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Ignatius von Loyola

Biografie und/oder Heiligenlegende?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 21 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Bericht des Pilgers

3. Die offizielle Biografie

4. Rezeption der Lebensgeschichte Ignatius von Loyolas
4 .1 Ignatius als Antiluther?
4 .2 Ignatius Studienjahre und der Konflikt mit der Inquisition

5. Seine Visionen – Krankheit oder göttliche Erscheinung?.

6. Die Heiligsprechung

7. Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der aus baskischem Adel stammende und heilig-gesprochene Ordensgründer der Gesellschaft Jesu, Iñigo López de Loyola (1491 - 1556), schlug trotz seiner frühzeitigen Bestimmung für die Tonsur zunächst eine weltlich-militärische Laufbahn im Dienste des Vizekönigs von Navarra ein. Eine schwere Verwundung während der Belagerung von Pamplona 1521 zwang ihn jedoch diese zu beenden. Während seiner Genesung auf der Heimatburg, las er aus Ermangelung anderer Lektüre das Lebens Christi des Ludolf von Sachsen, sowie die Heiligenleben des Jakobus von Voragine. Die hagiographische Literatur ließ in ihm den Wunsch entstehen, selbst Heldentaten im Dienste Gottes zu vollbringen. 1522/23 vollzog sich Loyolas endgültige mystische Wandlung, im Kloster Montserrat legte er eine Generalbeichte ab und hing seine Waffen vor dem Gnadenbild Mariens auf. Im Manresa überkamen ihn erstmals Visionen, die er als teuflische Einwirkung deutete und mit übertriebener Buße, Askese und stundenlangem Gebet zu bekämpfen bemühte. Neue Visionen brachten ihm jedoch Klarheit über die von ihm angestrebten Glaubensmysterien, diese Visionen sollten sein späteres Wirken entscheidend formen. Ziel der Pilgerfahrt, die er 1523 nach Palästina unternahm, war es, sich dort niederzulassen, was ihm jedoch vom Präfekten des Heiligen Landes verwehrte. Nach seiner Rückkehr begann Ignatius dann ein Lateinstudium in Barcelona und beschäftigte sich in Alcalá eingehend mit den Artes. Er fiel jedoch immer wieder durch neue, als aufrührerisch geltende Gedanken auf, die ihn als vermeintlichen alumbrado vors bischöfliche Gericht brachten. In Salamanca, wohin er nach dem unerwarteten Freispruch überwechselte, traten sofort erneute Schwierigkeiten auf. Deshalb ging Ignatius 1528 nach Paris. Nachdem er zum Magister Artium promoviert hatte, gelobte Loyola zusammen mit sechs Gefährten, Armut und Keuschheit einzuhalten, ferner eine weitere Wallfahrt nach Jerusalem. Diese scheiterte wiederum in Venedig an einem Überfahrtsverbot, dies führte jedoch 1537 zur Priesterweihe Ignatius‘. Er zog, da ihn der Gedanke einer Ordensgründung nicht mehr losließ, 1538 nach Rom. Die im Frühjahr 1539 endgültig beschlossene Ordensgründung stieß jedoch auf Widerstand. Insbesondere konservative Kardinäle bezichtigten ihn der Häresie und lediglich mit Hilfe des Kardinals Contarini gelang es ihm, dem Papst seine Formula Instituti vorzulegen. Paul III. bestätigte 1540 den Orden durch die Bulle Regimini militantis ecclesiae. Nachdem Ignatius 1541 zum Ordensoberen gewählt worden war, widmete er sich der Ausarbeitung seiner Konstitutionen und seiner geistlichen Werke, insbesondere der Exerzitien. Als der Ordensgründer 1556 unerwartet starb, waren sowohl er, wie auch sein Lebenswerk, nicht unumstritten. Und doch erfolgte seine Seligsprechung recht früh, 1609 durch Paul V. und die Kanonisation 1622 durch Gregor XV., beides wurde stark begünstigt durch die unerwartet angewachsene Macht des neuen Ordens.[1]

