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Zur Entstehung von kollektiven Emotionen bei sportlichen Großveranstaltungen

Examensarbeit 2013 68 Seiten

Sport - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 WAS SIND EMOTIONEN

3 EMOTIONSSOZIOLOGISCHE ERKLÄRUNGSANSÄTZE
3.1 Das emotionssoziologische Strukturmodell von Kemper
3.2 Die Erweiterung des emotionssoziologischen Strukturmodells durch Gerhards
3.3 Die Vervollständigung des emotionssoziologischen Strukturmodells durch Riedl

4 DAS PUBLIKUM
4.1 Der Faktor „Emotionserleben“
4.2 Der Faktor Sportliche Attraktion und Unterhaltung
4.3 Der Faktor „Identifikation und Gemeinschaft“
4.4 Zusammenfassung der Motive von Sportzuschauern in Cluster

5 KOLLEKTIVE EMOTIONEN
5.1 Die strukturelle Dimension kollektiver Emotionen
5.2 Die operationale Dimension von kollektiven Emotionen
5.3 Zusammenfassung der Dimensionen des emotionssoziologischen Modells kollektiver Emotionen

6 KOLLEKTIVE EKSTASE

7 FAZIT

8 LITERATURVERZEICHNIS

1 Einleitung

Es ist der 9. April 2013: Das Viertelfinale auf das alle Dortmund-Fans seit Jahren gewartet haben. Die Erwartungen an die Spieler vom Ball- sport-Verein Borussia Dortmund sind groß, da die Dortmunder eine Wo- che zuvor ein 0:0 im Champions League-Hinspiel in Málaga erspielt hat- ten. Die Fans zeigen ihre Erwartungen in einer beeindruckenden Choreo- graphie vor dem Rückspiel. „Auf den Spuren des verlorenen Henkelpotts“ war da zu lesen, womit natürlich die Siegestrophäe in der Königsklasse des Fußballs gemeint war, den die Borussia erst- und letztmalig 1997 in einem denkwürdigen Spiel gegen Juventus Turin gewinnen konnte. So bestand nun nach dem guten Hinspiel wieder die Möglichkeit zu den bes- ten vier Mannschaften Europas zu gehören. In Málaga hatte es die Borus- sia versäumt, aus einer Vielzahl exzellenter Möglichkeiten Zählbares auf die Anzeigetafel zu bringen. Der Versuch, es besser zu machen, barg nach Trainer Jürgen Klopps Meinung offenbar die Gefahr, zu früh ungeduldig zu werden. Er hatte daher beim Publikum darum gebeten, nicht gleich beunruhigt zu reagieren, wenn die ersten Chancen ungenutzt bleiben wür- den. So startet das Spiel vor einer außergewöhnlichen Kulisse, in dem jeder Stadionbesucher, mit Ausnahme der mitgereisten Málaga Fans, den Dortmundern die Daumen drückt. Das Spiel beginnt sehr verhalten und die Dortmunder können ihre eigentliche spielerische Überlegenheit nicht nutzen. So kommt es, dass der FC Málaga in der 25. Spielminute mit 1:0 in Führung geht. Das ist ziemlich genau das, was man sich in Dortmund als ungünstigstes Szenario ausgemalt hat. Es sieht nicht gut aus für die Borussia und das nicht allein wegen des Rückstands. In den Minuten da- nach wirken die Dortmunder insgesamt angekratzt. Vom Selbstbewusst- sein ist nicht mehr viel zu spüren, mehr und mehr werden die Aktionen unpräzise und fahrig. Doch dann: ein genialer Moment, um zurück ins Spiel zu kommen. Ein Ballverlust der Andalusier, die Borussia nimmt Tempo auf wie selten zuvor in diesem Spiel, Götze gibt die Richtung vor und Reus ebnet mit einem wunderbaren Hackentrick den Weg für Le- wandowski. Der Angreifer umkurvt Willy und sorgt mit seinem Treffer in der 40. Spielminute für eine Eruption der Emotionen auf den Tribünen. Halbzeit. Nach der Halbzeitpause steht das Spiel auf Messers Schneide. Jedes Tor kann nun das Spiel entscheiden und so kommt, was kommen musste und was den Dortmunder Signal Iduna-Park zum kollektiven Schweigen bringt. Der FC Málaga schießt sich in der 82. Spielminute mit 2:1 in Führung. Das heißt nun für die Dortmunder, sie müssen in den noch verbleibenden acht Spielminuten plus Nachspielzeit zwei Tore er- zielen, um noch das Halbfinale der UEFA-Champions League zu errei- chen. Doch die Dortmunder Spieler finden kein Mittel gegen die Abwehr- reihe von Málaga. Und jetzt, da die Nachspielzeit anbricht, hält es kein Zuschauer im Stadion für möglich, das da noch etwas passiert. Doch jetzt langer Ball von Hummels auf Subotic, Pass in die Mitte, aber Abpraller vom Verteidiger vor die Füße von Reus und der schiebt ein ins leere Tor. 2:2. Geht hier noch was? Auf der Tribüne entwickelt sich eine leichte Aufbruchsstimmung. Die Anfeuerungsrufe werden wieder lauter. Dort- mund schlägt jetzt immer wieder den Ball in Richtung des gegnerischen Strafraums. Die vierte Minute der Nachspielzeit bricht an. Wieder langer Ball, doch auch der wird zum Einwurf geklärt. Einwurf auf Lewandowski, der flankt in die Mitte. Unübersichtliche Situation. Santa fällt der Ball vor die Füße und er drückt ihn über die Linie. TOOOOOORRRRR. 3:2 für Dortmund. Das nicht mehr für möglich Gehaltene ist wahr: Borussia Dortmund erzielt den benötigten Treffer. Das Stadion explodiert, alle springen auf und jubeln. Über 60.000 Kehlen kreischen gemeinsam und jeder umarmt jeden, egal ob man sich kennt oder nicht. Auch für meine Begleiter und mich gibt es jetzt kein Halten mehr und das obwohl wir keine Fans der Borussen sind. Der Schiedsrichter pfeift ab. Das Spiel ist aus. Unbeschreiblicher Jubel, egal wo man jetzt hinschaut. Wie kann so etwas passieren?

