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Russische Pidgins – Handelssprachen an Russlands Grenzen

Sprachkontakt als linguistisches Kontaktphänomen im Russischen

Bachelorarbeit 2012 50 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Pidgin, Kreol- und Mischsprachen: Der Versuch einer Definition
2.1. Kommunikationssystem Pidgin
2.2. Klassifizierung verschiedener Pidgintypen
2.2.1. Maritime Pidgins
2.2.2. Handelspidgins
2.2.3. Interethnische Kontaktsprachen
2.2.4. Arbeitspidgins

3 Russisch als Staats- und Kolonialsprache
3.1. Klassifikation der Ausbreitungskontexte des Russischen

4 Sprachkontaktforschung russischer Pidgins

5 Russenorsk: Kommunikationssystem im Handel
5.1. Linguistische Strukturen im Russenorsk
5.2. Phonetik des Russenorsk
5.3. Morphologie des Russenorsk
5.3.1. Nomen und Adjektive
5.3.2. Verben
5.4. Syntaktische Strukturen des Russenorsk
5.5. Eine Analyse der präverbialen po Konstruktion im Russenorsk

6 Das sino-russische Handelspidgin von Kjachta
6.1. Linguistische Strukturen des Kjachta Pidgin
6.2. Phonetik des Kjachta Pidgin
6.3. Morphologie des Kjachta Pidgin
6.3.1. Nomen und Adjektive
6.3.2. Pronomen
6.3.3. Verben
6.4. Wortschatz des Kjachta Pidgin
6.5. Syntax des Kjachta Pidgin

7 Tajmyr Pidgin Russian (Govorka)
7.1. Phonetik des Tajmyr Pidgin Russian
7.2. Morphosyntax des Tajmyr Pidgin Russian
7.2.1. Nomen und Adjektive
7.2.2. Pronomen
7.3. Verbsystem
7.4. Syntax

8 Abschließendes Resümee und Ausblick

9 Quellenverzeichnis

10. Anhang

1 Einleitung

„Sie waren die Verstoßenen der Sprachwissenschaft. Kaum jemand nahm Notiz von ihnen. Dann kam eine Zeit, da behandelte man sie immerhin wie Waisenkinder, die irgendwo abgestellt wurden. Man wusste, dass es sie gab, aber diejenigen, die sich mit ihnen beschäftigten, waren kauzige Sonderlinge, die einer Marotte nachgingen“ (Harald Haarmann, 2006: 309 über Pidgins).

Die Entscheidung, eine wissenschaftliche Arbeit über russische Pidgins zu verfassen, ging einher mit großer Neugierde bezüglich dieser Materie und völliger Unbefangenheit der Verfasserin dieser Arbeit. Spätestens bei der Recherche nach geeigneter Literatur hierfür, wird die Aussage Harald Haarmanns verständlich. Nach intensiver Befassung mit dem Phänomen der russischen Kontaktsprachen gelangt man dennoch oder gerade deshalb zu der Erkenntnis, dass noch viel über russische Pidgins zu entdecken sein dürfte. Im Rahmen dieser Arbeit kann lediglich ein geringer Teil dieser Thematik aufgezeigt werden. Gerade auf der Tajmyr Halbinsel, der Heimat von Dolganen, Nenzen und Nganasanen, wird mitunter noch das Tajmyr Pidgin Russian gesprochen. Neben diesem Pidgin sind das Chinese Pidgin Russian und das Russenorsk Pidgin Gegenstand dieser Arbeit, es sind die drei einzigen dokumentierten russischen Pidgins. Ziel dieser Arbeit ist es, anhand der bisher vorliegenden Forschungsergebnisse Ursprung, Entstehung und Sprachtod dieser drei Pidgins zu determinieren. Diese Entwicklungen sollen an jedem der drei Pidgins explizit aufgezeigt werden. Der Aufbau sieht zunächst den Versuch einer Definition des Terminus´ „Pidgin“ vor, gefolgt von einem Einblick in das Kommunikationssystem der Pidginsprachen hin zu Klassifizierungen der einzelnen Pidgintypen. Vor den linguistischen Analysen jedes einzelnen Pidgin soll ein Überblick über die russische Kolonisationsgeschichte sowie die Sprachkontaktforschung auf diesem Gebiet etwas Licht in ein spannendes Kapitel der russischen Sprachgeschichte bringen.