So lautet die kürzest-mögliche Biografie des heiligen Ignatius von Loyolas, dem Gründer des Jesuitenordens, mit welchem sich das Seminar ausführlich beschäftigt hat. Doch hinter der bloßen Biografie mag sich viel mehr verbergen. Denn die Quellen, aus denen Hanst Ignatius‘ Lebensdaten bezogen hat, sind ebenso verschieden, wie die zeithistorischen Kontexte in denen sie entstanden sind und aufgrund dessen mit unterschiedlichen religiösen oder politischen Aussagen verknüpft. Die Biografie Ignatius von Loyolas war oft mehr als bloß die simple Wiedergabe seiner Lebensgeschichte. Es wurde weggelassen, hinzugefügt, übertrieben und aufgebauscht. Sogar bis „in die Gegenwart lassen sich viele Autoren von Werken über Ignatius von Loyola und seinen Orden entweder von Widerwillen und Haß oder von allzu großer Bewunderung und Ergebenheit leiten. Durch beide Extreme können Studium und Beurteilung einer Person mit unstreitbar großer geschichtlicher Wirkung methodisch verdorben werden.“[2] Dementsprechend kam auch nach meinem Referat im Kurs die Frage hinsichtlich der Glaubwürdigkeit seiner Lebensgeschichte auf, welche doch stark den Heiligenlegenden ähnelte, die Ignatius während der Genesung auf seiner Heimatfestung gelesen hatte. Die daraus entstandene Diskussion nehme ich als Anregung für meine Hausarbeit. Deren Ziel wird es somit sein, die einzelnen Biografien Ignatius von Loyolas hinsichtlich ihrer Kontextualisierung zu überprüfen, sowie die nachträgliche bzw. postume Glorifizierung und sogar Heiligsprechung welche im krassen Gegensatz zu den mehrmaligen Vorwürfen der Häresie stand, anhand entscheidender Episoden seiner Vita, zu untersuchen. Dabei verwende ich grundlegend Ignatius‘ Autobiografie, niedergeschrieben von Câmara[3], sowie als Sekundärliteratur den Aufsatz O‘Reillys[4], sowie die Werke Felds und Brodericks[5]. Leider war es mit nicht möglich mit dem essentiellen Vergleichswerk Ribadeneiras zu arbeiten und muss mich daher bei dessen Beurteilung auf die Sekundärquellen stützen.

2. Der Bericht des Pilgers

Erst zum Ende seines Lebens, nach langem Zögern und auf mehrfache Wunschäußerungen seiner Gefährten[6] hin, diktierte Ignatius von Loyola schließlich einem Vertrauten in Rom, die Geschichte seiner frühen Jahre. Ziel war es, aufzuzeigen wie der Gründer der Societas Jesu von Gott geleitet und geformt wurde, wie auch das Verfassen eines religiösen Testaments, welches der derzeitigen, ebenso wie den folgenden Generationen als religiöses Leitbild und väterliche Unterweisung dienen sollte.[7] Diese Autobiografie begann er schließlich im September 1553 einem jungen portugiesischen Jesuiten namens Luís Gonçalves da Câmara zu diktieren. Das Vorhaben wurde jedoch mehrfach durch Krankheit oder eine andere Dringlichkeit, sowie den Tod Papst Julius III. unterbrochen. Câmara schrieb erst nach den Sitzungen mit Ignatius seine Notizen nieder, füllte den Text später aus und diktierte die ersten zwei Teile der Geschichte einem spanischen, den dritten Teil einem italienischen Schreiber. Es scheint bekannt zu sein, das Câmara ein exzellentes Gedächtnis besessen haben muss. In seinem Vorwort behauptet er nicht ein Wort geschrieben zu haben, das er nicht aus Ignatius Mund gehört hätte.[8]

Die Autobiografie, welche Câmara verfasste, beinhaltete nicht das ganze Leben Ignatius von Loyolas. Sie beginnt abrupt mit dem großen Wendepunkt in Ignatius Leben, mit der schweren Verwundung während der Schlacht von Pamplona 1521, sowie der Konversion auf Schloss Loyola und umfasst die folgenden 17 Jahre bis hin zu seiner Ankunft in Rom, einschließlich der Aktivitäten und ersten Probleme der Gefährten in der Ewigen Stadt. Eben diese Jahre sind es, welche die zentralen Jahre im Leben des späteren Heiligen darstellen, vom Beginn seiner religiösen Konversion weiter zu seinem spirituellem Wachstum, beinhalten sie die Pilgerjahre ebenso wie die Vorbereitungen einen neuen religiösen Orden zu etablieren.[9] Olin sieht in Ignatius autobiografischem „Testament“ die Essenz zum Verständnis seiner Persönlichkeit und seiner Hinterlassenschaft.[10]