Wie kommt es zu solchen kollektiven Emotionen? Mit diesem gemein- schaftlichen Phänomen wird sich die Arbeit beschäftigen. Im zweiten Ka- pitel der Arbeit werden Emotionen im Allgemeinen beschrieben und her- ausgearbeitet, was es mit Emotionen auf sich hat? Darauffolgend geht es um die soziologischen Erklärungsansätze für Emotionen. In diesem Kapi- tel wird sich mit den soziologischen Emotionsmodellen von Kemper (1978), Gerhards (1988) und Riedl (2006) auseinandergesetzt, um im spä- teren Verlauf dieser Arbeit, auf Grundlage der Modelle, Erklärungsansät- ze für kollektive Emotionen zu geben.

Anschließend sollen die Motive von Stadionbesuchern dargestellt und erklärt werden. Was macht die Anziehungskraft von sportlichen Großveranstaltungen aus? Wenn im Folgenden von einer Großveranstaltung gesprochen wird, ist die Definition der Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren (AGBF) zu benutzen.

„Veranstaltungen im allgemeinen Sinne sind organisierte Tref- fen von Menschen über eine bestimmte Zeit an einem be- stimmten Ort oder mehreren Orten gleichzeitig zu einem vor- her festgelegten Zweck. Veranstaltungen werden zeitlich vor- her geplant. Großveranstaltungen, neudeutsch häufig als „Event“ vermarktet, sind solche Veranstaltungen mit einer sehr großen Zahl von erwarteten Teilnehmern, wobei

a) diese von unterschiedlicher Nationalität, Sprache, sozialer Schichtung, politischer Anschauung und religiösem Bekenntnis sein können und einen differenzierten kulturellen Hintergrund besitzen können,
b) die Einwohner ebenfalls besonders involviert sind,
c) die Veranstaltung von besonderer Bedeutung für die Region, national oder sogar international ist,
d) die Veranstaltung meistens im Kern der Stadt oder auf besonderen Flächen angesiedelt ist.