Berücksichtigt man, dass der Beginn der russischen Kolonisationsgeschichte rund 900 Jahre zurückreicht zu der Novgoroder Expedition in das Komi Territorium im 11. Jahrhundert, so erscheint die Anzahl der bekannten russischen Pidgins eher gering. Im gesamten Territorium der ostslawischen Kolonisation und der Handelsaktivitäten, welche sich von Troms und der Finnmark in Nordnorwegen nach Alaska und weiter entlang der nordamerikanischen Westküste zum kalifornischen Fort Ross und sogar nach Hawaii ausdehnten, sind lediglich drei russisch dominierte Pidgins dokumentiert. Es handelt sich hierbei um das norwegisch-russische Pidgin Russenorsk sowie die chinesisch-russischen Pidgins Chinese Pidgin Russian und Tajmyr Pidgin Russian. Es existieren kleinere Aufzeichnungen aus Reiseberichten, welche auf die Existenz anderer russischer Pidgins hinweisen, jedoch wurde keines dokumentiert oder genauer beschrieben. Bei den dokumentierten Pidgins ist das Ausmaß der Textproben weit entfernt von der Vollständigkeit. Die Pidgins Russenorsk und Chinese Pidgin Russian sind heute ausgestorben, von daher scheinen weitere Dokumentationen hierüber nicht mehr möglich zu sein (Stern, 2005: 289). Eine Ausnahme bildet das Tajmyr Pidgin Russian, welches noch in der Gegenwart gesprochen wird, allerdings limitiert auf die Kommunikation zwischen Großeltern und ihren Enkeln. Die Enkel reden nur Russisch, während die Großeltern in Tajmyr Pidgin Russian kommunizieren, weil sie des Russischen nicht mächtig sind. Als Konsequenz dessen wird es keine Situationen mehr geben, in welchen Chinese Pidgin Russian von allen Gesprächspartnern gesprochen wird. Tajmyr Pidgin Russian steht somit offensichtlich am Rande des Aussterbens (Stern, 2005: 293 - 294).

2 Pidgin, Kreol- und Mischsprachen: Der Versuch einer Definition

Müsste man den Terminus Pidgin auf eine einfache Formel bringen, so könnte man Pidgins als kontaktinduzierte Segregationssprachen bezeichnen (Stern, 2004: 283). Definiert wird ein Pidgin allein durch sein evolutionäres Verhältnis zu seiner Lexifikatorsprache, also zu seinem Ursprung (Stern, 2004: 284). Bezüglich der Herkunft des Begriffs „Pidgin“ kann man sagen, dass dieser noch nicht hinlänglich geklärt ist (Riehl, 2004: 99 - 100).

Bakker (1995: 25) definiert Pidgins als Sprachen, welche zwar lexikalisch von anderen Sprachen abgeleitet sind, sich aber strukturell als rudimentär und sehr simplifiziert darstellen, was sich im Besonderen in der Morphologie niederschlägt. Pidgins haben keine Muttersprachler, sie sind der Gegenstand des Erlernens einer Sprache und werden immer von mindestens zwei Gruppen gesprochen.

Ein Pidgin wird zu einer Kreolsprache, sobald eine Generation hervorgeht, welche die Sprache als Muttersprache erlernt. Das letzte Stadium ist dann erreicht, wenn die Kreolsprache eine „funktionell voll ausgebaute“ (Riehl, 2004: 101) Sprache ist. Alle im Rahmen dieser Arbeit behandelten Pidgins mündeten niemals in eine Kreolsprache. Die Termini „Kreolsprache“ und „Mischsprache“ sollen an dieser Stelle gemeinsam mit dem Terminus „Pidgin“ der Vollständigkeit halber ebenfalls definiert werden, für diese Arbeit sind sie jedoch nicht von Relevanz:

Pidgins:

- haben keine Muttersprachler;
- sind das Resultat des Kontaktes zwischen zwei oder mehr Sprachen;
- gehören nicht zum sprachlichen Gemeingut ihrer Quellsprachen;
- haben eine eigene Grammatik;
- haben einfachere Grammatiken als ihre Quellsprachen;
- beziehen ihr Vokabular üblicherweise von einer Sprache (lexifizierende Sprache).

