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Moderne und Ambivalenz am Beispiel des Nationalsozialismus

Hausarbeit 2013 15 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Einleitung

Die Hauptfunktion von unserer Sprache ist das Benennen und Klassifizieren. Das Klassifizieren einer Sache in mehr als eine Kategorie erzeugt eine Unordnung. Diese Unordnung oder Mehrdeutigkeit nennt man Ambivalenz. Unordnung ist für den Menschen ein enormer Angstfaktor. Die Akzeptanz eine Sache, Handlung, Erfahrungen oder ähnliches nicht deuten zu können widerspricht dem Ziel einer modernen Gesellschaft. Eine moderne Gesellschaft versucht die Welt zu strukturieren. Eine solche Struktur lässt sich nur durch eine Klassifizierung erzeugen. Nichts soll dem Zufall überlassen werden, also muss der Zufall verbannt werden. Die Ambivalenz wird daher als Drohung wahrgenommen, weil es die Berechenbarkeit und die Ordnung der Welt zunichtemacht. Ambivalenz tritt immer dann ein, wenn eine Sache nicht klassifiziert oder mehrfach klassifiziert werden kann. Diese Unentscheidbarkeit führt unmittelbar zum Verlust der Kontrolle. Die Bestrebung nach Ordnung durch Klassifizierung ist paradoxerweise auch zugleich der Grund für Ambivalenz, da sich die Welt oder vielmehr die Natur nicht vollständig und vor allem nicht eindeutig Ordnen lässt.

Klassifizierungen sind in diesem Sinne nichts anderes als Trennungen. Es ist das unaufhörliche Handeln der Ein- und Ausschließung. Das Einordnen einer Sache in eine bestimme Klasse bedeutet zugleich das Ausschließen einer anderen Sache, die eben nicht in diese Klasse gehört. Aus diesem Grund ist zur Klassifizierung ein Gewaltakt notwendig.

„Ambivalenz ist ein Nebenprodukt der Arbeit der Klassifikation; und sie verlangt nach immer mehr Bemühungen um Klassifikation. Obgleich sie dem Drang zu benennen/klassifizieren entstammt, kann Ambivalenz nur durch Benenen bekämpft werden,[..]“[1]

Alle Bemühungen zur Bekämpfung der Ambivalenz sind daher unaufhaltsam und führen letztendlich zur Selbstzerstörung.

Zygmunt Baumann beschreibt die Aufgabe der Ordnung als eine von vielen unmöglichen Aufgaben, die sich die Moderne selbst gestellt hat.[2] Der Begriff der Ordnung selbst ist wie alles andere eine Klassifizierung und Benennung. Der Begriff Ordnung impliziert dessen Gegenteil nämlich Chaos und dessen Ausschluss. Um Ordnung als etwas Positives darzustellen muss dessen Gegenteil, das Chaos, als Negativität der Ordnung verstanden werden. Auch hier stellt sich jedoch die Absurdität heraus, dass eine Sache ohne seine Negation überhaupt nicht positiv wahrgenommen werden kann. Eben solche Dualität erzeugt die Klassifizierung in der Moderne in unvorstellbarem Ausmaß. Um die Welt zu ordnen muss der Mensch es schaffen die Natur zu bezwingen. Soll heißen er muss über der Natur stehen und diese Beherrschen können. Nur durch diese Herrschaft über die Natur kann ein für die Gesellschaft angepasster Lebensraum entstehen, in dem eine künstliche Natürlichkeit definiert werden kann. Hierzu gehört der Kampf gegen alles, was nicht definiert werden kann.

Der moderne Staat

Um in einer modernen Gesellschaft Ordnung zu schaffen, bedarf es einem modernen Staat, der sich die Legitimation bzw. die Macht zuspricht, um die Gesellschaft in eine ordentliche Gesellschaft zu überführen. Hierzu ist es die Aufgabe des Staates das Chaos innerhalb der Gesellschaft zu beseitigen. Zygmunt Baumann vergleicht den Staat als eine Art „Gärtner“ der die Bevölkerung in „Unkraut“ und nützliche „Pflanzen“ unterteilt.[3] Das Instrument zur Zielumsetzung der vollständigen Eliminierungen aller chaosbringenden Faktoren war und ist die Wissenschaft. Statistiken helfen Probleme messbar zu machen, andere Wissenschaften entwickeln Lösungsmethoden für erkannte Probleme und unter der Annahme vernünftig zu handeln werden die Bekämpfungen der Probleme legitimiert. Was historisch rückblickend betrachtet beispielsweise in Hinblick auf die Eugenik bestialisch wirkt, war im Ursprung lediglich der Wunsch einer positiven und kontrollierten Ordnung der Welt.