Großveranstaltungen erfordern eine behördliche Genehmigung sowie eine qualifizierte Zusammenarbeit der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) mit den Veranstaltern und anderen Beteiligten.“(AGBF, 2009, S. 1)

Im fünfen Kapitel geht es um die kollektiven Emotionen, wie sie bei sportlichen Großveranstaltungen entstehen und welche Merkmale sie haben. Abschließend wird das Phänomen der kollektiven Ekstase als extremste Form der kollektiven Emotionen erläutert.

2 Was sind Emotionen

Das Wort „Emotion“ leitet sich aus dem lateinischen Begriff „emovere“ ab, was so viel bedeutet wie herausbewegen bzw. emporwühlen (Kluge, 2011, S. 243). Im Allgemeinen sind Emotionen: „Vorkommnisse von z.B. Freude, Traurigkeit, Ärger, Angst, Mitleid, Enttäuschung, Erleichterung, Stolz, Scham, Schuld, Neid sowie von weiteren Arten von Zuständen, die den genannten genügend ähnlich sind“ (Meyer/ Schützwohl/ Reisenzein, 1993, S. 23).

Das Ausdrücken und Erleben von Emotionen ist in unserer Gesellschaft und insbesondere in der Freizeit unumgänglich und erwünscht. Dies fällt besonders bei Großveranstaltungen auf.

Für die Auseinandersetzung mit Emotionen scheint es notwendig zu sein, die Ausmaße von diesen zu erklären. Denn wenn man sich mit Emotionen befasst, stellt man schnell fest, dass der Begriff sehr viele Ebenen auf- weist und die Begriffsdefinition sehr unterschiedlich sein kann. Somit steht Anfangs die Eingrenzung des Emotionsbegriffs für die folgende Verwendung im Vordergrund. Hierbei wird der Schwerpunkt auf soziolo- gische Aspekte erfolgen. Danach soll geklärt werden, wie Emotionen so- ziologisch entstehen und wie sie bedingt sind, wobei jedoch darauf geach- tet werden soll, dass es nicht zu einer generellen Trennung zwischen der psychologischen und der soziologischen Sichtweise kommt. Emotionen wirken in erster Linie, als wären sie nur personengebundene und personenbezogene Umstände, da sie ja auch von Einzelnen gefühlt und erlebt werden. So sind nach Ciompi (1997, S. 67) Emotionen als eine „von inneren oder äußeren Reizen ausgelöste, ganzheitliche psycho- physische Gestimmtheit von unterschiedlicher Qualität, Dauer und Be- wusstseinsnähe.“

Des Weiteren haben Emotionen auch immer einen physiologischen As- pekt. Beispielsweise können Menschen vor Scham erröten oder deren Puls steigt bei Wut an. Durch die äußeren Reaktionen einer Person erkennen wir als erstes, dass Emotionen im Spiel sind (Riedl, 2006, S. 91). Für die- se Arbeit ist die psychologische Betrachtung der Emotionen nicht ausrei- chend, da kollektive Emotionen ein soziales Phänomen darstellen. Diese Arbeit soll keinen weitreichenden Überblick über den aktuellen Stand der Forschung geben, sondern nur die für das Thema wichtigen Ausführungen beleuchten. In diesem Sinne wird das Ziel verfolgt, die vorhandenen Er- gebnisse zu selektieren und für den Erkenntnisgewinn der Ausarbeitung zu nutzen.

So soll an dieser Stelle die Arbeit von Hochschild (1990, 1998) genannt werden, da sie annimmt, dass „das Selbst“ fähig ist, Gefühle zu erleben, zu reflektieren und zu managen (Flam, 2002, S. 127). Hochschild führt die Begriffe „Gefühlsarbeit“ und „Gefühlsregeln“ ein. Hiernach kommen Emotionen zuerst auf der Mikroebene vor und werden dann durch die Steuerung und die Macht von Organisationen und Eliten auf die Makro- ebene weitergeleitet. Somit sind die Eliten einer Gesellschaft die gewäh- rende Institution derselben.