Kreolsprachen:

- sind das Resultat des Kontaktes unter Einbeziehung von zwei oder mehr Sprachen;
- entwickeln sich aus einem Pidgin heraus;
- haben eigene Muttersprachler;
- sind üblicherweise grammatikalisch vereinfacht.

Mischsprachen:

- sind das Resultat des Kontaktes zwischen zwei Sprachen
- haben eigene Muttersprachler
- haben die gleiche grammatikalische Komplexität wie ihre Quellsprachen (Sebba, 1997: 36).

Bei Pidgins ist somit von sprachökologischen Sonderfällen auszugehen, die von weiteren Sprachkontaktphänomenen zu unterscheiden sind, denen generell symbiotischere Ausgangsverhältnisse mit gefestigteren Gemeinschaftsstrukturen zugrunde liegen (Stern, 2004: 285).

2.1 Kommunikationssystem Pidgin

Pidgins verstehen sich als Kommunikationssysteme zwischen Menschen mit unterschiedlicher Erstsprache, die jedoch einer Handels-, Arbeits- oder Hilfssprache bedürfen, um miteinander zu kommunizieren. Außerhalb der benötigten Bereiche (z. B. Handel, Arbeit) führen Pidgins generell nicht zu intensiveren sozialen Beziehungen zwischen den Kommunikationspartnern, vielmehr sind Dauer und Häufigkeit der Kontakte zwischen Kommunikationspartnern begrenzt und durch soziale Distanz und Unpersönlichkeit charakterisiert. Nachfolgend soll nun genauer und intensiver das Kommunikationssystem Pidgin beleuchtet werden.

Pidgins entstehen ab ovo aus interethnischem Kontakt heraus. Infolgedessen weisen sie im Verhältnis zum Lexifikator merklich simplere Strukturen auf. Neue Mitglieder dieser Sprachgemeinschaft müssen sich sprachlich ihrer neuen Umgebung anpassen. Jedoch ist sprachliche Anpassung in einer Sprachgemeinschaft, welche eigentlich keine ist, keine einseitige Angelegenheit. Es herrscht eine beständige Notwendigkeit, neue Mitglieder aufzunehmen. Die Gemeinschaftsnorm kann sowohl von diesen neuen Mitgliedern als auch von den bereits bestehenden Mitgliedern der Sprachgemeinschaft gestaltet werden (Stern, 2004: 284 - 285).

In der Pidginforschung hat man der Frage, warum es überhaupt zu einer überindividuellen elementaren Sprachform kommt, nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Es geht hier um die Bedingungen, welche die Vergemeinschaftung sprachlicher Formen erst möglich machen, nämlich den Charakter sowie die Dimension sozialer Interaktionen und die Beschaffenheit sozialer Netzwerke, welche die Rahmenbedingungen der sozialen Interaktionen bestimmen. Offensichtlich hat man als selbstverständlich vorausgesetzt, dass die sozialen Beziehungen einer neu hervorgebrachten multiethnischen Gruppe unweigerlich intensiver und vielfältiger Natur sind. Die Möglichkeit, dass die soziale Interaktion innerhalb einer Gruppe auch ausgesprochen spärlich ausfallen kann, hat man vernachlässigt. Die Genese von Gemeinschaftsnormen wird in diesem Falle eher unwahrscheinlich, wie zum Beispiel das Deutsch der Immigranten. Hier findet man die Segregation der deutschen Bevölkerung sowie Multiethnizität am Arbeitsplatz und in den Wohnbereichen. Dennoch leben viele der Immigranten in sozialer Isolation und suchen oftmals nur Kontakte zu ihren Landsleuten. Hieraus kann jedoch kein Pidgin entstehen, weil sich keine sozialen Netzwerke und damit auf der Makroebene keine soziale Gemeinschaft der Immigranten in Deutschland entwickelt hat. Das heißt, die unabdingbare Voraussetzung für die Herausbildung eines Pidgins, nämlich eine sozial eng vernetzte Handlungs- und Kommunikationsgemeinschaft, fehlt hier. Ebenso wichtig für die Vergemeinschaftung sprachlicher Formen ist eine dauerhafte Verankerung in einem Umfeld, welches sich durch eine hohe Dichte kommunikativer Ereignisse auszeichnet. Das heißt, je öfter eine sprachliche Innovation verwendet wird und je kürzer die Zeitabstände zwischen dem Sprachgebrauch sind, desto eher besteht die Wahrscheinlichkeit, dass sie durch immer wiederkehrende Routine zu einem festen Bestand eines sprachlichen Repertoires wird (Stern, 2004: 285 - 286).

