie auch Gopnik am Anfang des Films, bei seiner Arbeit zusehen: Man sieht, wie der Zahnarzt, einen „Goj“ (also einen nichtjüdischen Patienten) behandelt, und dabei einen Abdruck für eine Zahnprothese herstellt. Dabei fallen ihm die hebräischen Schriftzeichen auf der Innenseite des Abdrucks auf, die „Hilf mir! Rette mich!“ bedeuten.[4] Daraufhin untersucht Susman den gleichen Patienten ein zweites Mal, um sich zu vergewissern, dass das was er auf dem Abdruck gesehen hatte, tatsächlich auf den Zähnen geschrieben steht. Von nun an steht Susman vor dem Problem, die an ihn gerichtete, geheime Botschaft zu deuten.[5]

Man erfährt, dass diese Aufgabe ihn dermaßen einnimmt, dass er weder essen noch schlafen kann. Es kommt soweit, dass Susman die Zähne seiner (schlafenden!) Frau und aller seiner Patienten vergeblich nach hebräischen Schriftzeichen absucht. Aber Susman gibt nicht auf: Da er ein religiös geschulter Mann ist, weiß er, dass in der Kabbala alle Schriftzeichen einer Zahl entsprechen und so ergibt sich aus dem Text eine Telefonnummer, die er sofort anruft. Er erreicht einen Mitarbeiter der „Roten Eule“ (eines Supermarktes) und begibt sich schließlich selbst dahin, wofür er mehre hundert Kilometer zurücklegt – doch es ist alles vergebens.[6]

[...]


[1] Der Name Gopnik, russisch гопник, ist (ironischerweise!) im russischen Jargon eine Bezeichnung für die Vertreter der kriminellen Jugend oder der Jugend mit kriminellem Verhalten, (…) die zu schwachen sozialen Schichten der Gesellschaft oder zum Präkariat gehört.

Die gesellschaftliche Einordnung, die der Name der Protagonisten suggeriert, ist in seinem Fall alles andere als zutreffend. Dieser Kontrast (oder Inkongruenz) rückt den Protagonisten schon gleich zu Beginn des Films in eine lächerlich- komische Position.

[2] Diese Erwartung wird sich, wie man am Ende sehen wird, als illusorisch erweisen bzw. nicht erfüllt werden. Nichterfüllte Erwartungen können nach Schopenhauer komisch sein, allerdings darf dabei keine (vollständige) Identifikation mit dem Protagonisten stattfinden, was hier der Fall ist. Deshalb ist es unwahrscheinlich, dass der Zuschauer lacht, wenn er sieht, dass das Gleichnis keine Antwort auf Gopniks Frage enthält. Wenn man trotzdem lachen sollte, dann eher deshalb, weil man Gopnik (und gleichzeitig sich selbst) an dieser Stelle auslacht, weil er ebenso wie der Zuschauer auf die Geschichte des Rabbiners „reingefallen“ ist und so naiv war, zu glauben, der Rabbiner hätte tatsächlich die richtige Antwort parat. Die (eigene) Naivität und damit das „Abweichen von der Norm“ nach Bergson kann hier also eventuell durch ein (Aus)Lachen bestraft werden.

[3] „Gleichnis – erweiterter Vergleich, meist mit zunehmend rudimentärer narrativer Struktur(…) In aller Regel sind Gleichnisse keine selbstständigen Texte, sondern in Kontexte eingebettet, innerhalb deren sie zur Veranschaulichung, aber auch als Beweis- oder Überredungsmittel dienen.“

(Metzler Lexikon Literatur, S.289)

Die Vergleichbarkeit der beiden Protagonisten beschränkt sich nicht nur auf die oben genannten Eigenschaften, vielmehr ist es das gleiche Schicksal, das sie einander gleichen lässt. Sie stehen beide vor einer rauen, unverständlichen Situation und es ist in beiden Fällen unklar, ob sie selbstständig handelnde Subjekte oder vom Schicksal irregeführte Objekte sind.

Außerdem lässt sich feststellen, dass beide verschiedene Zeichen des Schicksals (?) empfangen und diese nicht dechiffrieren können. Gopnik versteht (wie Hiob im alten Testament) nicht, warum er leidet bzw. was all die Schicksalsschläge bedeuten und Susman versteht nicht, wer oder was sich hinter den hebräischen Schriftzeichen auf den Zähnen seines Patienten verbirgt.

[4] Dieses Moment ist meiner Ansicht nach die im besten Sinne „komischste“ Idee im ganzen Film. Außerdem geht die sich steigernde Komik der weiteren Handlung im „Gleichnis von Susman“ aus diesem Moment hervor. Aus diesem Grund erscheint es mir als sinnvoll, mich im nächsten Kapitel vor allem mit dieser Szene und dem ihr innewohnenden komischen Potential zu befassen.

[5] Die Frage nach der (richtigen) Interpretation eines Textes und seiner Schriftsymbole verweist auf die besondere Rolle der Heiligen Schrift in der jüdischen Tradition bzw. auf ihren hohen Stellenwert innerhalb des jüdischen religiösen Diskurses.

[6] Hier lacht der Zuschauer möglicherweise aus reiner Schadenfreude; ebenso ist aber auch die Bestrafung des irrationalen Verhaltens (der langen und unnötigen Fahrt zur „Roten Eule“ sowie der anderen aberwitzigen Maßnahmen, die Susman ergreift, um das Rätsel zu lösen) und der damit einhergehenden Abweichung von der Norm denkbar. Ein anderer Grund könnte (wie in meinem Fall) die Freude am Absurden sein, wobei diese womöglich mit der oben genannten Schadenfreude verwandt ist.

Details

Seiten
13
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656612483
ISBN (Buch)
9783656612469
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v269922
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Theaterwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
analyse szene film serious berücksichtigung potentials

Autor

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