Gerhards (1988) beschreibt in seiner „Soziologie der Emotionen“, dass sich das Individuum nicht der Kontrolle der Emotionen verschrieben hat. Es versucht vielmehr, negative Emotionen zu vermeiden. Nach Ciompi (1997, S. 239) ist damit gemeint, dass das Erreichen von angenehmen Gefühlen zur gesellschaftlichen Norm wird (Ciompi, 1997, S. 239). Emo- tionen sind Gerhards (1988) zur Folge immer das Resultat von sozialen Konstellationen und den darauf folgenden Reaktionen. So jubeln Fans bei einem positiven Ergebnis ihres Lieblings oder ihrer Lieblinge. Emotionen beziehen sich demnach auf ein Ereignis, womit klar ist, dass bei der Ent- stehung von Emotionen die Frage nach den sozialen Bedingungen gestellt werden muss. Gleichzeitig geben unsere Emotionen aber auch den sozia- len Zusammenhängen des täglichen Lebens Struktur. So entscheiden wir oftmals im Alltag „aus dem Bauch heraus“, ohne rationale Entscheidun- gen zu treffen. Die Höhe der Wahrscheinlichkeit eines positiven Aus- gangs des Spiels unseres Lieblingsteams entscheidet, ob wir das Spiel besuchen oder nicht. So sind die Stadien erfolgreicher Mannschaften vol- ler als die von Mannschaften, die eher verlieren bzw. bei denen der An- spruch der Zuschauer höher ist als die tatsächliche Siegwahrscheinlich- keit. Eine andere Dimension von Emotionen ist die der kulturellen Kodie- rung. Diese Kodierung ist zum Teil angeboren und zum Teil unserer So- zialisation geschuldet. Watson (1919) bewies schon Anfang des 20. Jahr- hunderts mit einer Reihe von Experimenten an Kleinkindern, dass die Kinder schon zu den drei grundlegenden Emotionen Liebe, Wut und Trauer fähig sind. In dieser Studie stellte er auch fest, dass Emotionen einer gewissen Konditionierung unterliegen und damit antrainierbar sind. Die Art, wie äußere Reize wahrgenommen werden, kann sich mit fort- schreitendem Alter verändern. So können Situationen, die bei Kleinkin- dern Wut hervorrufen, bei Erwachsen zu Angst führen. Diese gelernten kulturellen Kodierungen entstehen durch Wertebildungen und gesell- schaftliche Normen früherer Generationen, die sich im Laufe der Zeit ma- nifestiert haben (Tritt, 1992, S. 168). Damit scheinen Emotionen ein we- sentlicher Bestandteil unseres gesellschaftlichen Lebens zu sein. Dennoch ist dieses Feld nicht einfach zu bearbeiten, da auch andere Fak- toren eine erhebliche Rolle spielen. Schmidt (2005, S. 16) bemerkt aber, dass es nicht wichtig ist, ob Emotionen hauptsächlich biologische oder soziale Phänomene sind, sondern wie diese Faktoren bei der Entstehung von Emotionen zusammenwirken. So stehen die biologischen und sozia- len Faktoren der Emotionsentstehung, des Ausdrucks, des Auslebens und der Bewertung von Emotionen in engem Zusammenhang. Diese Faktoren bedingen einander und sind in einer dynamischen Gesamtstruktur mitei- nander verbunden. So kann das Individuum nicht unterscheiden, ob eine Emotion kognitiv, biologisch, körperlich oder soziokulturell entstanden ist (Schmidt, 2005, S. 16).

„Emotion ist ein seltsames Wort. Fast jeder denkt, er versteht, was es bedeutet. Bis er versucht es zu definieren. Dann behauptet praktisch niemand mehr es zu verstehen.“ (Wenger, Jones und Jones 1962, S. 3, zit. nach Schmidt-Atzert, 1996, S. 18)