2.2 Klassifizierung verschiedener Pidgintypen

Man klassifiziert Pidgins gemäß den sozialen Situationen, in welchen sie meist angewandt werden. Vier Klassifikationen wie sie Bakker (1995: 27) beschreibt, sollen nachstehend aufgezeigt werden.

2.2.1 Maritime Pidgins

Maritime Pidgins kommen durch das Aufeinandertreffen von Seeleuten verschiedener Nationen zustande, sei es an Bord von Schiffen oder an Küsten. An dieser Stelle soll das baskische Pidgin auf Island genannt werden, wobei das Baskische hier die lexifizierende Sprache darstellt. Weiterhin gab es im 16. und 17. Jahrhundert ein maritimes Pidgin, welches von Europäern und Indianern im Osten der USA gesprochen wurde, das Baskisch-Algonkin (Bakker, 1995: 27). Auch Russenorsk ist in diese Kategorie einzuordnen, allerdings ist Russenorsk ebenso ein Handelspidgin, da maritime Pidgins auch beim Handel eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Es ist somit nicht immer klar abgrenzbar, ob es sich ausschließlich um das eine oder das andere Pidgin handelt, somit dürfte Russenorsk eine Art Mischform darstellen.

2.2.2 Handelspidgins

Wie bereits bei den maritimen Pidgins angesprochen, kann nicht immer deutlich klassifiziert werden kann, ob von einem maritimen oder von einem Handelspidgin die Rede ist. Als ein weiteres Beispiel hierfür kann man das Pidgin Eskimo in der arktischen See anführen, welches den Schiffcrews der amerikanischen Walflotte im 19. und frühen 20. Jahrhundert und den Inuit als gemeinsames Kommunikationsmittel diente. Hier hat man es, wie beim Russenorsk, sowohl mit einem maritimen als auch mit einem Handelspidgin zu tun. Das Chinese Pidgin English hingegen, welches von Chinesen und Europäern ausschließlich in Seehäfen gesprochen wurde, ist als Handelspidgin zu klassifizieren (Bakker, 1995: 27 - 28). Als ein weiteres reines Handelspidgin ist das chinesisch-russische Pidgin von Kjachta zu erwähnen.

2.2.3 Interethnische Kontaktsprachen

In weiteren Bereichen wie Religion, politische Verhandlungen oder Zeremonien, wo Menschen ohne gemeinsame Sprache involviert sind, werden Pidgins gesprochen. Anführen kann man an dieser Stelle das im 19. und 20. Jahrhundert gesprochene Pidgin Chinook Jargon im amerikanischen Nordwesten, Pidgin Delaware Jargon im 17. Jahrhundert sowie das Pidgin Mobilian Jargon im späten 17. bis 20. Jahrhundert. Im Süden Kameruns wird noch das interethnische Pidgin A-70 gesprochen, welches auf der afrikanischen Sprache Ewondo basiert (Bakker, 1995: 28). In die Klasse der interethnischen Pidgins kann das Tajmyr Pidgin Russian eingeteilt werden.

2.2.4 Arbeitspidgins

Als letzte Klassifizierung soll an dieser Stelle kurz auf Pidgins eingegangen werden, welche in Fremdherrschaften zwischen Kolonisten und deren heimischen Angestellten gesprochen wurden. In Indien entstand zur Kolonialzeit das Butler English und das Bamboo English. In Südafrika entwickelte sich das Pidgin Fanagalo, welches auf Zulu basierte und zwischen den weißen Südafrikanern und den schwarzen Bediensteten gesprochen wurde, aber auch in den Minen von Südafrika, Zimbabwe und Zambia (Bakker, 1995: 28). Die angeführten Beispiele stehen exemplarisch für weitere Pidgins. Im Rahmen dieser Arbeit sollte obiger Überblick ausreichend sein, da im Bereich der Arbeitspidgins keine Pidgins mit russischer Beteiligung bekannt sind.