„Die moderne Wissenschaft entstand aus dem überwältigenden Ehrgeiz, die Natur zu besiegen und sie menschlichen Bedürfnissen unterzuordnen.“[4]

Oppositionen - Das Außen und das Innen

Wie bisher beschrieben erzeugt die Klassifizierung eine Trennung. Die Herrschaft einer modernen Gesellschaft ist die Herrschaft einer Homogenen Gruppe, eine Herrschaft von Freunden. Ebenso wie die Ordnung bedarf es zur Definition von Freunden auch der Definitionen von Feinden. Freunde und Feinde bilden die Oppositionen einer modernen Gesellschaft. Die Voraussetzung für Freundschaft ist die Kooperation. Freundschaft wäre nicht denkbar, wenn die Existenz einer Feindschaft nicht bekannt wäre. Jeder, der sich selbstlos um das Wohlergehen des anderen sorgt, ist ein Freund des anderen. Jeder andere, der diese Fürsorge nicht wahrnimmt, gilt als Feind. Die Freund-Feind-Opposition macht eine Gesellschaft erst aus. Durch die Zuordnung Freund oder Feind kann der Einzelne sich definieren. Er kann Freund und Feind wählen und anerkennen. Das Bewusstsein von Feinden stärkt die Gesellschaft unter Freunden. Der Gegensatz von Freund und Feind wird daher zwangsweise geduldet, da er überhaupt erst das Zusammenspiel ermöglicht. Neben den Freunden und Feinden gibt es jedoch auch noch den Fremden. Der Fremde gilt als höchste Bedrohung der Vergesellschaftung. Die Unmöglichkeit den Fremden als Feind oder Freund einzuordnen, stellt die Freund –Feind-Opposition vor ein Dilemma. Mit dem Eintritt der Fremden kommt das Außen nach Innen. Dies macht den Kampf gegen das Chaos unmöglich und erzeugt Angst. Jede Form der sozialen Gruppierungen wie beispielsweise die Nationalstaaten vergemeinschaften Freunde und Feinde und erzeugen das Ziel den oder die Fremden zu entfernen. Ein Nationalstaat dehnt seine Herrschaft territorial aus. Dies führt zwangsweise dazu, dass Freundschaften erzwungen werden müssen und rechtfertigt damit auch eine gewaltsame Umsetzung. Zur Umsetzung bedarf es den Freund als Einheimischen zu definieren. Innerhalb des Nationalstaats herrscht damit eine Gleichstellung der zu beherrschenden Freunde und vor allem eine Homogenität.

„[…] Nationalstaaten fördern die Gleichförmig. Nationalismus ist eine Religion der Freundschaft; der Nationalstaat ist die Kirche, die die künftigen Herde zwingt, den Kult zu praktizieren. Die staatlich erzwungene Homogenität ist die Praxis der nationalistischen Ideologie.“[5]

Die Begeisterung für den Nationalstaat entstammt daher dem Glauben an diese Zielumsetzung.

„Wäre der Nationalstaat imstande, sein Ziel zu erreichen, gäbe es in der Lebenswelt der in Einheimische verwandelten Bewohner, die ihrerseits wiederum in Patrioten verwandelt worden sind, keine Fremden mehr.“[6]

Die Schwierigkeiten in der Umsetzung bereiten jedoch die Fremden, die sich gegen eine eindeutigen „Wir-Ihr-Einteilung“ weigern. Sie versuchen mit aller Macht ihre Unbestimmtheit aufrechtzuerhalten. Aus diesem Grund wächst der Umfang von Fremden mit jeder Vergesellschaftung. Um dem entgegenzuwirken brauchte man Sozialtechniken, die ein Zusammenspiel mit den Fremden ermöglichen.

Stigmatisierung

Sofern sich Fremde nicht entfernen lassen bleibt nichts anderes übrig als ein Zusammenleben zu organisieren. Um die Gefahr jedoch bestmöglich einzugrenzen, muss eine kulturelle Grenze gezogen werden. Der Fremde wird damit geduldet, soll sich aber stets bewusst sein, dass er nicht dazu gehört. Doch diese kulturelle Grenze macht eben gerade immer wieder auf den Fremden aufmerksam und hält somit auch letztendlich die Angst vor dem Fremden aufrecht. Durch sogenannte Stigmas werden die Fremden charakterisiert. Bestimmte Eigenschaften, die normalerweise nicht auffallen, werden in den Vordergrund gestellt, damit der Freund stets vor dem Fremden gewarnt sei. Die Stigmas sorgen damit für eine klare Differenzierung. Da der Fremde nach wie vor eine Bedrohung darstellt, ist es ein gemeinsames Bestreben den Fremden immer wieder neu als Freund oder Feind definieren zu können. Er wird daher immer wieder neu interpretiert. Um dem Fremden überhaupt zu einem Freund oder Feind machen zu können, muss diesem natürlich auch Gelegenheit dazu gegeben werden. Aus diesem Grund bietet man oder vielmehr zwingt man ihm die sogenannte Assimilation an bzw. auf. Man erwartet, dass der Fremde beweist, dass er seine alten schändlichen Attribute ablegt. Die Möglichkeit seine alten Eigenschaften abzulegen und Freund oder Feind zu werden, ist eine nicht erfüllbare Aufgabe. Der Fremde wird immer Fremder bleiben. Der Fremde steckt somit in einer ihm aufgezwungen Ambivalenz fest.

[...]


[1] BAUMAN, Zygmunt, Moderne und Ambivalenz - Das Ende der Eindeutigkeit, 2. Aufl. Hamburger Edition 2012 S.14

[2] Vgl. BAUMAN, Zygmunt, Moderne und Ambivalenz S. 16

[3] BAUMAN, Zygmunt, Moderne und Ambivalenz S. 42

[4] BAUMAN, Zygmunt, Moderne und Ambivalenz S. 71

[5] BAUMAN, Zygmunt, Moderne und Ambivalenz S. 109

[6] BAUMAN, Zygmunt, Moderne und Ambivalenz S. 110

Details

Seiten
15
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656607465
ISBN (Buch)
9783656695417
Dateigröße
856 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v269498
Institution / Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg) – Institut für Gesellschaftswissenschaften und Theologie
Note
1,7
Schlagworte
Ambivalent Assimilation moderner Staat

Autor

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