Da es bisher keine Einigkeit über eine allgemein gültige Definition gibt, ist diese Feststellung von Wenger, Jones und Jones sehr treffend. In unserer Gesellschaft und Umgangssprache verbinden wir mit dem Wort Emotionen zwei unterschiedliche Dinge. Zum einen bezieht sich die Be- deutung des Wortes auf das Erleben, z.B. wenn jemand sagt, sie oder er sei traurig. Dafür sollte lieber der Überbegriff „Gefühl“ verwendet wer- den. Die zweite Bedeutung ist vielschichtiger, sie impliziert neben dem Gefühl auch den körperlichen Zustand und den Ausdruck. Schmidt-Atzert (1996, S. 18ff.) verweist darauf, dass schon McDougall (1923) auf eine Notwendigkeit der Unterscheidung von Gefühl und Emotion hingewiesen hat und Carlson und Hatfield (1992) angemerkt haben, dass Psychologen in ihren Definitionen eher die einzelnen Aspekte von Emotionen betonen. Dabei vergleichen sie die Definitionsbildung von Emotionen mit blinden Menschen, die einen Elefanten berühren und diesen Elefanten danach be- schreiben. Der Elefant verändert bei jedem von ihnen seine Gestalt, da diese davon abhängig ist, an welcher Stelle der Elefant berührt wurde. Kleinginna und Kleinginna (1981) haben 92 Definitionen zusammenge- tragen und versucht, diese in zehn verschiedene Kategorien einzuteilen (Schmidt-Atzert, 1996, S. 18ff.). Dies beweist, dass es, wie bereits er- wähnt, etliche verschiedene und nur in einzelnen Bereichen überschnei- dende Definitionen für Emotionen gibt. Eine exakte Definition ist nicht die Voraussetzung, sondern Resultat wissenschaftlicher Analysen. Somit ergibt sich die Notwendigkeit, je nach Forschungsschwerpunkt eine Ar- beitsdefinition anzufertigen. Diese soll unkontrovers und für möglichst viele Forscher akzeptabel sein. Die Arbeitsdefinition dient zur Phäno- menbeschreibung und zur Abgrenzung des Forschungsgebietes. Somit verhindert sie eine Ausweitung der Vielfalt der Themen, die unter dem Stichwort der Emotionen behandelt werden und ermöglicht damit eine ungefähre Beschreibung von Emotionen. Die Arbeitsdefinition versucht möglichst allen theoretischen Annahmen gerecht zu werden und hat nur vorläufigen Charakter, damit sie dem aktuellen wissenschaftlichen Stand angepasst werden kann. Es gibt nun zwei grobe Zugänge für eine Arbeits- definition. So können nur Emotionen beispielhaft genannt werden oder es wird nach definierenden Merkmalen gesucht (Schmidt-Atzert, 1996, S. 18).

Festzuhalten ist also, dass es nicht die eine Definition von Emotionen gibt, sondern dass man sich aufgrund der Vielzahl auf eine Arbeitsdefini- tion einigt, die zur Untersuchung der Forschungsthese dienlich ist. Für diese Arbeit ist es aber nicht wichtig, eine eigene allgemein gültige Defi- nition zu entwerfen, sondern das Feld der Emotionen etwas zu systemati- sieren.

Meyer, Schützwohl und Reisenzein (1993, S. 22ff.) geben eine allgemein gehaltene Definition zu Emotionen. Auf diese Grundlage stützte Riedl (2006, S. 93ff.) seine Überlegungen zu einem emotionssoziologischen Modell zur Steuerung des Emotionserlebens im Publikum. Nach Meyer, Schützwohl und Reisenzein (1993, S. 24ff.) gibt es vier Merkmale von Emotionen:

1. Emotionen sind aktuelle Zustände von Personen
2. Emotionen unterscheiden sich nach Qualität und Intensität
3. Emotionen sind in der Regel objektgerichtet
4. Emotionen haben einen Erlebnisaspekt, Verhaltensaspekt und phy- siologischen Aspekt