3 Russisch als Staats- und Kolonialsprache

Bei der Frage nach europäischen Kolonialreichen werden in aller Regel Frankreich, Großbritannien, Spanien und Portugal, kaum aber Russland genannt. Eine Ursache könnte die Spezifik westlicher Geschichtsschreibung sein, welche zwar europäisch sagt, meist jedoch westeuropäisch meint. Eine andere Ursache für die unterschiedliche Wahrnehmung Russlands als Kolonialmacht ist, dass zwischen allen westeuropäischen Kolonialmächten ein Konkurrenzkampf um dieselben überseeischen Gebiete entstand, während sich das russische Imperium ungehindert auf dem Landweg nach Osten ausbreitete. Als weitere Unterscheidung kann hier die gute sprachliche Erforschung der westeuropäischen Kolonialisierung genannt werden, während die sprachliche Seite der russischen Expansion kaum erforscht ist (Stern, 2003: 69).

Der von einer Legitimationsideologie getragene europäische Kolonialismus ging von einer geistig-kulturellen Rückständigkeit der kolonisierten Völker und der eigenen Überlegenheit aus, einhergehend mit der Annahme, dass die kolonisierten Völker die Kolonisation als zivilisatorische Bereicherung ansehen mussten. Dass die Kolonisatoren ihre eigene Sprache auf Kosten der indigenen Bevölkerung übernahmen, wurde in diesem Rahmen als Fortschritt gewertet. Diese Illusion der eigenen Überlegenheit gipfelte im 18. Jahrhundert in evolutionistischen Sprachtheorien, wonach es sich bei den Sprachen der Erde um Abstufungen der geistigen Vollkommenheit handelte und das obere Ende von den europäischen Sprachen gebildet wurde (Calvet, 1974: 27 - 32). Bezüglich der russischen Kolonisation unterscheidet Kreindler (1985: 345) hier zwischen zwei konträren Konzeptionen der russischen resp. sowjetischen Sprachpolitik. Auf der einen Seite die von ihr als östlich bezeichnete Tradition der billigenden, zum Teil fördernden Behandlung der indigenen Sprachen und auf der anderen Seite die westliche Tradition der unifizierenden Sprachpolitik, welche auf Kosten der Sprachenvielfalt die Verbreitung des Russischen als Staatssprache anstrebte.

Die Idee einer sprachlich-kulturellen Russifizierung reicht bereits in das 18. Jahrhundert zu Katharina der Großen zurück. Ihr ging es hierbei primär um die Konsolidierung der russischen Staatsmacht in den neu erworbenen westlichen Gebieten (Laitin, 1998: 39). 1863 brachte Zar Alexander II. eine Russifizierungspolitik verbunden mit Sprachverboten auf den Weg, welche sich 1876 mit dem Emser Ukaz und 1883 mit der Verwaltungsreform fortsetzte (Stern, 2003: 70 - 71). Die zaristische Sprachpolitik hatte jedoch keine Breitenwirkung. Zum einen war das russische Staatsgebiet zu groß und zum anderen wurden viele Gebiete relativ spät und in zu schneller Folge vom russischen Imperium annektiert. Erst im Laufe der Sowjetzeit kommt der russische Sprachkolonialismus zu seiner vollen Entfaltung (Stern, 2003: 73).