3. Die offizielle Biografie

Es erscheint wohl leicht ironisch, dass ausgerechnet diesem präzisionsversessenen Orden das exakte Geburtsdatum ihres Gründers abhanden gekommen ist. Erklärbar ist dies nur dadurch, dass Ignatius Jahr und Tag seiner Geburt selbst nicht eindeutig bestimmen konnte. Er vermutete seinen Geburtstag im Jahr 1493, seine Amme und Pflegemutter María Garín, welche ihn überlebte, beharrte jedoch darauf, dass Ignatius zwei Jahre zuvor, also im Jahre 1491, geboren sei. Dieses Geburtsdatum wurde schließlich auch von Ribadeneira[11] übernommen.[12] Ribadeneira war von der obersten Ordensleitung der Jesuiten damit beauftragt worden die offizielle Biografie des Ordensstifters zu verfassen. Somit erging im Juni 1567 an alle Provinzialoberen der Gesellschaft Jesu die Aufforderung, alle für die Lebensgeschichte des Ordensgründers entscheidenden Unterlagen nach Rom zu senden. Auf Basis dieser Quellenlage, die natürlich auch die von Ignatius diktierte Lebensgeschichte beinhaltete, verfasste Ribadeneira schließlich seine Biografie, welche 1572 erschien und bald in die wichtigsten modernen Sprachen übertragen wurde. Gleichzeitig jedoch ließ die Ordensleitung alle anderen im Umlauf befindlichen Schriften über ihren Gründer einziehen, als Resultat dessen verschwand der Bericht des Pilgers und fiel der Vergessenheit anheim. Gründe für das Verschwinden- und Vergessen-lassen der wahrscheinlich wichtigsten Quellen zum Lebensweg Loyolas sind relativ naheliegend, denn was Ignatius über sich und seinen Weg der Welt mitzuteilen hat, kann nur schwerlich mit dem hagiografischen Bild, welches der Orden im Laufe der Jahre von seiner Gründerfigur geprägt und innerhalb der Kirche verbreitet hat, in Einklang gebracht werden. Ebenso wie die Tatsache verdeutlicht, dass selbst die Originalmanuskripte Câmaras nicht erhalten geblieben sind, wie seitens des Ordens nachträglich „Geschichtsklitterung und Retuschiermaßnahmen“ des Ignatiusbildes vorgenommen wurden.[13] Doch Feld wird sogar noch drastischer wenn er feststellt, „was bisher in den Kreisen des Jesuitenordens über Ignatius – leider auch an hagiographischen Schwachsinn! – geschrieben wurde und geschrieben werden durfte“[14]. Sicher ist dagegen, dass Ribadeneira Ignatius und die anderen Mitbegründer des Ordens gut gekannt hat und sein Werk fundiert ist. Trotzdem ist natürlich auch Ribadeneira nicht frei von Beeinflussungen durch sein historisches Umfeld. Schließlich erschien seine Ignatius-Biografie während der Nachwirkungen des Konzils von Trient (1545-1563), als die katholische Kirche verzweifelt bemüht war, gegen die Welle der protestantischen Reformationsbewegung anzukommen. Die Beschlüsse des Konzils wurden allmählich durchgesetzt und der entschlossene Gegenangriff auf den Protestantismus manifestierte sich sowohl politisch, als auch scholastisch und apologetisch. Die sogenannte gegenreformatorische Welt, in welcher und für welche Ribadeneira schrieb, hinterließ ihren eindeutigen Abdruck auf seiner Lebensbeschreibung. Er präsentierte Ignatius als Soldaten der Kirche, der seine siegreichen Armeen gegen den Antichristen, Martin Luther, führte. Einer Person, die als ebenso feindlich angesehen wurde, wie frühere Reformbewegungen, wie Illuminatismus und Erasmianismus. Ignatius dagegen wird zum Verteidiger der katholischen Tradition stillisiert.[15]

[...]


[1] Vgl. O’Malley, John W., The first Jesuits, Harvard 1993, S. 23ff (zit. als: O’Malley, Jesuits), vgl. Hanst, Michael, Ignatius von Loyola, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 2, Hamm 1990,Sp. 1258-1262, (zit. Als BBKL).

[2] Feld, Helmut, Ignatius von Loyola. Gründer des Jesuitenordens, Köln, Weimar 2006, S. XII, (zit. als: Feld, Ignatius).