Die aktuellen psychischen Zustände einer Person dienen der Abgrenzung ihrer allgemeinen „emotionalen Disposition“, also ihrer überdauernden Personenmerkmale. Eine emotionale Situation ist meist ein relativ kurzer und zeitlich geschlossener Zustand. Mit emotionaler Disposition ist nun die erhöhte Bereitschaft bzw. Neigung zu emotionalen Zuständen ge- meint. In der „emotionalen Disposition“ geht es um die Voraussetzung, die ein Mensch mitbringt, um auf Situationen emotional zu reagieren (Meyer/ Schützwohl/ Reisenzein, 1993, S. 25f.). Es geht um seine Um- weltbedingungen, mit welcher Voraussetzung die Person in eine Situation geht. Ist sie verliebt oder gibt es generelle Ablehnung zu solchen Situati- onen aus Vorerfahrungen? Als Beispiel hierfür sind Personen zu nennen, die in ähnlichen Situationen immer mit Angst reagieren oder schnell reiz- bar sind, also sich schneller über Dinge ärgern als andere in vergleichba- ren Situationen. „Emotionale Dispositionen“ können sehr „objekt- oder situationsspezifische“, kurz andauernde emotionale Zustände sein. Sie können aber auch zu sehr „globalen“ bzw. „generellen Anlagen“ werden. So kann aus einer Verliebtheit für einen Abend eine lebenslange Liebe werden. Sie kann aber auch nach dem Abend wieder verflogen sein und aus dieser Disposition der Liebe ergeben sich unterschiedliche emotionale Zustände (Meyer/ Schützwohl/ Reisenzein, 1993, S. 25f.).

Das zweite Merkmal der Emotionen nach Meyer, Schützwohl und Reisen- zein (1993) soll konkrete Emotionsgeschehnisse gruppieren, dabei wer- den sie zu Typen oder Klassen zusammengefasst. Qualität meint in die- sem Zusammenhang die Ausprägung der Emotion, also ob sie positiv oder negativ ist. Die Qualitätstypen sind z.B. Freude, Angst, Wut, Liebe, Är- ger, etc.

Emotionen besitzen immer eine unterschiedlich starke Ausprägung, somit werden sie von schwach bis stark charakterisiert, nachdem ihre Qualität gekennzeichnet wurde. Beispiele hierfür wären schwache, mittlere, ext- reme Angst, also z.B. eine Tierphobie, die unterschiedliche Intensitäten haben kann (Meyer/ Schützwohl/ Reisenzein, 1993, S. 24f.). Bei der Intensität geht es in diesem Zusammenhang um das zeitliche An- halten einer Emotion. Emotionen haben einen sehr unterschiedlichen zeit- lichen Verlauf, womit sie je nach Intensität einen anderen zeitlichen Ab- lauf besitzen. Sie können z.B. langsam oder schnell zum Intensitätsmaxi- mum kommen (Meyer/ Schützwohl/ Reisenzein, 1993, S. 24). Emotionen beziehen sich immer auf etwas. Man kann Angst vor etwas haben, sich über etwas freuen, jemanden lieben oder um jemanden trau- ern. Dieser Bezugspunkt stellt immer das Objekt dar, das nicht real exis- tieren muss. Daher können wir Angst oder Freude vor zukünftigen Ereig- nissen haben, z.B. können wir uns auf einen Urlaub freuen oder Angst vor Prüfungen haben. In diesen Fällen kann der Urlaub z.B. verregnet und das Hotel schlecht sein. Die Prüfung kann bestanden werden, vielleicht sogar mit sehr gut. Die Angst bzw. die Freude hätten sich dann als nicht richtig herausgestellt. Entscheidend hierfür ist, dass die Person der Überzeugung bzw. Meinung ist, dass Sachverhalte und Ereignisse existieren, stattge- funden haben oder sich im Bereich des Möglichen befinden. Es geht also um die Vorstellbarkeit, nicht aber um die reale Existenz von Ereignissen. Natürlich sind die Objekte meist trotzdem existent: So ist die Freude über den Sieg des eigenen Teams komplett real (Meyer/ Schützwohl/ Reisenzein, 1993, S. 26f.).

Eine Emotion hat immer verschiedene Aspekte. Personen, die sich in emotionalen Zuständen befinden, haben ein charakteristisches Erleben. Dies ist der Erlebnisaspekt von Emotionen und somit die subjektive Komponente, welche auch als Gefühl bezeichnet wird. Daher werden emotionale Menschen als heißblütig beschrieben, weil sie emotionaler sein sollen als andere. Daraus folgt, dass sich Emotionen scheinbar auf charakteristische Weise von anderen bewussten Zuständen unterscheiden (Meyer/ Schützwohl/ Reisenzein, 1993, S. 27ff.).