3.1 Klassifikation der Ausbreitungskontexte des Russischen

Die facettenreiche Ausbreitung des Russischen vor den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts ist bedauerlicherweise nicht umfassend und nur lückenhaft dokumentiert, sodass vieles nur mutmaßend aus dem heutigen Zustand und der äußeren Geschichte der russisch-indigenen Kontakte rekonstruiert werden kann. Nachstehend werden in einer groben Klassifikation vier historisch-geographische Ausbreitungskontexte für das Russische vorgestellt (Stern, 2003:76 - 78). Der vierte Punkt ist der für diese Arbeit relevanteste, jedoch sollen der Vollständigkeit halber sämtliche Punkte in allgemeinen Zügen vorgestellt werden:

(1) Die koloniale Ausbreitung nach Norden und Osten mit Anbindung neuer Gebiete an das russische Imperium, inklusive der frühen Novgoroder Kolonisation der von Ostseefinnen besiedelten russischen Gebiete und die Aktivitäten auf den Aleuten und Alaska sowie entlang der amerikanischen Nordwestküste bis nach Fort Ross in Kalifornien

(2) Die Expansion im Kaukasus und Zentralasien, wo Russland sein osmanisch-muslimisches Erbe angetreten hatte. In diesen Gebieten stand das Russische zwei ausbreitungshemmenden Faktoren gegenüber – den religiös bedingten Vorbehalten gegenüber der Kultur der neuen Herren und der Existenz bereits etablierter Linguae Francae, nämlich dem Türkischen und Persischen sowie im Ostkaukasus dem Avarischen. Lev Tolstoj erwähnt in seinen Novellen Nabeg und Kazaki ein russisch-türkisches Kaukasus-Pidgin (Stern, 2004: 296), weitere Belege und Aufzeichnungen über dieses Pidgin existieren nicht

(3) Die Ausbreitung nach Westen durch den Anschluss der Ukraine (1654), die Nordischen Kriege und die polnischen Teilungen. In den ostslawischen Gebieten entstanden aufgrund der großen Nähe des späteren Ukrainischen und Weißrussischen sprachliche Abgrenzungsprobleme zum Großrussischen, welche sich früh zu einer Diglossie-Situation auswuchsen. Die übrigen westslawischen Gebiete blieben von sprachlichen Inferenzproblemen unberührt

(4) Die Ausbreitung des Russischen als Handelssprache an den Peripherien des russischen Imperiums. Hier wird das Russische im Grenzhandel, im Handel mit China sowie in der Finnmark genutzt. Die Herausbildung stabiler russischer Pidgins wie das Russenorsk und das Kjachta Pidgin scheint sich nach heutigem Kenntnisstand auf diese funktionale Domäne beschränkt zu haben. Einen anderen Ursprung hingegen hat das Govorka Pidgin auf der Tajmyr Halbinsel. Hier bestehen bestimmte Berührungspunkte der Expansion als Handelssprache zu dem unter Punkt (1) genannten Ausbreitungskontext, indem neuerlich kolonisierte Gebiete zunächst Grenzgebiete und Freihandelszonen waren. Insbesondere betrifft dies diejenigen Handelskolonien, wo russische Kolonisten und Händler an die Grenzen der Interessensgebiete anderer Staatsmächte vorstießen und die russische Präsenz nicht von langer Dauer war. In diesem Zusammenhang taucht die Frage auf, ob im kalifornischen Fort Ross und hawaiianischen Fort Elisabeth auch russische Pidgins gesprochen wurden. Bedauerlicherweise gibt es gegenwärtig diesbezüglich keine Erkenntnisse.

4 Sprachkontaktforschung russischer Pidgins

Blickt man auf die Anfangszeit der Kreolistik zurück, beschränkt diese sich fast ausnahmslos auf die Erforschung maritimer Pidgins im Pazifikraum, in der Karibik und in Westafrika, wo man Pidgins auf englischer, französischer, spanischer und portugiesischer Basis begegnet. Russische Pidgins hingegen haben die Aufmerksamkeit von Sprachkontaktforschern lediglich im bescheidenen Umfang auf sich gezogen. Dass westliche Kreolisten Kenntnis von russischen Pidgins erlangten, ist vor allem Stephen A. Wurm zu verdanken. Er trägt seit Beginn der 1990er Jahre wesentlich zur Verbreitung der Kenntnis russischer Pidgins unter den westlichen Kreolisten bei. Dem glücklichen Umstand, dass Wurm in der Lage ist, russische Literatur selbst einzusehen, verdankt man es, dass das auf der Tajmyr Halbinsel gesprochene Govorka Pidgin in der westlichen Kreolistik bekannt wurde (Stern, 2002: 5 - 7).