[3] Câmara, Luís Gonçalves da, The Autobiography of St. Ignatius Loyola with related Documents, Edited with Introduction and Notes by John C. Olin, Translated by Joseph F. O’Callaghan, New York [u.a.] 1974, (zit. als: Câmara, Autobiography). Allgemeinhin wird Loyola als Autor angegeben, doch da er es faktisch nicht ist, gebe ich Câmaraan.

[4] O’Reilly, Terence, Ignatius of Loyola and the Counter-Reformation: the hagiographic tradition, I, in: From Ignatius Loyola to John of the Cross. Spirituality and literature in sixteenth-century Spain, (Variorum Collected Studies Series; CS 484), 1995, (zit. O’Reilly, Ignatius).

[5] Broderick, James, The Origin of the Jesuits, London [u.a.] 1940, (zit. als: Broderick, Origin).

[6] Insbesondere Jerome Nadal flehte ihn inständig um eine schriftliche Hinterlassenschaft an. Da er fürchtete Ignatius könne vorzeitig sterben ohne etwas Schriftliches den nächsten Generationen hinterlassen zu haben. Vgl. Olin, John C., Introduction, in: The Autobiography of St. Ignatius Loyola with related Documents, Edited with Introduction and Notes by John C. Olin, Translated by Joseph F. O’Callaghan, New York [u.a.] 1974, S. 2 (zit. als: Olin, Introduction), Vgl. O’Malley, Jesuits, S. 8.

[7] Vgl. Olin, Introduction, S. 1.

[8] Vgl. Olin, Introduction, S. 2, vgl. O’Malley, Jesuits, S. 8f. “I have striven not to put down any word except those that I heard from the Father” Câmara, Autobiography, S. 16. Gleichzeitig muss er aber auch eingestehen, dass wortgetreu Ignatius wiedergebend, das Verständnis bei einigen Dingen gelitten habe. Vgl. Ebd. S. 16. Desweiteren ist es Ignatius selbst, der aus dem Gedächtnis heraus erzählt und das menschliche Gedächtnis neigt zuweilen die Dinge subjektiv zu verändern. Auch die Übersetzungsproblematik hat ihren Teil beigetragen, sodass zumindest mit Sicherheit gesagt werden kann, dass der Text, wie er heute vorliegt, durch mehrere Sprachen und Menschen gefiltert wurde. Vgl. O’Malley, Jesuits, S. 9.

[9] Vgl. Olin, Introduction, S.3f.

[10] Vgl. Olin, Introduction, S. 4.

[11] Pedro de Ribadeneira (1526- 1611) war ein jesuitischer Ordenspolitiker und -historiker, theologischer Schriftsteller und Staatstheoretiker, der sich in jugendlichem Alter bereits 1540 dem neuen Orden des Ignatius‘ anschloss. Er gehörte jener zweiten Generation von Jesuiten an, deren Wirken die Konsolidierung und Ausbreitung der Gesellschaft Jesu entscheidend vorantrieb. Seine Reihe von Biographien der ersten Ordensgeneräle, die er 1572, noch in Italien, mit derjenigen Loyolas begann, setzte er mit Lebensbeschreibungen des Jacob Laínez und Franz von Borgia fort. Schriften und Schriftsteller des Ordens dokumentierte er im Catalogus Scriptorum religionis Societatis Jesu ( 1602). Vgl. Brechenmacher, Thomas, Ribadeneira, Pedro, in: BBKL, Bd.VIII, Herzberg 1994, Sp.167-169.

[12] Vgl. Feld, Ignatius, S. 7.

[13] Vgl. Feld, Ignatius, S. 9. Es existieren jedoch einige sehr alte Kopien des Textes, auf deren Grundlage zwei kritische Editionen in der Monumenta Historica Societatis Jesu herausgebracht wurden. Dem entsprechend wurde Ignatius‘ Selbstbekenntnisse erstmalig 1904 in den Scripta de Sancto Ignatio veröffentlicht und ein weiteres Mal 1943 in den Fontes Narrativi de S. Ignatio de Loyola. Vgl. Olin, Introduction, S. 3

[14] Feld, Ignatius, S. 5.

[15] Vgl. O’Reilly, Ignatius, S. 439, vgl. O’Malley, S. 17.

Details

Seiten
21
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656610274
ISBN (Buch)
9783656609940
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v269780
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
1,7
Schlagworte
Ignatius von Loyola Heiligenverehrung Heiligsprechung Jesuiten Visionen Der Bericht des Pilgers Aniluther Inquisition Iñigo López de Loyola Manresa Exerzitien Societas Jesu

Autor

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Titel: Ignatius von Loyola