Bei der Anwesenheit von Emotionen treten auch häufig bestimmte kör- perliche Veränderungen auf. Diese als „peripher-physiologischen Verän- derungen“ bzw. Reaktionen bekannten Zustände finden in der Peripherie des Nervensystems statt. Zu ihnen gehören z.B. Erröten, Veränderung des Pulses, Schwitzen der Hände, Atmungsveränderung, etc. Diese Verände- rungen sind nicht aktiv gesteuert, sondern sie geschehen im unwillkürli- chen und autonomen Teil des Nervensystems. Sie können auch viszerale Veränderungen genannt werden, da sie vor allem die inneren Organe und Drüsen betreffen. Dies ist der physiologische Aspekt von Emotionen (Meyer/ Schützwohl/ Reisenzein, 1993, S. 30).

Der Verhaltensaspekt der Emotionen umfasst zwei Teilaspekte. Der ex- pressive oder auch Ausdrucksaspekt, ist für die Gegenüber klar sichtbar und geht meist mit einem unwillkürlichen Ausdrucksverhalten einher. Dazu gehören die Mimik und Gestik, die Körperhaltung und Körperorien- tierung, unwillkürliche Körperbewegungen und eine mögliche Verände- rung der Sprechstimme. Hingegen umfasst der instrumentelle bzw. Hand- lungsaspekt zielgerichtete Handlungen bei Emotionen, so z.B. ein direk- tes Angriffsverhalten bei einer Wut-Situation (Meyer/ Schützwohl/ Rei- senzein, 1993, S. 30f.).

Den für diese Arbeit wichtigsten Punkt nennen Meyer, Schützwohl und Reisenzein in ihrem dritten Merkmal. Emotionen haben immer einen Ob- jektbezug. Wie erwähnt muss dieser nicht der Realität entsprechen, die momentane Auffassung einer Person ist dafür von Bedeutung. Den Ver- haltens- und physiologischen Aspekt des vierten Merkmals bemerken wir, wenn z.B. das Herz vor Wut zu rasen anfängt. Nach Gerhards sind Emoti- onen „eine positive oder negative Erlebnisart des Subjektes, eine subjek- tive Gefühlslage, die als angenehm oder unangenehm empfunden wird. Emotionen entstehen als Antwort auf eine Bewertung von „Stimuli und Situationen“, sie können mit einer physiologischen Er- regung einhergehen und können in Form von Emotionsexpressionen zum Ausdruck gebracht werden. Sie wirken selbst wieder struktu- rierend auf den sozialen Zusammenhang zurück.” (Gerhards, 1988, S. 16)

Emotionen werden demnach subjektiv beschrieben. Sie können positiv oder negativ erlebt werden, je nach dem eigenen Empfinden. Sie sind da- mit Reaktionen auf und Folge von Situationsinterpretation auf Zustände und Reize. Daraus folgt, dass dieselbe Situation von unterschiedlichen Personen unterschiedlich bewertet werden kann. Ein Tor bei einem Spiel ist für die eine Person eine Situation des Glücks und für eine andere ein Grund zur Trauer. Je nach Bewertung können physiologische Erregung und Gefühlsausbrüche daraus resultieren, diese sind aber nicht zwingend notwendig. Im Gegenzug strukturieren Emotionen selbst den sozialen In- teraktionszusammenhang, aus dem sie entstanden sind (Gerhards, 1988, S. 16ff.).