1994 hat Norval Smith eine Liste aller derzeit bekannten Pidgins, Creoles und mixed languages zusammengestellt (Smith, 1994: 339 - 373). Auf dieser Liste sind die bekannten russischen Pidgins und mixed languages auf der linken Seite aufgeführt. Dem gegenüber steht auf der rechten Seite eine von Dieter Stern revidierte Liste (Stern, 2002: 7). Auf die Gründe seiner Revidierung wird im Anschluss an die Auflistung noch genauer eingegangen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Smith unterscheidet die auf der Tajmyr-Halbinsel gesprochenen Pidgins Govorka und Transtundra Christian Russian-Dolgan, Stern fasst diese beiden Pidgins als Govorka zusammen.

Weiterhin hat Stern die beiden von Smith unterschiedenen Pidgins Kamchadal und Koryak Russian Pidgin zu einem Pidgin zusammengefasst. Dies scheint angebracht, da lediglich vermutet werden kann, dass pidginisiertes Russisch auf Kamčatka gesprochen wurde (Stern, 2002: 7). Den einzigen Hinweis hierfür liefert eine kurze Notiz aus Bogoras´ Čukči-Grammatik (Bogoras, 1922: 642). Stern (2002: 8) erscheint es sehr fraglich, ob aufgrund kurzer Notizen, die ohnehin konträr ausgelegt werden können, Pidgins auf eine bestimmte Anzahl festgelegt werden können.

Auch bei den sino-russischen Pidgins scheinen geographische Überlegungen von Norval Smith der Grund zu sein, gleich vier Arten dieser Pidgins anzusetzen. Die Ursache, dass er bei manchen Pidgins Klammern setzt, ist die weniger dominante Rolle der Chinesen in den Regionen der geklammerten Pidgins. Zum einen handelt es sich um das Ussuri-Pidgin und zum anderen um das Primorje Pidgin, welches zum Einsatz im Kontakt zwischen Russen, Japanern und Koreaner kam. Nach allem, was man heute über die vier von Smith unterteilten Varietäten des Sino-Russischen sagen kann, unterscheiden sie sich kaum voneinander. Stern vertritt hier die Ansicht, dass man daher lediglich von einem Sino-Russischen Grenzpidgin sprechen sollte (Stern, 2002: 8). Diese Ansicht wird von der Verfasserin bei der späteren Analyse des sino-russischen Pidgin übernommen.

Stern fügt seiner revidierten Liste zwei weitere Pidginkandidaten hinzu, als erstes benennt er hier das Wolga-Pidgin. Besonders die morphologischen Eigentümlichkeiten des Russischen bei den Čuvašen lassen vermuten, dass hier von einem Pidgin auszugehen ist, trotzdem bleibt dies lediglich eine Vermutung. Das zweite von ihm auf seiner revidierten Liste hinzugefügte Pidgin ist das Burjatorussische, welches sich lediglich auf eine Mitteilung von Professor Nikolaj Abaev (Lehrstuhl in Ulan-Ude und Kyzyl) stützt. Einzig ein Feldaufenthalt könnte an dieser Stelle klären, ob es sich um ein Pidgin, eine Kreolsprache oder um eine Mischsprache bzw. überhaupt um eine der drei Varianten handelt (Stern, 2002: 8).

5 Russenorsk: Kommunikationssystem im Handel

Russenorsk ist eines der am besten dokumentierten Pidgins in der nordischen Hemisphäre. Genetisch entwickelte es sich aus zwei verwandten Sprachen. Das Russische und das Norwegische gehören der indo-europäischen Sprachfamilie an (Jahr, 2003: 122). Bei den Sprechern des Russenorsk handelte es sich um sozial ebenbürtige Gruppen, man begegnete sich auf Augenhöhe. Hierbei unterscheidet sich das Russenorsk signifikant von Pidgins auf englischer oder französischer Basis. Bei den Sprechern dieser Pidgins herrschten, bedingt durch den Kolonialstatus, große soziale Differenzen vor (Broch, 2008: 393).

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Details

Seiten
50
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656623564
ISBN (Buch)
9783656623533
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v269508
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Institut für Slavistik
Note
1,7
Schlagworte
linguistische kontaktphänomene bereich russischen

Autor

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Titel: Russische Pidgins – Handelssprachen an Russlands Grenzen