Cordsen und Deilmann (2005) sehen die Entstehung von Emotionen als einen „sukzessiven, kognitiven Verarbeitungsprozess in der Gegen- wart wahrgenommener Reize […], aus dem eine spezifische Reaktion resultiert - im Rückgriff auf in der Vergangenheit erworbenes Wissen und orientiert an in der Zukunft liegenden Wünschen und Handlungszielen.“ (Cordsen/ Deilmann, 2005, S. 314)

Damit ergänzen sie Gerhards‘ Definition um weitere wichtige Punk- te. Bei ihnen kommt das zeitliche Element zum Vorschein. Emotio- nen geschehen demnach zeitnah, können aber durch Erfahrungen in der Vergangenheit sowie in der Zukunft liegende Ziele kognitiv be- einflusst werden. Diese Definitionsversuche von Emotionen vermit- teln zunächst ein ausreichendes Grundverständnis. Auf der einen Seite steht mit Meyer, Schützwohl und Reisenzein eine psychologi- sche Perspektive und auf der anderen Seite werden von Gerhards sowie Cordsen und Dielmann sozialkonstruktivistische Aspekte auf- gegriffen.

Eine wichtige Hilfestellung zur Ordnung der strukturellen Komponenten bietet Schmidt (2005) mit der von ihm vertretenen Differenzierung der Bezugnahme auf das Emotionsgeschehen in fünf Ebenen:

„die neuronale Ebene im Hinblick auf körperliche Grundlagen und Prozesse; die psychische Ebene im Bezug auf das bewuss- te Erleben von Gefühlen; die kognitive Ebene hinsichtlich des Wissens von Emotionen; die kommunikativ-mediale Stufe im Hinblick auf die Emotionsperformanz in allen ihren Aspekten und die soziokulturelle Ebene, die sich auf den Stellenwert, die Interpretation und Bewertung von Gefühlen im individuellen wie im gesellschaftlichen Bereich bezieht.“ (Schmidt, 2005, S. 26)

Für Schmidt (2005, S. 27) gibt es zwei Richtungen von Bezugnahmen von Emotionen auf Referenzbereiche. Zum einen gibt es die Richtung des Körpers, des Gehirns, des Bewusstseins und der Kognition, zum anderen die Richtung der Sprache, der Kommunikation, der Gesellschaft und der Kultur.

Die für diese Arbeit wohl beste Erklärung zu Definitionen bietet Lyon (1995, S. 244). Für sie sind Emotionen (mit ihrem Ausdruck, ihren Ge- fühlen, Motivationen und ihrer Darstellung) das Produkt der jeweiligen Perspektive des kulturellen Konstrukts, welches durch die individuelle Sozialisation und Erfahrung in einem bestimmten soziokulturellen Kon- text geschieht. Es lässt sich schließlich festhalten, dass aus der großen Menge an soziologischen Perspektiven zum Thema Emotionen ein be- stimmter Bereich gefunden wurde. So sind in diesem Zusammenhang im Sinne der sozialkonstruktivistischen Denkweise Emotionen als Ergebnis und auch als Reaktion auf soziale Konstellationen zu verstehen. Wie er- wähnt wird das Erleben von Emotionen als subjektiv und als positiv oder negativ beschrieben. Emotionen geschehen zeitnah, können aber durch Erfahrungen in der Vergangenheit sowie in der Zukunft liegende Ziele kognitiv beeinflusst werden. Im Folgenden werden die Komponenten Kommunikation und Kultur schwerpunktmäßig erfasst, wobei Emotionen generell als multikomplexes System verstanden werden, welches in seiner Ganzheit kaum zu erfassen ist.

3 Emotionssoziologische Erklärungsansätze

Im folgenden Kapitel soll nun ein Überblick über drei wichtige soziologi- sche Emotionsmodelle gegeben werden. Diese Modelle sollen nicht zu einem eigenen Model führen, sondern als Erklärungsansätze für kollekti- ve Emotionen dienen. Die drei Modelle sind die sozialkonstruktivisti- schen Arbeiten von Kemper (1978), Gerhards (1988) und Riedl (2006). Die Arbeit von Kemper stellt hierbei den Ausgangspunkt dar, wird durch Gerhards Gedanken ergänzt und im Folgenden durch Riedls Aspekt der Kommunikation als strukturelle Kopplung zwischen psychischen und so- zialen Systemen vervollständigt.

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Details

Seiten
68
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656683193
ISBN (Buch)
9783656683216
Dateigröße
685 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v269770
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Sportwissenschaften
Note
1,66
Schlagworte
entstehung emotionen großveranstaltungen

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